Free counter and web stats

20.01.2009

„Bis alle Tiere in Sicherheit sind“

„Bis alle Tiere in Sicherheit sind“

Auf Fuchsjagd-Sabotage in England – Frust über das Jagd-Verbot entlädt sich in nackter Gewalt gegen Mensch und Tier

Nach jahrelangen Diskussionen hat die englische Regierung die Fuchsjagd mit Hunden gegen den Willen der Lords im Oberhaus verboten. Noch vor wenigen Monaten waren mehr als 100 000 Jagd-UnterstützerInnen dem Aufruf der Lobby-Organisation „Countryside Alliance“ zu einer Demo nach London gefolgt, die in blutigen Ausschreitungen endete. Ein Vorgeschmack auf das, was geschehen könnte, wenn die Polizei tatsächlich rigoros gegen Jagd-Gesellschaften vorgehen wird. Einige Tage bevor das Verbot in Kraft trat hatte unser Redakteur Wolfgang Siebert die Möglichkeit, eine Gruppe Londoner Jagd-saboteurInnen bei ihrer Arbeit zu begleiten.


Seit dem 18. November 2004 ist es noch gefährlicher geworden, eine Fuchsjagd in England zu stören. An diesem Tag wurde endgültig beschlossen, die Jagd auf Füchse mit Hunden ab dem 18. Februar 2005 zu verbieten. Es folgte eine Welle der Gewalt gegenüber JagdsaboteurInnen. Fast wöchentlich wurden „Antis“, wie sie von den JägerInnen genannt werden, niedergeritten, geschlagen, getreten, beraubt, bedroht oder ihre Autos beschädigt. „Jetzt sehen wir das wahre Gesicht der Jäger“, sagte Dawn Preston, eine Sprecherin der „Hunt Saboteurs Association“ (HSA, Vereinigung der Jagdsaboteure) am 27. November als Reaktion auf die Botschaft eines Huntsman in West Sussex „Ab jetzt sind alle Antis Freiwild!“ So etwas ließen sich seine Kollegen nicht zweimal sagen und noch am selben Tag wurde einem 17-jährigen Saboteur die Nase gebrochen. Gleichzeitig musste in Derbyshire die Kopfwunde einer weiblichen Saboteurin mit fünf Stichen genäht werden, nachdem sie von Mitglieder der „High Peak Hunt“ tätlich angegriffen worden war. Auch durch das lasche Eingreifen der Polizei sahen sich die Jagd-UnterstützerInnen ermutigt, ihre gewalttätigen Attacken fortzusetzen. Am 24. Dezember nahmen sich angestellte Schlägertruppen der „Chiddingfold, Leconfield and Cowdray Hunt“ in West Sussex zwei unbewachte Autos von SaboteurInnen vor. Sie zerschlugen die Scheiben und warfen einen toten Fuchs auf die Sitze. Eine Woche später wurde eine schwangere Saboteurin von einem Jäger mehrfach mit einer Peitsche geschlagen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Am 5. Januar explodierte mitten in der Nacht das Auto von Simon Wright, einem langjährigen Kämpfer gegen die „Crawley and Horsham Hunt“ in West Sussex. Erst kurz zuvor hatte Mr. Wright eine Aussage in einem Strafverfahren gegen einen Jäger gemacht.

Start in London

Aufgrund der zunehmenden Gewalt gehen die JagdsaboteurInnen in ganz England nur noch in größeren Gruppen ans Werk. Wer eine Jagd stören will, muss früh aufstehen. Bereits um 8 Uhr starten an diesem Mittwoch Morgen neun JagdgegnerInnen der „North East London Hunt Sabs“ in der Hauptstadt, um an diesem Tag den JägerInnen der „Essex Hunt“ das Jagen schwer zu machen. Schon kurz nach der Londoner Stadtgrenze befindet sich der schwarze Landrover der Gruppe mitten im „Feindesland“. Unübersehbar prangen Sprüche auf mindestens jeder vierten Autobahnbrücke, die Pro-Jagd-Lobbyisten in riesigen Lettern weithin sichtbar aufgesprüht haben. „Kein Jagd-Verbot - Kämpft für euer Recht“ und ähnliche Botschaften lassen erahnen, dass JagdgegnerInnen hier nicht gerade gern gesehene Gäste sind.

Jeder Saboteur im Wagen benutzt ein Pseudonym. Ellbow ist der Erfahrenste unter ihnen. „Vor sechs Jahren hat die Mutter eines Freundes mich gefragt, ob ich nicht einmal mitkommen möchte“, berichtet Ellbow, der damals noch nicht einmal Vegetarier war. „Wir lagen in einem Graben zwischen zwei Waldgebieten. Plötzlich rannte ein aufgescheuchter Fuchs von dem einen in das andere Waldstück. Sofort sprangen ein paar Leute auf und übersprühten die Fährte. Als kurz darauf die Hunde kamen, fielen sie darauf herein, und der Fuchs war gerettet.“ Seit diesem Tag geht Ellbow jede Woche auf Sabbing-Tour.

Die Londoner Gruppe ist während der Jagd-Saison zwischen November und März jeden Samstag unterwegs. Manchmal auch montags oder mittwochs. Sie ist eine von 40-50 Gruppen in England, die regelmäßig Jagden behindern. Anders als in Deutschland ist es nicht schwierig, die JägerInnen zu finden. Die Termine werden teilweise sogar im Internet bekannt gegeben. „Die sind halt sehr arrogant“, sagt Ellbow. „Sie wollen bekannt sein und glauben durch ihre Jagdgesellschaft ihren sozialen Status in der Gemeinschaft zu erhöhen. Da passt es nicht ins Bild, heimlich zu jagen.“ Die Reihenfolge, in der die einzelnen Gesellschaften mit ihren jeweiligen Hundemeuten auf die Jagd gehen, ist von Jahr zu Jahr identisch. Das heißt, wenn sie sich an einem Samstag im Dorf X treffen, wissen die SaboteurInnen, die sich selbst nur kurz „Sabs“ nennen, dass sie sich in der kommenden Woche im Dorf Y treffen werden. So kommt es auch, dass sich jede Woche teilweise dieselben Menschen gegenüber stehen.

Kein Klassenkampf

Dass es sich bei den Jagdsabotagen auch um eine Art von Klassenkampf gegen den Landadel handelt, bestreitet Ellbow. „Es geht heute nur noch um Tierrechte. Das war vor zehn Jahren vielleicht anders. Damals gab es auch Saboteure, die mit den Tieren nicht wirklich was am Hut hatten.“ Die Proteste waren zu dieser Zeit auch viel gewalttätiger, was zwei Jagdgegner, Mike Hill und Tom Worby mit dem Leben bezahlten. „Gewalt ist immer schlecht - auch deshalb, weil sie uns vom Sabotieren der Jagd abhält“, sagt Ellbow. „Dann bräuchten sie nur eine Schlägerbande engagieren und in der Zeit, in der wir uns mit denen prügeln, können die Jäger Tiere töten. Deshalb lassen wir uns nicht provozieren, sondern konzentrieren uns auf unseren Job.“

Vier verschiedene Jagdgesellschaften sind regelmäßig und am Wochenende auch gleichzeitig in dem Gebiet aktiv, das die Nord-Londoner Sab-Gruppe abdeckt. Zum Tagesanbruch wissen weder JägerInnen noch die Polizei, welche Jagd gestört werden soll. Sicher ist nur: Eine wird es sein. Deshalb begleitet je ein Polizeiwagen jede Jagdgesellschaft. Sobald die JagdgegnerInnen auftauchen, werden die PolizistInnen der nicht sabotierten Jagd abgezogen und als Verstärkung zu der sabotierten Jagd geschickt. „Das ist aber auch nur samstags so“, sagt „Diesel“, mit dessen Pseudonym die anderen manchmal noch Schwierigkeiten haben, weil er erst kürzlich sein altes „T-Bone“ abgelegt hat. Es war seinem echten Namen zu ähnlich. „Heute kann es passieren, dass gar keine Cops auftauchen. Letzten Samstag haben wir genau dieselbe Jagd gestört und weder die Jäger noch die Polizei erwarten uns heute.“ Bei den PolizistInnen handele es sich in der Regel um spezialisierte Einheiten, was den Vorteil hat, dass selten DorfpolizistInnen zum Einsatz kommen, die eventuell am Vorabend noch mit den örtlichen JägerInnen gemeinsam im Pub auf einen erfolgreiche Jagd angestoßen haben.

Jagdschutz-Service

Dennoch schlug sich die Polizei in der Vergangenheit meist auf die Seite der Jagdgesellschaften, was ihr in Essex den Namen Jagdschutz-Service einbrachte. Übergriffe mit schweren Körperverletzungen auf JagdgegnerInnen wurden nicht verfolgt und den JägerInnen damit Anlass geboten, weitere Straftaten zu begehen. Währenddessen wurden bei noch so haarsträubenden Anschuldigungen gegenüber JagdgegnerInnen hart und überzogen durchgegriffen mit teilweise skurrilen Auswüchsen. So wurde etwa die Londoner Gruppe vor einigen Wochen nach einer erfolgreichen Sabotage, in deren Verlauf ein Fuchs gerettet wurde, indem seine Fährte an einem Strohballen mit Zitronella-Aroma verwischt worden war, von einem Polizeiauto gestoppt. Folgendes Gespräch ging in die Annalen der Jagdsabotage ein:


Polizist: Ich muss alle durchsuchen.

Sab: Wonach suchen Sie?

Polizist: Nach einer Waffe?

Sab: Nach was für eine Art von Waffe?

Polizist: Das darf ich nicht sagen.

Sab: Wer wurde denn von einer Waffe verletzt?

Polizist: Ich suche nach einer Chemikalie.

Sab: Wurde jemand vergiftet?

Polizist: Kriminelle Beschädigung mit Chemikalien.

Sab: Was wurde beschädigt?

Polizist: Strohballen.


Mit einiger Spannung und sehr unterschiedlichen Einschätzungen erwarten die englischen JagdgegnerInnen das Verhalten der Polizei nach dem 18. Februar, wenn die Fuchsjagd illegal sein wird. Ellbow ist eher optimistisch: „Die meisten haben kapiert, dass sie demnächst illegale Jäger schnappen und dafür mit uns zusammen arbeiten müssen.“ Das Verhalten der Polizei habe sich in den letzten Monaten in mancherlei Hinsicht verbessert. „Früher durften wir die Jagd offiziell nur von öffentlichen Straßen aus stören. Mittlerweile sagen uns die Polizisten vorher, dass alles okay ist, solange wir auf Fußwegen bleiben, auch wenn diese sich auf privatem Land befinden.“ Zum Vergleich: In Deutschland ist jede Art der Jagdstörung verboten, sogar auf dem eigenen Grundbesitz muss ein Landeigentümer die Jagd tolerieren.

Viele andere englische JagdgegnerInnen glauben allerdings, dass die Polizei ihnen weiterhin Steine in den Weg legen und nicht effektiv gegen die JägerInnen vorgehen wird. Vorstellbar ist auch, dass die Polizei überhaupt nicht mehr bei Fuchsjagden sehen lässt. Bestätigt werden ihre Meinungen durch Aussagen hochrangiger PolizeivertreterInnen, die immer wieder betonen, dass der englischen Polizei schlichtweg die Kapazitäten fehlen, um das Fuchsjagd-Verbot großflächig durchzusetzen.

Vorsprühen kann Leben retten

Nach gut einstündiger Fahrt ist das heutige Ziel, der kleine Ort Kelvedon Hatch in der Grafschaft Essex, erreicht. Es ist 10 Uhr, die JägerInnen treffen sich erst um 11. Zeit für die erste taktische Maßnahme, das Pre-Spraying (Vorsprühen). Mit dicken Sprühflaschen ausgerüstet laufen die Sabs am Waldrand entlang und verteilen die völlig harmlose Flüssigkeit. „Achtet darauf, dass ihr immer auf Kniehöhe sprüht. Da haben die Hunde ihre Nasen“, erklärt Ellbow. „Wenn wir Glück haben, retten wir allein durch das Vorsprühen schon Füchsen das Leben. Die Hunde können die Fährte nicht riechen und folgen dem Fuchs eventuell nicht in den Wald hinein..“


Um 11 Uhr springen alle wieder in den Landrover und lassen sich zu einer Anhöhe kutschieren, von der aus der Treffpunkt der JägerInnen auf einer Farm einsehbar ist. Mit Ferngläsern beobachten die Sabs, was sich tut und in welche Richtung die Jagdgesellschaft vermutlich aufbrechen wird. Die Jagd besteht aus vier berittenen Hunt-Masters, den sogenannten Redcoats, die rote Jacken tragen. Sie sind die professionellen Jäger, kontrollieren die ca. 30 Hunde und bestimmen den Ablauf der Jagd. Ihnen folgen an diesem Tag etwa 20 weitere ReiterInnen in blauen Jacken. Sie versuchen, den Hunden mehr oder weniger energisch auf den Fersen zu bleiben und machen sich einen Spaß daraus, ihre Pferde den ganzen Tag über Stock und Stein zu hetzen. Und dann ist da noch das Fußvolk bestehend aus AusflüglerInnen, GafferInnen oder AnwohnerInnen, das ebenfalls versucht, der Jagd irgendwie zu folgen.

Jamie, der Terrierboy

„Oh nein - es ist Jamie“, stößt Diesel mit einer Mischung aus Respekt und Abscheu hervor und zeigt auf die letzte wichtige Person einer jeden Fuchsjagd, den „Terrierboy“. Der Terrierboy fährt auf einem kleinen Motor-Vehikel, das irgendwie an einen Skibob erinnert und wegen seiner vier dicken Räder „Quadbike“ genannt wird. Wenn ein Fuchs in einem Bau verschwindet, schickt er einen kleinen Terrier hinein, der darauf abgerichtet ist, den Fuchs unter der Erde zum Kampf zu stellen. Der Terrierboy beginnt dann, mit einer Schaufel den ganzen Bau auszugraben, bis er Hund und Fuchs herausziehen kann. Der Fuchs sollte dann laut Richtlinien erschossen werden, doch häufig wird er lebendig den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Das Ausgraben von Fuchsbauten gilt unter den JägerInnen als sehr „unfeine Art des sportlichen Wettkampfs“. Terrierboys haben einen schlechten Ruf und Jamie hat wohl den allerschlechtesten. Diesel berichtet, warum: „Der Typ ist völlig abgedreht, unberechenbar und gewalttätig. Erst vor ein paar Wochen wurde er verhaftet, weil er einem Jagdsaboteur mit einer Stange das Handgelenk gebrochen hat.“


Plötzlich kommt Bewegung in die Hundemeute. Offensichtlich haben die Tiere auf der Zufahrt zur Farm einen Fuchs gewittert noch bevor die Jagd richtig begonnen hat. „Verflucht“, ruft Ellbow nach einem Blick durchs Fernglas. „Es scheint so, dass sie einen Fuchs ausgraben wollen. Lasst uns hinuntergehen und versuchen, es zu verhindern.“ Andere Sabs melden Zweifel an, weil die Gruppe so klein ist. Jamie, der Terrierboy, sorgt für eine Entscheidung. An seiner Gestik lässt sich erkennen, dass der Bau zu tief zum Ausgraben ist. Nun setzt sich die Jagd in südöstliche Richtung in Bewegung.


Im Laufschritt durchs Feld


Über Funk ist Ellbow mit Animal verbunden, einem Jagdgegner, der am heutigen Tag den Landrover fährt und diesen auch nie verlässt. Ein verlassener Wagen wäre ein zu leichtes Ziel für die militanten Jagd-UnterstützerInnen. Die nächste Stunde verbringen die Sabs damit, teils im Laufschritt über matschige Felder und Wege zu hetzen oder sich von Animal an einen anderen Ort fahren zu lassen, immer auf der Verfolgung der Jagd oder mit dem Ziel, ihr den Weg abzuschneiden. Es geht darum, mitzubekommen, sobald die Foxhounds eine Spur wittern und dann möglichst in der Nähe zu sein, um die Spur zu übersprühen oder Kontrolle über die Hunde zu bekommen. Dies versuchen die Sabs mit den gleichen Jagdhörnern und Rufsignalen, die auch die JägerInnen verwenden. Die HSA existiert seit 1964 und in dieser Zeit haben die SaboteurInnen ihr Wissen ständig erweitert und ihre Stör-Taktiken effizient verbessert.

Immer, wenn die Sabs der Jagd sehr nahe kommen, rufen einige ReiterInnen wüste Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen herüber. Plötzlich löst sich ein Redcoat aus der Jagdgruppe und galoppiert wie von der Tarantel gestochen auf die Sabs zu. Es ist Simon Marriage, einer der Hunt-Masters und droht: „Ihr befindet euch auf privatem Grund und nicht auf einem Fußweg. Haut sofort ab, sonst setzt es was.“ Ellbow erwidert: „Das ist nicht wahr. Ihr habt nur das Schild, das den Fußweg ausweist, entfernt.“ Nach einem heftigen Wortgefecht und mehreren drohenden Bewegungen Simons mit seiner Peitsche ziehen sich die JagdgegnerInnen vorsichtshalber zurück.


Menschenjagd


Es ist halb eins. Matsch und Dreck haben die Sabs mittlerweile von den Schuhen bis zu den Knien braun eingefärbt. Von einem großen Feld aus haben sie erneut die Hundemeute erspäht, die sich am nahen Waldrand zu schaffen macht. Ein paar Hornstöße und Rufe scheinen die Foxhounds zu irritieren. Da kommt plötzlich wieder Simon Marriage wutentbrannt herangespurtet. „Ich habe euch gewarnt. Jetzt seid ihr fällig.“ „Was soll das Simon? Wir sind nach wie vor auf einem Weg“, entgegnet Ellbow, der sich nicht einschüchtern lässt und gar nicht daran denkt, vor dem Reiter zurückzuweichen. In diesem Augenblick kommt Jamie, der Terrierboy, auf seinem Quadbike mit sicher 60 Stundenkilometern über das Feld geschossen. Auf dem Rücksitz hat einer eine junge Frau. Die beiden rasen mit grinsenden Grimassen wie von Wahnsinnigen mitten in die Sab-Gruppe hinein. Zum Glück gelingt es allen, rechtzeitig auf Seite zu springen. Nun starten auch Simon seine ersten Frontal-Angriffe. Eine Hetzjagd beginnt, nicht auf Füchse, sondern diesmal auf Menschen. Teils panisch preschen die Sabs auseinander, versuchen immer wieder, neuen Angriffen des Reiters und des Bike-Fahrers auszuweichen. Doch es ist schwierig auf beide Angreifer gleichzeitig zu achten. Ellbow wird von den Quadbike gerammt und fällt zu Boden. Teresa, eine junge Saboteurin, die erst zum dritten Mal dabei ist, kann nicht so schnell laufen. Während sie vor Jamie flieht, galoppiert Simon von hinten auf sie zu, und versetzt ihr einen Schlag mit der Holzpeitsche auf den Kopf. Sie kauert am Boden, hält sich den Kopf. Simon bremst sein Pferd scharf ab und schlägt ihr noch einmal mit voller Wucht auf den Rücken. Die anderen Sabs brüllen: „Bastard, wir hauen doch schon ab. Siehst du das denn nicht?“ Sie laufen zu einem großen Baum, dem einzigen Anhaltspunkt auf dem Feld. Simon folgt ihnen und schreit: „Ihr könnt euch da nicht verstecken. Wir kriegen euch.“ Zwei weitere Saboteure werden von der Peitsche getroffen, ehe Simon und Jamie endlich abdrehen und verschwinden. Zum Glück haben die Sabs außer Beulen und blauen Flecken keine größeren Verletzungen zu beklagen. Einem Reporter der Zeitung „Independent“, den sie später am Tag treffen, werden einige berichten, dass sie in dieser Situation um ihr Leben fürchteten - ganz sicher keine Übertreibung.


Die Sabotage ist mit diesem Vorfall aber noch nicht beendet. „Diesen Gefallen tun wir den Jägern nicht“, sagt Ellbow. „Dann würden sie ja denken, sie brauchen uns nur zu schlagen und schon verschwinden wir.“ Allerdings entschließen sich die Sabs, ab jetzt nur noch von befahrbaren Straßen zu stören. Es soll nicht riskiert werden, dass die Videokamera, mit der die ganze Eskalation gefilmt worden ist, bei einem weiteren Angriff beschädigt oder gestohlen wird. Zunächst wird aber die Polizei telefonisch informiert. „Sie wollen ein paar Leute rausschicken“, sagt Ellbow, doch den ganzen Tag über wird kein einziger Beamter auftauchen.


Freude und Furcht


Auf einer Anhöhe entdecken die Sabs erneut die Jagd und tatsächlich scheinen die Foxhounds einer Fuchsfährte auf der Spur zu sein. Zeit für eine neue Taktik. Über einen Walkman mit angeschlossenem Lautsprecher spielen die Sabs ein Tonband mit Geräuschen von Foxhounds ab, die diese von sich geben, wenn sie einen Fuchs in den Bau gejagt haben. Über ein Megafon tönt dieses Geschrei nun der Jagd entgegen. Und es wirkt prompt. Die Hunde lassen von ihrer Fährte ab und jagen quer über das Feld auf die Gruppe der JagdgegnerInnen zu. Der Fuchs ist gerettet. Doch hinter den Hunden kommen die ReiterInnen. „Schnell, schnell in den Landrover!“ Alle springen durch die Hintertür in den Wagen. Sekundenbruchteile, bevor der erste Reiter wie wild auf den Wagen prügelt, wird die Tür zugeschlagen und Animal gibt Gas. Breites Grinsen bei den Sabs. Die Aktion ist gelungen.


Doch das Glücksgefühl soll nicht lange anhalten und schon bald wieder der Furcht weichen. Auf einer schmalen Landstraße versperren plötzlich drei Reiter dem Landrover die Weiterfahrt. Gleichzeitig tauchen im Rückspiegel zwei Autos mit Jagd-UnterstützerInnen sowie das Quadbike des Terrierboys auf. Die Sab-Gruppe ist eingeschlossen. Fünf Minuten ändert sich nichts an der Situation. „Passt auf Jamies Hände auf“, sagt Diesel leise. „Kann gut sein, dass er irgendwann eine Waffe oder so was hervorzieht.“ Zwei Reiter nähern sich dem Landrover von der Seite. Plötzlich ein lautes Scheppern. Sie haben den linken Außenspiegel zerschlagen. Nun entlädt sich der ganze Frust über die erneute Sabotage und des Fuchsjagdverbot generell. Aus den beiden Wagen hinter dem Landrover steigen ein paar Männer aus. „Fahr, Animal, fahr einfach!“ Animal hupt und gibt langsam Gas. Erst im letzten Moment lenken die Reiter ihre Pferde auf Seite. Die Straße ist frei.


Die Sabs machen ihrem Ärger Luft: „Verfluchter Jäger-Abschaum!“ Die psychische Belastung durch die ständige, direkte Konfrontation mit den GewalttäterInnen ist enorm. Über Handy meldet sich der Journalist des Independent, der eigentlich schon am Morgen zur Gruppe stoßen wollte. Ein Treffpunkt wird vereinbart. Außer dem Journalisten stehen an dieser Kreuzung auch viele Schaulustige herum. Nach einer kurzen Begrüßung tauchen schon wieder die ReiterInnen auf, allen voran Simon Marriage. Vor den Augen des Journalisten zertrümmert er auch den anderen Außenspiegel des Landrovers. Aus sicherer Entfernung wird noch einmal das Megafon zum Einsatz gebracht, doch als die Batterien den Geist aufgeben, entscheiden sich die Sabs gegen 16 Uhr, das Jagdgebiet zu verlassen. „Ganz sicher können wir nicht sein, aber von ihrem wütenden Verhalten her lässt sich vermuten, dass sie heute keinen Fuchs erwischt haben“, sagt Ellbow.


Hunting, Shooting, Angling


Im nächsten größeren Ort, Brentwood, gehen einige Sabs zur Polizeiwache, um Anzeige zu erstatten. Die anderen treffen sich mit dem Journalisten in einem Pub und erzählen die Geschichten des Tages. Was sie von dem Verbot der Fuchsjagd halten, will der Mann wissen. „Jetzt wird nur das umgesetzt, was die Mehrheit der Bevölkerung seit Jahren verlangt“, sagt Diesel. Auch die Landbevölkerung sei zu einem Großteil gegen die Jagd, gegen das Zerstören ihrer Felder und Gärten oder das unausweichliche Töten von etlichen Hauskatzen durch die Jagdhunde. „Und wie geht es nach dem Verbot weiter?“ lautet die nächste Frage. Ellbow vermutet, dass der erste Monat, also die Zeit bis zum Ende der Jagdsaison im März, entscheidend sein wird. „Wenn die Polizei da durchgreift, wird es im nächsten Winter vielleicht schon so gut wie keine Fuchsjagd mehr geben.“ Doch selbst das wäre natürlich nicht automatisch das Ende der Hunt Saboteurs. „Hunting, Shooting, Angling“, macht Ellbow die Reihenfolge klar. Wenn die Fuchsjagd Geschichte ist, sind die schießenden JägerInnen an der Reihe und danach der Angelsport. „Wir werden weiter kämpfen, bis alle Wildtiere Großbritanniens in Sicherheit vor dem Menschen sind.“

Wolfgang Siebert

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen




Shop Kontakt Newsletter Linkliste Tierfreunde Nord Forum/Community -Tierheim ! Literatur-Tipps Himmlisch-gut.de Tiertafel Global 2000: Die Gebirge Europas + Das Mittelmeerbecken + Die Seen des grossen afrikanischen Grabenbruchs + Die Akaziensavanne Ostafrikas + Das Kongobecken + Die Kappellen + Die Wälder Madagaskars + Die Regenwälder der Malediven, Lakkadiven und Chagos-Inseln + Die Savannen und Grasländer des Terai-Duar + Die Wälder der Sundarbans + Die Sumpfwälder Borneos + Die Daurische Steppe + Die Sibirische Taiga + Das Bering-Meer + Die Wüste im Nordwesten Australiens + Das Great Barrier Reef + Die Wälder Neukaledoniens + Die Wälder der Haweii-Inseln + Die Osterinseln + Die Galapagos-Inseln + Die Prärien Nordamerikas + Die Chihuahua-Wüste + Die grossen Antillen: Kuba + Die Los-Llanos-Savanne in Kolumbien und Venezuela + Das Amazunasbecken + Die Patagonische Steppe + Die antarktische Halbinsel und das Wedell-Meer