Free counter and web stats

20.01.2009

LEIDEN IM VERBORGENEN

LEIDEN IM VERBORGENEN

Das Schicksal der Tiere in der DDR von Stefan Seidel


„Die Tiere, die bitterweise für uns sterben müssen, sind Ware – weiter nichts“, schrieb die DDR-Tierschützerin Sabine Krüger im Jahr 1988 in einem Rundbrief an DDR-Umweltschützer („BRIEFE aus Wittenberg“ Nr. 17/1988). So ernüchternd beschrieb sie das Schicksal der Tiere im real existierenden Sozialismus der DDR. Die effiziente Tierausbeutung galt als Fortschritt. Fleischkonsum war Wohlstandsmerkmal. Im besinnungslosen Wettstreit der DDR mit dem Westen um das „bessere Leben“ blieb vor allem das Wohlergehen der Tiere auf der Strecke. Gab es dagegen Widerstand? Wie stand es um Tierschutz oder Tierrechte in der DDR? Nicht gut. Tierschutz war ein „Stiefkind der Gesellschaft“ und auch bei den Umweltschützern „nur ein Seitenthema“, resümieren die „BRIEFE“ (Nr. 23). Die Frage nach dem Schicksal der Tiere in der DDR offenbart ein weiteres Stück historischer Schuld am Tier.



Die Situation der Tiere in der DDR


In der DDR-Ideologie waren Tiere nichts mehr als Sklaven. Für sie sollte der „sozialistische Frühling“ nicht anbrechen. Vielmehr begann für sie eine neue Dimension der Entrechtung: „konzentrierte Tierproduktionsanlagen“ wurden errichtet. Kurz vor Ende der DDR griff die halbillegale Ost-Berliner Ökozeitung „Arche Nova“ das Thema Massentierhaltung in der DDR auf. Darin wird die flächendeckende Intensivierung der „Tierproduktion“ als „eine der größten Katastrophen in der Entwicklung der DDR-Landwirtschaft“ bezeichnet („Arche Nova“, Nr. 5). Nach einem Beschluss der diktatorischen SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland) entstanden Anfang der 70er Jahre in der ganzen Republik „Kombinate für industrielle Mast“ (KIM), gefeiert als Verwirklichung des sozialistischen Traums. „Der sozialistische Frühling kam aufs Land und die Ställe in den jungen landwirtschaftlichen Genossenschaften wurden langsam größer“, schreibt eine propagandistisch eingefärbte DDR-Illustrierte. Damit wollte die DDR-Regierung einen „ständig steigenden Lebensstandart“ herbeiführen. Mastanlagen gigantischen Ausmaßes entstanden. In den thüringischen Schweinemastanlage Haßleben und Neustadt/Orla waren 136 000 bzw. 175 000 Schweine eingepfercht, im „Frischeierkombinat Wandersleben“ über 720 000 Legehennen.

Ideologie statt Empathie


Diese Entwicklung war zunächst von Euphorie begleitet. Eine Illustrierte schreibt 1974 über die „Hühnerstadt Wandersleben“: „Und dass sich das Federvolk in seinen Drei-Etagen-Wohnungen wohl fühlt, obwohl es da kein Scharren nach Regenwürmern mehr geben kann – dieses ganz gewöhnliche Wunder vollbringt der Mensch.“ Dem „neuen sozialistischen Menschen“ erschien alles möglich. In der Illustrierten heißt es über die Chef-Tierärztin der „Hühnerstadt“: „Hanna Irmer ist Marxistin, Genossin. Sie weiß, dass die Welt veränderbar ist und der Mensch sogar die Zufälle regiert.“ Alles schien machbar, auch die Automatisierung der Tiere. Technologie, Wissenschaft und sozialistischer Entschlossenheit sei Dank. Selbst das lästige Problem des Leidens der Tiere hatte die Wissenschaft angeblich gelöst. „KIM-Tiere kennen keinen Kummer“, verkündete der DDR-Obertierarzt Heinrich Danthe. Denn „bewährte Wissenschaftler, Meister und Facharbeiter sorgen für das Wohl der Tiere“ (DDR-Magazin „Urania“ Nr. 48/1972). Doch die wahren Zustände in den Massentieranlagen blieben tabu. Riesige Zäune und verriegelte Tore sicherten die industriellen Tierfabriken. Außer propagandistisch verwerteten Statistiken über den ständig steigenden Fleisch- und Eierverbrauch existierten kaum Informationen über die Vorgänge in den Anlagen. Weder die qualvollen Haltungsformen noch die Gülleschäden in Wald und Boden waren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dafür sorgte seit November 1982 ein Beschluss des DDR-Ministerrats: Daten über den Zustand der natürlichen Umwelt sind geheimzuhalten. Nichts und niemand sollte das „perfekte technologische Verfahren der industriellen Tierproduktion“ stören. So war es auch den MitarbeiterInnen der Massentieranlagen verboten, über die dortigen Zustände zu reden. „Dafür verdienen wir hier in Haßleben viel mehr als in den umliegenden LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften)“, sagte ein anonym bleibender Angestellter der Schweinemast-Haßleben in der „Arche Nova“ (Nr. 5). Trotzdem berichtete er über die unvorstellbar grausamen Tiermisshandlungen in der wohl abgeschirmten Anlage: „Zurückgebliebene oder kranke Schweine werden an den Hinterbeinen gegriffen, an die Wand geknallt oder an eine Kante beziehungsweise den Betonboden. Es gibt spezielle Kadaverwagen.“

Bedingungen für den Tierschutz in der DDR

„Aber wer denkt schon an die Leiden der Tiere durch nicht lebens- bzw. artgerechte Haltung?“, fragte die „Arche Nova“ angesichts des recherchierten Elends. Es gab sie auch: Menschen, die für die Tiere aktiv wurden. Eine Bewegung war es nicht. Es waren Einzelkämpfer. Doch ihr Engagement ist besonders zu würdigen. Denn: „In einem so verängstigten, durchreglementierten und erstarrten Staat wie der SED-DDR waren selbst vegetarische Rezeptsammlungen Signale antisozialistischer Auflehnung, die misstrauisch beobachtet wurden“, sagt Hans-Peter Gensichen, der Herausgeber der Wittenberger „BRIEFE“.


Sowohl die Friedens- und Menschenrechtsgruppen, als auch die Umwelt- und Tierschützer der DDR verfolgten vor allem ein Ziel: Missstände an die Öffentlichkeit bringen. Was draußen vor der Tür geschah, sollte durch einen geöffneten Türspalt sichtbar werden. Denn in den staatlich zensierten DDR-Medien war nichts über die fatalen Umweltzerstörungen oder auch Menschenrechtsverletzungen der SED-Regierung zu vernehmen. Deshalb verfassten Aktivisten seit Anfang der 80er Jahre eigene Druckschriften. Diese mühsam im Wachsmatrizeverfahren vervielfältigte halbillegale „Grauliteratur“ spielte eine zentrale Rolle im basisdemokratischen Widerstand der DDR. Möglich war das durch eine winzige Lücke im Vervielfältigungsverbot der DDR: Schriften mit dem Aufdruck„Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ durften unzensiert vervielfältigt werden. Die Kirche, als einzig verbliebener gesellschaftlicher Freiraum in der DDR, hatte sich seit Anfang der 80er Jahre für die politischen Basisgruppen geöffnet. Mit dem pflichtgemäßen Stempel „innerkirchlich“ legitimierte die Kirche deren Veröffentlichungen. Natürlich zirkulierten die Schriften längst nicht nur im innerkirchlichen Raum. Tierschutz spielte allerdings nur am Rande eine Rolle. Lediglich in den Umwelt-Druckschriften „Arche Nova“ und „Leidplanke“ wurden ab 1987 auch konkrete Tierschutzprobleme aufgegriffen. Ansonsten fehlte vor allem eine grundsätzliche Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses.

Repressionen


Der bloße Einsatz für Umwelt- oder Tierschutzfragen genügte, um in das Visier des allgegenwärtigen staatlichen Geheimdienstes (Stasi) zu geraten. „Störung des sozialistischen Zusammenlebens“ hieß der Vorwurf. Die Stasi witterte „feindlich-negative Kräfte“ und „politische Untergrundtätigkeit“ und reagierte mit Repressionen und Einschüchterungen verschiedener Art. Das Wachsen der Gruppen sollte unbedingt verhindert werden. Die Methode hieß: „Zersetzung der Gruppen“. Inoffizielle Mitarbeiter (IMs) der Stasi versuchten, durch gezielte Maßnahmen die Gruppen zu spalten. Und auch das persönliche und berufliche Leben der Aktivisten wurde vielfältig gestört. Sie sollten verunsichert, entmutigt und im Selbstvertrauen untergraben werden. Der Preis für Umweltengagement konnte sehr hoch sein. Psychische Beschädigungen und zerstörte Lebensläufe waren keine seltenen Folgen für Graswurzel-Aktivitäten.

Das Schicksal des organisatorischen Tierschutzes

Organisierten Tierschutz gab es in der DDR schon lange nicht mehr. Bereits Ende der 50er Jahre hatte die DDR-Regierung sämtliche Tierschutzvereine verboten. Wie alle privatrechtlichen Vereine standen sie im Verdacht, ein „Sammelbecken reaktionärer Kräfte“ zu sein. Der Tierschutz lag seit 1973 in staatlicher Hand. Sogenannte „Beiräte für Tierschutz und Tierhygiene“ unter der Leitung der Amtstierärzte sollten sich um das Wohl der Tiere sorgen – allerdings nur um Tiere in privater Haltung. Die Tierhaltung in Betrieben blieb ausgeklammert, „um dort nicht den Produktionsablauf zu stören.“ „Massentierhaltung ist nicht mit Tierquälerei gleichzusetzen“, erklärte das DDR-Landwirtschaftsministerium. Die Beiräte blieben wirkungslose Dekoration eines Staates, der Ökologie- und Tierschutzfragen kompromisslos der Ökonomie unterordnete. Außerdem fehlte ein zusammenhängendes Tierschutzgesetz. Tiere sollten nicht um ihrer selbst willen geschützt, sondern besser genutzt werden. Damit war die Frage nach dem Tier auch aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Die Frage nach dem Tier in der Gesellschaft

Die philosophisch beeinflusste Debatte über eine Tierethik, wie sie seit Anfang der 80er Jahre im Westen geführt wurde, konnte mangels Literatur in der DDR nicht Fuß fassen. So blieb die theoretische Argumentationssubstanz der Tierschützer sehr dünn. Einzig die Ethik Albert Schweitzers stand zur Verfügung. Seit seiner Atombombenkritik in den 50er Jahren wurde er in der DDR geschätzt. Seine Schriften waren erhältlich. Trotzdem trug seine philosophische Ethik den Stempel „bürgerliche Ethik“ und wurde weitgehend ignoriert. Albert Schweitzer blieb aber der wichtigste Theoretiker der DDR-Tierschützer. Seine Gedanken zur Ehrfurcht vor allem Leben wurden immer wieder mit Schreibmaschine vervielfältigt und weitergereicht oder in Vorträgen verbreitet. Theoretisches Material für einen tierethischen Diskurs war rar. Das menschenzentrierte Weltbild galt ungebrochen. Auch der Begriff „Tierrechte“ war unbekannt, obwohl er von einzelnen Engagierten eigenständig formuliert wurde. So fragte der sächsische Pfarrer Siegfried Wend 1962 in einem Aufruf: „Welche Rechte hat das Tier dem Menschen gegenüber, bzw. welche Pflichten hat der Mensch?“ Und eine der wenigen reinen Tierschutzgruppen, die Dresdner „Gruppe Tier“, forderte in einem „Aufruf an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ im Jahr 1988: „Vor 200 Jahren wurden die Menschenrechte deklariert. Heute müssen endlich die Rechte der Tiere auf die Tagesordnung!“ Eine Initiative namens „pro creatura“ im brandenburgischen Schmetzdorf äußerte 1989 den beachtlichen Gedanken, „dass Solidarität mit den Leidenden nicht an der Artgrenze aufhören darf.“ Schließlich thematisierte Sabine Krüger in einem der wenigen Tierschutzartikel in der „grauen Literatur“ das grundsätzliche Problem: „Wenn wir einen Wandel in der Gesetzgebung ernsthaft wollen, müssen wir bereit sein, das Fundament dafür zu schaffen, dass wir Tiere als Nachbarn und gleichwertige Geschöpfe anerkennen“ („BRIEFE“ Nr. 17/1988). Allgemein war jedoch das Reflexionsniveau tierethischer Argumentationen sehr niedrig und die Mensch-Tier-Beziehung nur ein Randthema.

Die staatliche Geheimhaltung der Tierschutzsituation im eigenen Land, die Repression gegen recherchierende und protestierende Tierschützer und der Mangel an tierethischer Literatur verhinderten eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Tierfrage.


Vegetarismus in der DDR


So wenig wie die Frage nach den Rechten der Tiere war auch die vegetarische/vegane Lebensweise im Horizont. „Fleisch essen war einfach normal und alltäglich, es wurde nicht darüber geredet, alle anderen Leute aßen ja auch so“, berichtet die DDR-Bürgerin Beate Schmitz. 1987 wurden 100 Kg Fleisch und 308 Eier pro Kopf konsumiert. Während sich das Phänomen des Vegetarismus im Westen langsam etablierte, blieb es in der DDR etwas total Exotisches. Dies lag sicher auch am schmalen Obst- und Gemüseangebot. „Wir stellten in Vegetarierkreisen einen Grundsatz auf: ‘Ein Vegetarier in der DDR, der muss einen Garten haben, um über die Runden zu kommen.’“, sagt Johannes Starke, einer der wenigen DDR-Vegetarier. Doch war auch die Erinnerung an diese Lebensweise verschüttet. Der traditionsreiche Vegetarierbund war verboten, Reformhäuser gab es nicht, Rezepte waren unbekannt. „Vegetarismus ist in der DDR beinahe in Vergessenheit geraten. Wir wurden durchaus schon mal als Spinner belächelt. Vegetarier zu sein, war damals fast schwieriger als vor und im Krieg“, berichtet Johannes Starke rückblickend. Der Vegetarismus passte nicht in die DDR-Ideologie. „Dem Sozialismus ist die Askese fremd“, verkündete die SED-Wirtschaftspolitik vollmundig. Der Fleischkonsum geriet zum Gradmesser des Wohlstands. Doch die fleischlose Ernährung lebte vereinzelt auf. Der DDR-Vegetarier Wolfram Löschke erinnert sich an Jugendliche aus nordostdeutschen Kirchgemeinden, die Mitte der 80er Jahre anfingen, vegetarisch zu leben. Aber auch diese beklagten das geringe Angebot an frischem Obst und Gemüse, „was es jedem Umdenker sehr schwer macht, vegetarisch zu leben.“ Ende der 80er Jahre wurden die fürchterlichen Zustände in den Massentieranlagen etwas bekannter. Erschütterte Mitarbeiter trugen Informationen nach außen und protestierten. Einigen dämmerte, dass die Essgewohnheiten mitverantwortlich waren. „Ich halte Menschen für unglaubwürdig, die sich gegen Massentierhaltung aussprechen, aber täglich Fleisch und Fleischprodukte verzehren“, schrieb Peter J. in einem der „BRIEFE“ (Nr. 15/1988). Im Zusammenhang mit den Protestaktionen gegen die Schweinemastanlagen in Thüringen 1987-89 forderte der Pfarrer und Umweltaktivist Reinhard Weidner „eine Abkehr von dem total überhöhten Fleischverbrauch“ („Grün-Heft“/1989). Meistens ging es aber nur um eine Reduzierung des Fleisch- und Wurstkonsums. Selten wurde dies mit dem eigenen Lebensrecht der Tiere begründet. Eher wurden Gesundheits- und Umweltschutzgründe sowie das Welternährungsproblem angeführt. Strikter Vegetarismus oder Veganismus aus tierethischen Gründen nahm erst nach der Wende zu.

Fazit


Die Geschichte der DDR ist auch eine Geschichte des Schuldigwerdens am Tier. Die Entfremdung von den Tieren ist mit den industriellen Mastanlagen total geworden. Man erschrickt über das kalte Kalkül der Macht, mit dem diese überdimensionierte Tierausbeutung organisiert wurde. Doch diese hemmungslose Versklavung der Tiere geschieht auch in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung der BRD. Für die Tiere gab es im Herbst 1989 keine Wende. Sie blieben in der Gewalt der Menschen, beherrscht und entwürdigt. Einige der ganz großen Mastanlagen wurden zwar geschlossen. Doch gleichartige Westanlagen übernahmen die „Produktion“. Völlig selbstverständlich setzte sich die Verwertung der Tiere fort. Heute ist der Osten voll mit noch gigantischeren Mastanlagen. Die Schuldgeschichte geht nahtlos weiter.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen




Shop Kontakt Newsletter Linkliste Tierfreunde Nord Forum/Community -Tierheim ! Literatur-Tipps Himmlisch-gut.de Tiertafel Global 2000: Die Gebirge Europas + Das Mittelmeerbecken + Die Seen des grossen afrikanischen Grabenbruchs + Die Akaziensavanne Ostafrikas + Das Kongobecken + Die Kappellen + Die Wälder Madagaskars + Die Regenwälder der Malediven, Lakkadiven und Chagos-Inseln + Die Savannen und Grasländer des Terai-Duar + Die Wälder der Sundarbans + Die Sumpfwälder Borneos + Die Daurische Steppe + Die Sibirische Taiga + Das Bering-Meer + Die Wüste im Nordwesten Australiens + Das Great Barrier Reef + Die Wälder Neukaledoniens + Die Wälder der Haweii-Inseln + Die Osterinseln + Die Galapagos-Inseln + Die Prärien Nordamerikas + Die Chihuahua-Wüste + Die grossen Antillen: Kuba + Die Los-Llanos-Savanne in Kolumbien und Venezuela + Das Amazunasbecken + Die Patagonische Steppe + Die antarktische Halbinsel und das Wedell-Meer