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20.01.2009

Der verbotene Vergleich

Der verbotene Vergleich

von Sina Walden

Wo immer ein großes Unglück geschieht, eine Naturkatastophe wie Erdbeben, Wirbelsturm, Feuersbrunst, oder ein schwerer Verkehrsunfall mit vielen Toten, der Einsturz eines Hochhauses, eine Explosion, ein Attentat – immer sagen einige Augenzeugen spontan: „Es war wie im Krieg!“ Eine natürliche Assoziation, der niemand widerspricht, der niemand besserwisserisch entgegenhält, dass der Krieg andere Ursachen hat als ein Erdbeben, dass der Krieg sich in hundert Aspekten von einem Zugunglück unterscheidet. Denn was die Leute meinen, ist sofort klar: Sie vergleichen das Schrecklichste, was ihnen einfällt, mit dem, was sie erlebt haben. Sie wählen ein Bild, das in jedem die Bilder oder das eigene Erleben von Krieg hervorruft, um das Entsetzen zu vermitteln, das sie fühlen. Der Vergleich ist eine Grundform menschlicher Kommunikation, eine Möglichkeit der Vermittlung von Gefühlen, Eindrücken, Erlebnissen, für die ein bloßer Bericht zu schwach erscheint.

Kein Mensch, der Schweres im Krieg erlebt hat, wird sich empören oder es als Beleidigung empfinden, wenn jemand, der seine Liebsten bei einem Massenunglück verloren hat, der Tote und Verstümmelte um sich gesehen, der die Schmerzens- und Todesschreie gehört hat, seine Gefühle, sein Erleben, mit Kriegserfahrungen gleichsetzt. Keiner würde auf die Idee kommen, dass damit die Schrecken des Krieges herabgemindert werden könnten oder gar sollten. Im Gegenteil, das Heraufbeschwören des Bildes „Krieg“ dient ihm dazu, sich in den anderen hineinzuversetzen.

Ist diese Assoziation mit Krieg so anders zu werten als die oft ebenso naheliegenden Assoziationen mit einem anderen jedermann verständlichen Menschheits-horror, den Massenverbrechen des Nationalsozialismus? Und warum sollte in diesem Fall die Vergleichbarkeit mit Gründen bestritten werden, die nicht in dem vergleichbaren Ergebnis liegen – dem Massenmord, der Zufügung von Leiden und Schmerzen, der Ausgrenzung und Herabwürdigung – sondern in der Motivation der Täter? Fragt bei „Krieg“ jemand danach, aus welchen Gründen der bildhaft evozierte Krieg angezettelt und geführt wurde? Die Analyse von Kriegen und Diktaturen und in ihren historischen Zusammenhängen wird auf einer ganz anderen Ebene vorgenommen, von der Geschichtsschreibung und im politischen Diskurs. Hier sind freilich sorgfältige Untersuchungen von Fakten und Kausalitäten geboten, schon um der Relativierung von Schuld durch Ewig-Gestrige und Neu-Gestrige entgegenzuwirken.

Unsere Frage zielt darauf, warum die maßlosen Verbrechen, die Tieren angetan werden, nicht in einem Atem mit Verbrechen an Menschen genannt werden sollten, und insbesondere nicht mit dem Schrecklichsten, was uns als Kindern des 20. Jahrhunderts sofort in den Sinn kommt und den Namen Holocaust trägt? Warum muss das Entsetzen über die gegenwärtige Barbarei gegen Tiere und deren Duldung und Leugnung die Assoziation mit der vergangenen Barbarei, die unbestreitbar als solche erkannt wird, scheuen?


Nazivergleiche unter Menschen


Wenn in irgendeinem Zusammenhang der Vergleich mit Untaten der Nazis gewählt wird, fließen allerdings gewöhnlich Aspekte ihrer Motivation mit ein, man fasst ihn also gleichzeitig (zeitlich) enger und (inhaltlich) tiefer als „Krieg“. In dieser Form aber ist der Bezug allgegenwärtig. Umgangssprachlich wird wohl täglich irgendwo jemand als „Nazischwein“ beschimpft, werden „Nazimethoden“ angeprangert, vom „KZ Stammheim“ war ungestraft die Rede, vom „atomaren Holocaust“ in Hiroshima, vom „ökologischen Holocaust“ in unseren Tagen. Nazi-, Hitler -, bzw. „Faschismus“-Analogien werden auch in der seriösen Presse und in der Politik gebraucht, etwa in Bezug auf Milosevic, Saddam Hussein oder südamerikanische Juntas und ihre Opfer. Dabei ist nicht der Antisemitismus als Motiv gemeint – höchstens dann, wenn real auch heute wieder jüdische Menschen die Opfer sind – sondern er dient als Analogie, wenn menschenunwürdige Behandlung angeprangert werden soll, der ähnliche, zum Beispiel rassistische oder fremdenfeindliche, Einstellungen zugrunde liegen. Haben solche Einstellungen große Zahlen von Morden und Menschenopfern im Gefolge, was meist nur mithilfe staatlicher oder usurpierter Macht möglich ist, wird die Mordmaschinerie des NS-Staats nahezu zwangsläufig als Bezugsgröße assoziiert. Es ist gewiss zuzugeben, dass Nazi-Vergleiche inflationär in Umlauf sind, dass sie oft für allzu kleine Vorgänge benutzt werden, die an die Größenordnung und den Horror des Nazitums als Ganzes nicht entfernt heranreichen. Die Zeit dieses spezifischen Terrors bietet einen so riesigen Steinbruch, dass zu Recht oder zu Unrecht, viele die ihnen geeigneten Steine daraus brechen und das wohl noch auf unabsehbare Zeit tun werden.

Doch so unproportional manche Vergleiche menschlicher Unbill mit Naziverbrechen oft auch sein mögen, so versteht man doch ihre Absicht, das jeweils angeprangerte Unrecht in die Nähe des Schlimmstmöglichen zu setzen. Es widerspricht der einfachsten Logik, dass der Vergleichende darauf abzielt, dieses Schlimmstmögliche als nicht so schlimm bezeichnen zu wollen, da er doch genau das Gegenteil ausdrückt. Nazivergleiche werden denn auch nicht der Opferseite verübelt, sondern nur dann als sträflich empfunden, wenn sich jemand dieserart mit den Tätern verglichen und seinen Ruf beschädigt sieht (oder jemand in seinem Namen) – eben weil man ihn mit dem schlechthin Teuflischen gleichsetzt. Warum aber sollten diejenigen, die die Opfer waren und überlebt haben oder deren Angehörige, sich verletzt fühlen?

Allenfalls schütteln sie den Kopf und denken „Der weiß ja nicht, wovon er redet!“ Ihr Leid wird dadurch nicht kleiner, wenn andere meinen, ebenso zu leiden oder wirklich ebenso leiden. In der Regel äußern sich überhaupt nur diejenigen, die als Sachwalter der Opfer und ihres Andenkens zu sprechen behaupten. Opfer sprechen oft ganz anders: „Ich entsinne mich, dass ich während eines Urlaubaufenthalts von 1967 im russischen Wald bei Cavidovo zum ersten Mal eine solche ‘Hühnerfabrik’ gesehen und besucht habe und dass mein erster Eindruck – und er hat sich später nie geändert – der war: das muss für die armen Tiere ja schlimmer sein als was wir im Konzentrationslager die Jahre hindurch haben ausstehen müssen!“ Martin Niemöller, Kirchenpräsident, von 1938-1945 in verschiedenen KZs

Um Leiden und Tod systematisch verfolgter, gequälter, hingemordeter Menschengruppen in unserer Zeit sinnfällig zu bezeichnen, bieten sich die Erinnerungen an die Naziära so direkt an, dass sie ohne weiteres als Verständigungsmittel dienen. Eine reflexartige Empörung setzt erst da ein, wenn es sich bei den Opfern nicht um Menschen handelt, sondern um Tiere. Nur hier erfolgt ein Aufschrei, wenn Analogien zu KZ und Holocaust gebildet werden. Es geht also nicht um die generelle Berechtigung der Assoziation mit den Schrecknissen dieser speziellen Epoche, sondern um die Vergleichbarkeit der Opfer. Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Entrüsteten der angeblich herabgesetzten Opfer bedienen, sie (bewusst oder unbewusst) instrumentalisieren, um – siehe oben – den Vergleich mit den Tätern und Mittätern, Mitläufern und Nutznießern, abzuwehren. Denn das heißt: mit uns selbst. Ein Aufschrei gegen den Satz von Isaac B. Singer: „Den Tieren gegenüber sind alle Menschen Nazis.“


Holocaust als Chiffre


Das deutsche Wort „Opfer“ unterscheidet nicht zwischen den zwei Bedeutungen, wie sie sich im Englischen und in den romanischen Sprachen deutlicher zeigen: sacrifice und victim. Wer immer den Begriff Holocaust als Synonym für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas ins Spiel gebracht hat – in Deutschland ist er erst durch ein „spannendes“ amerikanisches Fernsehspiel in den 70er Jahren eingebürgert worden – hat nicht bedacht, dass dadurch der Akzent auf der Bedeutung „sacrifice“ liegt. Das griechische Wort Holocaust bedeutet gänzliche Verbrennung, „Ganzopfer“, ein religiöses Ritual, bei dem Brandopfer (von Tieren!) zur Ehre Gottes gebracht wurden. Das hat offensichtlich mit den Intentionen der Nazis wenig zu tun. Das Wort hat einen Bedeutungswandel erfahren, und wer heute von Holocaust spricht, meint die Opfer im Sinne von „victim“. Der Akzent liegt auf den unschuldigen Opfern von systematischem Massenmord, überwiegend eingeengt auf das Programm der Nazis zur Vernichtung der Juden, die aber selbst eher das Wort „Shoah“ benutzen. Denn bei Holocaust klingt mehr an, er umfasst auch nichtjüdische Opfer des Herrenmenschenwahns, besonders in den KZs, die Sinti und Roma, deren halbes Volk umgebracht wurde, und andere Volksgruppen, die zu „Untermenschen“ erklärt wurden, Homosexuelle, Behinderte, Geisteskranke. Holocaust ist eine Chiffre geworden. Ist es aber unmoralisch, mit diesem Schreckens-wort Parallelen zu anderen systematischen Massenmorden in einem anderen historischen Umfeld zu ziehen? Das Wesen des Vergleichs beruht immer darauf, bei ähnlichen Dingen oder Vorgängen das Gemeinsame im Unterschiedlichen aufzuzeigen, und selbst wenn dabei ein Absolutes herauskommt (der Gepard ist das schnellste Landsäugetier, das Fest war das schönste, das ich je erlebt habe), so kommt man auch dazu nur, indem man eins gegen das andere hält. Ganz und gar Gleiches kann man nicht vergleichen.


Industrielle Tötungsmaschinerien


Worin also besteht das Gemeinsame und das Unterschiedliche zwischen dem Holocaust und der heutigen Behandlung von Tieren, insbesondere von „Nutztieren“? Zuerst springen die phänomenologischen Ähnlichkeiten ins Auge. Wer sich nicht blind stellt, fühlt sich beim Anblick von langgestreckten, stacheldrahtbewehrten Baracken abseits bewohnter Siedlungen, von Hühnerbatterien, Rinderstallungen, Schweine- oder Putenmastbetrieben, Pelz„farmen“, von schwer gesicherten Tierversuchsanstalten, von endlosen Reihen trostlos verzweifelter Affen wie bei COVANCE, unweigerlich an Konzentrationslager erinnert. Im englischsprachigen Raum gibt es für Massentierhaltung das offizielle Wort CAFO, Concentrated Animal Feeding Operation. Bei factory farms, Tierfabriken, Fließbandschlachtung, Akkordschlachtung zeigt sich eine weitere Parallele zu einem Charakteristikum der Menschen-KZs: die industrialisierte, rationalisierte, geschäftsmäßige Form der massenhaften Tötungen. Das „Vergasen“ ist die übliche Art der Tötung von Pelztieren und von Millionen männlicher Küken, die von den weiblichen „selektiert“ werden, da sie als „Arbeitskräfte“ (zum Eierlegen) nicht tauglich sind. Auf dem Gelände jeder größeren Tierversuchsanstalt ragt ein hoher Kamin in den Himmel, in dem die Ermordeten verbrannt werden, Rauch steigt auf.

Die Leichenberge sind selten sichtbar, werden der Öffentlichkeit zur Schonung ihrer Nerven nicht zugemutet. Aber jede/r weiß, dass es sie gibt, verdrängt es sofort, will es nicht wissen. Wenn Tierbefreier/innen oder Journalist/innen den Konsens des Nichtwissenwollens durchbrechen (unter Gefahren) und Bilder der Tatsachen liefern, haben sie es schwer, auch noch den Schutzwall der Medien zu überwinden. „Mutig“ müssen Redaktionen sein, um „das Volk“ auch nur Sekunden einen Blick riskieren zu lassen. So wird die zivile Gesellschaft, die reale Grausamkeit „nicht sehen kann“, entlastet, kann sie minimalisieren, nicht richtig „glauben“, verdrängen, wegstecken. Auch die Vernichtungslager des „Dritten Reichs“ waren „geheime Reichssache“. „Das Volk“ wusste und wusste nicht. Hatte auch „andere Sorgen“.

Das wirksamste Mittel aber, der Verdrängung zuzuarbeiten, ist die ideologische Abwertung der Opfer. Christen hatten keine Gewissensprobleme, wenn „Heiden“ zu Millionen abgeschlachtet, jahrhundertlang „Hexen“ und „Ketzer“ (zum „Wohl“ der Rechtgläubigen) verbrannt wurden. Der Genozid an den Indianervölkern etwa konnte locker mit der behaupteten eigenen „geistigen“ Überlegenheit begründet werden. Kommunisten aller Länder rechtfertigten vor sich und der Welt die unermesslichen Menschenopfer des Stalinismus im Namen des „Fortschritts“, allein 2-3 Millionen ermordeter Bauern, der „Kulaken“, im Zuge der Zwangskollektivierung mit 10 Millionen Hungertoten als deren Folge, oder rund 12 Millionen Tote in den Arbeitslagern des Gulag; die bildungsstolzen weißen Europäer nahmen die institutionalisierten Grausamkeiten des Kolonialismus an Schwarzen und Farbigen, an den „Wilden“, kaum zur Kenntnis.


Keine Metaphern, sondern Fakten


Sprechen wir von Zahlen. Die technischen und organisatorischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ermöglichten eine hohe Effizienz der Niedertracht, eine Massierung und „Durchführung“ von Gräueln in relativ kurzer Zeit. Immerhin waren und sind Menschen auch mit weniger ausgereifter Technik schon zu eindrucksvollen Massakern fähig gewesen, die an Quantität nicht hinter denen der Nazis zurückstehen. Doch kommt es auf Zahlen an? Lassen sich individuelle Leiden summieren? Lassen sich Verbrechen

aufrechnen? Trotzdem kann unser Gehirn nicht anders, als auch mit Zahlen zu operieren. Ein Serienmörder erschreckt uns mehr als ein Einmaltäter, sechs Millionen Ermordete lasten schwerer als ein niedergebranntes Dorf mit dreißig Toten. Wenn wir Zahlen ins Spiel bringen, kann allerdings der Vergleich mit den ermordeten Tieren nur noch Schwindel erregen. Nichts, was Menschen einander angetan haben, kommt auch nur in Bruchteilen von Bruchteilen an die Größenordnungen dessen heran, was wir Tieren antun. Es geht um Milliarden, Billiarden, um Hekatomben individueller Leiden und Tode, jahraus jahrein.

Und sprechen wir noch von einer weiteren Parallele: Ein besonders erschütternder Aspekt der Nazibarbarei ist ihr Auftreten mitten in einer sich auf dem Höchststand der Zivilisation, der Aufklärung, der Humanität, der Bildung, der Kultur wähnenden Gesellschaft. Da glauben wir uns heute auch...

Unabweisbar zeigt uns der Vergleich Vergleichbares: Konzentrationslager, industriellen, planvollen Massenmord, vorangegangene Deklassierung und Verachtung der Opfer, ihre Ausblendung aus dem Bewusstsein, ihre Rechtfertigung durch einen „höheren Zweck“, die Verschleierung und/oder Verdrängung der Grausamkeit, die Ungeheuerlichkeit der Zahlen. Dabei haben wir noch nicht einmal die Arten der Qualzufügung betrachtet. Das wollen wir uns hier auch ersparen. Wer auch nur fünf oder zehn Beschreibungen von Tierversuchen liest, fünf oder zehn Fotos oder Videos sieht, wer die Vorstellungskraft besitzt, sich in einen Affen mit angebohrtem Gehirn in einem stereotaktischen Stuhl hineinzuversetzen, in eine Katze mit zerschnittenem Auge, in eine zum stundenlangen Schwimmen gezwungene Maus, der man vorher die Hinterbeine gelähmt hat, in das von der Geburt bis zum Tod eingepferchte, wundgescheuerte Huhn, die lebenslang angebundene Kuh, in einer Gefängniszelle „so eng wie die Stehsärge von Oranienburg“, das im Metallkasten gefesselte Mutterschwein, dem man die Kinder raubt – nein, keine Vorstellungskraft reicht an die entfesselte Orgie der raffinierten Grausamkeit und uneingeschränkten Brutalität heran, die sich an Tieren austobt. Doch sogar im physischen Leiden und Sterben wahren wir eifersüchtig unsere dünkelhafte Überlegenheit.


Mein Leid ist größer als dein Leid


Dass Tiere physisch und psychisch leiden, wird heute von niemandem ernsthaft bestritten. Dass das Gegenteil jemals von „großen Geistern“ und ehrsamen Wissenschaftlern behauptet wurde, jahrhundertlang, wirkt geradezu wie ein Spuk. Wie aber kann man Leiden messen, wie vergleichbar machen? Die Überlegung, dass Tiere sogar mehr leiden als Menschen, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihnen stehen einige Möglichkeiten der psychischen Entlast-ung nicht zur Verfügung, keine Hoffnung, kein Glaube an eine höhere ausgleichende Gerechtigkeit, kein geistiger Trost. Auch keine Rache, keine Notwehr, nicht einmal Selbstmord.

Der Einwand, sie litten weniger, weil sie ihr eigenes Schicksal nicht in Zusammenhängen begreifen oder zum eigenen Leid nicht noch das Leid von Angehörigen oder Schicksalsgefährten summieren könnten, steht auf schwachen Füßen. Unser Wissen von der Wahrnehmungswelt von Tieren ist lächerlich gering. Doch das, was wir vom Leiden der Tiere fast mit bloßem Auge erkennen können, reicht wahrhaftig aus, um nicht auf kunstvolle Abwägungen warten zu müssen.

Der große Unterschied zwischen dem Holocaust an Menschen und dem namenlosen Terror gegen Tiere soll nun aber in der Motivation liegen, in Ziel und Zweck. Nämlich: Juden, „Zigeuner“, „rassisch“ oder biologisch (!) „Minderwertige“ sollten ja vernichtet werden, einfach um sie zu vernichten, Tiere aber sollen gegessen werden (bzw. in den Tierexperimenten der menschlichen Gesundheit dienen). Liegt hier aber wirklich ein wesentliches Unterschieds-merkmal vor? Zum einen wurden die KZ-Opfer der Nazis vor ihrer Vernichtung noch, so lange es ging, auch als Arbeitskräfte ausgebeutet, ihr persönlicher Besitz wurde geraubt bis zu ihren Körperteilen wie Haare und Goldzähne. Zum anderen werden Tiere auch ohne Umwege vernichtet, etwa die Hälfte aller Hühner (die männlichen) routinemäßig gleich nach der Geburt, die Unbrauchbaren, wie die BSE-Rinder samt Millionen gesunder Artgenossen auf Scheiterhaufen zu Asche verkohlt; in unseren Tagen wurden gerade mehr als 60 Millionen grippekranke und gesunde Hühner und andere Vögel in Säcke gestopft und lebendig begraben oder verbrannt. In den permanent laufenden Tötungsmaschinerien fällt täglich „Abfall“ an, alle, die noch vor jeder Nutzung unter den Haltungsbeding-ungen vorzeitig zusammenbrechen und „entsorgt“ werden, dazu Überzählige, Fehlzuchten, Ungebärdige, Geflohene. Ein erweiterter Horizont lässt den Blick noch weiter gleiten: auf die Ausrottung ganzer Tiervölker wegen ihrer Unbrauchbarkeit für die Herrenrasse oder als lästige Konkurrenten für das Menschen-„Volk ohne Raum“, das ihnen ihre Lebensgrundlagen stiehlt.



Zweckrationalisierung


Das entscheidende Moment aber, warum die Betonung des Zwecks so falsch und unsinnig ist, liegt darin, dass die Perspektive der Täterseite und nicht die der Opfer eingenommen wird. Irgendein „Zweck“ dient jedem mit „höheren Werten“ begründeten Massenmord als Rechtfertigung. Für die Opfer ist es völlig gleichgültig, warum sie vernichtet werden, ob das Interesse ihrer Mörder an ihrem Tod von deren Geschmacksnerven oder dem Rassenwahn in ihren Köpfen herrührt.

Doch auch wenn wir die Ähnlichkeiten der Motivlage betrachten, entdecken wir Gemeinsames. Zu den konstitutiven Bestandteilen der Naziideologie gehört der Überlegenheitswahn über andere, über „Minderwertige“ nach eigener Definition der zur Herrschaft Gelangten, über „lebensunwertes Leben“. Dazu gehört das „Recht des Stärkeren“ als angebliches Naturgesetz, die propagierte Mitleidlosigkeit gegenüber den „Minderwertigen“ und Unterlegenen, die Anmaßung, „mit Recht“ den Wert fremden Lebens zu bestimmen, es auszulöschen oder grenzenlos auszubeuten. Die strukturelle Ähnlichkeit mit der allgemeinen Einstellung zu Tieren liegt auf der Hand.

Sie hier zu erkennen und mit allen Folgen zu akzeptieren, erfordert allerdings eine gewaltige geistige und seelische Anstrengung, die von der Mehrheit nicht über Nacht zu erwarten ist. Kein Überlegenheitswahn ist so uralt und so tief verwurzelt wie der der ganzen Menschheit über die ganze Tierwelt. Seit Menschengedenken hat mensch die Tiere als das „ganz Andere“ und das weit unter ihm Stehende definiert und behandelt. Hunderte von Abgrenzungskriterien wurden von den Kulturen und Religionen betont oder erfunden, unter den Riesengebäuden der Selbstbespiegelung verschwanden die Gemeinsamkeiten bis zur Unsichtbarkeit. Erst seit Darwin begannen die selbsterrichteten Throne Risse zu bekommen, und die moderne Wissenschaft, insbesondere die Verhaltensforschung, entzog Stück für Stück die Fundamente, auf denen sie ruhen. Wer wissen will, weiß heute, dass Tiere, ganz ohne Zweifel mindestens Säugetiere und Vögel, sehr ähnliche, weitgehend identische, physiologische und diesen entsprechende sinnliche und emotionale Strukturen haben wie die Spezies Mensch, und dass auch ihr kognitiver Apparat prinzipiell den gleichen Mustern folgt (unfreiwilligerweise hat auch die Versuchstierforschung ihr Teil zu diesen Erkenntnissen beigetragen, es sei nur auf die Versuche auf dem Feld der Psychologie hingewiesen).

Die vor- und außerwissenschaftlichen Einsichten in die enge Verwandtschaft, die vergleichbare Erlebniswelt, sind bei Menschen, die sich nicht völlig von der Idolisierung der eigenen Art einnebeln ließen, auch immer schon da gewesen, hatten gegenüber dem herrschenden Menschenbild nur nie eine Chance. Erst die Denkrichtungen der auf Recht, Freiheit und Gleichheit gerichteten geistigen und politischen Konzepte entwickelten eine Eigendynamik, deren Logik nun auch die verachteten Tiere erreicht hat. Da als einziger markanter Unterschied nur die geringere oder genauer gesagt: anders geartete, Intelligenz der Tiere übrig bleibt, stellt die Logik die Frage, ob geringere oder andersartige Intelligenz einen Grund, eine Legitimation, für jede Art Grausamkeit, Folter, Tötung, Versklavung, schwere Freiheitsberau-bung oder sonst ein Verbrechen darstellt - und beantwortet sie mit Nein.



Aufklärung durch Schock?


Bisher ist es eine sehr kleine, aber stetig wachsende Minderheit, die die Tiere von der unmenschlichen (!) totalen Diktatur des Menschen befreien will. Eine ungeduldige unhomogene Bewegung, die nicht die Augen vor den Auswirkungen der Tyrannis verschließt und die sich die Perspektive der Opfer zu eigen macht. Für sie ist die Vergleichbarkeit des kreatürlichen Leids selbstverständlich und das Kardinalargument der Leugner „Tiere sind keine Menschen!“ nichts als ein Schlagwort aus dem Arsenal der überheblichen Herrenmenschenmenta-lität. Und eben hier stößt die bis heute herrschende Moral, die die Tiere ausklammert, mit dem neuen Denkansatz zusammen, der von der Tierrechts- und Tierbefreiungbewegung entwickelt wird und der eine artübergreifende Ethik fordert, die die Tiere einschließt.

Es ist zu begreifen, dass eine derart umfassende Erweiterung des moralischen Anspruchs die „normal“ geprägten Zeitgenossen zunächst vor den Kopf stößt und es noch lange tun wird. Zumal keine Tyrannei jemals so viele Vorteile für die Privilegierten gebracht hat, nämlich irgendeinen für nahezu jedes Mitglied der menschlichen Rasse, und seien es nur Schuhe. Vor allem aber das schmeichelnde Bewusstsein, einer höheren Lebensform anzugehören. Die Abwehrmechanismen werden entsprechend in Stellung gebracht.

Wie aber kann diese Minderheit einer derart archaischen, von klein auf verinnerlichten, von ausnahmslos allen Institutionen geschützten Diktatur beikommen? Wie durchbricht man die alles niederwalzende Macht der Gewohnheit? Wie die konditionierte Mitgefühllosigkeit?


Viele Wege werden gegangen. Nur einer davon ist die Schockmethode, die harte Konfrontation mit den Gräueln der grenzenlosen Ausbeutung der Tiere durch Visualisierung, der Versuch, die Opfer aus der Schattenwelt ihres Leidens herauszuholen und den Mitschuldigen und Gleichgültigen so zu präsentieren, dass sie nicht ausweichen können. So, wie die Deutschen nach dem Krieg zwangsweise in KZs geführt wurden. Vielleicht trifft der verstörende Vergleich mit der eigenen Geschichte, einer Geschichte von Menschen gegen Menschen, mit der gegenwärtigen von Menschen gegen Tiere trotz aller Abwehr manche mitten ins Herz – vielleicht sogar ins Hirn. Vielleicht verstehen sie die Botschaft: Wie könnt ihr euch vor dem einen als furchtbare Ausnahme-erscheinung entsetzen und das andere als Normalität hinnehmen? Wer aber sinnwidrig in der grellen Beleuchtung des sonst abgedunkelten Tierleids eine Verachtung der Menschen erblicken will, der demonstriert genau damit, was ihm spiegelbildlich vorgehalten wird: seine Verachtung der Tiere.




Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern

Kritische Anmerkungen zum „KZ-Vergleich“



Ein Foto zeigt abgemagerte Kinder in Häftlingskleidung hinter Stacheldraht, gleich daneben Ferkel eingesperrt auf engstem Raum. Unter dem Titel „Wandelnde Skelette“ sieht man nackte Menschen mit aufgedunsenen Hungerbäuchen neben einem unterernährten Kälbchen, das sich vor Schwäche nur noch mühsam auf den Beinen halten kann. Dann ein Bild von Häftlingen in den Lagerbaracken, aufgestapelt wie Ware, dicht an dicht auf schmutzigen Pritschen, und rechts daneben die nicht enden wollenden Käfigreihen der Legebatterien.

Die Aussage des schockierenden Bildvergleichs, der im Februar letzten Jahres von der Tierrechtsorganisation PETA ins Internet gestellt wurde, ist eindeutig: Das, was täglich in den Tierfabriken und Schlachthäusern stattfindet, ist der Holocaust der Tiere. Wer nach ausgiebiger Betrachtung der Schreckensbilder immer noch vermutet, das Anliegen der Urheber sei, Analogien zwischen der rationalisierten Gefangenhaltung von Menschen in den Todeslagern und von Tieren in den Fleischfabriken aufzuzeigen, wird durch den Begleittext der „Masskilling“-Internetseite (1) endgültig eines anderen belehrt. Es geht um weit mehr, als deutlich zu machen, dass die Abläufe von Massentötungen in der industrialisierten Moderne stets denselben methodischen Charakter haben. Das belegt ein Zitat des österreichischen Tierrechtlers Helmut Kaplan am Ende der Fotoserie: „Unsere Enkel werden uns eines Tages fragen: ,Wo wart ihr, während des Holocaust der Tiere? Was habt ihr gegen diese entsetzlichen Verbrechen getan?’ Die Entschuldigung, dass wir es nicht gewusst hätten, können wir kein zweites Mal vorbringen.“(2)

Der „Leichenschmaus“-Autor gilt, zumindest im deutschen Sprachraum, als einer der offensivsten Verfechter des so genannten KZ-Vergleichs. Um zu erkennen, dass die Grausamkeiten, die Tieren angetan würden, so Kaplan in seinem Beitrag „Tiere und Juden oder die Kunst der Verdrängung“ , „exakt dem Holocaust der Nazis entsprechen“, bräuchte man „nur Berichte über Menschenversuche in KZs und Berichte über heutige Tierversuche anzuschauen. Dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Die Parallelen sind lückenlos, die Berichte sind austauschbar. Alles, was die Nazis den Juden angetan haben, praktizieren wir heute mit Tieren!“(3)

Ebenso wie Helmut Kaplan hält auch PETA eine fundierte historische Begründung für die Gleichsetzung des alltäglichen Abschlachtens unzähliger Tiere für den menschlichen Konsum mit dem Völkermord, der während des Zweiten Weltkrieges von deutschen Tätern verübt worden war, offenbar für überflüssig. Das Verstehen tritt zu Gunsten des Sehens in den Hintergrund. Außer Horror-Bildern bietet die PETA-Website nicht viel mehr als einige sloganhaft dargebotene Zitate aus dem umfangreichen Werk des amerikanischen Literatur-Nobel-preisträgers Isaac Bashevis Singer, Auszügen aus Charles Pattersons „Eternal Treblinka“ und jeder Menge Briefe von jüdischen Unterstützern der Kampagne, unter ihnen viele Holocaust-Überlebende.

Wenn es darum geht, die Gleichsetzung von Auschwitz (4) und Tiermord, wie sie von PETA und Kaplan betrieben wird, kritisch zu reflektieren, dann können Methode und Gegenstand, Form und Inhalt nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Das Problem ist bereits in der reduktionistischen Vorgehensweise angelegt, für den Vergleich ausschließlich die Phänomene des Holocaust und der Massenschlachtung von Tieren zu berücksichtigen, ihr Wesen jedoch außer Acht zu lassen.

Hätten die Befürworter der Gleichsetzung die Frage „Was war Auschwitz?“ als epistemologisches Problem behandelt, den Völkermord, der vorwiegend von Deutschen verübt wurde, nicht aus dem historischen und topographischen Kontext gerissen, nicht entpolitisiert und nicht als rein ethische Misere diagnostiziert, dann wäre ihnen vielleicht die nahezu unmögliche Fassbarkeit und Komplexität des Gegenstands bewusst geworden. Sie hätten sicher festgestellt, dass ihm ohne umfangreiche Exkurse in die Geschichte des Antisemitismus, des Kapitalismus, der Moderne nicht angemessen begegnet werden kann. Die über alle Maße des Erträglichen strapazierten Bildervergleichs-, „Große Geister“- und Kronzeugenzitatpraxis von PETA und Kaplan (5) macht deutlich: Die Problematik des so genannten KZ-Vergleichs ist nicht nur eine des Was, sondern auch eine des Wie.

Da aber die Gleichsetzung nahezu ausschließlich Ergebnis von Vergleichen der Phänomene des Grauens ist, blieb vor allem die Frage nach den Funktionen von Todeslagern und Schlachthäusern unberücksichtigt: Auschwitz war eine Todesfabrik. Sie hatte den Zweck, Tote zu produzieren. In den Lagern, die die Nationalsozialisten in Polen errichtet hatten, sollte die Auslöschung der Juden und ihrer Identität vollzogen werden. Die zentrale Maßnahme zur Erreichung des Ziels – die Juden samt ihrer Kultur im Abgrund der Geschichte verschwinden zu lassen, als hätte es sie nie gegeben – war die physische Vernichtung der „jüdischen Rasse“, die von den Nazis, wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ diagnostizierten, nicht als Minorität, sondern als „Gegenrasse“ und „Kolonisatoren des Fortschritts“ begriffen worden war.(6)

Der Zweck der Schlachthöfe und Tierfabriken dagegen ist nicht die Eliminierung eines erklärten Feindes, sondern aus Leibern von – während der gesamten Kulturgeschichte des Menschen – brutal unterdrückten Tieren Fleisch für den Konsum zu produzieren, vor allem aber Mehrwert für den Profit des Unternehmers zu erwirtschaften. Obwohl sich die Ideologie des Kapitalismus im Fleisch quasi materialisiert – die Schlachthöfe von Chicago, so schrieb der US-amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair 1906 in seinem naturalistischen Roman „The Jungle“, „sind die „Fleischwerdung des Geistes des Kapitalismus“ –, ist das ökonomische Movens der Tierausbeutung in der Industriegesellschaft ein Aspekt, den PETA und Kaplan größtenteils ausblenden.

Das Töten und die Fleischgewinnung wurde bereits im Frühkapitalismus als durchkalkulierter parzellierter Fabrikationsvorgang organisiert. Die Umwandlung der Schlachthäuser in perfekte Tötungs- und Fleischproduktionsfabriken begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie aus den Innenstädten an die Stadtränder verlegt wurden. Der Schlachthof sollte bald zum Inbegriff, zum Symbol des institutionalisierten Tötens, der Degradierung quälbarer Körper zu Dingen werden. Die Schlachthäuser waren insofern Vorläuferinstitutionen der Todeslager, dass ihre perfektionierte Tötungsmaschinerie als „Prototyp“ fungierte, den nationalsozialistischen Mörderbanden das „Know-how“ für die millionenfache Menschenvernichtung lieferte. Dennoch stehen Tiertötungsfabriken und Auschwitz nicht in kausalem Zusammenhang. Aus der Tatsache, dass die Tiertötung technisch optimiert und institutionalisiert wurde, folgte nicht zwingend, dass rund einhundert Jahre später die Todesfabriken errichtet wurden. Die „Fließbandschlachtung von Tieren“ führte nicht unweigerlich zur „Fließbandschlachtung von Menschen“, wie Helmut Kaplan behauptet, und Bruno Bruckners Anstellung als Portier in einem Linzer Schlachthaus auch nicht dazu, dass er später im Tötungszentrum Hartheim arbeitete.(7)

Die phänomenale Ähnlichkeit zwischen Vernichtungslagern und Schlachthöfen ist der Tatsache geschuldet, dass beide – das dokumentiert das „Fotoalbum“ der Moderne in der Tat – „Institutionen“ sind, die im Zuge bzw. nach der Industrialisierung entstanden waren, mit der eine Versachlichung und Entemotionalisierung des massenhaften Tötens einhergegangen ist, wie Enzo Traverso in seinem Aufsatz „Auschwitz. Die Moderne und die Barbarei“ eindringlich darlegt.(8)

Die Singularität von Auschwitz besteht in dem unfassbaren Ausmaß einer bürokratisch geplanten und durchorganisierten Massenvernichtung von Menschen; darin, dass Menschen erstmals durch Menschenhand zu administrativ verwalteten Exemplaren gemacht wurden. Theodor W. Adorno schrieb in „Negative Dialektik“: „Dass in den Lagern nicht mehr das Individuum starb, sondern das Exemplar, muss das Sterben auch derer affizieren, die der Maßnahme entgingen. Der Völkermord ist die absolute Integration, die überall sich vorbereitet, wo Menschen gleichgemacht werden, geschliffen, wie man bei Militär es nannte, bis man sie, Abweichungen vom Begriff ihrer vollkommenen Nichtigkeit, buchstäblich austilgt.“ (9) Der Holocaust wird im Vergleich mit allen anderen Verbrechen, die bisher von Menschen an Menschen begangen wurden, aber auch als einzigartig rezipiert, weil es sich bei dem historischen Ereignis, wie der israelische Historiker Moshe Zuckermann es ausdrückt, „nicht um einen ,Betriebsunfall’, vielmehr um den Kulminationspunkt einer sehr viel länger zurückreichenden zivilisatorischen Entwicklung handelt, die sich zudem im Kulturraum einer sich der Aufklärung des Fortschritts, ja einer welthistorisch vorangetriebenen menschlichen Emanzipation rühmenden Moderne zugetragen hat.“(10)

Von einer Singularität des Holocaust zu reden, bedeutet übrigens nicht, wie Helmut Kaplan fälschlich in seinem „Wahrheitsverachtend!“-Aufsatz an-nimmt, die Wiederholbarkeit der Menschheitskatastrophe auszuschließen. (11) Vor allem von Vertretern der Frankfurter Schule wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Auschwitz ein Rückfall in die Barbarei war, der sich wiederholen kann, „solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigen, wesentlich fortdauern.“ (12)

Die Unterdrückung, die Ausbeutung und massenhafte Tötung von Tieren ist kein Holocaust, ist kein Vernichtungsakt. Und die Herrschaft des Menschen über die Tiere ist kein zeitlich begrenztes historisches Ereignis, sondern ein Epiphänomen der gesamten Zivilisationsgeschichte. Selbstverständ-lich steht die Erniedrigung und Entindividualisierung des Menschen mit der der Tiere in Beziehung, nicht zuletzt deshalb, weil beide Produkte einer und derselben in vielerlei Hinsicht gescheiterten Aufklärung sind. Die Kritischen Theoretiker Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, die einen nichtspeziesistischen Ansatz vertraten, begriffen die Verdinglichung von Mensch und Tier, von empfindungsfähigen Lebewesen als Strukturmerkmal der Gesellschaft im Stande der Unfreiheit und Begleiterscheinung der doppelten Naturbeherrschung, der Beherrschung der inneren und äußeren Natur. Die Geschichte der Anstrengungen des Menschen, die Natur zu unterjochen, sei auch die Geschichte der Unterjochung des Menschen durch den Menschen. Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, in dem Natur gebrochen wird, führe nur um so tiefer in den Naturzwang hinein.

Das Herrschaftsverhältnis Mensch-Tier-Natur ist äußerst komplex. Ihm ist nicht mit oberflächlichen Vergleichen von Phänomenen und provokativen Gleichsetzungen beizukommen. Es bedarf ausführlicher (wissenschaftlicher) Analysen und einer umfangreichen dezidierten Herrschaftskritik.

Es gibt keinerlei Hinweise, dass PETA die Gleichsetzung aus antisemitischen Beweggründen vorgenommen haben. Ihnen „rechtsradikale“ Beweggründe zu unterstellen, wie beispielsweise Jutta Ditfurth (13) es kürzlich getan hat, ist ebenso billige Effekthascherei wie grober und gefährlicher Unfug, da hier wieder durch eine falsche Gleichsetzung die Gefahr, die u.a. von (militanten) Neonazis ausgeht, verharmlost wird. Es ist auch absurd, einer US-amerikanischen Tierrechtsorganisation, die viele jüdische Mitglieder und Unterstützer hat, die Absicht zu unterstellen, Geschichtsrevisionismus betreiben und den Völkermord banalisieren zu wollen, um die deutschen Täter zu entlasten. Dass PETA – wenn auch unbeabsichtigt – mit einer unreflektierten in das Täterland Deutschland hineingetragenen Universalisierung und Inflationierung der Shoah, dazu beitragen, Holocaust-Relativierern den Weg zu ebnen, steht auf einem anderen Blatt.

Die Kampagne ist insofern dazu geeignet, die größte Menschheitskatastrophe ihrer Singularität zu berauben, dass sie eine Trivialisierung des Holocaust darstellt, die vor allem Resultat der reklamehaften und lässigen Präsentation des „KZ-Vergleichs“ ist. Wie schon der Benneton-Konzern in den neunziger Jahren operiert auch PETA offenbar nach dem Marketing-Prinzip: Erlaubt ist alles, was Aufmerksamkeit erregt, schockiert und Publicity bringt. Auf historische „Feinheiten“ wird keine Rücksicht genommen.

So plauderte PETA-Chef Harald Ullmann unlängst in Köln während einer Diskussionsveranstaltung zum „KZ-Vergleich“ munter drauf los: „Die Opfer sind ausgetauscht worden. Früher waren es die Juden, fahrendes Volk und heute sind es Tiere.“ (14) Der Leser möge selbst entscheiden, ob es sich bei derartigen Aussagen der Tierrechtsorganisation um vorsätzliche Geschichtsfälschung handelt oder um eine gehörige Portion Unbedarftheit oder gar Ignoranz, die möglicherweise der Tatsache geschuldet ist, dass PETA es seit jeher vorziehen, statt kompetente Kritiker des repressiven Mensch-Tierverhältnisses aus dem Bereichen Wissenschaft und Kunst lieber so genannte Promis und Teenager-Stars als normative Instanzen oder „Sachverständige“ für Tierrechtsfragen heranzuziehen. Der „feine“ Unterscheid zwischen Theodor W. Adorno und Pamela Anderson kommt spätestens dann erbarmungslos zum Vorschein, wenn die PETA-Populisten sich an das monströse historische Ereignis Auschwitz heranwagen.

Wie oberflächlich, unwissenschaftlich und vor allem wie unseriös PETA zu Werke gehen, indiziert auch die Verwendung eines angeblichen Zitats von Theodor W. Adorno, das die amerikanische Organisation, in englischer Übersetzung, als Aufmacher ihrer „Masskilling“-Seite benutzt: „Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthaus steht und denkt: ,Es sind ja nur Tiere’.“ Nach dem derzeitigen Forschungsstand gilt das „Adorno-Zitat“ als Fälschung (15), und kein einziger der eifrigen Benutzer sah sich bisher in der Lage, die Quelle zu nennen. PETA-Chef Harald Ullmann nimmt’s gelassen: Es sei schließlich bisher niemanden gelungen zu widerlegen, dass der Frankfurter Philosoph das gesagt habe, wehrte er die Kritik an der unsauberen Arbeitsweise (16) seiner Organisation ab. Einmal abgesehen von dem Mangel an Sensibilität gegenüber dem Werk des 1969 verstorbenen Mitbegründers der Kritischen Theorie, schwingt in PETAs Darlegung ihrer Argumente eine provozierende Lässigkeit gegenüber historiographischen Fakten mit, die symptomatisch für die gesamte „Holocaust-auf-Ihrem-Teller“-Kampagne ist.

So sehr die Organisation einerseits auf den „KZ-Vergleich“ beharrt, unterwirft sie die Frage, wie denn die industrialisierte Tiertötung zu benennen sei, andererseits einer gewissen Beliebigkeit. So ist auf der „Massvernichtung“-Seite als Erwiderung einer Kritik von dem Schriftsteller und Friedens-Nobelpreisträger Elie Wiesel (er hatte PETA aufgefordert, auf den Begriff Holocaust zu verzichten; es solle stattdessen von Tiertötung gesprochen werden) zu lesen: „Die Tiere bedürfen unserer Unterstützung ungeachtet der Semantik. Diese Ausstellung ist keine Übung in literarischen Kritizismus. [...] Wenn ,Fleisch Mord ist’, aber kein Holocaust, sollte dann Mord alleine nicht ausreichen, um uns laut aufschreien zu lassen?“

Das Wesen der Shoah sowie der jahrtausendelang währenden Barbarei, die Menschen Tieren antun, darf nicht beliebigen, willkürlichen Interpretation oder dem persönlichen Geschmack unterliegen. Die Benennung von Phänomenen, Ereignissen etc., die Nomenklatur kann ideologisch werden, wenn sie sich derart verselbstständigt, wie Moshe Zuckermann in seinem Aufsatz „Holokaust“ darlegt, dass „Geschichte, Welt und Wirklichkeit, wenn schon nicht ganz ignoriert, so doch in die Zweitrangigkeit des Epiphänomens verwiesen werden.“ Nomenklatur verkomme immer dann zur Ideologie, „wenn etwas am Benannten heteronom seinem Begriff entschlagen wird bzw. wenn der Nennungsbegriff das Bekannte für heteronome Interessen dahingehend zurichtet, dass die Wahrnehmung des Benannten wesenhaft affiziert, der Gegenstand der Wahrnehmung mithin regelrecht unkenntlich gemacht wird.“ (17)

Die Verhüllung oder Verstümmelung des Wesens des Holocaust – durch falsche Benennung oder/und durch oberflächliche (Bilder-)Vergleiche – haben schon „Blüten“ hervorgebracht wie den Auschwitz-Dresden-Vergleich, der die verheerenden Bombenangriffe auf das Täterland im Rahmen von Kriegshandlungen mit der systematischen Massenvernichtung von Millionen von jüdischen Opfern gleichsetzt und damit eine Entsorgung der von Deutschen kollektiv begangenen Verbrechen intendiert.

PETA hat die größte Menschheitskatastrophe einfach aus ihrem historischen Kontext gerissen und als Aufhänger, als „eye-catcher“, als Vehikel für eine Werbekampagne benutzt. Eine flankierende Maßnahme des Internet-Auftritts ist eine Plakataktion mit Bildern aus den Tierfabriken und den Todeslagern – von PETA euphemistisch „Ausstellung“ genannt – die durch amerikanische und europäische Metropolen tourt. Die meisten Fotos der Shoah stammen aus dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC, dessen Leitung seine Nutzungsgenehmigung zurückgezogen hat, nachdem sie erfahren hatte, wie und zu welchem Zweck PETA die Bilder verwenden will. Wer die Bilder der Vernichtungslager aus den Dokumentationsräumen der Museen holt, wer ihre Mission – eine umfangreiche Aufklärung über die Ursachen, den Verlauf, über die Täter und Opfer des Holocaust – verzerrt, und wer sie durch skandalisierendes Zur-Schau-Stellen profaniert und damit die Gedenkkultur und die Trauerarbeit der überlebenden Opfer „beraubt“, muss sich letztlich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, den Holocaust heteronom instrumentalisiert zu haben.

Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern. Es war eine deutsche Todesfabrik, die von deutschen Mörderbanden auf polnischem Boden errichtet worden war.

PETA haben den Holocaust und den millionenfachen Tiermord kulturindustriell aufbereitet und eine Entwicklung gefördert, die das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht. Die Shoah wird, zumindest optisch, eingereiht in die Produktpalette: In den Städten sind überdimensionale Fotos von Leichenbergen in der Nähe von Reklametafeln für Almette-Frischkäse, Carefree-Tampons und Diet-Coke zu sehen – letztlich erweist sich PETAs Werbefeldzug als ein trauriges Fallbeispiel für die integrative Kraft des fortgeschrittenen Kapitalismus. Wer das Grauen des Holocaust „bestellt“, bekommt garantiert das Produkt PETA geliefert und einfache Lösungsansätze gegen Tausende von Jahren währende Gewaltherrschaft des Menschen über die Allerwehrlosesten gleich dazu. Das Mindeste, was der Konsument laut PETA tun könne, um den „Holocaust der Tiere zu beenden“, sei, eine vegetarische Lebensweise zu übernehmen. Eine Telefonnummer, wo der kostenlose „vegetarian starter kit“ bestellt werden kann, ist selbstverständlich auch dabei. Nach einer Erklärung dafür, wie die Tierrechtsorganisation den Spagat fertig bringt, sich mit der Tiermordindustrie, beispielsweise dem Burger King-Konzern, der den „Holocaust“ an den Tieren verübt – um es mit PETAs Worten zu sagen – an den runden Tisch zu setzen und nach tierschützerischen Gesichtspunkten über bessere Haftbedingen für die Opfer zu verhandeln, also mit den „Nazis“ zu kooperieren, sucht man auf der „Massenvernichtung“-Seite vergeblich.


(1) Neben der amerikanischen Internetseite (www.masskilling.com) gibt es seit 16. März auch eine deutsche Version (www.Massenvernichtung.info) , die an einigen Stellen vom Original abweicht.

(2) Übersetzung: S.W.S.

(3) www.tierrechte-kaplan.org/kompendium/a170.htm

(4) Auschwitz wird hier als pars pro toto des Holocaust verwendet.

(5) Es ist schon bemerkenswert, dass Kaplans siebenseitiges Plädoyer für den so genannten KZ-Vergleich „Wahrheitsverachtend! Die Kritik an PETAs Holocaust-Vergleich ist gefährlicher Unsinn“ zu mehr als 50 Prozent aus einer Aneinanderreihung „berühmter“ Standardzitate der „großen Geister“ – wie der Autor sie nennt – Leonardo da Vinci, Leo Tolstoi etc. besteht (vgl. www.tierrechte-kaplan.org/kompendium/a254.htm). Inwiefern beispielsweise Albert Einsteins Behauptung „Nichts wird...die Chancen für ein Überleben auf der Erde so steigern, wie der Schritt zu einer vegetarischen Ernährung“ ein schlagendes Argument für die Gleichsetzung von Tierschlachtung und Treblinka ist, verrät der Autor den Lesern jedoch nicht.

In seinem „Tiere und Juden“-Aufsatz mahnt Helmut Kaplan, der Vergleich werde schließlich nicht nur von „irgendwelchen irrationalen oder demagogischen Spinnern“ verwendet, sondern von Juden. „Gerade diejenigen, die das Grauen der Konzentrationslager aus eigener Erfahrung kennen, haben immer wieder auf die fundamentale Gleichartigkeit von Menschen- und Tier-KZs verwiesen,“ gibt Helmut Kaplan zu bedenken und hängt, zur Untermauerung seiner These, eine „Einsicht“ (als sei Auschwitz eine Erziehungsanstalt gewesen), ein Zitat, von Isaac B. Singer an (www.tierrechte-kaplan.org/kompen-dium/a170.htm). Der Schriftsteller Isaac B. Singer hat Europa 1935 verlassen und ist in die USA eingewandert; er ist zu keiner Zeit Häftling in einem Konzentrationslager gewesen.

(6) Vgl. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a.M. 1992, S. 177ff.

(7) Vgl. www.tierrechte-kaplan.org/kompendium/a254.htm

(8) Vgl. Enzo Traverso – Auschwitz. Die Moderne und die Barbarei. In: Sozialistische Zeitung Nr. 25 vom 7. Dezember 2000, S. 7 ff.

(9) Theodor W. Adorno – Negative Dialektik. Frankfurt a.M. 1975, S. 355.

(10) Moshe Zuckermann – Gedenken und Kulturindustrie. Ein Essay zur neuen deutschen Normalität. Berlin u. Bodenheim b. Mainz 1999, S. 92

(11) Derartige Positionen wurden bisher ausschließlich von Historikern aus dem rechts-konservativem Lager vertreten, wie beispielsweise Ernst Nolte, der den Holocaust als epochales Phänomen, als einmaligen „Unfall“ interpretiert hat.

(12) Theodor W. Adorno – Erziehung nach Auschwitz. In: Ders., Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt a.M. 1971, S. 88

(13) Ditfurth vertritt – wie die Mehrheit der „KZ-Vergleich“-Kritiker – eine spezieschauvinistische Position. Wie sie in der ARD-Sendung Polylux (v. 12. Januar 2004) darlegte, gilt ihre Kritik nicht der Enthistorisierung und Verkennung bzw. Verstümmelung des Wesens der Shoah, sondern als Befürworterin von Tierschlachtung und Fleischkonsum stört sie sich daran, dass menschliches und tierliches Leid miteinander verglichen werden.

(14) PETA-Chef Harald Ullmann während der Diskussionsveranstaltung zum so genannten KZ-Vergleich am 4. März 2004 in Köln

(15) Es ist anzunehmen, dass der Urheber es dem Aphorismus „Menschen sehen dich an“ aus Minima Moralia entlehnt hat, in dem Adorno die Verdinglichung des Menschen in der „repressiven Gesellschaft“ anklagt, die durch „pathische Projektionen“ vollzogen werde. Dieser Akt der Entmenschlichung enthalte „bereits den Schlüssel zum Pogrom“. In diesem Aphorismus ist zwar nicht von Schlachthäusern die Rede, aber es taucht zumindest ein – dem erfundenen Zitat – ähnlich lautendes Zitatteil („es ist ja bloß ein Tier“) auf.

(16) Um nicht zu sagen, fahrlässige Umgehung essenzieller Spielregeln universell gültiger Zitierpraxis, deren Einhaltung schließlich Grundvoraussetzung für eine glaubwürdige Öffentlichkeitsarbeit ist.

(17) Der Aufsatz ist bisher unveröffentlicht. Er wird im nächsten Band des „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“, Hg. V. Wolfgang Fritz Haug erscheinen.

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