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20.01.2009

Grausam, unnötig, unerträglich

Grausam, unnötig, unerträglich

„Willkommen im Schlachthof – Treten Sie doch ein“

Seit Monaten kämpfen die Siegener „Tierfreunde“ um das Recht, ihre in einem örtlichen Schweinemastbetrieb selbst recherchierten Filmaufnahmen veröffentlichen zu dürfen. Tierbefreiung berichtete in der letzten Ausgabe über den Betrieb, in dem die Tiere als lebende Müllverwerter benutzt werden. Per Einstweiliger Verfügung wurden den „Tierfreunden“ verboten, das schockierende Video in irgendeiner Form zu zeigen oder zu verbreiten. Statt gegen Tierquälerei vorzugehen, wurde also hier, genau wie im Fall des Tierversuchslabors Covance, den AufklärerInnen ein Maulkorb verpasst. Mehr noch: Obwohl Vereinsvorstand Jürgen Foß keinen Hehl daraus machte, selbst in der Mastanlage gefilmt zu haben, wurden Mitte September seine Wohnung vom Staatsschutz durchsucht und vier Rechner beschlagnahmt. Dies alles hindert die „Tierfeunde“ nicht daran, den Fall weiter zu recherchieren. Im folgenden Text berichtet Tanja Günther über einen Tag, den keine Tierrechtlerin schnell vergessen würde.


Ein Tag im September 2004: Wir wollten nur eine Kontrolle bei einer kranken Kuh machen, auf die uns eine Tierfreundin aufmerksam gemacht hatte. Wir befanden, die Sache ans Veterinäramt weiterzugeben, da ein freundliches Gespräch mit demjenigen, der unserer Kenntnis nach der Besitzer war, zu nichts außer Ärger geführt hätte, denn zufällig sollte der Besitzer der kranken Kuh „unser“ Schweinemäster sein, der neben der Schweinemast auch eine größere Zahl Kühe hält.

Schon wieder auf dem Heimweg beschlossen wir, noch bei der Schweinemastanlage vorbeizufahren, da wir ja nun einmal in der Nähe waren. Wa-rum, wussten wir selbst nicht so genau, aber vielleicht gab es ja interessante Neuigkeiten. Egal, was wir uns erhofft hatten, die Schweine konnten wir schon von weitem schreien hören, und leider stand auch kein Bagger mit Abrissbirne dort, der die Mastanlage für alle Zeiten platt und dem Erdboden gleich machen würde.

Aber des Schweinemästers grüne „Suppenkutsche“, ein selbstgebasteltes Tankfahrzeug, parkte mit ebenso grünem Planenhänger rückwärts vor dem Tor, hinter dem sich die Schweine befinden. Dass er keine Kantinenreste, also „Futter“ anliefert, war uns spätestens klar, als der Anhänger bebte und wir unter der Plane Schweine sahen. Als der Schweinemäster mit seinem Benz vorfuhr und bei unserem Anblick etwas säuerlich dreinschaute, verzogen wir uns diskret und dachten nach. Was macht er mit den Schweinen? Während unserer Überlegung, ob und woher und warum er neue große Schweine einstallt, wurden wir eines besseren belehrt, denn er fuhr zügig mit seiner mit Schweinen beladenen Suppenkutsche vom Gelände weg. Einer von uns beiden sagte nur „fahr und häng' Dich dran“, denn eine Verfolgung konnte nur neue Erkenntnisse liefern, wir wollten wissen, was nun mit den Schweinen passiert, und die Verfolgung des Herrn Schweinemästers auf öffentlichen Straßen hatte uns bisher niemand verboten.

Zügig fuhr er auf nicht ganz legalem Wege auf die Autobahnraststätte und ab auf die Autobahn Richtung Süden. Spätestens da war dem Schweinemäster wohl klar, dass er und seine Schweine nicht alleine unterwegs waren. Wohin auch immer er unterwegs war, wir konnten ihn nicht bis nach Italien verfolgen, also setzten wir uns ein Limit. In Haiger-Burbach verabschiedeten wir uns ungern und setzten den Blinker, als auch „unser“ Schweinemäster plötzlich von der Autobahn abfuhr.

Unter diesen Umständen wollten wir es dann doch wissen. Immer tiefer ging es in den Westerwald. Er fuhr ins Industriegebiet nach Montabaur, und wir fragten uns, was das sollte. Wir fragten uns nicht mehr, als wir die grüne Suppenkutsche an der Straße parkend wiederfanden, parkend hinter einem dreistöckigen Tiertransporter mit Hänger, uns entgegen kommend ein „Frischfleisch"-LKW.

Als wir die Schweine im Schlachthof schreien hörten, wünschten wir uns, wir hätten ihn nicht gefunden. Der Schweinemäster war ziemlich irritiert, dass wir nun auf einmal wieder da waren, noch dazu mit laufender Kamera, jedoch „diskret“ hinterm Zaun. Uns reichte, was wir von dort sehen und hören mussten, ein entsetzlicher Lärm, eine Mischung aus den Schreien der Schweine, den Schreien und mehrsprachigen Flüchen derjenigen, welche die Tiere der Betäubung zuführten, Sägen, der Brennofen, lautes Kettengerassel des Fließbandes, fröhlich pfeifende Schlachter, fröhlich pfeifend während sie den an einem Bein kopfüber aufgehängten zappelnden und sich windenden Tieren die Kehle durchschneiden.

Die erste Begegnung gab es nach einigen Minuten mit einem missmutigen Tiertransporteur, der alarmierte sofort den „Chef“. Dieser jedoch war keinesfalls missmutig, sondern kam überraschend freundlich auf uns zu. Wir sagten irgendwas von „Filmen“ und warum und wieso, er sagte „Ach, Sie kommen aus Siegen? Was für ein Zufall, der Kollege da mit den Schweinen auch!“ Genau deshalb waren wir hier.

Freundlich genehmigte uns der „Chef“, das Gelände zu betreten und die Schlachtung durch die Fenster zu filmen, lächelnd: „Wir haben ja nichts zu verbergen“. Herein dürften wir leider ohne EU-Gesundheitszeugnis nicht, wollten wir auch nicht. Wir filmten; bis wir einen Blut beschmierten Kittel vor der Linse hatten, den des „Oberschlachters“, der ebenfalls wissen wollte, was wir da machen. „Filmen...“

Die Frage, ob wir Fleisch essen, beantworten wir nicht zu seiner Zufriedenheit mit „nein“, sehr befremdliche Menschen, die da filmen, wissen nicht das Handwerk des Metzgers zu würdigen, waren wohl seine Gedankengänge. Zu unserem Gespräch kam eine - ebenfalls Blut beschmierte - Frau hinzu, wahrscheinlich die Veterinärin, denn sie war vorher dabei, die Schweinehälften abzustempeln. Auch sie: „Wir haben nichts zu verbergen.“ Während wir „unseren“ Schweinemäster beim Abladen seiner Schweine filmten, der verwirrt bis irritiert seine Schweine geduldig aus dem Anhänger streichelte, was wir an seiner Stelle aufgrund der laufenden Kamera und unserer Anwesenheit auch getan hätten, kam die Frau wieder, wir nahmen an, sie hat nun die Nase voll von unserer Filmerei. Nein, ganz im Gegenteil. „Nehmen Sie sich 'nen Overall und was für'n Kopf und die Füße und kommen Sie rein.“

Wir hofften, es sei nicht ihr Ernst, außerdem hatten wir ja kein Gesundheitszeugnis, was ihr aber völlig egal war. Und noch mal: „Nehmen Sie sich 'nen Overall und was für'n Kopf und die Füße und kommen Sie rein.“ Während wir dabei waren, zu flüchten, zu weinen, uns zu übergeben, was an den Tatsachen jedoch auch nichts geändert hätte, überzeugten wir uns gegenseitig, dass keiner von uns allein da rein gehen könne, und so gingen wir gemeinsam, die letzen Abwehrmechanismen aktivierend, um es aushalten zu können. Wir bekamen weiße Overalls, „was für'n Kopf“ in Form einer McDonalds-Mütze, Gummischuhe und fanden uns im Schlachthof, stehend in noch warmem Blut, zwischen den hängenden halbierten Leichen der Schweine, die vor ein paar Minuten noch lebend am anderen Ende des Schlachthofes gestanden hatten, wieder. Der letzte gute Rat der Frau: „Sehen Sie zu, dass Sie keinem ins Messer laufen.“

Wir suchten uns einen Standort, von wo wir ohne in größeren Blutlachen und möglichst weit weg von Messern und Kettensägen stehend filmen konnten, begleitet vom Oberschlachter. Der, gut gelaunt und sehr gesprächig: „Wissen Sie, ich kann ja überhaupt kein Blut sehen, wenn sich jemand in den Finger schneidet oder so, furchtbar.“

Wir waren nun dabei, während die Schweine „unseres“ Schweinemästers geschlachtet wurden. Links neben uns befanden sich die lebenden Schweine, die lebenden Schweine mit dem eigenen Tod vor Augen, denn sie mussten von dort mit ansehen, wie ihre toten Artgenossen zerlegt wurden. Jedesmal, wenn eines von ihnen der elektrischen Betäubung zugeführt wurde, alle Schweine ängstlich schreiend. Der Oberschlachter zur Betäubung: „Gas lehnen wir ab, das verknüpft man ja auch immer so mit Unangenehmem, Sie wissen schon... - wir betäuben lieber mit Strom, da kann man auch besser eingreifen, wenn es mal nicht auf Anhieb klappt, wohingegen bei Gas, das sind schlimme Minuten.“

Betäubt, durch eine Klappe in den Schlachthof fallend, kamen dann die Tiere „unseres“ Schweinemästers vor unseren Augen an. Einige sich noch sehr stark windende Tiere wurden mit einer Stromzange nachbetäubt. Schwein für Schwein am linken Hinterbein kopfüber am Fließband aufgehängt, auch die zweimal Betäubten sich windend und zappelnd, manche öffneten den Mund, stumme Schreie, bekamen sie bei lebendigem Leib das Schlachtermesser in den Hals gerammt, die Kehlen aufgeschnitten, jedes Mal ergoss sich ein Schwall von Blut auf den Schlachter, der sich kurz mit einem Wasserschlauch das warme Blut von der Schürze spritzte, während die hängenden Schweine mit ihren aufgeschlitzten Hälsen, immer noch zappelnd, in eine riesige Wanne ausbluteten.

„Alles nur Nervenzucken“, so der Oberschlachter, während er Vorträge hielt über seine Arbeit und Fleisch. Die viele schwere Arbeit im Schlachthof, die ja keiner zu schätzen weiß. Die armen Bauern und die armen Schlachter, die aufgrund der schlechten Fleischpreise so leiden. „Man braucht Fleisch“, er ist davon überzeugt und glaubt das wirklich, obwohl doch sogar gerade zwei gut aussehende „lebende Beweise“ dafür, dass er irrt, mit einer Kamera in der Hand neben ihm stehen. „Stellen Sie sich mal vor, ohne Fleisch wäre doch niemand in der Lage, so schwere Arbeit zu tun wie die der Bauern oder der Metzger hier im Schlachthof.“

Nach dem Ausbluten kamen die Schweine zum Säubern und Entborsten in einen riesigen Ofen, aus dem oben die Flammen herausschlugen, glitschten jeweils zu zweit dort wieder heraus, bekamen die letzten Borsten mit Messern weggeschabt, die Ohren abgeschnitten, neben dem Ofen der Boden lag voller kleinster abgeschnittener Schweineteile. Dann wieder am Fließband aufgehängt, wurden den Schweinen die Bäuche aufgeschlitzt, die noch warmen dampfenden inneren Organe und Därme herausgerissen, um danach von Männern mit Massenmördergesichtern und Kettensäge in zwei Hälften zersägt zu werden.

Am Ende die Fleischbeschau, Stempel drauf, fertig ist das Fleisch. O-Ton des Oberschlachters, der die ganze Zeit, in diesem furchtbaren Schlachtfeld stehend, über Gott und die Welt plauderte: „Kriege, wo Unschuldige verstümmelt und getötet werden, sind grausam, unnötig und unerträglich.“

Beim Herausgehen lieferten wir unsere Overalls und Hüte wieder im Büro bei zwei Damen ab. Denen fiel beim Anblick von uns „Tierschützern“ nichts Besseres ein, als festzustellen: „Was heute in den Altenheimen abgeht, das ist grausam. Und was man Kindern alles antut, furchtbar!“ Und der Schlachthof? „Ich kann das nicht ansehen“, so die eine. Einig waren sich die beiden Fleischesserinnen, dass man noch nie drin war und auch niemals da rein gehen will. „Wir essen unser Fleisch und das da geht uns nichts an.“ Ignoranz tötet - und wir können uns sicher sein, dass diesen beiden im Schlachthof tatsächlich schlagartig der Appetit auf Fleisch vergehen würde, wenn sie endlich ihre Augen und ihre Herzen öffnen würden.

Etwa 400 Schweine werden täglich in diesem Schlachthof „verarbeitet“. 100 000 sinnlos getötete und zerstückelte Schweine jedes Jahr alleine in diesem Schlachthof. Unvorstellbare 40 Millionen Schweine werden jedes Jahr in deutschen Schlachthöfen geschlachtet. 40 Millionen Schweine - Schweine, die bis zu ihrem schrecklichen Ende ihr ganzes Leben nur gelitten haben. Als kleine Ferkel ihren Müttern weggenommen, werden ihnen unter Höllenschmerzen von Menschen die Schwänze abgeschnitten, die Zähne abgebrochen, die Ohren durchstanzt, sie werden betäubungslos kastriert, und verstümmelt und zurechtgeschnitten für die Fleischindustrie geht ihr Leiden weiter, eingepfercht in dunklen, dreckigen Kerkern, ein Leben auf Spaltenböden in den eigenen Exkrementen, ohne Beschäftigung.

Dadurch verrückt geworden verstümmeln sie sich gegenseitig vor Stress und Beschäftigungslosigkeit, sie sehen niemals Sonne, niemals Regen, außer in den fünf Minuten des Wartens auf den Tod vorm Schlachthof. Sie haben bis zu ihrem Tod nie den Rüssel in die Erde wühlen können, niemals auf einem Ast herumgekaut, niemals ein Nest bauen dürfen, niemals im Schlamm gesuhlt. Um am Ende dieses „Lebens“ kopfüber aufgehängt bei lebendigem Leibe den Hals aufgeschlitzt zu bekommen und zu Fleisch verarbeitet zu werden. Ein Krieg gegen Unschuldige. Grausam, unnötig und unerträglich.

In einem deutschen Schweinemastbetrieb...

http://de.youtube.com/watch?v=GE3I7rFGOoA

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