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20.01.2009

Briefe von Tierrechtsgefangenen: Kevin Kjonaas (SHAC7)

Briefe von Tierrechtsgefangenen: Kevin Kjonaas (SHAC7)

Liebe Freunde,

Bitte entschuldigt diesen unpersönlichen Brief. Aufgrund der überwältigenden Zahl an Briefen, die ich von neuen Freunden aus der ganzen Welt erhalten habe, war ich bisher sowohl zeitlich als auch finanziell nicht in der Lage, jeden einzelnen Brief persönlich zu beantworten. In meinem ersten Monat in Gefangenschaft habe ich Post von mehr als 300 Menschen erhalten. Dieser Strom von positiver Unterstützung war für mich ein Lebensretter, wie eine Krücke, wenn es mir emotional und mental nicht so gut ging. Danke!

Ich schätze, mit der Zeit werden einige Brieffreundschaften auslaufen und andere dafür intensiver werden. Ich freue mich darauf, in den nächsten Monaten – hoffentlich nicht Jahren (Daumen drücken für meine Revision) - persönliche Dialoge mit so vielen von euch wie möglich zu entwickeln. Schickt Briefmarken, denn ich habe immer nur wenige.

Weihnachten hier im Gefängnis erinnerte irgendwie an die erste Hälfte von „Charlie Brown Christmas Special“. Es wurde ein kleiner trauriger Weihnachtsbaum in der Mitte des Geländes aufgestellt. Er steht schief, ist armselig dekoriert und macht viele der Insassen wütend, die lieber nicht an die verpassten Ferien mit ihren Freunden und Verwandten erinnert werden wollen. Mehr als einmal habe ich Gemurre und Verschwörungen belauscht, das verdammte Ding zu zerlegen, um den Baum und uns alle aus dieser Notlage zu erlösen. Nun, er steht immer noch, während ich das hier schreibe.

Der erste Monat in Gefangenschaft ging schnell herum. Nur noch 71 weitere Monate, wenn das Amerika der Bürgerrechte und der politischen Gerechtigkeit tatsächlich gestorben ist. So wie ich es erwartet hatte, war die erste Woche hier die schlimmste und jeder Folgetag war ein wenig einfacher. Die Gefängnisleitung hilft dir wenig bis gar nicht bei der Erklärung, wie du hier zu leben hast. Du wirst in die Tiefe geworfen und dann heißt es „Schwimm oder ertrink“. Ich habe hier Wasser getreten im ersten Monat und mit einiger Leichtigkeit überlebt, aber die Müdigkeit wächst.

Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, waren extrem nett (denn sie haben alle dasselbe mitgemacht wie dieser neue Typ) und sind mir mit milder Neugier begegnet. Ich fühle mich hier ein wenig wie ein Zootier, denn bei allem Respekt vor meinen Knast-Genossen scheine ich doch irgendwie anders zu sein. Jeden Tag fühle ich mich ständig wie ein Gast in der Larry King Show, denn ich werde mit Fragen bombardiert, was ich esse, was ich lese, wie ich aufgewachsen bin, was ich studiert habe und welches Verbrechen ich begangen habe (letzteres benötigt dann üblicherweise zwei bis drei zusätzliche Erklärungen).

Das Leben hier erinnert an den alten Bill-Murray-Film “Täglich grüßt das Murmeltier”, in dem jeder Tag exakt genauso abläuft wie der vorherige. Und ich bin hier die Quelle der Unterhaltung für einige der Jungs, die krank werden von diesem banalen Dasein. Da ich jemand bin, der auch nach Privatsphäre begehrt, ist es klar, dass ich auch manchmal Antworten verweigern muss.

Mein Alltag ist ziemlich einfach und selbst bestimmt. Ich wache zwischen 7 und 8 Uhr auf, mache dann mein Bett und mich selbst zurecht (in gewissem Umfang – die, die mich kennen, wissen von meiner normalen meist zerzausten Erscheinung). Dann melde ich mich beim C.O. (correction officer). Ich muss mich zweimal am Tag melden. Einmal um 8 Uhr und einmal mittags. Allerdings nur an Wochentagen. Jeder muss das machen, ich habe keine Ahnung warum – denn es ist nicht so, dass wir diesen Ort hier verlassen könnten. Dann mache ich mir eine Tasse Kaffee oder schwarzen Tee und schütte den über die New York Times (Danke an Karen Dawn!). Dann schreibe ich ein paar Briefe bis 11 Uhr, wenn es Mittagessen gibt. Das Essen ist hier so, wie es halt ist. Es ist nicht toll, aber meistens finde ich etwas zu essen. Es gibt immer eine vegetarische Option und 60-70% davon sind vegan. Typisch sind Soja-Hotdogs, Veggie-Burger, Nudeln mit Tomatensoße, Bohnen und spanischer Reis mit Tacosoße. Obwohl ich verstanden habe, dass es mir damit wohl besser geht als manchem meiner Mitangeklagten, gibt es hier definitiv die Notwendigkeit für eine Verbesserung des Essens in Sandstone. Das ist ein kleines Projekt, an dem ich arbeite.

Nach dem Mittagessen treffe ich mich mit einer Gruppe von intellektuellen Verwandten in diesem ansonstigen Abgrund der Idiotie. Von 11:30 bis 13.30 Uhr sprechen wir über laufende Veranstaltungen, politische Ereignisse, Kunst, Architektur, Essen oder Philosophie. Diese Gespräche sind wie Muttermilch für meinen unterernährten Geist. Außerhalb dieser Treffen drehen sich die meisten Dialoge um Football oder Nascar-Rennen oder darum, wie viele Kilos du im Bankdrücken schaffst. In meiner kleinen Gruppe tauschen wir Magazine, Zeitungen und Bücher, was großen Spaß macht und meinen Sachen ein zweites und drittes Leben verschafft, nachdem ich sie durchgelesen habe. Eine tolle Möglichkeit, anderen Leuten die „VegNews“ näher zu bringen!

Nach dem Gruppentreffen gehe ich einige Kilometer spazieren und höre dabei NPR (National Public Radio, Anm. des. Übers.) spiele Schach oder Pingpong mit irgendwem, der in der Nähe ist oder ich gehe zurück in meinen Bereich, um zu lesen oder zu schreiben. 15.30 Uhr ist dann meine Lieblingszeit des Tages. Da kommt die Post! Das ist wie Weihnachten von Montag bis Freitag für mich. Die Menge und Herkunft der Briefe macht mich zu einem kleinen Promi unter den anderen Insassen, die ein paar wenige Briefe im Monat bekommen, wenn sie Glück haben. Ich bekomme ungefähr 20 Briefe am Tag und das sorgt für einen starken Eindruck von unserer Bewegung. Ich lese die Briefe vor dem Abendessen. Ich teste dann die vegetarische Option und grüble, ob ich mich dazu durchringen kann, das zu essen oder nicht. Das texturierte Sojaeiweiß ist generell schwer zu verdauen.

Nach dem Essen geht es an die Telefone und ich spreche mit Aaron und Willy, meiner Mutter und ein paar Freunden, mit denen ich Telefonate führen darf. Wir dürfen im Monat 300 Minuten telefonieren bei einer Gesprächsdauer von höchstens 15 Minuten. Diese wertvolle Zeit geht für mich viel zu schnell vorüber!


Um 17:30 Uhr renne ich zurück in meine Einheit, um die NBC evening news zu sehen. Das ist eine von wenigen Shows, die ich jede Woche sehe. Es gibt ein Insassen-Komitee, das entscheidet, was auf den fünf Fernsehern in jeder Einheit läuft. Auf einem läuft grundsätzlich der spanische Kanal und auf einem anderen B.E.T. (Black Entertainment Television, Anm. des. Übers.). Für die anderen drei gibt es einen Kalender, auf dem eingetragen wird, welche Shows und Filme wann laufen. Am Wochenende laufen ca. zehn verschiedene Movies nonstop. Seit ich hier bin habe ich “Das Mädchen aus dem Wasser”, “Fluch der Karibik( 1 & 2)”, “Der DaVinci Code”, “Das Spiel der Macht” und noch ein paar andere gesehen, an die ich mich nicht erinnern kann. Nichts, an das man sich erinnern müsste. Mit ein bisschen Schmeichelei gegenüber jemandem aus dem Komitee habe ich es geschafft, „Eine unbequeme Wahrheit“ auf die Januar-Liste zu bekommen!


Die Abende verbringe ich mit Gesprächen mit meinem Kojennachbarn, mit Lesen und Schreiben oder mit Training. Glaubt es oder nicht – ich mache jetzt Gewichtheben! Mit meinen Trainingspartnern bin ich jetzt seit drei Wochen dabei (viermal pro Woche) und ich spüre Veränderungen in meinem Körper. Mit meinen 60 Kilo sieht es bestimmt komisch aus, wenn ich mich traurig an 30 Kilo-Hanteln versuche. Aber immerhin, es ist ein Anfang. Mit einem anderen Typen mache ich auch Yoga dreimal in der Woche und werde mich bald bei einem neuen Yoga-Kurs anmelden.


Mein Zellenkollege ist nett und hat sich angewöhnt, eine Art Bewacher für mich zu sein, was nett ist, weil ich das gebrauchen kann. Er kennt auch die Fallstricke hier, weil er seit 1991 drin ist. Wir kommen gut miteinander aus und zu meiner (teilweisen) Erleichterung, ist er fast Vegetarier (er nennt sich selbst so, obwohl er noch Fisch isst).

Alles in allem geht es mir ganz gut und das liegt zum Großteil an euren regelmäßigen Briefen. Ich bedanke mich auch, dass viele von euch meine Familie unterstützen, besonders meine Hunde. Worte können nicht meine Dankbarkeit für all das beschreiben und glaubt mir, ich mache eine Liste mit allen Freunden, damit ich euch eine Einladung zu meiner „Vorzeitigen-Entlassungs-Party“ schicken kann – hoffentlich bald!

Ich hätte noch viel mehr Dinge zu sagen, aber muss sie mir für weitere Briefe aufsparen. Ich freue mich darauf, bald wieder von euch zu hören.

Kevin

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