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20.01.2009

EINBLICKE - Alltägliches aus der „Versuchstier“industrie

EINBLICKE - Alltägliches aus der „Versuchstier“industrie

Es gibt Dinge, die sind, unabhängig von ihrem Nutzen für andere, moralisch absolut verwerflich. Tierversuche gehören zu diesen Dingen. Die Andersartigkeit, das „nicht-Mensch-sein“, als Kriterium für einen Wertunterschied anzusetzen, Tiere zu instrumentalisieren, beliebig zu nutzen und anschließend im Müll zu entsorgen ist ein Verbrechen. Nur weil jemand anders ist, ist er deshalb nicht weniger wert! Nun werden Tiere in unserer Gesellschaft jedoch erst gar nicht als jemand, also als lebendige Subjekte, sondern als etwas, als leblose Objekte, wahrgenommen. Dass diese Entindividualisierung der anderen Tiere überhaupt tagtäglich möglich ist, liegt sicherlich nicht zuletzt am „sturen Mittun der Massen“, was der Philosoph Max Horkheimer als eine Gemeinsamkeit totalitärer Systeme ausmachte. Die Menschen beteiligen sich an dem, was ohnehin geschieht. Es ist normal und ihr handeln ist Normalität. Um diesen ganz normalen Alltag im Umgang mit sog. Versuchstieren zu verdeutlichen, sprach die TIERBEFREIUNG mit zwei Menschen, die selbst in der Tierversuchsindustrie tätig waren.



Ferienjob in der „Versuchstier“zucht

Lisa* hat vor einigen Jahren in der Versuchstierzucht Harlan-Winkelmann in Borchen als Ferienvertretung gearbeitet. Sie versucht das, was sie damals gesehen und erlebt hat, zu verdrängen. Obwohl ihre Tätigkeit schon einige Jahre zurückliegt, gelingt es ihr offensichtlich nicht. Mehrfach steigen ihr während des Gespräches Tränen in die Augen. „Ich schämte mich damals für den Job.“ Lisa ist keine Tierrechtlerin. Sie lebt jedoch vegetarisch. Ihre Motivation mit uns zu sprechen ist Mitleid. „Das Leiden der Tiere und die ekelhafte Unterbringung, sowie die Grobheit und ‚Abgestumpftheit’ der Mitarbeiter machten mir sehr zu schaffen. Die Öffentlichkeit soll erfahren, unter was für Bedingungen die Tiere in dieser Firma leben!“


Bei ihrem ersten Aushilfsjob arbeitete sie in der Abteilung „Meerschweinchenzucht und Verkauf“. Zu ihren Aufgaben gehörte laut Arbeitsvertrag die „Fütterung, Pflege und Wartung der Tiere“. Die Abteilung unterliegt der höchsten Sicherheitsstufe; es dürfen keinerlei Bakterien in den Raum dringen. Ihr Arbeitstag begann um 6 Uhr und endete um 15:30 Uhr. Um Zugang zum Gebäude zu bekommen, musste eine Karte durch einen Scanner gezogen werden. Anschließend musste sie sich desinfizieren, d.h. komplett entkleiden und duschen. Ohne Dusche gab es keinen Zutritt zu den Räume. Nachdem sie sterile Kleidung, einschließlich neuer Unterwäsche, Haube und Gummistiefel angezogen hatte, konnte sie die Zucht betreten. „Starker Lärm“, verursacht von den Hunderten von Meerschweinchen, „Gestank und verängstigte Tiere“ in weißen Acrylbadewannen, in mehreren Reihen bis unter die Decke übereinander gestapelt – willkommen in der Meerschweinchenzucht. Nacktmeerschweinchen, an deren Körper nur vereinzelt Haarbüschel zu sehen waren, saßen, vollkommen verängstigt durch den Stress und abgeschirmt von der Außenwelt, in ihren Behältern. Etwa acht Tiere waren in einer Wanne untergebracht. Durch ein Loch in der Wannenwand erreichten sie eine Futtermulde. Lisa schildert einen Fall von Kannibalismus, bei dem ein Meerschweinchen mit dem Kopf in dem Loch feststeckte. Bereits grünlich gefärbt und von anderen Tieren angefressen fand sie das tote Meerschweinchen. Es wurde im Müll entsorgt. Durch die hohe Anzahl an Tieren bzw. Wannen kam es immer wieder vor, das Tiere nicht gefüttert wurden. Zu all dem kam der scharfe, beißende Geruch des Desinfektionsreinigers. Die Isolationshaltung bei künstlichem Licht in den vollkommen sterilen Räumen war das bedrückendste für Lisa. Hinzu kam die Einstellung der Arbeiter. Diese Menschen sahen keine leidensfähigen Lebewesen, sondern nur die Ware, die verpackt und verschickt werden musste. Harlan liefert täglich ins gesamte Bundesgebiet.

„Stell dich nicht so an“


Das sie hier nicht arbeiten wollte, war ihr sofort klar. Umso erschreckender die Reaktionen aus ihrem privaten Umfeld. „Sei froh, dass du einen Job hast“, „Andere wären froh, sich etwas nebenbei verdienen zu können“, „Da musst du jetzt durch. Stell dich nicht so an“ und ähnliches bekam sie von ihren Eltern zu hören. Durch die Eltern war sie überhaupt erst an die Aushilfsstelle gekommen. Dieses vollkommene Unverständnis, dass ihr keiner wirklich zugehört und ihre Gefühle und Gedanken über diese Tätigkeit ernstgenommen hat, belastet sie damals wie heute. Mit dem Thema Tierversuche war die damals 16-jährige zuvor nicht in Berührung gekommen. Sie fühlte sich „vollkommen allein mit ihren Eindrücken“.

Ein Jahr später arbeitete sie erneut als Ferienvertretung bei Harlan. Diesmal, wie sie sagt, gegen ihren Willen und nur auf Druck des Elternhauses. Aus dieser Zeit ist ihr besonders der rohe Umgang mit den Mäusen in Erinnerung geblieben. Beim „Abpacken“ der Tiere wurden sie einfach am Beinchen oder Schwanz gepackt und in Kartons geworfen. Die Mäuse wurden in sogenannten Isolatoren gehalten. Mit Handschuhen konnte man in die Isolationsboxen hineingreifen und die Tiere herausholen. Babymäuse wurden direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt. Lisa berichtet, dass es bei zu geringer Nachfrage zu viele Mäuse gab. „Die können wir nicht mehr verkaufen“ wurde ihr gesagt. Die Tiere wurden aus den Isolatoren geholt und auf den Boden gelegt. Ob sie dort verhungerten oder direkt starben konnte sie nicht sagen. Auf die Frage, ob es möglich wäre, die Babymäuse mit nach Haue zu nehmen, bekam sie ein „Nein, das geht auf keinen Fall“ zu hören. Andere Mäuse wurden wiederum mit Schokolade fettgefüttert.


Dass Tierversuche ethisch nicht zu rechtfertigen sind, ist für uns TierrechtlerInnen nicht neu. Auch das eine Zucht für sogenannte Versuchstiere ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben wird und die arteigenen Verhaltensweisen, Interessen und Bedürfnisse der Tiere nicht annähernd berücksichtigt werden, ist keine Überraschung. Das eigentlich Erschreckende ist die Selbstverständlichkeit, mit der dies alles geschieht. Es macht deutlich wo unsere Gesellschaft im Umgang mit anderen Tieren steht und wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Mit den TierrechtlerInnen, die draußen vor der Zucht demonstrierten durfte sie keinen Kontakt aufnehmen. Die Geschäftsleitung untersagte MitarbeiterInnen mit den DemonstrantInnen zu sprechen; sie musste bei Demos früher nach Hause gehen. Es war das erste Mal, dass sie überhaupt wahrgenommen hat, dass Menschen sich gegen Ausbeutung anderer Tiere einsetzen. „Was kann man tun“, fragt Lisa am Ende des Gesprächs, „damit diese Firma endlich geschlossen wird?“. Die Zahl von Tierversuchen ist seit Lisas Ferienvertretung auf einen neuen Höchststand geklettert.


* Name wurde geändert. MitarbeiterInnen müssen im Arbeitsvertrag eine Verschwiegensheitspflicht unterschrieben habe, die auch über die Beendigung des Arbeitsverhältnisses hinaus wirkt.



Es war Verhaltensforschung, nicht irgendwie fieses Labor.

Laut Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft wurden 2005 in Deutschland insgesamt 2 412 678 Tiere [1] im Rahmen von Versuchen gefoltert und ermordet [2]. Die Ängste und Qualen, die unmittelbar mit dieser Zahl verbunden sind, tauchen in der Statistik nicht auf. Ungenannt bleiben auch all die Menschen, die tagein tagaus durch die gut bewachten Tore der Hochsicherheitstrakte gehen und „ihren Job“ machen. Wer sind diese Menschen? Was sind ihre Motive? Wie sehen sie die Tiere, die sie täglich beherrschen, ausbeuten, töten. Und wie leben sie damit? Eine Frau, die vor Jahren selbst Täterin bei tierexperimentellen Forschungsprojekten war und heute aktive Tierrechtlerin ist, gibt Antworten.


Frage: Susanne, du bist Veganerin, aktive Tierrechtlerin, du hast zwei Katzen und Ratten. Vor fast zwanzig Jahren warst du dabei, als Ratten für Versuche misshandelt wurden. Wie kam es dazu?
Susanne L.: Das war im Rahmen meines Studiums. Ich habe in Hamburg Psychologie studiert und bei meinem Professor, Herrn Pawlik, einen Hiwijob angeboten bekommen. Bei ihm hatte ich meinen Schwerpunkt „Klinische Neuropsychologie“ studiert. Und er leitete auch das Versuchslabor an der Uni Hamburg.

Frage: Zu welchem Institut gehörte das Labor?
Susanne L.: Zum Psychologischen Institut I, von Melle Park. Im vierten Stock war das Rattenlabor. Ungefähr 2003 wurde es aufgelöst.

Frage: Warum wurde das Labor geschlossen?
Susanne L.: Herr Pawlik wurde 2002 emeritiert und mit Sicherheit gab es für das Labor einfach keinen Nachfolger. Das Institut war damals schon umstritten, wurde bestreikt und war von Schließung bedroht. Da wird niemand hier geschrien haben, um das fortzusetzen.

Frage: Weißt du, wer damals vor dem Institut demonstrierte?
Susanne L.: Nein. Als ich in dem Institut anfing, sagten mir die anderen, dass immer mal wieder Tierschützer demonstrieren würden. Das nervte die Leute.

Frage: Wie hast du darauf reagiert, als du das erfahren hast?
Susanne L.: Das hat mich ein bisschen beeindruckt, aber nicht dazu gebracht, das Ganze in Frage zu stellen.

Frage: Erinnerst du dich an weitere Namen?
Susanne L.: Mieke Nüßgen. Sie war damals die führende MTA im Labor und arbeitete auch als Dozentin für experimentelle Psychologie. Die ist wahrscheinlich mittlerweile auch in Pension.

Frage: Bevor du im Institut angefangen hast, wurdest du da in irgendeiner Form geschult?
Susanne L.: Nein, man hat mir im Grunde nur gesagt, es wäre das Rattenlabor und das, worauf es ankommt ist, darauf zu achten, dass man nicht gebissen wird. Ich wurde dann in die einzelnen Versuche eingewiesen. Das war aber learning by doing und nicht mit großer Theorie verbunden.

Frage: Mit wie vielen Leuten hast du zusammengearbeitet?
Susanne L.: Das waren etwa sieben, wobei die meisten wie ich auch Studenten und Teilzeitkräfte waren.

Frage: Wie war der Kontakt untereinander? Habt ihr euch darüber unterhalten, was ihr da macht und gab es vielleicht auch Leute, die schon Zweifel hatten?
Susanne L.: Nein, es herrschte Konsens darüber, dass die Arbeit, die dort zu tun war, auch gemacht werden musste und auch gemacht wurde. Und wie gesagt, das Wesentliche war wirklich, dass man darauf zu achten hatte, man sollte nicht gebissen werden. Es gab wenig Zweifel, außer, wenn wieder Tötungsaktionen anstanden. Das ging den Leuten an die Nieren.

Frage: Was für Tötungsaktionen?
Susanne L.: Es war ja so, dass die Tiere für die Versuche dort direkt im Labor gezüchtet wurden. Die Tiere wurden in Makrolonwannen gehalten, das sind Plastikwannen mit Gittereinsatz. Für die Versuche wurden nur die männlichen Ratten verwendet, weil sie ruhiger sind als weibliche. Einige Weibchen wurden für die Zucht gehalten. Sobald erkennbar war, dass Rattenwelpen weiblich waren, wurden sie mit Äther getötet.

Frage: Gehörte das auch zu deinen Aufgaben?
Susanne L.: Nein, das war aber mehr oder weniger bekannt. Und man hat es auch gerochen. Gab es einen Wurf, wurden nach drei Wochen die Geschlechter getrennt. Anschließend ging Frau Nüßgen mit einem Körbchen kleiner wuselnder Ratten in den Nebenraum und wir konnten den Äther riechen.

Frage: Und was wurde dann mit den toten Körpern gemacht?
Susanne L.: Ich schätze, sie landeten sozusagen im Müll. Die Tiere, die in Versuchen eingesetzt wurden, wurden getötet. Frau Nüßgen sezierte ihre Gehirne, um den Wachstumsverlauf zu prüfen.

Frage: Wie wurden die Tiere gehalten?
Susanne L.: Einzeln in den Makrolonwannen. Es gab dann mal die Versuchsanordnung, Ratten in Gruppen zu halten, um zu prüfen, ob sich ihr Lernverhalten von denen unterscheidet, die einzeln gehalten werden. Dafür wurden dann aus einem Wurf mehrere männliche Ratten in einem großen Käfig gesetzt, der auch mit Spielzeug ausgestattet war. Das nannte sich dann in der Forschung „enriched enviroment“. Uns allen war auch klar, noch bevor die Versuche beendet waren, dass die Ratten, die in Gesellschaft gehalten wurden, natürlich besser lernen, als die einzeln gehaltenen Tiere.

Frage: Hattest du Einsicht in die Forschungsergebnisse?
Susanne L.: Nein. Die Daten wurden ja damals schon über Computer gleich aufgenommen, weitergeleitet und ausgewertet. Wenn zum Beispiel die Tiere in Labyrinthen Lichtschranken passierten, wurde das elektronisch gemessen. Und somit wurden immer irgendwelche Daten eingespeist und parallel ausgewertet. Die gingen dann in irgendein großes „Datennirwana“ ein; wir haben das nicht zu Gesicht bekommen.

Frage: Kannst du die Versuche und ihre Methoden beschreiben?
Susanne L.: Ich habe nur an Versuchen mitgewirkt, die mit positiver Verstärkung gearbeitet arbeiten. Das heißt, das Tier bekommt, wenn es eine Aufgabe richtig erfüllt, eine Belohnung in Form von Pellets. Im Sternlabyrinth beispielsweise wird das Tier in die Mitte gesetzt und muss dann die verschiedenen Arme dieses Sternes ablaufen. Am Ende eines jeden Armes bekommt es ein Pellet. Es muss sich dann eben merken, wo es schon war, und nicht doppelt den Weg machen, wo es keine Belohnung mehr gibt.

Frage: Und was passierte bei negativer Verstärkung?
Susanne L.: Negative Verstärkung meint die Wegnahme eines negativen Reizes; das bedeutet beispielsweise, wenn ein Stück des Weges unter Strom gesetzt wird, dass die Ratte diesen Weg möglichst schnell überwindet, um dem negativen Reiz zu entgehen. Das wird dann Schockvermeidungslernen genannt.

Frage: Du sagtest, dass es dich schockiert hat, zu sehen, dass mit negativer Verstärkung gearbeitet wurde. Und du sagest ja auch, dass dir nach dem Einführen von Gruppenhaltung klar wurde, wie schrecklich die Einzelhaft für die Ratten ist. Wie bist du damit umgegangen?
Susanne L.: Ich habe parallel angefangen, an meiner Diplomarbeit zu arbeiten und machte dafür eine Erhebung im Institut für Neurochirurgie im UKE. Da habe ich dann zugesehen, dass ich mich unentbehrlich mache. Ich schaffte es, dass der Professor mich fragte, ob ich nicht dort arbeiten wollte. Ich weiß aber nicht, wie ich mich entschieden hätte oder ob ich nicht doch weiter gemacht hätte, wenn sich diese Möglichkeit nicht eröffnet hätte.

Also im Grunde war schon allen Beteiligten klar, dass die Versuche, die im Rattenlabor durchgeführt wurden, nicht notwendig waren, dass es schon jede Menge Literatur über Lernverhalten gab. Da musste man das nicht noch mit den Versuchen belegen. Es waren ja zum Teil auch Apparaturen wie die Skinnerbox; die in den 60er Jahren in der Psychologie eingesetzt wurden. Da musste man nicht noch mal mit Ratten gucken, ob die wirklich den richtigen Hebel drücken, um ihre Pellets zu bekommen.

Frage: Skinnerbox, was ist das?
Susanne L.: Skinner war ein Verhaltensforscher in der Psychologie, der diese Versuchsanordnung erfunden hat. Das ist eine Box, in die das Tier gesetzt wird. Die Box wird zugemacht und innen leuchtet ein Licht. Versuche mit der Skinnerbox wurden früher auch mit Tauben gemacht. Das Tier muss im Grunde lernen, auf Lichtreize zu reagieren. Wenn es zum Beispiel bei grünem Licht einen Hebel drücken soll, dann bekommt es eine Belohnung, wenn das rote Licht aufleuchtet, sollte es den Hebel nicht drücken, denn dann gibt es keine Belohnung.



»Doch je länger man dort arbeitete und Einblick in die Versuche bekam, desto mehr geriet man dort einfach ins Zweifeln.«


Frage: Vorher sagtest du, für alle war es O.K., die Arbeit musste gemacht werden und man hat daran auch geglaubt. Jetzt sagst du, es war eigentlich allen klar: Es gibt Literatur, die Geräte sind überholt, die Ergebnisse liegen schon vor.
Susanne L.: Ja, die Existenz dieses Rattenlabors wurde von den Leuten, die dort arbeiteten, nicht sofort in Frage gestellt. Doch je länger man dort arbeitete und Einblick in die Versuche bekam, desto mehr geriet man dort einfach ins Zweifeln. Hin und wieder bekam Herr Pawlik Besuche von anderen Wissenschaftlern; Forscher aus den USA waren immer mal wieder zu Gast, die sehr beeindruckt waren. Dadurch bekam das Ganze dann plötzlich doch den Touch des Hochwissenschaftlichen.


Frage: Forscher rechtfertigen das Foltern und Töten von Tieren mit dem Argument, es nütze der Menschheit. Was wurde bei den Versuchen im Rattenlabor als Sinn und Zweck angegeben? Gab es Auftraggeber?
Susanne L.: Professor Pawlik selbst war der Auftraggeber. Es waren sozusagen hausgemachte Versuche, die von ihm oder mit seinen Dozenten zusammen für experimentelle Studien konzipiert wurden. Das alles war reine Forschung; es gab meines Wissens nach keinen externen Auftraggeber.


Frage: Forschung für das Psychologische Institut selbst? Es gab keinen, der Ergebnisse abrief?
Susanne L.: Wüsste ich nicht. Ich glaube, das war der Eindruck, den die meisten hatten, die dort auch arbeiteten: Sie beschäftigten sich selbst. Es war wie ein Selbstgänger. Das Labor gab es schon Ewigkeiten, die Apparaturen waren da, es wurde überlegt, was man vielleicht noch verändern könnte und es wurde für StudentInnen die Möglichkeit eines Praktikums im Labor geschaffen.

Und die Übertragbarkeit von Lernversuchen mit Tieren auf den Menschen hat sich mir auch nicht wirklich erschlossen. Mir wurde erzählt, als das Institut noch in einer Villa in der Rotenbaumchaussee untergebracht war, wurden auch Experimente mit schwangeren Ratten gemacht. Sie wurden unter Stress gesetzt und es wurde geguckt, was sie mit ihren Babys machen, wenn sie unter Dauerbeschallung stehen. Das muss mir keiner sagen, dass die Tiere dann wahrscheinlich ihre Babys auffressen, und das muss ich dann auch nicht noch mal im Experiment nachweisen. Oder dass Ratten, wenn sie auf ganz engem Raum gehalten werden, sich gegenseitig zerfleischen.


Frage: Was genau war deine Aufgabe bei den damals aktuellen Versuchen?
Susanne L.: Ich habe die Tiere in die Apparaturen gesetzt und wieder herausgenommen. Bei einigen musste ich die Zeit manuell stoppen. Und ich habe die Tiere an ihren Schwänzen mit Farbe gekennzeichnet, damit man sie unterscheiden konnte.


Frage: Hast du deinen FreundInnen und deiner Familie erzählt, was du machst? Wie haben sie darauf reagiert?
Susanne L.: Die waren eigentlich relativ gelassen. Sie fanden es zwar ein bisschen skurril, mit Ratten zu arbeiten, aber großartig moralisch in Frage gestellt wurde es nicht.


Frage: Warum hast du es als sinnvoll angesehen, dort zu arbeiten?
Susanne L.: Es war eher das kleinere Übel. Ich hatte damals einen studienfernen Nebenjob. Als mir dann gesagt wurde, ich könnte im Rattenlabor arbeiten, habe ich den studiennahen Job angenommen. Und dann kommt hinzu, dass Pawlik damals eine echte Autorität war, und ich bei ihm auch meinen Schwerpunkt belegt hatte.


Frage: Wie war dein Verhältnis zu den Tieren in der Anfangszeit? Wie hast du die Tiere gesehen?
Susanne L.: Es wurde mir von Anfang an eingeschärft, ich möge aufpassen, nicht gebissen zu werden. Darum ging ich davon aus, das sind kleine Monster. Sie haben die Tiere an der Schwanzwurzel aus den Boxen gehoben. Richtig ist, Ratten unter dem Bauch hochzuheben und sie am Po zu stützen. Am Schwanz besteht die Gefahr, dass er bricht oder abreißt. Gängige Praxis im Labor war es, sie eben am Schwanz hochzunehmen. Das ist, denke ich, auch heute noch so. Als dann Welpen geboren wurden und ich ihre Entwicklung mitverfolgen konnte, habe ich einen anderen Bezug zu den Tieren entwickelt. Aber dafür war nicht wirklich Raum. Es war so organisiert, dass man nur im Rahmen der Versuche mit den Tieren zu tun hatte; alles andere war eben Gefühlsduselei.


Frage: Wurde euch explizit gesagt, keine Beziehung zu den Tieren aufzubauen, sondern sie als Sache anzusehen und zu behandeln?
Susanne L.: Das wurde nicht gesagt. Das musste einem aber auch nicht gesagt werden. Es war einfach so klar, dass das wirklich nur die Versuchsobjekte waren, die man eben so zu behandeln hatte.


Frage: Du sagtest, das Labor war Ziel von Demonstrationen. Was glaubst du, wie du auf TierrechtlerInnen reagiert hättest?
Susanne L.: Ich glaube nicht, dass ich damals sehr empfänglich dafür gewesen wäre. Ich hab es ja auch irgendwie klar gekriegt in meinem Kopf. Dass ich z.B. auf der einen Seite nur Kosmetik ohne Versuche an Tieren gekauft habe, seitdem ich durchs Fernsehen mit Tierversuchen konfrontiert wurde. Es war mir schon klar, dass es „Versuchs“tiere gibt, aber es ging gedanklich für mich nicht zusammen, dass ich das Gleiche mit Ratten bei den Lernexperimenten mache; es war Verhaltensforschung, nicht irgendwie fieses Labor. Das geht alles in einen Kopf, so konträr das auch ist. Und darum wäre ich damals auch nicht zugänglich gewesen.


Frage: Wenn TierrechtlerInnen dich angesprochen hätten, was hättest du ihnen erwidert.
Susanne L.: Ich hätte wahrscheinlich gesagt, die leiden da nicht. Man tut ihnen ja nichts Schlimmes an, natürlich außer, dass sie in Einzelhaft sitzen.



»Und dieses Gefühl, das Bedürfnis einer Wiedergutmachung, schleppe ich schon noch mit mir herum.«


Frage: Heute bist du Veganerin und aktive Tierrechtlerin. Wodurch und in welchem Zeitraum hast du diese Entwicklung vollzogen. Gab es irgendwelche Schlüsselerlebnisse?
Susanne L.: Das mit den Tierversuchen für die Kosmetik habe ich mit 17 realisiert und entsprechend konsequent gehandelt. Um Vegetarierin zu werden, brauchte ich mehrere Anläufe. Einen Auslöser dafür gab es. Ich war mit einer Gruppe auf einer beruflichen Schulung und in dieser Gruppe gab es eine Vegetarierin, die sich ihr Essen an der Gemüsebar zusammen stellte und uns zwar nicht großartig kritisierte, aber doch deutlich machte, dass sie es eben ablehnt, Fleisch zu essen. Sie wirkte sehr glücklich, ausgeglichen und eigentlich immer gut gelaunt. Wir hatten dann die Wahl zwischen irgendwelchen riesigen Kasslerbergen und Frikadellen und haben uns dann den Pamps irgendwie reingezogen. Damals wog ich 80 Kilo.

Und das war schon ein echter Kontrast. Diese Frau war einfach ein ganz tolles Vorbild. Sie war natürlich auch noch die Beste der Klasse. Das kam noch hinzu. Wir hatten insgesamt drei Schulungsgänge. Beim dritten Mal war ich dann so weit. Durch ein Erlebnis bei Tisch wurde für mich klar, ich lass es jetzt auch. Unmittelbarer Auslöser war, dass es für uns ein halbes Hähnchen gab; mit Ausnahme der Vegetarierin hatten wir alle unseren halben Hahn auf dem Teller und dann ließ eine Frau ihren Blick über die Tische schweifen und sagte nur: Man kann ja wirklich abzählen, wie viele Hähnchen hier gestorben sind. Sie war eine Fleischesserin, die einen Moment innehielt, stutzte und sagte: Mensch, guckt euch das mal an. Die Vegetarierin sagte nur ganz trocken: Dann sind sie wenigstens aus ihrem KZ erlöst. Und da war Schluss. Denn es war klar, sie hatte verdammt noch mal Recht.


Frage: Dann bist du erst mal Vegetarierin geworden. Und für den Schritt hin zur Veganerin, gab es da auch ein Schlüsselerlebnis?
Susanne L.: Ja, allerdings war das eher aus gesundheitlichen Gründen. Ich habe vegetarisch gelebt und kam damit prima zurecht. Im Laufe dieser Zeit wurden bei mir Gallensteine diagnostiziert. Mein Arzt sagte: Bratkartoffeln mit Speck und Ei und so etwas können Sie ja gar nicht mehr essen. Und ich: So etwas esse ich sowieso nicht mehr. Ich hatte also instinktiv das Richtige gemacht und auch als Vegetarierin ziemlich abgenommen. Anfang letzten Jahres hab ich mich mit der Blutgruppendiät auseinander gesetzt. Meine Blutgruppe ist A. Gruppe A ist laut Autor die Gruppe der VegetarierInnen, das passte also für mich. Menschen mit Blutgruppe A sollen sich vegetarisch ernähren und es wurden einzelne Lebensmittel aufgelistet, die man meiden soll. Bei mir zählten auch ausdrücklich Käse, Kuhmilch und Eier dazu. Und dann dachte ich mir, dann kannst du auch gleich vegan leben. Besser ist es für dich, und für die Tiere ist es alle mal besser. Also machte ich es und beschäftigte mich auch damit. Erst dann traute ich mich auch in die Tierrechtsszene. Und das ist dann langsam im Laufe des letzten Jahres gewachsen.


»Vom Herzen her würde ich am liebsten Aktionen machen, die unmittelbar den Tieren helfen. Diese Aktionen sind illegal.«


Frage: Du sagst, aus gesundheitlichen Gründen bist du Veganerin geworden. Was ist mit dem ethisch-moralischen Ansatz. Hast du ihn später vollzogen?
Susanne L.: Ja. Ich hab mich im Veganerforum im Internet umgehört und bin darüber dann auch auf die Tierrechtsaspekte gestoßen, habe viel über die ethisch-moralische Begründung des Veganismus gelesen. Und da machte es unweigerlich Klick und es gibt keine Zweifel mehr. Auch wenn meine Hausärztin mir natürlich bei der ersten Blutentnahme Angst machen wollte und mir schwerste Mangelschäden prophezeite, das ist zwar dann nicht egal, muss aber irgendwie anders gelöst werden.


Frage: Welches Argument für eine vegane Lebensweise ist heute für dich vorrangig?
Susanne L.: Das Ethische.

Frage: Im Laufe deiner Entwicklung hast du dich um 180 Grad gedreht. Was ist mit deinem sozialen Umfeld. Welche Reaktionen gab es da?
Susanne L.: Zu Exkommilitonen habe ich keinen Kontakt mehr. Menschen, mit denen ich heute befreundet bin, sind auch andere als die von damals. Mittlerweile fällt es mir schwer, zu Nichtveganern Kontakt zu halten. Das geht also eher von mir aus. Ich weiß, dass ich mit meiner jetzigen Lebensform keine Phase durchlebe und sie auch nicht zu ändern gedenke und dass es für Menschen schwer ist, sich damit zu arrangieren, die das furchtbar unbequem finden. Und anstrengend. Durch mein Anderssein fühlen sie sich selbst auch in Frage gestellt. Für Kollegen ist das schon auch gewöhnungsbedürftig, aber ich habe mit mehr Unverständnis gerechnet. Ich bin froh, dass mittlerweile der Begriff Veganer so weit in den Köpfen drin ist, dass die Leute schon ganz gut informiert sind. Und es ist auch nicht so, dass man versucht, mich damit in irgendeiner Form zu ärgern oder aufzuziehen.


Frage: Heute demonstrierst du für die Rechte der Tiere. Gibt es dabei einen Bereich, einen Themenschwerpunkt, der dir besonders wichtig ist?
Susanne L.: Tierversuche finde ich schon mit am härtesten neben der „Fleischproduktion“. Ich bin mir nur über den Weg noch nicht so wirklich klar, über den sich am meisten für die Tiere erreichen lässt. Das merke ich bei den Aktionen schon. Und das ist es, wo ich momentan meinen Stand suche. Ich weiß nicht genau, wie offen ich z.B. noch Menschen beim Infostand gegenüber sein kann, die von mir ein Lob erwarten, weil sie „Biofleisch“ essen. Vom Herzen her würde ich am liebsten Aktionen machen, die unmittelbar den Tieren helfen. Diese Aktionen sind illegal. Aber in meinen Augen auch am unmittelbarsten und am effektivsten für die Tiere. Ich würde auch gerne Tiere, die aus solchen Aktionen kommen, unterbringen. Das mache ich im ganz ganz kleinen Rahmen mit Ratten, die im Tierheim gelandet sind. Trotzdem bin ich am Suchen und am Überlegen, wie man mit Menschen noch mehr in Kontakt kommt und ihnen auch Handlungsmöglichkeiten mit auf den Weg gibt. Das merke ich bei Tierrechtsdemonstrationen. Viele Menschen nicken das ab und finden es toll, dass z.B. gegen „Pelz“ demonstriert wird. Manche möchten dann auch selber noch etwas machen, außer eben keinen „Pelz“ tragen. Ich finde es wichtig, etwas Konstruktives anzubieten und sie mit der Konfrontation nicht alleine zu lassen, bin ich aber noch nicht sicher, wie man da am wirkungsvollsten mit den Menschen in Kontakt kommt. Es kommt einfach nicht jeder darauf, wie einfach es ist, durch den Boykott von „Fleisch“ und tierlichen Produkten etwas zu bewirken. Vielleicht brauchen die Menschen noch mehr Informationen oder vielleicht müssen sie auch mehr an die Hand genommen werden. Ich weiß auch nicht, ob mein Weg nicht auch ein anderer gewesen wäre, wenn mir irgendwann zwischendurch mal ein Veganer auf die Schulter geklopft und mir gesagt hätte: Also pass mal auf, es ist zwar schön und gut, was du hier machst mit deinem Vegetarierdasein, aber da hast du dich ganz bequem mit eingerichtet. Das hätte ich mir für mich selbst gewünscht, dann hätte es eher bei mir Klick gemacht.


Frage: Du hast anderen Tierrechtlerinnen von deiner Arbeit im Rattenlabor erzählt. Du hättest es auch verschweigen können. Was war deine Motivation dabei?
Susanne L.: Zum einen ist es natürlich mein schlechtes Gewissen wegen meiner Tätigkeit im Rattenlabor, das ich seit meinem Bewusstseinswandel mit mir herumtrage.

Als ich dann Ratten bei mir zu Hause aufnahm und mit anderen Menschen in Kontakt kam, die ebenfalls Ratten hielten, die unter anderem aus Labore kamen, konnte ich ihnen durch meine Erfahrungen helfen. Das war mein erstes Outing. Damals wurde ich nicht gleich an die Wand gestellt. Im Gegenteil. Es wurde anerkannt, dass ich das offenbarte. Und so ging es mir mit den Tierrechtlerinnen auch. Zum anderen weiß ich nicht, wer mir heute noch über den Weg läuft und vielleicht wäre es dann auch dazu gekommen, dass ich das hätte offen legen müssen. Dem wollte ich auf jeden Fall auch vorbeugen. Und dieses Gefühl, das Bedürfnis einer Wiedergutmachung, schleppe ich schon noch mit mir herum. Und wer weiß, wozu es gut ist, dass ich es jetzt noch einmal erzählt habe. Vielleicht stößt es irgendjemanden auch noch an.


Frage: Wenn Pawlik dich heute anrufen und dir sagen würde: Wir haben Ihnen damals ein gutes Zeugnis ausgestellt und könnten Sie jetzt für unser neues Labor gebrauchen. Was würdest du ihm spontan antworten?
Susanne L.: Auf Ihr Zeugnis haben meine Ratten mittlerweile gepinkelt! Und ich würde versuchen, die Adresse herauszukriegen, damit wir dagegen demonstrieren können...



[1] Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein.


[2] Für biologische Grundlagenforschung, zur Erforschung und Entwicklung von Produkten und Geräten für die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, zur Herstellung von oder zur Qualitätskontrolle bei Produkten oder Geräten für die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, für toxikologische Untersuchungen oder andere Sicherheitsprüfungen wie z.B. zur Sicherheitsprüfung von Produkten und Geräten für die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, zur Erforschung und Diagnose von Krankheiten, zur Prüfung der Wirksamkeit von „Schädlings“bekämpfungsmitteln, im Rahmen von Aus- und Weiterbildung sowie laut Statistik für „sonstige Zwecke“.

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