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20.01.2009

Angeln ist mehr als Fische aus dem Wasser ziehen

Angeln ist mehr als Fische aus dem Wasser ziehen



Das Leiden der Fische: Stand der Wissenschaft

TierrechtlerInnen lehnen Tierversuche grundsätzlich ab, auch Tierversuche, die zu einem vermeintlich besseren Verständnis über bestimmte Tierarten führen sollen, frei nach dem Motto: „Wir können nur schützen, was wir kennen!“ Es scheint widersinnig, wenn wir Erkenntnisse aus Tierversuchen gebrauchen, um Rechte für diese Tiere einzufordern. Viele von uns benötigen keine wissenschaftlichen Aussagen über Schmerzempfinden oder emotionale Regungen von Tieren, schon gar nicht,wenn diese in oft leidvollen Versuchen gewonnen wurden. Denn Menschen, die für die Befreiung von Tieren aus menschlicher Tyrannei eintreten, reicht die bloße Kenntnis und Empathie, um zu wissen, dass es kein Recht der Welt gibt, das Brutalität gegen Tiere rechtfertigt.

Trotz allem möchten wir unseren LeserInnen aktuelle Erkenntnisse und Diskussionen nicht vorenthalten, zumal wissenschaftliche Erkenntnisse, die den Fischen Leidensfähigkeit und Sozialverhalten „bescheinigen“, als wertvolle Argumentationen in der Auseinandersetzung mit TierrechtsgegnerInnen dienen können. Chris M. und Tina Möller haben die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Diskussionen über das Verhalten und das Schmerzempfinden von Fischen für unsere Titelstory zusammengefasst:

Mythos und „Wahrheit“

Wer hat sie nicht schon mal gehört? Die Gerüchte, dass Fische ein 3-Sekunden- Gedächnis hätten, sodass sie nach einer Runde im Aquarium alles wieder neu erleben könnten. Oder, dass es kein Problem für Fische sei,wenn sich ein Haken durch ihre Lippe bohrt, solange dieser wieder entfernt wird und sie danach zurück in den Teich geworfen werden ... All diese Gerüchte haben kaum etwas mit der Wahrheit zu tun. Vielmehr liegt nahe, dass sie entstanden sind und oft geglaubt werden, weil Fische im Vergleich zu anderen Wirbeltieren äußerlich recht unterschiedlich erscheinen. Sie schreien nicht,wenn sie verletzt werden und haben nur wenige Möglichkeiten ihr Befinden – zumindest für Menschen verständlich – auszudrücken. Dennoch haben VerhaltensforscherInnen in den letzten Jahren in (für viele Fische sehr grausamen) Untersuchungen bestätigen können,was schon lange vermutet wurde: Fische leiden ebenso wie andere Wirbeltiere und haben darüber hinaus ein äußerst komplexes soziales Leben.

Es gibt über 27.000 dem Menschen bekannte Fisch-Spezies, das sind mehr als alle anderen Wirbeltier-Arten zusammengenommen. Sie gehören zu den ältesten Knochentieren unseres Planeten, was, laut ExpertInnen, erst die Zeit bot, komplexes und anpassungsfähiges Verhalten zu entwickeln. Fische verfügen über alle benötigten physiologischen Voraussetzungen, die Lebewesen dazu befähigen, Schmerzen zu empfinden. Britische ForscherInnen beispielsweise bestätigen, dass Schmerz für Fische eine genauso intensive Erfahrung darstellt, wie für Amphibien, Säugetiere und Vögel. Daher seien sie auch bereit, einiges in Kauf zu nehmen, um Schmerzen zu vermeiden. So verzichten sie lieber über lange Dauer auf Nahrung, als bei deren Beschaffung Schmerzen erleiden zu müssen. Auch konnte gezeigt werden, dass Fische in bestimmten Situationen Stress und Angst empfinden. WissenschaftlerInnen aus Holland beobachteten, dass das Verhalten von Fischen, die an einem Angelhaken hingen, darauf hindeutet, dass sie dieser Zustand in Angst versetzte. Fische, die nach ihrem Fang wieder zurück ins Wassergeworfen werden, lassen sich oft auf den Boden sinken und liegen dort für längere Zeit still. Die WissenschaftlerInnen erinnert dieses Verhalten an traumatische Zustände. Zudem haben Fische über den Schuppen eine dünne, schleimige Haut (Epidermis), die sie vor Infektionen und Austrocknung schützt. Werden sie also von Netzen oder Händen berührt, wird diese Schicht mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit verletzt, was meist dazu führt, dass die Fische relativ bald an Krankheiten sterben oder austrocknen, auch solange sie sich im Wasser befinden. Selbst das Gefangenhalten von Fischen in Netzen unter Wasser halten ForscherInnen für tierquälerisch, da es für diese enormen Stress bedeutet. Dieser Stress führt zur Ausschüttung einer biochemischen Alarmsubstanz,welche die anderen ArtgenossInnen zwar eigentlich warnen sollte, tatsächlich aber den Stress unter den Mitgefangenen noch zusätzlich vergrößert. Ungeachtet dessen ist in Netzen die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Fische bei Fluchtversuchen Verletzungen zufügen.

Angelhaken verursachen Schmerzen wie Augenverletzungen bei Säugetieren

Für besonderen Diskussionsstoff – vor allem in Anglerkreisen – sorgte eine jüngst vorab veröffentlichte Studie britischer ForscherInnen unter der Leitung von Dr. Lynne Sneddon vom Roslin Institut in Edinburgh. Sie kamen nach vielen (grausamen) Versuchsreihen mit Regenbogenforellen zu dem Schluss, dass diese Fische alle Kriterien für ein typisches Schmerzempfinden aufweisen. So entdeckten sie am Kopf dieser Tiere insgesamt 58 Schmerzsensoren. „Die so genannten Nozizeptoren wurden nach mechanischer Verletzung, beim Kontakt mit heißen Gegenständen oder schmerzhaften Chemikalien aktiv. Damit würden die Sensoren ähnliche Eigenschaften aufweisen wie jene des Menschen (...).“ Besonders sensitiv hätten die Schmerzrezeptoren der Forellen auf Verletzungen reagiert, die durch Angelhaken verursacht werden. Diese Reaktionen wiesen darauf hin, dass Fische ähnlich empfindlich auf Schmerz reagieren wie Säugetiere in den Augen.

Auch aus Verhaltenstests attestierten die ForscherInnen den Tieren typische Schmerzreaktionen. Diese seien weit über einfache Reflexe – wie etwa ein Zurückweichen – hinausgegangen. Nachdem einer Gruppe von Tieren Bienengift und Essigsäure in die Lippen gespritzt wurden, begannen diese viel später wieder mit der Nahrungsaufnahme wie eine andere Gruppe von Fischen, denen man Salzwasser gespritzt hatte. Diese Erkenntnisse und die provozierende Aussage, dass Fische demnach genau wie andere Tiere Schmerzen spüren und daran leiden können, sorgen in Anglerkreisen für helle Aufregung. Im Forum des Fischer-Vereins Esslingen e.V. ist zu lesen: „Der Streit um Fisch und Schmerz nimmt neuerdings wieder zu. Denn die Fischindustrie bekäme ein riesiges Problem, sollte das Schmerzempfinden der Fische als Tatsache akzeptiert werden.“ So wundert es kaum, dass zur Sneddon-Studie gleich entgegenteilige Erkenntnisse herangezogen werden, um die Aussagekraft dieser Erkenntnisse zu schmälern. AngelfreundInnen weisen in mehreren Foren auf eine Studie von Prof. Dr. Rose aus Wyoming/USA hin, der herausgefunden haben will, dass Fische nicht die notwendige und spezifische Gehirnregion besitzen, um in der Lage zu sein, Schmerzen zu empfinden. In seiner Arbeit „Das neurologischbedingte natürliche Verhalten von Fischen und die Frage von Bewusstsein und Schmerz“ hätte er aufgezeigt, dass Fischen spezifische Gehirnregionen fehlten (das so genannte „Neokortex“), die Schmerz und ein Bewusstsein anzeigten. Er stellt die These auf, dass Schmerz nicht ohne ein Bewusstsein existieren könne und da Fische kein Bewusstsein hätten, könne auch kein Schmerz gefühlt werden. Harrn Minekus, Präsident der European Anglers Alliance (EAA), die europaweit die Interessen von über 5 Mio. Angler vertritt, ließ sich gar zu der Schlussfolgerung hinreißen: „Die Welt ist dieselbe geblieben, die sie vor der Sneddon- Studie war. Die 25 Millionen Angler Europas können weiterhin Fische fangen beruhigt durch das Wissen, dass es keine neuen Beweise gibt, dass Fische Schmerzen empfinden können. Sie werden weiterhin für saubere Gewässer, reichhaltige und mannigfaltige Wasserlandschaften als Heimat für gesunde Fischpopulationen, und für das Recht, ihr Hobby in Frieden genießen zu dürfen, eintreten.“

Fische auf einer Stufe mit Primaten

Der Verhaltensforscher und Biologe Dr. Keven Laland von der Universität Edinburgh untersuchte mit KollegInnen das Sozialverhalten der Fische und kam zu dem Schluss: „Das Image der Fische als sich abrackernde, dümmliche Erbsen- Hirne ist vollkommen überholt. Auch überholt sind die Vorurteile, dass Fische größtenteils von Instinkten gesteuert, nur geringe Flexibilität in ihrem Verhalten besitzen und dass sie durch ihr ärmliches ‚Drei-Sekunden-Gedächtnis’ zu viel mehr kaum fähig sind.“ Nicht nur, dass die beobachteten Fische ihre Schwarm-KollegInnen wieder erkennen würden. Sie strebten in ihrem Schwarm ständig nach höherem sozialen Ansehen und entwickelten verschiedenste Beziehungen untereinander. Laland spricht von „sozialer Intelligenz“, „machiavellistische Manipulations-Strategien“, Bestrafungen und Versöhnungen, den Besitz von „dauerhaften kulturellen Traditionen“ und der Kooperation bei Verteidigung und Nahrungssuche; all diese bei Menschen bekannten Merkmalen will er bei Fischen beobachtet haben. Fische verwendeten Werkzeuge und baute komplexe Nester, auch dies würde darauf hindeuten, dass sie über ein Langzeitgedächtnis verfügen. Zudem „ist das Lernverhalten von Fischen dem anderer Wirbeltiere sehr, sehr ähnlich“, so Keven Laland. Viele ihrer Fähigkeiten seien den Fischen nicht angeboren, sondern sie eigneten sie sich im Laufe ihres Lebens an. Sei es das Erkennen und die Flucht vor potenziellen Feinden, Rangkämpfe oder die Orientierung und Nahrungssuche. Speziell bei der angelernten Orientierung zeige sich, dass Fische Generationen lang immer wieder die gleichen Brutplätze aufsuchen und denselben Weg dorthin benutzen. „Obwohl es denen außergewöhnlich vorkommen mag, die die Intelligenz von Tieren einfach nach dem Gehirnvolumen abschätzen, können Fische es in manchen Wahrnehmungsbereichen mit so manchem Menschen-Affen aufnehmen.“



Quellenangaben:

• Kestin S. C. „Pain and Stress in Fish“, 1994

• Brown, Culum/Laland,Keven N. „Social Learning in Fishes:A Review“ in „Fish and Fisheries“, No. 4/2003

• Buwalda, R. J. A./Verheijen, F. J. „Do Pain and Fear Make a Hooked Carp in Play Suffer?“, 1988

• Spektrumdirekt. Die Wissenschaftszeitung im Internet

• www.fischerweb.ch/presse.htm

• www.Fliegenfischer-Forum.de

• www.geocities.com / culumbrown / BrownLalandFAF2003

• www.wissenschaft.de / wissen / news/211692.html

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