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26.01.2009

Interview mit Prof. Carlo Consiglio

Interview mit Prof. Carlo Consiglio

Interview mit Prof. Carlo Consiglio, Rom

Tierschützer weisen immer wieder auf die Grausamkeit der Jagd hin. Jäger dagegen behaupten immer wieder gerne, das "Stück" höre den Schuss gar nicht mehr, weil es bereits tot sei. Stimmt das?

Carlo Consiglio: Das stimmt nicht. Beispiel Vogeljagd: Zahlreiche wissenschaftlichen Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zahl der angeschossenen, aber nicht getöteten Tiere in der Jagd riesig ist. Röntgenuntersuchungen bei freilebenden Vögeln zeigten bei bis 65% der Kanadagänse und bis 62% der Saatgänse Bleischrot im Gewebe; dieses sei aber nur der eine Teil der angeschossenenen Vögel, weil andere Teil infolge der Verletzung gestorben sein müsse. Andere Untersuchungen betreffen die Zahl der angeschossenen und nicht geborgenen Vögel als Prozent der Gesamtheit der angeschossenen und tot oder noch lebend geborgenen Vögel; dieses Prozent schwankt zwischen 9% und 400%. Bei der Tarnhüttenjagd in südlicher Europa geht der Jäger aus der Jagdhütte und birgt die getötenen Vögel nur etwa alle eineinhalb Stunden, um die nahestehenden lebenden Vögel nicht erschrecken. Inzwischen entfernen sich einige verletzte Vögel zu Fuß, die nicht mehr fliegen können und die später vor Hunger oder Wunden qualvoll sterben. Eine weitere Untersuchung zeigt, dass die Zahl der verlorenen (nicht gefallenen oder nicht gefundenen) Vögel bei der Tarnhüttenjagd zwischen 12% und 25% der angeschossenen Vögel schwankt.

In Deutschland ist der Tierschutz 2001 in die Verfassung aufgenommen worden und im Koalitionsvertrag unserer Regierung wird die Novellierung des Jagdrechts unter Tierschutzaspekten angekündigt. Das Tierschutzgesetz sagt: "Man darf Tieren ohne einen vernünftigen Grund kein Leid zufügen." - Gibt es einen vernünftigen Grund für die Jagd?

Carlo Consiglio: Nein, niemand geht auf die Jagd um seine Nahrungsgrundlage zu sichern. Zumindest in den entwickelten Ländern gehen die Jäger nur zu ihrem Spaß und Lustgewinn – die Waidmänner sprechen von „Passion“ - auf die Jagd.

In Zeitungsartikeln über die Jagd ist immer wieder zu lesen, man müsse die Rehe bejagen wegen den Verbiss-Schäden. Stimmt die Behauptung der Jäger und mancher Förster, ohne Jagd würde kein Jungwald hochkommen?

Carlo Consiglio: Nein, denn selbst eine sehr geringe Zahl von nicht verbissenen Jungpflanzen sichert die Erneuerung des Waldes. Zahlreiche wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass der Verbiss durch Rehe und Hirsche sogar nützlich sei, weil es eine Zunahme der Biodiversität (hier die Artenvielfalt der Pflanzen) verursacht.

Jäger bezeichnen sich gerne als der Ersatz für ausgestorbene Großraubtiere wie Wolf, Luchs oder Bär. Stimmt es überhaupt, dass Beutegreifer die Pflanzenfresser regulieren?

Carlo Consiglio: Nein, dieses trifft nur für Wölfe und Elche in Europa zu. Im allgemein ist das Gegenteil wahr, nämlich dass die Verfügbarkeit von Pflanzenfresser die Größe der Populationen der Beutegreifer reguliert.
Auch was die selektive Tötung von kranken und schwachen Tieren betrifft leisten die Aufgabe nachweislich nur Beutegreifer, aber nicht die Jäger, so dass die Jäger kein Ersatz für ausgerottete Beutegreifer sind.
In allen geprüften Huftier- und Hasenpopulationen war die von Raubtieren verursachete Sterblichkeit so klein (von 1% bis 15%), dass sie keine Regulierung der Populationsgröße darstellte. Deshalb ist es nicht wahr, dass die Jagd als Ersatzmaßnahme für ausgerottete Raubtiere notwendig sei.
Die Jagd wird auch manchmal als Ersatzmaßnahme für Gemse und Steinböcke gefordert, die von Infektionskrankheiten betroffen sind. Aber in einigen Nationalparks, wo keine Tiere erschossen wurden, erlosch die Krankheit nach einigen Monaten natürlich.
Die Jäger haben auch keine Fähigkeit, kranke und schwache Tiere zu unterscheiden. Kruuk versuchte bei Feldsuntersuchungen mit Hyänen vorauszusagen, welches Gnu-Individuum von Hyänen zu erbeuten war, aber die Hyänen zogen immer ein anderes Individuum vor, das später bei einer vertieften Prüfung kranker herausstellte, als dasjenige, das Kruuk auf den ersten Blick ausgewählt hatte.

Als Grund für die Bejagung von Wildschweinen wird die starke Vermehrung angegeben. Inzwischen weisen selbst die einschlägigen Jägerzeitschriften darauf hin, dass die "Wildschweinschwemme" hausgemacht sei. Stimmt es, dass durch Kirrungen (Lock-Fütterungen) und durch die Störung des Sozialgefüges einer Rotte z.B. durch den Abschuss der Leitbache die Population durch die Jagd in die Höhe getrieben wird?.

Carlo Consiglio: Ja, tatsächlich existieren die Schäden durch Wildschweine nicht überall. Es gibt Wildschweinpopulationen, die in einem zahlenmäßigen Gleichgewicht leben und keine Schäden verursachen. Das hängt von menschlichen Eingriffen ab.
Wildschweine sind hauptsächlich Pflanzenfresser und haben die Eicheln als Nahrungsquelle, eine wichtige Ressource der Wälder. Die sogenannten Flurschäden kann man leicht und billig durch elektrischen Umzäunungen vermeiden.

Wie begegnen Sie Jäger-Argumenten der "Seuchenbekämpfung" und "Gefahrenabwehr"?

Carlo Consiglio: Diese Krankheiten können am besten vermeidet werden, wenn man die Wildtiere nicht jagt, weil in diesem Fall keine Kontakte zwischen Menschen und Wildtieren existieren.
Was Tollwut betrifft, war der bewaffnete Kampf gegen Füchse in Europa innerhalb von 40 Jahren (von 1940 bis 1978) verantwortlich für eine Zunahme der Geschwindigkeit der Verbreitung dieser Krankheit, die nur durch Impfung endlich gewonnen wurde.

Die Jagd auf Füchse und andere Beutegreifer wird auch mit der "Hege" des "Niederwilds" (Hasen, Bodenbrüter, Fasane usw.) angegeben. – Kritiker der Jagd halten dagegen, der Jäger wolle sich nur des Beutekonkurrenten entledigen.

Carlo Consiglio: Ja, die Füchse fressen hauptsächlich diese halb domestizierten Tiere, die in Besatzmaßnahmen freigelassen werden. Es handelt hier meistens um gezüchtete Tiere, die nicht wissen, wie sie ihr Futter finden sollen und ihre Räuber nicht kennen. Von diesen an das Leben in der Wildnis nicht angepassten Tieren stirbt meistens die Hälfte in den ersten zwei Wochen nach der Freilassung. Besatzmaßnahmen sollten abgeschafft werden und der Fuchs macht mit Recht seine Aufgabe.

Ist die Natur auch in unserer Kulturlandschaft in der Lage sich selbst zu regulieren?

Carlo Consiglio: Ja, alle natürlichen Tierpopulationen besitzen homöostatische Mechanismen, durch welche ihre Größe auf ein Niveau eingestellt wird, das an die verfügbaren Ressourcen angepasst ist. Dieses Niveau heißt "carrying capacity ". Sinkt die Größe der Population, so nimmt die Geburtenziffer zu und die Sterblichkeit ab, so dass diese Größe wieder nach dem vorigen natürlichen Wert strebt. Das Gegenteil geschieht, wenn die Größe der Population die carrying capacity überschreitet: Die Geburtenzahl wird reduziert, die Sterblichkeit nimmt zu. Dieses wirkt auch in unserer Kulturlandschaft, wo die Größen von vielen Tierpopulationen zu klein, nicht aber zu groß sind wegen der menschlichen Störung der Umgebung, so dass sie keine weitere Verminderung durch die Jagd brauchen.

Jäger argumentieren immer wieder: "Der Mensch jagt seit der Steinzeit". Oder: "Jagd ist ein Kulturgut". - Ist die Jagd im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß?

Carlo Consiglio: Nein, auch Sklaverei wurde vor enigen Jahrhunderten abgeschafft, aber niemand sagt, diese sei ein Kulturgut. Krieg wurde noch nicht abgeschafft, aber niemand würde im Falle seiner Abschaffung sagen, es sei ein Verlust eines Kulturguts. Die Kultur wechselt und entwickelt sich weiter, und die Jagd ist nicht mehr
zeitgemäß!

Wenn die Jagd unnötig ist und auch nicht als Kulturgut verstanden werden kann - welche eventuell psychologischen Motive treiben dann die Jäger auf die Jagd?

Carlo Consiglio: Einigen Psychoanalytikern zu Folge sind die in der Jagd eingesetzten Energien diejenigen der destruktiven Grausamkeit. Und die Sozialisierung dieser Aktivitäten ist eine psychologische Verteidigung, bei welcher der Mensch versucht, sich selbst zu dementieren. Ein begeisterte Entenjäger verlor in einer Untersuchung jedes Interesse für die Jagd, nachdem er lernte, dass seine Aggressivität in Wirklichkeit auf eine Person seiner Familie gerichtet war, von der er in der Kindheit unterdrückt wurde.
Andere Psychoanalytiker meinen, dass die wichtigsten Motivationen der Jagd seien, sich als Teil der Natur zu fühlen und das Vergnügen seiner eigenen Geschlicklichkeit.

Könnte man die Jagd von heute auf morgen beenden?

Carlo Consiglio: Ja, die Jagd kann von heute auf morgen beendet werden, wie dieses in Kanton Genf und in Region Brüssel geschieht. In diesen europäischen Gebieten wurde die Jagd abgeschafft, ohne jede ungünstige Folge für Natur.

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