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20.01.2009

400 Menschen fordern eine pelzfreie Stadt

400 Menschen fordern eine pelzfreie Stadt

Polizei verteidigt Misthaufen vor der Nerzfarm in Nettetal heldenhaft

Köln pelzfrei – so stand es nicht nur auf zahlreichen Transparenten, sondern auch auf den entblößten Oberkörpern von zwei Jugendlichen, die am 2. Oktober bei nicht gerade sommerlichen Temperaturen auf die Kölner Domplatte gekommen waren. Die beiden von der Gruppe „Schüler für Tiere“ gehörten durch ihr mutiges Auftreten sicher zu den „Hinguckern“ der größten Anti-Pelz-Kundgebung des Jahres. Fast 400 TierrechtlerInnen waren dem Aufruf der tierbefreier und der Tierrechtsinitiative Köln gefolgt. Allein 30 TeilnehmerInnen stellten die Schüler des Gymnasiums Köln-Rodenkirchen. Sie zogen Seite an Seite mit AktivistInnen aus Holland, England und Luxemburg durch die Innenstadt von Pelzgeschäft zu Pelzgeschäft.


SprecherInnen von Organisationen aus verschiedenen Ländern hielten vor jedem Laden eine fünfminütige Rede. Vor dem noch nicht fertig gestellten Neubau des P&C-Kaufhauses forderte der Vorsitzende des tierbefreier e.V., Ulf Naumann, die Protestierenden auf, sich mit all ihrer Kreativität in die Anti-Pelzkampagne gegen Peek & Cloppenburg einzubringen. Aus einem Kran heraus filmten und fotografierten zwei Männer die Demonstration offensichtlich im Auftrag von Peek & Cloppenburg. Ein erneuter Beweis, dass die Proteste sehr wohl eine Wirkung erzielen.


Ein Vertreter der „Autonomen Tierbefreiungsaktion Hannover“ erklärte an anderer Stelle sehr verständlich, warum der Kampf gegen Tierausbeutung nicht isoliert, sondern als Teil des Kampfes gegen kapitalistische Herrschaftsstrukturen zu sehen sei. Unter großem Jubel berichtete eine englische Tierrechtlerin der Organisation Coaltition to Abolish The Furtrade (CAFT) aus Großbritannien vom totalen Pelzfarm-Verbot in ihrem Land. Kurz danach deckte eine Sprecherin des Bündnisses zur Schließung der Nerzfarm in Aachen-Orsbach die Lügen des Deutschen Pelzinstituts auf und lud alle TierrechtlerInnen ein, sich aktiv für die Schließung einer der größten deutschen Nerzfarmen einzusetzen. „Uns war es sehr wichtig, dass wir in diesem Jahr nicht ausschließlich gegen Pelz, sondern auch gegen andere Tierausbeutungsformen protestiert haben“, sagte ein Organisator der TiK. Dieselben Absichten hatten auch die meisten TeilnehmerInnen, und so wurde auch vor Leder-, Jagd- und Fleischgeschäften kräftig Stimmung gemacht. Vor dem Pelzgeschäft Adrian folgte der ein Auftritt der Rapper Albino und Madcap als kleiner Vorgeschmack auf das Konzert am Abend. Ins Schwitzen kam das unnötig große Polizei-Aufgebot, als sich der Zug langsam durch das etwas noblere Einkaufsviertel der Innenstadt (Mittelstraße, Pfeilstraße, Ehrenstraße) schob. Fast jedes der zahlreichen Designer-Geschäfte führt hier Pelz- oder Lederbekleidung, und deshalb machte ein Teil der DemonstrantInnen auch vor jedem dieser Geschäfte einen Stopp. Im Vorfeld der Demo wollte die Polizei einen Zug durch dieses Viertel verbieten. Begründet wurde dies damit, dass es im letzten Jahr hier zu antisemitischen „Juden-raus"-Parolen gekommen sein soll. Eine ungeheure Anschuldigung, die wie sich heraus stellte von AnwohnerInnen – also vermutlich Geschäftsleuten dieses Viertels - in die Welt gesetzt worden waren, um die Tierrechtsbewegung zu diskreditieren. In diesem Jahr konnte sich auch die Kölner Polizei davon überzeugen, dass in der Köln-pelzfrei- sowie jede andere Tierrechtsdemo kein Platz für Rechtsradikale ist.


Nach knapp vier Stunden war der Domplatz wieder erreicht, wo „vegan-catering nrw“ für einen leckeren und heiß ersehnten Imbiss sorgte. „Bei zukünftigen Demos wollen wir versuchen, dass die Wegstrecke etwas kürzer und die Beschallungsanlage etwas leistungsstärker ist“, zogen die OrganisatorInnen erste Schlüsse aus der ansonsten sehr erfolgreichen Demonstration.

Am Abend zog es viele Demo-TeilnehmerInnen nach Köln-Mülheim in die „MüTze“, wo ein Soli-Konzert zugunsten der Köln-pelzfrei-Kampagne stattfand. Neben Madcap und Albino, die trotz leichter Erkältung mit Hilfe des textsicheren Publikums für einen starken Anfang sorgten, spielten auf dem Konzert die Bands Chelsy aus Mülheim/Ruhr, Blitzed aus Duisburg und Karlsson aus Bonn.


Das Aufstehen am Sonntagmorgen fiel einigen TierrechtlerInnen doch ziemlich schwer. Immerhin hatten die meisten eine lange Anreise, einen vierstündigen Marsch durch die Stadt und ein vierstündiges Konzert in den müden Knochen. Doch die gesunde, vegane Lebensweise ließ grüßen: Obwohl die Busse zu den anstehenden Pelzfarm-Demos bereits um 10 Uhr abfuhren, verpasste kaum jemand das kostenlose Frühstück.

Wie schon in den letzten Jahren hielt sich der Zuspruch aus der Bevölkerung im kleinen Ort Waldfeucht-Braunsrath in Grenzen. Zu alltäglich scheint den Menschen in der sehr ländlichen Umgebung die Tierquälerei auf der Pelzfarm Laumen zu sein. Immerhin was aus Gesprächen zu erfahren, dass dem Betreiber die ständigen Proteste und die unsichere Rechtslage wohl überlegen lassen, ob er seine Farm nach Belgien auslagert.

Ganz anders stellte sich die Situation in Nettetal Breyell dar. Die drei Busse (zwei deutsche und ein holländischer) wurden bereits von zahlreichen Einheimischen erwartet, die sich der Demonstration anschließen wollten. Guido Gahlings von den Nettetaler Grünen versprach, auch weiterhin für eine Schließung der Nerzfarm zu kämpfen. Bei der Kommunalwahl eine Woche vorher hatten die Grünen ihren Stimmenanteil in Nettetal verdoppelt. Die Nerzfarm war ein Wahlkampfthema gewesen. Almut Gritzmann-Meister (Kreisgruppe BUND Viersen) sagte in einer kämpferischen Rede, dass sie keine größeren Käfige, sondern eine völliges Pelzfarm-Verbot fordere. Als Privatperson würde sie es unterstützen, wenn die Tiere aus ihren Käfigen befreit würden. Anekdote am Rande: Ein Politiker der Nettetaler CDU hatte vor der Demonstration mehrfach beim Anmelder der Kundgebung angerufen und mit Strafanzeigen gedroht, falls nicht alle Plakate unverzüglich wieder entfernt würden. Auf Nachfrage erklärte er, dass Unbekannte „die schönen und aufwändig verklebten“ Wahlplakate der CDU mit Demoaufrufen überklebt hätten. Auf die Frage, ob er sich denn auch so energisch für eine Schließung der Nerzfarm einsetzen würde, antwortete der CDU-Mann, dass dies keinen Erfolg versprechen würde und außerdem „in der ehemaligen DDR und überhaupt im Osten alles viel schlimmer“ sei und dass zunächst einmal dort demonstriert werden müsste.



Für Unmut sorgte die Polizei, die erneut mit einem absolut übertriebenen Aufgebot von Beamten in Kampfmontur glaubte, die Pelzfarm gegen „militante Tierschützer“ verteidigen zu müssen. Aus einem Kleinbus heraus wurden die DemonstrantInnen grundlos gefilmt (eigentlich darf dies nur gemacht werden, wenn der Verdacht auf Straftaten besteht). Als ein Demonstrant sich diesen Aufnahmen verweigerte, wurde gegen ihn eine Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot gestellt. Angeblich hatte er zuerst sein Gesicht maskiert und erst danach sei die Kamera eingeschaltet worden. Auf wessen Seite zumindest die Einsatzleitung der Polizei stand, wurde schnell bestätigt, als die Farm nicht wie in den Vorjahren umrundet werden durfte, um interessierten TeilnehmerInnen und AnwohnerInnen einen Blick auf die Nerzkäfige zu ermöglichen. Ein großer Misthaufen versperrte den Weg, angeblich vom Nachbarn der Farm dort abgelegt, damit niemand sein Feld betrete. Auf die unsachgemäße, weil grundwassergefährdende Lagerung des Misthaufens hingewiesen, blieb die Polizei untätig. „Sie können ja gerne selbst Strafanzeige erstatten“, wird ein Beamter zitiert. So blieb es für die „Einsatzkräfte“ bei der sicher nicht alltäglichen Aufgabe, diesen Misthaufen laut Befehl mit Leib und Leben gegen die „gefährlichen TierrechtlerInnen“ zu verteidigen. Ein Bild, das trotz der traurigen Realität und des furchtbaren Gestanks der Nerzfarm einer gewissen Komik nicht entbehrte.


Wolfgang Siebert

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