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25.01.2009

Ein Klima der Gerechtigkeit?

Ein Klima der Gerechtigkeit?
16.05.2007: Der Klimawandel wird die ökologische Frage des 21. Jahrhunderts sein. Doch wer die Dimensionen des Klimawandels richtig erfassen und verstehen will, der muss den Klimawandel auch als die zentrale Gerechtigkeitsfrage des 21. Jahrhunderts buchstabieren. Ein Versuch von Kathrin Henneberger und Stephan Schilling.

Das Risiko Klimakatastrophe birgt in sich verheerende Konsequenzen für die ganze Welt. Und doch wird der Klimawandel Arm und Reich unterschiedlich hart treffen - das gilt aus der globalen Perspektive, ebenso wie innerhalb einzelner Gesellschaften und Nationen. Der Soziologe Ulrich Beck machte in den 80er Jahren mit der These Furore, in der neuen Risikogesellschaft säßen Arm und Reich im selben Boot. Nun schreibt er: "1986 hatte ich die Extremsituation vor Augen, die dann durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl auch Wirklichkeit wurde. Die Reichen flüchteten auf irgendwelche Inseln. Aber sie stellten fest, dass die nukleare Wolke sie dort einholte. Der Klimawandel wirkt anders. Wird eine Hafenstadt infolge des steigenden Meeresspiegels überschwemmt, bauen sich die Wohlhabenden neue Häuser auf den Hügeln. Die Armen haben diese Möglichkeit nicht." In der Tat: viele wissenschaftlichen Studien, darunter der zweite Teil des neuen Weltklimaberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zeigen, dass die Ärmsten den Klimawandel am stärksten zu spüren bekommen werden, obwohl sie am wenigsten zu seinem Entstehen beigetragen haben - eine bittere Ironie. Global wird es vor allem die Menschen in den Entwicklungsländern treffen: Sie leben häufig in besonders verwundbaren Ökosystemen, sind besonders abhängig von den Leistungen ihrer natürlichen Umwelt und sie haben aufgrund ihrer Armut besonders wenig Chancen, sich an den Klimawandel anzupassen. Die Bedrohungen, die der Klimawandel für diese Menschen mit sich bringt, sind vielfältig: Allseits bekannt ist das Ansteigen des Meeresspiegels, der vielen InselbewohnerInnen, aber auch den bis zu 634 Millionen Menschen, die in Küstengebieten bis zu 10 Metern über dem Meeresspiegel leben, buchstäblich die Existenzgrundlage davonspülen wird. Die immer häufiger auftretenden extremen Wetterphänomene - Dürren, Wirbelstürme, Sturmfluten - werden zudem vor allem diejenigen hart treffen, die immobil sind, keinen Zugang zu Versicherungen haben und die sich kostspielige Schutzmaßnahmen nicht leisten können. Zudem wird der Klimawandel schon heute bestehende Probleme drastisch verschärfen: Die fortschreitende Wüstenbildung, die schon heute 46 % der Landfläche Afrikas, sowie große Flächen in China betrifft, wird noch weiter zunehmen. Dies wird vielen Menschen ihre Erwerbsgrundlage entziehen und die globale Hunger-Problematik anheizen. Durch geschmolzene Gletscher, wie z.B. im Himalaja, durch Vordringen von Salzwasser in süßes Grundwasser und Verwüstung wird es zu starken Engpässen in der Trinkwasserversorgung kommen. Sauberes Wasser wird global immer knapper und für immer weniger Menschen zugänglich sein. Zudem wird der globale Temperaturanstieg insbesondere in Afrika die Zonen ausweiten, die als Brutstätten für Krankheiten wie Malaria dienen. Insgesamt werden im 21. Jahrhundert mehrere hundert Millionen Menschen durch den Klimawandel ihre Existenzgrundlage verlieren, Unterernäherung, schlechtem Trinkwasserzugang und Krankheiten ausgesetzt werden. Dies wird nicht ohne soziale Folgen bleiben: die Flüchtlingsströme innerhalb einzelner Regionen, insbesondere aber in Richtung Industrieländer werden weiter anschwellen. Ohnehin fragile Gesellschaften, wie viele Afrikanische Staaten, werden kollabieren. Und auch neue Kriege um den Zugang zu den knapper werdenden Umweltressourcen sind denkbar.

Doch nicht nur global wird der Klimawandel die Spaltung zwischen Arm und Reich vertiefen, auch in den Industrieländern selbst wird er sich als soziale Frage stellen. Anschauliches Beispiel war der Hurrikan Katrina in den USA: Die Reichen verließen frühzeitig die Stadt, viele Arme blieben - für immer.

Den Klimawandel aufzuhalten ist das Gerechtigkeitsanliegen des 21. Jahrhunderts

Global wie national wird gelten: Diejenigen, die am verwundbarsten sind und die zugleich am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, werden jene sein, die er am schlimmsten trifft. Den Klimawandel aufzuhalten ist demnach vielleicht das Gerechtigkeitsanliegen des 21. Jahrhunderts. Zugleich wird Klimaschutz ohne Gerechtigkeit nicht zu haben sein. Warum nicht? Zwar mag noch die alte Faustformel gelten, dass ein Viertel der Menschheit drei Viertel der Ressourcen verbraucht und für drei Viertel der Emissionen verantwortlich ist. Doch die Welt befindet sich im Wandel. Die großen Schwellenländer - China, Indien, Brasilien, Mexiko - schließen in bemerkenswerter Geschwindigkeit zu den Industrieländern auf. Eine globale VerbraucherInnenklasse ist im Entstehen begriffen, die von New York bis nach Beijing reicht. Mit dieser Entwicklung, die auf rasantem wirtschaftlichen Wachstum fußt, geht ein enormer Anstieg der klimaschädlichen Emissionen einher, in naher Zukunft wird China die USA als größter Emittent von CO2 abgelöst haben - in absoluten Zahlen! Pro-Kopf machen die Emissionen einer Chinesin noch immer bloß einen Bruchteil der Emissionen einer US-Amerikanerin oder einer Europäerin aus. Aristoteles schrieb einmal: "Wahr aber bleibt, dass die größten Ungerechtigkeiten von denen ausgehen, die das Übermaß verfolgen, nicht von denen, welche die Not treibt. Man wird ja nicht Tyrann, um nicht zu frieren." Wer würde den ChinesInnen oder InderInnen das Recht nicht zu frieren, das Recht auf Entwicklung, auf Wohlstand gar absprechen wollen? Doch zugleich: Was schert es das globale Ökosystem, ob die kritische Menge an CO2-Emissionen von 200 Millionen US-AmerinkanerInnen oder 1,5 Milliarden ChinesInnen stammen? Wie also kann es gelingen, den Milliarden Menschen, für die der Klimawandel nicht das alleinige, ja vielleicht nicht einmal elementarste Problem ist, die von Hunger und Armut betroffen sind, das Recht auf Entwicklung, auf Wohlstand zu erhalten, ohne dabei die Welt in die ökologische Katastrophe zu führen? Es wird nur in einem Klima der Gerechtigkeit gehen - und darin liegt vielleicht auch die große Chance, die der Klimawandel eröffnet. Bernhard Pötter von der taz formulierte es so: "Zum Realismus gehört neben den Investitionen in Deiche und Solaranlagen aber auch ein Begriff, der bislang den Gutmenschen vorbehalten war: Gerechtigkeit. Nur eine faire Behandlung der Schwellen- und Entwicklungsländer wird das Schlimmste für alle verhindern."

"Mit einem demokratischen Ethos ist keine andere Regel vereinbar als die von gleichen Pro-Kopf-Rechten auf globale Umweltressourcen ."

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es die Einsicht, dass der ungezügelte Kapitalismus zu einer sozialen Spaltung führen musste, die letztlich die ganze Gesellschaft bedrohte, die in den Nationalstaaten zur sozialen Zähmung des Kapitalismus in Form des Sozialstaats führte. Nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts könnte es die drohende Klimakatastrophe sein, die die Einsicht für einen neuen globalen Gesellschaftsvertrag reifen lässt. Was könnten die Pfeiler eines solchen neuen Gesellschaftsvertrags sein? Sehr überzeugend ist der Vorschlag des früheren indischen Premierministers Vajpayee: "Mit einem demokratischen Ethos ist keine andere Regel vereinbar als die von gleichen Pro-Kopf-Rechten auf globale Umweltressourcen." Dies wäre in einem globalen System individueller Zertifikate verwirklicht. Die Konsequenz: Reiche Menschen aus den Industrieländern müssten Armen Zertifikate abkaufen - ein großes Umverteilungsprojekt. Doch ist das wohl eher ein Vorschlag visionären Charakters. Zumindest müsste aber im Klimaschutz das Prinzip verankert werde, Unterschiedliches unterschiedlich zu behandeln. Dies hieße bei den Reduktionsverpflichtungen, dass die Industrieländer ihrer historischen Verpflichtung und ihrem größeren Wohlstand gemäß deutlich ambitioniertere Ziele verfolgen müssen - 80% weniger Emissionen bis 2030. Dazu werden wir den Glaube an unsere Wachstums- und Konsumgesellschaft kritisch unter die Lupe nehmen müssen. Auch die Schwellen- und Entwicklungsländer sollten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten müssen, doch mit finanzieller und auch technologische Unterstützung durch die Industrieländer. Solche Unterstützung sollte kostenlosen Technologietransfer ebenso beinhalten, wie finanzielle Hilfe für Anpassungsmaßnahmen oder die Einrichtung eines Fonds, um jene Länder zu kompensieren, die im Interesse aller auf eine Ausbeutung ihrer Umweltressourcen verzichten. National müsste gelten: Wer über Marktinstrumente wie Ökosteuern oder Emissionshandel den Zugang zu ökologischen Gütern verteuert, der darf zu Verteilungsfragen nicht schweigen. Ein Vorschlag: Lasst uns die Zertifikate im Emissionshandel versteigern, statt sie an die Industrie verschenken und das Geld als Ökobonus an die Bürgerinnen und Bürger zurückgeben. So käme nicht zu letzt auch Pfeffer in die Debatte um den Emissionshandel. Gerechtigkeit und Klimaschutz sind nicht voneinander losgelöst - ganz im Gegenteil: Im 21. Jahrhundert wird eine ohne das andere nicht mehr zu haben sein.

Kathrin Henneberger (20) ist Koordinatorin des Fachforums Ökologie und SPUNK-Redakteurin. Sie hat aus Prinzip keinen Führerschein gemacht.

Stephan Schilling (23) war früher Sprecher der GRÜNEN JUGEND. Er studiert Volkswirtschaftslehre, ist aber immer noch für mehr Gerechtigkeit weltweit.

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