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20.01.2009

Jagdgegner musste 80 Tage in den Knast

Jagdgegner musste 80 Tage in den Knast

Tierbefreiung sprach während seiner Haftzeit mit dem
Tierrechtler Andreas Schneider

Für 80 Tage musste Andreas Schneider ins Gefängnis. Und das nur, weil für ihn das Beschützen von Tieren vor blutrünstigen Menschen eine moralische Pflicht ist, nach der er handelte. Er weigerte sich, Geldbußen zu zahlen, zu denen er verurteilt worden war, weil er Go-ins in der „Unteren Jagdbehörde“ in Meschede durchgeführt hatte. Seit 1999 hatte Andreas außerdem aktiv die Jagd in seiner Heimatgemeinde Schmallenberg im Sauerland gestört. Nach vier Wochen Haft hatte die Tierbefreiung die Möglichkeit, ein Interview mit Andreas zu führen. Zunächst jedoch eine kurze Zusammenfassung des Falles.

Seit 1999 hatte der im Rollstuhl sitzende Andreas Schneider in unmittelbarer Nähe seiner damaligen Wohnung in Schmallenberg-Heiminghausen die Jagd aktiv gestört. Durch lautes Rufen und das Pfeifen auf einer Trillerpfeife verscheuchte er die Wildtiere vor den JägerInnen, die darauf gar nicht erfreut reagierten. Im August 2000 wurde er vom Amtsgericht Meschede für eine Jagdstörung erstmals zu einem Bußgeld von 400 D-Mark verurteilt. Schon damals weigerte Andreas sich, für seine lebensrettenden Aktionen Buße zu tun.


„Schrecken aller Waidmänner“


Die Jagdstörungen setzte er in einer solchen Häufigkeit fort, dass schon bald die Medien auf ihn aufmerksam wurden. Die Zeitung „Westfälische Rundschau“ erklärte ihn gar zum „Schrecken aller Waidmänner“ (WR vom 08.05.2001). Auch im WDR-Fernsehen lief ein Bericht über ihn in der Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“.

Immer wieder wurde Andreas angezeigt und zu Geldbußen zwischen 200 und 10000 Euro verurteilt. Mehrfach wurden ihm Haftstrafen angedroht. Der Gerichtsvollzieher rückte ohne etwas Pfändbares aus der Wohnung von Andreas ab. Auch die Vorlage einer eidesstattliche Versicherung, in der der gesamte Besitz, das Vermögen und das Einkommen offengelegt werden sollten, verweigerte Andreas.

Im Februar 2002 erhielt Andreas einen Antrittstermin für eine so genannte Erzwingungshaft in die JVA Hamm, den er jedoch verstreichen ließ. Eine Erzwingungshaft ist kein Ersatz für das Zahlen der Geldbuße, sondern soll vom Knast abschrecken und dadurch die Zahlung der Geldbuße über psychischen Druck erzwingen.


Nicht haftfähig


Andreas übermittelte der Polizei ein Attest seines Hausarztes, mit dem er nicht seine Verhaftung verhindern, sondern lediglich die Behörden auf seinen Gesundheitszustand hinweisen wollte. Die Folge dessen war, dass Andreas schließlich im September 2002 einem Amtsarzt vorgeführt wurde, der zu dem Ergebnis kam, dass Andreas weder „normal haftfähig“, noch „eingeschränkt haftfähig“ war.

Die Aussicht, dass Andreas’ Jagdstörungen nicht bestraft würden, ließen die Jäger und Jagdpächter zur Selbstjustiz greifen. Mehrfach wurde Andreas im Revier Geiecke mit eiskaltem Wasser übergossen. Einmal versperrte ihm der Jagdverpächter mit dem Pkw die Ausfahrt aus dem Wald, holte eine Gießkanne und Wasserkanister aus dem Kofferraum und übergoss Andreas unter wüsten Drohungen mit 50 Litern Wasser. Außerdem schlug der Mann mit der Gießkanne auf Andreas Kopf. Im Revier Berghausen IV geschah ähnliches. Andreas wurde der Weg abgeschnitten. Ein Mann zerrte ihm an den Haaren und rüttelte seinen Rollstuhl, dass Andreas fast herausgefallen wäre. Er verpasste Andreas Ohrfeigen und drohte, beim nächsten Mal würde er den Rollstuhl einen Berg hinabstoßen.

In beiden Fällen erstattete Andreas Anzeigen bei der Polizei. Beide Verfahren wurden eingestellt. Die Begründungen waren haarsträubend. Ein Richter bekundete fehlendes öffentliches Interesse, obwohl sich die Gerichte mit den Jagdstörungen intensivst befasst hatten. Im anderen Fall sprach der Richter sogar von einer Art Notwehrhandlung der Jäger, weil durch Andreas’ Verhalten die Jagd in dem Revier wertlos sei. Das Übergießen mit Wasser sei eine harmlose Reaktion. Grundsätzlich wurde also das Prinzip der Selbstjustiz gebilligt.


Schließung der Jagdbehörden


Da die Jagdstörungen nun für Andreas immer gefährlicher wurden, protestierte er ab April 2004 in den Räumen der „Unteren Jagdbehörde“. Im Juli bekam er ein schriftliches Hausverbot für das Kreishaus in Meschede, was ihn aber nicht abhielt weiterhin die Abschaffung der Jagd und die Schließung der Jagdbehörden dort zu fordern, wo die Verantwortlichen sitzen. In einem Flugblatt, welches er bei seinen (z.T. stundenlangen) Protesten verteilte, heißt es unter der Überschrift ‚Dies ist eine Aktion des zivilen Ungehorsams’: „Durch die zunehmenden Bedrohungen und Gewalttätigkeiten von JägerInnen und JagdverpächterInnen bleibt mir nichts anderes übrig, als Aktionen des zivilen Ungehorsams auf Jagdbehörden auszudehnen. JägerInnen führen einen Krieg gegen wehrlose und unschuldige Tiere, verbreiten Angst und Schrecken und bringen jedes Jahr bundesweit über fünf Millionen nichtmenschliche Tiere um.“

Bis Oktober 2004 setzte Andreas seine Demos fort, bevor er aus privaten Gründen den Hochsauerlandkreis verließ. Für elf Hausfriedensbrüche verurteilte ihn das Amtsgericht Meschede zu einer Geldstrafe von 80 Tagssätzen, die Andreas natürlich nicht zahlte. Auch einen Haftantrittstermin im Juli 2005 ließ er verstreichen. Am 8. September schließlich wurde Andreas trotz seiner Haft-unfähigkeit und obwohl er schon fast ein Jahr keine Aktionen mehr durchgeführt hatte, verhaftet und in die Justizvollzugsanstalt Bielelfeld Brackwede gebracht.

„Durch die Verhaftung haben sie mich wieder aktiviert!“

Interview mit Andreas Schneider

Frage: Hallo Andreas, du bist jetzt einen Monat weggesperrt. Siehst du denn jetzt endlich ein, dass man nicht einfach so gegen Tiermord demonstrieren und Tieren das Leben retten darf? Im Ernst: Würdest du anderen verurteilten TierrechtlerInnen nach deinen Erfahrungen raten, auch kleine Geldstrafen zu bezahlen, um den Knast zu vermeiden?

A. Schneider: Wer es sich im Knast anders überlegt, kann immer noch zahlen. Mir wurde mehrmals angeboten, am nächsten Tag raus zu können, wenn irgendjemand die Reststrafe bezahlen würde. Ich denke, es ist gut, die Erfahrung gemacht zu haben.


Du warst ja umgezogen und hattest eine Bescheinigung über Haftunfähigkeit. Deine letzte Demo war im Oktober 2004. Hattest du eigentlich noch mit einer Verhaftung gerechnet?

A. Schneider: Ich habe damit gerechnet, dass ich dann verhaftet werde, wenn ich nicht mehr damit rechne, und so war es dann ja auch. Ich habe das Gutachten auf Haftunfähigkeit nie als Freibrief betrachtet, aber nachdem die Jagdbehörde - in Absprache mit der Staatsanwaltschaft - so lange gezögert hat (nach der 11. Demo), mich anzuzeigen und auch keine weiteren Taten mehr erfolgt sind, gab es eigentlich keinen Grund mehr, mich noch einzusperren. Die Justiz hätte froh sein können, dass sie nun mit mir ihre Ruhe hat. Bis zu meiner Verhaftung war ich nicht mehr als Tierrechtler aktiv und hatte auch nicht mehr vor, noch einmal aktiv zu werden. Durch die Verhaftung haben sie mich jedoch wieder aktiviert, jedenfalls sehe ich das so, dass ich schon allein dadurch aktiv bin, dass ich hier sitze.


Wie lief das denn genau ab bei der Verhaftung?

A. Schneider: Zwei Polizeibeamte haben mich nachts um 4 Uhr aus dem Schlaf gerissen, wussten jedoch nicht, was sie tun sollten, als sie merkten, dass ich Rollstuhlfahrer bin und mich weigerte, die Geldstrafe zu zahlen. Nach einigen Telefongesprächen entschieden sie, mich vorerst nicht zu verhaften, wenn ich bereit wäre, um 14 Uhr anwesend zu sein, um die Sache mit der verantwortlichen Polizeibeamtin zu besprechen. Um 12 Uhr bekam ich einen Anruf, der aber sofort wieder aufgelegt wurde. Da ahnte ich, dass sie mich nun doch entgegen der nächtlichen Absprache festnehmen würden. 30 Minuten später standen zwei Zivilpolizisten und zwei Justizbeamte vor der Tür, um mich festzunehmen und in die Justizvollzugsanstalt Bielefeld Brackwede II zu bringen. Ich durfte noch ein paar Sachen packen. Mehrfach wurde mir Ratenzahlung angeboten, um die Verhaftung zu vermeiden, was ich jedoch ablehnte.


Dann wurdest du relativ schnell von Bielefeld in das Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg verlegt. Wurdest du dort besser behandelt?

A. Schneider: Leider nicht. Der Stationsarzt drohte mir „Wenn Sie mich nicht zum Feind haben wollen, sollten Sie sich jedes Wort gut überlegen“ und machte sich über meine Aktionen lustig: „Wer im Leben keinen Sinn sieht, muss sich eben einen suchen.“ Die Haftbedingungen waren wie im geschlossenen Vollzug. Die Zellen waren geschlossen und Telefonieren war nicht möglich. Obwohl das Personal immer behauptet hat, es würde sich um ein „ganz normales Krankenhaus“ handeln, zählt die Gesundheit der Gefangenen dort nicht viel, genau wie in JVAs.


Warum wurdest du dann schon bald wieder verlegt, diesmal nach Bochum?

A. Schneider: Das JVK war nur eine Zwischenstation, um meine Haftfähigkeit festzustellen und um einen Platz in einer Pflegeabteilung zu bekommen. Nachdem Hövelhof aus m.E. vorgeschobenen Gründen abgelehnt hat (angeblich könnte eine vegane Ernährung nicht gewährleiset werden, weil sie keine eigene Küche hätten und außerdem sei vegane Ernährung eh ungesund) wurde ich kurzfristig und ohne informiert zu werden (um einer Demo zuvorzukommen und einen Besuch zu verhindern) nach Bochum abgeschoben, die mich wohl nicht ablehnen konnten.


Es gab ja einige Soli-Aktionen. Hast du davon etwas mitbekommen?

A. Schneider: Im JVK Fröndenberg wurde per Fax, E-Mail oder Telefon gegen meine Inhaftierung protestiert, was ich von dem Stationsarzt und aus einem Zeitungsartikel erfahren habe. Eine Soli-Demo vor der JVA Bochum konnte ich in meiner Zelle gut hören.


In Bochum war deine Versorgung und das vegane Essen halbwegs in Ordnung? Hatten die dort schon Erfahrung mit veganen Gefangenen oder woran lag das?

A. Schneider: Nach der Inhaftierung von Iris Berger ist es in NRW kein Problem mehr, veganes Brot zu bekommen, weil die JVAs das Brot aus der JVA in Werl geliefert bekommen. Wenn die Versorgung hier besser klappte, lag das neben dem öffentlichen Druck und meiner deutlichen Ablehnung nichtveganer Sachen vielleicht auch daran, dass sie vom JVK Fröndenberg zuvor informiert wurden, mich vegan zu versorgen. Wenn ich nach meiner Verhaftung direkt nach Bochum gebracht worden wäre, hätte ich hier vielleicht die gleichen Probleme gehabt wie in Bielefeld oder Fröndenberg.


Wie haben denn die anderen Gefangenen auf dich und deine „Spezial-Versorgung“ reagiert?

A. Schneider: Ich habe mit den anderen Gefangenen bisher keine Probleme. Einige machen sich über mich lustig, ohne das aber bös zu meinen. Knast lässt sich mit Humor am besten ertragen, deshalb nehme ich ihnen das auch nicht übel. Schließlich müssen sie ja auch wesentlich länger hier bleiben als ich.


Von draußen stellt man sich das Leben im Knast extrem langweilig vor. Wie bekommst du die Zeit rum?

A. Schneider: Von 8.30 Uhr bis 11 Uhr habe ich Freistunde, das heißt, ich darf mich in der Zeit im Garten aufhalten. Dann gibt es Mittagessen und von 12.45 Uhr - 14 Uhr eine zweite Freistunde. Den Rest des Tages verbringe ich mit fernsehen, schlafen, lesen oder Briefe schreiben. Ich sehe das positiv; im Knast kann mensch sich mal für alles richtig viel Zeit lassen. Die meisten Gefangenen haben mehrere Jahre bis lebenslänglich bekommen. Was sind da schon 80 Tage?


Hast du viel Solidarität erhalten?

A. Schneider: Meine Freunde haben alles, was möglich war, gemacht, um mich zu unterstützen und durch Briefe und Besuche versucht, mir die Haftzeit erträglicher zu machen. Ich bedanke mich bei allen, die sich durch Briefe oder Postkarten, Demos oder auf andere Weise solidarisch gezeigt haben, vor allem bei der ASTI (Anti-Speziesistische Tierrechts-Initiative, Anm. der Red.) für die sehr gute Öffentlichkeitsarbeit und bei meinen Freunden, ohne die es für mich sehr viel schwerer gewesen wäre.


Was wirst du als erstes machen, wenn du wieder raus kommst?

A. Schneider: Darüber mache ich mir gar keine Gedanken.


Vielen Dank für deine Antworten.

Die Redaktion wünscht dir eine möglichst erträgliche Restzeit und viel Moral für die Zukunft.

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