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20.01.2009

Ihre Waffe ist die Rute: Angeln - das mörderische Hobby

Ihre Waffe ist die Rute: Angeln - das mörderische Hobby

von Wolfgang Siebert



Markerschütternd jault ein Beagle im Tierversuch. Mit Tränen in den Augen sehen wir, wie dem Nerz das Fell abgezogen wird. Ohnmächtig vor Wut stehen wir vor dem Zirkuswagen, in dem der Elefant sich nicht mal herumdrehen kann und wenn ein Rehkitz aus dem Hinterhalt niedergeschossen wird, dann wollen wir dem Jäger den Hals herumdrehen.Wir nehmen Anteil am Schicksal dieser Tiere. Wir leisten Widerstand gegen ihre Unterdrückung. Wir sprechen für sie, weil sie nicht sprechen können, wir demonstrieren für sie, weil sie nicht demonstrieren können und wir kämpfen für sie, weil sie nicht kämpfen können. Doch wie sieht es mit unseren Emotionen, unserer Empathie und unserem Einsatz aus, wenn die Tiere kein weiches Fell haben, keine warmen, braunen Augen? Wie wichtig sind sie uns, wenn sie kalt und glitschig sind, wenn wir sie kaum lebend zu Gesicht bekommen, weil sie nur unter der Wasseroberfläche lebensfähig sind? Die Redaktion der Tierbefreiung sagt, dass Fische genauso ein Recht auf unsere Solidarität haben wie alle anderen Tiere. Deshalb ist ihnen in dieser Ausgabe die Titelstory gewidmet.

„Angeln beginnt dort, wo die Notwendigkeit des Fischfangs zum ausschließlichen Lebensunterhalt nicht mehr gegeben ist,wo Fische in der Freizeit zur persönlichen Verwendung gefangen werden.“ So beginnt der „Ehrenkodex“ des Deutschen Anglerverbandes (DAV). Im Gegensatz zu den Berufsfischern, die stocksteif behaupten, dass ihre Ermordung von Tieren für die Ernährung der Menschheit unerlässlich und deshalb gerechtfertigt ist, geben die Angler also ganz offen zu, dass sie aus rein egoistischen Motiven und zum Zeitvertreib Fische töten. Freilich folgen im Ehrenkodex zahlreiche Rechtfertigungen, warum Angeln eben doch unerlässlich für die Gesellschaft ist. Unzählige dieser „vernünftigen Gründe“, die das Tierschutzgesetz fordert, damit ein Tier getötet werden kann.Von Tradition ist da die Rede, von Erholungswerten, von Gewässer- und Uferschutz und natürlich von der Hege der Fischbestände. Im Unterschied zu den Jägern geben die Angler ganz offen zu, dass sie vor allem die Tiere abschlachten, die sie zuvor im Wasser ausgesetzt haben. „Ernten kann nur der, der auch sät“, so DAV-Präsident Bernd Mikulin kürzlich in einem Interview mit der Deutschen Presse Agentur. Wenn fast alle Pseudo-Entschuldigungen für den Mord an leidensfähigen Individuen verbraucht sind, dann trifft immer noch die ökonomische Keule ins Ziel. 1000 Euro gibt angeblich der durchschnittliche Angler in Deutschland jedes Jahr für sein Hobby aus. Und da schätzungsweise 3,3 Millionen Deutsche jedes Jahr zur Rute greifen, hängen laut Bernd Mikulin insgesamt 52.000 Arbeitsplätze am Haken.Wen interessieren bei einem solch immensen Wirtschaftsfaktor schon die Schmerzen eines Fisches, wenn sich ihm das spitze Metall durch die Unterlippe bohrt?

Noch größer als der Deutsche Anglerverband mit seinen 240.000 Mitgliedern ist der Konkurrenzverband VDSF (Verband Deutscher Sportfischer). In ihm sind auf Bundesebene ca. 700.000 Angelfischer in ca. 7000 Vereinen und 25 Landesverbänden zusammengeschlossen. Noch vor wenigen Jahren verneinten offizielle Vertreter dieses Verbandes die Leidensfähigkeit von Fischen. Heute sind die „Sportfischer“ auf ihrer Homepage bemüht, den eigenen Namen zu entschuldigen, um nicht in ein schlechtes Licht gerückt zu werden. Dort heißt es: „Der Name Sportfischer ist ein Traditionsname, er diente früher zur Abgrenzung gegenüber den Berufsfischern. Dieser Name soll den einzelnen Angelfischer auf die Pflicht zu einem fairen Umgang mit der Kreatur hinweisen.“ Was an einem sportlichen Wettstreit zwischen Mensch und Fisch fair sein soll, bleibt unbeantwortet. Schließlich steht der Verlierer schon im Vorhinein fest.

Dass die Angler sich selbst auch untereinander in einem sportlichen Wettstreit sehen, das beweisen die zigtausend Fotos, auf denen sich Woche für Woche Angler mit ihrer „Beute“ ablichten lassen. Nachdem sie einen Fisch aus dem Wasser gezogen haben, gibt es offensichtlich nichts Eiligeres als ein Beweis-Foto zu schießen und dieses in einschlägigen „Fachmagazinen“, im Internet oder an der Wand des Vereinsheims zu veröffentlichen. Wer hat den größten, längsten und schwersten? Diese Fragen sind für den deutschen Hobby-Angler offenbar sehr bedeutend. Bedeutender jedenfalls als „Wer hat die schönste Uferböschung?“ oder „Wer hat den saubersten See?“ oder „Wer hat den größten Artenreichtum?“ Die auf den Beutefotos signifikant hohe Zahl an paramilitärischen Bekleidungsstücken, in denen sich die Angler selbst feiern, lassen gar befürchten, dass viele Angler sich selbst gar nicht als Sportler, sondern vielmehr als Soldaten in einem Krieg verstehen.

Die Angel ist ihre Waffe und der Fisch ist der Feind, den es zu überlisten und zu vernichten gilt. Ihre eindrucksvollsten Fänge lassen sich die Angler präparieren.Wie bei einem Olympiasieger, der seine Medaillen in einer Glasvitrine sammelt, werden diese „Trophäen“ als ewige Erinnerung an glanzvolle Leistungen im heimischen Wohnzimmer aufgebahrt. Dabei haben die Angel-Verbände schon seit Jahrzehnten die erforderlichen Strukturen, um ihren „Sport“ auch tierfreundlich auszuüben: Das sogenannte Casting. Hierbei geht es nicht um das Fangen von Fischen, sondern um genaues oder weites Werfen von künstlichen Fliegen oder Gewichten mit Angelruten. Der Wettkampf besteht aus neun unterschiedlichen Disziplinen und wird auf Rasen-Sportplätzen ausgetragen. Es gibt sogar Welt- und Europameisterschaften. Was fehlt, ist der „Kick“ am Auslöschen von Lebewesen.Vermutlich auch deshalb führt der Castingsport ein Dasein als Randsportart und ist selbst den meisten Anglern völlig fremd.

Wer in Deutschland angeln will, muss offiziell gewisse Voraussetzungen erfüllen, die jedoch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind. In der Regel muss nach einer bestandenen Fischerprüfung beim Ordnungsamt ein Fischereischein erworben werden. Danach muss sich der Angler noch einen Fischereierlaubnisschein von dem jeweiligen Besitzer oder Pächter des Gewässers besorgen, in dem geangelt werden soll. In Bayern können schon Kinder ab zwölf Jahre die Fischerprüfung ablegen. Zugelassen wird nur,wer 30 Stunden Teilnahme an einem Ausbildungskurs nachweisen kann. In der Prüfung werden 60 Fragen gestellt, für deren Beantwortung die Absolventen im Durchschnitt 20 Minuten benötigen. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer bestehen die Prüfung. Anschließend gibt es gegen eine geringe Gebühr eines Jahres-, Fünfjahres- oder lebenslang gültigen Fischereischein. De facto ist die Erlaubnis, um Tiere zu töten, sehr viel einfacher und kostengünstiger zu erwerben, als die Erlaubnis, ein Auto zu fahren. Dennoch ignorieren viele Angler die Vorschriften. Die Zahl der Wilderer ist deutlich größer als unter den Jägern.Auch scheint es eine Art stille Übereinkunft an der Angler-Basis zu geben, dass Fischereischeine und -prüfungen bürokratischer Nonsens sind. So gestattet die Zeitung „Die Zeit“ ihrem Autoren Harald Martenstein eine Kolumne, in der er sich über die Vorschriften lustig machen darf. Seinem Sohn wollte er das Angeln beibringen, schrieb er, und wurde im Angelshop gleich mit der Frage nach Fischereischein und Angelkarte konfrontiert. Daraufhin sagte er zu seinem Sohn: „Das männliche Rollenmodell, das ich dir, mein Sohn, jetzt vorlebe, ist das Rollenmodell Wilderer.“ Am Fluss angelten die beiden dann Bleien und Günstern, die sich angeblich zu stark vermehrt hatten.Weiter geht es in der Kolumne mit einem Plädoyer für das Vertrauen ins ökologische Bewusstsein der Angler ohne Angelschein: „In den Anglermerkblättern steht, dass man alle Mindestgrößen-Vorschriften vergessen soll, sofern es um Bleie und Güstern geht. Man soll so viele wie möglich rausangeln und die Fische notfalls wegwerfen. Die Sache ist ökologisch aus dem Ruder geraten. Warum? Weil es nicht genug Angler gibt. Nicht genug Angler aber gibt es, weil man, um angeln zu dürfen, fragwürdige Sätze auswendig wissen muss: ,Fische im Sinne des Landesfischereigesetzes sind auch Krebse.‘“ Allein in Brandenburg und Berlin hat der Landesanglerverband 96.400 Mitglieder in 1600 Vereinen. Brandenburg ist in jüngster Vergangenheit ins Gerede gekommen, weil das Angeln hier nach den Sommerferien in den offiziellen Schullehrplan aufgenommen werden soll. In Zusammenarbeit mit Angelvereinen sollen laut Bildungsministerium „die Schülerinnen und Schüler zur Naturverbundenheit, zur schöpferischen Neugier, Heimatliebe und zur Achtung der Flora und Fauna“ erzogen werden. Zahlreiche große Tierschutzorganisationen beschwerten sich bei der Landesregierung Brandenburgs. PETA etwa verwies auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart, in dem ausdrücklich die Äußerung zugelassen wurde, „dass Angeln die Empfindungslosigkeit und die Ignoranz gegenüber dem Leben verstärkt und zur erheblichen Verrohung der Gesellschaft beiträgt und so der Grundstein gelegt werden kann, dass sich junge Menschen zu Gewalttätern entwickeln“. Selbst Wolfgang Apel – Präsident des Tierschutzbundes, aber wahrlich kein Tierschützer im wörtlichen Sinn (er tritt für eine Fischereierlaubnis für 16-Jährige ein) – fand in der Zeitschrift „natur&kosmos“ deutliche Worte. Er warf dem Geschäftsführer des Deutschen Anglerverbandes, Michael Winkel, die „Vergewaltigung von Kindern“ vor. „Es kommt ja auch keiner auf die Idee, ein Kind in den Schlachthof mitzunehmen, um seine Sensibilität zu erhöhen“, wird Apel zitiert. Im gleichen Artikel bestreitet Winkel das mittlerweile in zahlreichen Studien nachgewiesene Schmerzempfinden von Fischen. Er relativiert: „Es gibt neue Untersuchungen, die belegen, dass Fische aufgrund des Aufbaus ihres Gehirns nicht wie Menschen Schmerzen empfinden. Man kann nicht so tun, als ob das vergleichbar wäre.“

Auf taube Ohren stießen die Proteste am Angel-Unterricht bisher beim brandenburgischen Bildungsministerium. „Angeln ist hier bei uns ein Volkssport und auch bei Jugendlichen sehr beliebt“, ist der Sprecher des Ministeriums, Thomas Hainz, überzeugt. Für ihn ist das Thema viel zu überspitzt dargestellt worden. Es würde weder Noten noch Zeugnisse für den Angel-Unterricht geben. Vielmehr sei der Anglerverband einer von vielen Kooperationspartnern der über 100 Ganztagsschulen im Land. Wie viele dieser Schulen das Angebot des Schüler-Angelns am Nachmittag annehmen wollen, darüber hat Hainz keinen Überblick . Beschwerden würden sehr ernst genommen. Und davon gab es reichlich, nicht nur von Tierrechtlern und Tierschützern. So berichtet Hainz auch vom Anruf eines Gewässerexperten, der darauf hinwies, dass Angler für schwerwiegende Verschmutzungen von Seen verantwortlich wären. Außerdem würden sie durch das Aussetzen von zu vielen und nicht heimischen Angelfischen das ökologische Gleichgewicht zerstören. Es bleibt zu hoffen, dass die Proteste weitergehen und auch, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler sich gegen das Töten als Unterrichtsfach zur Wehr setzen werden.

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