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14.01.2009

Gefährdete Grizzlys im Visier

Gefährdete Grizzlys im Visier
Trophäenjäger gefährden das Überleben der Bären in Kanada - EU verbietet Trophäeneinfuhr

Den Warnungen zahlreicher Wissenschaftler zum Trotz wurden in Kanadas Provinz British Columbia (BC) Grizzlybären jahrzehntelang exzessiv bejagt: Jedes Jahr im April, nach der Winterruhe beginnt die Jagd auf die gefährdeten nordamerikanischen Braunbären aufs Neue. Deutsche Jäger sind nach den Amerikanern die aktivsten Bärentöter in Kanada. Sie konnten Jagdtrophäen der geschützten Art früher unbehelligt nach Deutschland bringen. Doch nach jahrelangen Protesten von PRO WILDLIFE und seinen Partnern in Kanada und England verbietet die EU seit Anfang 2004 die Trophäeneinfuhr.



Trophäenjagd bedroht Bestände
Innerhalb von 38 Jahren wurden in BC 12.802 Grizzlybären von Jägern erlegt, eine Abschussquote, die nach Einschätzung von Experten seit Jahren die Bestände dezimiert . Nicht mit eingerechnet sind hier die erheblichen zusätzlichen Verluste durch Wilderei, Unfälle und Lebensraumverlust. Eine aktuelle Studie geht sogar davon aus, dass genau so viele Tiere illegal erlegt werden wie legal.

Offiziellen Angaben der Regierung von BC zufolge soll es in der Provinz noch 13.000 -14.000 Grizzlys geben . Unabhängige Experten gehen hingegen davon aus, dass noch weniger als die Hälfte leben . Von ähnlichen Zahlen ging auch die Regierung früher aus, bis 1990 eine neue Berechnungsmethode eingeführt wurde, die die Bestandsangaben auf wundersame Weise verdoppelte . Das neue Verfahren, das lediglich schätzt, wie viele Bären theoretisch in einem bestimmten Gebiet leben könnten, wird von Wissenschaftlern als höchst spekulativ und unzulässig kritisiert , , .

Manipulation und Zensur
Naturschützer werfen der Regierung vor, sich auf stark überhöhte Bestandszahlen zu berufen, um entsprechend hohe Abschussquoten genehmigen zu können. Seit Jahren fordern sie die genaue Erfassung des tatsächlichen Bestandes - und ein Ruhen der Jagd, zumindest bis verlässliche Daten vorliegen. Ebenso spekulativ wie die Bestandsgröße sind die von der Behörde festgelegten Jagdquoten: Nach den provinzeigenen Jagdbestimmungen sollte die gesamte Verlustrate (durch Jagd, Wilderei, Unfälle und natürlichen Tod) nicht mehr als 4 Prozent der Population betragen1. Doch sogar wenn man die offiziellen Bestandszahlen zugrundelegt, wird dieser Wert überschrit-ten. Geht man zudem von einer Bestandsgröße von nur 4 -6.000 Tieren sowie den Ergebnissen einer unabhängigen Studie aus, die nachweist, dass die Verluste durch andere Gefährdungsfaktoren höher sind als offiziell angenom-men2, so ergibt sich eine tatsächliche Dezimierung der Grizzlypopulation von bis zu 20 Prozent in einem Jahr. Eine Analyse eines Biologen aus dem Umweltministerium belegt anhand offizieller Abschusszahlen, dass die regierungseigene Jagdquote seit Jahrzehnten erheblich überschritten wurde1 und fordert ein Ende der Jagd zumindest bis 2017 möglichst aber sogar bis 2050. Die unbequeme Studie wurde von der Provinzregierung aus dem Verkehr gezogen, der Autor vom Dienst suspendiert . Auch Proteste aus einem Expertengremium, das die Regierung in Sachen Grizzly-Management beraten soll, blieben ohne Erfolg. Das unliebsame Expertengremium wurde mittlerweile ersetzt. Empfehlungen einer bereits 1995 verabschiedeten Naturschutzstrategie zum Schutz der Grizzlys sind acht Jahre später noch nicht in die Praxis umgesetzt.

Tödliche Reisesouvenirs
Um den ursprünglich über die gesamte Nordhalbkugel verbreiteten Bären nachzustellen, reisen Jäger aus verschiedensten Ländern nach Kanada. Spitzenreiter sind US-Amerikaner, gefolgt von Deutschen. Zwischen 1990 und 2001 importierten Deutsche 131 Felle, 127 Trophäen, 95 Schädel, 5 Körper und 120 Krallen kanadischer Grizzlys . Innerhalb der EU ist Deutschland damit einsamer Spitzenreiter, gefolgt von Österreich (siehe Grafik).

Jagdreisen im Pauschalangebot inklusive Abschuss können für durchschnittlich 10.000 US Dollar bequem im Heimatland gebucht werden.

Interessensvertretung statt Artenschutz
Bereits Ende der 70er Jahre geriet die Regierung von BC wegen ihrer jagdfreundlichen Haltung in die Kritik. Seitdem wurden immer wieder die Beschränkung der Jagd sowie wissenschaftliche Bestandszählungen angekündigt, aber nie umgesetzt. Im Februar 2001 kündigte die Provinzregierung - durch die erdrückende Beweislast in Zugzwang geraten - ein dreijähriges Jagdmoratorium an . In diesem Zeitraum sollte die tatsächliche Bestandsgröße ermittelt werden. Ohne über die wissenschaftlichen Hintergründe informiert zu sein, versprach die Opposition der Jagdlobby noch am selben Tag, diese Entscheidung bei einem Wahlsieg rückgängig zu machen - und hob nach erfolgtem Regierungswechsel das Jagdverbot als eine ihrer ersten Amtshandlungen bereits im Juli 2001 wieder auf .

Allerdings lehnt laut Umfragen die überwiegende Mehrheit der kanadischen Bevölkerung die Jagd auf Bären ab. Während die Opposition gegen die Jagd wächst, steigt die Anzahl der Besucher, die nach Kanada reisen, um in erster Linie Wildtiere zu beobachten, allen voran Braunbären . Im Jahr 2000 besuchten 385.000 Deutsche das Land. Nach Angaben der Regierung British Columbias brachte der Wildtiertourismus 1995 mehr als 500 Millionen US Dollar ein . Damit geraten Jagd und Naturtourismus auch nach Einschätzung der Jagdpresse zunehmend in Konflikt, denn "bejagte Wildbestände [sind] für Beobachtung oder Fotografie nicht besonders gut geeignet. Diese Tiere fliehen lange, bevor sich der Mensch auf akzeptable Entfernung genähert hat".

Wilderei, Abholzung und Straßenbau
In der Hälfte seines ursprünglichen Verbreitungsgebietes ist der nordamerikanische Braunbär bereits ausgerottet, der Großteil der übrigen Bestände ist bedroht. BC liegt im Zentrum der verbliebenen nordamerikanischen Braunbär-population und trägt damit besondere Verantwortung für die Erhaltung der Grizzlys.

Die Trophäenjagd stellt eine akute Bedrohung für die Grizzlybestände dar, doch auch zusätzliche Faktoren bringen die Bären zunehmend in Bedrängnis: Verbreitet ist sowohl der illegale Abschuss von Tieren ohne entsprechende Lizenz als auch das Töten mehrere Bären pro gültiger Lizenz, z.B. wenn die erste "Trophäe" dem Erleger nicht kapital genug scheint . Experten zufolge wird außerdem jeder vierte Bär nur angeschossen und flieht verletzt , Verluste die in den offiziellen Statistiken nicht auftauchen .

Auch werden Grizzlys als Lieferanten für begehrte Zutaten in der Traditionellen Chinesischen Medizin, insbesondere Bärengalle, gewildert. Darüber hinaus machen den Bären die rapide Abholzung des kanadischen Urwaldes (19.000 Quadratmeter pro Minute - eine Rate, die nur von Brasilien übertroffen wird) und der Rückgang der Lachsbestände, einer Hauptnahrungsquelle, zu schaffen. Und schließlich werden die Grizzlypopulationen durch Zersiedlung ihres Lebensraumes und ausufernden Straßenbau (45%ige Zunahme in 10 Jahren) immer mehr genetisch voneinander isoliert.

Nicht zuletzt sind Grizzlybären die Landsäugetiere mit der geringsten Fortpflanzungsrate in Nordamerika und erholen sich deshalb sehr langsam von einer Bestandsdezimierung. Im Alter von vier bis sieben Jahren haben die Weibchen zum erstenmal Nachwuchs. Nur alle zwei bis vier Jahre bekommen sie durchschnittlich zwei Jungtiere, von denen allerdings nur etwa 30 Prozent bis zur Geschlechtsreife überleben.

Schutz nur auf dem Papier
Theoretisch genießt der Grizzly international den Schutz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens, das den grenzüberschreitenden Handel mit gefährdeten Wildtieren regelt. Die Europäische Union (EU) hat dem Braunbären in ihrer entsprechenden Artenschutzgesetzgebung sogar den höchsten Schutzstatus (Anhang A) zugebilligt, der Ein- und Ausfuhr sowie Handel zu kommerziellen Zwecken verbietet. Jedoch wurden Trophäenjägern bislang großzügige Ausnahmen für den "persönlichen Bedarf" zugestanden.

Seit Anfang des Jahres 2004 hat dies nach jahrelangem Einsatz von PRO WILDLIFE und Artenschutzorganisationen aus Kanada und England endlich ein Ende: Weil Britisch Kolumbien noch immer keine Fortschritte im Bärenschutz vorweisen kann und die Jagd den Bärenbestand gefährden kann, verboten die 15 Mitgliedsstaaten der EU die Einfuhr von Grizzlytrophäen aus BC. Im Juni 2005 bekräftigte die EU ihren Beschluss nochmals, den Grizzlytrophäen aus BC einen Riegel vorzuschieben.

PRO WILDLIFE hat konsequent für diesen längst überfälligen Schritt gekämpft. Der EU-Einfuhrstopp könnte Kanada zu einem Umdenken bewegen und letztendlich das Leben vieler Bären retten. Denn kaum ein Jäger wird zukünftig noch bereit sein, 10.000 Dollar in eine Bärenjagd zu investieren, wenn er am Ende keine Trophäe mit nach Hause bringen kann.

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