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20.01.2009

„THE MOTHERCAGE“ von Maire Ni Bhradaig

„THE MOTHERCAGE“ von Maire Ni Bhradaig

Wie viele sind wir? Zwanzig, dreißig oder mehr, die für diese eine Aktion nötig sind? Was tun, wenn jemand ausfällt? Wie viele Tiere kann man mitnehmen? Woran muss man alles denken, wo darf man keinen Fehler machen? Wer betreut in dieser langen Nacht die eigenen Haustiere oder minderjährige Kinder? Was wird mit ihnen,wenn es schief geht? Vor allem:Wie findet man sicher heraus, wer vertrauenswürdig und zuverlässig ist?

Das spannende Buch „THE MOTHERCAGE“ erzählt, wie sich im konkreten Fall einer organisierten größeren Tierbefreiung solche Fragen stellen (können).Aus der individuellen Perspektive der Beteiligten wird geschildert, wie eine Gruppe der Animal Liberation Front einen „raid“ vorbereitet und ausführt, bei dem Hunderte von Meerschweinchen aus einer Zuchtanstalt herausgeholt werden sollen, als Gebärmaschinen eingeknastete Mütter und ihre Babys, verurteilt für Tierversuche zu leben und zu sterben. Schon ganz am Anfang der Unternehmung muss ein Kleinbus mit neun Teilnehmern ausscheiden, weil er von einem misstrauischen Polizisten beobachtet wird. Die Insassen beschließen zwecks Irreführung in einen Pub zu einer Fußballübertragung statt zu dem vereinbarten Treffpunkt zu fahren, um nicht die ganze Aktion zu gefährden. Natürlich fehlen sie den anderen, dazu einige Utensilien, die in ihrem Bus verstaut sind. In jedem Stadium gefahrträchtig vor allem die Kommunikation zwischen den Aktivisten, die sich meist nicht einmal persönlich kennen. Im Zeitalter der überwachbaren Handys, der rückverfolgbaren Gespräche und der DNS-Analysen will jedes Detail sorgfältig bedacht sein. Die Handys werden nach Gebrauch zerstört, die Kleider vernichtet. Bei aller Umsicht kann Unvorhergesehenes passieren. Auch am Ende des Buches wissen wir nicht genau, ob zum Beispiel die Kontaktlinse einer Aktivistin, die sie im Stall verliert, während sie Meerschweinchen herausträgt, später noch von der Polizei gefunden werden wird.

Es ist aber nicht unfair, das gute Ende des Krimis vorab zu verraten, denn der berühmte reale Tierbefreier Ronnie Lee verrät es schon in seinem Vorwort und bekennt seine naive Freude an einem Happyend. Beim Lesen dieser aufregenden Vorgänge sollte man vor Augen haben, dass in England Tierbefreier/innen, so auch Ronnie Lee, schon zu jahrzehntelangen Strafen verurteilt worden sind. Noch unberechenbarer als Fehler bei der technischen Ausführung ist der Faktor Mensch. Einer kann ein Verräter sein, ein anderer ausflippen, verletzt werden, schlapp machen.

Die Geschichte von „THE MOTHERCAGE“ ist frei erfunden, „jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen rein zufällig“, – aber so zufällig nun auch wieder nicht, denn so oder ähnlich laufen Aktionen dieser Art überall ab. (Gerade geht eine Meldung ein, dass es inzwischen auch „RALF“ gibt - die russische ALF.) Die Autorin versichert, dass sie Personen und Handlung zwar verfremdet hat, um niemanden wiedererkennbar zu machen, dass aber jedes Detail aus authentischen Interviews mit realen ALF-Aktiven stammt. Eher skizziert als psychologisiert gewinnen die aus solchen Details zusammen gesetzten Handlungsträger dennoch so persönliche Konturen, dass sie wie wirkliche Menschen erscheinen, mit denen man mitfiebert. Langjährige „Profis“ kommen vor und tolpatschige Neulinge, Junge und Alte, Handelnde und Angehörige.Wir lernen Ann kennen, die ihrer vierzehnjährigen Tochter erzählt, dass sie zum Dinner mit einem Verehrer aufbricht und vielleicht die Nacht wegbleibt, wobei das Töchterchen ihr vorhält, dass sie doch wohl mehr Chancen hätte, wenn sie nicht in alten schwarzen Hosen und T-Shirt zu ihrem Date antanzen würde.Wir lächeln, wie ungeschickt der Inder Manjit sich anstellt, wenn er sogar seine sehr geliebte und strikt vegetarische junge Frau belügen muss, um keine Konflikte mit ihren gesetzestreuen Eltern zu riskieren.Wir zittern mit Frank, dem alkolholgefährdeten labilen Jungen, der es mit einer furchterregenden Mutter zu tun hat, die, seit sie seine Homosexualität entdeckt hat, zu allem bereit ist, um ihn von seinem schwulen Freund Tim zu trennen – und die die Polizei holt. Sam, der scheinbar coole altgediente Aktivist, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau zwei Jahre zurückgezogen hatte und wieder einsteigt,weil es an seinem Herzen nagt, dass er nicht tut,was er noch tun könnte, kommt uns wie ein alter Freund entgegen, wir teilen Jennys Zorn, wenn sie erkennt, dass sie sich in unbedachter Verliebtheit mit einem Angeber eingelassen hat, und lieben die alte Hebamme Rose, die keinen Augenblick bei der Rettung der Tiere versagt, während sie doch gleichzeitig schwer an der Trauer um ihren sterbenden Mann trägt.

Die Charaktere und die persönlichen Probleme der eingeschworenen Tierbefreier und -befreierinnen spielen in die Tat hinein und zeigen stellvertretend die soziale Situation all derer auf, die so sehr unter dem Unrecht gegen Tiere leiden, dass sie sich zu gesetzwidrigen Handlungen entschlossen haben, um so viele wie möglich aus der Hölle zu holen. Sie riskieren Freiheitsstrafen und den Verlust menschlicher Bindungen, sie müssen lügen und sich wie Kriminelle vor Verfolgung schützen. Von den Behörden als Straftäter, in manchen amerikanischen Staaten sogar als „Terroristen“ eingestuft, der Öffentlichkeit gegenüber als „Gewalttäter“ und „Militante“ diskreditiert, werden sie hier anschaulich beschrieben: als „ganz normale“ Menschen mit den verschiedensten Eigenschaften und Lebensumständen, die nur das eine gemeinsam haben, dass sie vor dem entsetzlichen Leiden der Tiere nicht tatenlos die Augen verschließen können. Und dass sie den Mut haben, ihre Angst zu überwinden, die Angst vor dem direkten Anblick der Geschundenen und die Angst vor den gesetzlichen Folgen von „Diebstahl“ und Sachbeschädigung, krimineller Vereinigung und sonst noch was. Das Gesetz selbst zu respektieren, das es erlaubt, Millionen und Abermillionen von Tieren das anzutun, was ihnen angetan wird, fällt ihnen freilich im Traum nicht ein. Ein bedrücktes Gewissen müssen sie trotzdem ertragen – nicht wegen der Übertretung von Gesetzen, sondern gegenüber all den Tieren, die sie zurücklassen müssen.

Vielleicht sind Sam und Rose und Tim und Manjit und Karen und Simon und die anderen, die wir im Halbdunkel der Busse und der stinkenden Meerschweinchenkäfige nur schattenhaft kennen lernen, allzu sympathisch gezeichnet, aber Ronnie Lee, der es wissen muss, erzählt uns, dass er geweint hat, weil er in dem Buch eben genau die Art Menschen wiedergetroffen hat, die er kennt: diese ungewöhnlichen „Terroristen“, die niemandem den Tod, aber Tausenden das Leben bringen, anonym, notgedrungen hinter Kapuzenjacken und Masken verborgen - „ganz normale“ Menschen, die ihre Freiheit einsetzen, um schuldlos Leidenden, die dem wahren Terror preisgegeben sind, zur Freiheit zu verhelfen. Um das zu tun, was die Gesellschaft tun müsste.

Sina Walden

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