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20.01.2009

Morini schließen!

Morini schließen!

Globale Demonstration der Kampagne gegen die „Versuchstier“zucht Morini in Italien vom 20.11.04. Polizei prügelt auf DemonstrantInnen ein – Morini erhält seine Lizenz zurück.

„La Morini chiudera!“ - Schließt Morini! - rufen etwa 1500 DemonstrantInnen durch die Straßen und Gassen des Dorfes San Polo d’Enza in der Region Reggio Emilia auf der globalen Demo am 20. November 2004. Ein- bis zweimal jährlich kommen TierrechtlerInnen und TierbefreierInnen von Milano bis Sicilia in Italien zu einer Großdemo gegen die „Versuchstier“zucht Morini zusammen. AktivistInnen aus Österreich, der Schweiz, Deutschland, Holland und Spanien folgten dem Demoaufruf.

Morini, das war einst die größte Versuchstierzucht Italiens. Auf die Zucht von Ratten, Mäusen, Meerschweinchen und Beagles hat sich das Familienunternehmen rund um Giovanna Soprani konzentriert. Nachdem die Region Reggio Emilia jedoch im August 2002 ein Gesetz erlassen hatte, das die Zucht von Hunden und Katzen für Tierversuche sowie den Verkauf von Hunden und Katzen an „Versuchstier“-labore untersagte, verschlechterte sich die Auftragslage für Morini. Sie verkauften dann weiterhin Hunde an Versuchslabore, ohne Lizenz, illegal, zum Beispiel an das deutsche Unternehmen LPT in Hamburg. Ein daraufhin verhängtes Bußgeld in Höhe von 35.000 EUR wurde Morini jedoch vom damaligen Bürgermeister auf undurchsichtige Weise erlassen. Die großen Tierschutz- und Tierrechtsverbände feierten bereits das Aus für Morini. Die Kampagne „Chiudere Morini“ nicht - zu Recht: Das regionale Gesetz wurde nach kurzer Zeit von der Berlusconi-Regierung für ungültig erklärt. Zu sehr befürchtete man, dass andere Regionen folgen könnten - in der Tat bereiteten bereits andere Regionen ein ähnliches gesetzliches Verbot vor - und damit die Tierversuchsindustrie in Italien gefährdet sei. 129 Beagles konnten 2002 noch aus der Zucht befreit werden. Wie viele derzeit bei Morini eingesperrt sind, ist unbekannt. Bekannt ist nur, dass Soprani in den vergangenen zwei Jahren, in denen sie nur Hunde „an privat“ abgeben durfte, „Schnäppchen“ angeboten hatte: drei Hunde zu einem Preis von einem.

Mehrmals wöchentlich kommen AktivistInnen zur Morini Farm, um dort zu demonstrieren, mal mit zwanzig Leuten, mal nur mit zwei. Die Bürgerinnen und Bürger von San Polo d’Enza sind geteilter Meinung, was Morini anbelangt. Eine große Hauptstraße führt an der Morini Farm entlang, allerdings etwa 150 Meter entfernt von dieser, einen Blick auf die Farm erhält man von dort aus kaum. Erst die Kampagne hatte die Menschen in San Polo d’Enza auf das „lager“, wie die DemonstrantInnen zahlreich auf ihre Plakate geschrieben haben, aufmerksam gemacht. Einige Hunderte Menschen aus San Polo d’Enza versammeln sich auf dem Marktplatz ihres Dorfes, um den Demozug zu sehen, zu begaffen, zu filmen. Teilweise stehen die Menschen auf den Terrassen ihrer Häuser. Der Weg zur Morini Farm ist nicht lang; sie liegt am Ortseingang. Als der Demozug vor der Farm ankommt, ist es bereits dunkel. Nur einige Feuerwerkskörper erhellen den Himmel von Zeit zu Zeit (der Einsatz von Feuerwerkskörpern auf Demos ist in Italien nicht verboten) sowie das Blaulicht der Polizeiwagen. Polizeiketten und -wagen sperren den Zugang zu den beiden Straßen ab, die zur Farm führen. Die Zucht selbst liegt irgendwo im Dunkeln. Zu sehen ist sie an diesem Abend nicht. Große Transparente führen den Demozug an. Die DemonstrantInnen sind verschiedenen Alters, wenngleich der Großteil junge Menschen sind. Viele von ihnen verstehen sich als AnarchistInnen. Ein Mädchen im Rollstuhl ist ebenfalls auf der Demo sowie ein Mann auf Krücken mit gebrochenem Bein. Sie alle wollen gegen die „Versuchstier“zucht Morini demonstrieren.

Etwa 20 Minuten lang stehen wir vor der Farm. Die Demo ist laut: Trommeln, Rufen und dann die Feuerwerksknaller. Plötzlich sinken die Transparente in den ersten Reihen der Demo und Hunderte von Menschen kommen auf einen zugerannt - getrieben von Schlagstöcken. Alle rennen nun weg von der Farm auf die Hauptstraße. Nun sehen wir, dass wir von allen Seiten von der Polizei eingekesselt wurden. Die Polizeibeamten rennen einmal von der einen, ein anderes Mal von der anderen Seite los - und prügeln auf alle ein, die sie erreichen können. 1500 Menschen werden in Panik versetzt und gejagt - ohne jede Rechtfertigung. Sie schreien. Einige versuchen Schutz in den Gärten der anliegenden Privathäuser zu bekommen. Doch Polizeibeamte prügeln die DemonstrantInnen auch aus dem Garten. In Angst klopfen nun einige DemonstrantInnen an die Tür der Wohnhäuser.

Ein Mann öffnet, doch verschließt nach kurzem Wortwechsel wieder die Türe. Derzeit werden weitere DemonstrantInnen, die noch keine Zuflucht gefunden hatten, auf der Hauptstraße mit Schlagstöcken geschlagen. Ein Aktivist liegt am Boden. Etwa fünf Polizeibeamten um ihn herum. Sie treten auf ihn ein.
Wir können nicht zu ihm - kein Durchkommen. Am furchtbarsten ist die Hilflosigkeit. Auf einen derartigen physischen Angriff der Ordnungskräfte waren wir nicht vorbereitet. Da es keinen besonderen Grund dafür gibt, dass man uns Gewalt antut, insofern auch keine Möglichkeit, den Polizeibeamten keinen Anlass für ein gewalttätiges Vorgehen durch das eigene Verhalten zu bieten, kann keine Strategie entwickelt werden - außer der, zu fliehen. Das Recht auf Demonstration - von diesem muss erst einmal Abstand genommen werden. Oder vielleicht in San Polo d’Enza für immer? In der Regionalverwaltung von Reggio Emilia regten Abgeordnete der Linksparteien ein Demonstrationsverbot an (Im Dezember wurde dieses Vorhaben nach Protesten erst einmal fallen gelassen. Nun wollen die Rechtsparteien diesen Vorschlag einbringen.). Bereits vor der Demo hielt die Kampagne gegen Morini es darum für möglich, dass die globale Demo von der Polizei gewaltsam aufgelöst wird - trotz Genehmigung der Demonstration.
Inzwischen fahren drei Krankenwagen die Hauptstraße entlang in Richtung der übrig gebliebenen DemonstrantInnen. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, was genau passiert war, wie viele verletzt wurden, wie viele verhaftet. Später erfahren wir, dass ein Großteil der DemonstrantInnen in den einzigen nicht von der Polizei abgesperrten Weg getrieben wurde, an den ein großer Garten angrenzte, an diesen ein Abhang und unten ein Bahngleis. Nur ein paar Minuten, nachdem Hunderte von DemonstrantInnen über das Bahngleis getrieben wurden, fuhr dort ein Zug durch. Er hätte nicht rechtzeitig bremsen können. Die Zäune in dem Garten sind umgerannt. Den Abhang hinunter und rauf führt eine Schlammspur. Oben auf dem Feld angekommen, begegnet man einigen DemonstrantInnen. Der Schock in ihren Gesichtern war erkennbar. Sie warten auf Freunde, Familie. Menschenrechte, Willkürverbot staatlicher Maßnahmen - was nützen diese Normen in solchen Momenten. Ein Wirtschaftsunternehmen, das Tausende von Tieren an Folterer und Mörder verkauft, wird von couragierten Menschen aufgefordert, zu schließen. Dies kann die Politik freilich nicht tolerieren, nicht nachdem sie sich an die Wirtschaft verkauft hat. Der Kampf um die Befreiung der Tiere wiederholt sich in den verschiedensten Ländern, wenngleich nicht immer in derselben Form.

Am Parkplatz treffen sich die DemonstrantInnen wieder. Einigen läuft Blut dem Gesicht herunter. Da die Polizeibeamten mit dem Stiel der Knüppel auf die DemonstrantInnen einschlugen, gibt es viele Platzwunden. Mindestens 30 Verletzte (blaue Flecken nicht mitgezählt) wurden gemeldet. Einem älteren Mann wurde der Kiefer gebrochen, als er sich über den harten Polizeieinsatz beschwerte, einem Mädchen der Finger, als sie einem Demonstranten helfen wollte, dem Aktivisten auf Krücken der Arm. Das Mädchen im Rollstuhl wurde aus diesem geworfen und musste mit dem Krankenwagen abtransportiert werden. Mindestens sechs DemonstrantInnen wurden ins Krankenhaus gebracht. Ein Demonstrant wurde festgenommen.

Am nächsten Tag wird bekannt, dass Morini wieder die Lizenz erhält, Hunde an Versuchslabore zu verkaufen. Es ist Sonntag. Die Entscheidung muss folglich vor der Großdemo getroffen worden sein. Wir fahren am Montag mit vier Personen zur Bürgermeisterin von San Polo d’Enza, Milena Mancini, um mit ihr über die Lizenz zu sprechen. Sie sei in Besprechung, würde uns telefonisch einen Termin mitteilen, lässt man uns wissen. Um 13 Uhr schließt die Verwaltung. Der Anruf kommt nicht. Wir fahren zur Morini Farm, dem Platz, an dem wir am Samstag zuvor von der Polizei gejagt wurden. Auf der Hauptstraße fahren nun im Sekundentakt Autos und Transporter. Die zwei Zugangstraßen zur Morini Farm sind erneut mit Polizeiwagen versperrt. Allerdings dieses Mal nur mit zwei. Es ist hell; Morini liegt aber weiterhin im Dunkeln. An die Demo erinnern Sprüche, die an die Mauern der Gärten und auf den Straßen gesprüht sind. „Morini Henker“ und „Morini schließen“ - „Chiudere Morini“ - steht dort unter anderem. „Chiudere“ wurde bei dieser Demo eine globale Erfahrung.
Nona

Website der Kampagne gegen Morini:
www.chiuderemorini.net

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