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20.01.2009

Geschichte der britischen Fuchsjagd und ihrer Opposition

Geschichte der britischen Fuchsjagd und ihrer Opposition

Warum wird das Verbot der traditionellen Fuchsjagd mit Hunden in England so überaus kontrovers diskutiert? Manche Boulevardmedien malen gar den Ausbruch eines Bürgerkrieges um dieses Thema an die Wand. Mieke Roscher hat für die „Tierbefreiung“ die historischen Hintergründe analysiert und unterstützt so ein besseres Verständnis für die heutige Auseinandersetzung.

Die Etablierung der Fuchsjagd als Traditionssport der britischen Oberschicht

Mit dem Verbot der Fuchsjagd in England und Wales durch den Hunting Act 2004 geht eine Epoche tierausbeutender Grausamkeit zu Ende, die von britischen JagdbefürworterInnen gerne als jahrhundertelange Tradition und als tief verwurzelt mit dem britischen Gesellschaftsgefüge dargestellt wird. Die Fuchsjagd als Hauptelement englischen „‚Jagdsports“ wurde jedoch erst im 18. Jahrhundert Hauptbetätigungsfeld britischer JägerInnen, was zum einen dem Rückgang der Hirschpopulation zuzuschreiben war und zum anderem der Schnelligkeit des Fuchses, die die Jagd unterhaltsamer für die JägerInnen gestalten sollte. Auch die Einhegungen offenen Geländes durch die Enclosure Acts des frühen 19.Jahrhunderts verhinderten „unterhaltsame“ Hirschjagden, da keine langen Laufstrecken mehr zur Verfügung standen.

Die Jagdtradition und mit der ihr verbundenen Etikette und strengen Hierarchie der Jagdgesellschaften, die den „Sport“ zu einer Bastion des Adels werden ließ, ist jedoch bereits auf William den Eroberer zurückzuführen, der diese „Traditionen“ nach 1066 aus der Normandie übertrug. Seit der Tudormonarchie (ab 1485-1603) wurde die Jagd als Schlüsselelement ihres sozialen Status betrachtet. Mit der Restauration der Monarchie Anfang der 1660 kam es ersten Gründung formalisierter Hundemeuten für die Fuchsjagd. Die anwachsende Autorität des Landadels nach der „glorreichen Revolution“ von 1688 verschob feudale Gesellschaftsstrukturen. Die Jagd als Nutzung von Tieren war in zahlreichen sog. Game Laws als Prärogative des landbesitzenden Adels festgeschrieben worden. Verstöße wurden mit Deportation bestraft, der Black Act (1722) stellte Wildern unter Todesstrafe. Dabei ging es nicht um das Wohlergehen der Tiere, sondern um die Verfestigung von Privilegien in der entstehenden Gesellschaftsschichtung. Damit ist der Anstieg an Jagdgesellschaften und Hundemeuten zu erklären, die sich die Land besitzende Oberschicht hielten.

Mit der industriellen Revolution stieg die Fuchsjagd noch einmal in Bedeutung und Ausmaß an. Viele JägerInnen betrachten die Jahre 1820-1890 immer noch als „Goldenes Zeitalter“ dieser Jagd. Verbesserte Infrastruktur und vor allem die Eisenbahn ermöglichten Zugang zu weit entlegeneren Jagdgebieten. Mehr und mehr versuchten Mitglieder der oberen Mittelschicht über die Teilnahme an der Fuchsjagd, so sie ihnen gestattet wurde, auch ihre gesellschaftliche Stellung auszubauen. In der Fuchsjagd spiegelte sich somit die Klassengesellschaft wider, die gerade in Großbritannien mit dem durchgesetzten industriellen Kapitalismus das Gesellschaftsgefüge prägte. Mit der Ausbreitung der Fuchsjagd, nahm die Fuchspopulation in drastischem Maße ab. Um ihrem „Sport“ weiterhin frönen zu können, mussten Jagdgesellschaften folglich Füchse importieren bzw. eigens züchten.

Erste Opposition gegen Tiermissbrauch - Fuchsjagd bleibt Tabuthema

Die Opposition gegen Tiermissbrauch allgemein war ebenfalls durch diese Klassenwidersprüche geprägt. Unter den Gründungsmitgliedern der ersten Tierschutzgruppe, der Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (1824), befanden sich Personen mit politischem Einfluss, etwa die Moralisten William Wilberforce (1759-1833) und Thomas Fowell Buxton (1786-1845). Letzterer sah keine Inkonsequenz darin, sein Engagement in der RSPCA mit seinem Hobby, dem Jagdsport, zu verbinden. Viele andere RSPCA-Mitglieder taten es ihm gleich. Begründet lag dies darin, dass die RSPCA ihre UnterstützerInnen selbst zumeist aus den Rängen des Adels und der oberen Mittelschicht rekrutierte, die dem „Jagdsport“ mehrheitlich positiv gegenüber standen. Der Evangelikale William Wilberforce wurde Dank seines Engagements für die Abschaffung des SklavInnen-Handels und seiner strengen moralischen Werte der Gruppe der „Saints“ im Parlament zugeordnet. Bereits seine Society for the Suppression of Vice hatte Tierkämpfe als Ausdruck moralischen Verfalls kritisiert. Ziel der RSPCA war vordergründig zunächst die Durchsetzung und Überwachung ab 1822 verabschiedeten Tierschutzgesetze und der Versuch, auf weitere legislative Maßnahmen zu drängen. Wichtigste Themen waren Blutsport, sowie die Behandlung von Zugtieren. Beide trafen vor allem Mitglieder der ArbeiterInnenklasse.
Die Jagd wurde jedoch während des 19.Jahrhunderts nicht Grundlage von Verbotsforderungen auf gesetzlicher Ebene, war sie doch zumeist der exklusive Sport der Oberschicht, und damit der noch dominierenden politischen EntscheidungsträgerInnen. Richard Martin beispielsweise, welcher das erste Tierschutzgesetz 1822 im Parlament durchsetzen konnte und der sich so „aufopferungsvoll“ für gequälte Pferde und Rinder einsetzte, galt als großer Anhänger der Fuchsjagd.
„(...)Die hohen Herren Englands sind so lange human, soweit es nicht um ihren Sport geht,“ merkte Charles Darwin anlässlich der Auseinandersetzung über die Vivisektion im Parlament an. Die RSPCA enthielt sich während des gesamten 19. Jahrhunderts jeglichen Kommentars über den Jagdsport, unterhielt sogar rege Verbindung zu Jagdvereinigungen, fand sie doch unter ihnen einige eifrige UnterstützerInnen. John Lawrence als führendes Mitglied der RSPCA, auch wenn selbst kein Freund der Jagd, versicherte dennoch, dass es nicht im Interesse der Society sei, Ziele zu verfolgen „zu denen ein guter, gerechter und aufrechter Fuchsjäger nicht ja und Amen sagen kann.“ Deshalb blieben es primär die „Sportarten“ der ArbeiterInnenklasse wie Hahnenkämpfe, welche verboten wurden, während „gentlemens sports“ wie Fuchsjagd, Fischen und Schießen unberührt blieben.

Gegen Klassengesellschaft und Fuchsjagd! Antijagdinitiativen formieren sich im sozialistisch-politischen Umfeld

Ernsthafte Opposition gegen die Fuchsjagd wurde erst zum Ende des 19.Jahrhunderts verlautbar. Die Humanitarian League, 1891 von dem Sozialisten Henry Salt gegründet, entwickelte sich aus jenen progressiven Zirkeln der Zeit um die sozialistische Fabian Society, die eine Verbindung reformerischer Politik suchten. Beispielhaft griff sie die Jagd als elitären Sport an, gleichzeitig war bei ihr schon ein radikalerer und politischer Charakter in Argumentation deutlich. Als militant verschrien, forderten sie die generelle Abschaffung der Jagd und kritisierte die RSPCA für ihre Tatenlosigkeit. In ihrer eindeutigen Ablehnung der Jagd war sie einzigartig und gilt damit auch als Vorreiterin der League for the Prohibition of Cruel Sports (heute League Against Cruel Sports, LACS). Sie brachte 1893 die ersten Gesetzesentwürfe zum Verbot der Fuchsjagd und anderer Blutsportarten ein, die jedoch Jahr für Jahr im Parlament scheiterten. Der 1911 mit Hilfe der Humanitarian League erfolgreich verabschiedete Animal Welfare Act schloss nur domestizierte Tiere in seinen Wirkungsbereich mit ein. Die gezielten und erfolgreichen Kampagnen der Humanitarian League richteten sich z.B. ab 1891 gegen die Hirschjagden mit den Royal Buckhounds, die 1901 abgeschafft wurden, und gegen die Jagd auf (trächtige) Hasen durch die Beaglemeute in Eton und die Aufrechterhaltung solcher Jagdmeuten an Erziehungsinstitutionen.
In der Auseinandersetzung um den Jagdsport konnte die Tierrechtsbewegung dennoch auch zwischen den Weltkriegen und danach an jene Epoche im spätviktorianischen Zeitalter anschließen, in der sie nachhaltiger Bestandteil öffentlicher Auseinandersetzung war - vor allem in der Kontroverse um Tierversuche. Gerade in der Auseinandersetzung um die Fuchs- und Hirschjagd war die LACS als Hauptinitiatorin des Protestes, nicht nur begleitende Beobachterin und kritische Berichterstatterin von Jagden, Organisatorin von Demonstrationen, Pickets und Versammlungen, sowie Petent gegen deren Abschaffung; sie wurde auch Objekt zahlreicher Anfeindungen. So hieß es 1927 in Cruel Sports, dem offiziellen Organ der LACS: „Als wir vor zwei Jahren anfingen, wurden wir von den Jägern ausgelacht. Nun werden wir von ihnen gehasst. Nächstes Jahr werden sie uns ernst nehmen. Das Jahr darauf...“

Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass zumindest während des zweiten Weltkriegs die Regierung die Jagd quasi unterband. Dennoch wurden zwischen 1931 und 1948 keine ernsthaften Versuche unternommen, Antijagdgesetze einzubringen.
Mit 800 Mitgliedern 1927 war die LACS zwar nur beschränkt handlungsfähig, konnte nicht so intensiv arbeiten, wie sie es für nötig befand, stellte dennoch Gefahr genug dar, um ihre GegnerInnen zu Reaktionen zu veranlassen. Besondere Opposition zeigte die 1930 als Reaktion gegründeten British Field Sports Society (BFSS). Das Ausmaß der politischen Kontroverse um die Jagd wurde deutlich, als sich 1949 Clement Attlee’s Labour-Regierung auf Grund vermeintlichen Stimmenverlustes auf dem Land, nicht zur Durchsetzung eines entsprechenden Gesetzes zum Verbot Fuchs-, Hirsch, Otter- Dachs- und Hasenjagd durchringen konnte, obgleich zahlreiche Parteimitglieder und UnterstützerInnen sich vehement zur Abschaffung geäußert hatten. Eine anstelle eingesetzte Kommission unter Scott Henderson wurde von BefürworterInnen der Jagd dominiert. Der Abschlussbericht sprach sich entsprechend für die Beibehaltung der Jagd in seiner damaligen Form aus und kritisierte nur einige wenige Elemente. Verantwortlich dafür war auch die Haltung der RSPCA. Sie sah keine Alternative zur Fuchsjagd, um die Fuchspopulation zu „kontrollieren“. In den 1970ern nahm endlich auch die RSPCA unter der Reformgruppe um Richard Ryder eine jagdkritische Haltung an. Gleichzeitig gab sich die LACS betont moderater, überließ die „Feldarbeit“ der 1963 gegründeten Hunt Saboteurs Association.

Gesetzesinitiativen zum Verbot der Fuchsjagd - Ein beschwerlicher Weg

Zwischen den späten 1970ern und 2000 gab es zahlreiche Versuche die Fuchsjagd qua Gesetz zu verbieten. Diese Gesetzentwürfe waren zumeist so genannte „Private Member Bills“, das heißt sie wurden von Abgeordneten und nicht von der Regierung eingebracht. Entsprechend gab es keinen Fraktionszwang bei der Abstimmung und viele Gesetzentwürfe schafften es nicht einmal bis zur zweiten Lesung. Diejenigen, die erfolgreich das Unterhaus passierten, wurden spätestens in dem vom Erbadel dominierten Oberhaus gestoppt. 1979 nahm die Labour Party erstmals die Aussicht auf ein Jagdverbot mit in ihr Wahlprogramm auf. Erst 1997, nachdem Labour die Regierung stellte, konnte jedoch mit einem Versuch der Umsetzung gerechnet werden. Die Regierung versprach, die Entscheidung über die Jagd einer freien Abstimmung im Parlament zu unterziehen. Zögerlich setzte sie jedoch zunächst 1999 ein Komitee unter Lord Burns ein, dessen Abschlussbericht 2000 in der Jagd eine ernsthafte Gefährdung des Wohlergehens des Fuchses erkannte.
Der erneute Versuch eines Fuchsjagdverbotes 2003 scheiterte wiederum im House of Lords. 2004 endlich setzte sich das Unterhaus unter Zuhilfenahme des Parliament Acts das Fuchsjagdverbot mit Hunden durch. Der Parliament Act von 1949 vermag solche Entscheidungen des Oberhauses zu überstimmen, zu denen es bereits in zwei konsekutiven Sitzungsperioden erfolgreiche Abstimmungen im Unterhaus gegeben hat. Es ist am 18. Februar 2005 (nach dem Redaktionsschluss dieser Ausgabe, Anm. der Redaktion) in Kraft getreten und betrifft 318 registrierte Hundemeuten, die zurzeit noch in England und Wales zugelassen sind. Schottland hatte die Fuchsjagd mit Hunden bereits 2002 illegalisiert. In vollkommen geschichtsverdrehender und politische Realitäten verkennender Argumentation sieht die Jagdgemeinschaft darin nunmehr einen Akt von Klassenjustiz. Die Abschaffung archaischer Relikte feudalistischer Herrschaft als Klassenkampf zu bezeichnen, offenbart schon eine gewisse Unverfrorenheit. Inwieweit das Gesetz praktisch durchgesetzt werden wird, bleibt abzuwarten. Mieke Roscher

Literatur:

• Carr, Raymond: English Fox Hunting, Weidenfeld and Nicholson, London, 1986
• Cruel Sports, The Official Organ of the League for the Prohibition of Cruel Sports
• Itzkowitz, David C.: Peculiar Privilege, A Social History of English Foxhunting 1753 - 1885, The Harvester Press, Hassocks, Sussex, 1977
• League Doings, Bulletin of the League Against Cruel Sports
• Morton, A.L.: A People’s History of England, Lawrence and Wishart Ltd., London, 1989
• Thomas, Richard H.: The Politics of Hunting, Gower, Aldershot, 1983
• Salt, Henry (Ed.): Killing for Sport, Essays by Various Writers, G .Bell and Sons Ltd., London, 1914
• Weinbren, Dan: Against All Cruelty: the Humanitarian League, 1891 - 1919, History Workshop Journal, Ausgabe 38
• Windeatt, Philip: The Hunt and the Anti-Hunt, Pluto Press, London, 1982

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