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20.01.2009

Die Entfremdung der Lebewesen

Die Entfremdung der Lebewesen

Eine Rezension von "Die Entfremdung der Lebewesen:Die Ausbeutung im tierindustriellen Komplex und die gesellschaftliche Konstruktion von Speziesgrenzen" von Barbara Noske


Im Guthmann-Peterson Verlag erschien im Juli Barbara Noskes Analyse „Die Entfremdung der Lebewesen“. Leider hat es ganze zehn Jahre gedauert, bis dieses Buch in der deutschen Übersetzung vorlag, nachdem es bis dahin nur im Englischen erhältlich war. Dies ist umso bedauerlicher, beachtet man den Gehalt dieser Analyse.

Barbara Noske hat mit ihrem 350 Seiten starken Buch eine umfassende sozialanthropologisch-historisch und soziologische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses abgeliefert. Es beleuchtet die Objektivierung, Verdinglichung und schließlich Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren in unserer Gesellschaft. Im ersten Teil ihres Buches geht die Autorin der historischen Entwicklung der Domestikation von nicht-menschlichen Tieren nach. Dabei verwendet sie eine neuere Form des Domestikationsbegriffes von Wilkinsons: „eine Situation, in der Menschen dem jahreszeitlichen Subsistenzzyklus der Tiere Änderungen aufzwingen“1. Diese Definition geht nicht von einer starren Subjekt-Objekt-Beziehung aus, in welcher der „Mensch“ das „Tier“ bewusst manipuliert. Domestikation muss als ein sich entwickelnder Prozess verstanden werden. In der Vergangenheit war es so, dass sich „Mensch“ und „Tiere“ nur begegnen konnten, wenn die jahreszeitlichen und geographischen Subsistenzzyklen2 zusammenfielen. Wenn dies nicht gegeben ist, können sie dazu gebracht werden zusammenzufallen. Um die Ressourcen des Anderen auszubeuten, kann das eigene System angepasst werden. Beispielsweise wenn Hunde Reste von Aas essen oder wenn nomadische Jäger den Wanderungsbewegungen ihrer potentiellen Beute folgten. Heutzutage werden alle Lebensbereiche von nicht-menschlichen Tieren kontrolliert und direkt der menschlichen Sphäre untergeordnet.


Im nächsten Kapitel macht die Autorin einen Sprung in die Epoche des Kapitalismus, in der die Domestikation nunmehr so weit fortgeschritten ist, dass nicht-menschliche Tiere vollständig dazu gebracht werden in von Menschenhand abgesteckter Sphäre zu leben und dem industriellen Produktionssystem vollkommen unterworfen werden. Die kapitalistische Produktionsweise ist ausschließlich auf Profitmaximierung ausgerichtet. Diese Umgestaltung zur industriellen Produktion ist verbunden mit einer Rationalisierung und Automatisierung von Arbeits- und Produktionsabläufen. Karl Marx übte in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ Kritik am Kapitalismus und den damit verbunden schlechten Verhältnissen in denen Menschen arbeiten müssen. Dafür führt er den Begriff der Entfremdung ein, der vier Aspekte enthielt: Entfremdung vom Produkt, von der produktiven Tätigkeit, vom Gattungsleben und von den Mitmenschen. Die Autorin stellt die Hypothese auf, dass der Entfremdungs-Begriff auch auf nicht-menschliche Tiere im kapitalistischen System angewandt werden kann. „Tiere“ werden von ihren eigenen Produkten entfremdet, indem ihre Körper selbst zum Produkt werden und ausschließlich der profitorientierten Produktion unterworfen sind. Sie werden ihrer produktiven Tätigkeit beraubt, indem ihre Körper angeeignet, kontrolliert und manipuliert werden sowie dadurch, dass sie einzig dem Zwecke der Profitmaximierung unterworfen sind. „Tiere“ sind entfremdet von anderen Mitgliedern der Gesellschaft und vom Speziesleben, indem die kapitalistische Produktion sie aus ihrer natürlichen Umgebung entfernt oder diese total verändert hat. Schlussendlich kann gesagt werden, dass die kapitalistische Produktion nicht-menschliche Tiere in den Prozess der vollkommenen Verwertung unterworfen hat.


Im nächsten Kapitel „Der tierindustrielle Komplex“ zeigt Noske auf, was für schwerwiegende Folgen die Mechanisierung, Rationalisierung und Optimierung der Produktion im Kapitalismus hat. Sie beschreibt, dass die Agrarproduktion mittlerweile größtenteils von multinationalen Konzernen dominiert wird. Unter dieses Monopol müssen sich die Bauern und Bäuerinnen unterordnen und demnach produzieren, um ihre Existenz sichern zu können. Weiterhin beschreibt sie erstens die ökologischen Folgen, welche die Tierhaltung produziert und außerdem die gesundheitlichen Risiken für KonsumentInnen aufgrund von gesundheitsschädlichen Rückständen in Tierprodukten. Desweiteren ist durch die Mechanisierung der Arbeit die Produktion von z.B. Fleisch für die ArbeiterInnen mit erheblichen physischen und psychischen Belastungen verbunden.

Im 5. Kapitel macht Noske einen kleinen geschichtlichen Exkurs in verschiedene Epochen um den Entstehungsursachen der Diskontinuität zwischen „Mensch“ und „Tier“ auf die Spur zu kommen. Dabei macht sie auf den Natur-Kultur-Dualismus aufmerksam, der seit der Antike bis heute vorherrscht und ein binäres Wertemuster reproduziert, in der eine klare Hierarchieleiter der Lebewesen dominiert. Die fängt beim „weißen Mann“ an, dem dann alles andere untergeordnet wird, z.B. Frauen, Nicht-Weiße und auf der untersten Stufe die nicht-menschlichen Tiere.


In den letzten beiden Kapiteln geht die Autorin der konstruierten Diskontinuität zwischen „Mensch“ und „Tier“ nach, die bis heute in den Wissenschaften als gegeben hingenommen wird. Dabei wird der Natur-Kultur-Dualismus weiter reproduziert und spezifische Charakteristika den jeweiligen Gruppen zugeordnet: beispielsweise seien „Menschen“ sozial und kulturell, während „Tiere“ instinkthaft und biologisch seinen. Durch diese tief verankerte Gegenüberstellung, die von einer feststehenden Trennung zwischen menschlicher und tierlicher Sphäre ausgeht, werden Fragen erst gar nicht gestellt. Es wird davon ausgegangen, dass „Menschsein“ einzig und allein mit Gesellschaft, Kultur und Sprache assoziiert wird. Tierformen werden so im Voraus aus diesen Kategorien ausgeschlossen. Gesellschaft, Kultur und Sprache kämen in der Sparte des „Tierseins“ einfach nicht vor.

Im letzten Kapitel geht die Autorin mit Hilfe von vielen Beispielen darauf ein, dass die Grenzlinie zwischen Mensch und Tier nicht ohne weiteres so haarscharf zu ziehen ist. Dabei wird ein genauer Blick auf Verhaltensweisen geworfen, die als typisch „menschlich“ betrachtet werden, wie z.B. Sprache oder Werkzeugherstellung. Die Autorin stellt dar, dass sowohl die Sprache als auch die Werkzeugherstellung nicht als spezifisch menschliche Charakteristika gesehen werden können, und führt dies noch einmal anhand von Beispielen aus.


Zum Abschluss lässt sich sagen, dass Barbara Noske eine sehr umfassende Analyse abgeliefert hat, die eine grundlegende Kritik an der Objektivierung von Tieren in unserer Gesellschaft äußert.

Florian Beiner

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