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26.01.2009

Kurt Eicher: Die Wildschweinhysterie

Kurt Eicher: Die Wildschweinhysterie

Die Wildschweinhysterie und ihre Verursacher

Von Kurt Eicher

Zunehmend geistern Berichte durch die Medien mit Titeln wie: „Wildschweinschwemme“, „Schäden durch Wildschweine“ und „Mehr Wildschweine schießen“. Immer wieder wird darin auf die angebliche Notwendigkeit einer intensiven Bejagung von Wildschweinen hingewiesen. Die „Scharzkittel“ hätten sich über Gebühr vermehrt, woraus wiederum eine unmittelbare Bedrohung für die Landwirtschaft oder gar für Leib und Leben der deutschen Bürger abgeleitet wurde.

Nicht nur in der Jägerpresse werden die jagdlichen Streckenzahlen als Indikator für Zu- oder Abnahme der Wildschweinpopulation herangezogen. Da in den letzten Jahren die Zahl der von Jägern erlegten Wildschweine kontinuierlich anstieg, wird ein dramatisches Populationswachstum konstatiert. Die Online-Version der Jagdzeitschrift „Wild und Hund“ (2003) erläutert: „Im Durchschnitt der Jahre 1936 bis 1938 kamen im Deutschen Reich damaligen Zuschnitts 10.100 Sauen zur Strecke. Die bisherige Rekordstrecke im heutigen Deutschland wurde im Jagdjahr 1999/2000 mit fast 420.000 Stück Schwarzwild erreicht“.
Das Jagdjahr 2001/02 erbrachte dann die rekordverdächtige Steckenzahl von über 533 000 „Stück“ Schwarzwild, die im Jahr 2002/03 mit 512 000 getöteten Wildschweinen fast noch einmal erreicht wurde.
Der Vergleich zwischen den Zahlen aus den Jahren 1936-38 mit den aktuellen Daten aus dem Jagdjahr 2002/03 birgt dabei eine nicht zu vernachlässigende Unschärfe: Das Deutsche Reich von 1936 hatte eine deutlich größere Ausdehnung. Mit höheren Anteilen an Wald- und Naturflächen bot es einen wesentlich günstigeren Lebensraum für Wildtiere als das Deutschland von heute.
Dennoch ist die Zahl der pro Jahr von Jägern getöteten Wildschweine von 1936 bis heute um mehr als 5200 Prozent gestiegen! Der Abwesenheit natürlicher Beutegreifer kann – entgegen einer häufig anzutreffenden jägerischen Argumentation – dieser dramatische Zuwachs jedoch nicht bzw. höchstens am Rande angelastet werden. Immerhin sind Bär, Luchs und Wolf in Deutschland schon seit sehr viel längerer Zeit in Deutschland praktisch ausgerottet.

Bevor wir uns nun den verschiedenen Faktoren zuwenden, die für eine derartige Veränderung der Populationsgrößen verantwortlich sind, sollen zunächst eine grundlegende Aspekte der Wildschweinbiologie beleuchtet werden.

1. Zur Biologie des Wildschweins

Das Wildschwein lebt von Süd- bis Osteuropa in fast allen natürlichen und halbnatürlichen Lebensräumen. Es liebt aber besonders sumpfiges und morastiges Gelände, unabhängig davon, ob es nun bewaldet oder nur mit Gräsern und Sträuchern bewachsen ist. Männliche Tiere sind oft deutlich größer als die Artgenossinnen. Wildschweine leben in Gruppen (Rotten), die von den so genannten Leitbachen geführt werden. Die männlichen Tiere leben in losem Kontakt zur Gruppe und sind nur während der Paarungszeit enger angegliedert. Mit einer Körperlänge von 110 bis 180 cm und einer Schulterhöhe von fast einem Meter bei einem ausgewachsenen Keiler gehört das Wildschwein nicht nur zu den größten, sondern auch zu den wehrhaftesten Tieren europäischer Wälder. Eine Unterart in den Karpaten ist besonders kräftig gebaut und bringt bis zu 300 kg Gewicht (Keiler) auf die Waage, während das Normalgewicht dieser Tiere zwischen 35 kg (junge Bachen) und 160 kg (Keiler) liegt. (Reichholf, 1983)
Allgemein ist die geographische Verbreitung des Wildschweines meist von der maximalen Schneehöhe von ca. 50 cm abhängig, denn bei diesen Schneeverhältnissen ist ein Überleben im Winter gerade noch möglich. (Schneider und Schneider, 2003)

Die Fortpflanzungszeit der Wildschweine beginnt im Spätherbst mit der Brunft- bzw. Rauschzeit. Die Leitbache regelt hier mit ihren Duft- bzw. Signalstoffen, die man als Pheromone bezeichnet, das Fortpflanzungsgeschehen in der Rotte. In jagdfreien Gebeiten beteiligen sich die einjährigen Bachen noch nicht an der Fortpflanzung. Nach 12 – bis 14-wöchiger Tragezeit bringt die Bache ihre Frischlinge zur Welt. Die Jungtiere sind in den ersten Lebensmonaten allerdings gesundheitlich wenig stabil, so dass in unbejagten Gebieten der Nachwuchs gerade ausreicht, um den Bestand und damit die Art zu sichern. „Die Kindersterblichkeit bei den Wildschweinen ist außerordentlich hoch. Viele erreichen das erste Lebensjahr nicht. Im Laufe der ersten 7 Monate sterben nicht weniger als 55%“ , so erläutert Ognev (1968) die Lebenserwartung von Frischlingen in einem kaukasischen Naturreservat. Die Frischlingssterblichkeit hängt nicht zuletzt mit der körperlichen Konstitution der Bache zusammen: normal ernährte Bachen haben daher kleine Würfe. Dagegen führt die massive jagdliche Hege von Wildschweinbeständen mit Tonnen von (Kraft-)Futter – auch in Form von so genannten „Kirrungen“ - zu einer signifikanten Erhöhung des Anteils von Wildschweinen, die das Frischlingsalter überstehen. Überernährte Bachen haben große Würfe mit schwereren Frischlingen.

Das Nahrungsspektrum von Wildschweinen ist äußerst vielseitig; es reicht von Eicheln über Pilze bis hin Käferlarven und verendeten Wildtieren. In diesem Sinne sind sie auch eine von Förstern gerne gesehene „Gesundheitspolizei“ des Waldes. Das Wildschwein ist im Sinne des Wortes ein anpassungsfähiger Omnivore und ein echter Nahrungsopportunist.

2. Jagdliche Fütterungen und Kirrungen – und ihre Folgen

Ein Wildschwein findet in einer intakten Natur praktisch immer Nahrung. Eine allgemeine Notzeitenfütterung oder eine Zusatzfütterung ist in der Regel überflüssig. Lediglich in Forst-, Wald- und Agrarbereichen, die weder naturnah angelegt sind noch ungenutzte, wildtiergerechte Randbereiche aufweisen, kann es vorkommen, dass diese vielseitigen Tiere in harten, schneereichen Wintern an Nahrungsmangel leiden. Würde man Futterhilfen konsequent auf solche Fälle beschränken, hätte dies kaum messbare Auswirkungen auf die Populationsentwicklung und es käme nicht zu einer unangepassten Vergrößerung der Individuenzahl in diesem Lebensraum.

2.1. Jagdliche „Hege“ – um mehr Wildschweine zu schießen

Jäger füttern in der Regel nicht aus Mitleid mit hungernden Wildschweinen, sondern weil sie mehr Tiere schießen möchten. Sie verbrämen diese Taktik öffentlichkeitswirksam mit dem Begriff „Hege“. Durch jagdliche Hegemaßnahmen wird die im Lebensraum vorhandene Engerie- bzw- Futtermenge künstlich erhöht. Hinzu kommt die Fütterung an „Kirrungen“ (= Anlockfütterungen durch Jäger an schussexponierten Stellen) und die so genannten „Ablenkungsfütterungen“ (absichtliche Verwirrung der Wildtiere durch mehrere unbeschossene Futterstellen und die damit verbundene Förderung der Sorglosigkeit der Tiere gegenüber ausgebrachtem Futter). Somit werden nicht kontrollierbare Futtermengen in die Natur eingebracht.
In der freien Wildbahn ist die Populationsgröße immer an die Nahrungsgrundlagen des Lebensraumes angepasst („carrying capacity“). Durch Kirrung und Zufütterung wird ein folglich Nahrungsbestand geschaffen, den dieser Lebensraum unter natürlichen Bedingungen nie aufweisen würde.

2.2 Kirrungen: Zufütterung in bedenklicher Größenordnung

Die Wildforschungsstelle Baden-Württemberg hat sich vor einigen Jahren die Mühe gemacht, das Kirrungsverhalten von Jägern zu analysieren (Ellinger et al., 2001). Während in Revieren ohne feste Wildschweinbestände kaum gekirrt wird, ist in Revieren mit wechselnden Beständen massive Kirrung an der Tagesordnung: Dort legen 83 Prozent der Jäger Kirrungen an, um Wildschweine anzulocken, die durch ihre eigenen sowie angrenzende Reviere ziehen. Gibt es gar einen festen Bestand an Wildschweinen, versuchen 95% der Jäger diese Tiere durch eine Futterstelle anzulocken, weil damit auch die Ansitzzeit – also die Zeit, bis der Jäger zum Schuss kommt – verkürzt werden kann.
Die Größenordnungen, in denen derartige „Zufütterung“ erfolgt, können getrost als bedenklich bezeichnet werden (Quelle: Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg, Ellinger et al., 2001). Im Jahre 2000/01 brachten baden-württembergische Jäger über 400 Tonnen Futter ausschließlich für Wildschweinkirrungen in die Natur ein; wohlgemerkt zuzüglich der „Hege“fütterungen für Wildschweine und andere Tiere. Diese Kirrungsgepflogenheiten der baden-württembergische Jäger können sicherlich auf das gesamte Bundesgebiet übertragen werden. Inzwischen geben die Jäger in ihren Jagdzeitschriften offen zu, dass die „Wildschweinschwemme“ hausgemacht ist: „Es werden allenthalben neben Fütterungen aller Art, ob legal oder illegal, zahllose Kirrungen beschickt, die durchaus einzeln der Intention entsprechen mögen, mit ganz wenig Futter die Sauen anzulocken, um so einen qualifizierten Abschuss tätigen zu können. Wenn aber in drei kleinen Revieren, in denen insgesamt eine Rotte Sauen herumgeistert, je fünf Kirrungen beschickt werden, fressen sich die Sauen in einer Nacht so satt, dass ihnen das Laufen schwer fällt.“ (Jagdzeitschrift „Wild und Hund“)
Angesichts einer derartigen regelrechten „Wildschweinmast“ verwundert es wenig, dass die Nachkommenzahlen von Wildschweinen pro Wurf gegenüber früheren Zeiten - oder auch im Vergleich mit jagd- und damit auch hegefreien Gebieten - deutlich gestiegen sind. Da nur gut ernährte Bachen große Würfe haben, muss die eingebrachte Energiemenge durch die Jäger in den letzten Jahren ungeahnte Ausmaße angenommen haben.

Es scheint wenig plausibel, dass die Wildschweinzahlen allein aufgrund einer „Eichel- und Bucheckernmast“ derart dramatisch angestiegen sein sollen, wie es die Jäger gerne behaupten. In der Tat produzieren Eichen und Buchen im Herbst erhebliche Samenmengen, doch ist eine massive kontinuierliche Zunahme in den letzten Jahren nicht feststellbar. Auch die landwirtschaftlichen Anbauflächen können nicht signifikant zu einem derart dramatischen Populationswachstum beigetragen haben, zumal zwischen 1998 und 2003 sogar 10% der Ackerflächen stillgelegt wurden! Die energiereichen Nahrungsträger wie Mais, Kartoffeln oder Getreide kommen auf den landwirtschaftlichen Flächen nur einige Wochen im Jahr, also zeitlich begrenzt, vor.

Jäger verändern die „carrying capacity“ der natürlichen Lebensräume elementar. Mehr Fütterung bedeutet mehr Wildscheine im Revier – und damit eine Steigerung der Jagdfreuden. Die jagdbedingten Fütterungen und Kirrungen haben inzwischen derart exzessive Formen angenommen – wen wundert es, wenn die Wildschweinpopulationen „plötzlich“ aus dem Ruder laufen...

2. 3 Erhöhung der Fruchtbarkeit durch Mais

In den letzten Jahren wird eine weitere ungünstige Veränderung beobachtet: Wildschweine werden häufig zweimal – statt wie früher nur einmal – pro Jahr rauschig und zeugen Nachwuchs. Wie bereits 1968 bekannt war, geschieht dies nur in besonders nahrungsreichen Jahren – mit der Folge, dass besonders kinderreiche Rotten entstehen (Ognev, 1968). Wandel (2004) schreibt in der Jagdzeitung „PIRSCH“ folgerichtig: „Die Strategen werden ratlos, aber sie glauben immer noch, man könnte das Schwarzwild bekämpfen wie nach dem Krieg. Damals gab es noch keine Rauschzeit zur Blattzeit!“

Untersuchungen von Eisfeld und Hahn (1998) zeigten, dass Futtermenge und -qualität einen direkten Einfluss auf die Ovulation weiblicher Wildschweine und damit auf die Nachkommenzahlen und die Bestandsentwicklung besitzen.

Die natürliche Ernährung des Wildschweines enthält zwar alle Energieträger in ausreichender Menge enthält, doch immer auch einen sehr hoher Ballaststoffanteil. Dagegen wirkt sich die Fütterung mit reinen Maiskörnern äußerst förderlich auf die Fortpflanzungsfähigkeit dieser Tiere aus. Es ist nicht verwunderlich, dass Wildtiere bei derartigen Energiemengen mehr Nachwuchs zur Welt bringen. Da Mais zusätzlich durch eine entsprechende Zuchtwahl in seinem Stärkegehalt optimiert wurde, wird dies noch zu einem weiteren Sprengstoff im ohnehin durch die Jagd angespannten Selbstregulationsmechanismus der Wildschweine.
Viele Kirrungen werden trotz Verbots auch noch mit anderen Futterbestandteilen ausgestattet, wobei abermals die verwertbare Energiemenge unnatürlich erhöht wird. Die Futterstellen haben für die Wildschweine natürlich einen großen Reiz, da mit geringem Energieaufwand eine große Futtermenge aufgenommen werden kann.

2.4 „Flurschäden“ in Maisfeldern als Folge der Bejagung?

Noch einen weiteren problematischen Aspekt bringt die Kirrung und Fütterung mit reinem Mais mit sich. Mais gehört als südamerikanische Pflanzenart nicht zu den natürlichen Nahrungsgrundlagen des Wildschweins. Lernen die Wildschweine nun durch die massive Verfütterung von Mais Geruch und Geschmack dieser südamerikanischen Grasart zu schätzen, folgen sie bei der Nahrungssuche mit höherer Wahrscheinlichkeit dem Maisgeruch.
Die Flurschäden in Maisfeldern könnten sich also bei genauer Betrachtung hauptsächlich als direkte Folge der Bejagung und deren Begleiterscheinungen (Fütterungen/Kirrungen) entpuppen.

Natürlich würden auch sonst ab und an einige Maisfelder von Wildschweinrotten aufgesucht, doch dies hätte eher zufälligen Charakter. Da diese Pflanze nur 10-12 Wochen auf den Feldern anzutreffen ist und nur etwa 5 Wochen die bevorzugten Maiskörner in ausreichender Menge und Größe trägt, würden sich die entsprechenden Flurschäden minimieren. Würde bei der Anlage von Maisfeldern eine ausreichende Distanz zum Wald beachtet und in kritischen Fällen ein einfaches Sicherungssystem (z.B. Elektrozaun) verwendet, so könnten landwirtschaftliche Schäden durch Wildschweine fast völlig verhindert werden.

2.5 Seuchengefahr durch Schlachtabfälle an „Luderplätzen“

An so genannten Luderplätze – Lockfütterungen z.B. für Füchse in Schussnähe des Hochsitzes – ist der Seuchenverbreitung Tür und Tor geöffnet. An den Luderplätzen wurden bei Kontrollen verendete Tiere, „Aufbrüche“ (Innereien z.B. von Rehen, oft in stinkendem und stark verwesendem Zustand), Schlachtabfälle gefunden, sogar abgeschossene Hauskatzen wurden dokumentiert. Da aber oftmals weder eventuelle Krankheiten noch die Todesursache der Stalltiere bekannt sind, werden die Jäger durch solche Luderplätze zu potentiellen Seuchen- und Krankheitsverbreitern. Nicht ohne Grund wurde während der BSE-Berichterstattung kritisiert, dass Jäger durch das Ausbringen von Schlachtabfällen sogar die BSE-Gefahr in den Wald getragen hätten.

Eklatante Verstöße gegen Fütterungsverordnungen dokumentieren die Aufnahmen von Bianca und Sandro Pelli aus dem Jahre 2003.

Auch die allesfressenden Wildschweine werden durch eine solche Luderstelle angelockt. Wer kann garantieren, dass diese Schlachtabfälle 100% frei von BSE und Schweinepest sind? Die Jäger waren während des Schweinepest-Skandals als mögliche Verbreiter der Seuche aus dem Massenstall auf frei lebende Wildschweine im Gespräch. In der Öffentlichkeit wurden jedoch die Wildschweine als Übertrager der Schweinepest gebranntmarkt: um eine weitere Seuchenausbreitung und insbesondere die Infektion von Hausschweinen zu verhindern, wurde und wird gefordert, Wildschweine „scharf zu bejagen“. Und dies, obwohl die Übertragung der Schweinepest von einem Wildschwein auf einen Hausschweinbestand bisher nicht nachgewiesen wurde.

3. Zerstörung der sozialen Struktur

Neben der zunehmenden Futterversorgung der Wildschweine als Hauptgrund für die enorme Populationszunahme sind noch weitere Faktoren zu benennen, die sich auf die Nachkommenzahl auswirken können.

Wissenschaflter erforschen seit vielen Jahren die sozialen Strukturen der Wildschweinfamilien. Eine solche Rotte wird immer von einer Leitbache (dem weiblichen Alpha-Tier) geführt. Der Fortpflanzungszyklus aller weiblichen Tiere wird durch die Leitbache reguliert. In einer stabilen Rotte werden nur ältere und größere Bachen (bedingt durch die Reserveschicht und den allgemeinen körperlichen Fitnesszustand) rauschig. Der derzeit favorisierten Arbeitshypothese (Clauss, 2003) zufolge regulieren die Bachen über einen Geruchs- bzw. Duftstoff mit Signalwirkung, einem so genannten Pheromon, die Ovulation (Eisprung) und die Paarungsbereitschaft der anderen weiblichen Tiere des Sozialverbandes. Die Pheromonabgabe der Leitbache verhindert, dass die jüngeren und schwächeren weiblichen Tiere der Rotte rauschig werden können. So bleibt die Nachkommenzahl stabil und exakt an den Lebensraum angepasst.
Während bis jetzt nur von einer natürlichen Pheromonsteuerung durch die Leitbachen die Rede war, gibt es unter Jägern auch die Tendenz, solche riechbaren Botenstoffe als Anlockmittel für Wildtiere künstlich auszubringen. Auch in der Landwirtschaft wird in den letzten Jahren mit solchen Pheromonen gearbeitet, um in der Nutztierhaltung die gewünschten Zuchterfolge zu steigern.
Welche Auswirkungen dies auf Fortpflanzungsfähigkeit, Fruchtbarkeit oder Sozialgefüge der Wildtiere hat, ist bis heute nicht erforscht. Doch spricht alles dafür, dass auch die künstliche Pheromonverbreitung ein Faktor sein könnte, der die natürliche Populationsregulation ungünstig – im Sinne von wachsenden Nachwuchszahlen – beeinflusst.

Der Abschuss der Leitbache wirkt sich auf die Sozialstruktur einer Wildschweinrotte äußerst destabilisierend aus. Die Folge ist nicht nur, dass die jüngeren Wildschweine zum Ärger der Bauern nun führungslos in die landwirtschaftlichen Felder einbrechen. Auch die natürliche „Geburtenregelung“ entfällt: Alle weiblichen Tiere der Rotte werden rauschig, wodurch die Geburtenrate enorm ansteigt. Etwas prosaisch drückt sich in diesem Zusammenhang der Jäger Gerold Wandel (2004) aus: „Jetzt werden die Sauen wirklich wehrhaft! Sie wehren sich mit einer unglaublichen Zuwachsdynamik gegen den falschen, asozialen Abschuss in den Altersklassen.“
Der Abschuss von Leitbachen wurde von Jägern immer wieder bestritten. Erst in letzter Zeit finden sich in der Jägerpresse Überschriften wie „Schwarzwildschäden hausgemacht“: “Norbert Happ sieht auch bei den Jägern eine Mitschuld an den Schwarzwildschäden. Mehr als 400 Zuhörer fanden sich am 1. April in Mönchberg zu Norbert Happs Schwarzwildvortrag ein. (...) Für die enormen Wildschäden machte Happ neben den Eichel- und Buchelmastjahren auch die Jägerschaft verantwortlich. Beim Abschuss von Leitbachen würden sich die Sauen nicht nur unkontrolliert vermehren, sondern auch deutlich höhere Schäden verursachen.“ (WILD UND HUND 10/2004)

4. Der Einfluss von Beutegreifern

Am Ende der Betrachtung der hausgemachten „Wildschweinmisere“ darf die Erwähnung der für die Jäger lästigen Beutekonkurrenten nicht fehlen. Beutegreifer wie z.B. der Fuchs sind ein wichtiges Regulativ in der Natur und fungieren zudem als „Gesundheitspolizei“.
Finke (2002) hat bei seinen Freilandbeobachtungen feststellen können, dass Frischlinge nicht nur auf besondere Lautäußerungen ihrer Bache angepasst reagieren können, sondern dass das Repertoire der Wildschweinlaute auch exakte Differenzierungen zulässt. Führende Bachen äußern einen Warnruf, der auf eine Fuchsgefahr aufmerksam macht.
Anderegg und Baumgartner (2002) beschreiben diese Kommunikation noch genauer: “Ein geregeltes Zusamenleben setzt voraus, dass man miteinander reden kann. Die Mitglieder der Rotte erkennen sich inidividuell an der Stimme. Die Sprache der Wildschweine ist überaus wortreich. Man grunzt, brummt, quietscht, wimmert, zischt, bläst durch die Nase. Angst Freude, Zustimmung Abwehr, Beruhigung – für alles gibt es einen klar erkennbaren Laut.“
Dies bedeutet bei genauerer Betrachtung, dass Füchse als Bedrohung für Frischlinge einen solch wichtigen Stellenwert einnehmen, dass es hierfür einen gesonderten Warnruf der Wildschweinmütter gibt. Auf diesem Weg könnte eine hinreichend hohe Fuchspopulation also einen Beitrag zur Begrenzung der Wildschweindichte durch das Reißen von Frischlingen leisten.

5. Fazit

Würden sowohl die Bejagung der Wildschweine, als auch der Abschuss von Füchsen und anderen Beutegreifern unverzüglich gestoppt und die Fütterung und Kirrung von Wildtieren, würde sich vermutlich rasch ein stabiler Gleichgewichtszustand in unserer Natur einstellen. Die Tatsache, dass es in Deutschland durch die massive politische Einflussnahme der Jägerschaft keine großen und zusammenhängenden jagdfreien Areale gibt, verhindert derzeit noch den finalen Beweis dieser Theorie – auf Dauer werden sich die im Rahmen dieses Artikels zusammengetragenen Fakten jedoch mit Sicherheit nicht vertuschen lassen.



Literaturverzeichnis:

Anderegg, R. und Baumgartner, J. (2002), www.umwelt-schweiz.ch/imperia/md/content/ buwalcontent/umwelt/20021/d/14.pdf

Clauss, R. (2003), pers. telefon. Mitt. an den Verfasser vom 10.01.2003

Eisfeld, D. und Hahn, N. (1998), Raumnutzung und Ernährungsbasis von Schwarzwild, Abschlussbericht an das Ministerium Ländlicher Raum B.-W. Univ. Freiburg, Forstzoologisches Institut

Ellinger et al. (2001), Ergebnisse einer landesweiten Befragung zur Schwarzwildbewirtschaftung, WFS-Mitteilungen Nr. 4/2001

Finke, R. (2002), Auf Tuch- und Borstenfühlung. Tagebuch des „Keilers“ h.c. Forstner, Oberviechtal

Hug, M. (2003), Fütterung – Ablenkungsfütterung – Kirrung. Hrsg. NABU Baden-Württemberg, 2. Aufl. 2003

Ognev, I. (1968), zit. in Grzimek, B. Grzimeks Tierleben, Kindler Verlag

Reichholf, J. (1983). Säugetiere. Mosaik Verlag

Schneider, E. und Schneider, W. (2003), Wildschweine als Jägeropfer. Vortrag beim 2. Symposium „Natur ohne Jagd“, 01.08.2003

Wandel. G. (2004) in Die Pirsch, Ausg. 01/2004

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