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20.01.2009

„Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“

„Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material“

Eine theoretische Annäherung an die Frankfurter Schule und ihre Kritik der Naturbeherrschung unter besonderer Berücksichtigung des „Mensch-Tier“-Verhältnisses


Eine Dokumentation des Workshops mit dem jüdischen Denker Moshe Zuckermann, veranstaltet von der Tierrechts-Aktion-Nord (TAN) am 24. Juli 2004 in Hamburg von Tina Möller


Anknüpfend an die im Januar diesen Jahres veranstaltete Theorietagung lud die TAN zu einem Workshop, in der sich erneut mit der Analyse des katastrophalen „Mensch-Tier“Verhältnisses auseinandergesetzt und nach möglichen Ursachen und Entwicklungen geschaut werden sollte, „die die brutale Herrschaft des Menschen über die Tiere in der gegenwärtigen Totalität manifestiert haben"

Inhalt des Workshops und anschließende Diskussionsgrundlage war die Kritische Theorie, u.a. als „Frankfurter Schule“ bekannt, die vor allem durch die Geisteswissenschaftler Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geprägt wurde und deren Theorien besonders im Hinblick auf das „Mensch-Tier“-Verhältnis untersucht werden sollten.


Für diese Auseinandersetzung konnten die AktivistInnen der TAN den jüdischen Gelehrten Moshe Zuckermann gewinnen, der in Israel als einer der bedeutendsten Vertreter der Kritischen Theorie zählt und in Deutschland vor allem als Historiker und Autor zionismuskritischer Schriften wie „Zweierlei Holocaust“ bekannt ist.

Moshe Zuckermann stellte im ersten Teil die Vertreter der Kritischen Theorie, das Besondere am „Institut für Sozialforschung“ - aus der die Frankfurter Schule hervorging - und die grundlegenden Gedanken der Kritischen Theorie vor, in der es vor allem um Herrschafts- und Zivilisationskritik und Prinzipien und Auswirkungen der Naturbeherrschung geht.


Im zweiten Teil wurde versucht, die grundlegende Herrschafts- und Zivilisationskritik mit der Analyse des „Mensch-Tier“-Verhältnisses zu verknüpfen. Auch Adorno und Horkheimer haben eine Verknüpfung der Phänomene von Herrschaft über Menschen und die ewige Knechtschaft der „Tiere“ vorgenommen, „Mensch und Tier“ als eine Art Einheit betrachtet, vor allem wenn es darum ging, Funktionen von Ausbeutung und Ausgrenzungsmechanismen aufzuzeigen und das Leiden als wichtiges gemeinsames Element zu erkennen.


„Die Frankfurter Schule“


Um den ca. 25 ZuhörerInnen die Kritische Theorie näher zu bringen, stellte Zuckermann zuerst die „Macher“ und ihre Wirkstätte vor. Ich werde diese hier nur kurz skizzieren:

Ende der 20er Jahr/Beginn der 30er Jahre hatten sich jüdisch-deutsche Intellektuelle in Frankfurt (im „Institut für Sozialforschung“) zusammengetan, um mit interdisziplinären Ansätzen eine neue umfassende und kritische Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Sie gingen davon aus, dass keine Einzeldisziplin, weder die Soziologie oder die Ökonomie, weder die Psychologie noch die Politologie oder eine andere imstande ist, eine neue, tiefgreifende Weltsicht zu entwickeln. Als Zentralfiguren der neuen „revolutionären“ Frankfurter Schule nannte Zuckermann Max Horkheimer, der die Leitung des Instituts innehatte, Erich Fromm (Psychoanalyse), Herbert Markuse, Theodor W. Adorno („einer der Genialen der Frankfurter Schule“) und Walter Benjamin, die neben weiteren Denkern als wichtigstes Werk die Kritische Theorie entwickelten.

Einige Grundgedanken der Kritischen Theorie


Einleitend verwies Moshe Zuckermann auf die wichtigste Fragestellung der Frankfurter Schule: Wie ist es um den Spätkapitalismus bestellt? und vor allem: Warum findet die Revolution, die nach marxistischer Prognose längst fällig war, nicht statt?

„Die Antworten waren vielfältig“, sagt Zuckermann. Der Kapitalismus erwies sich als äußerst flexibel; beispielsweise hatte es der Kapitalismus geschafft, den Großteil der Bevölkerung vor allzu großer Armut zu bewahren, sodass die Angst um ihr von den Mächtigen zugestandenes Hab und Gut sie von einer Revolte abhielt. Eine weitere mögliche Antwort ergab sich aus der These des autoritären Charakters von Erich Fromm. Dieser entwickelte nach eingehenden Untersuchungen eine Theorie, die besagt, dass Menschen bereits in der Kindheit unbewusst für eine Unterwerfung anfällig seien. Diese in der psychischen Struktur verortete Autoritätsgläubig- und Abhängigkeit manifestiere sich auch in den späteren Weltanschauungen und im politischen Handeln und sei somit nicht einfach durch Aufklärung zu überwinden. Zur Kritischen Theorie zählte Zuckermann auch die Theorie der Kulturindustrie; diese machte er u.a. an dem Beispiel der Kunst deutlich: In der heutigen Warenwelt wird das autonome Moment der Kunst („Zweck der Kunst ist ja ihre Zwecklosigkeit“) durch das Warenprinzip aufgehoben, in dem Kunst als Warenwert betrachtet und gehandelt wird. Somit wird auch die wichtigste Bastion des menschlichen Ausdrucks vermarktet.


Die „Dialektik der Aufklärung“ und das zentrale Moment Naturbeherrschung


Auf manchen Umwegen kam Zuckermann auf das wohl bekannteste Buch der Frankfurter Denker Adorno und Horkheimer zu sprechen: Das 1944 im amerikanischen Exil entstandene Werk „Dialektik der Aufklärung“, das er als „eines der merkwürdigsten, wenn auch wirkmächtigsten“ Bücher des 20. Jahrhunderts charakterisierte. Denn der Leser oder die Leserin kann nur dann die Inhalte des Buches zusammenbringen, wenn die Zentralthese, der Begriff der Aufklärung, nicht aus den Augen verloren wird. Die Zentralthese wird im ersten Kapitel unter selbiger Bezeichnung formuliert, Zuckermann fasste sie so zusammen:

„Von Anbeginn - nicht nur als historisches Phänomen des ausgehenden 17./18. und 19. Jahrhunderts - gab es Aufklärung. Diese Aufklärung bedeutete nichts anderes, so jedenfalls nach Adorno und Horkheimer, als dass der Mensch die Natur beherrschen musste, um seine Ängste vor der Natur zu überwinden.“ Diese Naturbeherrschung schließt vor allem die Aneignung der äußeren Natur (und somit auch die Ausbeutung der Tiere sowie der sonstigen Umwelt) ein. Es sind dabei zwei Phänomene zu bemerken: einerseits musste sich der Mensch vom Rest der Natur abgrenzen (Entfremdung), um sie beherrschen zu können, andererseits imitierte er aber wiederum die Natur, vor allem, wenn es darum geht, damit eigenen Ängste zu begegnen (sog. mimetisches Verhalten). Als Beispiel bringt Zuckermann die furchteinflößende Maske der Medizinmänner afrikanischer Urvölker, mit dem die Geister der Natur verschreckt werden sollen. „Indem ich Natur imitiere, wiederhole ich etwas, was mir zugleich die Angepasstheit an die Natur ermöglicht als auch ihre Beherrschung. Wenn die Natur mich ängstigt, muss ich sie zurück ängstigen.“

In der modernen Aufklärung, die vom Wissenschaftsdenken von Francis Bacon eingeleitet wurde, ist Vernunft – eigentlich Grundlage jeder ehrlichen Aufklärung - umgeschlagen in instrumentelle Vernunft. Es geht nunmehr um „ein Verstehen des Objektes, nicht um das Objekt willen, sondern um ein Verstehen des Objektes, das in den Dienst der Beherrschung des Objekts gestellt wird“, erklärte Zuckermann. Dabei ist die Entindividualisierung unumgänglich: Das Versuchskaninchen im Labor wird zum „Exemplar“ seiner Gattung.


Drei Ebenen der Naturbeherrschung


Zuckermann beschrieb drei Momente von Naturbeherrschung, die aber nicht von einander zu trennen sind: Erstens – wie bereits angeführt und für unser Thema elementar - die Beherrschung der äußeren Natur, u.a. die der Tiere. Zweitens: „Weil der Mensch selbst ein Stück Natur ist“, so Zuckermann, „bedeutet die Naturbeherrschung auch die Beherrschung der eigenen, der inneren Natur“. Für das Alltagsverständnis bedeutet dies, dass die Triebbedürfnisse (die Natur) des Menschen kanalisiert werden müssen, um einen sozialverträglichen Umgang untereinander gewährleisten zu können. Da der Mensch nach Freud vom Lustprinzip bestimmt ist, bedeutet diese Art von Selbstbeherrschung demnach auch eine Form von „Repression“ am eigenen Leib und ebenso am Leib anderer Menschen, Naturbeherrschung zieht somit als drittes Element auch die Unterdrückung und Beherrschung anderer Menschen nach sich („Wir kennen das von Marx.“). Eine wichtige, aufgrund mangelnder Zeit nur ansatzweise vorgestellte These von Horkheimer und Adorno war die Antisemitismusthese. In „Dialektik der Aufklärung“ wird auch der Antisemitismus in Beziehung zur Naturbeherrschung gesetzt, der Antisemitismus unter anderem als ein Ergebnis von Naturbeherrschung dargestellt.

„Menschen projizieren ihre eigene Ohnmacht auf andere, weil sie immer weniger fähig sind, ein selbstbestimmtes Ich zu sein und ihrer Autonomie beraubt werden. Es bedarf des Schuldigen, es muss projiziert werden!“ Hier schlug Zuckermann die Brücke zum ‚Mensch-Tier’-Verhältnis: Adorno und Horkheimer deckten mit der sog. pathischen Projektion ein Mechanismus auf, der sowohl Juden als auch Tiere zu „Schuldigen“ macht(e). Dies bedeutet, dass Menschen dazu neigen, eigene sozial unerwünschte oder tabuisierte Eigenschaften und Empfindungen auf andere zu projizieren, besonders auf „fremde“ Individuen und Gruppen, denen Schwäche bzw. Naturnähe zugeschrieben wird.


Kampf für „Tiere“ aussichtslos?


Bei der konkreten Annäherung an das „Mensch-Tier“-Verhältnis stellte sich Zuckermann selbst als „großer Frustrierer“ vor, dessen theoretische Betrachtungen für die politische Praxis, den konkreten Kampf für Tiere eine sehr pessimistische Botschaft mit sich brachte. Denn Zuckermann fragt: „Was ist das für eine Gesellschaft, für die Naturbeherrschung noch nicht einmal so weit überwunden ist, dass sie nicht fähig ist, ihre eigene Gattung davor zu bewahren, dass jedes Jahr 30 Mio. Menschen allein an Hunger sterben? Und dass, obwohl es objektiv nicht mehr notwendig ist?“ Wie sollen wir also Tiere vor der Menschheit bewahren, solange die hiesige Gesellschaft Jahr für Jahr die UN-Zahlen über die verhungerten Menschen schluckt?

Erstmalig kamen Einwände von den bis dahin still zuhörenden TeilnehmerInnen: Eine Tierrechtlerin, selbst qualifizierte Kennerin der Kritischen Theorie, brachte ihre Bedenken über die dualistische Betrachtung von „Mensch und Tier“ zum Ausdruck. Sie fragte nach „Was ist ‚Menschheit’, was ist ‚der Mensch’ - was ist ‚die Natur’?“ und verwies auf die gewaltige, auf Hierarchisierung basierende Ideologie, die auf Abgrenzung zum Anderen, zum „Fremddefinierten“ aufbaut. Sie weist auch auf die Ausweglosigkeit hin, wenn die Erlösung der „Menschheit“, die Erlösung von sich selbst, weiterhin vorrangig oder gar allein behandelt wird und damit alle Chancen für den Kampf für andere Gruppen (wenn man denn nun doch Mensch und Tier getrennt betrachtet) unterdrückt. Sie regte an, „‚Menschheit’ nicht als monolithischen Block zu apostrophieren“.


Die Dialektik von Begriff und Vernunft

Zuckermann kam auf die Ursprünge der vorliegenden Hierarchisierung der Gattungen, somit auch auf die Hierarchisierung der Menschen über Tiere zu sprechen:

Die Kriterien für Hierarchisierung waren entweder religiöser Natur („Gott hat es so gewollt“, wobei in verschiedenen Religionen auch verschiedene Ausprägungen vorherrschen) oder durch sog. rationale Argumente der säkularisierten (sich von kirchlichen Dogmen frei machenden) Philosophie, die historisch entstanden sind. In dieser hielten sich standhaft drei Kategorien, die Zuckermann wie folgt charakterisierte: 1. Tiere hätten keine Vernunft, sind somit minderwertig; 2. Tiere hätten keine Seele und 3. Tiere hätten keinen Willen, könnten nicht entscheiden.

Dabei machte er auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam: Allein, dass Menschen diese Begriffe (Vernunft, Seele, Wille) haben, bedeutet, dass sie sich im Vorteil befinden. Zuckermann drückte es wie folgt aus: „Im Begriff des Subjektes ist inbegriffen, dass ich als Subjekt ein Begriffsnetz in die Welt setze und die Objekte meinem Begriffsnetz unterwerfe. Der Hase wird dem Begriff des Hasen unterworfen, das Einzigartige und Besondere an diesem Hasen wird abstrahiert.“ Das Hase wird zum Exemplar seiner Gattung, wie auch der Jude im Faschismus als Exemplar einer Kategorie angesehen wurde. So war und ist es möglich, dass das Hase als auch der Jude als vernichtungswürdig angesehen und für Experimente „freigegeben“ werden kann3. Diese „verstörende Vorstellung von Begriffen“ besagt nichts anderes, als dass in ihm zwei Momente angelegt sind: einmal sollten uns Begriffe und die Vernunft im besten Fall ermöglichen, zu erklären, warum wir Tiere nicht unterdrücken dürfen, andererseits werden Begriffe und Vernunft von anderer Seite dazu benutzt, um Erklärungen für die Notwendigkeit der Unterdrückung von Tieren nachzuweisen. Zuckermann unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen einem instrumentellen Begriff, also ein Begriff, mittels dem man bestimmte Ziele verfolgt, und einem Begriff, der auf reines Verstehen eines „Gegenstandes“ zielt. Im Sinne der Dialektik der Aufklärung bedeutet dies, „dass ein Begriff jeweils für das eine oder das andere herhalten kann: in dieser Hinsicht würde das Begriffslose des Tieres beides haben“, deutete Zuckermann. Es könnte als Minderwertigkeit bewertet werden, es würde aber auch bedeuten können, dass „das Tier“ dem Menschen etwas voraus hätte: nämlich das Fehlen vom abstrahierenden Denken, das „bei Menschen in bestimmten historischen Konstellationen bis zur Vernichtung von abstrahierten Bevölkerungsgruppen geführt hat“ (und Tiere zu dem macht, was sie in unserer Gesellschaft sind: „Versuchstiere“, „Nutztiere“ etc.).

Es wäre fatal, daraus zu schließen, dass die Frankfurter Schule es darauf angelegt hatte zu sagen, „wie gut es wäre, wenn Vernunft/Aufklärung nicht existierten“, sondern vielmehr versuchte sie klarzustellen, dass die Aufklärung ihren Anspruch, nämlich dass der Mensch frei werde, verfolgen sollte.

Wenn es um die Betrachtung der Tiere geht, so Zuckermann, gäbe es ein bestimmtes Phänomen innerhalb der Frankfurter Schule: Denn es gibt eine Ausrichtung, in der Tiere dafür benutzt werden, „um über Menschen zu reden“. Tiere werden darin als Metapher dargestellt, als Gegenentwurf zu dem, was der Mensch ist bzw. was er tut. Vor allem die den Tieren unterstellte Selbstvergessenheit (als Antithese zum selbstbewussten Sein des Menschen) dient als Gegenüberstellung zur Beherrschungspraxis der Menschen, unter denen auch die Selbstbeherrschung, die Selbstfesselung fällt.

Auf der anderen Seite fragt Zuckermann (und da zeigt er sich unsicher), ob die Frankfurter überhaupt vom Tier bzw. über das Tier selbst gesprochen haben. Er fragt: „Wie überhaupt ist es dem Menschen möglich, anders als aus der Perspektive des Menschen über das Tier nachzudenken?“ Leider blieben hierbei – auch aus Zeitgründen - für die Tierrechtsposition elementare Analysen und Verknüpfungen Horkheimers und Adornos unthematisiert, wie z.B. das Gemeinsame von Menschen und Tieren. Auch wenn die Frankfurter Schule in erster Linie eine Gegenwartskritik der menschlichen Gesellschaft vornahmen, so ließen sie Tiere nicht außen vor: „Die Gräueltaten an den Tieren, begangen von einer ‚falschen Gesellschaft’, die für ihre funktionale Wissenschaft ‚Opfertiere massakriert..., die verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums’ gehen, sind ein immer wiederkehrendes Motiv in den Werken der Philosophen der Frankfurter Schule“ schreibt Susann Witt Stahl in ihrem Artikel: Die Frankfurter Schule: Solidarität mit den quälbaren Körpern4. Horkheimer und Adorno zeigten sich den leidenden Tieren sehr empathisch: „Für den Entzug des Trostes tauscht das Tier nicht Milderung der Angst ein, für das fehlende Bewusstsein von Glück nicht die Abwesenheit von Trauer und Schmerz“. Diese wichtigen Elemente der Kritischen Theorie wären es sicher wert gewesen, sie im Rahmen dieser Veranstaltung mehr mit einzubeziehen.


Diskussionen um Kapitalismus versus Speziesismus


Anhand der vor einigen Jahren in England ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche versuchte Zuckermann, die brutale Machtpolitik des Kapitalistischen Systems aufzuzeigen: Um die Regulierung und den Export von verwertbaren Tieren zu steuern, wurden „aus Profitgründen“ Tausende Tiere abgeschlachtet, obwohl die Tiere hätten geimpft werden können. Ein wesentlicher Faktor spielten hier die großen Konzerne, die ihre Macht gegenüber den „Kleinbauern“ ausspielen und ausbauen konnten.

Ein langjähriger Tierrechtsaktivist äußerte seinen Unmut über diese Perspektive. Er betonte, dass ein herrschaftskritischer Ansatz einen anderen Fokus haben müsste: die Empörung sollte nicht dahin zielen, dass die Tiere nicht geimpft und einfach umgebracht wurden, sondern dahingehend, dass überhaupt Tiere gezüchtet und getötet werden! Und auch die Tatsache, dass einzelne Bauern Tiere absichtlich haben infizieren lassen, um damit Geld einzunehmen, zeige, dass Kritik an der Macht der Konzerne nicht ausreiche. Er brachte damit vor allem eines sehr deutlich zum Ausdruck: die verschiedenen Schwerpunkte einer klaren Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsposition, die es grundsätzlich ablehnt, Tiere als „nutzbare Ressource“ zu betrachten und zu behandeln, und einer rein marxistischen Herangehensweise, die vorrangig Kritik an der Macht des Kapitals übt.

Zuckermann entgegnete, dass es nicht darum ginge, sich über den Grund der Empörung zu streiten, sondern dass Empörung an sich nicht ausreichend für eine effektvolle, revolutionäre Praxis sei. Man solle das Abschlachten von Tieren, das er u.a. als „Strukturproblem“ bezeichnete, in einem Zeitalter verorten, wo Menschen und Tiere nicht mehr aufgrund eines „fundamentalen Mangels“ unterworfen werden, sondern in einem Zeitalter, das durch und durch vom Kapitalismus durchdrungen ist.

Auch von anderer Seite kamen in der weiteren Diskussion Einsprüche: Die Tierrechtlerin, die bereits die dualistische Betrachtung von Mensch-Tier problematisierte, wagte die These, dass die typischen Trennungskriterien und Dualismen wie z.B. Mensch-Tier, Mann-Frau, Schwarz-Weiß den Kapitalismus überwölbe. Verkürzt dargestellt hieße das: TierrechtlerInnen würden selbstverständlich „nebenbei“ eine kapitalismuskritische Position vertreten. Wer den Kapitalismus abschaffen will, müsse jedoch beim „tiefenstrukturellen Mensch-Tier-Verhältnis“ anfangen. Ein Blick durch die verschiedensten Gesellschaftsformen zeigten, dass die Hierarchisierung der Spezies sich durch alle diese Gesellschaftsstrukturen ziehen und damit tiefgreifender, bedeutender als der Kapitalismus wäre.

Zuckermann blieb bei seinem Standpunkt: „Ich bin Marxist, auch Adorno war Marxist.“ Er hob hervor, dass „Prozesse der Verdinglichung über die Warenform“ Prozesse wären, die etwas Rigoroses ausdrückten und alles vereinnahmen würden. „Zentral für den Zustand der Welt ist etwas, was historisch gewachsen ist: der Kapitalismus!“

Im Moment sähe er jedoch kein „Kollektivsubjekt“, also keine gesellschaftliche Positionierung, die eine revolutionäre Praxis umsetzen könne. Einzelne Gruppen und Aktionen bestehen zwar, jedoch schafften sie es nicht, daraus eine gesellschaftliche Bewegung zu entwickeln.


Vereinnahmung der Tierbefreiungsbewegung?


Eine wichtige Frage, die Zuckermann zudem aufwarf, war: Wie verhindert man, dass Gegenentwürfe vom (kapitalistischen) System aufgegriffen, in das System integriert und damit zunichte gemacht werden? Um es mit seinen Worten zu sagen: „Wie entgeht man der ideologischen Verdinglichung von emanzipativen Ansätzen?“

Der Einschätzung einer Tierrechtlerin, dass die Tierbefreiungsbewegung aufgrund ihrer dem Kapitalismus zuwiderlaufenden Forderungen gegen eine Vereinnahmung äußerst gefeit wäre, wurde in der Diskussionsrunde vehement widersprochen: Gerade in der Tierrechtsbewegung gäbe es einzelne Zusammenschlüsse (beispielhaft wurde hier PeTA genannt), die sich offensiv dem gesellschaftlichen Mainstream anschließen würden und mit effektheischenden Werbestrategien eine Entradikalisierung der Tierrechtsidee in Kauf nähmen.


Resümee des Workshops


Was brachte der Workshop als positive Botschaft für den uneingeschränkten Kampf für die Befreiung der Tiere? Dass TierrechtlerInnen weiter gegen die Ausbeutung und Ermordung von Tieren auf die Straße gehen, ist sicher. Auch Zuckermann wird weiterhin in Israel gegen die Mauer und andere Ungerechtigkeiten im ‚gelobten Land’ demonstrieren, auch wenn er kein „Kollektivsubjekt“ ausmachen kann, das eine wirkliche Veränderung erreichen würde. Zuckermann glaubt nicht daran, dass die Tierrechtsbewegung erfolgreich sein kann, ohne dass das kapitalistische System abgeschafft ist. Doch können wir uns damit zufrieden geben? Wohl kaum. Welche Faktoren sprechen für eine Veränderung des „Mensch-Tier“-Verhältnisses innerhalb des hiesigen Systems, bzw. welche überhaupt?

Es blieb vieles unthematisiert: die empirische Forschung hat neue ‚Wahrheiten’ über Tiere herausgefunden5, sodass die alten ‚Weisheiten’ der säkularisierten Philosophie (Tiere hätten keine Vernunft, keine Seele und keinen Willen) längst überholt sind, zumal diese Begriffe eh stark interpretationswürdig erscheinen. Der Glaube, dass Tiere etwas Dumpfes, Selbstvergessenes darstellen, ist zumindest hinreichend widerlegt. Und immer stärker werden die Netzwerke von einzelnen PhilosophInnen und anderen WissenschaftlerInnen, die das katastrophale „Mensch-Tier“-Verhältnis zu problematisieren versuchen.

Der extrem ausgeprägte, globale Speziesismus, der sich durch fast alle Kulturen zieht, blieb zumindest bei Zuckermann außen vor, hat jedoch eine sehr starke Bedeutung.


Auch die psychologisch angelegten pathischen Projektionen, die Adorno und Horkheimer sowohl in Bezug auf Juden als auch auf Tiere erkannt haben, können als Erklärungsansatz für die grenzenlose Herabsetzung der „Tiere“ wertvoll sein und verdienen sicherlich größere Beachtung als bisher. Es gibt vermutlich noch eine Menge Themen, anhand derer wir theoretische Überlegungen anstellen und eine praktische Politik für Tiere ausrichten können. Hoffen wir, dass uns nie der Atem und die Kraft dafür ausgeht.

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