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23.01.2009

Das grausame Geschäft mit den Pferdekutschen

"Kutschpferde": Lassen Sie sich nicht "verladen"
Stand: Januar 2009
Was könnte wohl romantischer sein als ein gemütlicher Ausflug in einer Pferdekutsche an einem lauen Sommerabend oder im Winter bei Schnee? Doch der Schein trügt:

2008 gab es in Berlin gleich zwei große Unfälle. Im Frühling brach die 17 jährige Stute Bess vor dem Hotel Adlon am Brandenburger Tor zusammen.
Am 2. Weihnachtsfeiertag kam es wieder zu einem schweren Unfall in Berlin Mitte: aufscheuchende Pferde gingen mit dem Gefährt und den drei Passagieren darin durch. Dabei wurden vier am Straßenrand geparkte Autos sowie einige Baustellenabsperrungen beschädigt. Erst Polizeibeamten gelang es, das Fuhrwerk zu stoppen. Die drei Insassenblieben unverletzt, aber der Kutscher wurde mitgeschleift und vom eigenen Fuhrwerk überrollt und musste laut Angaben der Polizei mit schweren Verletzungen ins Bundeswehrkrankenhaus transportiert werden.

Im August 2007 brach „Herkules“ in Rothenburg ob der Tauber zusammen, der herbeigerufene Tierarzt konnte nichts mehr für das stattliche Tier tun. Erst im Oktober 2005 traf es in der gleichen Stadt den 22-jährigen Wallach „Boss“, der nach einem Schwächeanfall stolperte und auf dem harten Pflaster aufprallte. 10 Minuten lang wurde dem Pferd durch Tritte und Schläge schwer zugesetzt und da das zweite, noch eingespannte „Zug“pferd unruhig wurde und sich vor und zurück bewegte, rollte auch noch das rechte Vorderrad der Kutsche mehrmals über die Fesseln des liegenden Pferdes. „Boss“ stand nicht mehr auf. (1) Viel zu oft brechen Pferde vor der Kutsche zusammen, verletzen sich schwer oder sterben – ob in Deutschland, in anderen europäischen Ländern, den USA oder sonst wo in der Welt.

Schwerstarbeit für die Pferde

Viele der Pferde, die vor die Kutsche gespannt werden und auf der Straße enden, sind "ausrangierte" Trabrennpferde. Einige Rassen werden oft für Rennen trainiert, indem man sie an ein Fahrzeug anbindet, das die Geschwindigkeit zunehmend erhöht, deshalb halten die Pferdekutscher diese Pferde für besonders "straßentauglich". (2) Aber Standardrassen sind viel kleiner und leichter als traditionelle "Zug“pferde und sind nicht dafür ausgerichtet, schwere Lasten zu ziehen. Unabhängig von ihrer Herkunft bringen die meisten der Pferde, so die Tierärztin Holly Cheever, "wenn sie Kutschpferde werden ein Erbe mit, das aus früheren Verletzungen und Schwachstellen besteht." (3) Können die Pferde nicht länger die schweren Lasten ziehen, werden sie an Schlachthöfe oder Hundefutterhersteller verkauft.

Und selbst für gesunde Pferde ist das Ziehen einer Kutsche keine leichte Arbeit. In vielen Ländern gibt es keinerlei Vorschriften, welche die Arbeitsbedingungen von Pferden vor der Kutsche regeln. Dort wo es Gesetze gibt, sind sie unzureichend formuliert und Pferdekutscher kennen die Schlupflöcher der Gesetze nur zu gut. Ein Beamter der kanadischen SPCA (Society for the Prevention of Cruelty to Animals) meinte dazu: "Wenn die Bestimmungen besagen, dass ein Pferd nur an neun aufeinanderfolgenden Stunden arbeiten darf, es aber versäumen zu betonen, dass sich dies auf einen Zeitraum von 24 Stunden bezieht, dann lassen die Kutscher die Pferde neun Stunden lang arbeiten, es dann für ein oder zwei Stunden ruhen, und schon geht es wieder an die Arbeit." (4) So kommt es, dass viele Pferde täglich 12 Stunden oder mehr arbeiten müssen, und dies auch noch unter extremen Wetterbedingungen.

Die Wetterverhältnisse erweisen sich oftmals als fatal für die Pferde. So sind die Pferde bitterer Kälte und glühender Hitze ausgesetzt. Die Pferdekutscher Nordamerikas z.B. - eine Organisation, der nur ein kleiner Prozentsatz der dortigen Pferdekutscher angehört - gibt vor, dass Pferde noch arbeiten dürfen, wenn die Temperatur nur noch bei minus 13 Grad Celsius liegt, also deutlich unter dem Gefrierpunkt. (5) In den heißen Urlaubsländern und während der Sommermonate leiden die Pferde an Dehydrierung und Hitzestress und können innerhalb weniger Stunden sterben. In einigen Städten sind Kutschfahrten ab einer gewissen Temperatur verboten, aber oft entspricht die von den amtlichen Wetterämtern angegebene Temperatur nicht der, die auf den Straßen tatsächlich herrscht. So befand z.B. eine Studie, die von der Cornell Universität herausgegeben wurde, dass die von den Wetterämtern angegebene Lufttemperatur um einiges kühler sein kann als die tatsächliche Asphalt-Temperatur. (6)

Unfälle vorprogrammiert

Pferde und starker Straßenverkehr können eine gefährliche Mischung abgeben. Auch wenn Pferdekutscher etwas anderes sagen, ist es Pferden keinesfalls angenehm, inmitten von Autos und LKWs zu arbeiten, und viele Unfälle, Verletzungen und sogar Todesfälle - von Pferden und Menschen - sind verursacht worden, weil Pferde in diesem Verkehr durchgedreht sind. Nach Cheever's Angaben ist es für das Fluchttier Pferd völlig natürlich, "auf beängstigende Situationen mit Panik und Flucht zu reagieren." (7) Eine Untersuchung bundesweiter Kutschpferdeunfälle in den USA ergab, dass 85% der Unfälle solche Angstzustände zu Grunde lagen. In 70% der Fälle wurde ein Mensch verletzt, in 22% der Fälle ein Mensch getötet. (8) Diese Untersuchung ergab außerdem, dass in der Stadt New York 98% der Pferde, die durchgedreht waren, verletzt wurden. (9, 10)

Zu Verletzungen und Todesfällen aufgrund von Zusammenstößen zwischen Fahrzeugen und Kutschpferden kommt es immer wieder. Erst im September 2007 kam der Kutscher bei einem Kutschunfall in Niedersachsen ums Leben, 14 Menschen wurden verletzt. (11) Dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden wurden in den Jahren 1998 bis 2002 jeweils rund 150 Unfälle mit Verletzten oder Toten gemeldet, an denen Fahrer «bespannter Fuhrwerke» beteiligt waren. (12)

Die Pferde werden krank

Der Rauch und die Abgase des Stadtverkehrs sind für die Pferde außerdem gesundheitsschädlich. Eine Studie der Tierärztin Jeffie Roszel ergab, dass "Proben der Trachea und der Sekrete des Atmungsapparates schwere Lungenschäden zeigten, und zwar in derselben Größenordnung, wie sie bei starken Rauchern zu erwarten sind." (13) Die Nüstern der Pferde sind gewöhnlich nur etwas über einem Meter über dem Straßenniveau, daher "stinkt den Pferden dieser Job im wahrsten Sinne des Wortes." (14)

Außerdem leiden diese Pferde regelmäßig unter der Handhabung der schlecht ausgebildeten Kutscher. Und weil sie sich stets nur auf harten Straßen bewegen und stehen, "sind Lahmen und Hufabnutzung unvermeidbar" , so Dr. Cheever. "Diese Probleme werden noch durch die Unerfahrenheit der großen Mehrheit der Eigentümer und Kutscher verschlimmert, die entweder außerstande sind, Lahmheit zu erkennen, oder nicht willens sind, finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen, wenn sie die Tiere für ein paar Tage aus dem Betrieb nehmen." (15) Viele Kutscher sind auch nicht fähig, das Geschirr korrekt anzulegen und lassen die Riemen entweder so locker hängen, dass sie den Tieren die Haut abreiben, oder sie ziehen sie so fest an, dass sie sie kneifen. Und dann werden auch nur wenige der Pferde oft genug mit neuen Hufeisen beschlagen.

Unsichere Bedingungen

Die Bedingungen der Pferde sind außerhalb der Straße auch nicht viel besser. Razzien in entsprechenden Ställen in den USA haben aufgedeckt, dass es kaum Heu oder anderes Polstermaterial gab, die Böden oft von Urin und Mist verdreckt waren, es kaum Belüftung in den Ställen gab und manche Pferde nicht einmal freien Zugang zu Trinkwasser hatten. Viele Stallanlagen bestehen aus mehreren Etagen übereinander - wie Parkhäuser - mit steilen Rampen, die von einer Ebene zur nächsten führen. Die Böden in einem Stall waren so verrottet, dass sie unter dem Gewicht der Pferde nachgaben und so zu Beinbrüchen führten. (16)

Überhaupt nicht romantisch

Es überrascht wohl kaum, dass die Nutznießer dieser Betriebe Versuche, ihr Geschäft zu reglementieren - durch Bestimmungen, wo und wie lange Pferde arbeiten können, Temperaturbeschränkungen und Vorschriften über eine obligatorische tierärztliche Versorgung - als wirtschaftliche Bedrohung ansehen.

In ihrem Roman-Klassiker "Black Beauty" schrieb Anna Sewell: "Meiner Ansicht nach machen wir uns mitschuldig, wenn wir Grausamkeit oder Missstände sehen, die zu stoppen wir imstande sind, jedoch nichts gegen sie unternehmen." (17)

Menschen auf der ganzen Welt stimmen dieser Ansicht zu und erkennen immer klarer, dass sie nicht von den Pferden, sondern von der Pferdekutschen- Branche "verladen" werden. Doch der Druck seitens besorgter Einwohner hat dazu geführt, dass Pferdekutschen bereits in immer mehr Städten auf der ganzen Welt verboten werden, so z.B. in Palm Beach, Santa Fe, Las Vegas, London, Paris und Toronto.


(1) tz Bayern vom 31. August 2007 und Schreiben der Staatsanwaltschaft Ansbach AZ 1051 Js 12540/05

(2) King, Marcia, "The Carriage Trade: Putting the Cash Before the Horse," The Animals' Agenda, June 1992, p. 43.

(3) Cheever, Holly, D.V.M., Letter to legislators, September 1991, p. 1.

(4) King, The Animals' Agenda, p. 43.

(5) King, Marcia, "Focus on the Reality," Advocate, Summer 1992, pp. 15-16.

(6) Cheever, p. 3.

(7) Cheever, p. 2.

(8) King, Advocate, p. 18.

(9) "NY City: Have No No Pity?" Factsheet, Carriage Horse Aciton Committee, p. 2.

(10) King, Advocate, p. 18.

(11) süeddeutsche.de vom 10.09.2007 “Kutschpferde gehen durch – ein Toter“

(12)Pferd und Kutsche, http://www.kutsch-fahrten.de/Pferde/Kutschfahrten.Pferde.Salzhausen.html

(13) Ibid., p. 18

(14) Cheever, p. 2.

(15) King, Advocate, p. 19.

(16) Eddy, Eric, "Inhumane Carriage Horse Stable Exposed," Our Town, November 30, 1986.

(17) Wynne-Tyson, Jon, ed. The Extended Circle: A Commonplace Book of Animal Rights, 1989, p. 320.

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