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20.01.2009

Essays

Essays


Monika Gerstendörfer

Die Wörter, die Wörter...
Was ist bitteschön Zoophilie?


Diesen Artikel schreibe ich aus der Sicht einer Menschenrechtlerin, die ursprünglich aus der psychologischen Wissenschaft kommt; aber auch aus der Sicht einer Frau, die mit Tieren aufgewachsen ist und ohne Tiere um sich herum nicht leben könnte. Beide Sichten erklären meine Empörung und meine ungeheuere Wut, wenn es um das Thema der sexualisierten Misshandlung von Tieren geht. Misshandlungen die von den Tätern als „Zoophilie“ bezeichnet werden. Sich selbst nennen sie allen Ernstes „Zoophile“. Das ist eine Frechheit, ein Zynismus par excellence! Ich führe hier aus, warum ich dieser Auffassung bin.

Allgemeines

Es gibt kaum einen Bereich, der so voll von Halbwissen, Mythen und Falschmeldungen ist, wie den der sexualisierten Gewalt. Ob nun Kindesmisshandlung, Frauenhandel, Gewalt in Ehe und Partnerschaft oder Gewalt gegen Tiere; immer spiegeln die verwendeten Wörter und Begriffe die Art und Weise wider, wie die Opfer behandelt werden. Von Einzelnen, vor Gericht, von der Gesellschaft.
Menschen wissen oftmals nicht, was sie so daherreden. Nicht selten wissen sie nicht einmal, was eigentlich gemeint ist. So ist ein als „pädophil“ bezeichneter Mann eben gerade nicht pädophil (Kinder liebend), sondern das krasse Gegenteil davon. „Phil“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „liebend, wert schätzend“.
Ein Bibliophiler ist also ein Mensch, der Bücher liebt und sie niemals zerstören würde. Ein Frankophiler ist ein Mensch, der Frankreich, die französische Sprache und alles Französische liebt, wertschätzt und achtet.
Anders und in Frageform ausgedrückt: Würden Sie einen Mann, der ein französisches Kind vergewaltigt hat, als „frankophil“ bezeichnen? Sicher nicht. Das wäre ganz offensichtlich infam. Warum also unterschiedliche Maßstäbe in der Sprachführung anlegen?

Der Mythos von der Liebe

Ein so genannter Pädo“philer“ liebt Kinder nicht. Er jagt nach ihnen, bezeichnet sie als „Beute“, „Frischfleisch“, „junges Fohlen“ u.v.m. Er manipuliert aufgrund seiner erwachsenen Überlegenheit, er nutzt aus, er misshandelt Seele und Körper eines Kindes und schädigt es nachhaltig in seiner Entwicklung. Als Psychologin mit einigen Jahrzehnten Berufserfahrung kenne ich die fatalen Auswirkungen solcher Traumatisierungen und „Gehirnwäschen“. Die Überlebenden bringen sich manchmal nach Jahrzehnten noch um; oder bleiben suizidgefährdet. Das Leid, das hier angetan wurde, ist kaum in Worte zu fassen. Daher nenne ich solche Täter (es gibt auch Täterinnen) Pädokriminelle. Denn: was sie verbrochen haben, ist nun einmal kriminell. Also sollte man es auch so benennen. Das ist wichtig. Wenn wir Täter und Taten nicht beim Namen nennen, werden wir das Problem falsch umschreiben, und ein falsch umschriebenes Problem kann logischerweise niemals einer Problemlösung zugeführt werden.

Der Mythos über die Sexualität

In den Medien hören oder lesen wir oft den Begriff „Triebtäter“. Damit meint man Menschen, die ihren Trieben – so „abartig“ sie auch sein mögen – eben ausgeliefert sind. Was für eine bequeme Ausrede für Täter! Sie werden auf diese Weise ent-schuld-igt, denn sie können ja (eigentlich) nichts dafür...
Das mit dem „Trieb“ ist aus wissenschaftlicher Sicht übrigens nur eine Annahme, eine Hilfskonstruktion, an die wir uns alle jedoch gewöhnt haben. Eine bewiesene These war und ist es nicht. Nie gewesen. Das wird aber verschwiegen.
Eine Kollege, der seit Jahrzehnten mit gewalttätigen Männern arbeitet, sagte einmal deutlich: „Also ich habe noch nie einen Trieb gesehen. Du?“ Und er fügte hinzu, dass aus seiner Erfahrung und der all seiner Kollegen allen Gewalthandlungen eine Entscheidung voraus ginge. Ob nun zugeschlagen oder sexualisiert misshandelt wird. Der Täter entscheidet sich. Vorher! Erst dann tut er es. Also ist er auch verantwortlich.
Dies ist eine wichtige Unterscheidung zum Mythos von den „Trieben“: Es geschieht nicht (passiv). Es wird aktiv getan. Von einem konkreten Täter.
Der „sexuelle Trieb“, der aus einem Menschen ein nahezu ferngesteuertes Opfer macht, das „nicht anders kann“, existiert nicht.

Sexualisierte Gewalt

Es gibt nichts Schlimmeres, das man einem Lebewesen antun kann, als die Ausübung von sexualisierter Gewalt. Es ist ein Frontalangriff auf das Energiezentrum, auf das Intimste. Diese Form der Gewalt erschüttert bis in die Grundfesten der eigenen Existenz. Sexualisierte Gewalt hat mit Sexualität – entgegen der landläufig verfestigten Meinung – nichts zu tun.
Die Tatsache, dass der Täter durch die Tat die beiden Kategorien „Sexualität“ und „Gewalt“ aneinander koppelt, bedeutet nämlich nicht, dass sie auch zusammen gehören.
Und das ist auch das besonders Perfide an der sexualisierten Gewalt: der Täter koppelt durch die Tat einen potenziell positiven Erlebnisbereich (Sexualität) an einen grundsätzlich negativen (Gewalt). Therapeuten und Therapeutinnen können Arien davon singen, wie schwierig es ist, diese beiden grundsätzlich so verschiedenen Erlebensbereiche wieder voneinander zu trennen; die Kopplung wieder aufzulösen. Oft genug gelingt das nicht.
Noch einmal: Sexualisierte Gewalt - egal welcher Form - hat mit Sexualität nichts zu tun. Weder für den Täter – erst recht nicht für das Opfer.
Dazu ein Beispiel, um die sprachliche Verwirrung von der angeblich sexuellen Gewalt deutlich zu machen: Stellen Sie sich vor, ein Mann kommt spät nach Hause, und seine Frau empfängt ihn nicht mit den Worten: „Ach, kommst du auch mal wieder heim?“ - sondern schlägt ihm wortlos eine schwere Bratpfanne auf den Kopf. Kein vernünftiger Mensch würde jemals auf die Idee kommen, dies als „Kochen“ zu bezeichnen. Warum nicht? Weil hier das Instrument zum Kochen umfunktioniert wurde in ein Instrument zur Gewaltausübung.

Sexualisierte Misshandlung gegen Tiere

Im Problembereich der sexualisierten Misshandlung an Tieren finden wir ganz ähnliche Unwörter, wie die bereits genannten: „Zoophilie“, „Zoophile“, „zoophilen Neigungen“, „Tiersex-Szene“, „Sex mit Tieren“, „Tier-Pornographie“, „Sex-Praktiken“, „Tier-Bordelle“ und und und.
Das Muster zu den bereits besprochenen Problembereichen ist deckungsgleich: Die körperlichen und seelischen Leiden der Tiere werden bagatellisiert und sexualisiert. Die Täter verwenden als Selbstbezeichnung „phil“, und leider wird diese zynische Verniedlichung von uns allen bis heute übernommen.
Dabei werden in Deutschland nach Schätzungen pro Jahr eine halbe Million Tiere durch so genannte Tierliebhaber („Zoophile“) zu Tode misshandelt und gefoltert. Katzen, Hunde, Kaninchen, Hühner und andere Kleintiere. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.
Und genau wie bei der Kinderfolter (sog. „Kinderpornos“) weitet sich diese Szene der Zookriminellen mit Hilfe der modernen Informationstechnologie aus. Systematisch. Wie bei der organisierten Kriminalität üblich. Die existierenden Webseiten mit tierquälerischen Inhalten kann man vermutlich nicht mehr zählen. Hier gibt es auch „Tierpornographie“; also die Dokumentation von unsäglichen stattgefundenen Tierquälereien.
Die Musterähnlichkeit – ob nun Mensch oder Tier – ist im Bereich der sexualisierten Gewalt also hoch. Und die Verbindungen dazu liefern die Täter selbst: In den Niederlanden hatte im Jahr 2006 eine von Pädokriminellen gegründete Partei, die PNVD – „Partei der Nächstenliebe, Freiheit und Diversität" – vor, in das Parlament einzuziehen. Die PNVD will das Schutzalter für Kinder auf 12 Jahre senken. Jugendliche sollen sich bereits ab 16 Jahre prostituieren und in Pornofilmen mitmachen dürfen. Pornographie mit Kindern soll gänzlich legalisiert werden; und „Zoophilie“ soll ebenfalls legal werden...
Forderungen in einem Atemzug. Hier wird an einem Strang gezogen. Sexualisierte Gewalt soll in „Liebe“ umdefiniert werden und in Freiheit für die Täter.
Solche Ereignisse bestätigen eine These: Tierschutz ist Menschenrechtsschutz – und umgekehrt.

Gequälte Tiere: Persilscheine für die Täter

Neben den verqueren und verniedlichenden Begriffen, den Mythen von „anders gearteten Trieben oder Vorlieben für Sex“ gibt es im Falle von misshandelten Tieren sogar handfeste Persilscheine für Täter. Sehen wir uns nämlich die Rechtslage an, so kann man nur von einem Skandal sprechen. Die „sexuellen Handlungen mit Tieren“ waren 1969 noch strafbar (§175b StGB).
Waren!
Die Aufhebung der Strafbarkeit wurde von der verantwortlichen[1] Politik damals so begründet:
„Die Strafvorschrift über die Unzucht mit Tieren, deren Streichung vorgeschlagen wird, hat gegenwärtig in der gerichtlichen Praxis nur noch eine geringe Bedeutung. Die Täter sind nach ihrer abnormen psychischen Verfassung selten mit Strafandrohung anzusprechen. Kriminalpolitische Gründe für die Beibehaltung der Strafvorschrift sind nicht vorhanden. Daß der Täter sich durch die Unzucht mit Tieren selbst entwürdigt, ist kein hinreichender Anlaß für eine Bestrafung. Beobachtungen, daß Täter, die wegen Unzucht mit Tieren aufgefallen sind, später zum Teil auch andere Sexualdelikte verüben, vermögen nach überwiegender Ansicht im Sonderausschuß eine Strafvorschrift gegen Unzucht mit Tieren nicht zu rechtfertigen. Wird das Tier durch die unzüchtige Handlung gequält oder roh mißhandelt, so kommt eine Bestrafung wegen Tierquälerei in Betracht. Fremdes Eigentum an dem Tier ist durch die Strafvorschriften über Sachbeschädigung geschützt.“ (Deutscher Bundestag 1969, Drucksache V/4084)

Kein Wort zu den unbeschreiblichen Qualen der Tiere und völlige Ignoranz in Bezug auf die Gefährlichkeit solcher Täter. Eine Gefährlichkeit, die auch ihre weitere „Gewaltkarriere“ gegen Menschen angeht. Dazu gibt es u.a. Studien des FBI, die in Deutschland aber weder der Politik noch den Strafverfolgungsbehörden bekannt zu sein scheinen.
Stattdessen lesen wir von einer „abnormen psychischen Verfassung“. Märchenstunde aus Onkel Freuds Zeiten! Wieder werden Täter pathologisiert und ent-schuld-igt – anstatt sie endlich in die Verantwortung zu nehmen.
Und wie könnte es anders sein, auch die Sexualisierung eines puren Gewaltaktes ist im Text zu finden: „Unzucht[2] mit Tieren“.
Den Satz „er verging sich an...“ lesen wir bei Gewalt gegen Frauen und Kindern genauso häufig wie bei Gewalt gegen Tiere. Es ist also nur ein Vergehen. Hat sich da jemand verirrt?


Fazit

Ob sich einige deutsche Politiker/innen einmal dazu herablassen, die einschlägigen Foren dieser zookriminellen Sadisten aufzusuchen, um sich darüber zu informieren, mit welch grausamer und niederträchtiger Sprache sie über ihre Opfer sprechen; und wozu solche Menschen noch fähig sind?

Engagierte Tierschutzorganisationen kennen das Grauen, dem betroffene Tiere ausgesetzt sind. Sie werden jedoch nicht angehört. Aber auch sie sollten eine angemessenere Sprachführung übernehmen: Ja, es gibt Tierliebhaber/innen, Zoophile. Aber Tierquäler und Tierfolterer als „zoophil“ zu bezeichnen, ist sarkastisch. Das ist die Selbstbezeichnung von Tätern, von Zookriminellen. Diese Selbstbezeichnung sollte man nicht übernehmen.
Was solche Täter mit den Tieren anstellen, hat mit „Sex“ nichts zu tun. Es ist pure Gewalt, die nicht selten mit dem Tod des Tieres endet. Wer einmal eine Hündin oder eine Katze erlebt hat, die sexualisierte Misshandlungen über sich ergehen lassen musste, kann solche verniedlichenden Namenstäfelchen nicht zulassen.

Der Einsatz für Tiere, die sexualisiert misshandelt wurden, betrifft zwei Zielgruppen: die Tiere und die Menschen. Der Bezugsrahmen ist jedoch größer, denn letztendlich geht es genau wie bei der Menschenrechtsarbeit auch um die gesamte Gesellschaft. Mahatma Ghandi hat es in wenigen Worten auf den Punkt gebracht:

„Die Größe einer Nation und ihr moralischer Fortschritt lassen sich daran bemessen, wie sie mit den Tieren umgeht.“

Sprache ist das Spiegelbild des Umgangs mit den Opfern, wie der Täter mit ihren Taten. Man kann über Sprache Täter pathologisieren (Triebtäter), ihre Taten bagatellisieren, in der Folge entkriminalisieren …
Wenn also die Wörter, die Begriffe, die Sprachführung im Problembereich der sexualisierten Gewalt dazu beitragen, dass wir die Problematik einfach nicht in den Griff bekommen, ja dass die aktuelle Sprachführung eine gefährliche Waffe ist, die sich vor allem gegen die Opfer wendet, dann ist es unbedingt notwendig, hier auf nachhaltige Änderungen zu drängen!
Und die gute Botschaft ist: Es ist möglich! Jede/r von uns kann durch eine bewusst veränderte Sprech- und Schreibweise seinen Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt leisten.
© Monika Gerstendörfer
www.gerstendoerfer.de

Literatur-TIPPS

Dieses Buch gehört als Pflichtlektüre in jede Tierarztpraxis, in jeden Tierschutzverein und in jedes Tierheim!
Birgit Schröder (Hg.), „Verschwiegenes Tierleid - Sexueller Missbrauch an Tieren“, Schröder Verlag: Windhagen, 2006. ISBN: 3-00-017726-4.

Mein aktuelles Sachbuch:
Gerstendörfer, Monika, „Der verlorene Kampf um die Wörter - Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung“, Junfermann 2007. ISBN: 3-87387-641-8.

Kommentare:

  1. 2007 hat die absolut seriöse gemeinschaft "universelles leben" festgestellt das es 100.000 getötete tiere sind.... das wird ja immer besser mit den luftzahlen

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  2. "Menschen wissen oftmals nicht, was sie so daherreden."

    Ich wünschte die Autorin hätte sich das auch zu Herzen genommen, als sie Neigungen mit sexualisierter Gewalt in einen Topf geworfen hat, und unbeabsichtigt Menschen verurteilt hat, die nichts damit zu tun haben wollen.

    RIP.

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