Free counter and web stats

20.01.2009

“Artenschutzverein” PRO WILDLIFE erfindet Horror-Statistik

“Artenschutzverein” PRO WILDLIFE erfindet Horror-Statistik
von Heiko Werning

Ja, ja, mit zunehmendem Alter wird man ja immer abgebrühter und hält generell erst mal alles für möglich. In der Theorie. In der Praxis ist man doch baff erstaunt, wenn man mal wirklich nachforscht, wie es so zugeht da draußen.
Seit ein paar Jahren geistert ein Verein namens „Pro Wildlife“ durch die Presse, von dem man erstaunlich wenig weiß. Außer, dass seine Sprecherin, Frau Dr. Sandra Altherr, zu einem bunten Strauß von Arten- und Tierschutzthemen zitiert wird, meist mit der Formulierung „Dr. Sandra Altherr von der Artenschutzorganisation Pro Wildlife sagte, dass …“. Wäre eigentlich interessant, da mal hinterher zu recherchieren, wie viele Mitglieder dieser Club so hat und woher er sein Geld bezieht, aber das nur am Rande.

Zumindest suggeriert offenbar allein der Name so etwas wie Seriosität, was schon ausreicht, die Stellungnahmen der Dame in erstaunlich vielen Medien zu verbreiten, als sei sie eine Sprecherin anerkannter Organisationen wie etwas des – nur zufällig? – namentlich ähnlichen „World Wildlife Fund“ – oder als sei sie gar fachkundig. Nun weiß ich nicht so viel über Wale oder Elefanten, aber ein bisschen was über Reptilien, genug jedenfalls, um sagen zu können, dass Frau Altherr von diesen Tieren keinen blassen Schimmer hat, wie ich ihr schon einmal Punkt für Punkt anhand eines haarsträubenden „Gutachtens“, das die Dame, sagen wir mal: erstellt hat, nachgewiesen habe.

Nun schreckte „Pro Wildlife“ am 13. September mit einer Pressmitteilung unter dem schönen Titel „Giftattacke im Kinderzimmer“ auf: 700 Unfälle mit Gifttieren seien jährlich in Deutschland zu beklagen, mehr als ein Drittel davon betreffe unschuldige Kinder. „Deutschlands Giftnotrufzentralen verzeichneten im vergangenen Jahr weit über 700 Unfälle mit giftigen Haustieren. Einer Datenerhebung von Pro Wildlife zufolge sind in knapp 60 Prozent der Fälle Giftschlangen die Ursache. (…) Immer mehr geltungssüchtige Halter wollen sich statt mit Pitbulls nun mit Kobra & Co. aufwerten“, so [Pro-Wildlife-Sprecherin] Altherr. Und sie erweisen sich als völlig unverantwortlich: Laut Giftnotrufzentrale Berlin sind bei 30 Prozent der Unfälle Kinder bis 15 Jahre, darunter viele Kleinkinder, betroffen. (…) Giftnotrufzentralen wie Berlin oder Freiburg verzeichnen einen Anstieg der Unfälle um bis zu 61 Prozent innerhalb der letzten Jahre.“

Der Eindruck, der mit dieser Pressemitteilung erweckt wird, ist tatsächlich alarmierend. In einer öffentlichen Anhörung vor dem Innenausschuss des Hessischen Landtags, zu der Frau Altherr mysteriöserweise geladen wurde, legte sie nach: „Wir haben in den letzten Wochen acht deutsche Giftnotrufzentralen um Daten gebeten. Diese Daten haben wir dann zusammengetragen. Wir haben uns dann auf die nicht heimischen Arten beschränkt und festgestellt, dass im letzten Jahr über 700 Zwischenfälle mit exotischen Gifttieren gemeldet wurden. Wir haben nicht von allen Notrufzentralen Daten bekommen. Das heißt, wir reden hier von dem Minimum.“ Da wundert man sich allerdings als jemand, der sich in der Szene ja doch ein wenig auskennt. Wirklich derartig viele Unfälle? Und dann auch noch mit Kindern? Da es in Deutschland genau neun Giftnotrufzentralen gibt, sollten die Zahlen ja zu überprüfen sein. Das habe ich für die Fachzeitschrift REPTILIA getan – und dabei interessante Ergebnisse gewonnen.
Dass „Pro Wildlife“ nicht von allen Giftnotrufzentralen Daten bekam, hat eine einfache Erklärung: Zwischenfälle mit giftigen exotischen Wildtieren sind derart selten, dass sie bei den meisten Zentralen gar nicht gesondert in der Statistik erfasst werden. Letztlich ist es mir aber gelungen, mit allen Giftnotrufen Kontakt aufzunehmen (mit Ausnahme des saarländischen Giftnotrufs in Homburg) und um das entsprechende Zahlenmaterial zu bitten. -Die Daten mussten auf meine Anfrage hin erst ermittelt werden, oder ich erhielt dasselbe Material weitergeleitet, dass auch „Pro Wildlife“ übersandt worden war. Wegen Überlastung konnte der Giftnotruf Mainz (zuständig für Hessen und Rheinland-Pfalz) die Zahlen bislang noch nicht ermitteln, von den anderen Zentralen liegen sie mir inzwischen vor.

Das „Giftinformationszentrum Nord“ (zuständig für die Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein) hat in Zusammenarbeit mit den Giftnotrufen Erfurt (zuständig für Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) und Marseille (Centre Antipoison, Hôpital Salvator, Marseille) eine Studie zu genau dieser Problematik erarbeitet. Die ist leider noch nicht veröffentlicht, und deshalb möchte ihr Hauptautor, Dr. Andreas Schaper, vorab keine präzisen Zahlen publik machen. Um eine Einschätzung zu ermöglichen, hat er aber sowohl „Pro Wildlife“ als auch mir einige Basisdaten genannt. Und die besagen, dass in den zehn Jahren der Erhebung bei den genannten Giftnotrufzentralen plus der Giftzentrale Marseille/Frankreich um die 400 Zwischenfälle mit privat gehaltenen „Gifttieren“ gemeldet wurden. Das macht also etwa 40 pro Jahr für praktisch ganz Nord- und Ostdeutschland und einen Teil Frankreichs (von denen, dazu unten mehr, fast alle harmlos sind).

Auch die „Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg“ hat eine genauere Statistik geführt und sie der REPTILIA (ebenso wie „Pro Wildlife“) zur Verfügung gestellt: In den sechs Jahren von 2000–2005 wurden dort 32 Fälle dokumentiert, also etwa fünf im Jahr. Sechs der in Freiburg vorstellig gewordenen Opfer waren Kinder (also eines im Jahr). Davon war genau ein Fall (eines 15-jährigen) von einer Giftschlange verursacht, nämlich einer Weißlippen-Bambusotter, aber „es bestanden nur leichte Symptome“. Ein Kind wurde gestochen, als es im Zoogeschäft in ein Aquarium mit Rotfeuerfischen fasste, eines wurde von einem Skorpion erwischt, der im Reisegepäck saß (also kein Unfall mit einem Tier in privater Haltung, was die Zahl auf 5 reduziert), ein Kind kam in Kontakt mit den Brennhaaren einer Vogelspinne (was i. d. R. ähnlich dramatisch ist wie die Begegnung mit einer Brennnessel), und zwei weitere wurden von als Haustieren gehaltenen (harmlosen) Riesenskorpionen (Heterometrus, Pandinus) gestochen. In keinem Fall kam es zu ernsteren medizinischen Problemen.
Auch der Giftnotruf Berlin stellte „Pro Wildlife“ Unfallzahlen zur Verfügung – und wies eigens darauf hin, dass es sich um „unbereinigtes“ Zahlenmaterial handelte. Entsprechend verärgert zeigte man sich dort, als von „Pro Wildlife“ dann die Zahlen verzerrt wiedergegeben wurden. Daraufhin hat die stellvertretende Leiterin, Frau Ingrid Koch, mir die Einzelfallauflistung der Jahre 2000–2006 übersandt, und dieser Einblick ist höchst interessant. Abgesehen davon, dass die „Unfälle mit potenziellen Gifttieren im Haushalt“ zahlenmäßig wie in den anderen Ländern nur einen winzigen Bruchteil der Vergiftungsfälle insgesamt ausmachen (etwa 22 im Jahr), findet sich darin auch noch ein nicht ganz unerheblicher Teil an Zwischenfällen mit völlig ungiftigen Tieren (Kornnattern, Pythons, Schildkröten) oder mit nur schwach giftigen, für Menschen nicht gefährlichen Arten wie Vogelspinnen. Hinzu kommen noch „nominelle“ Gifttiere wie Kugelfische und Pfeilgiftfrösche, die in Aquarien- bzw. Terrarienhaltung aber vollständig ungiftig sind: Pfeilgiftfrösche verlieren im Terrarium ihr Gift in kürzester Zeit, sodass alle hier gehaltenen Tiere als vollständig ungiftig betrachtet werden können, und Kugelfische müsste man ohnehin aufessen, um mit ihrem Gift in Kontakt zu kommen. Ebenfalls fanden sich noch die einheimischen Zebraspinnen und Tangrosen in der Aufzählung (die zudem für Menschen völlig ungefährlich sind), sowie einige Fälle von in Verpackungen oder Koffern eingeschleppten Skorpionen, die damit zwar unter die Kategorie „Unfälle im Haus“ fallen, aber ja nicht als Heimtiere gehalten wurden.

Bei einem fernmündlichen Abgleich der Daten mit denen aus der Studie von Schapers und Kollegen (Nord- und Ostdeutschland) zeigte sich dasselbe Ergebnis, auch hier sind Unfälle auch mit ungiftigen Heimtieren erfasst, und auch Frau Seidel vom Giftnotruf Bonn bestätigte schriftlich, dass alle gemeldeten Unfälle in den Zahlen erfasst sind, also auch Bisse von ungiftigen Schlangen wie Kornnatter & Co. Wie kommt es dazu? Ganz einfach: Die Giftnotrufe dienen ja der Beratung der Bevölkerung, jeder kann dort anrufen und fragen, ob z. B. ein bestimmtes Reinigungsmittel, das das Töchterchen versehentlich gerade verschluckt hat, giftig ist oder nicht und was dann zu tun ist. Dasselbe gilt eben auch für Tiere. So wissen natürlich die meisten Halter, dass Vogelspinnen ungefährlich sind. Werden sie doch einmal gebissen, fragt sich der ein oder andere vielleicht aber doch, wie fundiert sein diesbezügliches Wissen eigentlich ist, und ruft sicherheitshalber beim Giftnotruf an. Das gilt natürlich besonders für besorgte Eltern, weshalb vermutlich der Anteil von „Unfällen“ mit Kindern gerade auch bei den ungiftigen Tieren überproportional hoch ist. Die Statistiken führen aber einfach alle Anfragen auf. Und so finden sich dann dort eben auch Leguan-, Schildkröten- und Kornnatternbisse ebenso wie Hautkontakte mit Kugelfischen.
Das bedeutet, die Unfallzahlen sind, sofern sie nicht zuvor auf diese Faktoren hin bereinigt wurden, deutlich nach unten zu korrigieren.

Betrachten wir mit diesem Wissen doch einmal die Aussagen von Frau Altherr und „Pro Wildlife“ im Einzelnen:

- „Deutschlands Giftnotrufzentralen verzeichneten im vergangenen Jahr weit über 700 Unfälle mit giftigen Haustieren.“: Die Aussage ist ganz offenkundig frei erfunden oder geht auf erhebliche Fehleinschätzungen oder Rechenfehler zurück. Rechnet man das Zahlenmaterial hoch, kommt man sehr zu Gunsten von „Pro Wildlife“ geschätzt auf vielleicht 150 Fälle im Jahr, von denen der größere Teil auf ungiftige und ungefährlich giftige Tiere zurückgeht.

- „Einer Datenerhebung von Pro Wildlife zufolge sind in knapp 60 Prozent der Fälle Giftschlangen die Ursache.“ Auch die Zahl ist frei erfunden oder geht auf Fehleinschätzungen oder falsche Berechnungen zurück. Das vorliegende Zahlenmaterial legt einen Anteil von Giftschlangenbissen zwischen 25 und 40 % nahe.
- „Laut Giftnotrufzentrale Berlin sind bei 30 Prozent der Unfälle Kinder bis 15 Jahre, darunter viele Kleinkinder, betroffen.“ Die Zahl ist offenkundig vorsätzlich gefälscht oder geht auf grobe Missachtung des tatsächlichen Zahlenmaterials zurück. In Wahrheit machen Minderjährige (also Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren) insgesamt ca. 16 % aller bei der Giftnotrufzentrale Berlin gemeldeten Unfälle mit Heimtieren aus und nur etwa 10–12 % aller gemeldeten Unfälle mit Gifttieren, und selbst davon geht wiederum ein beachtlicher Anteil auf das Konto ungefährlicher Gifttiere (z. B. Vogelspinnen).

- „Giftnotrufzentralen wie Berlin oder Freiburg verzeichnen einen Anstieg der Unfälle um bis zu 61 Prozent innerhalb der letzten Jahre.“ Auch die Zahl ist in dieser Form schlicht falsch. In Berlin lässt sich überhaupt kein Anstieg feststellen (in den Daten von GIZ Nord/Erfurt/Marseille übrigens auch nicht signifikant), in Freiburg gibt es zwar einen Anstieg von 4 Fällen in 2000 auf 16 Fälle in 2005, der lt. dem zuständigen Arzt Dr. Stedtler (schriftliche Mitteilung) aber zum einen darauf zurückzuführen ist, dass die Zahl der Anfragen an den Giftnotruf Freiburg insgesamt angestiegen ist, und zum anderen aufgrund der insgesamt sehr geringen Fallzahlen nur bedingt statistisch relevante Aussage über Trends erlauben: „Die Signifikanz dieser Ergebnisse ist begrenzt aufgrund der geringen Zahl von Fällen mit exotischen Tieren.”
Was insgesamt also an Bissen durch real gefährliche Gifttiere übrig bleibt, kann derzeit nicht exakt gesagt werden – mehr als ein paar im Jahr sind es aber nicht. Der bekannteste Giftnotruf in Deutschland in Sachen Giftschlangen ist der in München, er arbeitet eng mit Giftschlangenhaltern zusammen und verwaltet die Anti-Seren. In den letzten vier Jahren wurden dort durchschnittlich 24 Fälle jährlich erfasst, übrigens ohne erkennbare Tendenz (2003: 28; 2004: 27; 2005: 16; 2006: 25). Das erlaubt insgesamt eine Schätzung: Die meisten ernsteren Fälle dürften in München auflaufen, den Rest kann man als gleich verteilt bezogen auf die Bevölkerungszahl annehmen und anhand der vorliegenden Zahlen auf unter 50 im Jahr schätzen. Macht also unter 75 Bissunfälle mit Giftschlangen jährlich. Bei den von „Pro Wildlife“ geschätzten 100.000 Giftschlangen in Deutschland, wo auch immer diese Zahl herkommt, wäre das eine Unfallquote von 0,075 % im Jahr (bzw. bei 99,925 % aller gepflegten Giftschlangen kommt es zu keinerlei Problemen); man vergleiche das Gefahrenpotenzial mit Hunden, Autos, Motorradfahren oder diversen Sportarten. Und von diesen 0,075 % Bissunfällen wiederum verläuft der Großteil ebenfalls glimpflich, denn in vielen Fällen geben Giftschlangen gar kein Gift ab (sogenannte Trockenbisse), in anderen führen die Bisse selbst bei Giftabgabe zu keinen oder nur leichten Komplikationen. So bleibt letztlich nur eine Hand voll überhaupt ernsthafter Zwischenfälle übrig. Kinder dürften dabei nur in extremen Einzelfällen betroffen sein. Oder, um es mit den Ärzten der Giftnotrufzentrale Freiburg zu sagen: „Unfälle durch exotische Tiere spielen z. Z. kaum eine Rolle.“ In München war in den ausgewerteten Jahren 2003-2006 kein einziger Minderjähriger betroffen.

Das klingt natürlich in einer Pressemitteilung mit dem Titel „Giftattacke im Kinderzimmer“ und der Zahl 700 ganz anders.

Und wirft ein interessantes Licht darauf, was von der Seriosität des merkwürdigen Clubs „Pro Wildlife“, der in der Presse so bereitwillig ungeprüft zitiert wird, zu halten ist. Nächstes Mal vielleicht zur Abwechslung Fachleute befragen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen




Shop Kontakt Newsletter Linkliste Tierfreunde Nord Forum/Community -Tierheim ! Literatur-Tipps Himmlisch-gut.de Tiertafel Global 2000: Die Gebirge Europas + Das Mittelmeerbecken + Die Seen des grossen afrikanischen Grabenbruchs + Die Akaziensavanne Ostafrikas + Das Kongobecken + Die Kappellen + Die Wälder Madagaskars + Die Regenwälder der Malediven, Lakkadiven und Chagos-Inseln + Die Savannen und Grasländer des Terai-Duar + Die Wälder der Sundarbans + Die Sumpfwälder Borneos + Die Daurische Steppe + Die Sibirische Taiga + Das Bering-Meer + Die Wüste im Nordwesten Australiens + Das Great Barrier Reef + Die Wälder Neukaledoniens + Die Wälder der Haweii-Inseln + Die Osterinseln + Die Galapagos-Inseln + Die Prärien Nordamerikas + Die Chihuahua-Wüste + Die grossen Antillen: Kuba + Die Los-Llanos-Savanne in Kolumbien und Venezuela + Das Amazunasbecken + Die Patagonische Steppe + Die antarktische Halbinsel und das Wedell-Meer