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20.01.2009

„Ein unwürdiges Dasein, ein unerträglicher Anblick“

„Ein unwürdiges Dasein, ein unerträglicher Anblick“

Neue Film- und Bilddokumentationen sowie Strafanzeigen gegen ‚PelzfarmerInnen’


Drei Wochen Recherchen, 5.000 km Autobahn, 24 Farmen. Zwei aktive TierrechtlerInnen besuchten im Herbst 2006 24 von insgesamt 30 geschätzten sogenannten Pelzfarmen in Deutschland. Ihre Video- und Fotoaufnahmen dokumentieren einmal mehr, wie es auf deutschen ‚Pelzfarmen’ zugeht und was es für die unzähligen Nerze bedeutet, ein ausbeutbares ‚Pelztier’ zu sein. Der Siegener Verein Die Tierfreunde e.V. erstattete Anzeigen auf Grundlage des Tierschutzgesetzes.

Während die deutsche Pelzlobby Deutsches Pelz-Institut mit ihrer nimmermüden Schallplatte Susanne Kolb unentwegt von ‚hohen Tierschutzstandards’ und ‚ausgewählten Pelzfarmen, auf denen sich die Nerze rundum wohlfühlen’ faselt, und die ‚Pelztier’farmerInnen per neuer Pelztierhaltungsverordnung skrupellos erst einmal 10 Jahre (!) so weitermachen können wie bisher, geht auch der Protest von TierrechtlerInnen weiter wie bisher. Denn mit keiner Pelztierhaltungsverordnung und keinen noch so hohen ‚Standards’ lässt sich das Unrecht aus der Welt schaffen, das Nerzen, Füchsen und anderen für Pelzartikel gezüchteten Wildtieren in der ganzen Welt widerfährt: Ein kurzes Leben in extrem engen Drahtkäfigen von der Geburt bis zum Vergasungs- oder Vergiftungstod, vom Beginn bis zum Ende ein Martyrium.

Um neues und vor allem qualitativ hochwertiges Foto- und Filmmaterial zu Dokumentationszwecken zu bekommen, brachen zwei TierrechtlerInnen (hier Jörg und Birgit genannt, Originalnamen von der Autorin geändert) im Herbst letzten Jahres zu einer großangelegten Recherchetour auf. Sie hatten sich vorher lange Zeit mit der Materie ‚Pelzfarmen in Deutschland’ befasst. Es gibt nur vage Angaben über die Existenzen von diesen ‚Tierfabriken’: Schätzungsweise 30 Nerzfarmen sollen in Betrieb sein, auf denen etwa 300.000 Tiere gehalten werden, die meisten davon sind Nerze. Aktuelle und gute Aufnahmen vom Innenleben der Farmen sind selten und genau dieses Material zu bekommen war Sinn und Zweck des Unterfangens. „Wie es auf deutschen Farmen heute aussieht, weiß kaum jemand. Die Pelzlobby, allen voran das Deutsche Pelzinstitut, gibt an, die schlimmen Bilder von gequälten Tieren in kleinen Käfigen wären veraltet. Heute seien die Farmen modern geführt und den Tieren ginge es gut“, berichtet Jörg in seinem persönlichen Bericht „Recherchen auf deutschen Pelztierfarmen“ (s. Hinweis unter diesem Artikel).

Widrigkeiten und Risiken einer ‚Pelzfarm’recherche

Für hochwertige Aufnahmen bedurfte es einer guten technischen Ausrüstung. Gleichzeitig jedoch mussten die Recherchen und Aufnahmen versteckt geschehen, denn Drehgenehmigungen lassen Pelzfarmer in der Regel nicht zu. Gleichzeitig ist bekannt, wie gewalttätig ‚Pelzfarmer’ auf Eindringlinge oder GegnerInnen reagieren (ich erinnere da z.B. an den Fall in Aachen, wo Farmer einen Demonstranten krankenhausreif geschlagen haben, und das während einer angemeldeten Demonstration). Es war demnach ein schwieriges, anstrengendes und risikoreiches Unterfangen: Das Unentdecktbleiben und teils lange Warten in (kalten) Gebüschen nahe der Farmen, das Erwischen des richtigen Zeitpunktes, um das Gelände zu betreten, ohne gesehen oder gehört zu werden, das Überwinden der Sicherheitsmechanismen wie Stacheldrahtzäune und Stromleitungen etc. „Das größte Problem bei Pelzfarmrecherchen ist, dass die Tiere nur bei Tageslicht gefilmt werden können. Die Schuppen sind nach allen Seiten offen, so dass nächtliche Recherchen nicht in Frage kommen: Das dafür notwendige Kunstlicht wäre weit zu sehen – zumal meist die Wohnhäuser direkt auf dem Farmgelände stehen. Das bedeutete, dass wir uns bei Tage möglichst ungesehen den Farmen nähern mussten. Leider deckt sich im Herbst die Zeit des Tageslichtes in etwa mit der Arbeitszeit in den Farmen, was mehr als einmal zu unangenehmen Situationen führte“.

Dennoch schafften sie es, auf die Gelände vieler Farmen zu gelangen und die Zustände zu filmen und zu fotografieren. Insgesamt haben Jörg und Birgit 24 Farmen zumindest von außen gesehen und konnten damit klären, ob die Anlage noch in Betrieb war oder nicht. Was sie bei ihren Begehungen sahen und filmen bzw. fotografieren konnten, war das Übliche: Der ganz normale Wahnsinn einer konzentrierten Massentierhaltung, in denen Tiere nicht als Wesen, sondern als Pelzlieferanten betrachtet werden. Nur das Nötigste zum biologischen Überleben wird den Tieren zugestanden, bis zur sogenannten „Erntezeit“, in denen die Massenvergasungen stattfinden, um anschließend ihre Felle vermarkten zu können. Der Anblick der Käfigreihen und der Gesichter der eigentlich so bewegungsfreudigen Tiere hinter den Drahtgittern, die sich in freier Natur meist im oder am Wasser aufhalten und nun Wasser nur als Trinkration erhalten, ist für einen normal fühlenden Menschen unerträglich. So beschreibt es auch Jörg in seinem Bericht: „Da waren sie nun: Käfig an Käfig, Reihe an Reihe, Schuppen an Schuppen. Tausend arme Seelen, die nichts anderes kannten außer Drahtgitter oben, unten, links, rechts, vorn und hinten. Ein unwürdiges Dasein, ein unerträglicher Anblick. Auf den Käfigen der stinkende unappetitliche Futterbrei, zusammengequirlt aus Schlachtabfällen oder toten Artgenossen.“ Auch Marderhunde entdeckten sie auf einer Farm, die es eigentlich auf deutschen Farmen gar nicht mehr gibt. „Verängstigt schauten sie aus ihren Hütten. Einer nach dem anderen kam heraus und drehte seine kurze Runde, die ihm der Käfig erlaubt und verzog sich wieder in die kleine Holzhütte. Unfassbares Leid. Ich dachte kurz an die Hunde bei uns zu Hause, wie unerträglich es wäre, sie in solchen Kerkern zu wissen. Und diese armen Kerle hier kennen nichts anderes.“ Diesem Wahnsinn in die Augen schauen zu müssen, ohne wirklich etwas ausrichten zu können, ist nicht einfach zu verkraften. Und so mussten auch Jörg und Birgit immer wieder durchatmen und sich auf die Sache konzentrieren, wegen der sie da waren. Denn, so Jörg, „Anspannung und Konzentration lassen kaum Raum für Gefühle. Emotionen sind während solcher Recherchen einfach keine gute Sache. Also machten wir weiter und filmten auch diese Tiere in ihrer unwürdigen Welt.“ All das Leid zu filmen und zu fotografieren, um etwas in der Hand zu haben, um das Unrecht sozusagen belegen zu können, das war ihre Absicht, und das versuchten sie, trotz aller Anstrengungen und Risiken durchzuziehen. Sie begegneten auf den Farmen sich ‚frei’ bewegende Nerze, die ihrem Käfig entfliehen, aber trotzdem nicht das Gelände verlassen konnten, weil der Außenzaun zu eng geknüpft und insbesondere im unteren Bereich verstärkt wurde. Mit Nerzfallen werden viele wieder eingefangen. Jörg und Birgit mussten zusehen, wie ein Nerz in solch eine Nerzfalle geraten war und dieser sich „wie wahnsinnig ohne Unterlass kopfüber im Kreis drehte“. Diese erneute Enge in einem kleinen Käfig machte das Tier einfach wahnsinnig.

Auf einer anderen Farm entdeckten die beiden Tierrechtler Nerzkäfige, die noch kleiner als die in der üblichen Bauart waren. Diese Käfige waren direkt nebeneinander gesetzt, Wand an Wand, die Sicht nach vorn (dort, wo sie sonst etwas weiter sehen konnten) war ebenfalls mit ihrer Nestkiste verbaut, sodass nur noch ein kleiner Schlitz zum Herausschauen übrig blieb. Nach drei Seiten hin sahen sie tagtäglich familienfremde Artgenossen, mit denen sie sich ständig bekämpften. „Die bedauernswerten Tiere in diesen Käfigreihen waren extrem gereizt und verhaltensgestört, andere völlig apathisch. Wieder einmal in einem unserer Verstecke hockend hörten wir auf dieser Farm einem Gespräch des Nerzzüchterehepaares zu. Die Ehefrau nannte diese Käfigreihen nur den ‚sozialen Wohnungsbau’.“

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