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20.01.2009

Den Wald befreien

Den Wald befreien

Antijagdarbeit ist mehr als Konsumverweigerung und Umweltschutz
von Franziska Brunn


Wenn von Tierbefreiung, Antispeziesismus und Beendigung der Tierausbeutung die Rede ist, wird an einer der ersten Stellen auch meist die Jagd als zu beseitigendes Übel genannt. Doch während die alltägliche Auseinandersetzung mit NichtveganerInnen die Argumentation um Tierhaltung und den Konsum tierischer Produkte gefestigt hat, sitzen schlagkräftige Argumente gegen die Jagd viel zu locker. „Jäger sind schlecht und die Jagd gehört verboten.“ Jagd als Randthema der verschiedenen antispeziesistischen Strömungen verdient es, genauer beleuchtet zu werden, tiefgründiger auf Lücken im System abgeklopft zu werden.

Auch wenn das Thema Jagd hierzulande mit etwa 5,5 Millionen offiziell getöteten „Wildtieren“, 400 – 500.000 „Haustieren“, durchschnittlich 3 - 8 menschlichen Todesopfern und 800 menschlichen Verletzten im Jahr1 im Vergleich mit der produktionsartigen Tierausbeutung der Fleisch- und Eierfabriken zahlenmäßig nicht mithalten kann, geht es vielen AntispeziesistInnen nah. Während viele sich als Kinder unbeschwert im Wald versteckt, Baumhäuser gebaut oder wild gecampt haben, ist diese unbeschwerte Sicht der Dinge denjenigen, die ein erschossenes Reh gesehen haben, denjenigen, die mitten im vertieften Gespräch den Schuss gehört haben oder denen, die entsetzt die Blutspur im Schnee bis zu den Abdrücken von Autoreifen verfolgt haben, abhanden gekommen.


Kein entspannter Spaziergang im Wald ist mehr möglich – selbst, wenn wir einmal nicht an Tierausbeutung denken wollten – fällt doch der Blick auf einmal alle 100 Meter auf einen Ansitz oder eine Jägerkanzel. Die Hunde, denen AntispeziesistInnen aus einem elenden Leben in ein lebenswerteres verholfen haben, können wir nicht ganz ohne die Furcht vor dem Abschuss durch das Unterholz toben lassen, seit der Hund einer Bekannten drei Meter vor ihr auf dem Weg erschossen wurde, weil er angeblich wilderte. Kaum noch erblicken wir eine Gruppe Rehe zwischen den Aufforstungen, denn sie flüchten vor Menschen, aus Angst, es könne ein Jäger sein. Insofern ist Jagd nicht nur ein Urakt des Speziesismus, sondern schränkt auch uns persönlich in unserer Bewegungsfreiheit ein, sie raubt uns ganze Areale zum Leben.


Jagd als Sonderform der Tierausbeutung


Das Thema Jagd grenzt sich insofern von anderen Formen der Tierausbeutung ab, als dass die nichtmenschlichen Tiere ihr Leben nicht in Produktionshallen verbringen müssen, sondern mehr oder weniger ein sich selbst überlassenes Leben führen, was AntispeziesistInnen als „besser“ deklarieren könnten. Jagd grenzt sich aber auch ab durch die Art und Weise der Tiertötung. Denn dieser ist kein routinierter, in seiner Gewaltförmigkeit nicht mehr bewusster Akt, wie es bei der produktionsgleichen Tötung von Hühnern etc. der Fall ist, sondern die Tötung erfolgt als aufregender Moment, einzigartig, abenteuerlich und brutal bewusst. Insofern setzt Jagd eine gewisse Brutalität der Ausführenden voraus oder manifestiert diese zumindest.


Während unser Augenmerk bei Pelztierhaltung, Fleischproduktion und Legebatterien darauf abzielt, der großen Masse von unbewussten KonsumentInnen klarzumachen, wie das „Produkt“ ihres Konsums entstand und dass es zu Lebzeiten Gefühle hatte, muss bei JägerInnen eine vollkommen andere Herangehensweise erfolgen. Die meisten Menschen dieser Gesellschaft lehnen Jagd ab oder würden diesen „Sport“ zumindest nie ausführen wollen. Jedoch folgen viele der jagdlichen Argumentation, Jagd als Regulativ des durch Menschen beeinflussten Ökosystems müsse sein. Hier besteht also zum einen die Aufgabe der Verstärkung des gesellschaftlichen Widerwillens gegen die Jagd durch schlüssige Argumentationen über die Plattheiten der JägerInnenschaft hinaus.

Zum anderen wäre theoretisch das Schüren von Zweifeln am Tun der JägerInnenschaft selbst wünschenswert, aber wahrscheinlich zunächst illusorisch. Daher bleibt als zweiter Handlungsstrang nur das Verhindern von Jagd selbst durch verschiedene Methoden.

Die Antijagdarbeit könnte insofern ein Schlüsselthema im Antispeziesismus sein, als dass hier sehr stark gewaltförmige, patriarchale Muster abgebildet werden. Tiertötung durch Jagd macht nur einen Bruchteil heutiger Tierausbeutung aus und kann dem massenhaften Konsum von Fleisch, Milch und Eiern kaum etwas entgegensetzen. Aber mit der Beendigung von Jagd hätten wir vielleicht endlich eine leidige Mensch-Natur-Verklärung überwunden und dies könnte Einstieg in Debatten um weitere Tierausbeutungen sein.

Zu Jagd im weitesten Sinne wären auch das Angeln, Walfang sowie die Stadtjagd auf Kleinsäuger und Vögel, als Teil der Schädlingsbekämpfung deklariert, zu nennen.


Jagdkritik


– Jagd als „Urtrieb“ des Menschen


Kaum etwas mutet so lächerlich an wie verschiedensten Menschen, die über etwas diskutieren, bei dem sie alle nicht dabei waren. Dennoch klingt, ähnlich wie in der Debatte um das Fleischessen, auch bei der Jagd die anthropologisch-wissenschaftlich angehauchte Argumentation an, „wir Menschen“ hätten doch schon immer gejagt, es handle sich eben um einen „Urtrieb“ des Menschen.


Das Zusprechen von „Trieben“ als unkontrollierbarer Zwangshandlung ist sogar im nichtmenschlichen Bereich nicht mehr gang und gäbe.2 Interessant wäre dennoch die Frage nach der Zeitspanne, ab dem ein sogenannter „Trieb“ auch noch „Urtrieb“ sein sollte. Menschen jagen nämlich evolutionsbiologisch betrachtet erst seit recht kurzer Zeit. Hundeartige, Katzen, Haie, Bären usw. jagen wahrscheinlich wirklich seit „Urzeiten“.


Im Leben der Menschen vor unserer Zeit und auch heute hat Jagd sicher ganz unterschiedliche Rollen gespielt. In manchen klimatischen Regionen ist und wäre Jagd reine Energieverschwendung angesichts der vielen Früchte, Wurzeln und Gemüse gewesen. In anderen war Jagd lebensnotwendig. Zum Teil – so schildern es manche WissenschaftlerInnen – sollten Menschen bis auf seltenes „Gelegenheitsjagen“ eigentlich neben pflanzlicher Nahrung nur Aas zu sich genommen haben, während frühe Menschen in Europa nachweislich sehr viel und vielseitig gejagt haben und auch davor nicht halt gemacht haben, Pferde einen Abgrund hinunterzustürzen. Das ist aber nur ein paar Tausend Jahre her. Zeit genug, um einen „Urtrieb“ zu entwickeln? Wohl kaum, da ist das Sammeln von Pflanzen wesentlich tiefer verankert (und trotzdem kein „Trieb“), denn dieses nahm in der Ernährung der Menschen bzw. ihrer Vorfahren fast ausnahmslos einen wesentlich höheren Prozentsatz ein.3 Wahrscheinlich. Ich war nämlich nicht dabei.


– Jagd stabilisiert Herrschaft


Jagd ist nach wie vor eine Männerdomäne, und zwar innerhalb der oberen Gesellschaftsschichten. Bis heute sind nur ein paar Prozent der JägerInnenschaft weiblich.4 Anstatt dies auf biologische Ursachen zurückzuführen, ist es wohl eher ein Indiz für die Gewaltförmigkeit der Rolle, die männlich sozialisierte Menschen eher einzunehmen imstande sind, aber auch für den „zeitlichen Luxus“, den es bedeutet, nachts im Wald zu hocken und nur alle drei Tage wirklich etwas bzw. jemanden zu erschießen. „Töten“ und „von zu Hause fort sein“ fällt in den sozialen Rollen dem männlichen Geschlecht zu. Sich dieses „von zu Hause fort sein“, die Jagdausrüstung leisten zu können, fällt wiederum nur der sozial „obersten Schicht“ zu. Welche Acht-Stunden-JobberInnen würden die Nacht schlaflos und isoliert im kalten, dunklen Wald verbringen wollen?


Jagd ist damit Ausdruck der Hierarchien unserer Gesellschaft. Sie bedeutet Gewalt gegenüber den sozial Schwächeren, sie bedeutet Stabilisierung dieser Herrschaftsverhältnisse. Wenn wir auch diese Herrschaftsverhältnisse überwinden wollen, dann sollten wir daran denken, nicht mit ähnlichen Gewaltförmigkeiten zu antworten. Wir können die Jagd niemandem verbieten - indem wir ein Verbot der Jagd fordern, unterstützen wir wiederum nur ein gewaltförmiges System. Dies sind die Grenzen meiner Jagdkritik. Ich werde nicht fordern, die Jagd zu verbieten oder ein Gesetz dagegen einzurichten. Aber natürlich kann mir auch niemand verbieten, den von JägerInnen gemachten Müll, der mein Auge im Wald trübt, zu beseitigen oder genau dann im Wald zu sein, wenn die werten JägerInnen gerade eine Gesellschaftsjagd planen.


– Tierschutz mittels weidgerechter Jagd?


In Diskussionen mit TierschützerInnen trifft mensch häufiger auch auf JagdbefürworterInnen. Die Jagd laufe doch weidgerecht, also demnach ganz tierschutzgerecht ab. Zunächst einmal: Tierschutz, Tierschutzgesetze und paternalistisches „Eine Stimme für die Tiere erheben“ sind mir relativ gleichgültig! Aber zur Argumentation könnte die Betrachtung hilfreich sein.


Was bedeutet Weidgerechtigkeit? Der Begriff wurde 1934 zu Nazi-Zeiten etabliert, im Nachhinein zu uralter Tradition erklärt, und beinhaltet so eine Art Ehrencodex, den JägerInnen bei der Jagd einhalten sollten.5 Dieser Codex hat wohl eher etwas mit „sportlich-fairem Verhalten“ bzw. Ausschlusskriterien von Personenkreisen als mit Tierschutz zu tun. Genau festgehalten wird der Begriff nirgends. Was als weidgerecht gilt, bestimmt die Jägerschaft nebst „uraltem Brauchtum“6 selbst. So ist es nach dem Brauchtum nicht weidgerecht, einen Hasen oder Fasan zu töten, der am Boden sitzt oder liegt. Das Tier muss laufen bzw. auffliegen und dann erst darf geschossen werden. Das hat mit Tierschutz nichts zu tun, denn es ist unweit schwerer, ein sich bewegendes Ziel zu treffen als ein starres.


Weiter bestimmt die Weidgerechtigkeit, welche Tiere mit welcher Waffe getötet werden sollten, dass die Gefährdung des Wildbestandes durch unmäßige Reduzierung zu vermeiden, Hege eine oberste Pflicht sei und dass nur nach anerkannten Grundsätzen gejagt werden dürfe, einfache „Bauern“ vom Abschuss des Wildbestandes ausgeschlossen werden soll(t)en.7

Von der typischen Tierschützerwarte aus müsste mensch sich also zum Beispiel fragen, wieso in der weidgerechten, so tierfreundlichen Jagd nicht mit Betäubungsgewehren geschossen wird, wenn in der Praxis etwa 60 % der Schützen Fehl- und „Krankschüsse“ produzieren, welche Nachsuchen erforderlich machen.8 Mensch müsste sich fragen, wieso nicht auf ruhende Tiere geschossen werden darf. Wieso JägerInnen nicht im fortgeschrittenen Alter Nachprüfungen ihrer Schießleistungen erbringen müssen und so weiter. Es ist müßig, dem weitere Fragen hinzuzustellen. Wieso Tiere überhaupt erschießen?!


– Jagd und Ökologie


Um mit dem Jagdgegner Georg Hemprich zu sprechen: „Ich sage die Zusammenfassung vorweg: Es gibt kein einziges ökologisches Argument, das für Jagd spricht, nichts, das sich halten lässt … Gejagt wird aus anderen Gründen.“9


Jagd wird gern als Mittel gesehen, die Umwelt zu bewahren, den Wald zu schützen und die Tier- und Pflanzenbestände vielfältig und stabil zu halten. Doch genau für diese Zwecke ist Jagd mehr als ungeeignet. Zunächst ist „die Umwelt“ kein Museumsobjekt, das mensch putzen und pflegen muss, um es zu erhalten, und wenn es glänzt und blinkt, dann gehen alle hin und bestaunen es. Wir befinden uns mitten in ihr, der Umwelt, der Natur – und auch JägerInnen tun es, gerade auch dann, wenn sie nicht jagen, sondern zum Beispiel teure, z.T. verbleite Munition für ihr Kriegsspielzeug kaufen, wenn sie ihren Geländewagen voll tanken und generalüberholen lassen, damit sie bis zum nächtlichen Ansitz nicht so weit laufen müssen. Der Begriff „Umwelt“ ist von Grunde so definiert, dass sie – jedenfalls solange es Menschen gibt – gar nicht abhanden kommen und zerstört werden kann, denn Umwelt ist das, was um uns ist. JägerInnen wollen – maximal - ihr Bild einer Umwelt erhalten und das mit den kuriosesten Mitteln.


Denn wenn JägerInnen wirklich die Zahl der Rehe, Wildschweine und Wildkaninchen vermindern wollen, weil diese sich zu stark vermehren würden, wieso finden wir dann übervoll gefüllte Futterkrippen oder Kirrungen im Winter, die die zu jagenden Tiere vor dem Hungertod schützen sollen? Wenn Jäger darüber jammern, dass die Vermehrungsrate brandenburgischer Wildschweine bei 1,6 liegt10, was bedeutet, dass sich die Wildschweinpopulation von Jahr zu Jahr theoretisch etwa verdoppeln müsste, wieso werden dann etwa 300 kg Futter pro erlegtem Wildschwein in den Wald gekippt, um die Tiere anzulocken?11

Und wenn einzeln angesprochene JägerInnen steif und fest behaupten, sie würden ja nicht füttern und trotzdem vermehrten sich die Tiere so stark, dann kann mensch das glauben oder nicht, aber ein Jagdrevier ist keinesfalls als abgeschlossenes System zu betrachten, bei dem es egal ist, was der Nachbarjäger tut oder lässt.


Antijagdarbeit ist mehr als Konsumverweigerung und Umweltschutz
von Franziska Brunn



In guten, ressourcenreichen Jahren ist eine starke Vermehrung der Wildbestände etwas ganz Selbstverständliches, Sinnvolles. Das Ideal einer Vermehrungsrate von 1 – also eine stabile Populationsdichte – können sich Lebewesen gar nicht leisten, denn alle paar Jahre wird es Dürren, lange Winter und viel zu wenig Futter geben, so dass vielleicht alle 20 Jahre ein kalter Winter die Wildschweindichte wieder auf fast Null reduziert wird. Aber in genau diesem kalten Winter rufen dann JägerInnen den Notstand aus und spätestens dann gilt unter JägerInnen und FörsterInnen ein Fütterungsgebot, so dass auch die ökologischsten JägerInnen ihren Vorsätzen untreu werden müssen.12


Wer nun mit Verbissschäden im Wald zu argumentieren versucht, dem sollte klargemacht werden, was genau ein Wald ist. Ein Wald ist nicht der künstlich aufgebaute Forst, den wir vor der Haustür haben. Ein Wald ist kein rechteckig abgeteiltes Flurstück mit gerade nebeneinander stehenden Kiefern. Den größten Waldschaden richten Menschen selbst an, indem sie Profit aus dem Holzanbau zu schlagen versuchen. Dass Rehe, Dam- und Muffelwild sich nun dessen bedienen, was ihnen als Nahrung übrig bleibt, nämlich junge Triebe und Bäumchen, dort, wo es keine Kräuter und Sträucher mehr gibt, das ist die logische Konsequenz hiesiger Forstwirtschaft. Während Rehe aus ihrem ursprünglichen Lebensraum, dem Waldrand, verdrängt werden, weil der Forst durch einen Fahrweg säuberlich vom benachbarten Acker getrennt wird und ein Waldrand mit Kräutern und heranwachsenden Bäumchen gar nicht mehr vorhanden ist, locken Kirrungen und Futterstellen die „Schädlinge“ noch in den Forst hinein.


An keiner Stelle wird der Unsinn von der Jagd als Naturschutz bewusster als bei der Verbannung und Verfolgung sogenannter Beutegreifer durch Jäger. Beutegreifer sind Tiere, die selbst Jagd auf Beutetiere betreiben – dazu zählen u.a. Wolf, Fuchs und Bär. Diese Tiere reduzieren die Zahl der Beutetiere und tun im Grunde genau das Gleiche wie die Jäger auch. Nur dass Beutegreifer im Gegensatz zu JägerInnen die Tiere reißen, die relativ schwach, krank, isoliert oder unaufmerksam sind, während JägerInnen dank der Büchse selbst den gesündesten Rehbock oder den Hirsch mit dem größten Geweih töten können. Beutegreifer wie der Wolf werden also aus welchem Grund verfolgt, wenn sie doch „helfen könnten“, ein natürliches Gleichgewicht des sowieso nicht mehr vorhandenen Waldes einzustellen? Weil sie Konkurrenten sind. Unter dem Vorwand, die Beutegreifer seien für Menschen gefährlich, Krankheitsüberträger und jagten geschützte Arten, werden Wolf, Fuchs, Bär und Co. erschossen und verbannt.


Gerne ziehen Jäger auch über Neozoen, neu in einem Ökosystem auftauchende Tiere, her. Sie seien der schlimmste Feind der regionalen Ökosysteme, würden Artenvielfalt zerstören, seltene Pflanzen oder Tiere zum Verschwinden bringen. Das mag bedingt stimmen. Aber: Es hat zu allen Zeiten Veränderungen der Flora und Fauna gegeben. Durch den großen Einfluss, den Menschen auf Ökosysteme ausüben, sei es durch den mehr und mehr ausufernden Tourismus, durch Umweltverschmutzung oder Klimawandel, befinden sich regionale Artenzusammensetzungen im Moment in einem sehr großen Aufruhr. Ob Damwild, Fasan, Johanniskraut, Rosskastanie oder Miniermotte – genau die Tiere oder Pflanzen werden an einem Ort überleben, die am besten an ihn angepasst sind. Zu glauben, wir könnten unsere althergebrachten Pflanzen und Tiere, die wir als heimisch bezeichnen würden, „behalten“, obwohl Menschen zahlreiche Ökosysteme zerstört, verändert und neue geschaffen haben, ist naiv. Also, lassen wir die Finger weg von einem unüberschaubaren Netzwerk natürlicher Wechselbeziehungen und sehen uns erst einmal an, welche Konsequenzen menschlicher Raubbau für die Umwelt haben wird.


– Das Individuum retten


Aber was bedeutet einer antispeziesistischen Theorie die Diskussion um die ökologischen Vor- und Nachteile der Jagd überhaupt? Warum lassen wir uns auf Fragen nach Waldschäden und Überpopulation ein? Ökologie und Umweltschutz sind unzweifelhaft wichtige, langfristig überlebenswichtige Themen. Wenn jedoch konsequent antispeziesistisch gedacht und gehandelt wird, dann gehört dazu, dass es wichtigere Fragen als die nach den ökologischen Folgen gibt. Wenn eine Freundin oder auch ein ganz fremder Mensch einen Unfall hatte und dringend ärztliche Hilfe benötigt, fragen wir uns dann nach dem ökologischen Sinn eines Krankenwagens? Aus dem destruktiven Potential des Autofahrens leiten wir nicht ab, dass diese eine Krankenwagenfahrt den Planeten zerstören könnte. Warum argumentieren vorgeblich antispeziesistische Menschen dann im Falle der Jagd ökologisch? Es genügt letztendlich, dass hier Individuen gewaltvoll gehetzt, verstümmelt und/oder getötet werden – nicht aus Notwehr, nicht aus einem Überlebensdrang heraus.


Je nach Betrachtungsweise wird von einer Überpopulation der „menschlichen Art“ gesprochen. Ökologisch wäre demzufolge eine gnadenlose Reduktion der Menschenzahl sinnvoll. Dennoch argumentiert der Großteil der Menschen nicht so. Weil „die Ökologie“ hier an die Grenze ihrer Bedeutsamkeit und an die Grenzen der Interessen von Individuen stößt. Umweltschutz kann natürlich langfristig auch Individuen retten, mehr Individuen ein schöneres, lebenswerteres Leben bieten. Doch dies tun Menschen am besten über ein Zurückschrauben der eigenen Bedürfnisse. Wenn prinzipiell versucht wird, so wenig Auto wie möglich zu fahren, während bisher die meisten Mitteleuropäer jeden zehnminütigen Fußweg mit dem Auto zurücklegen, dann könnte es legitim sein, in Ausnahmefällen mit dem Auto in den Wald zu fahren und dort durch die Zerstörung von jagdlichen Einrichtungen Leben zu retten.


Nun, dankenswerter Weise scheinen Jagd und Naturschutz nicht miteinander vereinbar zu sein und wir können uns getrost auf die ökologische Argumentation einlassen. (Auch, wenn dazugesagt werden muss, dass es im Wesen wissenschaftlicher Studien liegt, dass die Zahlen oft einfach das zeigen, was StudienleiterInnen zeigen wollten, und es demnach auch immer Studien geben wird, welche die schräge Ökologie der JägerInnen untermauern werden.) Ich bezweifle aber, dass alle AntispeziesistInnen das ökologische Know-how für die Diskussion mit JägerInnen aufbringen, die sich gern mithilfe eines Fachjargons den Anstrich der Wissenschaftlichkeit geben, die sie mit der Erlangung ihres Jagdscheins begründen. Ich erachte es als gar nicht notwendig, sich auf diese Ebene zu begeben, wenn die ökologische Argumentation nicht sicher sitzt und an ihr auch nicht unser „Herzblut“ hängt.


Flinten ins Korn, oder wie?


Die Antijagdarbeit ist in der letzten Zeit zu einem Randthema verkommen, Jagd abzuschaffen, liegt gar nicht mehr im Ermessensspielraum antispeziesistischer Gruppen, was nicht zuletzt an einer Okkupation des Themas durch die „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ lag, mit der sich viele AntispeziesistInnen aus mehr oder weniger bekannten Gründen nicht identifizieren möchten.13 Außerhalb dieser Initiative findet sich erst langsam der Widerstand gegen Jagd neu zusammen. Und um diesen zu etablieren, genügen letztendlich ein bis zwei Demos und die Diskussion mit PassantInnen an gelegentlichen Infotischen nicht. Was, wenn wir den Großteil der Gesellschaft vom Unsinn der Jagd überzeugt hätten? Was, wenn niemand mehr Wildfleisch und Fuchskragen kaufen würde? Wir kommen bei Jagd nicht durch Konsumverweigerung bis an das Ziel: Den meisten JägerInnen geht es nicht darum, an den Tieren zu verdienen. Für die meisten ist die Jagd ein Hobby, ein Zeitvertreib. Eine Menge JägerInnen stecken eher noch Geld in ihr Hobby hinein, als dass sie wirtschaftlich davon abhängig wären.


Während es dem Eierproduzenten vollkommen egal ist, womit er sein Geld verdient – verkauft er keine Eier mehr, macht er eben vielleicht Tofu und verkauft diesen - klammern sich JägerInnen an ihr Hobby. Für sie ist die Jagd ein Abbild ihres verklärten Naturverständnisses. Fressen und Gefressenwerden, der Stärkste überlebt. Hochgerüstet und voller Hinterlist suggerieren sie sich selbst, die Stärksten zu sein. Es erfüllt sie wahrscheinlich mit dem Gefühl von Macht, ein Tier getötet zu haben, das gerade noch fidel über den Acker lief und nun blutig vor ihnen liegt. Es ist Macht. Und Macht geben die Allerwenigsten freiwillig ab.


Es geht also nicht nur darum, den (anderen) Tieren eine Stimme zu geben, mit der sie vielleicht gar nicht sprechen wollen würden, es geht um die Entmachtung und Enthierarchisierung eines ganzen Lebensbereiches. Deshalb muss die Antijagdarbeit andere Wege gehen als es industrielle Tierausbeutungszweige angreifende Kampagnen können. Ohne die Schwierigkeiten dieser Antispe-Arbeit auch nur im Geringsten herunterspielen zu wollen – die Abschaffung der Jagd könnte sich als ungleich schwerer herausstellen, wenn sie gewaltfrei erreicht werden soll.


Zur Abschaffung der Jagd gehört sicher mehr als die Zerstörung jagdlicher Einrichtungen, mehr als nur „den Tieren helfen wollen“, die von uns gar nichts wissen wollen, mehr als das Anbrüllen (und Angebrülltwerden) von JägerInnen bei der Störung einer öffentlichen Jagd. Ziel sollte es sein, den ganzen Wald zu „befreien“ – von Gewehren, Kanzeln, aber auch Aufforstungen und geraden Wegen, von Zäunen und Futterstellen, vom Zugriff der Menschen, um ihn am Ende Wald sein zu lassen, der Tieren überhaupt ein Lebensraum sein kann.



Quellen:

1. u.a. DJV (Deutscher Jagdschutz-Verband, Hrsg.): DJV-Handbuch Jagd 2006, Dieter Hoffmann, Mainz; Thomas Winter (2003): Jagd – Naturschutz oder Blutsport?, Winter-Buchverlag

2 . u.a. D. McFarland (1999): Biologie des Verhaltens, Spektrum Akademischer Verlag

3 . Jagd als dominanter Nahrungserwerb scheint nur in Breitengraden über 60° eine Rolle gespielt zu haben: S. Jones, R. Martin, D. Pilbeam (2004): The Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge University Press

4. Jagdsonderveröffentlichung des Kölner Stadtanzeigers, 28.9.2006,

5. Vor 1934 findet sich das Wort „weidgerecht“ nur mit „ei“, im Zuge der Reformen wurde es im Nazireich mit „ai“ geschrieben. Die „ei“-Schreibweise galt fortan als Protest gegen den Nationalsozialismus. Weitere Infos unter:

http://www.oejv.de/positionen/weidgerechtigkeit.htm

6. Und jagdliches „Brauchtum erzieht zu soldatischer Haltung und damit führt das Brauchtum zum Nationalsozialismus“ Frevert 1936, nach http://www.oejv.de/positionen/weidgerechtigkeit.htm

7. http://www.oejv.de/positionen/weidgerechtigkeit.htm

8. Als „Krankschüsse“ bezeichnen JägerInnen Schüsse, die das Tier nicht tödlich verletzen, so dass das Tier beispielsweise mit angeschossenen Beinen flieht. Eine Nachsuche ist die Suche des Jägers nach dem angeschossenen Tier, um es möglichst zügig von seinen Schmerzen zu befreien. Angaben von B. Hespeler, zit. nach T. Winter (2003): Jagd – Naturschutz oder Blutsport?,

Winter-Buchverlag

9. G. Hemprich (9.11.2005): „Jagd. Über den Umgang zivilisierter Menschen mit der Natur. Eine Gegenrede“, aus der BerTA-

Vortragsreihe „Befreiung hört nicht beim Menschen auf“

10. mündlich, Prof. Pfannenstiel über Wildschweinfütterung und –vermehrung in Brandenburg, FU Berlin, Institut für Wild-

tierbiologie, 2005

11. T. Winter (2003): Jagd – Naturschutz oder Blutsport?, Winter-Buchverlag (S. 31)

12. mündlich, Prof. Pfannenstiel über Wildschweinfütterung und –vermehrung in Brandenburg, FU Berlin, Institut für Wildtier-

biologie, 2005

13. siehe auch: http://free-speech.info/html/informationen.html und „Gefahr für die Tierrechtsbewegung: Die Sekte Universelles Leben“, in: T. Winter (2003): Jagd – Naturschutz oder Blutsport?, Winter-Buchverlag (S. 344)

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