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20.01.2009

Bildet Banden... aber richtig!

Bildet Banden... aber richtig!

Abhandlung über Vereinsstrukturen am Beispiel der TIRM (TierrechtsInitiative Rhein-Main e.V.)

Der Titel enthält folgende drei Elemente: Erstens die Anrede an eine bestimmte Gruppe von Menschen, zweitens den Aufruf, sich in Gruppen zu organisieren, und drittens die Aufforderung, effektive Strukturen zu entwickeln.


Der folgenden Abhandlung über geeignete Strukturen für eine Gruppe liegt die These zugrunde, dass es in Deutschland eine Bewegung gibt, die aus Menschen besteht, die in grundlegenden Ansichten und Werten übereinstimmen und ein Interesse daran haben, sich aktivistisch für sie stark zu machen, und weiter, dass die aktivistischen Ziele fast nur durch Gruppenarbeit erlangt werden können und dass einiges falsch gemacht werden kann oder besser sein könnte.


Unter den effektiven Strukturen sind neben den angemessenen Arbeitsstrukturen und anderen vor allem solche der sozialen Integration in die Gemeinschaft einer Gruppe gemeint. Eine Gruppe arbeitet um so effektiver, je mehr die Einzelnen sich selbst verwirklichend das Gefühl haben, gewertschätzt zu werden und „mit ihr Ding“ zu machen.

Historisches

Im April 2000 fand die erste Aktion mit etwa sechs Aktivisten unter dem Namen „TIRM – TierrechtsInitiative Rhein-Main“ statt. Als sich im Juni 2001 Veganer aus der Region in Darmstadt trafen, um in einer Tierrechtsgruppe aktiv zu werden, vergrößerte sich die TIRM. Seit 2004 gab es schließlich eine dritte Phase, in der die TIRM mit Hinblick auf die längerfristige Effizienz ihre Strukturen ausbaute und neue schuf. Ende 2005 begann die aktuelle und vierte Phase. Nachdem sich die Sache der Vereinseintragung über viele Monate hingezogen und die Gruppe stark belastet hatte, erfolgte Dezember 2005 dann der Eintrag im Vereinsregister des Amtsgerichts Frankfurt. Die vierte Phase wurde auch durch den neuen Vereinsraum und was mit ihm zusammenhängt, sowie die veränderten finanziellen Bedingungen eingeleitet.

Erste Begegnung

Durch das vegan.de-Forum erfuhr ich von dem Treffen in Darmstadt im Juni 2001, im August 2001 nahm ich dann das erste Mal bei einer TIRM-Aktion teil, von der ich über den PeTA-Newsletter erfuhr. Nachdem ich ein paar Monate zuvor in der sensiblen Umstellungsphase zum Veganer und Tierrechtler mit einer gewissen Person zu tun hatte, die in der Szene dafür bekannt ist, Noch-nicht-Veganer zu vergraulen, war ich verwundert und glücklich darüber, eine heterogene Gruppe vorzufinden, in der Wertepluralismus, Herrschaftsfreiheit, Meinungsfreiheit und Diskurs vorzuherrschen schienen. Es wurde nicht diktiert und dogmatisiert, sondern geduldig aufgeklärt und argumentiert, und zwar ohne dass anschließend eine Linientreue verlangt wurde. Hier konnte ich als freidenkender Mensch, der sich auch weiterhin frei entwickeln wollte, bleiben und in eine aktivistische Gemeinschaft hineinwachsen.

Soziale Missstände und ihre Bewältigung

Doch die TIRM hatte definitiv auch schlechtere Tage. Im Juni 2003 hatte ich meine Sicht des Zustandes der TIRM unter dem Dateinamen „TIRM-Krise“ abgespeichert. Zu der Zeit waren von etwa 20 Mitgliedern wohl nur etwa fünf richtig aktiv. Aufgrund der vielen Aktionen und Aufgaben entstand ein starker Druck auf die Einzelnen. Für die Nachbesprechung von Aktionen oder das Selbstverständnis als „Gemeinschaft“ blieb nur sehr wenig Raum. Probleme, zum Beispiel der Motivation, wurden weggeredet oder gar nicht erst beachtet. Offiziell galt gleiches Mitspracherecht, doch es gab offensichtlich zu wenig Besprechung und gemeinsame Entwicklung der Aktionen. Diese entwickelten sich kaum noch aus der Gruppe, sondern sie wurden der Gruppe weitgehend vorgesetzt. Anstelle der Zusammenarbeit stand teils die entfremdende Instrumentalisierung. Von Identifizierung konnte bei vielen nicht mehr die Rede sein. An der Stelle der Selbstverwirklichung stand das Pflichtgefühl. Streit, Frustration, Austritte bzw. das allmähliche Fernbleiben waren Anzeichen dafür, dass die TIRM zu der Zeit nicht gut organisiert war. Die sozialen Strukturen fehlten weitgehend. Mangels dieser wurden Interessierte nicht integriert, sondern stehen gelassen. Manche verloren allmählich das Interesse. Die Probleme wurden übergangen und Aufgaben oder Arbeiten an die verbliebenen, noch-aktiven Tirmies verteilt. Das Engagement und die Motivation der Halb-Aktiven, Neuen und Interessierten wurde nicht positiv genutzt und aufgefangen, sondern entweder instrumentalisiert und damit missbraucht, oder gar nicht erst beachtet. Mittelfristig führte dies zu Frustration, sowohl auf der Seite der mit den Aufgaben allein gelassenen Aktiven, als auch auf der Seite der mittlerweile Unmotivierten. Die Demotivation Vieler gründete sich damals auf dem erfahrenen Frust. Der Frust wurde bei den einen durch den starken Druck und die drohende soziale Ablehnung bewirkt, bei den anderen durch zuviel Arbeit und die mangelnde Resonanz seitens die Gruppe.


Fest steht: Nicht der Frustrierte ist schuld an seinem erlöschenden Engagement und Interesse, sondern die Gruppe als Ganze, sofern basisdemokratisch, oder die Führer der Gruppe, sofern keine basisdemokratischen Strukturen vorhanden. Denn die Gruppe ist dafür verantwortlich, soziale Strukturen der Gemeinschaft zu gewährleisten (zum Beispiel die wechselseitige Anerkennung), die zu Integration, Selbstverwirklichung und Identifikation führen. Zudem können viele Probleme leicht verhindert werden, indem die Gruppe basisdemokratisch ist. Doch eine basisdemokratische Gruppe bedarf vielfältiger Strukturen, um sich verwirklichen zu können.


Heute ist die TIRM von den Aktivisten her seit vielen Monaten sehr konstant. Es besteht keine Fluktuation, es springt niemand dauerhaft ab, zugleich kommen aber ständig Neue hinzu. Neue werden direkt integriert, sie erfahren effektive, stabile, freundliche und damit motivierende Strukturen, die sie gleichwertig und in vollem Umfang nutzen können. Sie haben von Anfang an das gleiche Mitwirkungsrecht, das Recht, sich einzubringen und sich selbst zu verwirklichen.

Mir ist es wichtig, auch die Zeit anzuführen, in der es meiner Meinung nach stark kriselte. Vielleicht enthält die vorliegende Darstellung nützliche Hinweise, die Anderen oder Gruppen dabei helfen können, Problemen vorzubeugen - ob zwischenmenschlichen oder strukturellen, Problemen der Integration, der Identifikation oder der Motivation.

Integration, Identifikation und Motivation

Meine Erfahrungen und meine Analyse legen folgende Erkenntnis nahe: Mit instrumentalisierten Mitläufern lässt sich eine konstante Gruppe nicht lange halten. Sie werden früher oder später lediglich noch mit Unlust „dabei, statt mitten drin“ sein und irgendwann dann auch aus Frust und mangels Integration und Identifikation wegfallen. Aber auch unter weniger schlimmen Zuständen können die Faktoren Integration, Identifikation und Motivation zu Problemen werden. Lösungen bieten einerseits die Schaffung von Strukturen, andererseits die Förderung aller Einzelnen zur Selbstverwirklichung innerhalb der Gruppe als Gemeinschaft. Die Anerkennung des Anderen kann optimalerweise erweitert werden um die Wertschätzung des Anderen und die affektive Anteilnahme an dessen Leben als Bereicherung für das eigene.1


Nur wenn ein Mitglied sich erstens mit seiner Gruppe identifiziert und darin auch „sein“ eigenes Projekt sieht, in dem es sich selbst verwirklicht, also nicht nur durch ein Pflichtgefühl geleitet wird, sondern vielmehr auch durch einen inneren Antrieb, und wenn zweitens eine Gemeinschaft besteht, der sich das Mitglied zugehörig und voll integriert fühlt, nur dann wird das Mitglied mit großer Sicherheit über einen langen Zeitraum bei der Gruppe bleiben und sie aktiv und motiviert mitgestalten.


Konsensorientierte und diskursethische Basisdemokratie

Als diskursethisch könnte bezeichnet werden, wenn innerhalb einer Gruppe alle Mitglieder die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben, ihre Meinung oder ihren Vorschlag einzubringen und mittels der fairen Diskussion Entscheidungen zu fällen, die für die Gruppe zu gelten haben. Niemand stünde in zweiter Reihe und hätte sich zurück zu halten, zum Beispiel mit einer Kritik oder dem Einbringen einer Idee. Alle hätten denselben Zugang zu Information und Diskussion. Zusätzlich gilt für eine diskursethisch orientierte Gruppe aber auch: Es kommt nicht darauf an, bei einer Abstimmung physisch anwesend zu sein. Wenn die Position einer nicht-anwesenden Person bekannt und relevant ist, müsste sie vorgetragen und würdig vertreten werden. Entscheidungsfindungen dienen nicht dazu, die eigene Position weitgehend durchzusetzen, sondern dazu, für die Gruppe das zu beschließen, was für sie am besten ist und womit sich die meisten identifizieren können (sollten). Wenn diese Werte von allen Einzelnen verinnerlicht sind, eine (Werte-)Gemeinschaft besteht und die Gruppe als gemeinsames Projekt verstanden wird, das von dem Sich-Einbringen Aller, gerade aufgrund ihrer verschiedenen Meinungen, profitiert, dann entwickelt sich eine Konsensorientierung. Die Identifikation und Selbstverwirklichung des Einzelnen sollte einen hohen Rang in der Diskussion und Entscheidungsfindung haben. Selbstverständlich geht es nicht darum, es jedem recht zu machen, sondern darum, mittels einer basisdemokratischen Werteordnung eine gemeinsame Basis zu entwickeln, die alle zwanglos (auch ohne innere Barrieren) akzeptieren können. Entschieden wird dann durch sachbezogenen Mehrheitsbeschluss. Wichtig ist, dass die basisdemokratische Form konstant beibehalten wird, damit nicht bei Einzelnen das ungute Gefühl entsteht, dass Entscheidungen vorgesetzt werden und ihnen damit die Mitgestaltung des gemeinsamen Projektes entgleitet. Wer sich Entscheidungen anmaßt, kann nicht damit rechnen, dass Andere sich voll motiviert und sich identifizierend an deren Umsetzung beteiligen.


Eine konsensorientierte und diskursethische, basisdemokratische Gruppe versteht ihre einzelnen Mitglieder als berechtigt heterogen, mit dem Anspruch auf Selbstverwirklichung als Person und in der Gruppe und mit dem Anspruch auf Identifikation mit der Gruppe. Dem zugrunde liegt eine Wertegemeinschaft, die gemeinsam gebildet und als Ganze geteilt wird.2

Das Leiten einer Gruppe

Wer die Gruppenführung an sich reißt, indem er die diskursethischen Bedingungen untergräbt, hebelt damit zugleich die Identifikation und Motivation der Gruppenmitglieder aus. Die Gruppe ist dann nicht mehr „ihr Ding“, sondern sie selbst werden zu „Instrumenten“ der Gruppe. Die Konsequenzen für Führer wie Gruppe könnten Intrigen, Stress, Unzufriedenheit, Mangel an Identifikation und Motivation, sowie mehr Arbeit sein. Ein Führer steht zentral, auf ihn ist die Gruppe fokussiert, seine Position stützt sich auf Macht, Hierarchie und Kontrolle.


Dennoch gibt es nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand häufiger oder permanent die Leitung seiner Gruppe einnimmt. Dem Führer steht der Leiter gegenüber. Das Leiten einer Gruppe ergibt sich gruppendynamisch. Die Stellung des Gruppenleiters wäre zwar ebenfalls zentral, jedoch lediglich im Sinne der Moderation, Anlaufstelle für Mitglieder und Nicht-Mitglieder, Informationsbündelung, allerhöchstens noch als inoffizielles Schiedsgericht, falls ein Konflikt nicht in der Gruppe geklärt werden soll. Der Leiter hätte bezogen auf die Gruppe dieselben Aufgaben, die Verantwortliche für kleinere Projekte hätten. „Die Gruppe“ wäre ein Projekt wie „Infostand am Weltvegantag“. Für beide Projekte werden ein oder zwei Verantwortliche bestimmt, bei denen die Informationen zusammenlaufen, die den Gesamtüberblick haben und dafür Sorge tragen, dass alles erledigt wird und reibungslos abläuft. Beide Projekte, die Gruppe und der Infostand, werden von Leitern koordiniert. Der Verantwortliche erhält keine Machtposition, sondern lediglich die Verantwortung.


Der Status „Gruppenleiter“ ist für manche Ehrgeizige ein soziales Statussymbol, wodurch sie mehr soziale Anerkennung erhalten als Andere. Dennoch ist mit dieser Position Arbeit und Verpflichtung verbunden, ohne dass dadurch ein besonderes, d.h. nutzbares Verdienst entsteht, denn der Leiter einer Gruppe und sein Wort haben theoretisch kein größeres Gewicht als das Wort jedes anderen Mitglieds. Es besteht keine Hierarchie. Das ist bei dem Projekt „Gruppe“ ebenso wie bei dem Projekt „Infostand“ und noch mehr wie bei spezifischeren Projekten wie „Pressearbeit“: Niemand steht für sich, sondern repräsentiert die Gruppe. Der Einzelne arbeitet im Sinne der Gruppe, nicht willkürlich. „Leiten“ bedeutet vor allem Koordination und Verantwortung.


Die Mitglieder einer Gruppe sind faktisch froh, wenn sie einen geeigneten Leiter für das Gesamtprojekt „Gruppe“ (wie oben beschrieben) haben. Dennoch lohnt sich der ehrgeizige Einsatz und das Annehmen der Gruppenleitung für einen Menschen mit konkreten inhaltlichen Vorstellungen. Denn selbst wenn er theoretisch keinen (höheren) „Rang“ hat, so kann er praktisch durch seine Tätigkeit doch einen größeren Einfluss auf die Gruppe haben, weil er erstens stärker involviert und häufig konzeptuell besser vorbereitet ist, zweitens die Mitglieder seine Arbeit würdigen und sich der Leiter schließlich gerade aufgrund seiner Fähigkeiten zum Gruppenleiter „entwickelt“ hat. Wenn dem Leiter regelmäßig Gegenkonzepte entgegen gestellt werden und vieles seiner Vorarbeit aufgehoben wird, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Gruppendynamik nicht (mehr) stimmt. Die Gruppe hat dann nicht denjenigen als Leiter der Gruppe bestimmt, der sich durch besonders geeignete Fähigkeiten hervor tut.


Auf eine schleichende Gefahr sei noch hingewiesen: Der Leiter einer Gruppe hat in seiner Funktion als und in der Position des Moderators die Möglichkeit, zum einen die Gruppe, zum anderen das Abstimmungsergebnis in seinem Sinne zu beeinflussen. Letztendlich ist meistens er es, der eine Diskussion als notwendig erklärt, sie lenkt, als beendet erklärt und zur Abstimmung anstimmt oder sogar drängt. Die Gefahr des Überrollens der Gruppe sollte allen bewusst sein und entsprechend geäußerte Beschwerden ernst genommen werden. Eine Basisdemokratie kann schnell unterwandert werden.

Kommunikation


Nicht ganz unwichtig sind die grundsätzlichen Regeln der „Kommunikation“. Es ist vielleicht nicht nötig, sie konkret zu bestimmen, aber es ist definitiv nötig, einzuschreiten, wenn sie als „ungeschriebenes Gesetz“ (zumindest wiederholt) gebrochen werden. Unter den Regeln wäre das respektvolle Verhalten jeder Person, Meinung und Äußerung gegenüber zu verstehen, unabhängig von der eingeschätzten Qualität ihrer Form und ihres Inhalts. Es wird von uns verlangt, manche Äußerung von persönlicher Abneigung oder Abwertung zu unterbinden und stattdessen bei Bedarf sachlich und konstruktiv Kritik zu üben, möglicherweise auch „unter vier Augen“ zu klären. Von der Gruppe geduldete oder praktizierte so genannte „Maulschellen“ führen zu einer Hierarchie, Rang- oder Hackordnung und unterwandern die Solidarität der Gemeinschaft. Gruppenmitglieder werden in ihrem Selbstfindungs- und -verwirklichungsprozess mit dem Mittel der Gewalt behindert. Sie werden sich bei wiederholter „Zurechtweisung“ künftig (konditioniert) zurückhalten, sich unterordnen, möglicherweise auch ohne darin ein Problem zu sehen. Sollte eine Person durch ihre Art oder Äußerungen andere tatsächlich häufiger ungeduldig werden lassen, so wäre sie darauf hinzuweisen, mit dem Zweck, dass sie das bestehende Problem versteht. Das würde den Entwicklungsprozess der Person fördern, ohne sie (zumindest in dem Moment) aus der Gemeinschaft auszuschließen, sie also im positiven Sinne sozialisieren oder ihr zumindest die Möglichkeit dazu geben. Wenn eine Gruppe nicht rechtzeitig und grundsätzlich darauf achtet, dass durch die verwendeten Kommunikationsmerkmale keine (auch subtilen) Hierarchien entstehen, könnte sich ein Gewohnheitsrecht entwickeln, das umso schwieriger zu kontrollieren und bekämpfen wäre.

Die Zusammenarbeit in einer Gruppe Heterogener erfordert eine gewisse Toleranz des und darüber hinaus vielleicht sogar auch ein gewisses Interesse am Anderen. Was den Entwicklungsprozess, die Identifikation und die Motivation beim Einzelnen fördert, das nutzt der Gruppe.

„Schön, dass wir mal drüber geredet haben...“

... und effektiv ebenso; selbst wenn schließlich etwas beschlossen wird, das der eigenen Position oder persönlichen Identifikation entgegensteht. Denn um in einer heterogenen und zugleich basisdemokratischen Gruppe effektiv zusammenarbeiten zu können, bedarf es, nach einer fairen Diskussion schließlich auch Entscheidungen zu treffen. Diese haben für die ganze Gruppe zu gelten, sofern die Gruppe in einer konkreten Sache betroffen ist. Die Identifikation einer Person als Individuum ist von der als Gruppenmitglied darin zu unterscheiden, dass in der Gruppe Kompromisse gebildet und akzeptiert werden müssen. Diese können manipulativ oder unter Druck oder aber fair gebildet werden. In einer konsensorientierten, diskursethischen, basisdemokratischen Gruppe sollte es darauf hinauslaufen, keine unveränderlichen, jedoch solide und konstante Grundlagen und Strukturen zu bilden. Entscheidungen müssen hinterfragbar und aufhebbar sein, aber das Hinterfragen darf die Gruppe nicht lähmen. Daher ist es wichtig, manche Entscheidungen nicht zu überstürzen, sondern stattdessen innerhalb der Gruppe die Überlegungen, Einwände und Befürchtungen aller Mitglieder fair gegeneinander abzuwägen und möglicherweise sogar noch erst zu entwickeln. Häufig genug wird sich ein Konsens entwickeln. Ebenfalls häufig werden harte Positionen aufweichen und Verständnis sich verbreiten. Es kann dann zu Kompromissen kommen oder zu Entscheidungen per Mehrheitsbeschluss. Selbst wenn der Einzelne mit einem Ergebnis letztlich nicht zufrieden ist, so sollte er doch mit ihm einverstanden sein, wenn die gemeinsame Werteordnung (welche auch die Möglichkeit der radikalen Ablehnung einer Position vorsieht) in der Form bestmöglich eingehalten wurde. Schließlich konnte er seine Position anführen und bestmöglich vertreten.


Je grundlegender eine Entscheidung ist, desto umstrittener wird sie in einer größeren, heterogenen Gruppe sein. Häufig wird es sich empfehlen, auf umstrittene bis ideologische Grundlegungen und denen sich daraus ergebenden Normen zu verzichten.3

• Arbeitsstrukturen

• Gruppentreffen (alle zwei Wochen)

• interne Mailingliste

• internes Wiki

• Soziale Strukturen

• Kommunikationsregeln

• Basisdemokatie

• Konsensorientierung mit

diskursethischen Grundlagen

• Strukturen für die Öffentlichkeit

• Brunch (alle zwei Wochen)

• monatlicher Vortrag

• wöchentliche Büro-Öffnungszeit

• vierteljährliches Vereinsheft

• monatliche Radiosendung

• Homepage

• allgemeine Mailingliste für Interessierte

• allgemeines Forum

vNewsletter

• Pressesprecher

• Demonstrationen und Infostände

• eigenes Infomaterial und

Aktionsmappe

• Vereinsstrukturen als „e.V.“

• Vernetzung und Bündnisse



Arbeitsstrukturen

Für die intensive, effektive und solide Zusammenarbeit einer basisdemokratischen Gruppe ist es hilfreich, regelmäßige allgemeine Gruppentreffen zu haben (ein- bzw. bei der TIRM zweimal im Monat), die sich stark an Tagesordnungspunkte-Listen orientieren und bei denen Protokolle geschrieben werden. Neben den regelmäßigen allgemeinen Gruppentreffen finden zusätzlich projektbezogene (für die Vorbereitung größerer Veranstaltungen) und spezifische Arbeitsgruppentreffen statt. Außer den tierrechtsrelevanten Themen-Gruppen können sich auch weitere AGs ergeben. Solche könnten sein: Vegan-Guide-AG, Radio-AG, Vereinsheft-AG, Uni-Stand-AG, Samba-Trommel-Gruppe, Theater-AG.


Die Gruppentreffen werden ergänzt durch eine interne Mailingliste und ein internes Wiki.

Interne Mailingliste

Die interne Mailingliste dient vor allem der effektiven Organisation der Gruppenarbeit. Allgemeine Themen sind daher ebenso unerwünscht wie unnötige oder zu lange Mails. Diskussionen, vor allem Grundsatzdiskussionen, sollten nicht über die Mailingliste, sondern im Rahmen von Treffen oder speziell dafür einberufenen Treffen geführt werden. Eine Ausnahme besteht im zeitlichen Notfall. Eventuell sollte anstelle einer Mail die Information im internen Wiki eingetragen werden. Alle Informationen, die über die Liste geschickt werden, sind intern für Gruppenmitglieder bestimmt und sollten Dritten nicht zugänglich gemacht werden. Selbstverständlich gilt: Die Kommunikation hat in freundlichem Ton geführt zu werden.

Internes Wiki

Das interne Wiki ist hervorragend dafür geeignet, größere Projekte wie auch kleinere Aktionen gemeinsam und gleichzeitig zu koordinieren und dank seiner hierarchischen Eigenschaft übersichtliche Datensammlungen und Archive zu erschaffen. Es gewährleistet denen mit Zugang eine sehr große Transparenz der Gruppe. Anstelle einer unnötigen Mail auf die Liste kann direkt ins Wiki eingetragen und die eigenen Informationen mit denen Anderer zusammengefasst und abgestimmt werden.


Unser Wiki gliedert sich in: Aktuell, Anstehende Aktionen / Termine (Archiv, Protokolle, regelmäßige Termine), Planung / Organisation, Allgemein, Arbeitsgruppen / Themenbereiche, Projekte.

Strukturen für die Öffentlichkeit

Die Strukturen der TIRM, mittels derer sie sich der Öffentlichkeit zeigt und öffentlich wirkt, bestehen aus einem Brunch, der zwei mal im Monat statt findet, monatlichen Vorträgen, sowie der wöchentlichen allgemeinen Büro-Öffnungszeit in unserem Vereinsraum. Dann dem vierteljährlich erscheinenden Vereinsheft, der monatlichen Tierrechts-Radiosendung auf dem lokalen Sender RadioX, sowie unserer Homepage (www.tirm.de). Dann einem Newsletter, einer allgemeinen Mailingliste für Interessierte, einem allgemeinen Forum, den Pressemitteilungen durch unsere Pressesprecherin, den Demonstrationen und Infoständen, sowie unserem eigenen Infomaterial und der Mappe mit den bisher gelaufenen Aktionen.

Die Homepage ist oft „die erste Adresse“, sich über einen Verein zu erkundigen oder ihn überhaupt erst zu entdecken (die Selbstdarstellung der TIRM findet sich hier: www.tirm.de/werwirsind.php). Ein Vereinsraum bietet zusätzlich die Möglichkeit, sich vor Ort zu erkundigen. Ein Brunch ist erfahrungsgemäß für Nicht- oder Noch-nicht-Aktivisten ein besserer Anlass, einen Aktivisten-Verein kennenzulernen, als die wöchentliche Büro-Öffnungszeit.


Die öffentliche Mailingliste und das Forum sind für Gruppen-Mitglieder sowie Interessierte gedacht. Sie dienen u.a. der Information darüber, was über die interne Koordination von Aktionen etc. hinausgeht. Dazu bietet sich als Überblick auch ein Newsletter an.


Demonstrationen und Demonstrationen mit Infoständen (Infostände alleine sind in manchen Städten gebührenpflichtig) sind wichtig, um an die Bevölkerung herantreten zu können. Gutes Infomaterial ist unerlässlich. Dieses bekommt man meistens übers Internet oder per Post von anderen Vereinen, oder man erstellt es sich selbst. Wie ein Infostand aufgebaut ist und was er optisch hermacht, sowie die Kompetenz und das Auftreten der Standbetreuer kann die erfolgreiche Präsentation beeinflussen. Es kann förderlich sein, sich mit den Zuständigen beim Ordnungsamt gut zu stellen, d.h. freundlich, ordentlich, zuverlässig auftreten.

Vereinsraum

Von November 2005 bis November 2007 hatte die TIRM in einem kulturellen Zentrum Frankfurts einen ersten Vereinsraum. Jetzt haben wir einen neuen, der weniger attraktiv gelegen und freundlich geschnitten, dafür aber wesentlich günstiger ist. Die Entscheidung für einen Vereinsraum sollte mit Blick auf die Finanzierung wohl bedacht sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ein Vereinsraum ermöglicht routiniertes Herangehen und bietet eine Infrastruktur, die solides Arbeiten ermöglicht. Der Raum ist jederzeit verfügbar und vielfach nutzbar (Arbeitstreffen, Brunchs, Vorträge, Tierrechts-Bibliothek, Büro mit Öffnungszeiten). Optimalerweise verfügt er über einen zweiten, abgetrennten Lagerraum, über Küchenbereich und Toilette. Getränke sind zur Hand, und es kann Essen zubereitet werden. Im Vereinsraum kann sofort mit der Arbeit begonnen werden. Würde die Gruppe sich in einer Kneipe etc. treffen, käme sie pro Abend und Person für eine schlechtere Leistung (Lautstärke, Essen etc.) auf höhere Kosten. Als eingetragener Verein ist es mancherorts möglich, für wenig Geld einen Raum gestellt zu bekommen. Oft kostet er jedoch richtig Geld, deren Investition sich je nach den Strukturen eines Vereins aber lohnen kann. Doch der Gruppenraum ist nur halb so viel wert, wenn es der Gruppe an Strukturen und damit auch an konstant mitarbeitenden und motivierten Mitgliedern mangelt.

Vereinsstrukturen als „e.V.“


Ein eingetragener und als gemeinnützig anerkannter Verein erfordert als Vorstand nicht mehr als zwei Vorsitzende. Eine basisdemokratische Gruppe benötigt keine so genannten Beisitzer, sofern der Vorstand für die ihm aufgetragenen Verpflichtungen keine offizielle personelle Unterstützung braucht. In einer basisdemokratischen Gruppe gibt es praktisch keinen Vorstand, d.h. niemanden mit Sonderstellung, Privilegien, mehr Gewicht.



Wir kommen auf folgende Vorteile eines Vereins: Die Gruppe wirkt nach außen hin seriöser, Spenden und Beiträge können von der Steuer abgesetzt werden, es gibt eine verbindliche Vereinssatzung, der Verein haftet. Es ist möglich, günstiger an Räume, sowie an Mittel heranzukommen, über die die Stadt für gemeinnützige Vereine verfügt. Theoretisch können gemeinnützige Vereine von öffentlichen Mitteln und Bußgeldern profitieren.


Als Nachteile wären anzuführen: die jährliche Steuererklärung, deutlich mehr Bürokratie, die Gefahr der Aufhebung der Basisdemokratie innerhalb der Gruppe, gleichzeitig aber auch die Gefahr, dass der Vorstand mit den unangenehmen Verpflichtungen alleine gelassen wird. Der Vorstand kann haftbar gemacht werden.


Die Eintragung im Vereinsregister des Amtsgerichts stellte sich als langwierig und anstrengend heraus. Inwiefern die Vereinseintragung nun sinnvoll ist, ist von der Gruppe, ihren Strukturen, Kapazitäten und ihren Zielen abhängig.

Vernetzung und Bündnisse


Die starke Vernetzung der Gruppen innerhalb der Tierrechtsbewegung ist sinnvoll und wichtig. Gemeinsame Treffen und Koordinationen sollen zu einer gemeinsam geteilten (Grund-)Werteordnung und einer einheitlichen Identität als Bewegung führen. Die Heterogenität der einzelnen Gruppen untereinander ist wahrscheinlich gravierender als die innerhalb der Gruppen. Daher sollte gerade hier die als gemeinsam bestimmte Werteordnung nicht zu umfassend sein und sich, bezogen auf die Werte, möglicherweise stärker an der gemeinsamen Schnittmenge orientieren. Die Strukturen der Gruppe, wie ich sie oben beschrieb, könnten auch auf Bündnisse übertragen werden, ob internationale, nationale, überregionale oder regionale.


Die TIRM versteht sich als Teil der internationalen und der deutschen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Sie nimmt mittels Vertretern an den Bundestierrechtstreffen (BTRT) teil, um an gemeinsamen Planungen und Koordinationen der Bewegung mitzuwirken. Sie beteiligt sich gegenwärtig an den bundesweiten Kampagnen der Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI) und der Aktion zur Abschaffung des Primatenhandels (AAP).


Seit August 2007 besteht das „Tierrechtsbündnis Mitte“, dem bisher neben der TIRM auch die Tierrechtsgruppe Gießen und eine Tierrechtsgruppe aus Mainz, Wiesbaden, Limburg angehören.


Die TIRM begrüßt die Bildung kleinerer, selbstständiger Gruppierungen (zum Beispiel konkrete externe Arbeitsgruppen), mit denen sie gegebenenfalls zusammenarbeiten kann. Zugleich distanziert sich die TIRM von Gruppierungen oder meidet die Zusammenarbeit mit ihnen, sofern ihr dies angemessen erscheint.


Abschluss


Vor einiger Zeit wurde ich in einer Diskussionsrunde von den Mitgliedern einer anderen Gruppe zu den Strukturen der TIRM befragt und gebeten, eine inspirierende Übersicht zu erstellen. Ich hoffe, dass mir dies in ihrem Sinne gelungen ist, ohne die TIRM zu sehr als „vorbildlich“ darzustellen. Die Strukturen der TIRM sind im Vergleich zu denen vieler anderer, eher aktivistisch geprägten Gruppen sehr ausgeprägt und solide. Viele von ihnen sind nicht für eine Übertragung auf kleine Gruppen geeignet, weil sich dort allein schon der Aufwand nicht lohnt und die personellen Kräfte fehlen. Wir profitieren sehr stark davon, mehrere engagierte Informatiker in der Gruppe zu haben, aber auch Andere bringen sich mit ihrer jeweiligen Profession bereichernd ein. Selbstverständlich gibt es in Deutschland auch andere Gruppen, mit anderen Strukturen, die sich ebenfalls durch effektive und soziale Zusammenarbeit auszeichnen. Mein Anliegen war es nicht, die TIRM, deren sich mit ihr identifizierendes Mitglied ich ja bin, in ein besonders gutes oder sogar besseres Licht zu stellen, sondern unsere Strukturen aufzuweisen und für die Anwendung innerhalb der eigenen Gruppe anzubieten.


In der Tierbefreiungsbewegung machen manche Tierrechtsaktivisten mit anderen zusammen direkte Aktionen. Eine Gruppe, die solche plant und durchführt (zum Beispiel die Befreiung von kranken und schwachen Hühnern aus Legebatterien), besteht optimalerweise lediglich temporär, das heißt für diese eine Aktion und löst sich nach der Aktion wieder auf. Sie darf gerade nicht transparent sein und erfordert andere Strukturen als zum Beispiel ein gemeinnütziger Verein, der öffentlichkeitswirksam auftreten möchte. Direkte Aktionen werden von nur Wenigen durchgeführt und sollten nicht mit Unbeteiligten besprochen oder in einem Archiv festgehalten werden. Die beiden Gruppenformen stehen nicht in Konkurrenz zu einander. Manche Aktivisten könnten zugleich beiden Arten der Gruppe angehören. In diesem Fall sollte eine offensichtliche personelle Vermengung vermieden werden.

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