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26.01.2009

Hans-Jürgen Lutz: Vogeljagd in Italien

Hans-Jürgen Lutz: Vogeljagd in Italien

Vogeljagd in Italien – warum?

TUN* appelliert: Lasst sie leben!

Von Hans-Jürgen Lutz


Sing- und Zugvögel können nicht erahnen, was Ihnen auf dem Weg ins südliche Winterquartier bevorsteht: Fast zwei Millionen (!) italienische Vogeljäger erwarten sie bereits. Italien ist das einzige Land dieser Erde, das die Vögel in raffinierten Vogel-Großfanganlagen (roccolo, Pl. roccoli; siehe Kasten!) fängt, sie mittels aus Tarnhütten abgefeuerten Schrotschüssen (es gibt sogar Schrotkanonen) zerfetzt oder mit vielen anderen ausgeklügelten Methoden zerquetscht, verstümmelt oder sonst wie grausam quält bzw. mordet.

Warum tun diese Leute so etwas?

Auf alle Fälle kaum zum essen – ein weit verbreiteter Irrtum! Die wenigen Lokale, die noch Polenta osei bzw. Polenta con uccelli (Maisbrei mit Vögeln) anbieten, sind kaum noch zu finden, weil in der Bevölkerung ein Umdenken stattgefunden hat. Auch italienische Metzger wagen es heutzutage nicht mehr, Vögel offen anzubieten – wir haben dazu beigetragen.

Was soll es sonst an Gründen für die Vogeljagd geben?

Die Vogeljäger rechtfertigen ihr Tun mit Begriffen wie „Sport“, „Hobby“ und „Tradition“. Für die toten Tiere gibt es Pokale (Tages-, Wochen-, Monats-, Saison- und Artensieger) und andere Auszeichnungen!

Betrachten wir das Foto 1 mit dem beigen Turm einmal näher. Es handelt sich hier um einen Jagdturm, den Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. als junger Mann zum Fang von Vögeln benutzte! Dieser Jagdturm („casello“) steht mitten in der von uns so genannten Fanganlage auf dem „Papst-Berg“. Im Erdgeschoß bewahren die Fänger nach der Jagd ihre unglaublich teure „Lockvogelbatterie“ (siehe Foto 4) auf, im 1. Stock befindet sich die „Küche“ (wo man selten bis nie Vögel grillt). Im 2. Stock ist der eigentliche „Aktionsraum“. Haben sich nach Meinung der Vogelfänger genügend angelockte Vögel auf der vor und unter ihm liegenden Bodenfläche niedergelassen, wirft er in schneller Folge tischtennisschlägerartige Holzgriffe in schneller Folge hinunter und jagt dadurch fast den kompletten Vogelschwarm in die speziellen Netze (Foto 3).

Die Vogeljäger, meist gläubige Katholiken, haben keinerlei schlechtes Gewissen. Wenn der Papst schon (und natürlich auch Pfarrer) Vögel jagt, kann dies nichts Schlechtes sein, argumentieren sie.

In einer Fanganlage entdeckte TUN sogar die Anrufung des hl. Franziskus:
„Heiliger Franziskus, Du bist der Schutzpatron auch aller Vögel. Bitte hilf uns, dass wir heute eine reiche ‚Ernte’ haben!“

So darf es nicht weitergehen!

Die empfindlichste und fast einzige Stelle, die man bei den Vogeljägern treffen kann, sind die unglaublich teuren Lockvögel, die ahnungslos ihre Artgenossen ins Verderben locken. TUN gibt diese gequälten Kreaturen der Natur zurück – oft unter Einsatz des Lebens. Eine Fanganlage ist ohne Lockvögel unbrauchbar! Siehe auch Foto 4! Solange unsere finanziellen und physischen Mittel dies Expeditionen und Aktionen erlauben, werden wir diese jeweils an Ort und Stelle weiterführen. Helft alle mit, ob aktiv oder passiv (Näheres am Schluß dieses Artikels)!

Tarnhüttenjagd

Roncalli (später Johannes XXIII.) frönte auch der Vogeljagd mittels einer gut getarnten Schießhütte (siehe Foto 7). Von seinem Geburtshaus hatte er es nicht weit: am damaligen kleinen Sportplatz vorbei ins Maisfeld. Gegenüber der Schießhütte befindet sich eine präparierte Baumgruppe – mit Querstangen und Lockvögeln! In Italien sind zehntausende aktive Schießhütten aufgebaut!
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass einer der Papst-Brüder auch noch in Ausübung der Jagd gestorben sein soll.

Wie funktioniert eigentlich – kurzgefasst - eine Vogel-Großfangnetzanlage (Roccolo)?

Man stelle sich ein golfplatzgroßes Rondell aus natürlichem Grün (oft Hainbuchen) vor. Der Kreis besteht aus einem grünen Doppelrand, versehen mit zahlreichen „Fenstern“. Am Doppelrand von oben Mitte bis unten-außen (also schräg) sind die speziellen Vogelfangnetze gespannt. Überall tirilieren Lockvögel (unglaublich teuer!). Nachdem der Vogelschwarm angelockt ist und sich im Innern des Roccolo niedergelassen hat, erschreckt der Jäger den Schwarm mittels tennisschlägerartiger Gebilde („Spauracchi“), die er in schneller Folge hinunterwirft und gleichzeitig laute Greifvogelschreie imitiert. In panischer Angst flüchten die Vögel nach außen ins vermeintlich rettende Grün bzw. durch die „Fenster“ – und zappeln hilflos im Netz, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Für den Roccolo-Vogeljäger prägten die italienischen Jäger sogar einen eigenen Ausdruck: Roccolatore.

Besonderheiten beim gut ausgestatteten „Papst-Roccolo“. Auf der gegenüberliegenden Seite des „klassischen“ Roccolo befindet sich zusätzlich eine aktive „Brescianella“. Nicht durch Spauracchi jagt man hier die Vögel ins Netz, sondern durch klappernde Dosen und Rasseln, die an einem langen Seil aufgereiht sind und unsichtbar in einer Bodengrube lagern, bevor sie der Vogelfänger im Jagdturm durch kräftiges Ziehen am Seilende aktiviert und so einen infernalischen Lärm erzeugt, der die gehetzten Tiere dadurch in die Fangnetze treibt.

TUN entdeckte kürzlich in der „Papst-Fanganlage“ sogar noch eine Schießhütte, die mitten in einem der zahlreichen Labyrinth-Gänge platziert ist!

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