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20.01.2009

Als Tiere zu Tätern gemacht wurden

Als Tiere zu Tätern gemacht wurden

Über die Personifizierung von Tieren in historischen Tierstrafen und Tierprozessen von Tina Möller


Der Umgang des Menschen mit den (nichtmenschlichen) Tieren ist seit jeher ein zutiefst widersprüchlicher. Da gibt es so genannte Heimtiere, für deren Wohlbefinden und Lebensfreude ganze Industrien entstanden sind, und es gibt andere, die – sobald sie das Etikett ‚Nutztier’ oder ‚Versuchstier’ auferlegt bekommen haben – hemmungslose Gewalt erfahren, so als wären sie lebloses Material. Beides geschieht durch Menschenhand, beides geschieht gleichzeitig und beides geschieht fast gänzlich unhinterfragt. Was jedoch in vergangenen Jahrhunderten unter den so genannten Tierstrafen und Tierprozessen vor sich ging, das erscheint aus heutiger Sicht noch absurder:

Da wurden Schweine, die Menschen tödlich verletzt hatten, per Gerichtsurteil zum Tode verurteilt und auf einem öffentlichen Platz durch einen eigens angereisten Henker getötet. Mäuse, die Ernteschäden der örtlichen Bauern verursacht hatten, wurden per Vorladung vor Gericht zitiert. Ein Rechtsanwalt schickte sich nicht nur ernsthaft an, dass die jedem (menschlichen) Angeklagten zugestandenen Verfahrensrechte auch bei den Mäusen eingehalten werden, sondern dass ihnen ebenso ein alternativer Aufenthaltsort angeboten wird. Schwangere oder jüngere Mäuse sollten selbstredend eine längere Frist zum Abzug erhalten als andere.

Folgender Bericht aus dem 16. Jahrhundert veranschaulicht das historische Phänomen der Tierprozesse beispielhaft:


„Bartholomäus Chassenees Ruhm als Anwalt nahm seinen Anfang mit der brillanten Verteidigung einiger Ratten vor dem Kirchengericht von Autun am Beginn des 16. Jahrhunderts. Seine Klienten hatten Teile der Gerstenernte im Burgund aufgegessen und wurden, nach diesbezüglichen Beschwerden, vom zuständigen Vikar aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen. »Die Vorladungen entsprachen in vollem Umfang den formalen Kriterien: Um alle Fehler zu vermeiden, beschrieben sie die Angeklagten als dreckige, graufarbene Tiere, die in Löchern wohnen. Die Ratten wurden von einem Justiziar auf gewöhnlichem Weg vorgeladen; er verlas die Vorladung laut an der Stelle, an der sich die Ratten meistens aufhielten.« Gleichwohl erschienen die Ratten nicht zum festgesetzten Gerichtstermin. Chassenee, vom Vikar als Verteidiger benannt, argumentierte, dass die Vorladung lokal zu begrenzt gewesen sei; da sie die Ratten der gesamten Diözese betreffe, müsse die Vorladung auch in allen Teilen der Diözese bekannt gemacht werden. Das Gericht folgte dem Antrag und ließ die Ratten in jeder Gemeinde einzeln vorladen. Als auch dies ohne Erfolg blieb, wies ihr Anwalt auf die großen Mühen der Reise hin – da alle Ratten der Diözese vorgeladen waren, junge wie alte, gesunde wie kranke, waren gewisse Vorbereitungen nötig, die mehr Zeit erforderten. Das Gericht verschob daraufhin den Termin, doch auch zum neu festgelegten Zeitpunkt war keine Ratte erschienen. Chassenee zweifelte nun die Rechtmäßigkeit der Vorladung an. Diese sei nämlich nur gegeben, wenn den vor Gericht Zitierten sicheres Geleit auf ihrem Weg gewährleistet sei; andernfalls gebe es ein Recht, sich der gerichtlichen Anordnung zu widersetzen. Seine Klienten würden der Vorladung gewiss sofort nachkommen, wenn nicht die Katzen auf dem Weg eine große Gefahr für sie darstellten. Er schlug vor, die Kläger sollten sich, unter Androhung hoher Geldstrafen, für das korrekte Verhalten ihrer Katzen verbürgen; seine Klienten würden der Vorladung dann sofort folgen. Das Gericht befand diesen Vorschlag für vernünftig, nicht aber die Besitzer der Katzen, und der Gerichtstermin wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Ob die Ratten jemals vor Gericht erschienen oder ob in ihrer Abwesenheit ein Urteil erging, ist nicht überliefert.“


Michael Fischer hat sich in dem 2005 erschienenen Buch „Tierstrafen und Tierprozesse – Zur sozialen Konstruktion von Rechtssubjekten“ mit den historischen Phänomenen Tierstrafen und Tierprozesse ausführlich beschäftigt. Seine Ausführungen beginnen mit dem oben zitierten Bericht eines strafrechtlichen Vorgehens gegen Ratten im 16. Jahrhundert. Als drastisches Gegenbeispiel führt er anschließend dezidiert einen in der Moderne durchgeführten Tierversuch mit Ratten an, die mittels Elektroschocks zu bestimmten Verhaltensweisen konditioniert werden sollen. Trotz der völlig unterschiedlichen Behandlung der Ratten in den zwei Beispielen liegt laut Fischer ein wesentlicher Überschneidungspunkt vor, ein Merkmal, das auch TierrechtlerInnen als Grundlage ihres Kampfes für Tiere anführen: das Schmerzempfinden der Tiere, ihre Bedürfnisse nach körperlicher Unversehrtheit und Nahrung etc., kurzum: ihre Subjektivität. „Beiden Formen des Umgangs mit Ratten liegt die Annahme tierlicher Subjektivität, und damit einer grundsätzlichen Ähnlichkeit von Menschen und Tieren, zugrunde.“

Fischer unterscheidet in seinem Werk zwischen Tierstrafen und Tierprozessen. So wurden Tierstrafen vor allem gegen domestizierte Tiere wie ‚Nutztiere’ durch säkulare Gerichte verhängt; Tierprozesse dagegen wurden meist gegen Insekten oder andere in größerer Anzahl auftretenden Kleintiere geführt und vor kirchlichen Gerichten ausgetragen, die nicht selten die Drohung des Ausschlusses der Tiere aus der Kirche aussprachen bzw. einen Kirchenbann verhängten. Diese Unterscheidung bleibt jedoch dann unerheblich, wenn Fischer über die in diesen Phänomenen zugrunde gelegte Personifizierung von Tieren debattiert, denn sowohl Heuschrecken und Ratten als auch Schweine und Kühe wurden für ihr (gegen die Norm verstoßendes) Verhalten verantwortlich gemacht. Und weiter: „Das Merkwürdige an den Tierprozessen ist denn auch nicht die Personifizierung der Tiere an sich, sondern ihre kulturell unübliche Verantwortlichsetzung, die Übersteigerung der den Tieren unterstellten kognitiven Fähigkeiten.“ So kann man heute nur staunen über die Berichte, dass Anwälte den Ratten die Vorladung des Gerichtes laut vorlasen oder Schilder angebracht wurden, auf denen Insekten aufgefordert wurden, dass sie per Gerichtsurteil das von ihnen eingenommene Feld binnen einer Frist von sechs Tagen zu verlassen hatten. Allein die Tatsache, dass ihnen ein Anwalt zur Seite gestellt wurde, der ihre Interessen vertrat und der ihre Bedürfnisse nach Lebensraum, Unversehrtheit und Nahrung verteidigte, klingt surreal. Viele der damals zuerkannten (Verfahrens-)Rechte korrespondieren gar mit heutigen Tierrechtsforderungen.

Fischers Interesse gilt vor allem der Frage, welches Tierverständnis bei solchen, den Menschen angeglichenen gerichtlichen Verfahrensweisen vorlag. Denn mitnichten entsprach die in gewisser Weise rücksichtsvolle Behandlung von Tieren vor Gericht dem üblichen Verhalten gegenüber Tieren, die – damals nach ‚Gottes Gebot dem Menschen untertänigst’, heute durch ihren vermeintlichen ‚vernunftlosen Naturzustand’ – brutal ausgebeutet werden.

Tiere, die vor Gericht gezerrt wurden, entsprachen nicht dem normalen Bild eines Tieres. Sie sind dadurch aus dem Rahmen gefallen, dass sie als Täter gegenüber Menschen auffällig geworden sind oder Schaden an menschlichen Gütern angerichtet haben – sie haben sich schlichtweg nicht an die herrschende Ordnung gehalten, eine Hierarchieverletzung begangen, sind ‚schuldig’ geworden. Sehr umfassend setzt sich Fischer mit der damaligen und heutigen Tierkonzeption auseinander und nimmt zu bisherigen Erklärungsversuchen für die obskuren Tierstrafen und -prozesse Stellung. „Stets wurde davon ausgegangen, dass sich Personen und Nicht-Personen auf eine einfache Weise trennscharf unterscheiden lassen (während tatsächlich empirische Personalität ein graduelles, und moralische Personalität ein nicht beobachtbares Phänomen ist), dass Tiere keine Personen seien (während viele Tiere tatsächlich empirische Personen sind), dass Menschen stets handelnde Personen seien (während es tatsächlich Menschen gibt, die nicht oder nur sehr eingeschränkt handlungsfähig sind), und dass die Zuschreibung von Verantwortung an Tiere ein Fehler mittelalterlicher Menschen sein müsse (während wir tatsächlich selbst keine objektiven Kriterien für die korrekte Zuschreibung von Verantwortung besitzen).“

Fischer begreift – unter Einbeziehung von Widersprüchen und Ambivalenzen, die sich in allen Erklärungsversuchen zeigen – die Tierstrafen und Prozesse gegen Tiere als damaligen Kontrollversuch der Menschen und als Machtdemonstration. Eine seiner Erkenntnisse dazu klingt geradezu ernüchternd: Hätte es damals bereits Massentötungsvorrichtungen wie beispielsweise Pestizide für Insekten gegeben, dann hätten Tierprozesse wahrscheinlich niemals stattgefunden. Statt dieser modernen (damals nicht vorhandenen technischen Kontrolle über Tiere) bediente man sich zu jener Zeit der sozialen Kontrolle (Steuerung des Verhaltens durch Sanktionsandrohung oder Strafen. Oft wurde hierbei die Drohung der Exkommunikation herangezogen). Und hier schließt sich der Kreis: „Um Gegenstände sozial zu kontrollieren (bzw. dies zu versuchen), muss, mindestens implizit, ihre Personalität (bzw. genauer: eine spezifische Ausformung ihrer Personalität) unterstellt werden.“ Dazu war es geradezu nötig, Tiere zu personifizieren und als Rechtssubjekte zu konzipieren. Voraussetzung war gleichzeitig der Glaube an den Erfolg der Maßnahmen, der durch biblische Hinweise und durch überlieferte Geschichten in den Köpfen der Menschen manifestiert war – ganz nach dem Motto ‚Glaube versetzt Berge’.

Fischer sieht vor allem in den Tierstrafen eine Inszenierung von Herrschaft des Staates, in dem Tiere sich ebenso wie Menschen an die herrschende Ordnung zu halten haben. In diesem Zusammenhang diskutiert er ausführlich den Begriff der Freiheit (des Handelns) nach Foucault.

Fischers Ausführungen sind in einem kriminologischen Rahmen angelegt und behandeln ebenso philosophische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen. Die Lektüre dieser Arbeit ist von der ersten bis letzten Seite spannend, zumal dieses Thema so bizarr und merkwürdig erscheint und sich die Frage nach den Gründen für diese Tierkonzeption geradezu aufdrängt. Das Buch ist auch deswegen so interessant, weil das Thema (wahrscheinlich erstmalig) aus einer tiersolidarischen Perspektive beleuchtet wurde. Und so enden auch Fischers Ausführungen: Er unterstreicht die Nichtbegründbarkeit des Ausschlusses von Tieren aus dem Kreis derjenigen Individuen, „die elementare Rechte (wie z.B. auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit) haben.“


Anmerkung:

1. „The summonses were perfectly regular in form: to prevent all mistakes they described the defendants as dirty animals, of a greyish colour, residing in holes; and they were served in the usual way by an officer of the court, who read out the summons at the places most frequented by the rats.” (Frazer 1923: 406). Im Text übersetzt durch die Verfasserin.

(zitiert nach Fischer 2005: 7)

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