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20.01.2009

Andy Stephanian (SHAC7) „Sie haben mich nicht umgebracht ...“

Andy Stephanian (SHAC7) „Sie haben mich nicht umgebracht ...“


Hallo Freunde,

wenn ich hier und jetzt schreien würde, würde das Echo von den Grenzen meiner Zelle widerhallen. Im Gegensatz zu den im Fernsehen dargestellten Gefängnissen gibt es keine Tore aus Stahlstäben oder Blechtassen, mit denen ich hantieren und gegen die Stäbe schlagen kann, während ich von der Rückkehr träume und Kumbaya vor mich hin singe. Stattdessen ist es sauber, praktisch schalldicht und die Tür ist solide, steril. Es gibt hier Vorschriften, an die ich mich halte, z. B. dass zwischen 7 Uhr und 16 Uhr nicht mehr als 2 Bilder auf dem Spind in der eigenen Zelle stehen dürfen. Ich weiß nicht genau, warum das so ist, aber ich mache es einfach nach Vorschrift, weil ich meine Kraft für Wichtigeres aufsparen muss. Ich bin dankbar dafür, dass es immerhin 2 Bilder sind, die mich meine weiße Wand, den grauen Boden und das Fenster, von dem man auf Betonmauern und Spiralen von Rasierklingendraht blickt, vergessen lassen. Hinter all dem Beton und dem Draht sehe ich Baumwipfel hin und her schwingen, Vögel umher fliegen und Farben in so vielen Schattierungen, die man hier drin nirgends findet außer auf meinen 2 Fotos. Wenn ich jetzt schreien würde, gäbe es in meinem durch weiße Wände begrenzten Raum ein Echo, aber die schwere Tür und die dicken Wände würden bleiben, der Rasierklingenzaun wäre immer noch an der gleichen Stelle und die weit entfernten Baumwipfel würden sich nach wie vor hin und her wiegen.


Das ist die Freiheit, die ich außerhalb des Gefängnistores sehe. Ich sehe sie in den Vögeln. Ich sehe sie in den Windböen, die die Baumwipfel bewegen. Ich rieche sie, wenn ich draußen im Hof bin. Ich fühle mich immer wie damals als Kind, wenn sich ein paar Vögel im Hof neben mir niederlassen; sie sind so klein, aber ihr Herz ist so groß, es schlägt so schnell und deshalb essen sie auch ständig. Sie zwitschern und fliegen und schwirren inmitten des Rasierklingendrahtes umher. Wenn ich sie sehe, sehe ich die Freiheit. Freiheit wird nicht davon definiert, wo man ist, genauso wenig wie sie durch Mauern beschränkt ist oder durch die Einschränkung der Privatssphäre in der Zelle genommen werden kann. Freiheit ist ein Geisteszustand. Freiheit definiert sich durch die Art zu leben und die Dinge zu betrachten. Während ich das hier schreibe, macht ein Mexikaner Liegestütze und denkt an seine Kinder, die er liebt und die er eines Tages wieder sehen wird. Auch wenn er eingesperrt ist, kann niemand sein Herz an Ketten legen. Niemand kann seine Seele einfangen. Mit jeder Liegestütze denkt er an sein Zuhause, daran, dass er seine Kinder fest umarmt, ihnen einen Gute-Nacht-Kuss gibt, und ein paar Zellen weiter von mir singt ein Typ namens Slim in den schrägsten Tönen, lacht und tanzt alleine. Wer könnte ihm das je nehmen?


Draußen picken die Vögel nach Nahrung. Sie füttern ihre Jungen. Sie zwitschern schön vor sich hin und tollen in den Spiralen aus Rasierklingendraht herum. Es liegt in ihrer Natur, frei zu sein und genauso liegt es in unserer Natur, frei zu sein. Ich habe Biologie studiert und weiß, wie Kinder entstehen und ich bin nicht so ein Egoist, dass ich denken würde, dass ich nicht auf die gleiche Art entstand. Ich bin wie jeder andere.


Bei mir muss es so gewesen sein, dass winzig kleine Vögel in den Bauch meiner Mutter gelangt sind und auch in den Kreissaal, als ob ich ins Leben kam wie ein Vogel, der aus dem Ei schlüpft und zu Leben erwacht. Ich kam auf die Welt und hatte schon immer ein Feuer in mir, das erst an meinem Todestag erlöschen wird.


Sie haben mich nicht umgebracht…
Ich bin nicht tot…
Sie haben mir nicht einmal den Wind aus den Segeln genommen.


Ich habe mal einen Button gesehen, auf dem stand „Words mean nothing – actions mean everything“ (Worte bedeuten gar nichts – es kommt auf die Taten an). Ich erinnere mich, dass mir das gefiel. Es drückt aus, worauf es ankommt, ohne Umschweife. Aber der Fall, der mich in diese Zelle gebracht hat, nämlich die Vereinigten Staaten von Amerika gegen Stop Huntingdon Animal Cruelty, hat mich dazu gebracht, diesen Satz genauer zu betrachten. Die Regierung behauptet, dass unsere Worte, ob gesprochen oder geschrieben, so kraftvoll waren, dass wir ins Gefängnis mussten. Da möchte mensch doch noch einmal über die 1. Hälfte des Satzes nachdenken, wenn es heißt „Worte bedeuten nichts“. Ich nehme an, dass es der Regierung gar nicht so sehr um die Worte geht, sondern um die Herzen und die Köpfe derjenigen, deren Lungen den Atem ausstoßen, mit welchem sie ihre Stimme erheben oder um mich, wenn ich hier sitze und mit dem Stift in meiner Hand schreibe. Ihr seht, wir, du und ich, hassen Unterdrückung, weil wir die Freiheit lieben und Freiheit jagt denen, die uns gefangen halten, die pure Angst ein. Die Leute, die euch und mich in einem 40 Wochenstunden Job gefangen halten, diejenigen, die euch veranlassen, etwas zu tun, das ihr hasst und uns gleichzeitig von unseren Familien und Kindern fern halten, in einem Büro oder einer Gefängniszelle. Ich schreibe aus einem Gefängnis, in dem die Sicherheitsstufe mittel bis hoch ist in diesem kapitalistischen System und ihr hört mir in dem euch umgebenden Komfort eures Systems mit einem Minimum an Sicherheit zu. Wenn wir schreien, ein zielloser Aufschrei gegen die Unterdrückung, verstehen uns diejenigen, die uns gefangen halten. Sie erwarten dies sogar regelrecht. Wenn wir von Freiheit sprechen, bekommen sie Angst. Freiheit ist ein Wort, das in unserer Gesellschaft so verloren gegangen ist, dass das alleinige Aussprechen davon Gefühle hervorruft. Mensch braucht nur aus dem Fenster zu schauen und die Plakatwände betrachten, die den weiblichen Körper benutzen, um Produkte zu verkaufen, indem sie Frauen zu Handelswaren machen und ihre Figur als Werbeinstrument missbrauchen, oder wenn mensch ein „zu verkaufen“ Schild auf einem unbebauten Grundstück sieht und ihm dadurch einen Wert in Dollar zu schreibt und angibt, wie mensch es sich beschaffen kann. Mensch braucht nur bis zum lokalen Supermarkt zu gehen, um Kühlschränke voller Styropor- und Zellophanverpackungen mit Fleisch für 2,50 Euro zu sehen. Da ist nirgends die Rede von „Kuh“ oder „Henne“, sondern es wird mit Worten wie „Bruststück“ oder „zart“ beschrieben.


Da Worte als so Angst einflößend betrachtet werden, lasst uns die Wurzeln des Wortes „Kapitalismus“ anschauen. Kapitalismus stammt von dem lateinischen Wort „Capita“, was „Kopf“ bedeutet. Heute schreibt der Kapitalismus praktisch dem „Kopf“ eines jeden Lebewesens einen Wert zu und falls es sich um etwas ohne Kopf handelt, einen Baum z. B., dann gilt das eben für seinen Stumpf, die Wurzeln oder Blättern, sie bekommen einen Wert in Geldform zugewiesen. In vielerlei Hinsicht möchte unser kapitalistisches System ein Wettrennen mit der Zukunft veranstalten und bloß nicht zurück blicken, es möchte alles als ein Mittel zum Profit benutzen oder als Hilfsmittel, um für den Profit zu werben. Da man wirklich alles als Teil in dem Rennen betrachtet, das mittlerweile ein wahnsinniges Tempo erreicht hat, haben wir vergessen, dass etwas namens Burger zuvor wunderschöne Geschöpfe waren, oder dass Frauen schön sind, so wie sie sind und nicht so aussehen müssen, wie die in der Werbung und dass sie keine Handelsware oder ein Werbeinstrument sind oder etwas, das es zu erniedrigen gilt, sie sind Frauen. Und so einfach wie es ist zu sagen, dass Frauen Frauen sind und keine Ware, so ist Land Land und kein Eigentum, es gehörte vor unserer Besiedlung niemandem, wieso sollte das jetzt anders sein?


Ein Wald ist ein Wald, kein Baumaterial oder sonstiges, eine Flussmündung oder Meeresarm ist genau DAS und nicht zum Fischen da; eine Frau die sich spärlich bekleidet zeigt, existiert nicht, um als Motiv für eine Reklamewand zur Bierwerbung zu posieren, sie heißt Monica und möchte Botanik studieren; ein Berggipfel ist ein Berggipfel und kein zu besitzendes Grundstück und ein Affe, der auf einem Seziertisch bei Huntingdon Life Sciences verstümmelt wird, ist nicht vorgesehen, Versuchsgegenstand eines Colgate-Palmolive Tests zu sein, sein Name war James. Eine Undercover Tierrechtlerin nannte ihn James. Er verhielt sich so sozial, er liebte es, mit den Haaren der Tierrechtlerin zu spielen, genauso wie er es mit seinen ArtgenossInnen in Freiheit tun würde. Ich bin wegen James im Gefängnis und ich werde das niemals bereuen. James hätte von den Assistenten bei HLS eine Nummer zugeteilt bekommen, hätte die Aktivistin nicht vorgegeben, für das Labor zu arbeiten. Bei HLS herrscht nach wie vor die Regel, dass Versuchstiere eine Nummer erhalten, weil man findet, dass Namen dazu führen, Gefühle für die Tiere zu entwickeln und das die Leistungsfähigkeit der Arbeiter behindert.


Wir sind in unserer Kultur so weit vom Leben und der Freiheit abgekommen, dass diejenigen, die beides verteidigen und die Definition davon ausrufen, dabei sind, auch noch das Wenige, das sie noch davon haben, zu verlieren. Wenn wir inne halten und die Natur draußen betrachten und uns dann im Inneren uns selbst zuwenden, dann wird mensch etwas sehen, etwas hören; Unzufriedenheit mit jedem Aspekt unserer Kultur, weil sie nicht die Bedürfnisse der eigenen Seele befriedigt. Geld oder Autos oder Kleidung werden nie den Platz vom ersten Kuss einnehmen können, oder den vom Traum, zu fliegen, oder von Sonnenuntergängen. Deshalb wächst die Leere in uns immer mehr und im Gegenzug wird unsere Kultur immer übler und polarisierter. „Ökoterrorismus“, wie es die nennen, die mich gefangen halten, ist kein Übel. Es ist das Symptom einer kranken Gesellschaft; es ist reaktionär. Es ist ein Reflex, Freiheit vor einem herannahenden Fahrzeug zu schützen und aus dem Weg zu schubsen, das Lenkrad zu übernehmen und zu sabotieren, was dieses Fahrzeug in Bewegung hält, oder die Reifen platt zu stechen bevor es überhaupt los fährt.


Es sind keine besonderen Leute, die das tun; es sind ganz gewöhnliche Leute. Menschen wie du und ich. James musste aus HLS gerettet werden und es vergeht kein Tag, an dem mich die Tatsache, dass er es nicht wurde, nicht schmerzt. Ich bin mir sicher, dass ich mit meinem Schmerz nicht alleine bin. Du fühlst das Gleiche, wenn du den Fernseher anmachst und ein libanesisches Elternteil oder jemand aus dem Irak den verletzten Körper des eigenen Kindes aus dem Schutt bergen oder wenn mensch sieht, wie die letzten Natur belassenen Gebiete unserer Nation gerodet werden oder mensch liest, dass einer von fünf farbigen Männern ein Drittel seines Lebens in Haft verbringt. Es ist das gleiche Gefühl von Sinnlosigkeit. Man will etwas dagegen unternehmen. Du fragst dich, ob du mit diesem Gefühl allein da stehst und wenn nicht, wo sind dann all die anderen, die so denken?

Und das ist ein Grund, warum wir unsere Songs singen, warum wir zu Veranstaltungen und Gemeindezentren gehen, um unsere Zeit mit Menschen zu verbringen, die wie wir denken, essen und die wie wir eine Veränderung herbeiführen wollen. Weißt du, wenn ich jetzt schreien würde, würde das Echo in meiner Zelle widerhallen und nicht weiter hörbar sein, aber mit diesen Worten bin ich jetzt hier, heute, mit euch, und ich versichere euch, dass ich mich noch nie so frei gefühlt habe. Ich liebe die Freiheit und euch alle und so lange ich lebe, wird diese Flamme in mir lodern. Das können sie mir niemals nehmen und euch auch nicht.


Ich erhalte eine Menge Briefe von wunderbaren Menschen, die mich als Held bezeichnen, aber ich bin nicht anders als der oder die SchreiberIn und genauso wenig seid ihr anders. Ich habe HLS nicht mit mehr oder weniger Waffen bekämpft als ihr es tut. Ich bin in diesem Bereich nicht erfahrener, oder heldenhafter oder empfinde mehr Mitgefühl. Die Menschen, die die Welt vor Krieg retten, oder dem ökologischen Kollaps, Hungersnöten, der kapitalistischen Kultur, die allem und jedem seinen innewohnenden Wert nimmt, um seinen Wert in Geld zu bemessen, seid ihr. Diese Menschen seid IHR. Die nächste Harriet Tubmann, Rosa Parks, Jane Goodall ist genau hier. Ihr müsst nicht weiter gehen als bis zu dem Spiegel in eurem Bad, um die Hoffnung für die Zukunft zu sehen. Es ist so, ihr und ich, wir wurden mit einem Feuer in uns geboren. Sie haben uns nicht umgebracht, wir sind nicht tot, sie haben uns nicht einmal den Wind aus den Segeln genommen.


Deshalb fängt es heute an, genau in dieser Sekunde, als ich in meiner Zelle sitze, dass wir dies gemeinsam aussprechen:


Sie haben mich nicht umgebracht…
Sie haben mir nicht einmal den Wind aus den Segeln genommen…


Sie haben mich nicht umgebracht…
Sie haben mir nicht einmal den Wind aus den Segeln genommen…


Sie haben mich nicht umgebracht…
Sie haben mir nicht einmal den Wind aus den Segeln genommen…


Sie haben mich nicht umgebracht…
Sie haben mir nicht einmal den Wind aus den Segeln genommen…



Andy Stepanian,
geschrieben in seiner Zelle im FCI Butner Gefängnis
am 18. Juni 2007

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