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25.01.2009

Globalisierung der Genderperspektive

Globalisierung der Genderperspektive
20.05.2007: Beschluss der GRÜNEN JUGEND auf dem 28. Bundeskongress in Halle zur Situation von Frauen durch die Globalisierung.

Arbeitsmigration
Globale Frauenrechtsverletzungen
Bildung
Wie verschärft Globalisierung die Situation von Frauen?


Können die Auswirkungen der Globalisierung auf eine Gruppe wie Frauen überhaupt thematisiert werden, gibt es frauenspezifische Folgen der Globalisierung? Natürlich stellen die Frauen in der Welt keine homogene Gruppe dar: Es gibt Trennungslinien, die zwischen Nord und Süd, arm und reich oder auch zwischen Glaubens- und Weltanschauungen verlaufen. Trotzdem lassen sich im Ganzen genommen zahlreiche Effekte der Globalisierung vor allem an der weiblichen Hälfte der Menschheit beobachten, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Frauen ganz einfach immer noch andere gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen, andere Rollen ausführen und in unzähligen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens trotz aller erreichten Fortschritte immer noch nicht gleichgestellt sind.

Armut ist feminin

Greift man sich zuerst das größte Problem der breiten Masse der Erdbevölkerung heraus, die Armut, zeigen sich sofort die negativen Tendenzen: ein Großteil der ärmsten Menschen der Erde sind Frauen (Frauen stellen 60 Prozent der ärmsten eine Milliarden Menschen der Welt; UNDP-Bericht 2006). Nicht umsonst sprechen WissenschaftlerInnen von einer Feminisierung der Armut.

Frauen als Hauptopfer prekärer Arbeitsbedingungen

Als Grund für die hohe Armutsrate unter Frauen ist vor allem der große Anteil von Frauen bei den prekären Arbeitsverhältnissen zu nennen. Die oben angesprochene Rollenverteilung hat besonders in Entwicklungsländern zur Folge, dass Frauen mit ihrer unbezahlten (Mehr-) Arbeit in der Familie oft die sozialen Folgen der Globalisierung auffangen und kompensieren. Erwiesenermaßen sind es außerdem meistens die Frauen, die das klägliche Familieneinkommen auf dem so genannten grauen Markt aufbessern. Als Händlerinnen, Schneiderinnen oder Müllsammlerinnen arbeiten sie im rechtlichen Sinne illegal, verdienen einen Hungerlohn und besitzen keinerlei Arbeitsschutz.

Aber auch an den "reichen" Frauen, vornehmlich in den Industrienationen, geht die Globalisierung nicht spurlos vorüber. Wenn es zu Massenentlassungen kommt, auch verursacht durch die Folgen der weltweiten Arbeitsteilung, die Wanderung der Arbeit und die Standortkonkurrenz, müssen oft die Mitarbeiterinnen als Erste gehen. Neben der niedrigeren Entlohnung von Frauen sind auch die Arbeitsverhältnisse unsicherer. Einhergehend mit dem Strukturwandel ist die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt. Negative Folgen der Flexibilisierung spüren vor allem Frauen und junge Menschen. Das Privileg des Vollzeitarbeitsverhältnisses ist besonders Männern vorbehalten. Frauen arbeiten hingegen häufig in gering qualifizierten Bereichen, im Niedriglohnbereich, in befristeten Arbeitsverhältnissen und Projektstellen. Insbesondere in Deutschland wird sich weiterhin ans Alleinverdiener- und -ernährermodell geklammert, weshalb Frauen höchstens ein Zubrot verdienen, aber doch bitte keine Karriere machen sollen.

Obwohl die Weltbank feststellt, dass Frauen die Gewinnerinnen der ökonomischen Globalisierung sind und der Anteil der weiblichen Erwerbstätigkeit in den letzten Jahren immens gestiegen ist, müssen wir dagegenhalten: das Bild wird verzerrt durch die Nachteile in der Erwerbstätigkeit z.B. bei den Löhnen, dem hohen Anteil von Frauen im Teilzeit- oder Niedriglohnbereich und die Diskrepanz zum Bildungsniveau, das nicht in gleichem Maße angestiegen ist.

Wir fordern eine Ausarbeitung von wirksameren Maßnahmen (auch von der UN), die Frauen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Selbstbestimmung auf der ganzen Welt ermöglichen.

Wir stehen für ein Arbeitsmarktkonzept ein, das ArbeitgeberInnen bevorzugt, die voll sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen anstatt auf den Niedriglohnsektor zu setzen. Stundenlöhne von 3 Euro sind nicht existenzsichernd - wir fordern (branchenspezifische) Mindestlöhne am Arbeitsmarkt.

Wir fordern, dass der Punkt Gender auf die Tagesordnung der Welthandelsorganisation (WTO) kommt und dort ein Leitfaden entwickelt wird, wie die Probleme der prekären Arbeitsverhältnisse von Frauen in den nächsten Jahren angegangen und konsequent geändert werden können.

Mit Nachdruck erneuern wir unsere Forderung nach gleicher Entlohnung für gleiche Arbeit.



Arbeitsmigration

Paradox wirkt die Verflechtung zwischen den Welten: In den Industriestaaten steigt der Bedarf an Haushaltshilfen, insbesondere unter hoch qualifizierten Frauen. Die Hausarbeit wird nicht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt, sondern an andere Frauen weitergegeben. So wird in Frankreich beispielsweise die Einstellung von Dienstmädchen (und -jungen) über Zuschussmodelle öffentlich gefördert. In dieser Entwicklung ist zunächst nichts grundlegend Schlechtes zu sehen. Meist wird diese Arbeit allerdings von gering qualifizierten Frauen oft mit Migrationshintergrund zu Dumpinglöhnen absolviert. Der Bedarf am "Mädchen-für-alles" steigt weiter. In den Entwicklungsländern wiederum erhöht sich die Bereitschaft zu emigrieren, da in den Heimatländern ein Entkommen aus der Armutsfalle für Frauen kaum möglich ist. Anstellungen finden sich zwar zu Hungerlöhnen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, aber davon kann häufig nicht gelebt werden. Angebote in reichere Länder illegal einzureisen locken. Dubiose Schlepperbanden, Frauenhandel, Heiratsvermittlungen, Zwangsprostitution sind die Folge.

Entwicklungszusammenarbeit muss auf soziale Standards bei der Beschäftigung pochen, die Frauen Lebensperspektiven in ihren Heimatländern eröffnen.
Wen trifft die Aushöhlung des Nationalstaates besonders stark?

Die negativen Folgen der Aushöhlung des Nationalstaates, die im Zuge der Globalisierung immer weiter voran schreitet, treffen Frauen öfter als Männer. Leider ist es häufig immer noch nötig, dass Frauen durch besondere Gesetze oder staatliche Maßnahmen geschützt werden müssen. Wenn diese staatliche Ebene zu bröckeln beginnt, sind Frauen verstärkt den Konzernen und Unternehmen ausgeliefert, die Gleichstellungsprinzipien (wie gleicher Lohn) häufig links liegen lassen. Zwar ergaben sich vor allem durch die Möglichkeit der weltweiten Vernetzung für die Frauen auch positive Aspekte: Frauenorganisationen geben den einzelnen Frauen eine Stimme, bringen deren Probleme auf die globale Agenda und kämpfen besonders im Rahmen der Vereinten Nationen (VN) für mehr Rechte und eine wirkliche Gleichstellung der Frauen. Trotz aller positiven Entwicklungen können viele Frauen auf dieser Welt ohne zu übertreiben als Verliererinnen der Globalisierung bezeichnet werden.

Auch aus einer Genderperspektive heraus muss die ungezügelte Macht der großen Konzerne beschnitten werden und Sozial- und Umweltstandards auf allen Betrieben der Erde Anwendung finden.

Während die Weltfrauenkonferenzen anfangs im 5-Jahres-Rhythmus stattfanden, ist die letzte Weltfrauenkonferenz in Beijing bereits 12 Jahre her. Eine Weltfrauenkonferenz zu Globalisierung ist überfällig!

Wir wollen Geschlechtergerechtigkeit auch in den "Institutionen der Globalisierung": also Frauen in Führungspositionen des IWF, Weltbank und anderen global agierenden Institutionen, damit die besonderen Interessen von Frauen in Bezug auf die Globalisierung vertreten werden. Dies geht natürlich mit der Forderung nach einer umfassenden Reform und Neudefinition dieser Organisationen einher.
Mehr Transparenz im Globalisierungsprozess ist von Nöten und hat besondere Bedeutung aus der Genderperspektive: Frauenorganisationen und - Gewerkschaften werden auf nationalstaatlicher Ebene oft durch patriarchalische Strukturen in der Artikulation ihrer Interessen gehindert und sogar unterdrückt, so dass es umso wichtiger ist, dass Frauen-NGOs auf internationaler Ebene Mitspracherechte haben.

Die Auswirkungen von Globalisierung auf die verschiedenen Geschlechter sind vielseitig und sehr verworren. Die GRÜNE JUGEND setzt sich für eine Differenzierung sämtlicher Statistiken, Erhebungen und Maßnahmen nach Geschlechtern ein.


Globale Frauenrechtsverletzungen

Obwohl in der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" vom 10. Dezember 1948, jedem Menschen, egal welchen Glaubens, welcher Hautfarbe, welcher Herkunft, welcher Sprache, welchem Vermögen, welchen Geschlechts oder sonstigem Stand dieselben Rechte zugesichert werden, treten Frauenrechtsverletzungen in allen Ländern der Welt auf und reichen von psychischer und sexueller Ausbeutung bis zu schweren Verletzungen der körperlichen Unversehrtheit. Menschenrechtsverletzungen an Frauen wurden (und werden heute immer noch) häufig mit kulturellen und traditionellen Gewohnheiten begründet. Erst im Jahr 1993 verabschiedete die UN die "Erklärung über die Beseitigung der Gewalt an Frauen".

Bei Verletzungen der körperlichen Unversehrtheit, wie z.B. Genitalverstümmelung, herrscht häufig eine große Unwissenheit über gesundheitliche Risiken und Folgen. So verursachen die Verstümmelungen bei den Frauen körperliche, sexuelle und seelische Schäden, die von Depressionen bis hin zu einem erhöhten Geburtsrisiko führen können. Weiterhin bescheren Menschenhandel und Zwangsprostitution den MenschenhändlerInnen riesige Gewinne. Im Jahr 2004 wurden rund 1.000 Frauen in Deutschland registriert, die als Opfer von Zwangsprostitution erkannt wurden; vermutet wird aber eine viel höhere Dunkelziffer (Quelle: BKA Lagebild Menschenhandel 2004). Hier besteht großer Handlungsbedarf. Finanzielle und materielle Hilfe sowie medizinische Versorgung für die Opfer von Menschenhandel sollte selbstverständlich sein.

Die internationale Staatengemeinschaft muss bestimmten Frauenrechts-NGOs ausreichend finanzielle Unterstützung zusichern, damit sie gezielt gegen Frauenrechtsverletzungen vorgehen können.

Viele Frauenrechtsverletzungen sind die Folge von Tradition und patriarchalischen Strukturen. Um diese aufzubrechen ist es besonders wichtig Frauen und Mädchen die Möglichkeit einer guten Schulbildung zu geben und einen Beruf zu erlernen. Hierbei ist jedoch besonders darauf zu achten, dass Schulmaterial und die Lehrplaninhalte darauf zielen, Stereotypen und Traditionen kritisch zu hinterfragen anstatt sie zu zementieren.

Bei dem Problem der Beschneidung ist es wichtig, die Bevölkerung medizinisch aufzuklären und den BeschneiderInnen andere Einkommensmöglichkeiten anzubieten.
Gegen die NutzerInnen und DrahtzieherInnen von Zwangsprostitution und Frauenhandel muss strikter vorgegangen werden. Die betroffenen Frauen dürfen im Gegenzug nicht kriminalisiert werden. Ihnen muss vor allem psychologische Betreuung und Begleitung ermöglicht werden. Des Weiteren muss ihnen ein unbefristetes Aufenthaltsverhältnis angeboten werden, anstatt sie in eine ungewisse Zukunft abzuschieben.
Gewalt an Frauen in Deutschland

Jede dritte Frau in Deutschland ist Opfer häuslicher Gewalt - jährlich suchen rund 45 000 Frauen Schutz in Frauenhäusern (Quelle: BMFSFJ "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" (2004) / Terre des Femmes). Angesichts dieser hohen Zahl ist es völlig unverständlich, dass in vielen Bundesländern das Geld für Frauenhäuser gekürzt wird. Besonders für Migrantinnen ist es schwer sich gegen häusliche Gewalt zu wehren, da sie oft sprachliche Schwierigkeiten bei der Suche nach Hilfe hindern, oder sie negative Erfahrungen mit der Polizei im Heimatland gemacht haben. Da der Aufenthaltsstatus zugezogener Frauen an den ihrer Ehemänner gekoppelt ist, haben diese ein Druckmittel gegenüber ihren Ehegattinnen und können ihnen mit Sanktionen, z.B. bei der Flucht in ein Frauenhaus, drohen. Deshalb muss es endlich ein Aufenthaltsrecht für Frauen unabhängig von ihren Ehemännern geben. Das Gewaltschutzgesetz ist schon ein erster Schritt zum besseren Schutz für die Opfer. Allerdings dürfen Frauen nicht nur in der akuten Situation geschützt werden, sondern brauchen begleitende Programme, die ihnen helfen ein neues, selbstständiges Leben aufzubauen. Die Zahl der Zwangsverheiratungen liegt im Dunkeln, allerdings wurden im Jahr 2002 allein in Berlin 230 Fälle bekannt. (Quelle: Erhebung des Berliner Senats). Für die Bekämpfung der Ursachen bedarf es Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen sowie Jugendarbeit an den Schulen. Genitalverstümmelung ist in Deutschland immer noch ein Tabuthema, obwohl geschätzt wird, dass in Deutschland mindestens 18.000 Betroffene leben und 5.000-6.000 Mädchen gefährdet sind (Quelle: Terre des Femmes "Studie zur weiblichen Genitalverstümmelung").Vielen GynäkologInnen fehlt es einfach an medizinischen Informationen. Fortbildungsmaßnahmen für ÄrztInnen, Notrufhotlines für betroffene Frauen und Mädchen sowie Aufklärungs- und Präventionsarbeit an den Schulen sind dringend notwendig.

Für misshandelte und schutzsuchende Frauen müssen genügend Plätze in Frauenhäusern bereit stehen, außerdem bedarf es verschiedener Beratungsangebote für Frauen, die in einem gewaltbereiten Umfeld leben.

Kommunale Frauenstammtische können für eine bessere Vernetzung und einen Austausch zwischen Frauen dienen.

Insbesondere Gewaltopfern muss unverzüglich eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erteilt werden, da ihnen bei einer Abschiebung in ihr Herkunftsland noch Schlimmeres drohen kann.

Um Frauen mit Migrationshintergrund die Integration zu erleichtern, müssen spezielle Sprachkurse für Frauen und Mädchen noch stärker gefördert und dürfen nicht Opfer von Sparkursen werden. Besondere Beratungsangebote sowie Rechtskurse, die Frauen über ihre Rechte in Deutschland informieren, sind ebenfalls wichtig.
Des Weiteren müssen den Mädchen und Frauen Schutz- und Beratungsstellen zur Verfügung stehen. Verfolgung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung muss endlich als Asylgrund anerkannt werden.


Bildung

Auch im Bereich der Bildung trifft die Globalisierung Mädchen und Frauen besonders hart. Durch die Strukturanpassungsprogramme des IWF und der Weltbank fand in vielen Ländern eine Liberalisierung des Bildungs- und Sozialsektors statt, in deren Zuge Schulen zunehmend privatisiert wurden. Aufgrund der höheren Kosten können sich die Familien es nicht mehr leisten, allen ihren Kindern eine Ausbildung zu finanzieren und bevorzugen ihre Söhne, da sie sich von ihnen größere finanzielle Sicherheit erhoffen. Frauen stellen immer noch das Gros der AnalphabetInnen dar, Universitäten werden im globalen Bereich immer noch weitaus mehr von Männern als von Frauen besucht. Dies hat verheerende Folgen, weil diese Diskriminierung Frauen die Möglichkeit nimmt, über ihre Arbeit im informellen und im Niedriglohnsektor hinauszukommen. Da Frauen zum großen Teil für Hausarbeit und Kindererziehung verantwortlich sind, hat ihr Bildungsniveau direkte Auswirkungen auf familiäre Strukturen und die Zukunftsperspektiven der Kinder. Außerdem wurde belegt, dass die Alphabetisierung der Frauen in direktem Zusammenhang mit dem Rückgang der Kindersterblichkeit, Wissen um bessere Hygienebedingungen, Schutz vor Krankheiten usw. steht. Die Chancen der Globalisierung müssen genutzt werden, indem auf internationaler Ebene Aktionen und Kampagnen gegen patriarchalische Strukturen und Stereotypen durchgeführt werden.

Durch internationalen Druck müssen nationalstaatliche Institutionen dazu veranlasst werden, Frauen und Mädchen gezielt zu fördern Liberalisierungsprozesse dürfen nicht den Zugang zu grundlegenden Menschenrechten wie der Bildung erschweren. .
Das regionale Beispiel: Die Auswirkungen der Globalisierung auf Frauen aus osteuropäischer Sicht

Auch dieses Themenfeld ist, wie die ganze Globalisierungsdebatte, auf das Engste mit dem Thema Arbeit verbunden. Die Forderungen seit den Anfängen der Feminismusbewegung nach bezahlter Erwerbstätigkeit für Frauen und bezahlter Hausarbeit sind entgegen des Anscheins gerade heute so aktuell und ernst wie damals. Allerdings wird dieser alte Geschlechterkampf hierzulande auf einer neueren Ebene ausgetragen: Der Lohn für Hausarbeit wird, anders als ursprünglich intendiert, an Arbeiterinnen aus dem Ausland entrichtet, die ihren meist berufstätigen Arbeitgeberinnen die "Einfachdienstleistungen im Servicebereich" abnehmen. Frauen geben also häusliche Aufgaben an Frauen ab - der Bereich bleibt weiblich besetzt! Für Frauen aus Osteuropa bedeutet die Globalisierung folgendes: Sie arbeiten in Fabriken, die sich in den Billiglohnländern, in denen sie leben, angesiedelt haben, eben weil es ein Billiglohnland ist, in dem zu äußerst profitablen Bedingungen produziert werden kann. Flexibilisierungen von Arbeitsverhältnissen und eine Deregulierung ihrer Arbeitnehmerinnenrechte werden vor dem Hintergrund drohender Erwerbslosigkeit und den damit verbundenen Abhängigkeits- und Existenzängsten, in die sie ohne diese Arbeit zurückfallen könnten, in gesteigertem Maße gegenüber westlichen Industrienationen in Kauf genommen. Dadurch verstärkt sich die Konkurrenz unter arbeitenden Frauen auf internationaler Ebene, die Unternehmen das Auslagern einzelner Produktionsschritte oder ganze Betriebsverlagerungen noch erleichtern.

Die von Frauen ausgeführten, arbeitsintensiven Produktionen der Bekleidungs- und Elektronikindustrie beispielsweise fallen in den Industrienationen folglich weg und werden nun in Osteuropa, Asien und der "Dritten Welt" von Arbeiterinnen ausgeführt, die nicht oder nur sehr dürftig (gewerkschaftlich) organisiert sind. In Ländern mit niedrigem Ausgangsniveau steigt somit die Frauenarbeitsrate, nicht jedoch das Bildungsniveau im adäquaten Verhältnis. In Industrienationen sind Begriffe wie "outsourcing" oder Abwanderung ins Ausland zur bewährten Drohsprache geworden, wenn es etwa um die Kürzung von Sozialleistungen geht. So werden Frauen kategorisch gegeneinander ausgespielt.

Eine andere Möglichkeit für Frauen aus Osteuropa Geld zu verdienen, bietet sich vermehrt im westlichen Ausland. Da viele Sozialdienstleistungen vom Staat nicht mehr erbracht werden und die Einstellung von deutschen Fachkräften finanziell oft nicht aufgebracht werden kann, weichen viele Privathaushalte auf die weibliche Dienstkraft aus dem Osten aus. Durchlässige Grenzen und die neue, größere Mobilität schaffen dazu die nötigen Voraussetzungen. Es geht um das Übertragen der Haus- und Kinderarbeit oder der Pflege und Betreuung von alten Menschen von einer Frau auf eine andere Frau, um den eigenen Beruf ausüben zu können. Frauen, die als Dienstpersonal in westlichen Privathaushalten tätig werden, verlassen dazu ihre eigenen Familien und geben nicht selten ihre eigenen Kinder zur Betreuung zu Verwandten, in Internate oder ihrerseits zu Kinderfrauen. Sie verrichten meistens typische Haushaltsdienste, wie putzen, kochen, waschen, reinigen, pflegen und sind zu diesem Zwecke rund um die Uhr im Einsatz. Von der Ausländerbehörde werden sie meist nicht registriert, wenn sie in den Privathaushalten, in denen sie ihren Dienst verrichten, leben, oder wenn sie sich zu einer unsichtbaren Gemeinschaft von mehreren Frauen, meist gleicher Herkunft, zusammengefunden haben, eine Wohnung anmieten und in mehreren Haushalten gleichzeitig tätig sind. So ist es beispielsweise in Berlin vermehrt anzutreffen, dass Frauen aus Polen in einer Wohngemeinschaft leben, um in verschieden Haushalten tätig zu sein. Die Aufenthaltsdauer übersteigt dabei die Dauer, die einE TouristIn ohne Visum im Land bleiben darf nicht, rechtzeitig stehen die nächsten Pendlerinnen (Verwandte und Bekannte) bereit um die Dienste weiterzuführen. Es baut sich eine funktionierende Community auf, die von den Frauen gerne genutzt wird, um eine finanzielle Krise zu bewerkstelligen oder die Ausbildung der Kinder zu sichern. Unter ihnen befinden sich auch Akademikerinnen, wie Ärztinnen oder Juristinnen, wenn mit ihren Berufen in der Heimat kein Geld zu verdienen ist. Auf diese Weise findet eine Entwertung der Bildung von Frauen statt.

Diese Frauengeneration ist mobilitäts- und risikobereit, will sich aus der finanziellen Abhängigkeit von ihren Männern befreien, indem sie sich in neue begibt. Die westlichen Wohlfahrtsstaaten werden auf diese Weise entlastet: Sozialeinrichtungen, wie die Pflege für alte Menschen und Kinder können eingespart werden ebenso wie Versicherungssysteme. Die Nachfrage wird aufgrund der Überalterung der europäischen Gesellschaft steigen, das Geschäft mit der menschlichen Hilfskraft ist auf einem aufsteigenden Ast.

Für Frauen aus Osteuropa bedeutet das im Moment in erster Linie, die Möglichkeit erwerbstätig und finanziell unabhängig zu sein. Für ihre Herkunftsländer bedeutet es ein "auf der Stelle treten" und es ist zu befürchten, dass diese Frauen ihren Töchtern dieses Tätigkeitsverständnis in die nächste Generation mit auf den Weg geben. Schließlich werden diese sich für ihre Ausbildung bei den Müttern mit revanchieren müssen, die für das Alter selbst nicht vorsorgen konnten. Es muss also endlich dafür gesorgt werden, dass Frauen, die eine Ausbildung besitzen, in ihren Berufen eine Anstellung zu gleichen Konditionen und Chancen erhalten wie ihre männlichen Kontrahenten. Andernfalls wird sich dieser Trend weiter fortsetzen und zu einer Verschärfung der Situationen von Frauen aus Osteuropa auf dem europäischen Arbeitsmarkt haben. Schon jetzt gibt es ein breites Angebot, weshalb ArbeitgeberInnen hohe Anforderungen stellen können und die Arbeitnehmerinnen keine Möglichkeit sehen, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Global sieht es genau so aus: laut Weltbevölkerungsbericht 2006 verlassen 95 Millionen Frauen ihr Land. Meist sind es gebildete Mütter, die zum Arbeiten flexibel in die verschiedensten Richtungen ziehen. Frauen, die intelligent und beweglich sind - die Voraussetzungen des Weltmarkts erfüllen - und denen trotzdem der Weg zu den eigentlichen Jobs versperrt bleibt.

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