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26.01.2009

Dr. Eberhard Schneider: Wildtiere und der Wald

Dr. Eberhard Schneider: Wildtiere und der Wald

Die ökologische Funktion zu Unrecht Verfolgter

Wildtiere tragen zu einem gesunden Wald bei!

Von Dr. Eberhard Schneider, Präsident Vogelschutzkomitee

In ihrer Entwicklungsgeschichte haben Pflanzen vielfältige Möglichkeiten zur Ausbreitung ihrer Samen und damit zur Verbreitung ihrer Spezies und Besiedlung neuer Areale, gefunden. Dementsprechend haben sie ihre Früchte und Samen ausgeformt. Eine besonders effektive Verbreitung erfolgt durch Tiere.
Einer der effektivsten Wege dabei wurde offenbar mit den Anpassungen der Pflanzen zur Teilnahme an der »Zoo-Chorie« beschritten: der Verbreitung von Pflanzensamen durch Tiere. Im Zuge der Co-Evolution brachten Pflanzen und Tiere gemeinsam und zu beiderseitigem Erfolg ihre zum Teil hoch spezifischen Ausformungen oder Reaktionen hervor.
Eine hervorragende Stellung kommt in diesen Beziehungsgefügen die Verbreitung von Pflanzensamen durch Vögel (Ornitho-Chorie) zu.
Vögel erreichen fliegend auch die Samen an den äußersten Zweigspitzen, sie benötigen keine aufwendigen Kletterpartien, sie haben einen weitaus größeren Aktionsradius als die Mehrzahl der nicht fliegenden »Zoochoren« (wie z.B. Rehe und Wildschweine) und können leicht auch in von der Pflanze zuvor noch gar nicht besiedelte Areale vordringen.

Tiere verbreiten Pflanzensamen

Gerade mit Blick auf die schweren Früchte und Samen muss man die körperlich leistungsfähigen Rabenvögel besonders würdigen. Kleinvögel verfrachten kaum Eicheln, Bucheckern, Kastanien, und deren Reichweite ist geringer als die der Rabenvögel. Denn hier sind die Zahlen eindrucksvoll: Tannenhäher tragen Arvennüsschen bis 15 km weit, überwinden bis 700 m Höhendifferenz bis über die Baumgrenze; Eichelhäher verfrachten Eicheln bis 4 Kilometer weit und Kolkraben sogar 10 bis 30 km vom Mutterbaum weg.
Insbesondere im Zeitalter der rapide fortschreitenden Verrinselung von Lebensräumen kann dieser natürliche Prozess der Erhaltung von Pflanzenarten und Entwicklung von Vegetationsgesellschaften nicht genügend gewürdigt werden.
Mit Blick darauf, dass sich die Überlebenschancen von Populationen mit der Ausbreitung deutlich vergrößern, muss der Verschleppung pflanzlicher Samen durch Tiere ganz anders bewertet werden als bisher geschehen.

Forstwirtschaft, Naturschutz, Landschaftspflege (wenn man denn schon sich pflegend betätigt!) und vor allem der so moderne »Prozessschutz« müssen sich dieses zu eigen machen. Insbesondere auch die Fragen nach der genetischen Seite, dem Genfluss zwischen Populationen u.a., müssen hier ganz neu behandelt werden.

Rehablitierung der Rabenvögel

Dass auch die Rabenvögel in Ornitho-Chorie involviert sind, ist unstrittig. Die angeführten Wirtspflanzenarten, Ausbreitungsgebietsgrößen, und Mengen (es wurde z. B. ermittelt: 300.000 Eicheln in 4 Wochen durch 65 Eichelhäher aus einem Eichenbestand von 37 ha, das waren 10% der dort zeitgleich von Menschen getätigten Gesamt-Eichel-Ernte von 2.000 kg) weisen aber die große Bedeutung der Rabenvögel aus - nicht nur die der Häher.

So wie der Tannenhäher einst zu leiden hatte unter der Verdächtigung, den Arvenbestand zu schädigen - und er außerdem den die Arven-Nüsschen sammelnden Menschen ein deutlich über-legener Konkurrent war -, er aber tatsächlich der Faktor ist, auf den die Arve in der Co-Evolution gesetzt hat, so leiden bis heute die Rabenvögel insgesamt unter falschen Verdächtigungen. Noch immer, obwohl die Kenntnisse vorliegen und es jedermann besser wissen könnte - wenn man nur wollte. Selbst innerhalb der Naturschutzverwaltungen und -verbände finden sich geistige Irrläufer, zwar mit »Ökosiegel« am Revers, denen aber dieses gewaltige Potential der Rabenvögel als natürliche Faktoren und Helfer im Naturschutz nicht bewusst ist.
Gerade mit Blick auf die allfällig beklagte Lebensraumzerschneidung, die Verinselung von Habitaten und Populationen, ist dieses Potential von unschätzbarer, vielleicht auch naturschützerisch zukunftsentscheidender Bedeutung. Insofern ist es nicht nur ein Beleg für Einfalt und Einfallslosigkeit oder pure Unkenntnis der ökosystemaren Beziehungsgefüge, wenn (auch) im Zusammenhang mit Rabenvögeln nur ein Schlagwort die Szene beherrscht: »Schädlichkeit« - und wenn man sich in einer nicht endenden und nutzlosen Auseinandersetzung um »Schäden« ergeht.
Dies mag wohl gerade der deutschen Mentalität gerecht werden. Ebenso auch der Akt, unliebsamen Elementen erbarmungslos mit Pulver und Blei oder anderen martialischen Mitteln entgegenzutreten und die freilebende Tierwelt »ethnisch zu säubern«.

Die Rolle der großen Pflanzenfresser

In die »Zoochorie« eingebunden sind auch die großen Pflanzenfresser (wie z.B. Rehe, Hirsche, Wildschweine): An ihren Hufen und im Haarkleid haftende Pflanzensamen werden über teilweise große Entfernungen transportiert. Auch mit dem Kot ausgeschiedene Pflanzensamen wachsen im zugleich mitgelieferten nährstoffreichen Keimbett an einem von der Mutterpflanze fernen Ort auf.

Tiere üben einen natürlichen und quantitativ nicht unerheblichen Einfluss auf die Vegetation aus. Sie sind ein in die Nahrungsnetze und Stoff- und Energie-Kreisläufe eingebundener Faktor. Diesen auszuschließen erzeugt deshalb einen sehr unnatürlichen Zustand. Unnatürlich ist auch, dass diese Tiere einseitig nur im Bezug auf das »schädliche« Verzehren von Pflanzenmaterial dargestellt werden. Denn auch der Verbiss an holzigen Pflanzen kann zum Beispiel durchaus sogar deren Wachstum fördern, unbeschädigte Triebspitzen zu stärkerem Wuchs »triggern«. Schließlich haben sich co-evolutiv auch die Pflanzen an die Beweidung angepasst und eigene Strategien dagegen entwickelt. So ist die unter dem Verbiss entstehende natürliche Selektionswirkung innerhalb des beweideten Pflanzenbestandes für die Entwicklung des Artenspektrums durchaus bedeutsam. Abgesehen davon, dass auch diese Tiere durch ihre Tätigkeit den eigenen Lebensraum gestalten. Baum- und Strauchjungwuchs, durch Verbiss niedrig gehalten, liefert ihnen über lange Jahre hin die benötigte angepasste Nahrung.

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