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20.01.2009

„Keine Kleinigkeit“

„Keine Kleinigkeit“

Eine Rezension von "The Feminist Care Tradition in Animal Ethics" Hg. von Josephine Donovan und Carol J. Adams


Nein, ein fast 400 Seiten langes englischsprachiges Buch ist wirklich keine Kleinigkeit, das kann sich schon etwas hinziehen. Und zusätzlich: Soll man sich wirklich zu einer Zeit, in der Millionen Tiere schrecklich leiden und die Staatsmacht ihre Hand schwer auf TierrechtsaktivistInnen fallen lässt, mit ellenlangen theoretischen Erwägungen beschäftigen?

Was bringt das eigentlich für unseren politischen Alltag? In diesem Fall kann man durchaus sagen: einiges. Der springende Punkt bei diesen von den beiden Herausgeberinnen gut zusammengestellten feministischen Gedanken ist nämlich, dass sie alle an der Lebensrealität der Lebewesen anknüpfen und günstige, praktikable Ansatzpunkte bieten.

Feminismus ist bekanntlich nicht nur eine Veranstaltung für die Frauen, damit sie „gleich“ berechtigt wie die Männer werden – wobei immer die Frage offen bleibt: wozu berechtigt? Es gibt auch nicht „die“ Frauen oder „die“ Männer, genau so wenig wie es „die“ Tiere gibt. Diese willkürlichen patriarchalischen Verallgemeinerungen ziehen falsche Grenzen und schaden den Betroffenen sehr. Hier zuerst eine grundsätzliche Feststellung: Die „Caring“-Ethik, in der es vor allem um Mitgefühl und Solidarität geht, beruht definitiv nicht auf einer biologischen, angeborenen Güte und Nettigkeit von Frauen, die womöglich bei allen potenziellen Müttern mitgeliefert wird, sondern auf der bisherigen und gegenwärtigen Frauenrolle in der Gesellschaft und dem Verhalten der Frauen. Frauen sind nachweislich weniger auf Aggression und Gewalt ausgerichtet und erlauben sich auch, Gefühle und Sorgen zuzugeben. Diese den Frauen zugeschriebene Rolle kann sich allerdings auch gegen sie wenden, wenn sie dadurch zu Opfern werden, wenn ihnen die gesamte Verantwortung für Beziehungen und Familie, Haushalt und Versorgung aufgebürdet und sie von der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und von den höheren Rängen weitgehend ferngehalten werden.

Der Feminismus, von dem wir hier sprechen, strebt nicht nur mehr Lebenschancen für Frauen an, sondern bietet auch eine grundsätzliche Kritik der herrschenden Werte- und Gewaltstrukturen, der Leistungs-, Verwertungs- und Konsumlogik in der Gesellschaft an.

Die Herren der Welt essen Fleisch …

Und damit kommen wir zur Verbindungsstelle mit den nichtmenschlichen Tieren: In der herrschenden Hierarchie gilt der weiße, nichtbehinderte, heterosexuelle, wirtschaftlich erfolgreiche Mann als das angesehenste, wertvollste Lebewesen. Eine kluge amerikanische Feministin hat dazu bemerkt, dass dann wohl die weiße Frau und der nichtweiße Mann um die zweite Stufe auf der Leiter kämpfen müssen – so wie wir es jetzt in den USA bei den demokratischen AnwärterInnen um die Präsidentschaftskandidatur beobachten können. Die Tiere stehen auf der untersten Ebene der Hierarchie und sind jeder Willkür, Mord und Totschlag ausgeliefert.

Ihre Herrschaft über die Welt und die Lebewesen zeigen viele Männer auch in ihren konkreten Taten im Alltag: in der Gewalt in der Familie, beim Fleischessen und in der Jagd. Das Essen von Fleisch, gern auch in großen Mengen, wird gesellschaftlich als Zeichen von Männlichkeit und Kraft betrachtet, jede Fleischreklame spielt auf die männlichkeitsfördernde, potenzsteigernde Wirkung des Fleischverzehrs an.

… und töten auch persönlich

Bei der Jagd, die zu mehr als 90 % von Männern ausgeübt wird, ist die patriarchalische Freude an der Gewalt, am Drohen und Töten ganz offensichtlich.

Diese Gewalt wird in verschiedener Form gegen verschiedene Lebewesen gerichtet, hängt aber meistens zusammen. So zeigt Carol Adams, wie brutale Ehemänner ihre Frauen und Kinder auch erpressen, indem sie die Tiere in der Familie bedrohen oder misshandeln.

Sogar die Argumente, warum man Frauen und Tiere an ihrem untergeordneten Platz halten soll, klingen sehr ähnlich und haben sich in den letzten 300 Jahren auch nicht grundlegend verändert. Dies zeigt Catharine A. MacKinnon in ihrem Artikel „Of Mice and Men: A Fragment on Animal Rights“.

In „The Feminist Care Tradition in Animal Ethics“ sind im ersten Teil die großartigen „klassischen“ Aufsätze aus den 80er und frühen 90er Jahren von Carol J. Adams, Josephine Donovan, Marti Kheel, Brian Luke und anderen AutorInnen noch einmal zusammengestellt, und der zweite Teil besteht aus neueren Beiträgen, die über die Erfahrungen der letzten Jahre berichten und die Gedankengänge weiterführen, wie z. B. Grace Clement in „The Ethic of Care and the Problem of Wild Animals“. Dieses geschickte editorische Konzept ergibt ein hochinteressantes Buch, auch das nette, selbstironische Bild am Umschlag trägt dazu bei, dass man es gern in die Hand nimmt.


Kommen wir nun aber zum Grundgedanken zurück: Was bringen uns das alles in der täglichen politischen Arbeit? Mehr als man meinen möchte, weil es uns davon abhält, in denselben ausgetretenen Bahnen weiterzudenken, in denen sich die Tierausbeutung überhaupt erst entwickeln konnte. Die Trennung von Kultur und Natur, von Rationalität und Gefühl führt unter anderem dazu, dass die angeblich naturnahen und darum irrationalen Lebewesen weniger wert sind und ausgebeutet werden dürfen. Frauen gelten übrigens auch als naturnah, weil sie bekanntlich dauernd gebären, stillen und total instinktgesteuert agieren.

Mit dieser Ablehnung eines „Diktats der Rationalität“ ist allerdings nicht gemeint, dass man unlogisch und sprunghaft herumhampeln soll, sondern dass es gilt, die Fiktion zu überwinden, dass die angeblich rein sachlichen „Experten“-Entscheidungen frei von Gefühlen und Interessen getroffen werden und dass wir unsere Parteinahme für gequälte und ausgebeutete Lebewesen sorgsam vom Verdacht auf Gefühl und Mitgefühl rein halten müssen, damit sie nicht etwa unseriös wirkt.

Interessant ist auch der Gedanke, dass der Begriff Tierrecht eher als Arbeitstitel und im Unterschied zu Tierschutz nützlich ist und nicht als der Weisheit letzter Schluss gelten kann. Im ökofeministischen Denken stehen die Gemeinschaft und die Beziehungen im Vordergrund und nicht individuelle Rechte. Als bürgerliche Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert nutzen sie einem einzelnen Lebewesen erst dann, wenn es finanziell und politisch in der Lage ist, sie durchzusetzen.

Der Mensch als Maßstab?

Es kann auch nicht schaden, unsere Argumentationsstrategien zu überdenken, warum wir dagegen sind, dass Tiere ausgebeutet und umgebracht werden. Weil manche Tiere so gescheit sind, dass sie sogar Englisch lernen können? Weil manche von ihnen nur ein paar Chromosomen von uns verschieden sind? Weil sie – wie wir – denken und planen können, Bewusstsein haben und fühlen? Keine schlechten Argumente, aber trotzdem nicht ungefährlich, weil der Mensch und die Ähnlichkeit mit ihm weiter das Maß der Dinge bleibt. Schließlich können sich auch Lebewesen, die nicht Englisch sprechen können, einwandfrei verständigen, und dass alle Lebewesen nicht gequält und getötet werden wollen, ist für alle unbefangenen BeobachterInnen offensichtlich und bedarf eigentlich keiner komplizierten Begründung. Wir sollten einmal versuchen, nicht aus der Position der Schwäche heraus zu argumentieren. Und wo es hinführt, wenn der (männliche) Mensch als das Maß aller Dinge gilt, sehen wir täglich mit Schrecken.

Déjà vue

Der gute alte feministische Grundsatz „Das Private ist politisch“ bedeutet nicht nur, dass man das Abschieben in die Vereinzelung und ins angeblich Unpolitische nicht akzeptiert, sondern auch, dass jedem Wesen seine Individualität zu gestanden und dass es im Kontext seiner politischen und persönlichen Interessen gesehen wird. Die feministische Ethik ist weitgehend praktisch und kontextbezogen, in verschiedenen Situationen sind unterschiedliche Lösungen richtig, natürlich nicht willkürlich und wahllos, sondern den konkreten Fragen und Problemen angepasst. Es geht also nicht um konstruierte Rettungsbootbeispiele, sondern um die Suche nach dem jeweils Richtigen, Umsetzbaren, persönlich Angemessenen.

Nicht selten bekommt man beim Lesen des Buchs das Gefühl, dass in diesen Aufsätzen endlich das gut formuliert ist, was man sich ohnehin schon oft gedacht hat.

Am besten liest man dieses Buch nicht als Manifest – auch die Caring-Ethik ist kein Allheilmittel und kein Patentrezept – und auch nicht als heiliges Buch – obwohl es manchmal ein bisschen spirituell wird, aber das ist ja nicht ansteckend –, sondern als eine wertvolle Sammlung von Denkanstößen und Anregungen, brauchbaren Analysen und Erfahrungsberichten.

Meiner Meinung nach ist dieses Buch also in keiner Weise eine Zeitverschwendung, ganz im Gegenteil. Der Dollar steht auch günstig, es ist also nicht teuer, und man könnte gleich das Wörterbuch herauskramen und mit dem Lesen anfangen, es muss ja nicht von vorn bis hinten und alles auf einmal sein.


Susi Harringer

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