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20.01.2009

Frauen und Tiere

Frauen und Tiere
Perspektiven jenseits der Macht

Was hat Feminismus mit Tierrechten zu tun? Welche Zusammenhänge
bestehen zwischen der Herrschaft über Frauen und
über Tiere? Haben Frauen wirklich die Antivivisektionsbewegung
eingeläutet? Diesen und noch anderen Fragen möchten wir uns in
unserer Frühlingsausgabe der Tierbefreiung stellen.
Zu Beginn greift die Wienerin Dr. Susi Harringer die ihr seit Jahren
begegnenden Vorurteile und Mythen zum Feminismus auf und bietet
in ihrer ganz persönlichen und - wie wir finden - herzerfrischenden
Art und Weise Paroli. Dabei kommt sie auch auf „heiße Eisen“
der Tierrechtsbewegung, wie z. B. Anti-Pelz-Models, zu sprechen.
Im zweiten Teil greift unsere Mitredakteurin Tina Möller die historisch
bedingten Zusammenhänge von Frauen- und Tierfeindlichkeit
auf und plädiert für einen mit den Tieren solidarischen Feminismus.

Mieke Roscher zeigt schließlich die historischen Verwicklungen
von Frauenwahlrechts- und Antivivisektionsbewegungen
auf. Dabei lernen wir Protagonistinnen kennen,
die sich Mitte und Ende des 19. und Anfang des
20. Jahrhunderts sowohl für die Sache der Frauen als
auch für die Befreiung der Tiere aus Versuchslaboren
einsetzten. Eine historische Zeitreise in die Anfänge
der Tierrechtsbewegung ...
Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Autorinnen
für ihre Beiträge und bei der Künstlerin
Corinna Krell, die eigens für diese Titelstory Illustrationen
geschaffen hat, und wünschen
unseren LeserInnen viel Spaß bei diesem
Heft.

„Und wieso, bitte,
ist Fleischessen männlich?“
Über das Verbindende von Feminismus und Tierrecht


Die Tierrechtsbewegung im deutschsprachigen
Raum ist noch nicht alt, und es
kommen darin Menschen aus unterschiedlichen
Richtungen und verschiedener persönlicher
Motivation zusammen. In dieser Phase
reger inhaltlicher und strategischer Diskussionen
sollte meiner Meinung nach der
feministische Zugang zum Tierrecht nicht zu
kurz kommen. Dazu kann es nicht schaden,
auf ein paar häufig gestellte Fragen noch einmal
einzugehen.
Im Feminismus geht es um die Gleichberechtigung
der Frauen?
Ja, es geht um Unterdrückungsverhältnisse,
Gewalt und Hierarchien in der Gesellschaft.
Aber nicht nur,was die Geschlechterverhältnisse
betrifft, sondern im gesamten Zusammenhang
von Arbeit und Leben der Menschen.
Nur mit einer fünfzigprozentigen
Teilnahme der Frauen an allem wäre es nicht
getan, denn unsere Gesellschaft ist nach kapitalistischen
Gesichtspunkten organisiert, und
es geht doch darum,Ausbeutung und Gewalt
insgesamt abzuschaffen und nicht gleichmäßig
aufzuteilen. Genauso wenig bringt es,
wenn Frauen an gewaltbereiten, hierarchischen
Organisationen wie dem Militär teilnehmen,
es sollte lieber gar kein Mensch
daran teilnehmen.
Dabei können doch nur die Frauen gewinnen?
Nicht unbedingt, auch das Rollenklischee,
das Männern zugeordnet wird, ist keine reine
Freude. Den ganzen Tag und das ganze
Leben Leistung und Überblick produzieren
zu müssen und auf keinen Fall müde, erfolglos,
schwach oder gefühlvoll sein zu dürfen,
ist auch nicht beneidenswert. Es wäre gesamtgesellschaftlich
ein großer Fortschritt,
wenn weder Männer noch Frauen autofahren
wie die Henker; in Wald und Feld, aber
auch in Haus und Garten niemanden erschießen;
nicht ihre Machtstellung unter den
Lebewesen demonstrieren, indem sie andere
aufessen; und keinem Lebewesen Gewalt in
physischer oder psychischer Form antun.
Aha, aber an allem sind die Männer schuld?
„Die Männer“ gibt es genauso wenig wie
„die Frauen“. Sogar biologisch sind die Unterschiede
innerhalb einer Gruppe von Frauen
und einer Gruppe von Männern größer
als zwischen den beiden Gruppen. Es kommt
vielmehr darauf an, ob jemand die herkömmlichen
Machtverhältnisse unterstützt
und für sich ausnutzt oder nicht.


Heutzutage sind die Frauen ohnehin emanzipiert,
die Bewegung hat ihr Ablaufdatum
überschritten.
Schön wär’s. In jeder gesellschaftlichen
Gruppierung und Schicht sind nach wie vor
die Lebenschancen für Frauen schlechter als
für Männer verteilt. Bei gebildeten einheimischen
Mittelschichtfrauen äußert sich das
natürlich nicht so schlimm wie bei Migrantinnen
oder behinderten Frauen, aber statistisch
- jaja, wir wissen schon, jeder kennt eine
Ausnahme! - sind Frauen im Gegensatz
zu Männern deutlich schlechter gestellt. Sie
arbeiten bei gleicher Ausbildung meist in
schlechteren Positionen, verdienen deutlich
weniger, sind viel öfter von Gewalt betroffen
und geraten wesentlich öfter - vor allem
wenn sie alleinerziehend oder alt sind - in
echte Armut.
Aber die Frauen denken doch, sie haben immer
Recht?
Nein, das denken die Frauen nicht, auch
nicht die engagiertesten. Obwohl es natürlich
eine lustige Vorstellung ist: Die Frau
steht in der Früh auf, hat ja so Recht, duscht
und trinkt Kaffee mit Sojamilch, hat dabei
Recht. Dann fährt sie mit dem Rad ins Büro
- wahrscheinlich ist sie Richterin, weil sie
immer so Recht hat - und winkt fröhlich
dem Briefträger, weil sie ja ... eh schon wissen.
Unterwegs kauft sie noch Brot und Äpfel
und hat dabei dauernd Recht ... den
ganzen Tag und immer fort.
Wahrscheinlich hat der Urheber dieser
merkwürdigen Vorstellung in den falschen
Hals bekommen, dass Frauen nicht automatisch
unrecht haben und genauso ernst genommen
werden wollen wie alle anderen.
Es gibt Frauen, die schreckliche Dinge tun,
das sagt uns doch etwas.
Ja, das sagt uns etwas, und zwar, dass Frauen -
aufgrund ihrer Erziehung und ihrer gesellschaftlichen
Rolle und nicht irgendwelcher
geheimnisvoller genetischer Merkmale - viel
seltener Gewaltverbrechen begehen als Männer.
Die wenigen Ausnahmen fallen umso
mehr auf.
Wozu müssen sich die Frauen manchmal getrennt
organisieren?
Viele Männer mögen es nicht, dass Frauen
sich ohne sie politisch betätigen. Manche
meinen es wohl ernst, wenn sie sagen, dass
„man lieber gemeinsam etwas gegen die Diskriminierung
unternehmen sollte“. Andere
sagen das als vornehme Formulierung für:
„Jetzt beruhigt euch schleunigst, wir sagen
euch schon, wenn wir bereit sind (wenn
Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen,
nirgendwo etwas im Fernsehen läuft, die
Hölle zufriert), und bis dahin nervt nicht mit
eurem Frauenkram“.
Frauen haben - trotz aller Verschiedenheiten
- viel gemeinsam, sie werden anders und in
wichtigen Bereichen schlechter behandelt als
Männer. Um diese Diskriminierung zu
bekämpfen, müssen wir uns unsere Gemeinsamkeiten
bewusst machen und genau anschauen,
wie die Diskriminierung sich in
verschiedenen Fällen äußert und wie sie
funktioniert.
Die Unterteilung nach Geschlechtern ist uralt
und sicher nicht die Idee der Frauen.Weder
ich noch meine Mutter noch meine
Groß- oder Urgroßmütter haben dafür gestimmt,
dass Frauen als ein bisschen schlicht
gelten, weniger verdienen, einen Großteil
der Hausarbeit erledigen und dafür sexuell
belästigt werden sollen. Und dass jeder Trottel
laut Kommentare über unser Aussehen
abgeben darf.
Zuwenig an das Gemeinsame zu denken, ist
nicht das Problem der Frauen. Sie kommen
sich viel eher egoistisch und unsolidarisch
vor, wenn sie durchaus berechtigte Forderungen
für sich entwickeln.
Aber männerfeindlich sind sie schon, diese
Feministinnen!
Rund 95 % aller Frauen sind heterosexuell,
und etwas mehr als die Hälfte aller Kinder,
die auf die Welt kommen, sind Buben. Also
was soll’s?
Und warum wollen die Frauen dann manchmal
eigene Schlafräume oder lehnen es ab, mit
einem Mann allein zu sein?
Ja, das fühlt sich wirklich unangenehm an,
wie ein potenzieller Belästiger oder Vergewaltiger
behandelt zu werden. Und höchstwahrscheinlich
irren sich diese Frauen auch,
wenn sie so vorsichtig sind. Aber sie haben
sich auch schon früher geirrt, als sie ihren
Verwandten, Bekannten oder Kollegen getraut
und die sich an ihnen vergangen haben,
sie vergewaltigt und missbraucht haben. Beschwerden
sollten also an die männlichen
Sexattentäter gerichtet werden und nicht an
ihre Opfer.
Und warum sind die Feministinnen so bissig?
Beim Klischee von der bösartigen Feministin
scheint es sich um einen moderner Mythos
zu handeln, so etwas wie die Spinne in der
Yucca-Palme. Die Feministinnen im wirklichen
Leben sind mehrheitlich engagierte,
überarbeitete, besorgte Frauen, die sicher
keine Zeit mit sinnlosem Gezänk vergeuden.
Aber immerhin, es stimmt schon, dass kleine,
zarte Menschen mit heller Stimme sich aufführen
müssen wie Rumpelstilz, um dieselbe
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie
Schränke mit tiefer Stimme. Aber was mehr
ins Gewicht fällt: Seit Jahrhunderten erwartet
man von Frauen, dass sie sich höflicher, leiser
und verbindlicher benehmen, und es fällt unangenehm
auf, wenn sie genauso laut oder
grantig werden wie Männer. Frauen können
auch nicht mit demselben Mitleid rechnen
wie betrunkene oder wütende Männer, die
Streit anfangen oder herumnerven oder
„halt so sind“. Frauen sollten lieber mitdenken,
was sie auslösen: Dass sie womöglich
wilde Lüste wecken,wenn sie „falsch“ angezogen
sind, und dass sie einem Mann ganz,
ganz vorsichtig mitteilen müssen, dass sie ihrer
eigenen Wege gehen wollen. Sonst dürfen
sie nicht jammern, wenn sie überfallen und
ermordet werden. Frauen sind leicht „selber
schuld“.
Und wieso, bitte, ist Fleischessen männlich?
Fleisch gilt seit altersher als besonders wertvolle
Nahrung, die Energie des getöteten
Tieres verleiht dem Esser gewissermaßen
Energie und Vitalität. Es zeigt, dass es in seiner
Macht steht, sich andere Lebewesen einzuverleiben.
Dementsprechend ist Fleischessen
Männersache, es verleiht Männern auch
heute noch Vitalität und bestätigt ihre Rolle
als führende Lebewesen. Nie sieht man irgendein
Urbild der Männlichkeit, wie James
Bond oder John Wayne, Nussnudeln oder ein
Marmeladenbrötchen essen, das ist nicht
männlich.
Dazu zwei Beispiele: Ein junger Mann liegt
erschöpft und missmutig nach seinem langen
Arbeitstag in der Badewanne. Erst als seine
Frau ihm sagt, dass es zum Abendessen Wurst
und Schinken gibt, wird er munter, springt
auf und läuft, nur mit Schaum am Körper, an
den Esstisch. Dort beginnt er, unter den erstaunten
Blicken eines älteren Paares, mit den
Händen die verheißenen Fleischprodukte zu
konsumieren. Andere Szene: Älterer gutsituierter
Herr sitzt trübsinnig in seinem Fauteuil.
Als seine Frau ihm sagt, dass es Schnitzel
gibt, springt er vor Freude in die Luft,
und beim Essen schaut sie ihm glücklich zu,
wie glücklich und vital er wieder ist. Also
macht Fleisch müde Männer munter, und
Frauen können ihren Männern damit Vitalität
verleihen. Und wie der Zufall es will,
stehen die Frauen wie im schönsten Rollenklischee
auch persönlich in der Küche.
Diese vielsagenden Kurzdramen sind im
Auftrag der AMA, der österreichischen
Fleischwerbung, wochenlang im Fernsehen
gelaufen. In Deutschland lassen sich sicher
genug ähnliche Beispiele finden.
Wenn also Fleischessen die traditionelle
chauvinistische Wertvorstellung unterstützt,
dann kann Vegetarismus ihre Ablehnung bedeuten
und einen Widerstand gegen das Patriarchat
verkörpern.
Ja, und Fleischessen und Pornographie?
Der fleißigen AMA-Fleischwerbung ist es
mit einer anderen Kampagne recht gut gelungen,
den Zusammenhang zwischen Pornographie
und Fleischkonsum zu zeigen:Auf
einem Plakat hält eine junge Frau einen panierten
Geflügelschenkel in der Hand und
verkündet, dass sie auf schöne Schenkel steht.
Zugleich starrt sie auf die behaarten Schenkel
eines jungen Mannes in knappen Shorts,
der neben ihr sitzt. Auch wenn in einer Art
Pseudoemanzipation eine Frau die Konsumentin
mimt, sind die Elemente wie die traditionellen:
Körper werden konsumiert, entweder
sexuell oder buchstäblich, es geht
nicht um das gesamte Lebewesen, sondern
um einzelne Körperteile, es findet kein im
entferntesten gleichberechtigter Akt statt,
sondern ein einseitiger Konsum, der für das
Huhn tödlich, für Menschen abwertend ist.
Aber humorlos sind sie schon, die Feministinnen,
wenn sie über deftige Witze und Sexhefte
die Nase rümpfen?
Es kommt halt darauf an, was man lustig findet.
In unserer Kultur ist es zutiefst verwurzelt,
dass man Frauenkörper ungeniert anstarren
kann, bekleidete und nackte. Darum
fällt es auf den ersten Blick gar nicht auf, dass
dieses Verhalten zu Kummer und Leid,Verletzten
und Toten führt.Wenn gestarrt werden
darf, ist auch klar, wer diejenigen sind,
die schauen und gustieren und bewerten,
und wer angeschaut, bewertet und bedrängt
wird. Es führt notwendigerweise dazu, dass
die einen denken: „Das meint sie sicher nicht
ernst,wenn sie nein sagt!“ und „Ich lass mich
doch nicht immer abweisen!“ und „Ich bin
titelstory
ihr wohl nicht gut genug!“, und die anderen
auf der Straße angeblödelt werden, sich dauernd
in Acht nehmen müssen und trotzdem
oft überfallen werden.
Gerade in der Tierrechtsbewegung geht es
doch darum, dass man sich nicht aussuchen
darf, welche Lebewesen man respektiert und
gut behandelt und welche man ruhig ein bisschen
missachten kann. Es kommt auch der
politischen Glaubwürdigkeit sehr zugute,
wenn man sich an seine eigenen Vorgaben
hält.
Was ist denn so schlimm an nackten Anti-
Pelz-Models?
Bei dieser Kampagne ging es darum, mit
dem bewährten Werbemittel schöne junge
nackte Frauen möglichst viele Menschen zu
erreichen und gegen das Pelztragen einzunehmen.
Die feministische Kritik an dieser
Werbestrategie wurde anscheinend als ermüdend
empfunden. Wieso eigentlich, wenn
man sich’s recht überlegt? Feministinnen
verstehen doch etwas vom Nicht-Pelzetragen.
Ich kenne keine einzige engagierte
Frau, die eine Pelzjacke hat. Pelz vermittelt
im Grunde genommen ein merkwürdiges
Frauenbild.Was soll es denn attraktiv daran
sein, mit den Haaren anderer Lebewesen
Flauschigkeit vorzutäuschen? Würden wir
das denn gut und anziehend finden, wenn es
vom Leiden zu trennen wäre? Ich bin viel
eher dafür, in der Anti-Pelzreklame alle Gedanken
an „sexy“ zu vermeiden.Wir sollten
generell kritisieren,wenn Menschen sich mit
fremden Haaren und fremden Federn
schmücken. Es scheint mir überhaupt fraglich,
ob man Mitgefühl mit anderen Wesen
mit einem so abgeschmackten Werbemittel
verkaufen kann, zu dem jede grindige Vorstadtbar
und jeder Gebrauchtwagenhändler
greift. Und dabei macht es keinen Unterschied,
wie ästhetisch die Bilder wirken und
mit wie viel künstlerischem Geschick und
wie viel Weichzeichner gearbeitet wurde.
Aha, jetzt ist es heraußen, die Feministinnen
wollen die Frauen hässlich machen!
Na ja, Schönheit hat bekanntlich ihren Preis,
und der hohe gesellschaftliche Druck, attraktiv
zu sein, treibt viele Mädchen und Frauen
geradewegs in die Selbstbeschädigung: immer
mehr werden magersüchtig, viele lassen
sich freiwillig operieren, weil sie mit ihren
Körpern unzufrieden gemacht werden. Eine
riesige Industrie ernährt sich davon, die
Angst zu verbreiten, dass nur junge, fesche
Menschen Liebe und Sex erwarten können.
Und inzwischen auch einen Arbeitsplatz und
ein geregeltes Einkommen.
Ja, tatsächlich, meinetwegen können die
Leute bleiben, wie sie sind, groß oder klein,
dick oder dünn, hell oder dunkel, glatt oder
runzlig.
Aber immer diese Opferrolle!
Natürlich bringt es nichts, den ganzen Tag
eingeschüchtert dazusitzen und zu denken:
Ich bin ein Opfer, ich kann gar nicht anders.
Aber das ist ja auch nicht der Punkt. Im
herrschenden System, in der Arbeitswelt, in
der Sozialversicherung sind strukturelle
Schranken eingebaut, die früher oder später
fast jede Frau kalt erwischen. Da wäre es
doch günstig, bereit zu sein und sich beraten
zu lassen und nicht zu denken, das liegt nur
an mir, ich bin eben unfähig, anderen Frauen
passiert so was nicht.
Wenn wir gerade stark sind, können wir von
unserer Stärke ja denen etwas abgeben, die es
brauchen, die vergewaltigt oder ausgerackert
oder eingeschüchtert oder arm sind. Es
klingt pathetisch, aber wir haben es anderen
Frauen zu verdanken, wenn wir überhaupt
studieren oder in die Bibliothek gehen oder
demonstrieren können. Diese Frauen haben
sich in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten
dafür engagiert und für uns lächerlich
gemacht und viele persönliche, oft sogar existenzbedrohliche
Nachteile deswegen in
Kauf genommen.

Frauen sind oft so sentimental!
No, schlecht? Die Rolle, die den Frauen seit
Jahrhunderten zugeschrieben wird, als
schwächere, sanftere, gütigere Wesen, erlaubt
ihnen auch, Gefühle zu zeigen. Das ist allerdings
eine widersprüchliche Sache: einerseits
konnten Frauen offen ihr Mitgefühl für leidende
Lebewesen und ihre Ablehnung von
Gewalt und Tod zeigen, andererseits gelten
sie dadurch umso mehr als gefühlsgesteuerte
Lebewesen, die eben zu dumm sind,Wirtschaftsrationalität
und Fortschrittslogik zu
begreifen. Ich persönlich finde, dass eine Rationalität,
die Kriege, Imperialismus,Ausbeutung
und Quälerei von Mensch und Tier
rechtfertigt,wohl einen Fehler im Ansatz haben
muss. Ihre „Sentimentalität“ hat auch
dazu geführt, dass Frauen sich immer zahlreich
im Tierschutz engagiert haben. Wir
könnten auch von der vorhandenen Sympathie
der Menschen für die Tiere ausgehen
und verhindern, dass sie ihnen von der
Fleisch-, Pelz- und Tierversuchsindustrie
ausgeredet wird.
Die Feministinnen haben an allem etwas zu
meckern!
Ja, nicht wahr, ist das nicht toll? Dieser
grundsätzlichen Zweifel an der abendländischen
Wertehierarchie, diese Abneigung, Lebewesen
einzuteilen, macht doch sympathisch
sympathisch.
In der traditionellen Hierarchie stehen
die weißen Männer ganz oben, dann
kommen - je nach Stand der Auseinandersetzungen
- die weißen Frauen oder die
nichtweißen Männer - und so weiter, und
ganz unten vegetieren die nichtmenschlichen
Tiere. Diese Hierarchie gilt nicht nur
im Großen, sondern auch im Alltag. Oft
schlagen oder töten Männer die Tiere im
Haushalt, um ihre Frauen und Kinder einzuschüchtern.
Jahrhundertlang haben die Frauen sich abgestrampelt,
in dieser Hierarchie hinaufzukommen
und zu zeigen, dass sie ebenso gut
schreiben, rechnen und denken können wie
die Männer. Aber auch wenn jemand nicht
gut rechnen kann, hat niemand die Berechtigung,
ihn auszunutzen und zu quälen. Das
gilt auch für die Tiere: Egal ob sie sprechen
können oder uns gefallen oder nicht, sie haben
ein Recht auf Unversehrtheit. Dieses
Recht darf nicht vom Platz in der Hierarchie
abhängen.
Und wenn das alles so schlüssig ist, wo sind
dann die vielen Frauen in der Tierrechtsbewegung?
Leider funktioniert das in Europa noch nicht
so gut. Während in Nordamerika sehr viele
Feministinnen sozusagen automatisch Vegetarierinnen
sind, haben die Frauen bei uns
oft Angst, durch zu viel Nähe zu den Tieren
„heruntergezogen“ zu werden. Die vielen
chauvinistischen und speziesistischen Vergleiche
von Frauen und Tieren, von geiler Katze
bis blöde Gans, und die Untermenschendiktion
des Faschismus haben Nachwirkungen.
Es wird auch von der Tierrechtsbewegung
abhängen, wie viele Frauen sich für die Tiere
engagieren werden.
Kann die Tierrechtsbewegung auf das mühsam
gesammelte Wissen von Frauen über
Ausbeutung, wie sie funktioniert, wie sie
verteidigt und versteckt wird und wie man
sich wehren kann, verzichten? Bisher wurden
nichtmenschliche Tiere als die
grundsätzlich Anderen ausgegrenzt und
rechtlos gelassen. Ist es dann geschickt, wenn
wir uns selbst als die ganz Anderen, die nichts
mit „normaler Politik“ zu tun haben wollen,
verstehen? Wenn wir nicht auf die unterschiedliche
Einstellung der Menschen zu den
Tieren und ihrer Ausbeutung eingehen, auch
wenn sie noch nicht vegetarisch und vegan
sind? Es ist doch ein großer Unterschied, ob
wir mit einer Rentnerin reden, die mit zwei
Katzen aus dem Tierheim lebt, oder mit einem
Wurstfabrikanten, mit einem konservativen
Theologen oder mit jungen Eltern, die
sich um die Ernährung ihrer Kinder sorgen,
mit einem frauenfeindlichen Jäger oder einer
ökologisch bewussten Yogalehrerin.
Liebe LeserInnen, dieses Thema liegt mir sehr am
Herzen und ich könnte noch seitenlang weiterschreiben.
Aber jetzt sollten lieber Tina und Mieke
zu Wort kommen. Zum Weiterlesen haben wir
eine kleine Literaturliste zusammengestellt. Und
die Diskussion geht weiter.


Jenseits der „Krone der Schöpfung“
Von echten Kerlen
und wilden
Stuten - Männerkult
im Frauenmagazin
Braucht noch jemand einen Beleg dafür, dass
die Emanzipationsbewegung von Frauen ihr
Ziel noch lange nicht erreicht hat und dass
das Geschlecht nicht neutral gesehen, sondern
nach wie vor (mit) ausschlaggebend für
die soziale Stellung und Behandlung in der
Gesellschaft ist? Dann schlage diese/r doch
bitte die Märzausgabe des „internationalen
Magazins für Frauen“, die „Cosmopolitan“,
auf und lasse sich den Artikel „Jagdinstinkt.
Den Reizen erlegen“ von Jesko Prieß in der
Rubrik „Männer-Welt“ (S. 44) auf der Zunge
zergehen. Bereits die Einleitung zeigt der
ahnungslosen Leserin bzw. dem ahnungslosen
Leser auf, wohin die Reise gehen wird:
„Säbelzahntiger, Parkplätze in der City, schöne
Frauen - seit Millionen von Jahren gehen
Männer auf die Pirsch. Jesko Prieß erklärt,
warum echte Kerle beim Anblick neuer
Beute keine Schonzeit kennen.“ Die Wortwahl
und die Formulierungen in dieser
Überschrift lassen keine Zweifel aufkommen:
Männer gehen auf die Jagd - Frauen
sind Beute der Männer! Und nicht nur das.
Der sarkastische Unterton soll dem Inhalt
des Artikels die Schärfe nehmen, doch
gleichzeitig wird unumwunden dargestellt
und festgeschrieben, an welchen Merkmalen
auch in heutiger Zeit „echte Kerle“ zu erkennen
sind. Nämlich vor allem an ihrem
Verständnis von Frauen und von Tieren als
Freiwild, als Beute in einem unendlichen
Jagdgebiet.
Tenor des Artikels ist, dass sich Männer dank
ihres Jagdinstinktes „hübsch weiterentwickelt“
und sich „den Platz ganz oben auf
dem Schöpfungstreppchen redlich verdient“
hätten: sie würden ihrem Glück nicht hinterher
rennen, sondern sie würden es jagen. Das
Jagdrevier der Männer sei nicht mehr der
Wald oder die Wiese, sondern Plattenladen,
Büro oder Sportplatz. Es wäre nicht bloß die
Gier nach Macht und Anerkennung, die sie
zur Jagd treibe, sondern es wäre auch „die
Sehnsucht nach dem Unberührten und dem
Unberührbaren.“ Erlegt werden sollen hier
in erster Linie Frauen. Der männliche Jagdinstinkt,
auf den hier nicht ohne Stolz verwiesen
wird, kenne keine Zufriedenheit,
denn „jede erfolgreiche Jagd hinterlässt leider
eine tragische Leere und ist plötzlich nur
noch langweiliger Besitz“.Aus diesem Grunde
müssten Männer ständig nach neuen
Abenteuern und Nervenkitzel Ausschau halten,
und nur nach harter Verfolgungsjagd
stelle sich ein wirkliches Glückgefühl ein:
„Schließlich bedeutet Jagen wilde Stuten
zähmen und nicht Pony-Karussel zu fahren.

Nur was nicht von selbst auf den Teller bzw.
in unser Bett hüpft, bekommt unserer volle
Aufmerksamkeit. Zumindest solange, bis wir
irgendwo da draußen eine neue Fährte wittern.“
Was an diesem Artikel vor allem auffällig ist,
ist die Sprache: Begriffe aus der traditionellen
Jagd auf so genannte Wildtiere werden
synonym für die Jagd auf Frauen verwendet.
Frauen werden als „Beutetiere“ bezeichnet,
es wird „Verfolgung“ aufgenommen und
neue „Fährten“ gewittert. Ein kurzfristiges
Hochgefühl erleben Männer dann, wenn sie
ein „veritables1 Superweib in die eigene Falle“
gelockt, wenn sie das Unberührbare „erlegt“
haben und „zum Abschuss gekommen“
sind.Während die SpeziesistInnen unter den
FeministInnen empört sind über die Gleichsetzung
von „Beutetieren“ und Frauen, so
sollte weiterdenkenden Menschen folgendes
deutlich werden: In diesem Artikel wird offenkundig,
welches Grundverständnis von
Tieren und Frauen zugrunde gelegt wird.
Verharmlosend und humoristisch aufgepeppt
wird hier offenkundig, wie die Welt funktioniert
und wie sie immer funktioniert hat -
und das nicht als satirisch zu verstehender
Einschub, sondern als ganz normaler Artikel
unter der Rubrik „Männerkult“ in einem
internationalen Frauenmagazin im März
2005! Der Artikel zeigt die immer noch vorherrschende
jahrtausendealte Dominanzkultur, in
der Männer jagen (oder „wilde Stuten zähmen“)
und somit Gewalt ausüben, in denen Frauen und
Tiere zu Beute, zu Verfügungsobjekten und zu
Opfern männlicher Gewalt werden. Noch Fragen?


Vom Luder, Frischfleisch
und anderen Diskriminierungen


Nur wenige SozialwissenschaftlerInnen haben sich mit den Verwicklungen
zwischen der Diskriminierung von Tieren und von Frauen auseinandergesetzt,
diejenigen Ausarb e i t u n g e n dazu sind deshalb um so wertvoller. Ich
habe mich bei meinem Artikel vor allem auf die wunderbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse der Dortmunder Sozialwissenschaftlerin und Tierrechtlerin
Birgit Mütherich bezogen (s. Literaturhinweise). Bleiben wir doch bei der
Jagd.Im so genannten Jägerlatein, einer eigenartigen männlichen Erfindung,
finden wir Begriffe, die sexistischen2 Ursprungs sind. „Luder“ beispielsweise
nennt der Jäger3 ein bereits getötetes Tier, das zur Anlockung weiterer
Wildtiere ausgelegt wird. Ein Luder dient also als Köder für weitere Opfer des
Jägers. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden diejenigen Frauen als Luder
bezeichnet, die wegen körperbetonter Kleidung oder „aufreizendem“ Verhalten
als „verführerisch“ angesehen werden. Dass sich junge Frauen mit Aufkommen der Spaßgesellschaft diese herabsetzende Selbsttitulierung auf ihre T-Shirts geschrieben haben, zeigt, wie wenig die Anstrengungen der weiblichen Emanzipationsbewegung
bei den nachfolgenden Generationen gefruchtet haben. Oder habe ich da
was falsch verstanden? Ist die freiwillige Selbstbezeichnung als „Luder“ ein Zeichen
von Emanzipation? Wohl kaum. Auch die so genannte Schnalle, die Männer
gern mal verwenden, wenn es um die Sexualpartnerin geht, ist der Jägersprache entlehnt:

Als „Schnalle“ bezeichnet der Jäger das Geschlechtsteil eines weiblichen „Raubwildes“, das nach der Tötung des „Stückes“ zur „Ausmerze“ ansteht, was auf deutsch so viel bedeutet wie das Herausschneiden des Geschlechtsteils
weiblicher Füchsinnen oder anderer weiblicher „Raub“tiere, die der Jäger
als Konkurrenz ansieht. Die Sozialwissenschaftlerin Birgit Mütherich konstatiert:
„Dass derartige Spezialbezeichnungen für Tiere und ihre (weiblichen) Körperteile auch in die sexistische Alltagssprache einfließen, zeigt sich darin, dass beide Bezeichnungen in gleichzeitig animierender und herabsetzender Weise zur Charakterisierung von Frauen eingesetzt werden.“

Auch in der Welt des Fleisches hat bereits Nick Fiddes 1991 Zusammenhänge aufgedeckt:
„Frischfleisch“ wurden früher Prostituierte genannt, die neu im Geschäft waren,
und auch heute noch kennt man den Begriff „Fleischbeschau“ oder „Fleischmarkt“,
wenn männliche Betrachter Frauen (vor allem deren Körper) anschauen und nach ihren
Maßstäben bewerten. Frauen werden also hierbei von Männern als („zu verzehrende“) Objekte angesehen - genau wie das Stück Fleisch, das vorher dem lebendigen Tier angehört hatte.Das Fleisch der Tiere, vor allem das der so genannten Nutztiere, wird selten als die Verkörperung der Lebendigkeit des Tieres angesehen, sondern vor allem als Nahrungsmittel für den Menschen. Fiddes sieht im Fleisch - sowohl im Fleisch des getöteten Tiers als auch in der Bezeichnung der Frau als „Frischfleisch“ oder ähnliches - „ein hervorragendes Symbol für die Kontrolle des Mannes über die natürliche Welt“. Frauen und Tiere im Grundkonzept der patriarchalen Weltordnung Die Herabsetzung von Frauen und die maßlose Abwertung der Tiere haben eine Geschichte.
Das, was heutzutage Normalität ist, eben jenes Frauen- und Tierbild, das in der
Gesellschaft vorherrscht, kommt nicht aus dem Nichts - es ist historisch-kulturell entstanden, und so sollte es auch verstanden werden. Dass uralte Frauen- und Tierbilder noch lange nicht überwunden sind, zeigt die Realität. Trotz unaufhaltsamem „sozialem Wandel“ (im positiven und negativen Sinn) bleiben Strukturen sichtbar, denn alles Neue wird erst deutlich im Vergleich mit dem bestehenden Alten. Dies gilt auch für die sozialen
Rollen der Geschlechter und die Beziehung
zu den Tieren.
In patriarchalen Gesellschaften, in denen
Männer die Macht und somit die Definitionsgewalt
über andere hatten, wurde der
Rest der Welt vor allem als natürliche Ressource
des Mannes definiert.Tiere, aber auch
Frauen wurden bereits lange vor dem 19.
Jahrhundert als das Gegenstück zum Mann
definiert. „Sein ist das Weib, Denken der
Mann“, formulierte bereits der deutsche
Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872)
und brachte damit das zum Ausdruck,was als
allgemeine Wahrheit angenommen wurde.
Während Männern vor allem Stereotype wie
Rationalität,Aktivität und Stärke zugeschrieben
wurden, waren Frauen eher der Natur,
vor allem der Emotionalität, der Passivität
und Schwäche zugeordnet. Birgit Mütherich
schrieb dazu: „Die Reduktion auf Naturhaftigkeit,
Körper und Instinkt sowie die Unterstellung
eines Mangels an Vernunft und
Individualität, die im Falle der Tiere deren
Versachlichung ermöglicht und die totale
Herrschaft über ihre Körper und Psychen sichert,
gehörte über zweitausend Jahre lang
auch zum Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmuster
gegenüber Frauen.“ Frauen
wurden vor allem als instinkt- und emotionsgeleitet
angesehen, mit niederem Entwicklungsniveau
und vor allem deshalb auf
der Welt, um ihrer „von der Natur zugewiesenen“
Rolle als Hausfrau und Mutter nachzukommen
und dem Manne zu Diensten zu
sein. Begründet wurde dies mit ihrem weiblichen
Geschlecht. „Wie die Tiere seit undenklichen
Zeiten immer dasselbe tun, so
würde auch das menschliche Geschlecht,
wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustand
geblieben sein. Aller Fortschritt geht
vom Manne aus“, schrieb einst der Psychiater
Paul Julius Möbis (1853-1907). Auch der
bekannte deutsche Physiker Max Planck ließ
sich in einem Gutachten zu der Aussage hinreißen,
dass die Natur der Frau die Rolle der
Hausfrau und Mutter zuschreibe und dass
dies unter keinen Umständen ignoriert werden
dürfe.4 Was hier klar wird, ist vor allem
eins: Die Definitionsmacht über das,was „die
Frau“ ausmacht und welche Rolle und welchen
Status sie in der Gesellschaft innehaben
soll, übernahmen Männer, also diejenigen,
die die Macht innehatten und nicht gewillt
waren, sie zu teilen, geschweige denn abzugeben.
Die Verbindung zu den Tieren ist nicht wegzudiskutieren:
Auch Tiere wurden als der Gegenpart zum rationalen, durch Vernunft
gesteuerten Menschen (und der Maßstab eines
Menschen war immer „der Mann“) definiert,
als wild, instinktgeleitet und ohne
Vernunft.
Biologie als
Ideologie – „Die
soziale Konstruktion
des Anderen“
Grundsätzlich galten seit Jahrhunderten bestimmte
kulturelle Denkschemen, die sich
hartnäckig durch die Geschichte zogen. Dazu
gehören vor allem Dualismen, also Zweiteilungen,
in denen zwischen Kultur und
Natur unterschieden wurde, zwischen
Mensch (mit dem Mann als Maßstab) und
Tier, zwischen Mann und Frau, zwischen
Rationalität und Emotionalität. Diese Zweiteilung
hatte vor allem die Funktion, das eine
vom anderen abzugrenzen, somit auch
den Menschen (Mann) vom Tier/von der
Natur, den Mann von der Frau (den Weißen
vom Schwarzen, den „Arier“ vom Juden
usw. usf.) und die Herrschaft des einen über
den anderen festzuschreiben.Wenn derjenige,
der aufgrund seiner sozialen Position die
Definitionsmacht ausübt, das „Andere“ bestimmt,
demonstriert er damit gleichzeitig
seine Machtposition und festigt sie. Das von
ihm abgegrenzte Andere oder das Fremde
nennt er grundsätzlich minderwertiger als er
sich selbst. Die biologische Kategorie ist dabei das
bestimmende Merkmal, anhand dessen festgelegt
wird, wer zur herrschenden (und unterdrückenden)
Gruppe gehört und wer nicht. Es war und ist das
Kriterium, das jahrhundertelang als Ausgrenzungs-
und Unterdrückungsargument benutzt
wurde - bei Frauen und bei Tieren.
Mütherich schließt daraus auf eine gewisse
Grundhaltung gegenüber dem „Anderen“,
die von Distanzierung, Degradierung, Verdinglichung
und Gewalt geprägt ist. Bei den
Frauen führte es u. a. zur Fremdbestimmung
durch den Mann, die die Frau zum sexuellen
Objekt machte, zum Opfer sexueller, psychischer
und physischer Gewalt. Bei Tieren sind
die Folgen der Ausgrenzung noch folgenreicher
und offensichtlicher, denn die rohe tagtägliche
Gewalt, die gegen sie verübt wird, ist
gesellschaftlich und institutionell legitimiert:
Ihnen werden (bis auf wenige Ausnahmen)
grundsätzlich keinerlei Unversehrtheitsrechte
zugestanden, sie besitzen in der vom
Menschen beherrschten Welt „keine Daseinsberechtigung
jenseits menschlicher Verfügungszwecke“.
Sie werden als Ressource betrachtet
und dementsprechend behandelt - Zucht,
Qual und Mord im Akkord.Trotz der offensichtlichen
Tatsache, dass vor allem so genannte
höhere Tiere Sozialwesen und leidensfähig
sind - sogar ein Großteil der Natur-
und SozialwissenschaftlerInnen erkennen
ihre Sozialkompetenzen und Kognitionsleistungen
an - ändert dies nichts an
ihrem Status als Ausbeutbare, denn sie bleiben
Tiere, das biologisch Andere. So werden
doch wieder elementare Gemeinsamkeiten
wie Schmerzempfinden, Leidensfähigkeit,
Emotionalität, Kognition und Sozialität - all
das, was sie mit den Menschen eint - zur
marginalen Sache erklärt. Biologie als Ideologie
in ihrer schlimmsten Form.
„Bestimmte Dualismen haben sich in der
westlichen Tradition hartnäckig durchgehalten,
sie waren systematischer Bestandteil der
Logiken und Praktiken der Herrschaft über
Frauen, farbige Menschen, Natur, ArbeiterInnen,
Tiere - kurz: der Herrschaft über all jene,
die als Andere konstituiert werden und deren
Funktion es ist, Spiegel des Selbst zu sein.“
(Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur,
Frankfurt 1995, S. 67)
Visionen
Alle Unterdrückungsformen haben Unterschiedlichkeiten,
aber ebenso Gemeinsamkeiten.
Ein wichtiges Prinzip von Unterdrückung
ist die (Über)Betonung der Differenzen
bzw. der vermeintlichen Differenzen.
Bei den Frauen war es jahrhundertlang das
andere Geschlecht und die damit einhergehenden
Zuschreibungen wie Schwäche oder
Emotionalität. Bei den Tieren ist es schlicht
das Nicht-Mensch-Sein. So verschiedenartig
die Tierarten untereinander sind, so unterschiedlich
wird auch ihre Ausbeutung betrieben.
Grundsätzlich gilt jedoch immer
noch: „Es sind ja nur Tiere“.
Trotz jahrzehntelanger Frauenbewegung, der
Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterforschung,
die vor allem als Gesellschaftskritik
Gesellschaftskritik
zu verstehen ist, und trotz gesetzlich
geregelter Gleichberechtigung machen
eingefahrene Strukturen, Vorurteile
und alte Traditionen und Werte es den Frauen
schwer, am politischen Weltgeschehen aktiv
teilzunehmen. Aktuellen Studien zufolge
sind Frauen immer noch Mangelware in den
hohen Etagen der Wirtschaft, der Wissenschaft
und der Politik, also dort,wo das Weltgeschehen
bestimmt wird - „old-boys-networks“
nennt man das wohl. Männer regieren
weiterhin die Welt. Es ist jedoch illusorisch
zu glauben, durch die Parole „Frauen
an die Macht“ werde man die Welt verbessern
können. Und damit es hier nicht zu
Missverständnissen kommt: Es geht hier
nicht darum, die Welt einzuteilen in „böse
Männer“ und „liebe Frauen“, sondern es
geht um kulturelle Rollenverständnisse und
damit einhergehende Diskriminierungen
und Ausschließungen, die auch heute noch
vorhanden sind. Frauen sind nicht besser
oder schlechter als Männer, nur weil sie ein
anderes Geschlecht haben. Sie sind auch aufgrund
ihres Geschlechtes nicht grundsätzlich
anders. Frauen sind beteiligt an Gewalt, sie
sind Teilhaberinnen oder selbst Täterinnen,
und sie sind auch Opfer.Von allem etwas.
Aber ist es nicht eine Chance, wenn wir erkennen,
dass die bisherige Weltpolitik von
Männern dominiert war? Können wir dadurch
nicht neue Politikbilder entwerfen,
Politikbilder, an denen endlich auch Frauen
mitschneidern? Alle Wissenschaft - wie wir ja
bereits von Herrn Möbius gehört haben -,
„aller Fortschritt geht vom Manne aus“,weil
die Frauen in Jahrtausenden keine Gelegenheit
dazu bekommen haben.Was hat uns dieser
Fortschritt neben einigen (manchmal
fragwürdigen) Bequemlichkeiten und Verbesserungen
gebracht? Kriege, Großkapitalismus
auf der einen,Armut und Hunger auf
der anderen Seite, Atomkraftwerke, Tierversuchsanstalten,
Schlachthöfe und und und.
Gewaltpolitik könnte man so etwas nennen.
Wird es nicht Zeit, dieser Politik in den Hintern
zu treten und etwas anderes zu versuchen?
Emanzipation sollte nicht dahin zielen, dass
Frauen männlichen Machtgelüsten
nacheifern,
indem sie auf die Jagd oder zum Militär
gehen, in dem sie für die Forschung Tiere sezieren
und eine Politik betreiben oder unterstützen,
die Krieg und Ausbeutung produziert.
Sie sollten nicht an Unterdrückung
teilhaben, sondern sie bekämpfen und dabei
entschlossen und kreativ vorgehen.
Bis zu einem gewissen Grad haben dies Anfang
des 20. Jahrhunderts bereits britische
Frauen vorgemacht - sie haben sich gegen
herrschende Normalitäten gewehrt. Ihre
spannende Geschichte wird uns nun Mieke
Roscher erzählen.
1 veritabel: wahrhaft, echt, aufrichtig
2 Sexismus: Unter Sexismus (oder Geschlechtsvorurteil)
fallen geschlechtsbezogene Stereotype,
Affekte oder zugeschriebene Verhaltensweisen, die
einen ungleichen sozialen Status von Frauen und
Männern zur Folge haben (Quelle: Swim, Janet
K./Campbell, Bernadette: Sexism: Attitudes, Beliefs
and Behaviors. In: Brown, Rupert/Samuel L.
Gaertner (Hrsg.): Blackwell Handbook of Social
Psychology: Intergroup Processes, Oxord, UK:
Blackwell, S. 218-237).
3 Ich spreche hier von Jägern, weil die Jagd traditionell
eine männliche Domäne ist, auch wenn immer
mehr Frauen zur Flinte greifen.
4 Interessant ist hierbei, dass diese Aussage aus einem
Gutachten von Universitätsprofessoren aus
dem Jahre 1897 stammt, in der über die Befähigung
von Frauen zum wissenschaftlichen Beruf
beratschlagt wurde.


Votes for Women, Rights for Animals!
– Wahlrecht für Frauen, Rechte für Tiere
Über den teils militanten Kampf der britischen Suffragetten für Tiere
und Frauen vor 100 Jahren


Der Kampf um das Wahlrecht der Frau in
Großbritannien begann Mitte des 19.
Jahrhunderts, nahm jedoch vor allem nach
der Jahrhundertwende einen herausragenden
Platz in der öffentlichen Wahrnehmung ein.
Das Bildnis der Suffragetten, der Wahlrechtskämpferinnen
wurde allgegenwärtig.
Gleichzeitig war die britische Tierrechtsbewegung
der Zeit durch ein überdurchschnittliches
Engagement von Frauen gekennzeichnet.
Eine Verbindung der Tierrechtsbewegung
zur Frauenwahlrechtsbewegung
erscheint deshalb auch eine
logische Erweiterung Fraueninteressen
aufgreifender Debatten.
Beispielhaft sei hier etwa Frances
Power Cobbe (1822-
1904) zu benennen. Diese
prominenteste Antivivisektionsaktivistin
des viktorianischen
Zeitalters problematisierte
in ihren Schriften
gleichermaßen häusliche
Gewalt gegenüber Frauen
- auch als Verlängerung der
Gewalt gegenüber dem
Tier - und forderte deren
Überwindung durch die
Durchsetzung des Selbstbestimmungsrecht
der Frau
durch Wahlmöglichkeit und
Eigentumsfreiheit. Dieses
Selbstbestimmungsrecht forderte
gleichsam die Emanzipation
auch von tradierten sozialen
Verhältnissen und hatte somit einen
klar politischen Charakter. Frauenwahlrecht
wurde als Voraussetzung
für allgemeine soziale und moralische
Veränderungen gesehen.
„Das natürliche Feld weiblicher Courage liegt
darin, Sympathie und Hilfe denjenigen entgegenzubringen,
die am schwächsten und einsamsten
unter Gottes Kreaturen sind. Seien es nun Männer,
Frauen, Kinder oder Tiere.“
schrieb Cobbe in ihrer Autobiografie.
Feministinnen waren sich darin einig, dass sie
durch das Erlangen des Wahlrechtes die
schlimmsten Auswüchse männlicher Gewalt
verhindern oder abmildern könnten. Dies
bezog sich zum einen auf die Frage nach
Tierversuchen und zum anderen auf die Beziehung
zum nichtmenschlichen Tier allgemein,
sowie auf das Verhältnis zwischen den
Geschlechtern. Frances Power Cobbe etwa
war der Meinung, dass durch die Erlangung
des Frauenwahlrechts, als „wichtigste Schlacht
in der Geschichte“, der friedfertigste Zustand
erreicht würde, den die Welt je gesehen hätte
und dass ein Übel wie die Vivisektion
dann politisch erst gar nicht durchsetzbar
wäre. Für sie waren Feminismus und Antivivisektionsaktivismus
Teile desselben
Kampfes gegen Unterdrückung.
Frauenwahlrechtsvereinigungen bestanden
seit den 1860ern. Die National Society for
Women’s Suffrage
ist hier zu benennen, der sowohl Frances Power
Cobbe als auch Elisabeth Blackwell
(1821-1910), eine der ersten britischen Medizinerinnen
und ebenfalls Vivisektionskritikerin,
angehörten. Verbunden war diese
Gruppe jedoch vor allem mit dem Namen
Millicent Fawcett (1847-1929). Ihre Erfolge
und ersten Kampagnen war allerdings noch
auf Umsetzung von Besitzrechten von Frauen
und Sorgerechtsfragen beschränkt, bzw.
anderen sozialreformerischen Maßnahmen
wie der Einschränkung von Kinderarbeit.
Gesetzesvorschläge für ein Frauenwahlrecht,
wie etwa 1867 von John Stuart Mill im Parlament
eingebracht, wurden immer wieder
eindeutig abgeschmettert. Als Reaktion auf
diese andauernde Missachtung traf sich 1903
eine zunächst kleine Gruppe von Frauen der
Independent Labour Party, der Vorläuferin
der heutigen Labour Party, um Emmeline
Pankhurst (1858-1928) mit dem Ziel, die
Women’s Social and Political Union (WSPU)
zu gründen. Sie organisierten eigene
Kampagnen unabhängig von parteipolitischer
Affinität. Die engagierten Frauen kamen
zumeist aus der unteren Mittelschicht.
Unter ihnen waren auch einzelne Intellektuelle,
Lehrerinnen und Büroangestellte. Ihnen
war es anders als den Frauen der Arbeiterschicht
möglich, auch Reisen zu
Demonstrationen und zu Propagandazwecken
zu unternehmen.Allerdings
war in der Bewegung eine
erstaunlich klassenübergreifende
Zusammenarbeit zu verfolgen.
Entschlossenheit
und
Militanz
– die Sufragetten
Gerade in ihrer militanten
Erscheinungsform, die der
Suffragettes (im Englischen
gibt es die Unterscheidung
zwischen Suffragettes und Suffragists;
letztere bevorzugen den
konstitutionellen und gesetzestreuen
Weg), die durch die WSPU
geprägt war, übernahm die Frauenwahlrechtsbewegung
Methoden, die den
Protestformen der radikalen Arbeitertradition
entliehen waren und auf die sich zumindest
auch die moderne Tierrechtsbewegung
direkt bezog. Die Historikerin Hilda
Kean stellt heraus, dass sich die Übernahme
von Direkten Aktionen wie Demonstrationen
und Störungen, welcher sich die Suffragetten
bedienten, auch unmittelbar auf die
Tierrechtsbewegung übergingen und zwar
aufgrund von personellen Überschneidungen
beider Bewegungen und ähnlichem
SympathisantInnenklientel. Menschliches
Leben galt als unantastbar, aber, so Emmeline
Pankhurst 1913:
„Wenn es dafür notwendig ist, um das Wahrecht
zu erhalten, werden wir soviel Schaden an Eigentum
anrichten, wie wir können.“
Mit „Taten statt Worten“ als Motto wurden
direkte Taktiken ab 1905 aufgenommen, ab
1909 dann militant. Rechtfertigung fand dies
in der Erfolglosigkeit von 50jähriger
konstitutioneller Frauenwahlrechtsarbeit. Die Direkten
Aktionen äußerten sich in einer
Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten,
die zunächst nicht unmittelbar gewalttätig
waren: Demonstrationen, Störungen von
Parlamentssitzungen, Streikposten, Ankettungen,
Angriffe auf Regierungsmitglieder
waren Aktionen, die direkt gegen die Regierungen
gerichtet waren; Zerstörungen von
Fensterscheiben, Golfplätzen, Briefkästen
und Briefsendungen, Brandbomben, Brandstiftung
an Häusern, Bahnhöfen und Schlössern,
Bilderzerstörung waren mit dem Ziel
durchgeführt worden, größtmöglichen materiellen
Schaden zu verursachen. Damit erhofften
sich die Suffragetten, indirekt über
die Versicherungen Druck auf die Regierung
ausüben zu können. Des Weiteren verweigerten
sich einige der Steuerzahlung.
„Es gibt etwas, um das sich Regierungen viel mehr
Sorgen machen, als um menschliches Leben, und
das ist die Sicherheit des Eigentums. Und so ist es
durch das Eigentum, dass wir den Feind bekämpfen
werden. Seid militant, jede auf ihre Art“,
sagte Emmeline Pankhurst und ließ ferner
verlautbaren: „Das Argument der zerbrochenen
Fensterscheibe ist das wertvollste
Argument moderner Politik.“
Das Resultat dieser Militanz war ein signifikantes
Anwachsen der Suffragettengruppen,
sie verlieh dem Kampf ums Frauenwahlrecht
durchaus Attraktivität.
„Bei der Betrachtung der großen Ungerechtigkeit,
die von der Wahlunmündigkeit der Frau ausgeht“,
so Emmelines Tochter Christabel (1880-
1958), „sagen wir, dass die Zerstörung von Fensterscheiben
ein kleiner Preis dafür ist, dieses Übel
abzuschaffen.“
In der Entscheidung zur Aufnahme der Militanz
als letzte Möglichkeit wurde gleichzeitig
mit der Aufnahme des Geschlechterkrieges
gedroht. Frauen würden sich ihrer gesellschaftlich
aufoktroyierten Rolle als Ehefrau
und Mutter verweigern. Ab 1912 war die
WSPU praktisch eine illegale Organisation,
ihre Anführerinnen entweder im Gefängnis
oder im Exil in Paris, von wo sie die Leitung
über den Untergrund weiterführten.

Die Protagonistinnen
ihrer Zeit
Abgesehen von der Wahl der Mittel, gab es
personell weitreichende Überschneidungen
zwischen Frauenwahlrechts- und Tierrechtsbewegung.
Frances Power Cobbe war im
Exekutivkomittee der bereits 1868 gegründeten
National Society for Woman Suffrage.
Cobbe galt als Begründerin der Victoria
Street Society, der Vorgängerorganisation der
noch heute bestehenden National Anti-Vivisection
Society (NAVS), sowie der British
Union for the Abolition of Vivisection
(BUAV). Die Sozialistin Isabella Ford engagierte
sich für die Rechte der Frauen aus der
Arbeiterklasse und war gleichzeitig gegen die
Vivisektion und andere Tierausbeutung in
der Humanitarian League aktiv. Louise Lindaf-
Hageby (1878-1963), eine strenge, in eigenen
Worten militante Vegetarierin und
Gründerin der Animal Defence and Anti-Vivisection
Society (ADAVS 1909), Organisatorin
des International Anti-Vivisection and
Animal Protection Congress in London
1909 und Verfasserin der weltweit unterstützten
Anti-Vivisection Declaration, war
ebenfalls als aktive Frauenwahlrechtskämpferin
in der Women’s Freedom League (WFL)
bekannt. Sie betätigte sich darüber hinaus in
Kampagnen zur Gefängnisreform und setzte
sich gegen legalisierte Prostitution ein. Sie
schrieb sich 1902 als Medizinstudentin in der
Women’s School of Medicine, King’s und
University College in London ein, um effektiver
gegen die Vivisektion vorgehen zu können.
Sie gehörte auch dem Vorstand des Antivivisection
Hospitals in Battersea an, einem
Krankenhaus in London, welches auf Tierversuche
und daraus gewonnene Erkenntnisse
verzichtete. Zahlreiche Antivivisektionsveranstaltungen
wurden von ihr organisiert
und geleitet und sie galt als gefragte Rednerin
zu allen Aspekten der Tierrechtsarbeit.
Die von ihr 1907 gegründete International
Medical Anti-Vivisection Association
bemühte sich zudem um eine rein wissenschaftliche
Kritik am Tierversuch. Darüber
hinaus brachte sie die Anti-Vivisection Review
heraus.
Eine weitere prägnante Persönlichkeit war
Charlotte Despard (1844-1939), zunächst
führendes Mitglied der 1903 gegründeten
Women’s Social and Political Union (WSPU)
der Pankhursts, später Mitbegründerin
der Women’s Freedom League (WFL). Auch
ihre Tierrechtsarbeit beschränkte sich nicht
bloß auf Antivivsektionismus. Im Alter von
47 Jahren wurde sie Vegetarierin und trat der
London Vegetarian Society bei, als deren Vizevorsitzende
sie agierte und deren Präsidentschaft
sie ab 1920 übernahm.Vegetarismus
war für sie Grundlage für soziale Veränderung,
für die Freiheit von Mensch und
Tier; der Verzehr von Fleisch symptomatisch
für eine korrupte, ungerechte Gesellschaft.
1906 begleitete sie die Enthüllung des Brown
Dog Denkmals in Battersea, jenem Stadtteil,
in dem sie ihre sonstige politische Arbeit
primär umsetzte. Das Brown Dog Denkmal,
symbolisch errichtet für die Opfer der Vivisektion,
war Ausgangspunkt für die heftigsten
und militantesten Auseinandersetzungen, die
die britische Tierrechtsbewegung bis dahin
geführt hatte.Über Jahre kam es zu teilweise
tätlichen Auseinandersetzungen. Despard
verteidigte Lind-af-Hageby auf öffentlichen
Veranstaltungen gegen verbale Angriffe von
Medizinstudenten, die ihre Hauptgegner in
diesem Konflikt waren. Des Weiteren war sie
Sprecherin auf dem Tierschutzkongress
1909. Auch Charlotte Despard war davon
überzeugt, dass Frauenemanzipation die
Voraussetzung für die Rechtserweiterung
auf Tiere sei. Auf einer Versammlung der
National Canine Defence League sagte sie:
„Je eher wir das Frauenwahlrecht erhalten, desto
eher werden wir in der Lage sein, Hunde von Missbrauch
und Grausamkeit zu emanzipieren.“
1907 wurde sie bei einer Auseinandersetzung
anlässlich der Nichterwähnung eines Frauenwahlrechtsgesetzes
in der Ansprache des
Königs zur Eröffnung des neuen Parlaments
verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe in
Holloway verurteilt. Damit teilte sie das
Schicksal mit hunderten anderen Suffragetten,
die zwischen 1903 und 1915 Haftstrafen
absitzen mussten, so beispielsweise mit Emily
Wilding Davison (1872-1913), die als eine
der militantesten Suffragetten die zahlreichen
Brandanschläge auf Briefkästen initiierte.
Sie bekannte sich außerdem zum Brandanschlag
auf das Privathaus des Premierministers
Lloyd George. Zur Märtyrerin der
Frauenwahlrechtsbewegung wurde sie, als sie
1913 beim Derby vor das Pferd des Königs
lief und an den Folgen ihrer Verletzungen
starb. Auch sie erkannte Tierrechte als logische
Erweiterung feministischer Bezüge.
Davison war nicht einziges Opfer der Auseinandersetzung.
Bereits 1910 endete eine
Demonstration vor dem Parlament mit einer
mehrstündigen Straßenschlacht mit der Polizei,
zwei Frauen kamen zu Tode, Dutzende
wurden zum Teil schwer verletzt. Ab 1909
nahmen die Suffragetten, unter ihnen Davison,
den Hungerstreik als Mittel politischer
Auseinandersetzung auf. Vor allem ging es
ihnen um die Anerkennung als politische
Gefangene. Die Regierung reagierte mit
Zwangsernährung und der Verabschiedung
des so genannten „Cats and Mouse Acts“.
Dieser erlaubte es den Behörden von Hungerstreik
geschwächte Suffragetten aus dem
Gefängnis zu entlassen, um sie dann bei Besserung
ihres Gesundheitszustandes wiederum
in Haft zu nehmen.
Zum Freundeskreis von Davison zählten andere
aktive Suffragetten, die ihr Tierrechtsinteresse
teilten. Gertrude Baillie Weaver
(1857-1926), Romanautorin und Davisons
spätere Biografin, und ihr Ehemann Harold,
aktives Mitglied der Men’s League for Women
Suffrage, gründeten gemeinsam das National
Council for Animals’ Welfare Work
und waren VegetarierInnen und AntivivisektionsaktivistInnen.
Harold Baillie Weaver
sprach von dem unmittelbaren Zusammenhang
der Befreiungsbewegung, auch wenn er
Tierschutz an erster Stelle platzierte, da „er
bekämpft, was ich als abscheulichste Form der
Ausbeutung der Schwachen durch die Starken betrachte,
die in der Welt heute existiert.“
Beide unterstützen gemeinsam mit Despard
die Our Dumb Friends Society (gegründet
1897) und die National Canine Defence
League. Gertrude Baillie Weavers Ablehnung
der Vivisektion basierte auf ihrer Philosophie,
dass Zwecke niemals die Mittel rechtfertigten,
wenn diese mit Schaden für andere
verbunden seien; und unter „Anderen“ subsumierte
sie auch Tiere. Entsprechend war
es die erklärte Absicht militanter Suffragetten,
im Zuge ihrer Brandstiftungen niemals
Menschen oder Tiere zu Schaden
kommen zu lassen. Sie war aktive Unterstützerin
der WFL, Humanitarian League,
BUAV und der ADAVS. Den Nachnamen
ihres ersten Ehemannes Henry Arthur Colmore
nutzend, schrieb sie mehrere Romane,
die sich explizit mit der Tierrechtsproblematik
beschäftigten. Der 1908 veröffentlichte
Roman „Priests of Progress“, wurde sogar von
der Research Defence Society, dem Interessenverband
der Tierexperimentatoren, als
potenzielle Gefahr für die VerteidigerInnen
der Vivisektion erachtet. Auch Elinor Penn
Gaskell, enge Vertraute von Davison und Vorsitzende
der WSPU Abteilung in Nord London
engagierte sich in Tierschutzvereinigungen
und setzte sich im Animals’ Defence
Committee der Humanitarian League aktiv
für die Abschaffung der Jagd ein.
Von den Medizinstudenten des University
College, welche ab 1906 gegen die Aufstellung
des Brown Dog Denkmals als Symbol
der Opfer der Vivisektion protestierten,
wurde eine Gleichsetzung von Antivivisektion
und Frauenwahlrechtsbewegung vorgenommen.
Folglich störten sie zeitweise zahlreiche
Veranstaltungen letzterer, um so gegen
die Antivivisektionsbewegung vorzugehen.
Dass diese Gleichsetzung so einfach nicht
gemacht werden kann, dass es sowohl AntivivisektionsaktivistInnen
gab, die gegen das Frauenwahlrecht waren, sowie Suffragetten,
die Tierversuche als Garant medizinischen
Fortschritts betrachteten, dürfte auf der
Hand liegen. In der öffentlichen Wahrnehmung kam
es jedoch zu einer Verwischung von Bildern,
welche den vivisezierten Hund mit den im Hungerstreik
zwangsernährten Suffragetten vergleichbar machten.
Vergleich Großbritannien und Vereinigte Staaten
von Amerika Anders als in Großbritannien
gab es in den Vereinigten Staaten zwar thematische
Überschneidungen zwischen Tierschutz zu anderen sozialen
Themen der Zeit, allen voran Abstinenz, jedoch wurden
Frauenfragen und vor allem das Frauenwahlrecht ausgeklammert.
So verlor die Antivivisektionsbewegung auch an
Unterstützung und Mitgliedern, als das Reforminteresse
amerikanischer Frauen sich eben Frauen direkt
betreffende Themen annahm. Historisch gesehen
entwickelte sich die Frauenrechtsbewegung
in den Vereinigten Staaten früher als
in Großbritannien vor allem in Kooperation
mit der Antisklavereibewegung und galt sicherlich
zunächst als Inspirationsquelle für
britische Aktivistinnen - auch wenn sich dieses
Verhältnis spätestens ab 1900 umkehren
sollte. Bereits 1848 gab es gemeinsame Deklarationen
zur Forderung von Wahlrecht für
Frauen und die Emanzipation der Sklaven.
Teilerfolge gab es durch die schrittweise Einführung
in einzelnen Bundesstaaten. Militanz
als Mittel der Auseinandersetzung wurde
dort jedoch erst 1917 umgesetzt, als Alice
Paul, die sich bereits in Großbritannien in
der radikalen Suffragettenbewegung und
Mitglied der WSPU engagiert hatte, Massenveranstaltungen,
Demonstrationen, Streikblockaden
vorm Weißen Haus und Hungerstreik
einführte. Paul’s Women’s Party (1914)
griff jedoch nie zu den radikalen Mitteln
britischer Suffragetten. Auch hier spaltete
sich dennoch die Bewegung an der Methodenfrage.
Die allergrößte Mehrzahl der Frauenwahlrechtlerinnen,
vor allem in der einflussreichen
1890 gegründeten National American
Women Suffrage Association (NAWSA),
versuchten es mit politischer Lobbyarbeit
oder bevorzugten schriftliche Publikationen,
Werbekampagnen in Kinos und im Radio -
ganz wie in Großbritannien auch. Die Überschneidung
mit und konzeptionelle Aufnahme
von Tierschutz fand hier jedoch nicht
denselben Platz. Allerdings übernahmen einige
prominente Frauenwahlrechtlerinnen
der ersten Generation wie Elisabeth Cady
Stanton (1815-1902), Susan B. Anthony
(1820-1906), Amelia Bloomer (1818-1894)
und Lucy Stone (1818-1893), Sarah und Angelina
Grimké (1792-1873) und Victoria
Woodhull (1838-1927) den Vegetarismus
und sympathisierten mit der Tierschutzidee.
Letztere war aufgrund ihrer Idee freier Liebe
jedoch niemals einflussreich in der puritanisch
geprägten Bewegung.
Die Suffragettenbewegung spaltete sich mit
Beginn des ersten Weltkrieges.Während sich
eine Vielzahl der Frauen, vor allem die Pankhursts,
auf ihre „patriotischen Pflichten“ besannen
und die militante Frauenwahlrechtskampagne
zu Gunsten der Kriegsunterstützung
aufgaben, übernahmen vor allem die
Sozialistinnen unter ihnen einen pazifistischen
Kurs. Die öffentliche Auseinandersetzung
fand jedoch kaum noch statt. 1918
wurde den Frauen in Großbritannien, die
über 30 Jahre alt waren, das Wahlrecht offiziell
aufgrund ihres Einsatzes für den Krieg
„geschenkt“ und nicht aufgrund der vorherigen
Auseinandersetzungen. Frauen ab 21
Jahren bekamen 1928 die vollständige Wahlberechtigung.
Dies war noch zuvor aufgrund
des Frauenüberschusses in der Gesamtbevölkerung
abgelehnt worden. In den Vereinigten
Staaten wurde 1920 mit dem 19. Zusatzartikel
zur Verfassung das allgemeine Frauenwahlrecht
eingeführt.
In der modernen Bezugnahme auf soziale
Bewegungen durch die Tierrechtsbewegung
nimmt die Suffragettenbewegung sowohl in
der Konstruktion der Forderungen als auch
der Methodik eine besondere Stellung ein;
die personellen Überschneidungen beweisen
gleichzeitig die zeitgenössische Relevanz.
Anmerkung: Die im Text präsentierten Erkenntnisse
basieren auf Forschungen, die Teil meiner
noch nicht abgeschlossenen Dissertation sind.

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