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20.01.2009

Nichtmenschen sind kein Eigentum!

Nichtmenschen sind kein Eigentum!

Eine Rezension von "„Animals as Persons: Essays on the Abolition of Animal Exploitation“ von Gary L. Francione


Prof. Gary L. Francione, seines Zeichens Dozent für Rechtswissenschaften an der Rutgers University School of Law - Newark und einer der gegenwärtig in den USA wohl aktivsten Tierrechtler, setzt sich seit etlichen Jahren für die Anerkennung von Grundrechten für Nichtmenschen ein und meldete sich in entsprechenden Debatten um diesen Themenkreis stets kritisch zu Wort. In seinem neuesten Buch Animals as Persons: Essays on the Abolition of Animal Exploitation hat Francione nun eine Kompilation wichtiger, von ihm verfasster Aufsätze aus den Jahren 1995 bis 2007 ediert, die nicht nur einen sehr guten Einblick in seine Grundgedanken geben, sondern die zugleich auch eine Vorstellung vermitteln, welche Debatten in Philosophie und Rechtswissenschaften zum Themenkomplex „Tierrechte“ geführt wurden und werden.


Die von Francione in allen Essays vertretene und verteidigte Hauptthese ist, dass empfindungsfähigen Nichtmenschen insbesondere ein Recht zugesprochen werden müsse, nämlich das Recht, nicht Eigentum des Menschen zu sein. Einzig durch die Zuschreibung dieses Grundrechtes könne nach Auffassung Franciones gewährleistet werden, dass die grundlegenden Interessen von Nichtmenschen in etwaigen Interessenkonflikten zwischen Mensch und Nichtmensch gemäß des Gleichheitsprinzips – Gleiches ist nicht willkürlich ungleich und Ungleiches nicht willkürlich gleich zu behandeln – gerecht abgewogen werden. Ist daher ein Lebewesen empfindungsfähig – d.h. kann es Schmerz und Leid empfinden und infolgedessen Interessen (Wünsche, Präferenzen etc.) haben – so ist es gemäß Francione kein Eigentum bzw. keine Sache, sondern muss notwendigerweise als Person anerkannt und seine Interessen durch Zuerkennung von Rechten geschützt werden. Gerade weil Nichtmenschen gegenüber ihren Besitzern letztlich rechtloses Eigentum seien, griffen die in vielen Ländern bereits eingerichteten Tierschutzgesetze so gut wie gar nicht, denn die Rechte des Eigentümers an seinem Eigentum würden im Zweifelsfalle stets stärker gewichtet als mögliche, den Vorlieben des Eigentümers entgegen gesetzte Interessen auf Seiten des Eigentums; jedes zugunsten von Nichtmenschen verbriefte Recht, beispielsweise das Recht auf körperliche Unversehrtheit, könne somit übertreten werden, hätte das entsprechende Lebewesen den rechtlichen Status von Eigentum inne. Folglich ist klar, dass nicht einfach nur die Art und Weise der Nutzung von Nichtmenschen durch des Menschen Hand ein zu berücksichtigendes moralisches Problem darstellt, wie dies in der Regel von VertreterInnen der Tierschutzbewegung(en) gesehen wird, sondern vielmehr die Nutzung selbst das moralische Problem ist. Daher folgt für Francione als notwendige Konsequenz aus der Anerkennung des moralischen und rechtlichen Personen-Status für alle empfindungsfähigen Nichtmenschen die vollständige Abschaffung der Nutzung von Nichtmenschen durch den Menschen auf gesellschaftlicher Ebene (Abolitionismus), sowie die Übernahme einer veganen Lebensweise auf individueller Ebene.


Auf der Basis dieser Annahmen und Forderungen kritisiert Francione nun in seinen Aufsätzen die Vorstellung mancher TierschützerInnen und auch TierrechtlerInnen, durch kleinschrittige Reformen hinsichtlich der Nutzung von Nichtmenschen könne langfristig noch weit eher die vollständige Beseitigung der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere erreicht werden, als vermittels der gegenwärtig kaum umsetzbar erscheinenden Forderung nach sofortiger Abschaffung dieses Nutzungsrechts und dem „radikalen“ und „extremen“ Appell zur Übernahme des Veganismus in den je individuellen Lebensstil der Menschen. Francione macht dagegen geltend, dass es bereits seit rund 200 Jahren Tierschutzgesetze in vielen Ländern gibt und dennoch mehr Nichtmenschen unter nach wie vor schrecklichsten Bedingungen ausgebeutet und getötet werden, als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Überdies verdeckten solche Tierschutzgesetze das eigentliche moralische Problem – die Nutzung von Nichtmenschen – und verschafften den KonsumentInnen tierischer Produkte noch ein gutes Gewissen bei der Mittäterschaft an diesem Unrecht. Tierschutzgesetze seien in aller Regel nicht im Interesse der entsprechenden Nichtmenschen, sondern dienten in erster Linie den diese Lebewesen ausbeutenden menschlichen Personen, da beispielsweise die Einführung kleiner Verbesserungen in der Unterbringung nichtmenschlicher Tiere zum Teil große ökonomische Einsparungen mit sich brächte und zudem eine Verbesserung der Qualität der diesen Nichtmenschen abgerungenen „Produkte“ zeitigte.


Neben seiner Kritik an diesen neuen Tierschutzbemühungen („New Welfarism“) diskutiert Francione auch öko-feministische Ansätze einer „Ethic of Care“, deren VerfechterInnen oft genug Rechtskonzepte als Ausdruck patriarchalischen, der Emanzipation schwächerer Lebewesen entgegenstehenden Denkens ablehnen, und weist überzeugend die Nachteile einer solchen Ethik-Konzeption hinsichtlich der Sicherung von grundlegenden Interessen von Personen auf, erachtet es jedoch als möglich, dass eine solche „Ethik der Fürsorge“ im Rahmen von Interessenabwägungen unter (Grund-)Rechtsträgern sehr gute Dienste leisten könnte.


Einen der großen Vordenker der Tierrechtsbewegung, Tom Regan, kritisiert Francione schließlich hinsichtlich der Behauptung aus dessen bahnbrechendem Buch The Case for Animal Rights Tod sei für Nichtmenschen (die Subjekte eines Lebens sind) aufgrund ihres weniger komplexen Geisteslebens ein geringeres Übel als für Menschen, weshalb in Notfällen die Rettung menschlichen Leben stets der Rettung nichtmenschlichen Lebens vorzuziehen sei. Francione vertritt dagegen die Auffassung, dass es in solch vorgestellten Notfällen zu der höchst problematischen Konfliktsituation käme, zwischen Interessen zweier Rechtsträger abwägen zu müssen, so dass streng genommen kein unerschütterliches Kriterium ersonnen werden könne, das in allen Fällen zu einer richtigen bzw. befriedigenden Lösung führt. Keinesfalls dürfe jedoch behauptet werden, dass es moralisch geboten sei, das Leben eines Menschen immer dem Leben eines Nichtmenschen vorzuziehen. An diesem Beispiel zeigt sich auch Franciones Ablehnung der Idee, das Leben eines Lebewesens sei umso mehr wert, je stärker sein Geist dem des Menschen ähnle („Similar Minds-Theory“); einzig Empfindungsfähigkeit müsse als Kriterium für die Zusprechung von Grundrechten angenommen werden.


Die in diesem Band zusammengestellten Aufsätze kreisen alle um zentrale Themenbereiche der gegenwärtigen Tierrechtsdebatte – Empfindungsfähigkeit als einziges Kriterium für die Zusprechung von moralischen und juristischen Rechten, nicht Eigentum eines Anderen zu sein als das entscheidende Grundrecht aller empfindungsfähigen Lebewesen, Tierschutz- vs. Tierrechts-Konzeption, Probleme in der derzeitigen Rechtsprechung aufgrund des Eigentumsstatus von Nichtmenschen, sowie Veganismus als moralische Grundforderung einer abolitionistischen Tierrechtstheorie – und es gelingt Francione außerordentlich gut, seine eigenen Thesen wie auch die Thesen seiner Gegner klar und verständlich darzulegen. Seine Argumentation ist konsequent, seine Schlussfolgerungen und die daraus resultierenden Forderungen vermögen den Leser zu überzeugen. Francione legt in diesem Buch meines Erachtens eine der derzeit entschiedensten und argumentativ stärksten Tierrechtstheorien vor, an der andere Tierrechtsansätze sich messen lassen müssen und die unbedingt in größeren Kreisen kritisch diskutiert werden sollte. Allen an Tierrechtsfragen Interessierten ist die Auseinandersetzung mit den Überlegungen Franciones daher unbedingt zu empfehlen.

Dr. Christian Müller

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