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20.01.2009

Paralleluniversum Schuld

Paralleluniversum Schuld

Die verdrängte Schuld der strukturellen Gewalt gegen Tiere


Endlos surren die Bänder mit den aufgehängten Hühnern durch den Schlachthof. Mechanisch werden aus riesigen Behältern die männlichen Küken aussortiert und vergast. Rhythmisch und präzise zerhackt eine Tötungsmaschine den fixierten Fisch. Monoton kreischen die Sägen bei der Schweinezerteilung.

In dem neuen Film „Unser täglich Brot“ zeigt der österreichische Regisseur Nikolaus Geyrhalter die Realität der heutigen „Lebensmittelproduktion“. Er offenbart eine hoch technisierte Welt, in denen die Massentötungen von Tieren logistisch-effizient ablaufen. Hier liegen „menschlicher Erfindungs- und Organisationsgeist“ dicht neben „Grauen und Kälte“.

Die Bilder brechen wie aus einer Parallelwelt in unseren Alltag. Von den Zuständen in den Mastfabriken und Schlachtanlagen haben die wenigsten klare Vorstellungen. In Bezug auf die Herstellung der Nahrung herrscht ein seliges Nichtwissen, eine bequeme Entfremdung. Die jährlichen Schlachtstatistiken lösen keine Empörung aus. Die Schlachthöfe liegen außer Sicht- und Hörweite. Die Tiertransporter rollen nachts über die Straßen. „Die Qual findet anderswo statt“ (Brian Dominick).

„Es ist seltsam, dass so ein völliges Abschließen und Nichtwissen in einer offenen Gesellschaft möglich ist“, meint Geyrhalter beunruhigt. Sein Film bricht die Entfremdung vom Tier auf. Gerade die Sachlichkeit seiner unkommentierten Bilder liefert ein Wissen, um das sich viele wohl lieber gedrückt hätten. Geyrhalter entlarvt die idyllischen Bilder auf den Wurst- und Eierverpackungen als zynische Fälschungen.

Die Frage nach der Schuld des Schlachtens

Indem der Film die abgeschottete Welt der industriellen Tiertötung wahrnehmbar macht, fragt er: Wie steht es um die Schuld des Schlachtens?

Plötzlich hat es der Konsument nicht nur mit dem steril verschweißten Schnitzel im Supermarkt zu tun. Die Verbindung zu den so genannten Nutztieren ist hergestellt. Ihre individuelle Angst und Not, ihr Wille zum Leben ist trotz des automatisierten Tötens im Akkord sichtbar. Schonungslos zeigt Geyrhalter, wie das Individuum zum Exemplar gemacht wird. Der Film markiert einen neuen Höhepunkt in der unseligen Geschichte der Unterwerfung der Tiere - sie geschieht so präzise und perfide wie nie. Die sichtbar gemachte Massentötung nichtmenschlicher Tiere für das Essen hinterlässt ein unbestimmtes Gefühl der Schuld, trotz Anonymität und Entfremdung.

Zu allen Zeiten und in fast allen Völkern galt die Tiertötung zur Nahrungsgewinnung als schuldbehafteter Vorgang. Mit Hilfe von Ritualen und Zeremonien versuchen Menschen bis heute, die Schuld des Schlachtens loszuwerden. Das Wissen um die Schuld, die mit dem Töten eines fühlenden Lebewesens verbunden ist, steckt tief in uns. Auch in der technisierten Industriegesellschaft ist dieses Urgefühl, das an die ursprüngliche Verbundenheit aller Lebewesen erinnert, noch in Resten vorhanden.

„Ich fühle mich unendlich schuldig“, klagt die Studentin Christiane Haupt nach ihrem Pflichtpraktikum im Schlachthof. Das empfinden immer wieder Menschen, nachdem sie Reportagen über Schlachtungen gesehen haben. Eine verdrängte, diffuse Ahnung kommt zu Bewusstsein und wird zum Fall für das Gewissen. Mit bewusster Schuld kann man sehr schlecht leben.

Auswege aus der Schuld

Einige verändern aufgrund des Wissens ihre Lebensgewohnheiten und werden zu VeganerInnen – sicherlich die konsequenteste Entschuldungsstrategie. Ihre Kooperation verwandeln sie in Verweigerung. Das Schuldigwerden am Tier erscheint nicht länger als unumgängliches Schicksal, sondern als veränderbares Verhalten. Christiane Haupt schließt ihren Bericht mit dem Aufruf: „Eines aber bleibt immer, jedem von uns: Nein zu sagen.“

Es bleibt abzuwarten, welche Wirkung Geyerhalters Film haben wird. Doch es ist anzunehmen, dass viele Menschen unbeirrt am Fleischkonsum festhalten wollen. Um das geweckte Gewissen wieder ruhigzustellen, stehen ideologische Entschuldungsstrategien zur Verfügung:

Die Betonung der kulturgeschichtlich gewachsenen Abgrenzung vom Tier: „Tiere gehören nicht zu uns, sondern zur Natur - wir müssen sie beherrschen.“
Das Aufrechterhalten der traditionellen Ausklammerung der Tiere aus der Moral: „Tiere haben keine Seele und keine Vernunft – sie sind ethisch nicht zu berücksichtigen.“
Das Herunterspielen der Empathie: „Es sind doch nur Tiere.“
Die Leugnung des Subjekt-Status von Tieren: „Tiere sind Exemplare und keine Indivi- duen.“
Die kollektive Schuldverschiebung: „Die tägliche Tiertötung ist normal und selbstverständlich – wenn alle schuldig sind, ist niemand schuldig.“
Der Rückzug in die Sprachvernebelung: „Tiere sind ‚nahrungsmittelerzeugende Einheiten’; sie werden nicht ermordet, sondern dem ‚Verwertungsprozess zugeführt’.“
Das Beharren auf der unhinterfragten We sensbestimmung der Tiere: „Tiere sind doch für uns da – ‚Schlachttiere’ sind zum Schlachten da.“

Das Nichtwissenwollen

Doch alle diese Entschuldungsstrategien stoßen an Grenzen. Manche Bilder, manche Augenblicke, manche Schreie, manche Wahrnehmungen wird man einfach nicht mehr los. Wissen kann den Zustand der Schuldlosigkeit beenden. Um aber auf den trivialen Gaumenkitzel nicht verzichten zu müssen, wählen viele Menschen die bequemste und einfachste Entschuldungsstrategie: das Nichtwissenwollen. Trotz aller Bilder und gegen das pochende Gewissen wird das unschuldige Nichtwissen konstruiert. Der Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee thematisiert diesen verbreiteten Verdrängungsmechanismus in seinem Buch „Das Leben der Tiere“. Er läßt die Romanfigur Elizabeth Costello sagen:

„Ich komme ein letztes Mal auf die Todesstätten um uns herum zurück, die Schlachtstätten, vor denen wir in einer gewaltigen gemeinschaftlichen Anstrengung unsere Herzen verschließen. Soweit ich sehen kann, bleibt unser moralisches Wesen unberührt. Wir fühlen uns nicht beschmutzt. Offenbar können wir alles tun, und doch sauber bleiben [...] Eine besondere Form des Nichtwissenwollens.“

Um der eigenen Anklage zu entgehen, wird der realistische Blick auf die Welt der Tatsachen vermieden. Und so werden wohl auch viele versuchen, den Film „Unser täglich Brot“ so weit wie möglich zu ignorieren. Es scheint der banale Grundsatz zu gelten: „Was ich nicht wissen will, weiß ich nicht.“ So kann Schuld für Unschuld gehalten werden. So bleibt die Barbarei draußen vor der Tür. Das tägliche Tiermassaker für die Essgewohnheiten geschieht weiter im Paralleluniversum.

Die organisierte Schuld

Die verbreitete Verdrängung des Schicksals der so genannten Nutztiere erinnert in manchen Zügen an Mechanismen der strukturellen Gewalt in anderen Zusammenhängen. Die sozial-psychologischen Vorgänge in einer Gesellschaft, in der strukturelle Gewalt gegen Ausgegrenzte herrscht, hat wohl niemand so gründlich analysiert wie die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975).

Sie fragte: Warum konnte der fabrikmäßig betriebene Massenmord im Dritten Reich ohne nennenswerten Widerstand passieren? Ihr Antwortversuch: Die deutsche Bevölkerung hat die unbequemen und verhängnisvollen Einsichten in die NS-Vernichtungsmaschinerie kollektiv verdrängt. Die „Endlösungs“-Politik geschah in einer „Atmosphäre totaler moralischer Indifferenz“ (Hans Mommsen). Schleichend und systematisch wurde die Gewalt organisiert und die Schuldfrage verdrängt. Die Juden und andere Gruppen wurden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, entrechtet und entpersonalisiert, schließlich in die Lager geschickt. Diese Lager bildeten einen abgeschirmten Teil der Wirklichkeit. Hannah Arendt nennt sie „Höhlen des Vergessens“. Darin verschwinden die Opfer, „als hätte es sie nie gegeben.“ Die meisten Deutschen und vor allem die vielen Bürokraten, die das Massenmorden organisierten, hätten sich niemals vorgestellt, was sie eigentlich anstellten.

Mangelndes Vorstellungsvermögen, eine Mentalität der Abschirmung und Selbsttäuschung seien die Grundlage für den ungebremsten Massenmord der Nazis gewesen. Über die Mentalität der Nazi-Deutschen schrieb Arendt: „Allen aber war zur Gewohnheit geworden, sich selbst zu betrügen, weil dies eine Art moralische Voraussetzung zum Überleben geworden war.“

Nüchtern und zugleich schockiert musste Arendt feststellen, dass ein ganzes Volk zu Verbrechern wurde. Nicht einige wenige Sadisten begingen eine Barbarei, sondern ein ganzes Volk hielt das Böse für normal, ließ es geschehen und verstrickte sich darin. Es herrschte die Meinung: Wenn alle schuldig sind, ist niemand schuldig.

Das Böse ist Normalität und Alltag geworden. Die Mehrheit machte mit und kam sich dabei noch anständig, normal und moralisch integer vor. Eine totale Manipulation des moralischen Empfindens ließ das reale Schuldigwerden zur gefühlten Unschuldigkeit werden. Die Ideologisierung und Verdrängung führte zu jener systematischen, von fast allen Seiten getragenen Gewalt gegen die Ausgegrenzten. Hannah Arendt nennt das „organisierte Schuld“ - einen kollektiven Mangel an Schuldbewusstsein.

Die „Höhlen des Vergessens“nicht vergessen

Der Philosoph Max Horkheimer (1895-1973) bezieht in seine Analyse der strukturellen Gewalt die nichtmenschlichen Tiere ausdrücklich mit ein. Im Jahr 1959 schrieb er: „Zwischen der Ahnungslosigkeit gegenüber den Schandtaten in totalitären Staaten und der Gleichgültigkeit gegenüber der am Tier begangenen Gemeinheit, die auch in den freien (Staaten) existiert, besteht ein Zusammenhang. Beide leben vom sturen Mittun der Massen bei dem, was ohnehin geschieht.“

Von Hannah Arendt ist wohl auch in Bezug auf die Tierfrage etwas zu lernen: Wir sind gefordert, „die Höhlen des Vergessens und die Welt des Sterbens als die zentralen Themen unseres politischen Lebens zu verstehen.“

Die einzige Antwort auf die Banalität und Totalität des Bösen heißt: Widerstand im Namen einer gemeinsamen Welt, in der es keinerlei Ausgrenzung gibt, in der jedes Individuum das Recht hat, niemals von elementaren Rechten ausgeschlossen zu sein.

Das sollte auch die Lektion des Films „Unser täglich Brot“ sein. Dass wir das Schlachten nichtmenschlicher Tiere wieder für echte Schuld halten. Das wäre der erste Schritt, die strukturelle Gewalt gegen Tiere zu beenden.



Schweineschlachtung auf Demeter Hof

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