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20.01.2009

Hühnermast: Ein Blick hinter die Kulissen von Wiesenhof und Co.

Hühnermast: Ein Blick hinter die Kulissen von Wiesenhof und Co.

von Wolfgang Siebert



Kontrollierte Aufzucht, deutsches Erzeugnis aus Bodenhaltung, tierärztliche Betreuung – so werben die großen Vertreiber von Masthähnchen auf den Verpackungen ihrer Endprodukte. Wären sie zur Wahrheit verpflichtet, müssten die Etiketten unverblümt das wirkliche, kurze Leben der bemitleidenswerten Kreatur unter der Frischhaltefolie widerspiegeln. Dann stände darauf: „Vorsicht! Dieses Erzeugnis entstammt grausamer Tierquälerei.“ Kein Bildchen von einer bunten Blumenwiese und kein lachendes Comic- Hühnchen würden die Kunden zum Kauf locken, sondern schockierende Fotos von sterbenden Vögeln, wie sie von Tierrechtlern und Tierbefreiern aufgenommen wurden, würden potenzielle Käufer mit der Realität konfrontieren. Der Kunde greift auf seinem Weg durch den Supermarkt gerne und guten Gewissens zum angeblich fettarmen und gesunden Fleisch in die Kühltruhe. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Geflügelfleisch in Deutschland ist seit 1991 um 3,8 Kilogramm auf 15 Kilogramm gestiegen, inklusive Puten, Gänse, Enten und anderer Geflügelarten. Dennoch zeigt der europäische Vergleich: Die Deutschen stehen nicht sonderlich auf Hähnchenfleisch. 7,8 Kilogramm isst der Deutsche davon im Jahr und liegt somit auf dem letzten Platz der Euro-Rangliste.Am kräftigsten beißt der Spanier zu mit 23 Kilogramm, nur noch übertroffen vom US-amerikanischen Weltmeister im Hähnchen-Verspeisen (38,7 Kilogramm) (1). Die Werbung der deutschen Konzerne ist für sie also bitter notwendig. Mit der Wahrheit darf man es da nicht so genau nehmen.

Von glücklichen Tieren kann natürlich keine Rede sein. Einem Masthähnchen wird nur eine Lebensdauer von fünf Wochen zugestanden. Die normale Lebenserwartung eines Huhns liegt bei rund 15 Jahren. Nach einigen Tagen in der Aufzuchtanlage landen die Küken, im Übrigen nicht nur die männlichen, in großen, fensterlosen Hallen, wo sie bei Dauerbeleuchtung und Kraftfutter täglich bis zu sechs Prozent ihres Körpergewichts zunehmen. Sind sie ausgewachsen, drängeln sich die Tiere enger als ihre Artgenossen in der Legebatterie. Der Gesetzgeber ist der Ansicht, dass ein Quadratmeter genug Lebensraum für 25 Tiere bietet. Doch eine Verordnung, die dieses Platzangebot regelt, existiert überhaupt nicht,was der Tierhaltungsexperte Prof. Hans-Hinrich Sambraus von der TU München bestätigt: „Es gibt höchstens Empfehlungen. Weil es die oberste Prämisse der Mäster ist, billig zu produzieren, unterschreiten nur die wenigsten diese Besatzdichte.“ Laut Tierschützern sterben bis zu acht Prozent der Tiere bereitswährend der Mast.(2) „Besonders schlimm ist, dass sich in der Massentierhaltung niemand um einzelne erkrankte Tiere kümmern kann“, erklärt Sambraus.

Die Firma Wiesenhof ist einer der größten Vertreiber von Hähnchenfleisch in Deutschland. Erst im Juni kündigte Wiesenhof an, ihre größte Brutanlage in Möckern auszubauen. Dort sollen künftig nicht mehr 50, sondern 60 Millionen Küken pro Jahr schlüpfen. Jahrelang warb Wiesenhof nicht nur mit der Prominenz der allseits bekannten Ex-Eisprinzessin Katarina Witt, sondern auch mit einer angeblich lückenlosen Herkunfts- und Qualitätsgarantie. So kann man beispielsweise im Internet-Auftritt von Wiesenhof über die angeschlossenen Mastbetriebe nachlesen: „Ausgewählte Landwirte garantieren persönlich die kontrollierte Aufzucht. Bei der Regulierung des Stallklimas und der Versorgung der Tiere achten sie auf naturnahe Bedingungen. Mit der Einhaltung von Nacht- und Ruhephasen nehmen die Landwirte Rücksicht auf den natürlichen Biorhythmus der Tiere.“ Als besonders tiergerecht angepriesen werden die „in der Regel offenen Ställe“ und die regelmäßigen „tierärztlichen Kontrollen“.(3) Angesichts der immer wieder an die Öffentlichkeit gedrungenen Bilder kann der Vorwurf der Verbrauchertäuschung wohl nur schwer von der Hand gewiesen werden.

Schon vor fünf Jahren geriet Wiesenhof in die Kritik. Nach Fernsehberichten, in denen Haltungsbedingungen in bayrischen Betrieben dokumentiert wurden, die gar nicht recht ins suggerierte Bild der artgerechten Tierhaltung passten, kündigte Wiesenhof eine weitreichendere Kontrolle an. Die Veterinärmedizinerin Dr. Bettina Maurer erklärte jedoch schon damals, dass die Aufnahmen keinesfalls nur wenige schwarze Schafe enttarnten. „Genauso leben sämtliche Masthühnchen in Deutschland, die man später im Supermarkt kaufen kann.“ (4)

Also nur Lippenbekenntnisse von Wiesenhof? Neuere Aufnahmen aus Niedersachsen liefern die wohl erschreckendsten Bilder, die je in deutschen Geflügelställen gemacht wurden. Die Bedingungen, unter denen die Hühner und Hähne dahin vegetieren, sind noch katastrophaler als in Bayern. Auf dem Boden liegen zahllose kranke, sterbende und tote Hühner, teilweise in fortschreitend verwestem Zustand. „Es sieht so aus, als wenn hier vom ersten bis zum letzten Tag kein Mensch herein kommt, und die Hühner bis zum Ausstallen sich selbst überlassen werden“,berichtet ein an den Recherchen beteiligter Tierrechtler.

Die Mortalität ist in den ersten Tagen besonders hoch.Viele tote Tiere liegen zwischen den lebenden.Von Hygiene oder tierschutzgerechter Aufzucht kann hier keine Rede sein.Auch wenn Hühner Nestflüchter sind und nach dem Schlüpfen sofort auf Nahrungssuche gehen können, pflegen die Jungtiere einen intensiven Kontakt zu den Muttertieren. Menschen sind kaum in der Lage nachzuempfinden, welchen psychischen Stress die Küken durch die Trennung von der Mutter erleiden. Da gerade in den ersten Tagen die Temperatur im Stall mit weit über 30 Grad Celsius sehr hoch ist, müssten die Mäster besonders strenge Kontrollen durchführen, denn unter diesen Bedingungen schreitet der Verwesungsprozess bedeutend schneller voran. Doch dem Tiefkühlprodukt sieht man nicht an, dass es neben toten Artgenossen aufgewachsen ist.

Mit zunehmendem Alter können die Beine der Tiere das Körpergewicht nicht mehr tragen. Knochen und Herz-Kreislauf-System brechen unter der Turbo-Mast zusammen. Stärkere Tiere kannibalisieren ihre sterbenden Leidensgenossen. Das sogenannte Beinschwäche-Syndrom tritt verstärkt ab der dritten Mastwoche auf. Es wird auf das Missverhältnis von Knochenund Muskelwachstum zurückgeführt. Die Hühner liegen größtenteils flach auf dem Boden und strecken die Beine von sich, was für diese Tiere eine unnatürliche Haltung ist und auf die Erkrankung hinweist. Selbst wenn sie körperlich noch zur Fortbewegung in der Lage wären, würde die Enge in den Hallen dies verhindern. Während der gesamten Mastperiode kann der Stall nicht vom Kot der Tiere gereinigt werden. Die Hühner verbringen somit ihr ganzes Leben auf den eigenen Exkrementen. Kranke Tiere sind oft nicht mehr in der Lage, die Tränken zu erreichen und verdursten qualvoll.

Natürlich ist Wiesenhof nicht der einzige Hühnerquäl-Konzern. In direkter Nachbarschaft zum niedersächsischen Wiesenhof-Stall entdecken die Tierrechtler den Beweis. Hier mästet ein Landwirt für einen holländischen Schlachthof. Die Bilder in den Hallen unterscheiden sich kaum von den anderen aus dem zuvor untersuchten Betrieb. In einem Schuppen finden sich mehrere Säcke mit dem Antibiotikum Tetrazyklin, einem Arzneimittel, das, wenn es ins Mastfutter gemischt wird, eine zusätzlich Gewichtszunahme von fünf Prozent garantiert. Da der Preis für Geflügelfleisch nicht in Tieren, sondern in Tonnen berechnet wird, wäre dies ein lohnendes Geschäft. Seit 1976 ist der Einsatz von Tetrazyklin als Masthilfe auf Grund der zunehmenden Antibiotika- Resistenz verboten. „Es muss eine tierärztliche Diagnose vorliegen“, erklärt Professor Fritz Ungemach von der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Ungemach sieht durchaus Probleme bei der Kontrolle der Medikamentengabe: „Der Wirkstoff darf auch zur Vorbeugung verabreicht werden. So ist es denkbar, dass unter therapeutischem Vorwand eine Maststeigerung kaschiert wird. Das ist im Einzelfall aber nur sehr schwer nachzuweisen.“ Haltern von Haustieren wird empfohlen, tetrazyklinhaltige Arzneimittel nicht während des Wachstums der Tiere anzuwenden, da es die Entwicklung der Skelettknochen hemmen kann. (5) „In der Hühnermast kann sich dieser Effekt aber nicht auswirken, weil die Tiere dafür nicht alt genug werden“, sagt Ungemach.

Nach fünf Wochen Intensiv-Mast werden die Hühner entweder von Sammler-Kolonnen oder von moderneren Geflügel-Fangmaschinen, die durch die Hallen rollen und die Tiere durchRohre aufsaugen, in kleine Transportkisten gezwängt und auf holländische LKW verladen. Dies geschieht bei Nacht.Tiertransporter auf den Straßen sollen der deutschen Öffentlichkeit lieber verborgen bleiben. Nach zwei Stunden Fahrt ist der GPS-Geflügelschlachthof in Nunspeet (GPS = Gecombineerde Pluimvee Slachterijen) in der Nähe des Ijsselmeeres erreicht. Hier endet für die Tiere ihr kurzes Leben, aber nicht ohne eine letzte Tortur. An den Füßen werden sie ans laufende Fließband gehängt. Das automatische Messer, das ihnen die Halsschlagadern durchtrennt, bedeutet endlich die Erlösung. 120 000 Tiere kann ein großer Schlachthof am Tag „veredeln“, wie die Fleischindustrie die Verwandlung eines lebenden Tieres in ein verschweißtes Stück Fleisch nennt.

Auch die niederländische Geflügelfleischwirtschaft verfügt über ein sogenanntes Qualitätssicherungssystem, die Integrierte Kettenüberwachung (IKB). 3700 Unternehmen aus Zucht und Mast sowie Futterlieferanten und Tierärzte haben sich der IKB angeschlossen, darunter auch der Nunspeeter Schlachthof und 259 Betriebe in Deutschland. Auch die IKB wirbt mit angeblich intensiver Kontrolle ihrer Betriebe in Bezug auf Fleischqualität und Tierschutz.(6) Ein Großteil der 903 500 Tonnen in Holland geschlachteten Geflügelfleisches wird wieder exportiert. 7 Die Tiere, die in Nunspeet der Kühlkette zugeführt werden, kommen in Deutschland zum Beispiel unter dem Markennamen Astenhof in die Supermärkte.

2003 wurden in Deutschland 493.240 Tonnen Hähnchenfleisch erzeugt.(8) 17 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Insgesamt wurden in deutschen Ställen knapp 500 Millionen Masthähnchen gehalten. Jedoch werden nur 50% des hier gegessenen Fleisches auch in Deutschland produziert. Die Hälfte wird aus dem Ausland importiert. Es sieht wahrlich nicht so aus, als ob die grausigen Bilder der Massentierhaltung bald der Vergangenheit angehören sollten.



Quellenangaben:

1. Westfälisch Lippischer Landwirtschaftsverband, http://www.acwl.de

2. Bundesverband der Tierversuchsgegner, Flugblatt zur Hühnermast

3.Wiesenhof-Homepage http://www.wiesenhof.de

4.ARD „Monitor“ vom 30. 9. 1999

5. Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Zürich, http://www.vetpharm.unizh.ch

6. Informationsbüro der niederländischen Geflügelwirtschaft, http://www.gefluegel-info.de

7. ZMP-Nachrichten Nr. 29/00 (ZentraleMarkt- und Preisberichtsstelle für Erzeugnisse der Land- Forst und Ernährungswirtschaft) http://www.zmp.de

8. ZMP-Nachrichten 12. 3. 2004 (Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle für Erzeugnisse der Land- Forst und Ernährungswirtschaft), http://www.zmp.de


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