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20.01.2009

Klettern lernen für die Freiheit

Klettern lernen für die Freiheit
Angeschossen oder als Haustiere lästig geworden: In einer Quarantänestation auf Sumatra bereiten sich Orang-Utan-Kinder auf ihre Freilassung vor. Von Andrea Six
Hugo ist nicht gern allein. Sobald er keinen Körperkontakt zu einem Betreuer hat, wimmert er, leise und herzerweichend. Zur Not akzeptiert er es dann, von einer britischen Studentin auf dem Gelände der Quarantänestation Batu Mbelin auf Sumatra, Indonesien, herumgeschleppt zu werden. Am liebsten schmiegt sich das wenige Monate alte Orang-Utan-Baby aber an Rachmad Wahyudi, seinen Ersatzvater und Tierarzt in der Station. «Das ist wie mit einem Menschenbaby», erklärt der Veterinär mit leicht erschöpftem Blick. «Nachts lässt er mich nicht schlafen, will seine Milch oder muss gewickelt werden.» Vor dem Abschied, wenn Hugo in den Regenwald ausgewildert wird, fürchtet sich Wahyudi allerdings jetzt schon ein bisschen.

Hugo ist ein Waisenkind wie viele der 22 Orang-Utans, die hier auf ihre Auswilderung warten. Sie sind auf Märkten oder beim Zoll beschlagnahmt worden oder zum Beispiel weil Privatleute sie verbotenerweise als Haustiere gehalten hatten.
«Orang-Utan-Babys einzufangen und als Haustiere zu verkaufen, ist leider ein lukratives Geschäft», sagt Oliver Seeger von der schweizerischen Entwicklungshilfeorganisation Paneco mit Sitz in Berg am Irchel und in Medan auf Sumatra, welche die Quarantänestation aufgebaut hat. Die Tierfänger töteten zu allem Übel auch noch die Mütter, wenn sie die kleinen Affen fangen wollten, um die Sache zu erleichtern

Bekannt ist, dass Orang-Utans durch die Abholzung des Regenwaldes zur Gewinnung von Tropenhölzern gefährdet sind. Gefällt werden auch die für die Affen lebensnotwendigen Fruchtbäume. Andernorts wird der Wald komplett gerodet, um Platz für Obstplantagen oder Patschuli-Kraut, welches den typisch orientalischen Duft in Parfums erzeugt, zu schaffen. Orang-Utans gelten hier nur als störendes Ungeziefer, das es zu beseitigen gilt.

Einst war der schwere Baumbewohner von China bis zur Insel Java verbreitet. Heute leben die einzigen Menschenaffen Asiens nur noch auf Sumatra und Borneo. Zu der seit Jahrzehnten fortschreitenden Vernichtung ihres Lebensraumes kommt jedoch noch eine neue, paradoxe Bedrohung: Die weltweiten Bestrebungen, auf den Klimawandel zu reagieren, steigern die Nachfrage nach umweltfreundlicheren Bio-Treibstoffen. Deren Grundlage ist unter anderem Palmöl. Der Rohstoff steckt ebenfalls in manchen Schokoladen, Waschmitteln und Margarinen. Etwa 80 Prozent der Palmöl-Produktion stammen aus Indonesien und Malaysia. Auf Kosten der roten Menschenaffen. Denn nun pflanzen die Indonesier Ölpalmen an, wo immer es geht. Quadratkilometer um Quadratkilometer breitet sich die grüne Monokultur im Land aus.
«Kein anderer Regenwald verschwindet schneller als der indonesische», sagt Seeger. Jedes Jahr werde eine Fläche von der Grösse Belgiens vernichtet. Auf Borneo verschlechtert sich die Situation zusehends. Sumatra scheint jedoch seine schwärzesten Jahre hinter sich zu haben. Die Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004 beendete den langjährigen Bürgerkrieg in der Provinz Aceh. «Seither wird es besser», sagt er. Man nehme das gesetzliche Abholzungsverbot und die Grenzen der Schutzgebiete auf Sumatra wieder ernst.

Der kleine Hugo hat daher heute gute Chancen, nach seiner Auswilderung zu überleben. In der Quarantäne-Station wird er zuvor aufgepäppelt, auf übertragbare Krankheiten untersucht und mit einem Mikrochip versehen. Bei komplizierten Verletzungen fliegt ein Westschweizer Chirurg ein und operiert Schusswunden und Knochenbrüche gratis. Manche Affenkinder auf der Station sind so verschüchtert, dass sie sich weigern, auf Bäume zu klettern. Mehrmals täglich setzt der Veterinär Wahyudi die Kleinen in einen Baum, um sie zum Klettern zu animieren. Wer alt genug ist, darf in den grossen Sozialisierungs-Käfig.

Besonders kluge Orang-Utan-Kinder, wie die dreijährige Carolin, nehmen hier die Jüngeren unter ihre Fittiche. Heute sitzt Carolin neben der zweijährigen, verängstigten Marnie. Schon bald wird sie Marnie die Angst nehmen und ihr ein paar nützliche Tricks beibringen.

«Der Aufenthalt in der Station soll möglichst kurz sein, damit die Tiere sich nicht zu sehr an den Menschen gewöhnen», erklärt Oliver Seeger. In einer Auswilderungsstation in Zentralsumatra werden die Menschenaffen schrittweise in die Freiheit entlassen. Sie erhalten immer weniger Futter, was sie zwingt, sich selbst im angrenzenden Waldgebiet zu versorgen. Wo die Station liegt, möchte Seeger nicht sagen. Schnell könnten geschäftstüchtige Anwohner eine Touristenattraktion wittern. «Wir wollen kein zweites Las Vegas», betont er. So eine Entwicklung gefährde den Erfolg der Auswilderung. Man habe das bereits früher mit anderen Stationen erlebt, die man dann habe schliessen müssen.

Seeger ist klar, dass erfolgreicher Artenschutz nicht auf die zu schützende Spezies beschränkt sein kann. «Auch die Lebensbedingungen der Menschen müssen verbessert werden.» Er setzt dabei auf nachhaltige Produktion in Landwirtschaft und Handwerk, Umweltbildung und Ökotourismus. Denn wirtschaftlich besser gestellten Gesellschaften bleibe auch mehr Sinn für den Naturschutz. Die Menschen können zudem den Regenwald nutzen, ohne ihn zu zerstören, indem sie beispielsweise Honig und pflanzliche Heilmittel oder Farbstoffe gewinnen. Eine derartige Nutzung verspricht einen besonders guten Schutz für den Wald und den Orang-Utan, denn «man schlachtet ja nicht die Kuh, die man melken will», so Seeger.


Der Orang-Utan: Affenliebe und Vergewaltigung
• Der Mensch teilt seine Gene zu 97,5 Prozent mit dem Orang-Utan. Bezeichnet man den Schimpansen als Bruder des Menschen, von dem wir uns in der Entstehungsgeschichte vor 6 Millionen Jahren trennten, so ist der Orang-Utan unser Cousin. Seine Urahnen spalteten sich vor 14 Millionen Jahren von unserem Stammbaum ab. • Es gibt zwei Arten des gelassenen, sozial eher reservierten Menschenaffen: den Pongo abelii auf Sumatra, knapp 7000 Tiere, und den Pongo pygmaeus auf Borneo, knapp 50 000 Tiere, mit dunklerem, runderem Gesicht. • Er ernährt sich nur von Nahrungsmitteln, die auch für den Menschen bekömmlich sind, wie Honig, Mangos, Eiern und Pilzen. • Weibliche Tiere werden mit 15 Jahren zum ersten Mal Mutter. Mit dem Einzelkind bleiben sie 8 Jahre zusammen, bis zur nächsten 8 Monate dauernden Schwangerschaft. Die Mutter-Kind-Bindung gilt als besonders innig. Als Kindsvater bevorzugen die Weibchen ältere, dominante Männchen. Vergewaltigungen durch junge männliche Tiere sind an der Tagesordnung. • Mit bis zu 90 Kilogramm wirken die männlichen Orang-Utans riesenhaft neben den nur halb so grossen Weibchen. Älteren Männchen wachsen Backenwülste im Gesicht, die ihnen als Schallverstärker bei röhrenden, dumpfen Rufen dienen. • Der Körperbau unserer Vorfahren sei, wie das Magazin «Science» kürzlich berichtete, teilweise dem des Orang-Utans ähnlicher als dem des Schimpansen. Während sich der Orang-Utan von einem elastischen Ast zum nächsten bewege, laufe er aufrecht auf den Füssen und zeige nicht nur, wie bisher vermutet wurde, das ursprünglichere Hangel-Klettern. Dies wirft ein neues Licht auf die Entstehung des aufrechten Ganges. • Auch eine rudimentäre Sprache mit mehreren Dutzend Lautäusserungen und regionalen Dialekten ist bei den Orang-Utans vorhanden. Darunter sind etwa quietschende Kuss-Laute als Warnung und die über weite Distanzen hörbaren «Long Calls» der ranghöchsten Männchen. (six.) Hörprobe im Internet: www.aim.uzh.ch/orangutannetwork/ Orangutancallrepetoires.html

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