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20.01.2009

„Es gibt keine widerspruchsfreien Lösungen im Kapitalismus“

„Es gibt keine widerspruchsfreien Lösungen im Kapitalismus“

Die Tierbefreiung sprach mit Marc und Marcel vom Roots-of-compassion-Kollektiv über ihre Ziele, ihr Image und ihre etwas andere Geschäftspolitik.

Frage: Wann und wieso ist Roots of Compassion entstanden?

Marc: Die Idee zu Roots of Compassion entstand 2002 in Australien, als es sich zwei AktivistInnen zum Ziel machten, den Veganismus und den Tierbefreiungsgedanken zu fördern und zu verbreiten. Mit ersten Buttons, zwei T-Shirt-Designs und Infomaterial gab es die ersten Infostände auf Konzerten und kurz darauf startete unsere Webseite mit Interviews von Bands, Artikeln, Rezepten, News, etc. Mit der Zeit wurden weitere AktivistInnen bei RoC aktiv und organisierten sich als basisdemokratisches Kollektiv, also ein Kollektiv, in dem es keine hierarchischen Strukturen gibt - die Entscheidungen werden von allen gemeinsam getroffen. In dieser Form sind wir bis heute aktiv. Wir wollen in Zukunft öfters die Besucher unserer Website und unseres Shops in Entscheidungsfindungen bezüglich RoC mit einbinden.


Frage: Das heißt, ihr versteht euch gar nicht in erster Linie als Shop, der die Modeszene der Tierrechtsbewegung vorgibt? Als solcher werdet ihr ja wahrgenommen.

Marcel: Ich wusste gar nicht, dass wie als Tierbefreiungs-P&C wahrgenommen werden. Wenn wir die Mode der Szene vorgeben, müssten wir aber noch Base-Caps und anklebbare Dreadlocks verkaufen...

Aber im Ernst: Klar, unser Shop nimmt viel Platz ein und sicherlich sind wir mittlerweile recht bekannt in der Tierrechtsszene, wir sehen uns aber auf keinen Fall als primären Klamottenhandel! Es stört uns ziemlich, wenn wir nur so wahrgenommen werden würden. Mal davon abgesehen, dass Literatur auch einen Großteil unseres Shops ausmacht, wollen wir in der Zukunft den Schwerpunkt auch wieder mehr auf inhaltliche Auseinandersetzung legen. Die letzten zwei Jahre waren sehr turbulent, da wir mit dem schnellen Wachstum von RoC erstmal umgehen mussten. Im Vordergrund steht bei uns aber die inhaltliche Auseinanderstzung mit der Tierbefreiungsbewegung und natürlich auch der Aktivismus in eben dieser. Einige RoC-Agents sind derzeit auch stark in andere Gruppen oder Kampagnen der Tierbefreiungsbewegung involviert. Nochmal: wir verstehen uns als politisches Kollektiv, nicht als Firma!


Frage: Wie viele Leute gehören denn zum Kollektiv und wie sind diese weltweit verteilt?

Marc: Also zur Zeit gibt es 7 „RoC-Agenten“ von denen 5 in Deutschland, einer in Östereich und eine in Australien leben, wobei einige mehr, einige weniger Zeit in RoC investieren.


Frage: Welche Ziele habt ihr? Was wollt ihr mit RoC erreichen?

Marc: Wie bereits erwähnt, war die Idee von ROC zu Anfang, den Gedanken der Tierbefreiung und des Veganismus zu verbreiten und zu fördern. Gleichzeitig erkannten wir aber, dass die Tierbefreiungsbewegung mit anderen Befreiungsbewegungen und einer generellen Kritik der bestehenden Verhältnisse einhergeht, und sich mit diesen solidarisch erklären muss, um für eine bessere Welt für alle Lebewesen zu kämpfen. Durch eine Isolation der Tierbefreiungsbewegung von anderen emanzipatorischen Strömungen kann diese weder analytisch, noch im historischen Diskurs betrachtet und gefördert werden. Das Ziel von RoC ist somit ein vielfältiges - das Propagieren unserer Ideale, die unserer Ansicht nach zu einer lebenswerteren Zukunft führen - durch Bildung, Information und Vernetzung von AktivistInnen und kritisch denkenden Individuen weltweit, gemäß der „Educate, Agitate, Organize“ Taktik.


Frage: Und diese Information und Vernetzung sieht so aus, dass Menschen weltweit eure T-Shirts mit Aufdrucken wie „Animal Liberation“ tragen sollen?

Marcel: Ja, wir wollen bald auch noch Unterhosen und Bettwäsche ins Programm nehmen, um auch im Intimleben den Veganismus zu fördern. Nein, im Ernst, zum Punkt Vernetzung: Wir wollen demnächst unsere Website komplett neu launchen. Ein neues Feature wird unter anderem eine Kontaktbörse für AktivistInnen, Projekte und Gruppen werden. Zum Punkt Information: Ein Blick auf unsere Website zeigt, dass wir viele Texte veröffentlicht haben, leider ist die Website in letzter Zeit recht unspektakulär. Nach dem Relaunch der Website wollen wir selbst wieder viel mehr Texte schreiben und veröffentlichen. Der Punkt Information bezieht sich natürlich auch auf den Shop. Wir versuchen, möglichst viele Reader, Bücher und Pamphlete zu verbreiten, die wir für förderungswürdig halten, so etwa die Reader der Tierrechts-Aktion Nord oder Bücher von Crimethnic.

Eine kritische Gegenfrage an dieser Stelle: War die Frage überhaupt ernst gemeint? Ansonsten müssen wir uns ja schon sorgen machen, wie wir auf unsere Umwelt wirken …


Frage: Naja, bei manchen Festivals überrennen die kaufwütigen Kiddies eure Stände ja fast. Aber Ihr versucht auch, ethische Standards bei euren Produkte einzuhalten. Wie ist das zu verstehen und warum genau legt ihr darauf so viel Wert?

Marcel: Es geht uns in erster Linie darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, unter welchen Umständen die Dinge, die in unserem Alltagsleben verkonsumiert werden, entstanden sind. Aus diesem Grund wurden unsere T-Shirts und unsere Pullis nicht in sog. Sweatshops unter extrem schlechten, menschenverachtenden Arbeitsbedingungen produziert, sondern in einer Fabrik in Los Angeles, USA, die viel Wert auf hohe soziale Standards legt. Ebenfalls legen wir Wert darauf, Nahrung und andere Produkte aus biologischem Anbau anzubieten. Die derzeitige Form von unnachhaltiger Landwirtschaft und der Ausbeutung natürlicher Rohstoffe hat eine Zerstörung von Ökosystemen und unserer natürlichen Umwelt zu folge.

Uns ist klar, dass die Probleme, welche gerade ansatzweise geschildert wurden, nicht mit dem reinen Umstellen des Konsumverhaltens zu lösen sind. Eine Kritik der herrschenden Verhältnisse kann nicht an einer generellen Kritik des Kapitalismus vorbeiziehen. Unser Ziel ist nicht die Erschaffung eines “sozialverträglichen Kapitalismus“ durch den positiven Konsum, sondern dessen Abschaffung. Generell möchte ich noch erwähnen, dass wir Tierbefreiung zwar als unseren Schwerpunkt, aber nicht als unser alleiniges Arbeitsgebiet verstehen. Wir sehen den Kampf für die Befreiung der Tiere als Teil eines Kampfes für eine herrschaftsfreie Welt, weswegen uns auch der Blick über den Tellerrand „Tierbefreiung“ so wichtig ist.


Frage: Ihr seid „non-profit“. Das scheint zunächst ein wenig ungewöhnlich. Was heißt für euch „non-profit“?

Marc: Non-profit heißt für uns, dass der Mehrwert, den wir erwirtschaften, nicht in unsere privaten Taschen fließt, sondern dass wir mit dem Geld neue Produkte oder Projekte finanzieren (z.B. unsere neue DVD, unser Magazin etc.) oder dass wir es an Kampagnen spenden. Zurzeit ist es so, dass eine Person aus dem Kollektiv die Lebenskosten von Roots of Compassion bezahlt bekommt, weil sonst der ganze Aufwand wie das Betreiben des Online Shops, die Bearbeitung der Website, interne Arbeit, Vorbereitung von Projekten, Herstellung von Produkten (z.B. Buttons pressen etc.) etc. nicht bewältigt werden könnte. Dieser Mensch betreibt ROC nahezu 24 Stunden am Tag, es sind für uns quasi laufende Kosten, die nötig sind, um RoC am laufen zu halten.


Frage: Das ist nicht ganz verständlich. Wenn vom Gewinn der Lebensunterhalt bezahlt wird, ist das doch das gleiche wie wenn das Geld in die eigene Tasche fließt, nur positiver formuliert. Ist das nicht eine Gradwanderung, einerseits den Kapitalismus bekämpfen zu wollen und gleichzeitig einen so umfangreichen Merchandising-Shop zu betreiben?

Marc: Ja eine Gradwanderung ist das sicherlich, aber wir sind uns auch bewusst, dass wir das kapitalistische System nicht von heute auf morgen verändern / abschaffen können und so versuchen wir, systemimmanent zu handeln und eine „positive“, möglichst ethische Alternative zum ausbeuterischen „Geiz ist Geil“-Kapitalismus zu schaffen. Momentan ist RoC in seiner Entwicklung soweit fortgeschritten, dass wir relativ viel Zeit investieren müssen, was nicht mehr nur alleine durch etwas Arbeit nebenbei machbar ist. Daher erscheint es uns sinnvoll, es einem Menschen soweit zu ermöglichen, dass er seine ganze Zeit in RoC investiert und dabei fair entlohnt wird (was hier übrigens 1-Euro-Jobber ausschließt). Im Grunde machen das ja so viele Kampagnen und politischen Gruppen, um ihre Arbeit möglichst effektiv zu gestalten.


Marcel: Im Endeffekt geht es ja auch darum, dass „den Kapitalismus bekämpfen“ nicht „von außen“ funktioniert. Wir leben in einer kapitalistisch strukturierten Gesellschaft; das einfache Ablehnen dieser Verhältnisse katapultiert uns nicht aus der Verwertungs- und Lohnarbeitslogik. RoC kann halt nur weiterlaufen, wenn mindestens eine Person einen Großteil ihrer Zeit investiert. Dementsprechend ist das also eine mehr oder minder auswegslose Situation. Abgesehen davon wäre die Alternative dann die gewöhnliche Lohnarbeit, denn ohne Geld leben ist nur bedingt möglich und mit einigen Einschränkungen verbunden. Und solange der Zweck von RoC nicht die Erwirtschaftung von Gewinnen, sondern der politische Aktivismus ist, denke ich, dass wir auch in einer anderen Liga als gewöhnliche „Firmen“ spielen. Da fällt mir zum x-ten Mal der schöne Spruch „Es gibt nichts Gutes im Schlechten“ ein - mit anderen Worten: Es gibt keine widerspruchsfreien Lösungen den Kapitalismus abzulehnen, aber in ihm leben zu müssen.


Frage: Wenn ihr profit-orientiert arbeiten würdet, könnten noch mehr von euch 24 Stunden am Tag für RoC aktiv sein. Das wäre doch viel effektiver, um die oben genannten Ziele zu verfolgen, als wenn die meisten nur abends RoC machen und tagsüber malochen gehen, oder?

Marcel: Naja, vielleicht wollen einige Leute ja auch noch anderes als RoC machen. Zum Beispiel studieren, oder in anderen politischen Gruppen aktiv sein oder sonst wie ihr Leben gestalten. Natürlich, wenn über Mehrarbeit gewährleistet werden könnte, dass eine weitere Person Vollzeit bei RoC aktiv ist und das finanziell irgendwie hinhauen würde, könnten wir noch effektiver arbeiten, vielleicht auch mehr Texte erarbeiten oder sonstiges, derzeit ist die Situation aber eine andere, von daher stellt sich die Frage also nicht. Ich beispielsweise bin auch froh, sozusagen komplett ehrenamtlich, neben Studium, Leben und sonstiger politischer Arbeit, bei RoC aktiv zu sein. Ich hätte aber keine Lust, mich mit Steuer, Buchhaltung und Website-Pflege rumzuärgern und bin froh, dass das andere übernehmen, sicherlich keine aufregende Tätigkeit...


Frage: Was macht Roots of Compassion, wenn ihr euch nicht gerade um Bestellungen kümmert?

Marc: Wir sind viel unterwegs und machen Stände auf Konzerten und Festivals, bei Demos oder sonstigen Veranstaltungen. Beispielsweise haben wir letztes Jahr die vegane Metalcore Band Undying und dieses Jahr die vegane Straight Edge Band Good Clean Fun streckenweise auf ihrer Tour begleitet. Darüber hinaus sind einige von uns noch in politischer Arbeit außerhalb von RoC integriert. In der Tierrechtsszene engagieren wir uns alle (z.B. in der Mitarbeit in Kampagnen oder in Projekten), einige sind auch zumindest aktivistisch in der Antifa-Szene, in den Kampf für Freiräume (besetzte Häuser, Wagenplätze, öffentliche Räume) oder in anderen politische Strömungen involviert.

Frage: Empfindet ihr Veganläden und Versände als Konkurrenz?

Marc: Wir empfinden andere Shops nicht als Konkurrenz, da wir uns wie gesagt nicht als Firma verstehen. Die von uns angebotenen Produkte entsprechen auch nicht dem Standardprogramm eines Veganladens, auch wenn es natürlich einige Überschneidungen gibt. Konkurrenz ist für uns eine Beziehung zu anderen Menschen, die wir nach aller Möglichkeit vermeiden wollen. Wir streben ein solidarisches Miteinander mit anderen Vegan-Läden und Versänden an, und bisher klappt das in unserer Wahrnehmung auch ganz gut.


Frage: Und wie sieht das aus, wenn jemand einen Veganversand mit Klamotten aus afrikanischen Sweatshops betreibt, dabei Ein-Euro-Jobber beschäftigt, um vom Gewinn ein Luxusleben zu finanzieren?

Marcel: Dann sagen wir „welcome to capitalism“ und behandeln ihn genau wie jeden anderen Supermarkt oder jedes andere Online-Versandhaus... Naja und den/die BetreiberIn eines solchen Ladens fänden wir wohl auch persönlich ziemlich scheiße, im Gegensatz zu den meisten Vegan-Laden-BetreiberInnen.


Frage: Was sind eure Zukunftpläne?

Marc: Wir haben auf jeden Fall noch viele Pläne für die Zukunft, um den Zentralsten zu nennen: Wir werden demnächst unsere Website vollkommen überarbeiten. Konkret im Gespräch sind zurzeit noch ein Kochbuch und ein Online-Kontakt-Portal für AktivistInnen. Wir haben viel zu viele Ideen und viel zu wenig Zeit, aber die Zukunft wird sicherlich spannend.


Dann viel Spaß dabei und danke für die ehrlichen Antworten.

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