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20.01.2009

„Die Theorie ist nicht schuld an der Theoriefeindlichkeit“

„Die Theorie ist nicht schuld an der Theoriefeindlichkeit“

Interview mit den Mitveranstaltern der „Tagung zur Kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“ Guido und Frank aus Hamburg

Frage: Ihr habt mit viel Aufwand die dreitägige Tagung zur „Kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“ mit auf die Beine gestellt. Welches Ziel habt ihr mit dieser Tagung verfolgt?

Antwort: Mit unserer Veranstaltung sind wir mehreren Anliegen nachgegangen. Einerseits soll die Kritische Theorie und ihre Ausführungen zum Mensch-Tier-Verhältnis zum Ausgang für eine kritische Theorie werden, die offensiv die gesellschaftliche Befreiung der Tiere fordert. Andererseits wollen wir Anstöße zur Kritik der Tierrechtsbewegung geben. Wesentlich ist dabei, was Marco Maurizi in seinen Thesen zum Antispeziesismus formuliert hat: „Er [der metaphysische Antispeziesismus] sieht das Phantom (den „Speziesismus“) als Ursache aller Gewalt, die bis zur Gegenwart an Tieren verübt wurde und wird. Tatsächlich ist Speziesismus – unser Glaube, dass der Mensch etwas Anderes und Höheres ist als jedes andere Tier – von nichts die Ursache; er ist vielmehr Effekt von etwas, das die metaphysischen Antispeziesisten (noch) nicht erklärt haben.“

Es geht uns folglich nicht mehr primär um eine falsche Idee von Tieren, der wir eine richtige Idee und ein ethisches Regelwerk an Handlungsanweisungen zu Tieren entgegensetzen müssten. Die Gewalt gegen sie, das tagtägliche Schlachten, die menschliche Tätigkeit der Zucht und der Produktion bewegt die Welt. Das Gros der Vorstellungen von der Ausbeutung der Tiere hat diese Gewalt selbst zum Nebenschauplatz der Gesellschaft erklärt. Es wird eine vegane Gesellschaft gefordert. Die Knechtung des Menschen wird nicht in Verbindung mit speziesistischer Unterdrückung gebracht oder stört sogar nicht einmal.

Durch die generelle Entpolitisierung der Tierrechtsbewegung ist es religiösen und autoritären Phänomenen wie dem Universellen Leben (UL), oder radikal marktorientierten Projekten wie Noah e.V., ein Leichtes, in die Tierrechtszusammenhänge einzudringen. Es gibt also keine erträgliche Zukunft für eine rein aktionistische Bewegung ohne theoretische Debatte. Wir wollen mit unserem Symposium Zugänge schaffen zu einer inspirierenden Arbeit an Theorie. Anstelle eines leeren Mottos („für die Tiere“), unter dem sich wie bisher alle möglichen Gruppierungen gleich welcher Gesinnung versammeln, soll der Kongress ein mögliches Profil schaffen, das gemeinsame Theorie und Auseinandersetzung voraussetzt. Der Versuch, unsere eigenen Positionen ideologiekritisch auszuarbeiten, könnte endlich auch robust sein gegen die Identitätspolitik der linken und der „antideutschen“ Szene.

Aus der Tagung wird ein Sammelband der Vorträge und weiterer Texte zu einem Zentralthema der Kritischen Theorie hervorgehen, das in ihrer Rezeption bisher weitgehend abgespalten war.


Frage: Was ist das Besondere an der Kritischen Theorie, dass ihr euch immer wieder mit ihr auseinandersetzt und immer wieder Zitate ihrer hauptsächlichen Vertreter Adorno oder Horkheimer verwendet?

Antwort: Die Kritische Theorie stellt unausweichliche Fragen zu den Verhältnissen der menschlichen Herrschaft über Menschen und Tiere.

Moshe Zuckermann hatte in unserem ersten Workshop im Sommer 2004 das Denkgebäude der „Frankfurter Schule“ in Kürze dargestellt. Er und Carsten Haker (in dem TAN-Reader „Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit“ von 1999) haben gezeigt, wie schwierig das Verhältnis von Mensch und Tier zu denken ist und welche Voraussetzungen für seine Emanzipation von der „naturverfallenen Naturbeherrschung“ gegeben sein müssen. Die Kritische Theorie bezieht sich kritisch auf Vordenker, vor allem auf Karl Marx´ Analyse des Kapitalismus, und kann die Geschichte der Tierausbeutung durch die Gesellschaft erklären. Im Verstehen der Gesellschaft, im Prozess des In-den-Spiegel-Schauens durch das Denken, liegt für sie die Möglichkeit der Emanzipation. Sie will dasjenige bezeichnen, das verändert werden soll. Diese Herangehensweise wollen wir nachvollziehen.


Frage: Nun liegt die Tagung hinter euch. Welches Resümee zieht ihr? Ward ihr mit der ZuhörerInnenzahl zufrieden? Haben die Vorträge der einzelnen RednerInnen inhaltlich das gehalten, was ihr euch von ihnen versprochen hattet? Gab es etwas, was euch überrascht hat?

Antwort: Das Symposium hat tiefe Spuren hinterlassen. Den vielen Denkanstößen kann in so kurzer Zeit noch gar nicht nachgegangen werden. Marco Maurizis Brückenschlag zwischen marxistischer Geschichtsanalyse und Tierbefreiung liefert zahlreiche Ansatzpunkte für eine Generalüberholung unserer Tierrechtstheorie. Die Grenzen dieser Tierethik haben vor allem Christoph Türcke und Günther Rogausch aufgezeigt. Günther hatte an seine ausgiebige Analyse ideologisch-ontologisierender Aussagen über das Tier die Forderung nach einer politischen Moral gestellt.

Colin Goldners satirischer Ausflug in die Wahnwelten der Esoterikszene hat bei uns die Frage aufgeworfen, wieso religiös-autoritäre Sekten wie UL einen solchen Erfolg bei Menschen aus Tierschutz- und Tierrechtskreisen haben, an welchen Bedürfnissen sie ansetzen und wie ein Eingreifen möglich ist.

Susann Witt-Stahls Thesen zu ideologischen Parallelen zwischen „Antideutschen“ und Tierrechtspopulisten wie z.B. Helmut F. Kaplan, wenn es darum geht, die Opferidentitäten der im Holocaust ermordeten Juden und Jüdinnen zu fetischisieren oder sie sich instrumentalisierend anzueignen, besonders aber ihre Ausführungen über die Ambivalenz zwischen der Singularität von Auschwitz und der Kontinuität der Möglichkeit einer Regression in die Barbarei sind wichtig, sich zu vergegenwärtigen.

An dieser Stelle sei nochmals ein Dankeschön an alle ReferentInnen ausgesprochen.

Überrascht sind wir von der gelösten Atmosphäre, dem angstfreien Diskussionsklima und der Offenheit der ReferentInnen, die in den Pausen und an den Abenden stets ansprechbar waren. Einige von ihnen kommen nicht aus der Tierrechtsbewegung, umso erfreuter sind wir über ihr ernsthaftes Interesse. Ein Großteil der ReferentInnen war nach ihren Vorträgen geblieben, nahm an Diskussionen teil, brachte sich intensiv ein und half, Verständnisschwierigkeiten zu lösen.

Zu den bestbesuchten Vorträgen (Gunzelin Schmid Noerr, Christoph Türcke, Colin Goldner) kamen über 100 TeilnehmerInnen. Das übertraf die Erwartungen der meisten von uns bei weitem. Die Vorträge und Begegnungen haben uns begeistert.


Frage: Die Redner/innen hatten eine relativ lange Redezeit und danach folgte die Möglichkeit einer Aussprache zum Vortrag durch einzelne Wortmeldungen aus dem Auditorium. Würdet ihr bei einer erneuten Tagung alles wieder genauso machen? Oder habt ihr den Eindruck, dass die Veranstaltung so am reibungslosesten vonstatten gehen kann?

Antwort: Wir haben die Tagung ganz bewusst mit dem Fokus auf die fundierten Ausarbeitungen und die Präsentationen der ReferentInnen geplant, weil schließlich die Thesen aus den Vorträgen in den Artikeln des Sammelbands zu dem Kongress dokumentiert werden. Nach den Vorträgen hatte das Auditorium die Möglichkeit, Verständnisfragen zu stellen und zu diskutieren. Die Ergänzungen aus dem Auditorium sollten auch dem/der ReferentIn die Möglichkeit einräumen, ihre Thesen zu überprüfen. Leider mussten einige spannende Diskussionen abgebrochen werden, da wir den Zeitplan einhalten wollten. Allerdings haben wir während der Tagung genug Raum für Diskussionen geboten. Nach den Vorträgen war am Abend das Café noch lange geöffnet, so dass die TagungsteilnehmerInnen sich austauschen konnten. Außerdem hört die Diskussion nicht mit dem Ende der Tagung auf. Wir hoffen, dass die Tierbefreiungs-/Tierrechtsbewegung den Kongress zum Anlass nimmt, die angestoßenen Debatten weiterzuführen.



Frage: a) Wie geht ihr mit der Position von Teilen der Tierrechts/Tierbefreiungsbewegung um, die kritisieren, dass ihr eure Texte und Vorträge in einer so verklausulierten Sprache darbietet, dass nur geisteswissenschaftlich Studierte bzw. wissenschaftliche ExpertInnen diese verstehen und auch nur diese an theoretischen Diskursen teilhaben können?

Antwort: Die Frage ist: Wer will teilhaben bzw. wieso wollen Leute trotz ihrer Möglichkeiten ausdrücklich nicht teilhaben und woher kommt diese Verweigerungshaltung?


Die Materie ist oft kompliziert. Das lässt sich kaum leugnen. Aber Theoriearbeit stellt Anforderungen. Die Auseinandersetzung in der Theoriearbeit, das Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge ist keine Erleuchtung. Es erfordert Anstrengungen, aber auch Selbstkritik. Oft muss Altes neu eingeordnet, manchmal muss es abgeworfen werden.

So wenig wie ich erwarten kann, dass mich jemand vor die Peek & Cloppenburg- Filiale trägt und mir das Transparent hält, so anstrengend und dennoch produktiv kann die Annäherung an ideologiekritisches Denken sein. Wer nach der Tagung eine einfache und direkte Handlungsanleitung für die Tierbefreiungsbewegung erwartet, wird notwendigerweise enttäuscht. Wer tief greifende Erkenntnisse erlangen und weiterdenken will, kann sich auf den Band freuen.


Frage b) Gibt es keine Möglichkeit, die Gedanken und Inhalte der Kritischen Theorie und anderer theoretischer Reflexionen verständlicher zu gestalten? Schließt man nicht durch die nicht alltagsverständliche, theoretisch-wissenschaftliche Sprache bestimmte Gruppen der Tierrechts- Tierbefreiungsbewegung aus, und verstärkt man dadurch nicht noch die ohnehin bereits vorliegende weit verbreitete Theoriefeindlichkeit? Wie könnte man diesem Problem begegnen, ohne die Gefahr einer Simplifizierung der theoretischen Gedanken heraufzubeschwören?

Antwort: Die Theorie ist nicht schuld an der Theoriefeindlichkeit. Das Angebot, das wir machen – mit uns an Workshops zu Themen von Tierbefreiung und Gesellschaftstheorie teilzunehmen und zusammen zu diskutieren –, wird nicht auf den Veranstaltungen selbst kritisiert. Im Vorhinein unserer Vortrags-Treffen und allermeist von NichtteilnehmerInnen zeigt sich die Aversion gegen diese Auseinandersetzung. Die teilweise aggressiv gegen uns gewendete Verdrängung von Selbstreflexion der Bewegung passt gar nicht zu den Workshops, wie etwa denen mit Moshe Zuckermann, der ausführlich auf von AktivistInnen gestellte Fragen eingegangen ist und dem viel an der Verständlichkeit seiner einführenden Vorträge lag.

Sollte sich jemand ausgeschlossen fühlen, so ist es wichtig, selbstständig darauf hinzuweisen und nachzufragen, anstatt lediglich in Abwehrhaltung zu gehen.


Grüße
Guido und Frank


Dann herzlichen Dank für Eure Antworten.
Das Interview führte Tina Möller

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