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27.01.2009

Prüfstand

Über die Rubrik "Prüfstand"

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

in der Rubrik "Prüfstand" werden wir die Ethik-Konzepte der Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung beschreiben und einer kritischen Betrachtung unterziehen.

Philosophen haben zu allen Zeiten auch über die Frage nachgedacht, wie der Mensch seine nächsten Verwandten, die Tiere behandeln soll. Dementsprechend umfangreich ist das Schriftwerk darüber. Schon in den "Heiligen Schriften" der großen Religionsstifter des indischen Subkontinents (Mahavira, Jainismus und Gautama Siddharta, Buddhismus), die in um das Jahr 500 vor Christus lebten und wirkten, treffen wir auf ausführliche Kommentare, die dieser Frage gewidmet sind. Die Schriften des Konfuzius und des Mengtse, aus derselben Epoche, geben uns Aufschluss über die Stellung Mensch und Tier im Reich der Mitte. Aus der Bibel erfahren wir, wenn auch nur durch wenige Textstellen, die jüdisch-christliche Sichtweise zu diesem Themenkomplex kennen. Sie beeinflusste die großen Kirchenlehrer, allen voran Augustinus und Thomas von Aquin, die das abendländisch-christliches Denken entscheidend geprägt haben. Die Werke von Aristoteles (Metaphysik), Plutarch (Moralia) und einiger anderer Philosophen, die für die Entwicklung der europäischen Philosophie von großer Bedeutung waren, geben uns Auskunft über die Stellung Mensch, Tier und Natur im antiken Griechenland. Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts waren es vor allem angloamerikanische Philosophen, die zu einem Überdenken des moralischen Status der Tiere in der humanistisch geprägten Ethik aufforderten.

Vor allem sind Henry Salt und Jeremy Bentham zu nennen, die die Pionierarbeit für den heutigen Tierrecht-Gedanken geleistet haben.

Aber auch Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer hatten sich eingehend mit der Frage eines moralischen Tierumgangs in ihren Werken beschäftigt. Albert Schweitzer wurde durch seine "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" Anfang des 20. Jahrhunderts zur Lichtfigur des erstarkenden Tierschutz-Gedankens im europäischen, vor allem im deutschsprachigen Raum.

Etwa ab 1960 befassten sich vorwiegend in England und in den USA Philosophen sehr intensiv mit dem Bereich der angewandten oder praktischen Ethik (applied ethics), wobei ein großer Teilbereich die Fragestellungen einer moralischen Berücksichtigung der Tiere einnahmen. Damit hatte die Tier-Ethik eine neue Dimension angenommen, und die Schriften von Peter Singer, Tom Regan, Richard Ryder, Bernard Rollin, Rachel Carson und Ruth Harrison wurden zur Initialzündung der modernen Tierrecht-Bewegung.

Bei unserem kurzen Streifzug durch die Welt der Tier-Ethik und Philosophie werden wir aber schnell feststellen, dass sich die Philosophen über Grundfragen der Tier-Ethik keineswegs einig sind. Sie kooperieren zwar mehr oder weniger in einem "Agreement in Disagreement", wenn es um Fragen der aktuellen Tierschutz-Politik geht, aber ihre Ethik-Konzepte stimmen in den gedanklichen Ausgangspunkten und in entscheidenden Detailfragen nicht oder nur selten überein.

Die verschiedenen Prämissen und sonstigen Unterschiede wurden in der schwierigen Anfangsphase der modernen Tierrecht-Bewegung kaum beachtet. Aber mittlerweile haben die Philosophen die Probleme, die sich aus der Divergenz ihrer Konzepte ergeben, selbst erkannt. Für Peter Singer und Tom Regan, die prominentesten Vertreter der modernen Tier-Ethik, ist die Diskussion über die Stimmigkeit ihrer Vorstellungen und Argumente keineswegs abgeschlossen.

Jedes ihrer Konzepte erscheint zwar auf den ersten Blick fundiert und in sich begründbar, aber sie liegen so weit auseinander, dass die meisten Tierrechtler/innen am Ende ratlos sind, für welches sie sich entscheiden sollen. Das hat zur Folge, dass die Tierrecht-Bewegung in Deutsachland mit ihrer Vielzahl untereinander konkurrierender Dachverbände, Organisationen, Vereinen, Tierbefreiungsgruppen und einzelner Tierrecht-Aktivisten sich an sehr unterschiedlichen und oft einander widersprechenden Ethik-Konzepten oder Partikularthesen orientiert.

Die Ratlosigkeit vieler Tierrechtler/innen wird zudem noch dadurch vergrößert, dass diese Konzepte in Detailfragen wichtige Antworten schuldig bleiben oder sie Aussagen und Sichtweisen enthalten, die den Vorstellungen einer gerechten moralischen Berücksichtigung der Tiere nicht entsprechen.

Die Tierrecht-Bewegung stützt sich mangels Alternativen oder mangels besseren Wissens auf Ethik-Konzepte, die in Gänze oder in Teilaspekten dem grundlegenden "Tierrecht-Gedanken" widersprechen oder auf unbeweisbare religiöse Thesen, oder es wird aus meist persönlichen Gründen ganz darauf verzichtet, rationale Ethik-Konzepte zur argumentativen Unterstützung ihrer Forderungen heranzuziehen.

Einige Theorien und Ethik-Konzepte begünstigen oder rechtfertigen eindeutig die Unterdrückung, Ausbeutung und Tötung von Tieren durch den Menschen (Albert Schweitzer), lehnen eine tierproduktfreie Ernährungsweise schlicht ab (Klaus Michael Meyer-Abich), betrachten ein generelles Tötungsverbot von Tieren als unzweckmäßig (Joel Feinberg), erlauben eine schmerzlose Tötung bestimmter Tiere, wenn diese nicht über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, sich als personale Wesen in Raum und Zeit begreifen zu können, und die getöteten Tiere durch die Geburt bzw. Züchtung gleichartiger Tiere ersetzt werden (Peter Singer) oder gehen zwar von ähnlichen Rechten und zugrunde liegenden inhärenten Werten aus, geben im Konfliktfall jedoch dem Menschen den kategorischen Vorzug. (Tom Regan / Life-Boat-Case)

Vielen Tierrechtlern/innen ist dies jedoch überhaupt nicht bekannt, weil sie sich mit Tier-Ethik und philosophischen Grundsatzfragen einfach nicht oder nur oberflächlich auseinandersetzen wollen. Es fehlt ihnen an Zeit oder Geduld, oder sie ziehen es vor, mehr intuitiv als auf einem rationalen philosophischen Fundament zu argumentieren. Es gibt aber kaum einen Bereich, in dem so viele Menschen über ein Anliegen so viel reden, aber im Grunde genommen darüber so wenig Wissen und so wenig Grundkenntnisse besitzen wie in der Tierbefreiungsbewegung.

All dies hat negative Auswirkungen, denn es wirft ein zweifelhaftes Licht auf die Tierrecht-Bewegung in Beziehung auf das intellektuelle Fundament sowie die Glaubwürdigkeit und Seriosität und hemmt damit leider letztendlich ihren Erfolg.

Wer ernsthaft über das Heute und Morgen nachdenken will, muss das Gestern kennen. Mit anderen Worten: Wer sich über die Tier-Ethik in der Gegenwart und in der Zukunft Gedanken machen will, wer eine Veränderung bewirken will, sollte sich mit den philosophischen Strömungen und tierrechtrelevanten Theorien und Konzepten, die zur heutigen Sichtweise geführt haben, auseinandersetzen.

Wir wollen dem/der interessierten Tierrechtler/in in dieser Rubrik die gängigsten Tierrecht-Konzepte in komprimierter Form vorstellen, auf ihre problematischen Punkte aufmerksam machen und damit das gedankliche Rüstzeug vermitteln, um über ethische Grundsatzfragen und Tier-Ethik auf einem hohen Niveau mitdiskutieren zu können.




Albert Schweitzer



Auf dem Prüfstand:
Albert Schweitzer und die
Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben


Stefan Bernhard Eck

Mit einem Vorwort von Dr. Helmut F. Kaplan

Die vorliegende Abhandlung ist ein in sich geschlossenes Kapitel der Rubrik "Überprüfung" der Webseiten des Arbeitskreises Tierrechte und Ethik. Ein Download steht jedem(r) interessierten Leser/in für private Zwecke frei; jede sonstige Nutzung oder Vervielfältigung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Verfassers. Ähnlich umfangreiche Abhandlungen über Peter Singer (Animal Liberation und PraktischeEthik) sowie über Tom Regan (The Case For Animal Rights) sind in Vorbereitung. Auch siewerden auf den Webseiten des Arbeitskreises Tierrechte und Ethik - A.K.T.E. kostenlos zur Verfügung gestellt.

Der Arbeitskreis ist zur Durchführung dieser zeitintensiven Arbeiten auch auf Ihre Hilfe angewiesen. Bitte unterstützen Sie uns durch eine Spende in unserem Kampf für einen gerechten moralischen Status der Tiere in unserer Gesellschaft.

Text und Abbildungen wurden mit größter Sorgfalt erarbeitet. Es wird keine Haftung fürfehlerhafte Angaben und deren Folgen übernommen. Die vorliegende Abhandlung ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte sind dem Arbeitskreis Tierrechte und Ethik vorbehalten. Kein Teil dieser Abhandlung darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors in irgendeiner Formverändert oder zu kommerziellen Zwecken genutzt werden. Jegliche anderwertige Nutzung, wie Verbreitung, Ausdruck, Vervielfältigung oder Verlinkung des Dokumentes, ist erlaubt und sogar erwünscht.

Die Abhandlung "Auf dem Prüfstand: Albert Schweitzer und die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" kann auch als PDF-Datei Schweitzer_book.pdf (ca. 1,31 MB) geöffnet oder heruntergeladen werden. Zum Herunterladen mit der rechten Maustaste anklicken und "Ziel speichern unter" wählen.

http://www.tierrechteportal.de/Pruefstand/Schweitzer_book.pdf


Hinweis: Das Layout der PDF-Datei wurde für einen beidseitigen Ausdruck gestaltet.


Widmung

Um ein Zeichen eines die Artgrenzen überschreitenden ethischen Denkens zu setzen und in Erinnerung an eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen Mensch und Tier widme ich diese Abhandlung dem "Kaninchen Noy", das während der Wochen und Monate meiner Arbeit zu dieser Schrift geduldig zu meinen Füßen lag oder es sich auf meinem Stuhl neben mir bequem machte und den Bildschirm studierte, als könnte es lesen, was ich gerade schrieb oder recherchierte.

Noy erinnerte mich mit ihren ständigen Sympathiebeweisen durch sanfte und zuweilen auch eindringliche Berührungen daran, wem letztendlich die Mühe dieser Arbeit gilt, während ich am Computerbildschirm um verständliche Formulierungen rang. Eine Woche nach Fertigstellung der zweiten Überarbeitung zu dieser Abhandlung verstarb meine kleine, liebenswerte Freundin Noy.

"Aber das Leben ist kurz, und die Wahrheit wirkt ferne und lebt lange: sagen wir die Wahrheit."
(Arthur Schopenhauer, August 1818)

"Ich glaube, dass der Mensch, da ihm nicht gegeben ist, etwas zu erschaffen, nicht das Recht hat, auch nur die kleinste Kreatur, die da lebt, zu zerstören."
(Mahatma Gandhi, August 1920)


Vorwort von Helmut Kaplan

Stefan Bernhard Eck präsentiert hier eine solide, anschauliche und spannende Einführung in die biographischen, philosophischen und weltanschaulichen Grundlagen von Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Seine Darstellung ist eine unschätzbare Hilfe für alle, die sich ein objektives Bild von diesem ebenso gefeierten wie geschmähten Philosophen machen möchten.

Schweitzers historisches Verdienst ist es, den grundlegenden Defekt der abendländischen Ethik erkannt und benannt zu haben: die willkürliche Beschränkung auf die eigene Art, den menschlichen Speziesismus, wie wir heute sagen würden. Eck demonstriert, dass Schweitzers Lehre aber dennoch nicht wegweisend für die Tierrechtsbewegung sein kann. Dabei vermeidet er den naheliegenden Fehler, Schweitzer dadurch nicht gerecht zu werden, dass er dessen zeitbedingte Rahmenbedingungen vernachlässigen oder gar vergessen würde.

http://www.tierrechteportal.de/Bibliothek/frames.php?url=Lexikon.html&stelle=Speziesismus

Eck verdeutlicht, dass und warum beide verbreiteten Extrempositionen gegenüber Schweitzer falsch sind:

die hochmütige und vollkommene Ablehnung, weil Schweitzers Werk und Wirken bei aller möglicher und nötiger Kritik eine höchst beeindruckende Lebensleistung darstellen;
die bedingungslose und begeisterte Zustimmung, weil es Schweitzers Ethik an Konsistenz und Schweitzers Leben an Konsequenz fehlt.
Der Grundwiderspruch, der Schweitzers Werk durchzieht, ist, dass er einerseits stets die grunds ätzliche Gleichwertigkeit allen Lebens behauptet und betont, andererseits aber dennoch laufend Prioritätensetzungen vornimmt – zugunsten eines christlich geprägten Anthropozentrismus.

Dieser theoretische Widerspruch schlägt sich auch im praktischen Handeln nieder.

Ecks Ausführungen machen deutlich, warum die Philosophie der Tierrechtsbewegung auf christlichem Boden nie hätte entstehen können: wegen der systemimmanenten christlichen Irrationalität, man denke etwa an das " Credo, quia absurdum" ("Ich glaube es, weil es widersinnig ist") – und weil die christliche Grundhaltung gegenüber dem Tier der Tierrechtsposition diametral entgegengesetzt ist.

Es kann als die Tragik von Schweitzers Leben betrachtet werden, dass er mit all diesem christlichen Denk- und Glaubensmüll beladen philosophieren musste. Und es wäre ein lohnendes Experiment zu rekonstruieren, zu welchen Ergebnissen er gelangt wäre, hätte er nicht ständig diese ungeheure Last mit sich herumtragen müssen.

Angesichts der Schwere dieser Behinderung und der Größe der Widersprüche, mit denen jeder konfrontiert wird, der Christentum und Tierrechte zu versöhnen versucht, ist es geradezu ein Wunder, dass Schweitzer nicht verrückt geworden ist. Dass er es nicht wurde, hat er wohl seiner robusten Natur zu verdanken – und dem Umstand, dass er, immer wenn es philosophisch brenzlig wurde, sich auf vermeintlich sicheren christlichen Boden flüchtete.

Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist ein imposantes Lehrstück dafür, welch verheerende Folgen religiöse Scheuklappen im allgemeinen und christliche Denkhemmungen im besonderen haben können – und eine ernste Mahnung an die Tierrechtsbewegung, sich von keiner Religion oder Weltanschauung vereinnahmen zu lassen.


Einleitung

Jedes Urteilen, jeder Denkprozess des Menschen – einmal abgesehen von der abstrakten Welt der Zahlen, der fiktiven Mathematik – ist vom Emotionalen, von individuellen Präferenzen, von einem individuellen Welterleben, also von einer ganz persönlichen Weltsicht geprägt. Dies trifft um so mehr zu, wenn man sich mit Fragen der Ethik beschäftigt, die zweifellos die tieferen und tiefsten Schichten unseres Bewusstseins berühren. Die Subjektivität wird dabei immer der Objektivität entgegenstehen und unser Erkenntnisvermögen trüben. Dies bedeutet jedoch keine Abwertung des persönlichen Urteilens, sondern sollte als naturbedingter Aspekt unseres Kognitionsprozesses akzeptiert werden. Kongruente Urteile und kongruente Begründungen lassen sich deshalb gerade bei ethischen Fragestellungen in der Regel nur sehr selten erzielen.

Die durch mein persönliches Weltbild beeinflussten Schlussfolgerungen und Beurteilungen der Schweitzer’schen Ethik mögen – trotz dieser unvermeidbaren Subjektivität – als bereicherndes Hilfsmittel zur eigenen Urteilsfindung herangezogen werden. Letztendlich wird aber der Leser selbst entscheiden, ob und inwieweit sich Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben mit unserem heutigen Verständnis einer gerechten moralischen Berücksichtigung unserer tierlichen Mitlebewesen in Einklang bringen lässt.

(lt. Jean-Claude Wolf beinhaltet schon das Wort "tierisch" eine gewisse Abwertung)

Die in dieser Ausarbeitung zusammengetragenen einhundert Textpassagen und Zitate aus dem umfangreichen Schriftwerk Albert Schweitzers ermöglichen dem philosophisch interessierten Tierrechtler und Tierschützer einen tiefen Einblick in die Schweitzer’sche Gedankenwelt und seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Durch die relativ umfangreichen Kapitel 1 und 2 soll eine Beschreibung der Kindheit und Studienjahre Schweitzers und seiner Welt- und Gottessicht zur Verfügung gestellt werden, damit die in den darauf folgenden Kapiteln behandelten philosophischen Positionen in einer biographischen Gesamtperspektive verstanden werden können.

Mit den zuweilen über das tierrechtsrelevante Thema hinausgehenden, provozierenden Fragestellungen wird versucht, den Leser zum Nachdenken und zum Hinterfragen anzuregen, sowohl in Bezug auf unser humanistisch-anthropozentrisch geprägtes Weltbild und des sich daraus ergebenden Selbstverständnisses des Menschen im Weltganzen, als auch in Bezug auf unsere Einschätzung der Stellung Mensch, Mitlebewesen und Mitwelt.

Bei der Arbeit zu dieser Abhandlung war es mein Bestreben, einerseits die Postulate Albert Schweitzers bezüglich der Behandlung und der Stellung unserer tierlichen Mitlebewesen in seinem Konzept möglichst genau darzustellen und durch biographische Meilensteine zu ergänzen, die Aufschluss über sein Weltbild und Selbstverständnis geben sollen und andererseits seine eigene praktische Umsetzung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben aufzuzeigen. Deshalb sollte diese Abhandlung nicht als eine philosophie-theoretische bzw. methodologische Kritik der Schweitzer’schen Ethik verstanden werden. Eine streng wissenschaftliche Untersuchung bleibt allein schon wegen der philosophischen Terminologie, die vielen Lesern nicht vertraut sein dürfte – auf ein Minimum begrenzt. Die methodologischen Fehler in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, die seitens der akademischen Philosophie vorgebracht werden, sind in dieser Abhandlung nur kurz behandelt und in allgemeinverständlicher Sprache auch für den mit der Materie nicht vertrauten Leser beschrieben.

Die primäre Frage war, ob die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben einer kritischen Überprüfung auf der Basis der A.K.T.E.-Untersuchungsmethodik ethischer Konzepte standhalten würde, und ob sie den Prinzipien und Forderungen der heutigen Tierrechtsbewegung entspricht.

Diese Abhandlung wurde nicht in einem "Guss" geschrieben.

Durch verschiedene Ereignisse im Rahmen meines Engagements in der Tierrechtsbewegung und durch Arbeiten an anderen Tierrechtsprojekten ergab sich, dass sie in drei zeitlich weit auseinanderliegenden Etappen niedergeschrieben wurde. Bei der jeweiligen Wiederaufnahme der Arbeit fiel mir auf, dass sich mein eigener Standpunkt immer ein wenig verändert hatte. Meine anfängliche Akzeptanz und Toleranz verblasste mehr und mehr durch die zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnis, wie verhängnisvoll und negativ sich dieses populäre Moral-Konzept auf das Leben und Wohlsein der Tiere ausgewirkt hatte, weil viele Tierschützer/innen und Tierrechtler/innen sich noch heute ganz und gar unkritisch auf die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben beziehen und Albert Schweitzer zur Kultfigur der Tierrechtsbewegung idealisieren, aber tatsächlich über den Inhalt dieser Ethik und über Schweitzer selbst nicht viel mehr wissen als einige herzergreifende Zitate aus Tierschutzkalendern oder Zitatenbändchen. Meine Auseinandersetzung mit der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und ihrer Wirkung in unserer Gesellschaft gestaltete sich aufwendiger, und meine Kritik wurde umfangreicher.

Mit dieser Abhandlung soll Albert Schweitzer und seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben weder überbewertet oder glorifiziert noch herunter geredet oder bloßgestellt werden. Es ist mein Bestreben – um der Wahrheit willen – auf die Stärken dieses Konzeptes, aber auch auf seine Schwächen und Fehler hinzuweisen.



Danksagung

Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Arbeitskreises Tierrechte und Ethik für ihre hilfreiche Unterstützung bei der Fertigstellung dieser Abhandlung. Mein besonderer Dank gilt Herrn Jürgen Kreitner für ein "web-gerechtes" Layout und für das Korrektorat, Herrn Dirk Gießelmann für die graphische Gestaltung und Herrn Helmut F. Kaplan für sein Geleitwort zu dieser Schrift.

Stefan Bernhard Eck



Kapitel 1
Das geistige und philosophische Fundament von Albert Schweitzer



1.1 Prägung durch soziogeographisches Umfeld

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 als zweites von vier Kindern der Eheleute Ludwig und Adele Schweitzer, einer geborenen Schillinger, im elsässischen Kaysersberg geboren. Er wurde auf den Namen Albert zum Andenken an den als Pfarrer zu St. Nikolai in Straßburg verstorbenen Bruder seiner Mutter Adele getauft. Ein halbes Jahr nach der Geburt wurde sein Vater, der das Amt eines Landpfarrers bekleidete, in die Pfarrei nach Günsbach im Münstertal berufen.

Der junge Albert war ein Kind, das gern raufte und das sich auf keinen Fall durch feine Kleidung von den Dorfbuben abheben wollte. Das "Herrenbüble" lag ihm nicht. Früh entwickelte sich eine von Mitleid und Nächstenliebe zu Mensch und Tier geprägte Grundhaltung in ihm. In seinem Rückblick über Kindheit und Jugend schrieb Schweitzer:

"Solange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und glaube, daß es vielen Kindern ebenso ergeht, wenn sie auch äußerlich ganz froh und sorglos erscheinen. Insbesondere litt ich darunter, daß die armen Tiere so viel Schmerz und Not auszustehen haben." [1]

"Ganz unfaßbar erschien mir – dies war schon, ehe ich in die Schule ging – daß ich in meinem Abendgebete nur für die Menschen beten sollte. Darum, wenn meine Mutter mit mir gebetet hatte und mir den Gutenachtkuß gegeben hatte, betete ich heimlich noch ein von mir selbst verfaßtes Zusatzgebet für alle lebendigen Wesen. Es lautete: Lieber Gott, schütze und segne alles, was Odem hat, bewahre es vor allem Übel und laß es ruhig schlafen." [2]

Die Harmonie und Liebe innerhalb der Familie und die stetigen Belehrungen seines frommen Vaters über die christliche Nächstenliebe hatten in dem jungen Schweitzer eine Grundeinstellung erzeugt, die es ihm schon als Kind gebot, auf Menschen und Tiere Rücksicht zu nehmen.

Eine andere Prägung, auf die nur selten hingewiesen wird, ergab sich aus der autoritären Erziehung durch seinen Vater, dessen Charakter neben einem ausgeprägten Pflichtbewusstsein und dem Streben nach Harmonie auch eine respektsgebietende Herrschernatur beinhaltete. In Schweitzers späterem Leben trat diese Prägung durch eine Tendenz zur Dominanz und zu Absolutheitsansprüchen zu Tage, vor allem in seiner oft harschen Kritik und strikten Ablehnung anderer ethischer Konzepte. Dass diese Haltung ihm innerhalb der akademischen Philosophie mehr Feinde als Freunde bescherte, und dass im Gegenzug sein eigenes Ethik-Konzept auch häufig kritisiert wurde, blieb nicht aus. Erst in späteren Jahren schlug Schweitzer versöhnlichere Töne an, vielleicht aus dem Erkennen, dass auch die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben mit Fehlern behaftet war.

Der junge Albert zeigte die typisch kindliche Tierliebe; sie war jedoch stärker als üblich in ihm ausgeprägt. Doch auch als Heranwachsender erlag er der Gedankenlosigkeit und Grausamkeit, zu denen Kinder so oft fähig sind.

Einige traumatische Kindheitserinnerungen verfolgten ihn zeitlebens:

"Zweimal habe ich mit anderen Knaben mit der Angel gefischt. Dann verbot das Grauen vor der Mißhandlung der aufgespießten Würmer und vor dem Zerreißen der Mäuler der gefangenen Fische, weiter mitzumachen. Ja, ich fand sogar den Mut, andere vom Fischen abzuhalten. Aus solchen mir das Herz bewegenden und mich oft beschämenden Erlebnissen stand in mir langsam die unerschütterliche Überzeugung, daß wir Tod und Leid über ein anderes Wesen nur bringen dürfen, wenn eine unentrinnbare Notwendigkeit dafür vorliegt, und daß wir alle das Grausige empfinden müssen, das darin liegt, daß wir aus Gedankenlosigkeit Leiden machen und töten." [3]

"Aus dem Hause des Nachbars Löscher heraus sprang kläffend sein als böse bekannter Hund dem Pferde entgegen. Ich glaubte im Recht zu sein, ihm einen gutgezielten Peitschenschlag zu versetzen, obwohl er sichtlich nur aus Mutwillen auf den Schlitten zukam. Zu gut hatte ich gezielt. Ins Auge getroffen, wälzte er sich heulend im Schnee. Seine klagende Stimme klang mir noch lange nach. Durch Wochen hindurch konnte ich sie nicht loswerden." [4]

In besonderer Erinnerung, so berichtete Schweitzer, blieb ihm das Erlebnis, als er mit seinen Spielgefährten widerwillig hinauszog, um mit Schleudern Jagd auf Vögel zu machen. Noch bevor der erste Stein abgeschossen war, warf er seine Schleuder weg und rannte davon. Und genau in diesem Augenblick begannen die Glocken des nahen Kirchturms von Günsbach zu läuten, als seien sie ein mahnendes Zeichen, ein Fingerzeig Gottes für ihn gewesen. Was er schon als Kind verschwommen in seiner Psyche durchlebte und erfahren hatte, wurde durch das spätere Studium östlicher und westlicher Philosophien angereichert und von einem zur geistigen Reife gelangten Manne in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben niedergeschrieben.

"Die Art, wie das Gebot, daß wir nicht töten und quälen sollen, an mir arbeitete, ist das große Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Neben ihm verblassen alle anderen." [5]


1.2 Studienjahre in Straßburg, Paris und Berlin

Im Jahre 1893 begann Albert Schweitzer sein Studium der Philosophie und Theologie an der Universität Straßburg.

"Schleiermachers Abendmahlslehre verglichen mit dem Neuen Testament" war seine Abschlussarbeit zum ersten Staatsexamen. Im Anschluss widmete er sich vornehmlich dem Studium der Philosophie des Aristoteles und Platon unter Professor Ziegler und Windelband. Seine spätere Dissertationsarbeit hatte die Kant’sche Religionsphilosophie zum Thema. Weitere Studien führten ihn an die Sorbonne und dann nach Berlin, um dort Harnack, Pfleiderer, Paulsen und Simmel zu hören. Die Universitätsbibliotheken gestatten ein eingehendes Studium mit den verschiedenen Philosophien der westlichen und der östlichenWelt.

Schweitzer befasste sich während dieser Zeit neben seinen theologischen Studien eingehend mit Goethe, Schiller, Schleiermacher, Kant, Hegel, Fichte, Tolstoi, Schopenhauer, Nietzsche, dem Hinduismus und dem Buddhismus, mit der Philosophie der griechischen Antike und der Stoa.

Auch die frühen chinesischen Philosophen, allen voran Laotse, gehörten zu seinem riesigen Lesestoff. Seine musikalische Begabung fand ihren Niederschlag in dem Studium der sakralen Orgelmusik von Johann Sebastian Bach, in der er ein wahrer Meister wurde. Seine späteren Konzertreisen führten ihn von Straßburg über Prag, Stockholm, Paris, London und bis nach Barcelona. Weit weniger bekannt als dies sind seine technischen Ausarbeitungen und Konstruktionsanleitungen für den bachgemäßen Orgelbau und eine umfangreiche Bach-Biographie.

Im Jahre 1900 wurde er Pfarrer der Gemeinde Sankt Nicholai in Straßburg und ein Jahr später Leiter des dortigen theologischen Seminars.

Ein Meilenstein in seinem literarischen Schaffen stellt das im Jahre 1906 erschienene Buch "Von Reimarus zu Wrede. Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" dar. Im Frühjahr 1913 schloss er seine Doktorarbeit zum Thema der Pathographien über Jesus Christus ab, ("Die psychiatrische Darstellung Jesu. Darstellung und Kritik") da man ihm von theologischer Seite zum Vorwurf gemacht hatte, er habe Jesus als eine von Wahnideen besessene Persönlichkeit dargestellt.

(Pathographie: Krankheitsbild)

Mit 30 Jahren – im Jahre 1905 – entschloss er sich zum Studium der Medizin, um sein restliches Leben in den Dienst der Humanität zu stellen, denn Schweitzer hatte schon in frühen Jahren erkannt, dass er ein privilegiertes Leben führte. Er betrachtete es als eine moralische Verpflichtung, das eigene Glück mit dem Not leidenden Nächsten zu teilen.

"Immer klarer wurde mir, daß ich nicht das innerliche Recht habe, meine glückliche Jugend, meine Gesundheit und meine Arbeitskraft als etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Aus dem tiefen Glücksgefühl erwuchs mir nach und nach das Verständnis für das Wort Jesu, daß wir unser Leben nicht für uns behalten dürfen.
Wer viel Schönes im Leben erhalten hat, muß entsprechend viel dafür hingeben.
Wer von eigenem Leid verschont ist, hat sich berufen zu fühlen, zu helfen, das Leid der anderen zu lindern. Alle müssen wir an der Last von Weh, die auf der Welt liegt, mittragen ..." [6]

"Die Entscheidung fiel, als ich einundzwanzig Jahre alt war.... Dann, wenn ich in Wissenschaft und Kunst geleistet hätte, was ich darin vor hatte, wollte ich einen Weg des unmittelbaren Dienens als Mensch betreten ...
Eine Verkettung von Umständen wies mir dann den Weg zu den Schlafkranken und Aussätzigen Afrikas." [7]

1913 verließ er mit seiner ein Jahr zuvor geheirateten Frau Helene, eine geborene Bresslau, an Bord eines Schiffes den Hafen von Bordeaux in Richtung Äquatorialafrika. In Lambarene an den Ufern des Ogowe-Flusses im heutigen Gabun fanden die umfangreichen Konzepte für seine philosophischen Hauptwerke ("Kulturphilosophie I." mit "Verfall und Wiederaufbau der Kultur" und "Kulturphilosophie II." mit "Kultur und Ethik") ihren Abschluss.

Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben entstand in den Kriegsjahren des Ersten Weltkrieges und wurde 1923 in seinem Werk " Kultur und Ethik" erstmalig veröffentlicht. Albert Schweitzer verstarb am 4. September 1965 in seinem 90. Lebensjahr in Lambarene, wo er auf seinen ausdrücklichen Wunsch auch begraben liegt.


1.3 Die großen Einflussfaktoren

Erwähnenswert ist sein Buch "Die Weltanschauung der indischen Denker". Darin untersuchte er die heiligen Schriften und Systeme des indischen Subkontinents: die Upanishaden, die Samkhya-Lehre, den Jainismus, den Buddhismus, den späten Brahmaismus, den Hinduismus, dabei speziell die Bhakti-Mystik sowie die Bhagavadgita. Vieles davon wurde von Albert Schweitzer übernommen, modifiziert und trat neben den Gedanken Arthur Schopenhauers in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wieder zu Tage. Die ontologischen und psychologischen Aspekte dieser Systeme hinterließen deutliche Spuren in seinem persönlichem Weltbild.

(Upanishaden: esoterische und mystische Schriften des Brahmanismus, die zu den Veden gehören. Ontologie: Lehre vom Sein. )

Es ist daher nur allzu verständlich, dass diese Auseinandersetzung mit den östlichen Philosophien auch eine prägende Wirkung auf seine eigene Ethik und sein weiteres Schaffen hatte. Der Ursprung vieler Gedankengänge, die auf die indischen und chinesischen Denker schließen lassen, wurde jedoch in seiner Ethik meistens verschwiegen, obwohl er in seinem Buch "Die Weltanschauung der indischen Denker" besonders hervorhob, wie bereichernd eine Beschäftigung mit diesen Philosophien für unser abendländisches Ethikverständnis sei.

"Es kann für unser Denken ja nur eine Klärung und Bereicherung bedeuten, in das indische Denken Einblick zu gewinnen und sich mit ihm auseinanderzusetzen." [8]

"Auch in der Ethik dringt das indische Denken, von der Welt- und Lebensverneinung aus, zu einer Erkenntnis vor, die für das europäische außer Sicht bleibt. Es gelangt dazu, sich Rechenschaft davon zu geben, daß unser ethisches Verhalten es nicht nur mit dem Nebenmenschen, sondern mit allen Wesen zu tun hat. Das Problem der Grenzenlosigkeit des Gebietes und der Forderung der Ethik, dem das europäische Denken noch heute zu entgehen sucht, besteht für das indische seit mehr denn zwei Jahrtausenden...
Noch ein anderer Unterschied ... besteht zwischen der indischen Weltanschauung und der unseren. Die indische ist monistisch und mystisch, die unsere ist dualistisch und doktrinär." [9]

(Monismus: philosophische All-Einheitslehre, nach der das letzte Seiende aus einer einzigen Substanz besteht. Dualismus: Lehre in der Philosophie, der zufolge das Universum aus zwei verschiedenen und miteinander unvereinbaren Elementen, Zuständen oder Prinzipien besteht. Doktrinär: verhaftet, einseitig, unduldsam.)

Die enge Verwandtschaft zwischen der Schweitzer’schen Weltsicht und Ethik und den buddhistischen Idealen der allumfassenden Güte, des Mitleids, der Mitfreude am Glück aller Lebewesen und des Gleichmutes, der aus dem Gefühl der Gleichheit erwächst, aber auch die pessimistische Seinsbeschreibung einer bedingten, vergänglichen und leidvollen Welt ist klar erkennbar.

"Ethik ist Mitleid. Alles Leben ist Leiden. Der wissend gewordene Wille zum Leben ist also von tiefem Mitleid mit allen Geschöpfen ergriffen. Was man in der gewöhnlichen Ethik als Liebe bezeichnet, ist seinem wahren Wesen nach Mitleid." [10]

"In ihrer Allgemeinheit mutet die Bestimmung der Ethik als Verhalten in der Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben kalt an. Aber sie ist die einzig Vollständige.
Mitleid ist zu eng, um als Inbegriff des Ethischen zu gelten. Es bezeichnet ja nur die Teilnahme mit dem leidenden Willen zum Leben. Zur Ethik gehört aber das Miterleben aller Zustände und aller Aspirationen des Willens zum Leben, auch seiner Lust, auch seiner Sehnsucht, sich auszuleben, auch seines Dranges nach Vervollkommnung.
Mehr schon sagt die Liebe, weil sie Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben in sich faßt. Aber sie bezeichnet das Ethische nur in einem Gleichnisse, wenn auch einem natürlichen und tiefen Gleichnis. Sie setzt die durch Ethik geschaffene Solidarität in Analogie zu derjenigen, die die Natur auf physische Art mehr oder weniger vorübergehend zwischen zwei sich geschlechtlich ergänzenden Wesen oder zwischen diesen und ihrer Nachkommenschaft eintreten läßt." [11]

Als philosophisch gebildeter Europäer befasste sich Schweitzer auch mit Goethes Werken und entdeckte eine tiefe Seelenverwandtschaft darin: die ethische Weltanschauung und den Willen zum praktischen Handeln. Goethe hatte es immer abgelehnt, die Natur unseren egoistischen Absichten anpassen zu wollen. Er lehnte es ab, der Natur Gewalt anzutun, um ihr die letzten Geheimnisse zu entreißen. Er betrachtete sich als Mensch, der "staunend das Sein beschaut und sein Verständnis zum Weltgeist auf keine Formel zu bringen weiß."

Goethe und Schweitzer kritisierten den in der herkömmlichen Philosophie zum Ausdruck kommenden Herrschaftsanspruch des Menschen über die sie umgebende Natur und die damit verbundene Naturverachtung. Goethe erkannte den fundamentalen Fehler seiner Zeitgenossen:

"Miteinander übersehen sie, dass sie lebendig ist und um ihrer selbst willen existiert."

Beiden war die Auffassung des unvermeidlichen Schuldigwerdens gemeinsam. So ist es auch nicht als Plagiat zu betrachten, wenn Schweitzer aus Goethes "Werther" fast wortwörtlich die folgende Textpassage übernahm:

"Da ist kein Augenblick, ... da du nicht ein Zerstörer bist, sein mußt; der harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fußtritt die mühlseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab."

(Plagiat: Diebstahl geistigen Eigentums)

Für Goethe bestand das wahre Christentum nicht in den Dogmen von Jesus als dem Sohn Gottes und der Botschaft des Evangeliums. Es war allein die Botschaft der Nächstenliebe, die für ihn zählte. Hierin lag ihre Seelenverwandtschaft; beide riefen den oberflächlichen und egoistischen Menschen zur sittlichen Tat und zu einer ethischen Weltanschauung auf. Beide forderten ein Denken, das die Würde und den Wert des Individuums betont. Sie wollten die Geheimnisse der Welt nicht weiter hinterfragen; diese demütige Grundhaltung gegenüber den Rätseln des Daseins verband sie wie ihre gemeinsame Suche nach dem Guten und ihr Verlangen nach Versenkung in der Stille der Natur.

Ein anderer wichtiger philosophischer Meilenstein war die geistige Auseinandersetzung mit Kant.

Schweitzer untersuchte die Kant’sche Religionsphilosophie und verglich sie mit der Idee der transzendentalen Dialektik in der "Kritik der reinen Vernunft". Seine Untersuchungen veröffentlichte er in dem Buch "Die Religionsphilosophie Kants". Er setzte sich auch mit der "Metaphysik der Sitten" auseinander, deren Ethik zwei Ziele fordert: die eigene Vollkommenheit und die fremde Glückseligkeit.
Kants Ziel war primär die Schaffung einer ethischen Weltsicht, die auch der kritischen Vernunft standzuhalten vermochte. Durch seine Schrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" wurde diese Forderung auch auf das tabuisierte Terrain des Glaubens ausgeweitet, was zur Folge hatte, dass ihn der preußische König Friedrich Wilhelm II. mit einem Lehr- und Publikationsverbot belegte, das allerdings auf religiöse Themen beschränkt war.

(Transz. Dialektik: auf Erkenntnis u. Erfahrung beruhende Argumentation u. geistige Auseinandersetzung.)

Seine Forderung, dass die Vernunft höchste und letzte Autorität der Moral sei, dass an die Stelle der utilitaristischen Ethik diejenige des kategorischen Imperatives zu treten habe, und die tiefgründigen Worte in der "Kritik der praktischen Vernunft", "dass die Ethik ein Wollen ist, das uns über uns selbst erhebt, uns von der Naturordnung der Sinnenwelt frei macht und einer höheren Weltordnung angehören lässt" musste Schweitzer zutiefst beeindruckt und an viele Aussagen der indischen Denker erinnert haben.

(Utilitarismus: phil. Lehre, die Handlungen und sittliche Werte nur nach ihrer gesellschaftlichen bzw. allgemeinen Nützlichkeit bewertet.)

Aber es gibt auch prinzipielle Unterschiede: Kant bleibt trotz seines zuweilen auch mystischen Tenors im Grunde genommen durch und durch Rationalist. Schweitzer verehrt ihn als Wegweiser zum Rationalismus, aber er selbst blieb der "ethisch-rationale Mystiker".

"Mystik ist die vollendete Weltanschauung. In ihr sucht der Mensch zu dem unendlichen Sein, dem er in übernatürlicher Weise angehört, auch in ein geistiges Verhältnis zu gelangen. Nur im geistigen Einswerden mit dem unendlichen Sein kann er seinem Leben einen Sinn geben und Kraft zum Erleiden und zum Wirken finden." [12]

"Denkt das rationale Denken sich zu Ende, so gelangt es zu einem denknotwendigen Irrationalen...
Versucht man ohne dieses Irrationale auszukommen, so entsteht leblose und wertlose Weltanschauung und Lebensanschauung ...
Alle müssen wir durch Denken religiös werden." [13]

Kants Philosophie fand nicht in allen Punkten Schweitzers ungeteilte Zustimmung, und einige Thesen wurden sogar auf das Schärfste kritisiert. Seine Kritik galt vor allem den engen Grenzen der Kant’schen Ethik, die mit ihren moralischen Pflichten von Mensch zu Mensch die Tiere in ihrem Ansatz gänzlich vernachlässigte, denn die Sichtweise Kants berücksichtigte das Wohl der Tiere nur sekundär. Grausamkeit gegenüber Tieren, so glaubte er, sei deshalb zu vermeiden, weil sie zu einem verrohenden Effekt bei Kindern und labilen Menschennaturen führe.(Metaphysik der Sitten, Tugendlehre § 17)

Für den großen Denker Kant blieben aber die Tiere weiterhin " Sachen" und hatten in seiner Ethik nichts zu suchen. Ebenso kritisierte Schweitzer das Fehlen der Universalität in der Kant’schen Philosophie, da eine gerechte Ethik das Verhalten des Menschen gegenüber allen Erscheinungsformen des Seins beinhalten sollte.

"Was Kant tut, ist halbe Arbeit: er stellt die vorgefundene utilitaristische Ethik unter das Protektorat des kategorischen Imperativs. Hinter einer stolzen Fassade führt er eine Mietskaserne auf." [14]

"Die Tiefe geht auf Kosten der Lebendigkeit ...
Die verhängnisvolle Trennung (von Ethik und Fortschritt), die sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts vollzieht, ist zum Teil durch ihn eingeleitet." [15]

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Schweitzer zum dem Ergebnis kam, dass Kants Philosophie für eine gerechte ethische Einbeziehung unserer tierlichen Mitlebewesen unbrauchbar sei.

"Groß ist Kant als Ethiker, groß als Erkenntnistheoretiker. Als Gestalter von Weltanschauung ist er mittelmäßig ...
So ist in Kants Philosophie grausigste Gedankenlosigkeit in tiefstes Denken eingewoben. Gewaltig neue Wahrheiten tauchen in ihr auf. Aber sie kommen nur bis zum halben Weg voran. Die Absolutheit der ethischen Pflicht ist erfaßt; aber ihr Inhalt wird nicht ergründet." [16]

Aber beide Denker vertraten die gleiche Auffassung, wenn es um das Elementare und Fundamentale in einer auf den Menschen bezogenen ethischen Grundhaltung ging, denn sie kamen aus der gleichen geistigen Heimat, dem christlichen Humanismus, der durch ihr protestantisches Lebensgefühl bestimmt und geprägt war.

"Daß Kant Wahrhaftigkeit gegen sich selbst so in den Mittelpunkt der Ethik rückt, zeugt für die Tiefe seines ethischen Empfindens. Aber weil er in dem Suchen nach dem Wesen des Ethischen nicht bis zur Ehrfurcht vor dem Leben vordringt, kann er den Zusammenhang von Wahrhaftigkeit gegen sich selbst und tätiger Ethik nicht erfassen. Tatsächlich geht die Ethik derWahrhaftigkeit gegen sich selbst unmerklich in die der Hingebung an andere über." [17]

Erwähnenswert ist auch Schweitzers "heimliche" Bewunderung für Charles Darwin, dessen Bild in seinem Arbeitszimmer dies erahnen lässt, denn es war das einzige Bild, das den Ort schmückte, an dem die bedeutendsten seiner philosophischen Werke entstanden, und er die Fülle seiner Gedanken zu Papier brachte. Beide Männer suchten nach Wahrheit und Erkenntnis. Sie kamen kraft ihres Geistes zu der gleichen prinzipiellen Haltung gegenüber dem Sein: zum Agnostizismus hinsichtlich der Welt- und der Lebenserkenntnis. Das Schöne und Erhabene und das Grausame und Unerbittliche in der Natur ließen beide ohne ein weiteres Hinterfragen, ohne ontologischen Erklärungsversuch nebeneinander existieren, denn gemeinsam war ihnen auch der Zweifel an der Fähigkeit des Menschen, das rätselhafte Geschehen in der natürlichen Welt in Gänze ergründen zu können.

(Agnostizismus: philosophische Lehre der Unfähigkeit, das Übersinnliche und das Göttliche rational völlig zu erkennen.)

"Den Sinn des Ganzen zu verstehen, und darauf kommt es bei der Weltanschauung an, ist unmöglich." [18]

Ein öffentliches Infragestellen des christlichen Dogmas der Schöpfungsgeschichte durch die Erkenntnisse der Evolutionslehre unterblieb sowohl bei Schweitzer als auch bei Darwin. Vielleicht war der primäre Grund für Charles Darwin die Rücksichtnahme gegenüber seiner tiefgläubigen und sensiblen Frau, und nur sekundär die Furcht vor den negativen Konsequenzen, die im Falle einer Auseinandersetzung mit der anglikanischen Staatskirche zu erwarten gewesen wären. Schweitzer verbot – neben der Treue- und Gehorsamspflicht als Pfarrer und neben rein wirtschaftlichen Aspekten – letztendlich sein tiefer persönlicher Glaube, an den Fundamenten des Christentums zu rütteln. Vielleicht unterließ er es auch deshalb, sich eingehender zur Evolutionstheorie zu äußern, um nicht das gleiche Schicksal wie sein Zeitgenosse Professor Ernst Haeckel (Naturphilosoph und Evolutionsforscher, strikter Bekenner des Darwinismus) zu erleiden, dessen wissenschaftliche Theorien seiner Zeit weit voraus waren, der aber durch die organisierte Hetzkampagne seitens der Kirche diskreditiert und mundtot gemacht wurde.

Für Albert Schweitzer genügte die Lebensanschauung, um zur Weltanschauung zu gelangen. Über mehr als ein behutsames Fragen ging er nicht hinaus. Wenn Schweitzer zu der wohl kritischsten religiösen Frage, der Theodizee, Stellung bezog, dann geschah dies eher als eine rhetorische Fragestellung als um ein ernsthaftes Suchen nach eine rationalen Begründung.

(Theodizee: Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt zugelassenen Übels.)

"Warum ist der Gott, der sich in der Natur offenbart, die Verneinung von allem, was wir als sittlich empfinden, warum zugleich sinnvoll Leben aufbauende und sinnlos Leben zerstörende Kraft? Wie bringen wir Gott, die Naturkraft, in eins mit Gott, dem sittlichen Willen, dem Gott der Liebe, wie wir ihn uns vorstellen müssen, wenn wir uns zu höherem Wissen vom Leben, zur Ehrfurcht vor dem Leben, zum Miterleben und Mitleiden erhoben haben?" [19]

Auch Schweitzer musste erkannt haben, dass hier Rationalität und Religion nicht zu vereinen waren, dass zu der Frage, auf die es keine Antwort geben kann, ein demütiges Schweigen geeigneter war als alle Erklärungsversuche, die im Laufe der Geschichte von Theologie und Philosophie erbracht wurden.

Ein weiterer Meilenstein in Albert Schweitzers geistig-religiösem Leben stellte die Christus- Mystik des Apostel Paulus dar.
1930 schloss er in einem Buch mit dem Titel "Die Mystik des Apostel Paulus" seine Forschungen darüber ab. Er verwies ausdrücklich auf Gallater 5, Vers 13:

"Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Paulus vollzog die Ethik der Nächstenliebe durch sein Wirken, durch seinen Willen zur Unabhängigkeit und durch sein Eintreten für ein freies Denken im Christentum. Erkennbar sind die geistigen Parallelen zwischen Paulus und Schweitzer. Ihre Frömmigkeit, Mystik und Ethik tragen verwandte Grundzüge. Schweitzer schloss sein Buch über die Christus-Mystik des Apostel Paulus mit den Worten:

"In seinem vollen Glanz erstrahlt Jesu großes Gebot der Liebe in Pauli Hymnus von der Liebe, die größer ist als Glaube und Hoffnung, und in Geboten, die er für das alltägliche Leben ausgibt." [20]

Albert Schweitzer verstand das menschliche Leben als ein Voranschreiten von Kultur und Ethik auf ein eschatologisches Ziel, das er im Geiste des Apostel Paulus verstand, nämlich das Arbeiten am Reiche Gottes. Für ihn bestand das Wesen der Kultur darin, dass die Ehrfurcht vor dem Leben sich im Denken der Menschheit immer mehr durchsetzten und vervollkommnen müsse.

Schweitzers geistiger Standort wird noch klarer durch die folgenden Worte:

"Bisher war es mein Prinzip, in der Philosophie nicht mehr zu sagen, als was absolut logisches Erleben des Denkens ist. Darum rede ich in der Philosophie nie von Gott, sondern von dem universellen Willen zum Leben, der mir in doppelter Weise, als Schöpferwille außer mir, als ethischer Wille in mir zum Bewußtsein kommt...
Rede ich aber die überlieferte, religiöse Sprache, dann gebrauche ich das Wort Gott in seiner historischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit, wie ich dann in der Ethik statt Ehrfurcht vor dem Leben, Liebe sage." [21]

"Das Ahnen und Sehnen aller tiefen Religiosität ist in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben enthalten. Aber diese baut es nicht zu einer geschlossenen Weltanschauung aus, sondern ergibt sich darin, den Dom unvollendet lassen zu müssen. Ihre Wahrheit beweist die Ehrfurcht vor dem Leben auch darin, daß sie das verschiedenartig Ethische in seinem Zusammenhang begreift. Keine Ethik hat noch das Streben nach Selbstvervollkommnung, in dem der Mensch ohne Taten nach außen an sich selbst arbeitet, und die tätige Ethik in ihrem Nebeneinander und Ineinander darstellen können.
Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben vermag es, und zwar so, daß sie nicht nur Schulfragen löst, sondern auch Vertiefung der ethischen Einsicht bringt ...
Mag das Wort Ehrfurcht vor dem Leben als sehr allgemein etwas unlebendig klingen, so ist doch das, was damit bezeichnet wird, etwas, das den Menschen, in dessen Gedanken es einmal aufgetreten ist, nicht mehr losläßt. Mitleid, Liebe und überhaupt alles wertvoll Enthusiastische sind in ihm gegeben.
Mit rastloser Lebendigkeit arbeitet die Ehrfurcht vor dem Leben an der Gesinnung, in die sie hineingekommen ist, und wirft sie in Unruhe einer niemals und nirgend aufhörenden Verantwortlichkeit hinein." [22]

"Tiefe Weltanschauung ist Mystik insofern, als sie den Menschen in ein geistiges Verhältnis zum Unendlichen bringt. Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben ist ethische Mystik. Sie läßt das Einswerden mit dem Unendlichen durch ethische Tat verwirklicht werden." [23]

Aber Schweitzer war nicht Mystiker im religiösen oder philosophischen Sinne des Wortes. Er verstand den Ausdruck Mystik als "rationales Einswerden" mit dem umgebenden Leben als Ausdruck der denknotwendigen ethischen Grundhaltung der Ehrfurcht vor dem Leben. Das reflexive eigene Selbstverständnis war für ihn der mystisch-rationale Schlüssel zum Umgang mit dem Leben an und für sich.



1.4 Zusammenfassung

Albert Schweitzers Kindheit und Jugend waren geprägt durch Liebe und Harmonie, die in seinem Elternhaus herrschten. Seine starke ethische und religiöse Haltung übernahm Schweitzer von seinem Vater, einem aufrichtig frommen Mann mit einem ausgeprägten Pflichtbewusstsein, zwar eine respektsgebietende Herrschernatur, aber mit einem harmonischen Gemüt. Diese Prägung während seiner Kindheit im Pfarrhaus Günsbach, zu dem er während seines Lebens immer wieder als Quelle der Ruhe und Rast zurückkehrte, zog sich wie ein roter Faden durch sein späteres Wirken und Denken. Aber vor allem die Gestalt und das Handeln Jesu Christi und das daraus resultierende christliche Humanitätsideal wurden zum richtungsweisenden Anstoß seines Lebens.

Aber auch andere Elemente lassen sich aus dem Kontext der Schweitzer’schen Philosophie ablesen und verweisen in die Zeit seiner Studienjahre in Straßburg, Paris und Berlin: der ungebrochene Glaube an die Kraft der Vernunft und des Denkens lassen Kant und Goethe erahnen, tragen also humanistische und idealistische Züge. Die Schopenhauer’sche Mitleidsethik und die Sichtweise, dass wahre Ethik sich durch eine Gesinnung auszeichnet, die auf das Wohl des Anderen ausgerichtet ist und durch das "Sich-Selbst-Erkennen" im Nächsten – sei dies nun Mensch oder Tier – sprechen deutlich aus seinen Gedanken.

Wahrheitssuche und Welterkenntnis als etwas ewig Unerreichbares erinnern an die griechische Philosophie. Hier werden Sokrates und Platon erkennbar: die sokratische und platonische Ethik mit der ausdrücklichen Forderung zu ethischem Handeln. Die buddhistischen Ideale der allumfassenden Güte und Mitfreude und des allumfassenden Mitleids mit allem Lebendigen, aber auch der typisch pessimistische Grundtenor der indischen Weltsicht sind, obwohl Schweitzer zur Lebensbejahung aufrief, trotzdem nicht zu übersehen, ebenso wie die chinesische Mystik des Laotse und die hinduistische Brahma-Auffassung der Alleinheit.

Obwohl ihm die Evolutionslehre Darwins sicher bekannt war, verzichtete er darauf, sie als tragenden Stützpfeiler in seine Ethik einzubinden. Allein das Emotionale und das Ideal der Humanität reichten ihm aus. Aber an vielen Stellen ist die Darwinistische Sichtweise über das Naturgeschehen erkennbar.

Seine Forderung nach tiefer Humanität wurde zum vehementen Appell für eine über den Menschen hinausgehende Nächstenliebe, die auf dem Gebot Christi sich begründete und damit religiösen Charakter hatte. Für Schweitzer reichte diese Begründung aus, und so sagte er selbst:

"Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben hat also religiösen Charakter." [24]

In seinem starken Mitleidsgefühl mit der leidenden Kreatur, ob Mensch oder Tier, das aus einer allumfassenden Nächstenliebe erwuchs, in diesem sich immer wiederholenden Mitempfinden und Betrübtsein über den fremden Schmerz, in seinem tiefem Nachdenken über das Leben, das Leiden und den Tod, liegt der unmittelbare Erklärungsgrund für seine philosophischen Aussagen begründet.



Kapitel 2
Albert Schweitzers Philosophie-Kritik, Weltanschauung und Gottesbild



2.1 Kritik an der herkömmlichen Ethik und Philosophie

Albert Schweitzer glaubte, dass der Rückgang von Moral und Kultur darin begründet ist, dass die Philosophie zur "Anführerin der öffentlichen Meinung" verkommen war.

Zwar hatte sich die Philosophie seit langem mit der Frage des Sittlichen und des Tugendhaften beschäftigt und das Humanitätsideal auf ihre Fahne geschrieben und von der Menschheit eingefordert, in manchen Epochen sehr vehement und in anderen eher kleinlaut. Aber um die "humanitas", die Menschlichkeit, war es niemals gut bestellt gewesen, wenn wir einen Blick in unsere Geschichtsbücher werfen, denn die Menschheitsgeschichte ist voll von Hass, Unterdrückung, Folter, Mord, Genozid und Kriegen. Exzesse menschlicher Grausamkeit gab es immer wieder in der Vergangenheit; Treblinka und Auschwitz gab es auf allen Kontinenten und in allen Epochen; sie waren nur kleiner im Ausmaß der Opfer, weniger perfektioniert und dezentralisiert.

Mit dem Voranschreiten der menschlichen Kultur und mit ihren unübersehbaren technischen Wunderwerken hatte die Philosophie als Mutter des moralischen Fortschritts nicht Schritt gehalten. Das Humanitätsideal war in einer einseitig hedonistischen Gesellschaft und Kultur, die egoistisch und verantwortungslos nach persönlicher Lustvermehrung und Glücksmaximierung strebte, auf der Strecke geblieben. Die Moral war opportunistisch geworden und hatte sich dem Pragmatismus verschrieben.

(Hedonismus: Auffassung, dass das Streben nach Genuss und Lustgewinn die Triebfeder menschlichen Handelns sei.)

Für Schweitzer hatte sich die Moral-Philosophie mit ihrer herkömmlichen Ethik als unzureichend erwiesen, das Verhalten der Menschen untereinander nachhaltig und maßgebend zu beeinflussen. Sie hatte für ihn kläglich versagt, und deshalb empfand er es als persönliche Pflicht, auch als Gegenpol zur Philosophie Friedrich Nietzsches mit der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben zu einer Erneuerung des Humanitätsideals aufzurufen. Schweitzers Humanitätsphilosophie bestand primär in der Forderung, dass nie ein Mensch einem Zweck geopfert werden solle.

Die herkömmliche Ethik hatte seiner Meinung nach auch deshalb versagt, weil sie ein ethisches und "humanes" Empfinden des Menschen zu seinen Mitlebewesen, den Tieren und Pflanzen, nicht eingefordert hatte. Er forderte durch seine Ethik, im Gegensatz zu den herkömmlichen abstrakten Formeln und Regeln in der Kant’schen Tradition, eine pragmatische und konkrete Humanität der helfenden Tat auf der Basis des Mitempfindens und Mitleids, das nicht an der eigenen Artgrenze endet, sondern diese transzendiert. Er forderte, dass unser Mitgefühl nicht nur auf die eigene Art begrenzt bleiben dürfe und kritisierte Wilhelm Wundt, einen bedeutenden Begründer der Psychologie, der gesagt hatte, dass "das einzige Objekt des Mitgefühls der Mensch ist", weil Mitgefühl mit Tieren nichts anderes sei als pure Scheinillusion. Verantwortlich für den moralischen Niedergang im Allgemeinen und im Besonderen für die Ausgrenzung nicht-menschlichen Lebens aus unseren Wertsetzungen war für Schweitzer die Philosophie.

"Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie." [25]

Schweitzer durchforstete die zeitgenössischen abendländischen Philosophien, um darin Hinweise und Quellen für sein Anliegen, die Einbeziehung der Tiere und der Pflanzen in die Ethik, zu finden. Doch seine Suche war nach seinen eigenen Worten erfolglos geblieben.

"In einem der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts nahm ich mir die Zeit, die philosophischen Werke über die Ethik der letzten Jahrzehnte mit der Absicht festzuhalten, was sie über unser Verhalten zur Kreatur zu sagen hatten, durchzugehen. Die meisten von ihnen betrachteten diese Angelegenheit als etwas Nebensächliches. Nur wenige gingen auf sie ein. In einigen dieser Werke glaubten die Verfasser sich sogar dafür entschuldigen zu müssen, daß sie es für geboten hielten, den Tieren Teilnahme zu erzeigen, wo sie sich doch auf einer anderen Stufe als wir befänden." [26]

"Alles, was ich aus der Philosophie über Ethik wußte, ließ mich im Stich." [27]

"Tiefe Religion und tiefes Denken haben miteinander das Humanitätsideal geschaffen und verkündet. Von ihnen haben wir es übernommen. Wir bekennen uns zu ihm und sind überzeugt, daß es das ethische Grundelement wahrer Kultur ist. In der Neuzeit ereigenet sich, daß dieses Gültigkeitsideal durch eine aufkommende neue Erkenntnis vertieft und bereichert wird. Man kommt nämlich dazu, mit der Frage beschäftigt zu sein, ob unser Mitempfinden es nur mit den Menschen oder nicht auch mit allen Geschöpfen zu tun hat. Deren Dasein ist ja wie das unsere. Sie ängstigen sich wie wir, sie leiden wie wir. Streben ist ihnen beschieden wie uns.
Wie brachten die Menschen es fertig, ihnen ihr Mitfühlen und Helfen zu versagen? Als sie schon das Humanitätsideal anerkannten, verblieben sie dennoch in der alten naiven Anschauung, daß der Mensch Herr der Schöpfung sei und mit den anderen Lebewesen teilnahmslos und gefühllos nach Belieben verfahren könnte...
Der berühmte Philosoph Descartes übernahm es sogar, sie in ihrer Mitleidslosigkeit zu bestärken. Er lehrte, daß die Tiere keine Seele hätten und darum ohne Empfindung seien und nur scheinbar Schmerz verspürten." [28]

"Der große Fehler aller bisherigen Ethik ist, daß sie es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen zu tun zu haben glaubte. In Wirklichkeit aber handelt es sich darum, wie er sich zur Welt und allem Leben, das in seinen Bereich tritt, verhält. Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt. Nur die universelle Ethik des Erlebens der ins Grenzenlose erweiterten Verantwortung gegen alles, was lebt, läßt sich im Denken begründen. Die Ethik des Verhaltens von Mensch zu Mensch ist nicht etwas für sich, sondern nur ein Besonderes, das sich aus jenem Allgemeinen ergibt." [29]

"Die gewöhnliche Ethik sucht Kompromisse. Sie will festlegen, wieviel ich von meinem Dasein und von meinem Glück dahingeben muß und wieviel ich auf Kosten des Daseins und Glücks anderen Lebens davon behalten darf. Mit diesen Entscheiden schafft sie eine angewandte, relative Ethik. Was in Wirklichkeit nicht ethisch, sondern ein Gemisch von nichtethischer Notwendigkeit und von Ethik ist, gibt sie als ethisch aus. Damit stiftet sie eine ungeheure Verwirrung an. Sie läßt eine immer zunehmende Verdunkelung des Begriffes des Ethischen aufkommen. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erkennt keine relative Ethik an...
Gebrauchsfertig zu beziehende Ausgleiche von Ethik und Notwendigkeit hält sie nicht auf Lager." [30]

"Weil die Ausdehnung des Prinzips der Liebe auf die Geschöpfe eine solche Revolution für die Ethik bedeutete, wehrt sich die Philosophie dagegen, diesen Schritt zu tun. Sie möchte bei einer Ethik verbleiben, die dem Menschen in klaren, vernünftigen, keine übertriebenen Forderungen stellenden Geboten sein Verhalten zu den anderen Menschen und zur Gesellschaft vorschreibt." [31]

"In dem Maße, als die Weltanschauung des Rationalismus überholt wird, kommt der Wirklichkeitssinn zur Geltung, bis zuletzt, von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab, die Ideale nicht mehr der Vernunft, sondern der Wirklichkeit entnommen werden und wir damit immer weiter in Kulturlosigkeit und Humanitätslosigkeit hineingelangen.
Seit Jahrzehnten gewöhnen wir uns in steigendem Maße daran, mit relativen ethischen Maßstäben zu messen und Ethik nicht mehr in alle Fragen mit hineinreden zu lassen. Den Verzicht auf die konsequente ethische Beurteilung der Dinge empfinden wir als einen Fortschritt in Sachlichkeit." [32]

"Sie (die herkömmliche Ethik) hat nicht die Mittel, die Festung der persönlichen Sittlichkeit zu verteidigen, weil sie nicht über absolute Begriffe von Gut und Böse verfügt...
Der gewöhnlichen Ethik bleibt nichts übrig, als diese Kapitulation zu unterschreiben." [33]

Erst in späteren Jahren erkannte Schweitzer an, dass auch durchaus andere Ethik-Konzepte in Teilbereichen, wie zum Beispiel das utilitaristische Konzept von Jeremy Bentham, seinem Ideal einer pragmatischen und konkreten Humanität Hilfestellung leisten konnten, was auch dazu führte, dass er einen versöhnlicheren Ton gegenüber der zeitgenössischen Philosophie anschlug.


2.2 Schweitzers Gottesbild und die Auswirkungen auf seine Weltsicht

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestanden in der vorherrschenden Theologie Zweifel darüber, ob Jesus endzeitlich gedacht habe und tatsächlich davon überzeugt war, der prophezeite Messias zu sein. Die Frage war offen, ob der historische Jesus Christus ein ethisches Gottesreich auf Erden anstrebte durch die Erneuerung des spätjüdischen Glaubens, oder ob er der Überzeugung war, dass mit ihm der Beginn eines physischen Reich Gottes angebrochen war und noch zu seinen Lebzeiten vollendet würde.

Der Schlüssel zum Verständnis des Lebens und Handelns Jesu Christi lag für Schweitzer aber ganz offensichtlich in dem unerschütterlichen Vertrauen Jesu auf das kommende, erlösende Weltende und das darauf folgende Königreich Gottes. In seiner Habilitationsschrift ("Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis – Eine Skizze des Lebens Jesu"), in seinem Buch "Von Reimarus zu Wrede – Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" und in der erweiterten Fassung von 1913 mit dem Titel "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" konnte Schweitzer nun eindeutig unter Bezugnahme auf das Matthäus-Evangelium belegen, dass Jesus sich sehr wohl als Messias im eschatologischenSinne betrachtet haben musste, und dass nicht nur seine Verkündigung, sondern auch sein ganzes Verhalten und Handeln als eschatologisch bedingt, verstanden werden sollte. Schweitzer schrieb über die Ergebnisse seiner Leben-Jesu-Forschung:

(Eschatologie: Lehre von den letzten Dingen, d.h. vom Endschicksal des einzelnen Menschen und der Welt.)

"Sie stellt das Gewaltigste dar, was die religiöse Selbstbesinnung je gewagt und getan hat, eines der bedeutendsten Ereignisse in dem gesamten Geistesleben der Menschheit." [34]

Schweitzer hatte durch seine Forschungen den Beweis erbracht, dass Jesus fest davon überzeugt war, der im Alten Testament prophezeite Messias zu sein. Er war davon überzeugt, dass noch zu seinen Lebzeiten das erwartete "Weltende und die Welterlösung" anbrechen und ihren Abschluss finden würde. Der historische Jesus hatte, so belegte Schweitzer, bis kurz vor seinem Tode fest daran geglaubt. Erst dadurch werden die letzten Worte am Kreuz – "Mein Vater, warum hast du mich verlassen." – in ihrer ganzen Tragik erkennbar, denn "Weltende und Welterlösung" waren für Jesus Christus nicht eingetreten. Der Kerngehalt der Schweitzer’schen Forschung, Jesus habe "eschatologisch" gedacht und gelebt, beinhaltet größere Konsequenzen als auf den ersten Blick ersichtlich wird. So musste auch der promovierte Theologe und Pfarrer Albert Schweitzer mit ähnlichen Fragen konfrontiert gewesen sein, die wir uns heute stellen, wenn wir uns mit der historischen Person Jesu Christi und seiner Vision eines bevorstehenden Weltendes und der Welterlösung beschäftigen.

Hatte Jesus sein Leben in der Illusion geopfert, das Reich Gottes noch zu seinen Lebzeiten herbeiführen zu können? Wie konnte Jesus, der verkündete Messias, einem Irrtum unterliegen? Müssen Jesu Irrtum und Zweifel nicht an den Grundfesten des christlichen Glaubens rütteln? Und wird damit die Bibel als Fundament unserer anthropozentrischen Weltsicht nicht dermaßen in Frage gestellt, dass ein Überdenken des menschlichen Selbstverständnisses als "Krone der Schöpfung" mehr als angebracht wäre? Schweitzer kam zu einem Ergebnis, das uns gerade aus dem Munde eines Theologen sehr zu denken geben sollte:

"Bis jetzt sind alle Welt- und Lebensanschauungen erdichtet, können den Menschen wohl zu ethischer Tat anhalten, ermangeln aber der Grundlage der Wahrheit. In ihrer Unwahrhaftigkeit liegt der Keim zum Zusammenbruch, zumal sie auch nicht tief begründet sind. Es darf deshalb nicht wundernehmen, wenn die europäischen Menschen unter dem Einfluß der erdichteten Weltanschauung oberflächlich werden und allmählich in den Zustand der Übersättigung geraten." [35]

Vielleicht auf Grund der Ergebnisse seiner Forschungen, dass in Jesu Vorstellungswelt soviel Fremdartiges und soviel Irrationales lag wie die Prädestination und ihre Wirksamkeit in nationalen Schranken, wurde Schweitzers Bindung an Jesus ganz und gar mystischer Natur.

(Prädestination: Göttliche Vorherbestimmung.)

"Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer herantrat. Er sagte dasselbe Wort: "Du aber folge mir nach!" – und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muß." [36]

Er übernahm die Ethik der Nächstenliebe, machte sie sich zu eigen durch seine Forderung, unsere Arbeit am Reich Gottes mit all unserer Kraft im Hier und Jetzt zu leisten. Als 1906 sein in der theologischen Fachwelt Aufsehen erregendes Buch "Von Reimarus zu Wrede. Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" mit diesen völlig neuen Ergebnissen in Bezug auf das Jesusbild veröffentlicht wurde, war sich Schweitzer bewusst, dass diese Ergebnisse seiner Untersuchungen von vielen Christen, aber auch von der protestantischen Amtskirche und von Rom, negativ bewertet würden. Doch in der Verpflichtung zur Wahrheit nahm er keinen Abstand davon, seine Resultate zu veröffentlichen.

"Da das Wesen des Geistigen Wahrheit ist, bedeutet jede Wahrheit zuletzt ein Gewinn." [37]

"Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert. Es ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von den modernen Theologen in ein geschichtliches Gewand gekleidet wurde." [38]

"Der historische Jesus wird unserer Zeit ein Fremdling oder ein Rätsel bleiben." [39]

"Die Genugtuung, die ich darüber empfinden konnte, so manche historische Rätsel der Existenz Jesu gelöst zu haben, war von dem schmerzlichen Bewußtsein begleitet, daß diese geschichtliche Erkenntnis der christlichen Frömmigkeit Unruhen und Schwierigkeiten bereiten würde." [40]

"Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könne ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück. Das eben befremdete und erschreckte die Theologie der letzten Jahrzehnte, daß sie ihn mit allem Deuteln und aller Gewalt in unserer Zeit nicht festhalten konnte, sondern ihn ziehen lassen mußte." [41]

Die Amtskirche stand seinen theologischen Thesen so skeptisch gegenüber, dass vom Pariser Missionskomitee, bei dem er sich für seine geplante Tätigkeit in Zentralafrika bewarb, ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, seinen theologischen Standpunkt um der Kirchenlehre und des Seelenheils der "Schwarzen" willen, nicht öffentlich zu verbreiten. Es wurde ihm "Predigtverbot" auferlegt. Auch als er versicherte, er werde "nur als Arzt hinausgehen und stumm wie ein Karpfen" sein, waren ihre Bedenken nicht ausgeräumt, da "seiner christlichen Liebe der rechte Glaube fehle." Aber in seiner liebenswerten Art entgegnete er darauf, dass die "Betreffenden noch einige Jahre Zeit hätten, um zur rechten christlichen Vernunft zu kommen." Natürlich ließ Albert Schweitzer sich nicht daran hindern, das Evangelium seinen afrikanischen Kranken zu verkünden. Aber er vermied jeden Bezug auf seine brisanten Forschungsergebnisse.

Seine universelle und für seine Zeit moderne christliche Weltanschauung hatte sich weit entfernt von der anthropozentrischen und dogmatischen Sichtweise seiner Kirche, denn sie war im wahrsten Sinne des Wortes allumfassend geworden. Was musste in einem christlichen Theologen, der die Botschaft des Evangeliums von der Kanzel predigte, in Bezug auf den Wahrheitsgehalt seiner Religion wohl vorgehen?

"Und wenn ich die Augen zum Firmament erhebe und mir sage, daß diese leuchtenden Punkte dort oben eine Unendlichkeit von Welten bedeuten, so wird meine Existenz und die der Menschheit daneben etwas so Kleines, daß ich die Vollendung des Daseins dieser Menschenwesen nicht als Weltzweck denken kann. Die Natur ist nicht Voraussetzung der Menschheit, und die Menschheit läßt sich nicht als Zweck der unendlichen Welt, der Unendlichkeit von Welten begreifen – und doch ist die Vollendung des Menschen der einzige Zweck, den wir dem Sein überhaupt geben können." [42]

Mit einem resignierenden Unterton schrieb Schweitzer:

"Die christliche Theologie hat es schwer gefunden, meine Gedanken gelten zu lassen, ..." [43]

Aber Schweitzer ging noch einen Schritt weiter, denn er zögerte nicht, auch Jesus Christus zu kritisieren, dass er zwar das Gebot der Nächstenliebe verkündet habe, ohne es aber in hinreichender Weise auf die nichtmenschlichen Geschöpfe ausgeweitet zu haben. Wie weit sich Albert Schweitzer von der verstaubten, dogmatischen Gesinnung seiner Amtskirche und der abendländisch-christlichen Philosophie und Theologie entfernt hatte, geht am deutlichsten aus einem Brief an seinen amerikanischen Freund Charles Joy hervor, in dem er schrieb, er habe bei der Darstellung der Ehrfurcht vor dem Leben nicht an Jesus, sondern an Buddha gedacht. [44]



2.3 Zusammenfassung

Schweitzers Weltsicht ist neben seinem persönlich interpretiertem christlichen Glauben, dem Ideal der Humanität, einer Reihe von abendländischen, aber auch von den östlichen religiösphilosophischen Anschauungen tief durchdrungen. Sie haben seine Ethik deutlich beeinflusst, vornehmlich in seiner Auffassung, dass wahre Ethik sich durch die helfende Tat auszeichnen müsse, seine Auffassung über die Einheit allen Seins mit dem Absoluten und dem Grundprinzip der Heiligkeit allen Lebens. Wenn sich für Schweitzer das Göttliche in allem manifestierte, was da lebt und ist, dann ist damit auch seine Haltung zu verstehen, keine essentielle Wertrangordnung oder Unterscheidung der verschiedenen Stufen des Lebens in seiner Ethik Raum zu gewähren. Denn eine Hierarchie oder eine differenzierte Bewertung hieße doch, dass das Göttliche in dem Kleinsten von geringerem Wert sei als im Größten und Erhabensten.

Schweitzer blieb den Worten Christi treu: "Was ihr den Geringsten tut, das tut ihr mir."

Dass er trotzdem eine Abwägung vornahm, wo sie situationsbedingt für ihn unumgänglich erschien und diese seiner Willkür und Subjektivität anheim fiel, bedeutete für ihn ebenso Teil des Schuldigwerdens, wie die aus der Abwägung sich ergebende Schädigung oder Vernichtung anderen Lebens ein grundsätzliches Schuldigwerden für ihn darstellte.In der praktischen Umsetzung seiner Gleichgewichtung, der zu Folge alles Leben unantastbar und heilig sei, hatte aber "zwingende Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit" für die menschliche Existenz stets Vorrang vor tierlichem Dasein und Wollen. Doch auch unter dem Druck der "zwingenden Notwendigkeit" bekannte sich Schweitzer zu dem Schuldigwerden, wenn er Leben schädigen oder vernichten musste. Schuldigwerden hatte eben für Schweitzer, auf Grund seiner tiefen Spiritualität und seiner paulinischen Christus-Mystik eine ganz andere Dimension als für die meisten Menschen.
"Schuld auf sich laden" bewirkte für ihn tiefstes Mitleiden, Miterleiden und Mitempfinden mit dem Leiden des Nächsten, sei dies nun Mensch oder Tier. Um diese Schuld zu mildern, die sich aus der betreffenden Abwägung und Handlung, ja zwangsläufig aus dem menschlichen Daseinsprozess im Ganzen ergab, rief er auf, den eigenen Willen mit dem Willen des anderen Lebens zu vereinen, forderte er das Hingeben des eigenen Lebens an das fremde Leben durch die helfende Tat – als Versuch der Wiedergutmachung. Damit rücken in der Gesamtschau seines Lebens die tätige Nächstenliebe, Menschlichkeit und Aufopferung bis an die Grenzen seiner Kraft in eine neue Perspektive: als wahrhaft redlicher Versuch eines Ausgleiches für die begangene Schuld.

Der Satz: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." und eine demütige Haltung in Bezug auf das Menschsein im Weltganzen waren ihm genug. Ein Darüberhinausdenken und weiteres Hinterfragen waren selten; kam es aber dazu, dann zeugten seine Gedanken von Weltweite. Er ließ die Erkenntnis des Seins als etwas für uns ewig Geheimnisvolles und Unerreichbares dahingestellt und versuchte über den Willen zum Leben in jedem Lebewesen Einsicht zu gewinnen für das Gute, das seine Ethik verlangt.

Er prangerte die abendländische Philosophie an, vor allem die Moralphilosophie mit ihren leeren Worthülsen und ihren anthropozentrischen Begründungen. Er warf ihr vor, die Welt mittels abstrakter Denkprozesse ergründen zu wollen, anstatt sich an der empirischen Erkenntnis, am eigenen Erleben und Erfahren zu orientieren. Er streifte die dogmatischen Fesseln in seinem persönlichen christlichen Denken ab; seine unbequemen Thesen grenzten zuweilen an Häresie, obwohl er niemals die christliche Religion im Ganzen oder die Institution Kirche öffentlich in Frage stellte. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wurde für Albert Schweitzer zum Synonym einer allumfassenden Nächstenliebe und Humanität; sie war für ihn das Fundament einer menschenwürdigen Kultur, deren Erneuerung sein tiefstes Anliegen war.

(Häresie: Ketzerei, Irrlehre, abweichende Lehrmeinung. Synonym: bedeutungsgleicher Begriff)



Kapitel 3
Die Grundprinzipien der Ethik von Albert Schweitzer



3.1 Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

Für Albert Schweitzer bedeutete die Umsetzung seiner Ethik in erster Linie, das Gebot der Humanit ät im tiefsten Sinne seiner Bedeutung zu befolgen: durch die absolute Rücksichtnahme auf die Existenz und das Glück von Mensch und Tier, aber auch durch die Rücksichtnahme auf pflanzliches Leben. Man könnte die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben als die erste Bioethik des 20. Jahrhunderts bezeichnen, da sie zweifellos biozentrische und ökologische Aspekte enthält. Die Idee der Ehrfurcht vor dem Leben war aber nicht neu und man kann sie daher nicht Albert Schweitzer allein zuschreiben. Magnus Schwantje, ein unermüdlicher Verfechter des Vegetarismus und der frühen Tierrechtsbewegung hatte rund 25 Jahre vor Schweitzer den Begriff der "Ehrfurcht vor dem Leben" zu einem Schlagwort der radikal-ethischen Bewegung für Vegetarismus und Tierrechte im deutschsprachigen Raum gemacht.

Der historisch nicht gesicherte, legendenumwobene Begründer des Jainismus, Parshva, der um 800 vor unserer Zeitrechnung gelebt haben soll, gilt als geistiger Vater des Ahimsa-Gebotes, das den Ehrfurchtsgedanken vor allem Lebendigen enthält, da es jegliche Form der Gewaltanwendung, der Ausbeutung, Schädigung oder Tötung von Lebewesen verbietet. Rund 300 Jahre später reformierte Mahavira, der große Erneuerer des Jainismus, den alten Glauben und machte den Gedanken der Ahimsa zum wichtigsten Grundgebot seiner Anhänger. Zur gleichen Zeit in einer nur wenige Tagesreisen entfernten Stadt hielt Buddha seine erste Lehrrede über das Leiden und die Aufhebung des Leidens und rief zur allumfassenden Güte, zum Mitleid gegenüber Mensch und Tier und zur Mitfreude mit dem Glück aller Wesen auf. Im "Vinaya- Pitaka", dem Regelwerk für buddhistische Mönche und Nonnen und mit den "Dasasila", den zehn buddhistischen "Geboten" – es sind eher Übungs- und Verpflichtungsregeln für den Orden – (für buddhistische Laienanhänger gelten daraus fünf Gebote) wurde das Ahimsa-Gebot auch von Buddha abgeschwächt übernommen, da sein "erstes Gebot" für Laien, Mönche und Nonnen lautete:

(Ahimsa-Gebot: Gebot des Jainismus und Hinduismus bzgl. der Nichttötung bzw. Nicht-Schädigung aller Lebewesen.)

"Panatipata veramani-sikkhapadam samadiyami." (Ich verpflichte mich zur Übung in Abneigung und Enthaltsamkeit gegenüber der Vernichtung von Leben.)
Für die Jains, für die Gesamtheit aller Buddhisten (Theravada, Mahayana, Vajrayana) sowie für die Hindus, Bishnois und viele andere Religionsgemeinschaften des indischen Subkontinents ist das Ahimsa-Gebot bis heute ein fest verankerter Bestandteil ihres Glaubens. Zu einer Wiederbelebung des Gedankens der Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen als Ausdruck einer der Hindu-Religion entsprechenden Lebensweise kam es im vergangenen Jahrhundert erneut durch Mahatma Gandhi.

Im antiken Griechenland fast zur gleichen Zeit als Buddha und Mahavira im entfernten Indien wirkten – man spricht deshalb auch von der Achsenzeit – war es vor allem der Philosoph Pythagoras aus Samos, der in seinen Lehren für die Nichtschädigung allen Lebens mit der Begründung der Seelenwanderung eintrat. Auch in der jüdisch-christlichen Kultur und Tradition gab es ähnliche Gedanken, zum Beispiel in der Sekte der Essener. Am bekanntesten dürfte Franziskus von Assisi sein, der in den Tieren und Pflanzen seine Brüder und Schwestern sah und für den sich in jedem Lebewesen und in jeder sonstigen Erscheinungsform der Natur Gott manifestierte. (Was ihn aber nicht davon abhielt, das Fleisch von Tieren zu essen.) Auch in den Apokryphen sind zahlreiche Stellen zu finden, die auffordern, den Tieren Barmherzigkeit entgegenzubringen und sie zu schonen.

(Apokryphen: Jene Bücher, die von der Kirche als zusätzliche Bücher in das griechische Alte Testament übernommen wurden.)

Leider werden jedoch diese verheißungsvollen Ansätze von der Kirche bis heute unterdrückt oder nicht anerkannt.

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war es der Philosophen Jeremy Bentham, der Begründer des Utilitarismus, ("Introduction to the Principles of Morals and Legislation" – Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung) der auf die Notwendigkeit einer moralischen Einbeziehung unserer tierlichen Mitlebewesen aufmerksam machte, denn als Utilitarist, dem die Minimierung des Leidens und die Maximierung des Glücks oberstes Gebot war, stellte sich nur eine Frage:

"Can they suffer?" (Können sie leiden?)

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, der stark vom Buddhismus beeinflusst war, forderte vehement ein Mitleidsdenken auch gegenüber den Tieren als Zeichen einer wahren Ethik, deren Hauptmerkmal ein allumfassender Altruismus ist. Auch aus Henry Salts Schriften, dem Urvater der modernen Tierrechte, lässt sich das Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben gegen Ende des 19. Jahrhunderts herauslesen, das er mit seiner spirituellen Sichtweise einer gemeinsamen "Anima-Natur" von Mensch und Tier begründete.

Albert Schweitzer nahm jedoch für sich in Anspruch, als erster Philosoph den Gedanken der Ehrfurcht vor dem Leben aus einem obersten Prinzip systematisch und rational herausgearbeitet zu haben.

(Altruismus: In der Philosophie bezeichnet er eine Handlungsmaxime, die auf die Förderung des Wohles anderer gerichtet ist. In der Ethik bildet Altruismus den Gegenpol zu Egoismus. Anima: in diesem Zusammenhang – Seele, Seelenbild, Bewusstseinsnatur.)

Das Grundprinzip seiner Philosophie entsprang nicht aus Weltanschauung, sondern aus Lebensanschauung und der Lebensbejahung als unmittelbarste und umfassendste Bewusstseinstatsache. Er interpretierte seine Ethik als eine "Ethik der höheren Lebensbejahung". Das nichtssagende "Cogito, ergo sum." Descartes kritisierte er als "armseligen und willkürlichen" Trugschluss, der sich auf die Philosophie und insbesondere auf die Ethik negativ ausgewirkt hätte, weil er in die Richtung der Abstraktion anstatt in die Richtung der Lebensanschauung geführt hätte.

(lat. Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich.)

Schweitzer gewann seine ethischen Grundvorstellungen aus dem Erleben und der Erfahrung seiner eigenen elementarsten Daseinsäußerungen. Er erkannte, dass in seinem Willen zum Leben die Sehnsucht ist nach dem Weiterleben, dass in seinem Willen zum Leben die Lust am Leben zum Ausdruck kommt und die Angst vor der Vernichtung und Beeinträchtigung des Willens zum Leben, die man Schmerz und Kummer nennt. Dem Gebot Jesu – "Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst." – nachkommend, empfand Schweitzer zunächst die Ehrfurcht vor dem eigenen Willen zum Leben in sich selbst und übertrug diese dann auf andere. Den eigenen Willen zum Leben selbst respektieren, sich selbst bejahen und lieben, wurde zum Ausgangspunkt für die gleiche Achtung und Liebe gegenüber dem anderen Willen zum Leben als "denknotwendige Ethik" erkannt.

"Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." [45]

Für Schweitzer bedeutete dies, dass aus der Erfahrung des eigenen Willens zum Leben, den wir in uns selbst erleben, die moralische Nötigung und die unumstößliche ethische Forderung in uns erwächst, auch den Willen zum Leben in Tieren und Pflanzen zu erkennen und ihn entsprechend unserem eigenen Willen zu respektieren, egal ob sich der fremde Wille zum Leben äußern kann, oder ob er stumm bleibt.

"Alles wahre Erkennen geht, dieser Beweisführung zufolge, in Erleben über. Fremden Willen zum Leben kann ich verstehend nur begegnen in Anlehnung an den, der in mir ist. Wie in mir Furcht, Schmerz, Verlangen sind so auch ringsum. Dieses Analogie-Erleben drängt mich zu innerer Teilnahme; es nötig mich, fremdem Leben Ehrfurcht zu erweisen." [46]

"Du sollst Leben miterleben und Leben erhalten das ist das größte Gebot in seiner elementarsten Form. Anders negativ ausgedrückt: Du sollst nicht töten. Das Verbot, mit dem wir es so leicht nehmen, indem wir geistlos Blumen brechen, geistlos das arme Insekt zertreten und dann geistlos, in furchtbarer Verblendung, weil alles sich rächt, das Leiden und das Leben der Menschen mißachten und es kleinen irdischen Zielen opfern." [47]

Daraus ergab sich sein fundamentales ethisches Grundprinzip, das keine Einschränkungen mehr erlauben konnte:

"Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen, wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchstenWert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies ist das denknotwendige, universelle, absolute Grundprinzip des Ethischen." [48]

Wenn man von diesem Axiom ausgeht, so ist die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben eine Verbindung aus Erlebnis-, Lebens- und Naturphilosophie mit mystischen und religiösen Elementen, die an Franziskus von Assisi erinnern. Zweifellos erinnert sie auch an die Mystik der Upanishaden. "Tat swam asi" (Das bist Du.), die Aufforderung sich selbst in allen Naturwesen zu erkennen. Und hierin sah Schweitzer auch das Wesen seiner Ethik letztendlich begründet, nämlich allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht wie dem eigenen Willen zum Leben entgegenzubringen.

Für ihn galt, dass ein wahrhaft ethisches System, das diesem Namen auch gerecht wird, sich nicht nur auf die Beziehungen zwischen Mensch und Mitmensch beschränken darf, während eine Bezugnahme auf das uns umgebende Leben verloren geht. Nicht den Menschen will Schweitzer in den Mittelpunkt seiner Ethik stellen, sondern das Leben in seiner Gesamtheit, denn es ist ihm heilig. Lebensunwertes Leben gab es nicht für ihn; eine relative Ethik erkannte er nicht an.

"Also ist unser Nächster nicht nur der Mensch. Unsere Nächsten sind alle Wesen." [49]

Für Schweitzer machte diese ins Universelle erweiterte Ethik der Nächstenliebe nicht vor dem Kleinen – aber auch Allerkleinsten halt, sondern schloss es ein. In seinem Konzept spielen die Grade der Empfindungsfähigkeit oder des Bewusstseins keine Rolle. Was für ihn einzig und allein zählte, ist das Leben als solches.
"Jedes Leben ist heilig" und daher gab es für ihn keinen Wertunterschied zwischen den einzelnen Lebewesen.

"Der ethische Mensch fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben als wertvoll Anteilnahme verdient, und auch nicht, ob und inwieweit es noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches ist ihm heilig. Geht er nach dem Regen auf der Straße und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, daß er in der Sonne vertrocknen muß, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem todbringenden Steinigen hinunter ins Gras. Kommt er an einem Insekt vorbei, das in einen Tümpel gefallen ist, so nimmt er sich die Zeit, ihm ein Blatt oder einen Halm zur Rettung hinzuhalten." [50]

"Ehe der Pfahl ins Loch kommt, sehe ich nach, ob nicht Ameisen, Unken oder andere Tiere hineingeraten sind, und hole sie mit der Hand heraus, daß sie nicht vom Pfahle zermalmt werden oder nachher beim Einstampfen von Stein und Erde zugrunde gehen." [51]

"In keinerWeise dürfen wir uns dazu bewegen lassen, die Stimme der Menschlichkeit in uns zum Schweigen bringen zu wollen. Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht." [52]

Die herkömmliche abendländische Philosophie, die eine moralische Einbeziehung der Tiere ablehnt, wurde von Schweitzer hart kritisiert.

"Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, daß die Tür zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen." [53]

Und natürlich ergab sich aus dem Wesen der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht nur, die Tiere in ihr zu dulden, sondern darüber hinaus auch auf das pflanzliche Leben auszuweiten. Durch diesen biozentrischen Aspekt wurde er zum Vorläufer der heutigen Bioethik.

"Er reißt kein Blatt vom Baume ab, bricht keine Blume und hat acht, daß er kein Insekt zertritt." [54]

"Besondere Arbeit nehmen wir aus Mitleid mit den Palmbäumen auf uns...
Das einfachste wäre, sie abzuhauen...
Wir bringen es aber nicht übers Herz, sie der Axt zu überantworten, gerade jetzt, wo sie, vom Schlinggewächs befreit, ein neues Dasein beginnen...
Auch große Ölpalmen – bis zu fünfzehn Jahren – lassen sich versetzen. Daß man mit Tieren Erbarmen hat, verstehen meine Schwarzen. Daß ich ihnen aber zumute, die schweren Palmbäume zu transportieren, damit sie am Leben bleiben, statt umgehauen zu werden, erscheint ihnen eine verfahrene Philosophie ..." [55]

"Wo wir frei sind, haben wir uns zu hüten, quälend und schädigend in das Dasein irgendeines, auch des niedrigsten Geschöpfes einzugreifen, da wir dadurch eine durch nichts gerechtfertigte Schuld auf uns laden und uns unseres Menschentums begeben." [56]

Schweitzer wusste selbst, dass die Ausweitung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben auf alle Lebensformen im herkömmlich europäischen Denken harsche Kritik ernten musste. Trotzdem weigerte er sich, eine Differenzierung in der Wertrangfolge der unterschiedlichen Arten und Lebensformen in sein philosophisches Denkgebäude aufzunehmen.

"Beanstandet wird an ihr (seiner Ethik) auch, daß sie dem natürlichen Leben einen zu großen Wert beilege. Darauf kann sie erwidern, daß es der Fehler aller bisherigen Ethik war, nicht das Leben als solches als den geheimnisvollen Wert erkannt zu haben, mit dem sie es zu tun hat. Alles geistige Leben tritt uns in natürlichem entgegen. Die Ehrfurcht vor dem Leben gilt also dem natürlichen und dem geistigen Leben miteinander. Der Mann im Gleichnis Jesu rettet nicht die Seele des verlorenen Schafes, sondern das ganze Schaf. Mit der Stärke der Ehrfurcht vor dem natürlichen Leben wächst die vor dem geistigen.
Besonders befremdlich findet man an der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, daß sie den Unterschied zwischen höherem und niedererem, wertvollerem und weniger wertvollem Leben nicht geltend mache. Sie hat ihre Gründe, dies zu unterlassen.
Das Unternehmen, allgemeingültige Wertunterschiede zwischen den Lebewesen zu statuieren, läuft darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unserem Empfinden näher oder ferner zu stehen scheinen, was ein ganz subjektiver Maßstab ist. Wer von uns weiß, was das andere Lebewesen an sich und in dem Weltganzen für eine Bedeutung hat? Im Gefolge dieser Unterscheidung kommt dann die Ansicht auf, dass es wertloses Leben gäbe, dessen Schädigung und Vernichtung nichts auf sich habe. Unter wertlosem Leben werden dann, je nach den Umständen, Arten von Insekten oder primitive Völker verstanden." [57]

Dass alles Leben gleichen Wert hätte, wurde schon von anderen Denkern vor ihm als moralische Richtlinie aufgestellt. Aber kaum einer bekannte sich so offen dazu. Für Schweitzer gab es keine Axiologie oder Formeln, die wie eine Gleichung aufgehen. Er versuchte aufzuzeigen, dass eine ganzheitliche Sicht des Lebens der reinen Vernunft nicht entgegensteht. Den Fachphilosophen haftete seiner Meinung nach zu viel "Erdgeruch" an seiner Erlebensphilosophie an; sie wollten auch weiterhin keinen "Hund" in ihrer Ethik zulassen. Aber auch Schweitzer war sich klar bewusst, dass der Mensch immer wieder in Situationen kommt, wo ein Abwägen, ein Unterscheiden und eine Bewertung der einzelnen Lebensformen unumgänglich wird.

"Dem wahrhaft ethischen Menschen ist alles Leben heilig, auch das, das uns vom Menschenstandpunkt aus als tieferstehend vorkommt. Unterschiede macht er nur von Fall zu Fall und unter dem Zwange der Notwendigkeit, wenn er nämlich in die Lage kommt, entscheiden zu müssen, welches Leben er zur Erhaltung des anderen zu opfern hat. Bei diesem Entscheiden von Fall zu Fall ist er sich bewußt, subjektiv und willkürlich zu verfahren und die Verantwortung für das geopferte Leben zu tragen zu haben." [58]

Im praktischen Handeln des Alltags stellte Schweitzer jedoch eine Wertrangfolge auf. Er gab aber zu bedenken, dass jeder einzelne Mensch diese individuell zu ermessen habe, und dass sie keinesfalls zu verallgemeinern sei. Im Jahre 1931 schrieb er an den Prager Philosophen Oskar Kraus:

"Der Mensch kann keine allgemeingültige Entscheidung über Werte aufstellen, sondern nur Werte in Bezug auf sich und die Entwicklung, wie er sie sich denkt, statuieren. Alles Lebendige ist geheimnisvoll wertvoll, auch wenn wir ihm keinen Wert beilegen können (wie ich den Raupen, die jetzt meine Orangenbäume kahl fressen, keinen Wert geben kann). Alles Rätselhafte als rätselhaft stehen lassen!" [59]

"Auch hinsichtlich des Verhaltens zu Menschen wirft uns die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben in erschreckend unbegrenzte Verantwortung. Wieder bietet sich keine Lehre über den Umfang der erlaubten Selbsterhaltung; wieder heißt sie uns, uns in jedem Falle mit der absoluten Ethik der Hingebung auseinanderzusetzen. Nach der Verantwortung, die ich in mir erlebe, muß ich entscheiden, was ich von meinem Leben, meinem Besitze, meinem Rechte, meinem Glück, meiner Zeit, meiner Ruhe hingeben muß und was ich davon behalten darf ..." [60]

Die Ausweitung der Schweitzer’schen Philosophie, begründet auf seinem Hang zur Mystik, fand ihren Höhepunkt in seiner Anschauung des Weltganzen, die schon teils monistische, teils pantheistische Züge aufweist und der hinduistischen Brahma-Auffassung sehr nahe kommt. (Das bist du, das ist Brahma.)

"Ich sehe meine Philosophie als ethisch gewordenen Pantheismus, als die notwendige Synthese von Theismus und Pantheismus." [61]

"Die Fortschritte des Wissens haben eine unmittelbare geistige Bedeutung, wenn sie im Denken verarbeitet werden. Immer mehr lassen sie uns erkennen, daß alles, was ist, Kraft, das heißt Wille zum Leben ist; immer weiter ziehen sie uns den Kreis des Willens zum Leben, den wir in Analogie mit dem unsrigen erfassen können." [62]

"Du gehst draußen, und es schneit. Achtlos schüttelst du den Schnee von den Ärmeln. Das mußt du schauen: Eine Flocke glänzt auf deiner Hand. Du mußt sie schauen, ob du willst oder nicht, sie glänzt in wundervoller Zeichnung; dann kommt ein Zucken in sie: Die feinen Nadeln, aus denen sie besteht, ziehen sich zusammen, sie ist nicht mehr – geschmolzen, gestorben auf deiner Hand. Die Flocke, die aus dem unendlichen Raum auf deine Hand fiel, dort glänzte, zuckte und starb – das bist du. Überall, wo du Leben siehst – das bist du! ... Ehrfurcht vor dem Leben, vor dem Unbegreiflichen, das uns im All entgegentritt und das ist wie wir selbst, verschieden in der äußeren Erscheinung und doch innerlich gleichen Wesens mit uns, uns furchtbar ähnlich, furchtbar verwandt. Aufhebung des Fremdseins zwischen uns und den anderen Wesen." [63]

Besonders dieses Analogon wurde ihm im philosophischen Lager oft angelastet, weil er damit dem späten Haeckel’schen Monismus und der hinduistischen Brahma- Auffassung sehr nahe kam.

Emil Lind schrieb: "Schweitzer besitzt das "zweite Gesicht" für die metaphysische Welt, die für den phantasielosen Menschen immer etwas Unbegreifliches bleiben wird." [64]


3.2 Entzweiung des Willens zum Leben

Auch Albert Schweitzer musste sich der Frage über das scheinbar grausame Dasein stellen, das nur auf Kosten des anderen bestehen kann. Auch er erkannte die Unmöglichkeit, der Verantwortung für das Leben und der Ehrfurcht vor dem Leben immer gerecht zu werden, weil menschliches wie nicht-menschliches Leben, ohne zumindest pflanzliches Leben zu vernichten oder zu schädigen, unmöglich ist. Wenn er von der "Heiligkeit des Lebens" sprach, aber selbst Leben schädigte oder tötete – um beispielsweise die Patienten in seinem Spital zu retten oder um seine "Haustiere" mit Nahrung zu versorgen – so bedeutete dies für ihn die Folge jener rätselhaften Selbstentzweiung der Natur und des Willens zum Leben.

Schweitzer vertrat in seiner Ethik zwar das Prinzip der "Heiligkeit des Lebens", aber er hatte erkannt, dass die "Heiligkeit des Lebens" kein absolutes Prinzip ist, quasi als oberster Handlungsimperativ, dem immer und unbedingt Folge zu leisten ist. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und die darin vertretene Position der "Heiligkeit des Lebens" sollten als Aufforderung verstanden sein, ein leichtfertiges und unnötiges Schädigen und Töten von Leben zu vermeiden.

"Nun bietet die Welt aber das grausige Schauspiel der Selbstentzweiung des Willens zum Leben. Ein Dasein setzt sich auf Kosten des anderen durch, eines zerstört das andere. Nur in den denkenden Menschen ist der Wille zum Leben um anderen Willen zum Leben wissend geworden und will mit ihm solidarisch sein.
Dies kann er aber nicht vollständig durchführen, weil auch der Mensch unter das rätselhafte und grausige Gesetz gestellt ist, auf Kosten anderen Lebens leben zu müssen und durch Vernichtung und Schädigung von Leben fort und fort schuldig zu werden.
Als ethisches Wesen ringt er aber darum, dieser Notwendigkeit, wo er nur immer kann, zu entrinnen und als einer, der wissend und barmherzig geworden ist, die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufzuheben, soweit der Einfluß seines Daseins reicht." [65]

"Nur subjektive Entscheide kann der Mensch in den ethischen Konflikten treffen. Niemand kann für ihn bestimmen, wo jedesmal die äußerste Grenze der Möglichkeit des Verharrens in der Erhaltung und Förderung von Leben liegt. Er allein hat es zu beurteilen, indem er sich dabei von der aufs höchste gesteigerten Verantwortung gegen das andere Leben leiten läßt. Nie dürfen wir abgestumpft werden. In der Wahrheit sind wir, wenn wir die Konflikte immer tiefer erleben. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels." [66]

"Ich kann nicht anders als Ehrfurcht haben vor allem, was Leben heißt, ich kann nicht anders als mitempfinden mit allem, was Leben heißt: Das ist der Anfang und das Fundament aller Sittlichkeit. Wer dieses einmal erlebt hat und weitererlebt – und wer es einmal erlebt hat, erlebt es immer weiter – der ist sittlich. Er trägt seine Sittlichkeit in sich unverlierbar, und sie entwickelt sich in ihm. Wer es nicht erlebt hat, der hat nur eine angelernte Sittlichkeit, die nicht in sich gegründet ist, ihm nicht gehört, sondern von ihm abfallen kann. Und das Furchtbare ist, daß unser Geschlecht nur die angelernte Sittlichkeit hatte, die in der Zeit, wo es Sittlichkeit bewähren sollte, von ihm abgefallen ist. Seit Jahrhunderten wurde es nur mit der angelernten Sittlichkeit erzogen. Es war roh, unwissend, herzlos, ohne es zu ahnen, weil es den Maßstab für das Sittliche noch nicht besaß, da es keine allgemeine Ehrfurcht vor dem Leben besaß." [67]

In seiner ersten öffentlichen Darlegung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, einer Predigt in der Kirche St. Nicolai in Straßburg am 23. Februar 1919 sagte er dazu:

"Die Natur kennt keine Ehrfurcht vor dem Leben. Sie bringt tausendfältig Leben hervor in der sinnvollsten Weise und zerstört es tausendfältig in der sinnlosesten Weise. Durch alle Stufen des Lebens hindurch bis in die Sphäre des Menschen hinan ist furchtbare Unwissenheit über die Wesen ausgegossen. Sie haben nur den Willen zum Leben, aber nicht die Fähigkeit des Miterlebens, was in anderen Wesen vorgeht; sie leiden, aber sie können nicht mitleiden. Der große Wille zum Leben, der die Natur erhält, ist in rätselhafter Selbstentzweiung mit sich selbst. Die Natur läßt sie die furchtbarsten Grausamkeiten begehen...
Die Natur ist schön und großartig, von außen betrachtet, aber in ihrem Buch zu lesen, ist schaurig. Und ihre Grausamkeit ist sinnlos! ...
So steht auch durch die rätselhafte Entzweiung in dem Willen zum Leben Leben gegen Leben und schafft dem andern Leiden und Tod, schuldlos schuldig. Die Natur lehrt grausigen Egoismus, nur dadurch auf kurze Zeit unterbrochen, daß sie in die Wesen den Trieb gelegt hat, dem Leben, das von ihnen abstammt, so lange es ihrer bedarf, Liebe und Helfen entgegenzubringen. Aber daß das Tier seine Jungen mit Selbstaufopferung bis zum Tode liebt, also hier mitfühlen kann, macht es nur noch schrecklicher, daß ihm das Mitleiden für die Wesen, die nicht in dieser Weise mit ihm zusammengehören, versagt ist. Die Welt, dem unwissenden Egoismus überantwortet, ist wie ein Tal, das im Finstern liegt; nur oben auf den Höhen liegt Helligkeit. Alle müssen in dem Dunkel leben, nur eines darf hinaus, das Licht schauen: Das höchste, der Mensch. Er darf zur Erkenntnis der Ehrfurcht vor dem Leben gelangen, er darf zu der Erkenntnis des Miterlebens und Mitleidens gelangen, aus der Unwissenheit heraustreten, in der die übrige Kreatur schmachtet." [68]

Aus der Perspektive der Evolutionslehre und dem Gedanken des "survival of the fittest" – dem Überleben des Tüchtigsten – also aus der Natursicht des "Fressen und Gefressenwerdens" des ausgehenden 19. Jahrhunderts erklärt sich Schweitzers Sicht über die Selbstentzweiung der Natur und des Willens zum Leben. Da nur der Mensch zu der Erkenntnis der "naturgemäßen grausamen Welt" durchdringen kann, ergab sich für ihn die ethische Verpflichtung des Menschen zu Mitleid und zur Sorgfaltspflicht gegenüber der Natur.


3.3 Schuldlos schuldig werden als Mensch

Albert Schweitzer erkannte "Leben ist Leiden" – vielleicht auf Grund seiner Studien mit der buddhistischen und hinduistischen Philosophie, deren erstes Axiom die gleiche Aussage beinhaltet.

"Leben ist Leiden" bedeutet hier jedoch ein Zweifaches: Das naturgemäße Leiden, dem man selbst unterworfen ist durch gehemmtes Wollen, Alter, Krankheit und Tod, und das Leiden, das man bewusst oder unbewusst, durch das eigene Leben ununterbrochen und mannigfaltig hervorruft. Daneben dürfte auch die protestantisch geprägte Sicht des sündigen Menschseins auf Grund der Ursünde gegenüber Gott und dem paradiesischen Zustand – ein im Protestantismus typischer "Schuldkomplex" – ein Rolle gespielt haben.

Die Erkenntnis, schuldlos schuldig zu werden, führte aber bei Schweitzer nicht zur Resignation. Im Gegenteil, sie war ihm Antrieb für seine tief empfundene Verpflichtung zu helfen, zu lindern, mitzufühlen und mitzuerleben.

"Du gehst auf einem Waldpfad; die Sonne scheint in hellen Flecken durch die Wipfel hindurch; die Vögel singen; tausend Insekten summen froh in der Luft. Aber dein Weg, ohne daß du etwas dafür kannst, ist Tod. Da quält sich eine Ameise, die du zertreten, dort ein Käferchen, das du zerquetscht, dort windet sich ein Wurm, über den dein Fuß gegangen. In das herrliche Lied vom Leben klingt die Melodie von dem Weh und Tod, die von dir, dem unschuldig Schuldigen kommen, hinein. Und so fühlst du in allem, was du Gutes tun willst, die furchtbare Ohnmacht ...
Mitleiden heißt Leiden. Wer einmal das Weh der Welt in sich erlebt, der kann nicht mehr glücklich werden in dem Sinne, wie der Mensch es möchte." [69]

"Die Entzweiung des Willens zum Leben ist in der Welt vorhanden. Wir müssen beobachten, wie der Schöpferwille immer zugleich als Zerstörungswille und umgekehrt waltet. Es bleibt uns nur eines: mit Ehrfurcht vor dem Leben in dieser rätselhaften und gegensätzlichen Welt zu leben." [70]

Schuldlos schuldig werden gegenüber dem uns umgebenden Leben, mahnte Schweitzer, muss deshalb zum lebensbejahenden Ansporn, zur inneren Nötigung zu Achtsamkeit und zur Verantwortung gegenüber dem Leben werden. Er appellierte immer wieder, dass keiner sich die Last seiner Verantwortung zu leicht mache. Darüber hinaus müsse die auf sich geladene Schuld durch eine stellvertretende Wiedergutmachung durch die helfende Tat gesühnt werden.


3.4Nächstenliebe und Helfen als Daseinssinn - Fundamente einer humanitären Ethik

Die Hinweise Schweitzers in Bezug auf einen Erklärungsversuch des Daseins und der Suche nach einem tieferen Daseinssinn vollzogen sich in der Forderung nach Nächstenliebe, Mitleid und Mithilfe durch die Hingabe des eigenen Willens an anderen Willen.

"Wir spüren in uns den Drang des eigenen Lebenswillens, sich mit anderem Willen zum Leben zu vereinen. Diese Tatsache steht fest. Sie ist mir das Licht, das in der Finsternis scheint. Ich kann durch die Hingabe meines Willens zum Leben an einen anderen die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufheben. Wenn ich ein Insekt aus einem Tümpel rette, so hat sich Leben an Leben hingegeben und die Selbstentzweiung des Lebens ist aufgehoben. Wo in irgendeiner Weise mein Leben sich an Leben hingibt, erlebt mein endlicher Wille zum Leben das Einswerden mit dem unendlichen, in dem alles Leben eins ist.
Labung wird mir zuteil, die mich vor dem Verschmachten in der Wüste des Lebens bewahrt. Darum erkenne ich es als die Bestimmung meines Daseins, der höheren Offenbarung des Willens zum Leben in mir gehorsam zu sein. Als Wirken wähle ich, die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufzuheben, soweit der Einfluß meines Daseins reicht. Das eine, was Not ist, wissend, lasse ich die Rätsel der Welt und meines Daseins in ihr dahingestellt." [71]

"Wer von eigenem Leid verschont ist, hat sich berufen zu fühlen, zu helfen, das Leid der anderen zu lindern. Alle müssen wir an der Last von Weh , die auf der Welt liegt, mittragen." [72]

"Alles, was du tun kannst, wird in Anschauung dessen, was getan werden sollte, immer nur ein Tropfen statt eines Stromes sein; aber es gibt deinem Leben den einzigen Sinn, den es haben kann, und macht es wertvoll." [73]

Tiefere Einblicke in den Sinn des Daseins und des Weltganzen bleiben uns seiner Meinung nach verschlossen.

"Ratlos stehen wir ihr (der Natur) gegenüber. Sinnvolles in Sinnlosem, Sinnloses in Sinnvollem, das ist das Wesen des Universums." [74]

Christliche Nächstenliebe war das tragende Fundament der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, denn auch die Leitidee Jesu Christi hieß: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

Dieser Satz war für Albert Schweitzer neben dem Satz "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will" richtungsweisend, und Dreh- und Angelpunkt seiner gesamten Ethik. Die Nächstenliebe ließ keinen Raum für pseudoethische Spekulationen. Deshalb bedurfte seine Ethik keiner abstrakten hypothetischer Rechtsbegriffe, keiner Menschenwürde und Würde der Kreatur, auf die Schweitzer auch weitgehend verzichtete, um eine moralische Berücksichtigung der Tiere und des pflanzlichen Lebens einzufordern. Sie bedurfte auch keiner Evolutionstheorie oder sonstiger wissenschaftlicher Beweise einer engen biologischen Verwandtschaft zwischen den einzelnen Lebensformen.

Allumfassende Nächstenliebe bedeutete für Schweitzer selbstverst ändlich die Übernahme des Ahimsa-Gebotes, das in der Praxis jedoch niemals von ihm strikt befolgt wurde und die Verpflichtung zum Handeln und Helfen als eine Art "kategorischen Imperativ". Darin sah Schweitzer den Daseinssinn menschlichen Lebens. Zusätzlich wurde diese Position noch gestärkt durch die Aussagen der östlichen Religionen, mit denen er sich so eingehend befasst hatte, so dass er das buddhistische Ideal der liebenden Güte (metta), des Mitleids (karuna), der Mitfreude (muditta) und der Gesinnung der Gleichwertigkeit und des daraus resultierenden Gleichmutes (uppekha) als solidarisches Mitstreben in seine Ethik übernahm.

"Ethik ist die ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt ... die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Sie ist die als denknotwendig erkannte Ethik Jesu." [75]

"... Liebe bedeutet Wesensharmonie, Wesensgemeinschaft ... Mitleid ist zu eng, um als Inbegriff des Ethischen zu gelten...
Mehr schon sagt Liebe, weil sie Mitleiden, Mitfreude und Mitstreben in sich faßt. Das letzte Ergebnis des Erkennens ist also dasselbe im Grunde, was das Gebot der Liebe uns gebeut...
Und die Vernunft entdeckt das Mittelstück zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen die Liebe zur Kreatur, die Ehrfurcht vor allem Sein, das Miterleben allen Lebens, mag es dem unseren äußerlich noch so unähnlich sein." [76]

"Die wahre Ethik hat Welt-Weite. Alles Ethisches geht auf ein einziges Grundprinzip des Ethischen, das der höchsten Erhaltung und Förderung von Leben, zurück. Höchste Erhaltung des eigenen Lebens im Vollkommener-Werden und höchste Erhaltung von anderem Leben in empfindender und helfender Hingabe an es: dies ist Ethik. Was wir Liebe nennen, ist seinem Wesen nach Ehrfurcht vor dem Leben." [77]



3.5 Zusammenfassung

Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben hat zweifellos ihr Fundament in der Ethik Jesu Christi. Christlicher Glaube und ethisch-philosophische Schlussfolgerungen sind bei Albert Schweitzer nicht zu trennen. Er wollte vorbildhaft die Nachfolge Christi vorleben. Sie bestand für ihn in der helfenden Tat in den dampfenden Sümpfen und Urwäldern des schwarzen Kontinents, dort, wo er sich am notwendigsten gebraucht fühlte. Sein Leben wurde bestimmt von der Idee der modernen "imitatio Christi". Hieraus schöpfte er Kraft und Hoffnung, aber es bedeutete für ihn auch Ansporn und Verpflichtung zum Handeln. Mit seinem Leben hat Albert Schweitzer Zeugnis davon abgelegt, was er in den Worten der Philosophie gesagt hatte. Altruismus war ihm christliches Fundament und gleichzeitig Dienst am Reiche Gottes, so wie er es verstand. Dies bedeutete für ihn das Hingeben der eigenen Kraft an eine leidende Menschheit und Barmherzigkeit gegenüber den Tieren, die jedoch der "notwendigen Notwendigkeit" menschlicher Ansprüche untergeordnet blieben.

Aus der paulinischen Aufforderung: "Werdet meine Nachahmer, gleichwie ich Christi" werden Schweitzers Werk und Schaffen erst vollständig verständlich. Sein Werk und Schaffen ergab sich vor allem aus seiner persönlichen christlichen Einstellung, aus seiner tiefen, fast schon mystischen Frömmigkeit, aus seinem protestantisch geprägten Humanitätsideal und aus der inneren Nötigung des Sühneleistens für gegangene Schuld. Seine Lebenshaltung lässt dadurch zweifellos asketische und puritanische Züge erkennen. Die Nächstenliebe, die über die Artgrenzen hinausgeht, machte es für Schweitzer zur ethischen Verpflichtung, den Willen zum Leben des Nächsten, sei dies nun Mensch, Tier oder Pflanze, zu achten. Und da ihm jedes Leben heilig war, lehnte er einen Wertunterschied zwischen den einzelnen Lebensformen in seiner Ethik ab. Er erkannte jedoch die Problematik dieser Anschauung, weil menschliches wie nicht-menschliches Leben, ohne zumindest pflanzliches Leben zu vernichten oder zu schädigen, unmöglich ist. Diese Problematik, die sich daraus für seine Ethik ergab, entkräftete er mit dem Gedanken des "Schuldlos Schuldigwerdens", was in uns zum Ansporn und der inneren Nötigung werden müsse, Achtsamkeit und Verantwortung gegenüber dem uns umgebenden Leben walten zu lassen.

Er erkannte das Problem, dass unser Handeln immer unserer Subjektivität unterworfen ist und damit letztendlich willkürlich bleibt. Auch durch die Willkür erfolgt seiner Meinung nach schon ein Schuldigwerden. Nächstenliebe, Mitleid und Mithilfe durch die Hingabe des eigenen Willens an anderen Willen bedeuteten für ihn den einzig erkennbaren Sinn in einer unergründlichen, geheimnisvollen Welt. Für ihn war die Bestimmung des menschlichen Daseins die Selbstentzweiung des Willens zum Leben aufzuheben soweit dies in unserer Macht steht. Darin sah Schweitzer den primären Sinngehalt, den das menschliche Leben haben sollte, und den es erst sinnvoll und wertvoll macht.

Eine Ethik der Nächstenliebe bedarf keiner philosophischen Spekulationen. Auf idealistische Begriffe der herkömmlichen Philosophie verzichtete Schweitzer gänzlich.

Nicht zu überhören ist der pessimistische Grundtenor der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, trotz seines Appells zur Lebensbejahung. So wie alle großen Philosophen erkannte auch Albert Schweitzer, dass letztendlich Leben Leiden ist, und dass in der Regel das eigene Leben und Glück mit dem Leben und Unglück eines anderen Lebewesens erkauft wird.



Kapitel 4
Schweitzers Ethik in Theorie und Praxis



4.1 Zwingende Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit

Dort, wo am Humanitätsideal Abstriche gemacht werden, sagte Albert Schweitzer, beginnt die Pseudoethik. Wenn diese von ihm so eindringlich geforderte Humanität gegenüber den Tieren dem "notwendig Notwendigen" oder der "zweckmäßigen Zweckmäßigkeit" geopfert wurden, nahm er die Entscheidung als persönliche Schuld aus dem Konflikt zwischen dem eigenem Dasein und der Vernichtung oder Schädigung des anderen Daseins an. Jedes Töten, auch das "notwendige", bedeutete für Schweitzer Schuld auf sich laden. Weitere Konsequenzen des Schuldigwerdens ließ Schweitzer aber unbeantwortet, außer der Ermahnung zur Wiedergutmachung der durch die "notwendige Notwendigkeit" entstandene Schuld und zu dem Gefühl des schlechten "Gewissens".

"Ethik, die uns Ehrfurcht vor allem Leben und Liebe zu allem Leben lehren will, muß uns zugleich in schonungsloserWeise die Augen darüber öffnen, in wie vielfacher Weise wir uns in der Notwendigkeit befinden, Leben zu vernichten und zu schädigen, und in welch’ schweren Konflikten wir uns ständig bewegen, wenn wir wagen, uns nicht durch Gedankenlosigkeit zu betäuben." [78]

Schweitzer hatte die Gefahr der Verwässerung und der Leichtfertigkeit, die durch seine ethische Sichtweise entstehen konnte, erkannt. Er warnte vor drei Gefahren: vor der Abstumpfung, vor der Verdrängung und vor der Verzweiflung.

Er hatte auf spezifische Richtlinien oder eine Orientierungshilfe zur Abwägung stets mit dem Argument verzichtet, dass die Verantwortung für eine Abwägung dem Einzelnen überlassen sein müsse. Aber vielleicht gab er gerade deshalb unumwunden zu, dass die Ausarbeitung und das Ausdenken der Ethik der Liebe zu allen Geschöpfen die schwerste Aufgabe darstellt, die unserer Zeit gestellt ist.


4.2 Die Stellung Mensch und Tier – Abwägungskonflikte

Was sagt die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben über die Stellung Mensch und nicht-menschliche Lebewesen aus? Eindeutige Richtlinien für eine moralische Abwägung in Konfliktsituationen wurden von Albert Schweitzer nicht vorgegeben; die Entscheidung blieb dem Einzelnen überlassen.

"Wer sich ernstlich mit der Frage des Mitleids gegen die Tiere beschäftigt, weiß, daß es leicht ist, im Allgemeinen solches Mitleid zu predigen, aber außerordentlich schwer, Regeln für seine Betätigung in den einzelnen Fällen aufzustellen. Es kommt hier nicht nur die Frage in Betracht, wann das Dasein oder das Wohlergehen eines Geschöpfes der Existenz und den Bedürfnissen des Menschen geopfert werden darf, sondern auch die, wie wir uns zu entscheiden haben, wenn die Existenz oder das Wohlergehen des einen Geschöpfes der Existenz oder dem Wohlergehen des anderen geopfert werden muß." [79]

"Auch ich bin der Selbstentzweiung des Willens zum Leben unterworfen. Auf tausend Arten steht meine Existenz mit anderen in Konflikt. Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu schädigen, ist mir auferlegt. Wenn ich auf einsamem Pfade wandle, bringt mein Fuß Vernichtung und Weh über die kleinen Lebewesen, die ihn bevölkern. Um mein Dasein zu erhalten, muß ich mich des Daseins, das es schädigt, erwehren. Ich werde zum Verfolger des Mäuschens, das in meinem Hause wohnt, zum Mörder des Insektes, das darin nisten will, zum Massenmörder der Bakterien, die mein Leben gefährden können. Meine Nahrung gewinne ich durch Vernichtung von Pflanzen und Tieren. Mein Glück erbaut sich aus der Schädigung der Nebenmenschen." [80]

"Besonders befremdlich findet man an der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, daß sie den Unterschied zwischen höherem und niederem, wertvollerem und weniger wertvollem Leben nicht geltend mache. Sie hat ihre Gründe, dies zu unterlassen. Das Unternehmen, allgemeingültige Wertunterschiede zwischen den Lebewesen zu statuieren, läuft darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unserem Empfinden näher oder ferner zu stehen scheinen, was ein ganz subjektiver Maßstab ist. Wer von uns weiß, was das andere Lebewesen an sich und in dem Weltganzen für eine Bedeutung hat? Im Gefolge dieser Unterscheidung kommt dann die Ansicht auf, daß es wertloses Leben gäbe, dessen Schädigung und Vernichtung nichts auf sich habe. Unter wertlosem Leben werden dann, je nach den Umständen, Arten von Insekten oder primitive Völker verstanden. Dem wahrhaft ethischen Menschen ist alles Leben heilig, auch das, das uns vom Menschenstandpunkt aus tieferstehend vorkommt." [81]

Zur Frage der zwingenden Notwendigkeit schrieb Schweitzer:

"Wo ich irgendwelches Leben schädige, muß ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist. Über das Unvermeidliche darf ich in nichts hinausgehen, auch nicht in scheinbar Unbedeutendem.
Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstraße zu köpfen, denn damit vergeht er sich an Leben, ohne unter der Gewalt der Notwendigkeit zu stehen. Diejenigen, die an Tieren Operationen oder Medikamente versuchen oder ihnen Krankheiten einimpfen, um mit den gewonnenen Resultaten Menschen Hilfe bringen zu können, dürfen sich nie allgemein dabei beruhigen, daß ihr grausames Tun einen wertvollen Zweck verfolge. In jedem einzelnen Fall müssen sie erwogen haben, ob wirklich Notwendigkeit vorliegt, einem Tiere dieses Opfer für die Menschheit aufzuerlegen. Und ängstlich müssen sie darum besorgt sein, das Weh, soviel sie nur können, zu mildern. Gerade dadurch, daß das Tier als Versuchstier in seinem Schmerze so Wertvolles für den leidenden Menschen erworben hat, ist ein neues, eigenartiges Solidaritätsverhältnis zwischen ihm und uns geschaffen worden...
Wieviel wird in wissenschaftlichen Instituten durch versäumte Narkosen, die man der Zeit und Müheersparnis halber unterläßt, gefrevelt? Wieviel auch dadurch, daß Tiere der Qual unterworfen werden, nur um Studenten allgemein bekannte Phänomene zu demonstrieren! Wo irgendwie ein Tier zum Dienst des Menschen gezwungen wird, muß jeder von uns mit dem Leiden beschäftigt sein, die es um dessentwillen zu tragen hat. Wenn soviel Mißhandlung der Kreatur vorkommt, wenn der Schrei der auf dem Eisenbahntransport verdurstenden Tiere ungehört verhallt, wenn in unseren Schlachthäusern so viel Rohheit waltet, wenn in unseren Küchen Tiere von ungeübten Händen qualvollen Tod empfangen, wenn Tiere durch unbarmherzige Menschen Unmögliches erdulden oder dem grausamen Spiele von Kindern ausgeliefert sind, tragen wir alle Schuld daran." [82]

"Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wehrt uns, durch Stillschweigen uns gegenseitig glauben zu lassen, daß wir nicht mehr erleben, was wir als denkende Menschen erleben müssen. Sie gibt uns ein, uns in diesem Erleiden gegenseitig wachzuhalten und miteinander unerschrocken nach der Verantwortung, wie wir sie empfinden, zu reden und zu tun. Sie läßt uns miteinander nach Gelegenheiten spähen, für so viel Elend, das Menschen den Tieren zufügen, Tieren in irgend etwas Hilfe zu bringen und damit für einen Augenblick aus dem unbegreiflichen Grauen des Daseins herauszutreten...
Die Ehrfurcht vor dem Leben ist die höchste Instanz." [83]

Doch auch Schweitzer erlag selbst nur zu häufig dem Trugschluss der zwingenden Notwendigkeit.

Seine Aussagen über die Stellung Mensch und Tier, aber auch seine persönlichen Abwägungen und sein Tierumgang sind unzweideutig anthropozentrisch.

Dort, wo die Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit zur Erhaltung höheren Lebens ihn zwingt, fremdes Leben zu schädigen oder zu vernichten, entscheidet er sich für die höhere Lebensform, deren oberste Stufe für ihn stets der Mensch darstellte. Es verwundert also nicht, wenn Schweitzer trotz seines Ablehnung einer Wertrangfolge in der Regel die herkömmliche Abwägung auf der Basis der evolutionären Hierarchie übernahm. Als Rechtfertigung genügte ihm die Notwendigkeit der Erhaltung und Förderung von Leben und das schuldlos "Schuldigwerden".

"Nur die allgemeinste und absolute Zweckmäßigkeit der Erhaltung und Förderung von Leben, auf die die Ehrfurcht vor dem Leben gerichtet ist, ist ethisch. Alle andere Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit ist nicht ethisch, sondern nur mehr oder weniger notwendige Notwendigkeit, oder nur mehr oder weniger zweckmäßige Zweckmäßigkeit. In dem Konflikt zwischen der Erhaltung meines Daseins und der Vernichtung und Schädigung anderen Daseins kann ich das Ethische und das Notwendige niemals zu einem relativ Ethischen vereinen, sondern muß mich zwischen ethisch und notwendig entscheiden und, wenn ich das letztere wähle, es auf mich nehmen, durch Schädigung von Leben schuldig zu werden." [84]

"Mit welchem Recht opfert er eine Vielzahl lebender Wesen, um ein einziges zu retten? Und wenn er Tiere ausrottet, die er für schädlich hält, um andere zu schützen, steht er vor der gleichen Gewissensfrage. Es ist also jedem von uns auferlegt, im Einzelfall zu entscheiden, ob wir vor der unausweichlichen Notwendigkeit stehen, Leiden zu verursachen, zu töten und uns damit abzufinden, daß wir, eben aus Notwendigkeit, schuldig werden." [85]

So berichtete Schweitzer, dass er sogar neugeborene Kätzchen tötete, wenn sie in Lambarene zu zahlreich wurden und nicht durchgefüttert werden konnten, und er dieses grausame, aber notwendige "Geschäft" nicht anderen überließ, sondern es selbst erledigte.

"Muß ich den Leoparden töten, tut es mir weh. Nie töte ich den Alligator, der auf der Sandbank schläft, weil ja kein Müssen vorliegt." [86]

Als Schweitzers handzahmes, etwa 8 Monate altes Wildschwein "Josephine" in den Spital-Hühnerstall einbrach und einige Küken tötete, gab es für ihn nur eine Entscheidung.

"Ich wußte es (was zu tun war) und tat es.

"Josephine" wurde ins Spital gelockt, gefesselt und von NKendju rasch und kunstgerecht getötet. Ehe es Mittag läutete, war ihr Dasein zu Ende. Den Speck, in Stücke geschnitten und auf Stäbchen aufgezogen, räucherte und dörrte ich sorgsam ..." [87]

Als Maßnahme gegen die gefürchteten Wanderameisen wurde in Lambarene, weil es für ihn zwingend notwendig erschien, auf seine Anordnung eine giftige Lysol-Lösung eingesetzt, um größeren Schaden für Mensch und Haustier (Hühner) abzuwenden.

"Das ganze Drama spielt sich im Dunkel der Nacht beim Schein der von meiner Frau gehaltenen Laterne ab. Endlich ziehen die Ameisen weiter. Sie können den Geruch des Lysols nicht ertragen. Tausende von Leichnamen liegen in den Lachen." [88]

Schweitzers Einstellung zur Jagd erfahren wir aus seinem 1931 verfassten Adventsbrief an die Zeitschrift "Atlantis", in dem es zwar vornehmlich um die Wiedereinführung der Falkenjagd ging, er aber auch seine prinzipielle Auffassung zur Jägerei, zum Stierkampf und ähnlichen barbarischen und tierquälerischen Praktiken erläuterte.

"Es ist hart genug für uns, aus Notwendigkeit Leid über die Geschöpfe bringen zu müssen. Die Verantwortung dafür können wir nur dort auf uns nehmen, wo zwingende Notwendigkeit vorliegt. Nur dann, wenn Tiere uns Menschen in unserem Dasein bedrohen oder sonstwie schädigen, sollen sie abgeschossen werden. Aber nie und nimmer dürfen die Todesangst und der Todeskampf eines Tieres uns zu einem begehrenswerten Vergnügen werden." [89]

Ein Naturfreund war für Schweitzer derjenige Mensch, der sich mit allem, was in der Natur lebt und atmet innerlich verbunden fühlt, der an dem Schicksal der Tiere intensiv teilnimmt und ihnen, im Rahmen seiner Möglichkeiten, aus Leid und Not hilft und es vermeidet, ihr Leben zu schädigen oder zu vernichten.

"Es ist eine Schande für unsere Zeit, daß allenthalben immer noch Hetzjagden veranstaltet werden, zu denen in südlichen Ländern noch Stierkämpfe, Hahnenkämpfe und so manche andere grausame Belustigungen kommen. Wir müssen alles daran setzen, daß mit diesen letzten Resten unmenschlicher Veranstaltungen aufgeräumt wird." [90]

"Wann wird es dahin kommen, daß die öffentliche Meinung keine Volksbelustigungen mehr duldet, die in Mißhandlung von Tieren bestehen." [91]

Jagd und Angeln zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung oder als Mittel zur Abwendung von Schäden an Leben (Menschen und Haustiere) oder an Gütern, die dem Menschen als erhaltenswert und wertvoll erscheinen, wurden von ihm als Notwendigkeit betrachtet und gestattet.

"In der Hauptsache habe ich mein Gewehr nur, um Schlangen zu schießen, von denen es in Lamberene im Grase um mein Haus herum eine Unzahl gibt, und um Raubvögel zu töten, die die Nester derWebervögel in den Palmen vor meinem Hause plündern." [92]

"Jeden Tag werden beim Ausroden des Waldes einige zur Strecke gebracht, darunter oft von den gefürchtetsten Arten." [93]

Ein Nilpferd, dessen Territorium an die Anlegestelle des Spitals grenzte, und das bereits einen Mann getötet und eine Frau schwer verletzt hatte, wurde auf Anweisung Schweitzers geschossen.

"Insgeheim wünschen wir aber, daß das Urteil nicht vollstreckt zu werden braucht, sondern daß das Tier, durch Ahnen gewarnt, es vorzieht, seine Wildheit und Bosheit, statt vor dem Spital, in irgendeiner einsamen Gegend auszutoben." [94]

Ein Leopard, der sich an den Hühnern seines Freundes Morel zu schaffen machte, wurde ohne jeglichen Widerspruch seitens Schweitzer vergiftet.

"Beim öffnen der Türe lagen zweiundzwanzig Hühner mit aufgerissener Brust tot auf dem Boden. So mordet nur der Leopard. Er will zuerst Blut trinken. Die Opfer wurden weggeschafft. Eines, mit Strychnin gefüllt, ließ man vor der Türe liegen.
Zwei Stunden später kam der Leopard wieder und verschlang es. Während er sich in Krämpfen wand, wurde er von Herrn Morel erschossen." [95]

"Ich kaufe Eingeborenen einen jungen Fischadler ab, den sie auf einer Sandbank gefangen haben, um ihn aus ihren grausamen Händen zu retten. Nun aber habe ich zu entscheiden, ob ich ihn verhungern lasse oder ob ich täglich soundso viele Fischlein töte, um ihn am Leben zu erhalten. Ich entschließe mich für das letztere." [96]

Schweitzers Meinung zur "Nutztierhaltung" ist bekannt aus seiner Schrift "Das Problem des Ethischen in der Entwicklung des menschlichen Denkens". Die unveränderte anthropozentrische Sichtweise kommt hier ganz deutlich zum Ausdruck.

"Gegenüber den Geschöpfen der Natur geraten wir unausgesetzt in Situationen, die uns zwingen, Leiden zu verursachen und dem Leben Schaden zu tun. Der Bauer kann nicht alle Tiere leben lassen, die in seiner Herde zur Welt kommen; er kann nur die behalten, für die er Futter hat und deren Aufzucht ihm einen Ertrag verspricht." [97]

Zum Tierschutz in Europa äußerte sich Schweitzer dahingehend, dass an effektiver Tierschutzpraxis, an effektiver Gütigkeit, man heute hier bedeutend mehr leiste als die Menschen Indiens, obwohl diese zwar in der Theorie uns voraus seien durch das bei ihnen seit vielen Jahrtausenden in Geltung befindliche Verbot, die Tiere zu schädigen und zu töten.

Schweitzer akzeptierte die "Nutztierhaltung" – dies ist aus dem Kontext all seiner Schriften zu folgern – als eine Form der Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit für den Erhalt des menschlichen Lebens. Tiere blieben, gemäß der Auslegung der alttestamentarischen Texte, letztendlich auch für Schweitzer Nutzungsobjekte des Menschen.

In der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wird niemals die Möglichkeit eines generellen Fleischverzichtes in Betracht gezogen, obwohl er die grausamen Methoden und die Tierquälerei in Folge der Haltung und Nutzung von Tieren verurteilte. Er hatte in seinen Schriften, Predigten und Vorträgen bis zum Jahre 1964, also kurz vor seinem Tode, den Fleischgenuss nie prinzipiell als Verstoß gegen die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben verurteilt. Er selbst hatte auch erst in späteren Jahren, zumindest in Afrika, weitgehend auf den Verzehr von fleischlicher Nahrung verzichtet. Erst in einem Brief von 1964 schrieb er:

"Meine Ansicht ist, daß wir, die für die Schonung der Tiere eintreten, ganz dem Fleischgenuß entsagen, und auch gegen ihn reden." [98]


4.3 Über Euthanasie und künstliche Befruchtung

Da Nächstenliebe und Humanität die entscheidenden Kriterien seines Denkens und Handelns waren, gab Schweitzer in Ausnahmesituationen, wenn das ausweglose Leiden eines Tieres nur durch einen raschen und gnädigen Tod beendet werden konnte, der Euthanasie den Vorrang vor dem Prinzip der Erhaltung und Förderung des Lebens.

"Dem nicht zu behebenden Leiden eines Wesens durch barmherziges Töten ein Ende zu machen, ist ethischer, als davon Abstand zu nehmen." [99]

Damit korrigierte er aber seine kategorische Auffassung, dass jegliches Vernichten oder Schädigen von Leben böse sei, gleichgültig aus welchen Gründen auch immer es geschieht.

"Gut ist, Leben erhalten, Leben fördern. Böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen." [100]

Zur Euthanasie (aktive oder passive) in Bezug auf den Menschen schwieg sich Schweitzer aus, was von vielen Kritikern eindeutig als strikte Ablehnung bewertet wird. Aus seinen Aussagen, dass es ethisch sei, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert zu bringen, aber unethisch, entwickelbares Leben niederzuhalten, kann man schließen, dass Albert Schweitzer grundsätzlich auch eine regulierende Geburtenkontrolle in Tierpopulationen abgelehnt hätte.

Aus den gleichen Gründen kann man schließen, dass die künstliche Befruchtung im "Nutztierbereich" sich durchaus mit der Sichtweise Albert Schweitzers und seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben vereinbaren lässt, da sowohl das Argument der "notwendigen Notwendigkeit" als auch das Argument, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert zu bringen, einer künstlichen Befruchtung nicht widerspricht.

Da zu Lebzeiten Schweitzers Gentechnik und Klonen noch nicht oder erst in einem sehr frühen Anfangsstadium sich befanden, wissen wir nicht, ob er sich dafür oder dagegen ausgesprochen hätte.



4.4 Zusammenfassung

Es gibt neben der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben kein in sich geschlossenes Werk von Albert Schweitzer, das auf alle tierschutz- oder tierrechtsrelevanten Aspekte eingeht. Viele Hinweise sind in Predigten, Briefen, Büchern und Zeitungsartikeln zu finden, wie sich die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben auf unser Denken und Handeln gegenüber unseren tierlichen Mitlebewesen auswirken soll. Die wichtigsten Richtlinien lassen sich jedoch wie folgt zusammenfassen:

"Nutztierhaltung" dient als "notwendige Notwendigkeit" dem Menschen und wurde von Albert Schweitzer akzeptiert. Tierquälerei auf Tiertransporten und bei der Schlachtung wurden jedoch kritisiert. Ebenso wurde die oft qualvolle und "unsachgemäße" Tötung von Kleintieren in unseren heimischen Küchen von ihm gerügt. Die "normalen" Exzesse in der Nutztierhaltung, ihre grausamen und lebensverachtenden Methoden, wurden von Albert Schweitzer entweder nicht erkannt oder stillschweigend toleriert, denn bis kurz vor seinem Tode wurde die Nutzung der Tiere zu Nahrungszwecken prinzipiell niemals in Frage gestellt.

In Bezug auf andere Nutzungsarten von Tieren (Leder, Wolle, etc.) verhält es sich ebenso; sie wurden als "notwendige Notwendigkeit" geduldet.

Das Töten als Volksbelustigung oder zum Vergnügen einzelner Menschen, also Stierkampf, Hunde- und Hahnenkämpfe, "Jagd- und Angelsport", lehnte er kategorisch als tierquälerisches Brauchtum und als unethische Handlung ab.

Zu Tierversuchen äußerte er sich kritisch, mahnte zur Einschränkung und größten Sorgfalt, wenn es um die Vermeidung von Schmerzen und Leiden geht, akzeptierte jedoch durchaus den Tierversuch unter dem Vorbehalt der zwingenden Notwendigkeit zur Erhaltung der menschlichen Existenz als moralisch legitime Handlung.

Organentnahme vom Tier zwecks Transplantation auf den Menschen und industrielle Serumgewinnung mittels Tieren standen zu Lebzeiten Schweitzers noch in den Anfängen; daher sind hierzu – meines Wissens – keine Aussagen vorhanden. Schweitzer hätte sich aber vermutlich, entsprechend seinen Aussagen bezüglich Tierversuchen, für eine Nutzung der Tiere unter dem Vorbehalt der zwingenden Notwendigkeit und der größtmöglichen Vermeidung von Schmerzen und Leiden, ausgesprochen.

Der Euthanasie beim Tier stand Schweitzer positiv gegenüber, obwohl dies im Gegensatz zu seiner prinzipiellen Haltung des Nichtschädigens von Lebendigem steht.

Zur Frage der ethischen Legitimation in Bezug auf eine künstliche Befruchtung in der "Nutztierhaltung" oder eine regulierende Geburtenkontrolle einer Tierpopulation hatte sich Schweitzer nicht geäußert. Genmanipulation und Klonen waren zu seinen Lebzeiten noch unbekannt, so dass wir über seine Ansichten nur spekulieren können.



Kapitel 5
Kritik an Albert Schweitzer und der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben



5.1 Kritik seitens der akademischen Philosophie

In der philosophischen Tradition und Theorie gilt der Satz, dass keine normative Forderung zwecks einer ethischen Orientierung für das eigene Sein und Handeln aus den Verhältnissen des umgebenden Lebens bzw. der Natur deduktiv abgeleitet werden soll.
Mit anderen Worten: Es darf nicht von dem Sein (Fakten) auf das Sollen (Moral bzw. Ethik) geschlossen werden. Wird dies jedoch getan, so spricht man von einem naturalistischen Fehlschluss. Vor allem der Philosoph George E. Moore vertrat diese Ansicht, und sie wurde zu einem Grundprinzip in der philosophischen Methodologie.

Im Verlauf der Geschichte der Philosophie hatte es immer wieder naturalistische und empirische oder sogar intuitionistische Ethikbegründungen gegeben, die ethische Normen und Wertsetzungen aus der Beobachtung der Natur, der eigenen Wertintuition oder aus dem eigenen Weltempfinden begründen wollten. All diese Versuche erwiesen sich als naturalistische Fehlschlüsse, denn alle Konzepte leiteten aus kognitiv-theoretischen Verhältnissen die Annahme und Verpflichtung zu einer ethischen Norm ab und gerieten in Folge in erhebliche Schwierigkeiten, konsistent die einmal eingeschlagene Richtung beizubehalten. Denn eine Ethik auf dem Fundament des Naturgeschehens muss zwangsläufig in einen ethischen Sozialdarwinismus münden, der der allgemeinen Grundauffassung der Rücksichtnahme und des Schutzes des Schwächeren widerspricht.

Schweitzer missachtete sträflich diesen Kardinalfehler, vor dem sich alle Philosophen fürchten, als hätte er bewusst Kritik provozieren wollen, denn er wiederholte immer wieder, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben sich an der Lebensanschauung orientiere und nicht an der Abstraktion.

Das unüberwindliche Problem, mit dem sich Albert Schweitzer konfrontiert sah, bestand darin, dass er das Naturgeschehen und insbesondere den Zwiespalt des "Fressen und Gefressenwerdens " in der Natur und die Forderung nach einer allumfassenden Ethik in einem Gesamtkonzept aus einem obersten Prinzip ableiten wollte, um dadurch den vermeintlichen Zwiespalt von Sein und Sollen zu egalisieren. Die Kritik seitens der Philosophie ergab sich aus diesem Versuch, das Gesetz des Dschungel in der Natur und die Forderungen der Ethik, die auf die Natur nicht anzuwenden sind, in ein rationalistisches Konzept mit einem Letztbegründungsanspruch zu bringen.

Dem Leser, der mit der philosophischen Theorie nicht vertraut ist, soll ein Beispiel diesen Sachverhalt verdeutlichen.

Man stelle sich das Leben einer Gesellschaft vor, in der Kannibalismus an der Tagesordnung ist und als moralisch akzeptierte Form der Ernährungsweise betrachtet wird. Niemand aus der Kannibalengesellschaft nimmt daran Anstoß. Aus dieser Betrachtung leitet man nun die ethische Norm ab, dass Kannibalismus nicht nur ethisch legitim sei, sondern sogar als ethische Norm anzuwenden sei. Man hat damit vom Sein – also aus Fakten – auf das auf das Sollen geschlossen und einen naturalistischen Fehlschluss begangen. Damit wurde eine ethische Regel aus dem rein Deskriptivem auf das Normative abgeleitet. Es ist nicht verwunderlich, dass die Kritik seitens der akademischen Philosophie in Bezug auf den naturalistischen Fehlschluss in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht ausbleiben konnte.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sein Ethik-Konzept von Anfang an auf einem normativistischen Fehlschluss basiere. Das allgemeine Ehrfurchtsprinzip, ebenso wie der Wille zum Leben, der nur ein Axiom darstellt, also ein fundamentales Prinzip, das noch nicht bewiesen ist, wird zu Anfang als Begründung und Norm in Anspruch genommen, indem Schweitzer aus der eignen Anschauung und Interpretation seines Willens einen Analogieschluss ableitete, auf den dann durchgängig zurückgegriffen wurde.

Die Kritik beruht auf der Schlussfolgerung Schweizers, dass in anderem Leben ein Wille zum Leben vorhanden sei, der mit dem eigenen Willen zum Leben identisch sei, und dass die normative Forderung deduziert werden könne, auch diesem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht und Achtung entgegenzubringen, die dem eigenen Willen zum Leben entgegengebracht wird.

Außerdem ist zu bemerken, dass Schweitzer aus der lebensphilosophischen Tradition den Schopenhauer-Nietzsche Begriff des "Willens zum Leben" unbeleuchtet übernommen hatte, der nichts weiter darstelle als eine anthropomorphe Konstruktion, also ein rein menschliches Interpretationsprodukt, das auf Grund der unterschiedlichen Bewusstseinsgrade der verschiedenen Lebewesen nicht undefiniert auf alle Spezies angewendet werden dürfe. Ein "Wille zum Leben", so argumentieren die Kritiker, bedeute Zielorientiertheit und damit ein relativ hoch entwickelter Bewusstseinsgrad, der trotz letzter Beweise zwar bei höher entwickelten Säugetieren zu erkennen sei, der jedoch auf "niedrigeren Stufen des Lebens" nur sehr schwierig zu beweisen ist. Damit läge in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ein Analogiefehlschluss vor.

Ethische Prinzipien müssen als universalmoralische Regeln verstanden werden; sie sind nicht aus rein kognitiv oder intuitionistischen Grundlagen zu deduzieren. Schweitzers normativistischer Fehlschluss ergab sich aus dem fehlverstandenen Legitimationsanspruch durch Deduktion ganz in der Tradition des Rationalismus mit seinen Letztrechtfertigungsansprüchen, um aus einem obersten Prinzip alle weiteren Folgerungen beweisen zu wollen. Ein anderes, nicht weniger schwieriges Problem besteht in dem Schweitzer’schen Begriff der "Selbstentzweiung des Willens zum Leben", der wörtlich genommen und konsequent ausgedacht, eine ursprüngliche Einheit des Willens zum Leben voraussetzt, da nur das sich entzweien kann, was zuvor vereint war.

Diese Einheit hat jedoch niemals in der Natur existiert und wird auch zukünftig niemals existieren, und man kann Schweitzers Gedankengang nur aus dem religiösen Kontext der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben deuten.

Mit anderen Worten: Albert Schweitzer scheiterte, so der Vorwurf der akademischen Philosophie, an der Unverträglichkeit von Kognitivismus und Normativismus und an seinem Unvermögen, sich von dem Deduktionszwang der rationalistischen Tradition und von seinem religiösen Weltbild zu lösen. Daneben wird kritisiert, dass die ethische Forderung einer ins Grenzenlose gehenden Verantwortung absurd, ja geradezu kontraproduktiv sei, da grenzenlose Verantwortung gegenüber allem und jedem nur dazu führe, in Wahrheit niemandem spezifisch verantwortlich zu sein.

Ebenso problematisch ist aus der Sicht der Philosophie die These der "Heiligkeit des Lebens", die sowohl von ihrer Begründung als auch von ihrer Umsetzung her unweigerlich zu einem Dilemma führen muss. Ist alles Leben tatsächlich heilig, zumal sich dies nur theologisch begründen ließe, so ist ein Verstoß gegenüber dieser Heiligkeit nur sehr schwer mit der Begründung des schuldlos Schuldigwerdens zu rechtfertigen, da es andere Kulturen (Hinduismus, Jainismus, etc.) zweifellos vorleben, dass die Einhaltung der daraus resultierenden Forderung des Nichttötens sehr wohl dem Eigeninteresse und dem Eigennutz untergeordnet werden kann.

Da die "Heiligkeit des Lebens" – wird sie bis in die letzte Konsequenz ausgedacht und umgesetzt – einer zukunftsorientierten Populationskontrolle entgegensteht und eine offene Diskussion zur Empfängnisverhütung, Abtreibung und Euthanasie im Grunde genommen verbietet, ist dieses Postulat im Hinblick auf Bevölkerungsexplosion und Welthunger und im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht des Menschen mit einem großen Fragezeichen zu versehen, zumal auch das Leiden der Tiere in einem direkten Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum steht.

Analog zu den Aussagen der christlichen Amtskirchen ließ Schweitzer die Probleme der Überbevölkerung ganz außer acht und publizierte 1920 unter dem Titel "Was sollen wir tun?" die Forderung, auf der Erde möglichst viele Menschen und möglichst viel Leben zu "erzeugen". Die Populations- und Ernährungsprobleme, die sowohl die Menschen als auch die Tiere betreffen, wurden nicht erkannt.

Es wären noch weitere Kritikpunkte zu nennen, die jedoch ein profundes philosophisch-theoretisches Fachwissen voraussetzen. Da ohnehin die wichtigsten Gegenargumente oben beschrieben wurden, wird darauf verzichtet, alle weiteren Kritikpunkte zu behandeln.

Insgesamt hat sich die ablehnende Haltung gegenüber der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht verändert; für die akademische Philosophie bleibt Albert Schweitzer ein Gefangener des Gegensatzes von Natur und Ethik, der durch eine irrational-emotionale und mystisch angehauchte Erlebnisphilosophie ganz eigener Prägung letztendlich gescheitert war.


5.2 Zu Albert Schweitzers Verteidigung

Der "naturalistische Fehlschluss" stand und steht wie kaum ein anderer philosophischer Lehrsatz im Mittelpunkt unzähliger ethischer Diskussionen und Dispute.

Eine der prinzipiellen Fragen in diesen Auseinandersetzungen liegt darin, ob es legitim sei, auch biologische Fakten für eine Begründung ethischer Normen abzuleiten und ob eine ethische Bedeutung aus der "Natürlichkeit" einer Sache geschlossen werden kann. Die Befürworter einer strikten Ablehnung eines naturalistischen Schlusses verweisen oft auf die negativen Folgen des Sozialdarwinismus oder eines ethischen Biologismus, da sich dieser logischerweise für das "Recht des Stärkeren", dem "Survival of the fittest" aussprechen müsste und damit der allgemeinen moralischen Grundintuition der Rücksichtnahme und des Schutzes des Schwächeren widerspricht, da die Entwicklung von Individuen und Gesellschaften analog der Evolution in der Biosphäre durch Wettbewerb und natürliche Selektion gerechtfertigt würde. Menschen, Tiere und Pflanzen konkurrieren um den Erfolg, und nur die Stärksten werden auf Dauer sich durchsetzen und überleben. Damit wurde der Sozialdarwinismus auch als philosophische Rechtfertigung für Imperialismus, Rassismus, Speziesismus und zügellosen Kapitalismus herangezogen.

Als klassisches Beispiel für die negativen Auswirkungen des Sozialdarwinismus wird oft auf die Philosophie von Friedrich Nietzsche verwiesen, ("Wille zur Macht") die durch die Übernahme in das nationalsozialistische Gedankengut in Verruf geriet. Von diesem Trauma hat sich die Philosophie bis heute nicht erholt, und es ist nicht verwunderlich, dass das Schreckgespenst des "naturalistischen Fehlschlusses" noch immer in den Köpfen vieler Philosophen herumgeistert.

Ein Kardinalfehler der Philosophie, der indirekt in diesem Zusammenhang steht, muss aber darin gesehen werden, dass viele Philosophen sich bis heute nicht von dem Darwinistischen Naturbild des "Fressen und Gefressenwerdens" befreien konnten, obwohl die moderne Biologie mittlerweile zu der Einsicht gekommen ist, dass in der Natur als Ganzes vielmehr eine harmonische Symbiose der einzelnen Lebensformen vorherrscht, und der Prozess des Lebens trotz der scheinbaren Grausamkeit in der Natur in der Gesamtbilanz positiv zu beschreiben ist.

Damit stellt sich die Frage, ob es tatsächlich richtig ist, einen Zusammenhang zwischen Fakten und Werten, zwischen Natur und Ethik so rigoros abzustreiten. Durch die Erkenntnisse der modernen Biologie und insbesondere der Soziobiologie und der evolutionären Erkenntnistheorie lassen sich vielfältige Beispiele finden, die darauf hinweisen, dass zweifellos ein Zusammenhang zwischen Sein und Sollen bestehen könnte. Manche kritische Stimmen gehen mittlerweile davon aus, dass in der Realität der "naturalistische Fehlschluss" – so wie er im traditionellen Lager aufrecht erhalten wird – schlicht und einfach nicht vorhanden sei. Das grundlegende Problem der Auseinandersetzung liegt vor allem in einer übertriebenen Polarisierung: Entweder gibt es einen strengen, unzweideutigen Zusammenhang zwischen Sein und Sollen oder überhaupt keinen Zusammenhang.

Dass es einen Weg der Mitte gibt, und dass es zwangsläufig einen Zusammenhang geben muss, weil auch der Mensch ein Naturwesen ist und in Folge auch sein Denken in einem natürlichen Kontext gesehen werden sollte, erkennen erfreulicherweise immer mehr Philosophen an.

Der Tierrechtsphilosoph Helmut F. Kaplan schreibt in seinem Buch "Tierrechte – Die Philosophie einer Befreiungsbewegung" zu diesem Thema:

"Wäre der Mensch, physisch wie psychisch, ganz anders als er tatsächlich ist, hätte er also völlig andere faktische Fähigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche, dann wären alle vorhandenen Moralen höchst unangemessen, weil sie die tatsächliche Beschaffenheit des Menschen vollkommen außer acht ließen. Das heißt aber nichts anderes, als dass sich "angemessene" Moralen dadurch auszeichnen, dass sie in irgendeinem "vernünftigen" Verhältnis zu den tatsächlichen menschlichen Eigenschaften stehen. Folglich muß es zwischen den faktischen menschlichen Eigenschaften und "angemessenen" Moralen, zwischen Fakten und Werten, einen – wie auch immer gearteten – Zusammenhang geben."

Aus dieser Perspektive wird zwar die Kritik seitens der akademischen Philosophie an Schweitzers Ethik-Konzept nicht null und nichtig, aber sie wird zumindest so weit relativiert, dass eine kategorische Ablehnung aus diesen Gründen sehr bedenklich ist. Der postulierte Wille zum Leben in allem Lebendigen und der Gedankengang, aus der eigenen ethischen Intuition gegen über dem eigenen Willen zum Leben, auch auf den fremden Willen zu schließen, mag zwar nach der philosophischen Methodologie ein "Fehlschluss" sein, ob aber Schweitzer damit der Wahrheit intuitiv nicht viel näher gekommen ist als die logisch-positivistische Philosophie mit ihrem Hang zur absoluten Verifizierbarkeit, wird die Zukunft noch klären.

In Wahrheit ist es viel bedenklicher, dass sich die Kritik der Damen und Herren Philosophen auf die methodologischen Fehler in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben beschränkt, sie zu den kritischen Aussagen Schweitzers aus tierrechtsrelevanter Sicht aber schweigen.


5.3 Mystik und religiöser Hintergrund anstatt naturwissenschaftlichem Erklärungsversuch

Bei der Lektüre der Schweitzer’schen Philosophie fällt auf, dass der Versuch einer naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt und damit auch des Lebendigen unterblieben ist und statt dessen, dort, wo Naturwissenschaft angebracht gewesen wäre, leider hauptsächlich mit christlicher Mystik und mit Intuition argumentiert wurde. Ein Mehr an naturwissenschaftlicher Begründung hätte auch die Kritiker kleinlauter werden lassen.

Schweitzers Kernaussage, auf der alle weiteren Gedankengänge aufbauen, stellt nur ein Axiom dar, also ein fundamentales Prinzip, das als gültig und richtig erachtet wird, ohne dass es aber schon bewiesen wäre. Als Beweis begnügte sich Schweitzer mit dem eigenen Empfinden und der ganz persönlichen Interpretation des Daseins auf dem Fundament seines christlichen Glaubens.

Die abzuleitenden Schlüsse dieses Axioms wurden zwar in ethischer Hinsicht in der Theorie relativ konsequent ausgedacht, jedoch fielen die abgeleiteten Einzelforderungen besonders in der praktischen Umsetzung der christlichen Anthropozentrik, der er sich nie gänzlich entziehen konnte, wieder zum Opfer. Seine Kernaussage – "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will" – besitzt sicherlich ontologischen Charakter, aber ein tieferes Hinterfragen, ein Ausdenken und Folgern unter Zuhilfenahme der Naturwissenschaft ist unterblieben.

Der Versuch einer eher naturwissenschaftlichen Argumentationslinie für die moralische Berücksichtigung der elementaren Interessen der Tiere erfolgte nicht, obwohl Schweitzer sich eingehend mit der Evolutionslehre von Charles Darwin beschäftigt hatte.

War der Grund des Verzichts auf einen naturwissenschaftlichen Unterbau in seiner Ethik die Gehorsamspflicht als Pfarrer und Theologe gegenüber seiner Amtskirche oder die Angst, das gleiche Schicksal wie Professor Ernst Haeckel zu erleiden? Schweitzers Weigerung der Naturwissenschaft in seiner Ethik den gebührenden Platz zu verschaffen, ist wiederum nur durch seine religiöse Grundeinstellung zu erklären. Denn auch das christliche Dogma, das den Herrschaftsanspruch des Menschen – als Krone der Schöpfung – über die übrige belebte Welt beinhaltet, wurde nicht eingehend beleuchtet, denn dann hätte auch die Frage beantwortet werden müssen, warum ein barmherziger und liebender Gott seine "Geschöpfe" gerade so geschaffen hatte, dass sie in aller Regel zum eigenen Überleben fremdes Leben vernichten müssen.

Albert Schweitzer musste erkannt haben, dass einer Philosophie auf dem Fundament des mosaisch- christlichen Glaubens, die sich für die elementaren Bedürfnisse der Tiere einsetzt, immer ein Mangel an Kohärenz anhaften würde, da die Theodizee (von griechisch theos: Gott und dike: Gerechtigkeit) sowohl der Logik als auch der Forderung nach einer gerechten, ethischen Behandlung unserer Mitwesen im Grunde widerspricht.

(Kohärenz: innere Zusammenhang; i.d. Philosophie: Forderung der Einhaltung der Konsequenzen, die sich aus einem ethischen Konzept ergeben.)

Auch Schweitzer verschanzte sich hinter der Behauptung, dass der tiefere Sinn dem Menschen mangels Begriffsvermögen verborgen bleiben wird. Ein theologischer Erklärungsversuch in Schweitzers Ethik ist nicht zu finden.

Schweitzers Interpretation über das Gute und das Böse lautete: Gut ist Leben erhalten, Leben fördern, böse ist Leben vernichten und Leben hemmen. Demnach wären der jüdisch-christliche Gott des Alten und Neuen Testamentes – auf ihm und der Gestalt Jesu Christi ist Schweitzers Ethik in großen Teilen begründet – als das Böse schlechthin entlarvt worden, da der christliche Gott doch das Böse in seiner Allmacht selbst erschaffen hatte und permanent zulässt.

Wie hätte Albert Schweitzer den Massenmord an Mensch und Tier durch die Sintflut, die unzähligen von Gott befohlenen Tieropfer, die Schlacht- und Speisevorschriften, (z.B. das Schächten) aber vor allem der von Gott verfügte Herrschaftsanspruch des Menschen über die Natur, einschließlich all ihrer Lebewesen, theologisch und ethisch begründen sollen und andererseits den schwachen, kleinen Menschen dazu auffordern können, Mitleid, Ehrfurcht und Achtung dem Tier entgegenzubringen, zumal der "göttliche" Freibrief zur Ausbeutung, Unterdrückung und Vernichtung von Leben doch geradezu im krassen Gegensatz zu dieser Aufforderung steht, und das "göttliche Vorbild" eben alles andere als ein Vorbild ist.

Denn ist der Gott, der den Ägyptern ihre Erstgeborenen nahm, nebst den Erstgeborenen ihres unschuldigen Viehs, der Gott, der Hiob quälte, nur um ihn zu prüfen, und der Gott, der Sodom und Gomorrha dem Erdboden gleichmachte, in der konsequenten Auslegung der Schweitzer’schen Ethik gut oder böse?

Verkommt das Gebot "Du sollst nicht töten!" nicht zu einer Farce, wenn derjenige, der es von anderen einfordert, es selbst permanent missachtet? Wenn der christliche Humanismus den ethischen Menschen fordert, muss dann nicht das Vorbild, nämlich Gott als das absolut Gute, nicht den gleichen ethischen Anforderungen unterworfen sein? Aus der Problematik der Theodizee wird ersichtlich, warum Schweitzer auf eine eingehende Ausarbeitung eines religiös-ontologischen Fundamentes verzichten musste. Ein solcher Versuch wäre von einer Menschheit, die gerade begonnen hatte, sich von den geistigen Fesseln der Religion zu befreien, abgelehnt worden.

Hier war Albert Schweitzer einfach gezwungen, in tiefer Frömmigkeit zu schweigen.

Aber er befand sich noch in einem anderen Dilemma.

Einerseits wäre ein religiös-ontologischer Erklärungsversuch, der eine gerechte moralische Berücksichtigung der Tiere beinhaltet auf der Basis des christlichen Dogmas zum Scheitern verurteilt gewesen, denn als Erklärung des Daseinssinnes hätte er als Christ auf die Genesis und auf die bereits erwähnte Eschatologie verweisen müssen. Das erste und oberste christliche Gebot lautet: Ehre Gott und folge seinem Willen.

(Genesis: das 1. Buch Moses mit der Schöpfungsgeschichte)

Aber dieser Wille steht ganz offensichtlich nicht mit dem imperativen Postulat der Förderung und Schonung jeglichen Lebens in Einklang, vor allem dann nicht, wenn es sich um nicht jüdisches (im alten Testament) und nicht-menschliches Leben handelte. Die unübersehbaren Widersprüche zwischen den Aussagen der Heiligen Schrift und der geforderten Ehrfurcht und Schonung von menschlichem, tierlichem und pflanzlichem Leben wären seinem Anliegen, einer Erneuerung einer humanen Kultur und Ethik auf dem Fundament des christlichen Glaubens nicht von Vorteil gewesen, denn es hätte zu viele Widersprüchlichkeiten beinhaltet. Wahrscheinlich war deshalb ein Erklärungsversuch aus biblischer Sicht unterblieben. Er hätte mehr geschadet als geholfen. Andererseits hätten sich auch Widersprüche in Bezug auf die dem christlichen Dogma entgegengesetzten Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft und vornehmlich des Darwinismus ergeben und nicht zuletzt an den Fundamenten seines Glaubens gerüttelt. Seine Forderung nach einer allumfassenden, also auf das menschliche, tierliche und pflanzliche Leben ausgeweiteten Nächstenliebe, die nicht primär auf dem Boden des Gleichheitsprinzips als ethische und rationale Entscheidungsgrundlage basiert, wäre sowohl mit dem Bibelwort als auch mit den Naturwissenschaften nicht oder nur mit irrationalen Winkelzügen in Einklang zu bringen gewesen.

Es wird deutlich, dass sich schon im Grundaufbau seiner Ethik, die sich ausschließlich auf einer emotionalen und intuitiven Ebene bewegt, ein entscheidender Denkfehler eingeschlichen hatte.

Vielleicht forderte er deshalb dazu auf, die Rätsel der Welt und Gott nicht weiter zu hinterfragen, sondern demütig dahingestellt zu lassen. Albert Schweitzer war zu sehr überzeugter, leidenschaftlicher Christ, um die Gefahr einzugehen, seinen Glauben durch ein objektives, absolutes Hinterfragen oder durch sonstige kritische Fragen, auf die es keine Antworten gibt, zu schädigen. Die Bibel zu kritisieren war ihm als frommer Christ und Theologe, undenkbar.

Er war sorgfältig darauf bedacht, dass sich keine fremde, unchristliche Ethik in seinem Gedankengebäude einnistete. Unter dieser Perspektive erklärt sich auch, warum er beispielsweise buddhistisches und hinduistisches Gedankengut zu großen Teilen, nicht selten wortwörtlich, in seine Ethik übernahm, in seinen Schriften aber nicht auf die Ursprungsquelle seiner Gedankengänge aufmerksam machte. (Liebe, Mitleid, Mitfreude, Gleichmut und Gleichheit des Lebens = Brahma Vihara; Leben ist Leiden = Ducca Sacca; Einswerden mit allem Seienden = Tat twam asi; u.v.m.)

Im Gegenteil, Schweitzer kritisierte die Philosophien des Ostens dahingehend, dass sie zwar zu Güte und Mitleid, vor allem zum Gebot des Nichttötens aufriefen, jedoch nicht die barmherzige, tätige Hilfe gegenüber dem Leidenden einforderten. Dass dies so pauschalisiert nicht der Tatsache entspricht, sei nur am Rande bemerkt. Auch die Schopenhauer’sche These des Lebens als Manifestation des Willens, seine Aussagen über die Ursprünge ethischen und altruistischen Handelns als Ausfluss von Mitleid infolge des Miterleidens, des Einswerdens mit dem Leidenden, wurden aufgegriffen, umformuliert und traten wieder ohne Verweis auf die Schopenhauer’sche Philosophie an vielen Stellen der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben zu Tage. Der Atheist und "Pfaffengegner" Schopenhauer blieb aber ungenannt.

Genauso unerwähnt blieb auch Magnus Schwantje, der rund 25 Jahre vor Schweitzer den Begriff der "Ehrfurcht vor dem Leben" zu einem Schlagwort der radikal-ethischen Bewegung für Vegetarismus und Tierrechte im deutschsprachigen Raum gemacht hatte. Magnus Schwantje selbst kritisierte Albert Schweitzer, weil er den Begriff der "Ehrfurcht vor dem Leben" zu leichtfertig gebrauche. [101]

Die Chance, die Schweitzer nicht zu nutzen vermochte, seine Thesen mit Hilfe eines ganzheitlichen, holistischen Erklärungsversuches zu untermauern und sich mehr der Erkenntnisse der modernen Wissenschaften zu bedienen, auf die Gleichartigkeit oder Ähnlichkeit der Daseinsäußerungen der verschiedenen Lebensformen und ihrer biologischen Verwandtschaft hinzuweisen, musste in einer Zeit, in der der Wissenschaftsglaube die Religion mehr und mehr verdrängte, zwangsläufig dazu führen, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben sich nicht durchsetzen konnte.

Den Prozess der Entfremdung von Gott, der mit dem Zeitalter der Aufklärung begonnen hatte und mit jeder neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnis über die Zusammenhänge der Welt an Dynamik gewann, hätte Albert Schweitzer durch etwas mehr an Wissenschaftlichkeit und etwas weniger an christlicher Mystik berücksichtigen müssen.

Aber Schweitzer schrieb nicht für den Hinduisten, Buddhisten, Jude oder Moslem und auch nicht für den aufgeklärten Atheisten, sondern für den Christen. Wer mit dem Evangelium nicht vertraut ist und nicht auf "gutem Fuße steht", wem der "rechte Glaube" fehlt, dem kann sehr leicht die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben in vielen Teilen verschlossen bleiben.

Ethik sollte Universalcharakter besitzen; bleibt sie auf bestimmte Kulturkreise beschränkt, ist in Bezug auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Glaubwürdigkeit ein großes Fragezeichen angebracht.

Die Kritik, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben damit nicht universal und nicht weltanschauungsneutral ist, dass sie nur für den westlichen – also christlichen Kulturkreis Bedeutung haben kann, ist deshalb sicherlich angebracht. Ein Mangel an Kohärenz, also die Forderung, dass ein ethisches Konzept in sich logisch konsequent sein sollte und keine Widersprüche zulassen darf, muss ebenfalls in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben beanstandet werden, da ihr Ausgangspunkt – wie oben beschrieben – eine erweiterte christliche Nächstenliebe ist, jedoch diese Nächstenliebe nicht auf der Basis der Exegese der Heiligen Schrift sich durchgehend begründen lässt.

Letztendlich ergibt sich ein weiteres Problem, über das nur wenig nachgedacht wurde, und das im direkten Zusammenhang mit der Exegese der Heiligen Schrift und dem Verhältnis Mensch und Tier steht:
Wer hat nun Recht, Albert Schweitzer oder die christlichen Amtskirchen, die sich bis heute keineswegs von ihren tierfeindlichen, lebensverachtenden Aussagen distanziert haben? Wem soll und kann der gläubige Christ in dieser Frage vertrauen – der kirchlichen Autorität oder ihrem Diener? Eine vollständige Anerkennung der Ethik Ehrfurcht vor dem Leben ist nicht auszumachen – weder durch die protestantische Kirche und erst recht nicht durch die römisch-katholische Kirche.

Der "gottähnliche" Mensch bleibt weiterhin Mittelpunkt der Welt und das Tier sein "gottgegebenes" Nutzungsobjekt.

(Exegese (griechisch exegesis: Erklärung, Auslegung): Interpretation von Texten, insbesondere Auslegung religiöser Schriften)


5.4 Mensch und Mitlebewesen – Hierarchie oder "primus inter pari"

Albert Schweitzer sagte einmal, dass der "neue Mensch" sich nicht als Herr, sondern als Bruder der "Geschöpfe" anzusehen habe. Er relativierte damit zwar das christliche Dogma des Menschen als "Krone der Schöpfung", aber zu einer Abkehr von dem Dogma der Gottesebenbildlichkeit des Menschen oder dem Anspruch auf die menschliche Vormachtstellung in der Welt konnte er sich nicht durchringen. Zu diesem letzten, entscheidenden Schritt war Schweitzer außer Stande, denn er hätte sich damit nicht nur seines philosophischen Ideals beraubt – dem Humanitätsideal, das zuerst auf den Menschen gerichtet ist und erst dann auf Tiere und Pflanzen, sondern auch seines ganz persönlich empfundenen Daseinsgrundes, nämlich der "imitatio christi" und der Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden im Sinne des Apostel Paulus.

(imitatio christi: (lat.) die Nachfolge Christi)

Zwar existiert eine Textpassage, in der Schweitzer die Stellung des Menschen als Mittelpunkt der Welt, auf den alles zugeordnet sei, attackierte, aber es kommt in seinem umfangreichen Schriftwerk nicht deutlich genug zum Ausdruck. Was fehlte, war der große Protest gegen das antiquierte Dogma der Kirche in Bezug auf ihre kategorische Absage an eine moralische Einbeziehung der Tiere als gleichwertige Mitgeschöpfe in einer Welt, die nicht nur für den Menschen da ist.

Vielleicht war sich auch Schweitzer bewusst, dass keine Erfolgsaussichten bestanden hätten, und er unterließ es deshalb. Denn die christlichen Scholastiker und Kirchenmänner, abgesehen von Franziskus von Assisi, Johannes Chrysostomos und einigen wenigen mehr, waren und sind einmütig der Auffassung, dass alles Existierende auf Erden nur auf den Menschen als Mittel- und Höhepunkt der Schöpfung von Gott hingeordnet wurde. Durch diese Hinordnung der "Kreatur " auf den Menschen wird nicht nur ihre Verwendung, sondern auch ihre Vernichtung moralisch gerechtfertigt, wenn dadurch dem Menschen ein Nutzen entsteht respektive ein Schaden verhütet wird. Die frühchristlichen Denker ließen keine Frage offen, wie die Herrschaft der Menschen über die Tiere durch die von Gott gegebene Rangordnung zu verstehen sei.

"Kümmern den Herrn etwa die Ochsen?" fragte der Apostel Paulus, auf den Schweitzer in seinen Schriften so oft verwiesen hatte.
Für Thomas von Aquin, der aristotelische Gedanken in die Kirchenlehre einbrachte, stand es fest, dass "die Seele des Tieres nicht teilhaftig eines ewigen Seins ist".
Aurelius Augustinus, der wichtigste frühchristliche Vordenker, auf den sich beide Konfessionen bis in unsere Zeit beziehen, gab eine noch eindeutigere Stellungnahme ab:

"Gott kümmerts nicht, was ihr mit Ochs und Esel macht."

"Der Gipfel des Aberglaubens ist es, das Töten von Tieren oder das Vernichten von Pflanzen als Sünde zu betrachten."

Und selbst Jesus Christus blieb der alttestamentarischen Überbewertung des Menschen verhaftet:

"Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es dem Hündlein vorzuwerfen." (Matthäus 15,25) Es sei hier auch an die Gerasener Schweineherde erinnert, derer sich Jesu bei einem Exorzismus bediente. Er endete mit dem Tode der unschuldigen Schweine. (Lukas 8,32)

Auch Albert Schweitzer vertrat prinzipiell die christlich-anthropozentrische Anschauung, auch wenn er dieselbe durch den Hinweis eines Schuldigwerdens abzuschwächen und zu rechtfertigen versuchte und nur unnötiges Töten von Tieren als unethisch interpretierte. Aber kann der Verzicht auf unnötiges Töten schon als Übergang von der Unvollständigkeit zur vollständigen Humanitätsgesinnung bezeichnet werden, so wie dies Schweitzer immer wieder forderte?

Auch in Albert Schweitzer musste diese Frage zu einem Konflikt geführt haben, denn um allem Rechnung zu tragen, seinem Glauben, seiner ethischen Anschauung und seinem mitfühlenden Gewissen, nahm er die offensichtliche Diskrepanz in Kauf, in der ethischen Theorie zwar von Gleichrangigkeit und Heiligkeit des Lebens zu reden, aber in der praktischen Umsetzung einen Verstoß des Menschen gegen die zuvor geforderten Prinzipien mit dem Hinweis zu akzeptieren, dass Leben nur auf Kosten anderen Lebens existieren könne, und dass das naturbedingte Schuldigwerden durch barmherzige Hilfe dort zu tilgen sei, wo keine Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit den Menschen zwinge, Leben zu schädigen oder zu nehmen.

Abschließend kann gesagt werden, dass – im Grunde genommen – niemals die Stellung des Menschen zur Tierheit von ihm ernstlich in Frage gestellt wurde. Das angestrebte Idealbild des Menschen als "primus inter pari" verkam in der Praxis zum bloßen Lippenbekenntnis. Die Brüderlichkeit hörte für ihn dort auf, wo die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit begann.

Albert Schweitzer war weit davon entfernt, zum Bruder der Tiere zu werden.


5.5 Zweifel über Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit – das Interpretationsdilemma

Ein großer Zwiespalt in dem sich Albert Schweitzer befand, ergab sich einerseits aus dem Kirchendogma und den vielen eindeutigen Textstellen des Alten und des Neuen Testamentes, in denen durch Gottes inspiriertes Wort die Stellung Mensch und Mitlebewesen und der Herrschafts- und Nutzungsanspruch des Menschen gegenüber Tieren und Pflanzen unzweifelhaft festgeschrieben wurde, und andererseits aus seiner tiefen Frömmigkeit und dem daraus resultierenden Unvermögen, die Bibel prinzipiell in Frage zu stellen, obwohl seine tief empfundene Sorge und sein Mitleid für die leidende "Kreatur" und die Grausamkeiten, die die Tiere durch den Menschen erdulden müssen, in ihm unentwegt Schuldgefühle und Scham entstehen ließen. Der pessimistische Grundton seines "stillen Ernstes", sein Unvermögen zu ausgelassener Fröhlichkeit und der immer und immer wiederkehrende Gedanke des Schuldigwerdens lassen den tiefen psychischen Konflikt erahnen, in dem sich Schweitzer befunden haben musste.

Dass er sich niemals gänzlich von seinem christlich geprägten, anthropozentrischen Weltbild befreien konnte, ergibt sich unter anderem auch aus seiner Forderung, als Akt der Barmherzigkeit im Falle eines auswegslosen Leidens ein Tier durch Euthanasie von seinen Qualen zu erlösen. Da er die aktive oder passive Euthanasie in Bezug auf den Menschen nicht empfahl, muss es für seine Differenzierung zwischen tierlichem und menschlichem Leben also andere Gründe außer der sonst so vorrangigen Barmherzigkeit und Menschlichkeit gegeben haben. Da er sich zu diesem Sachverhalt nie erklärend geäußert hatte, kann der Grund hiefür doch nur in einem für ihn relevanten Unterschied zwischen Mensch und Tier zu deuten sein. Diese "Quasi-Abwägung" bezüglich der Wertrangigkeit kann aus dem Kontext seiner Aussagen jedoch erklärt werden; sie beruht mit aller Wahrscheinlichkeit auf der Auslegung der Bibel und der kirchlichen Lehrmeinung, wonach die Tötung eines Menschen, abgesehen in Fällen von Notwehr und im Fall eines sogenannten gerechten Krieges – "bello justo" – eine Todsünde ist, die Tötung eines Tieres aus Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit dagegen überhaupt keine Sünde darstellt.

Hiermit übertrat Schweitzer ganz eindeutig die Forderung nach Kohärenz, aber auch die Forderung nach Universalisierbarkeit ethischer Konzepte. Die kategorische Ablehnung einer Wertrangfolge und das gleichzeitige "Setzen von Werten" ist schlicht und ergreifend inkohärent, und der Mangel an Universalisierbarkeit wird ebenso offensichtlich.

Durch seine Aussagen zur Tiernutzung zu Nahrungszwecken und als Rohstofflieferant sowie zum Tierversuch bezog er ganz eindeutig anthropozentrische Stellung: Der Mensch stand für ihn unangefochten an der Spitze einer sich nach dem Grade der evolution ären Entwicklung richtenden Hierarchie. Die Heiligkeit des Lebens, zumindest die Heiligkeit von Tier und Pflanze, verblasste und wurde wie üblich dem Nutzendenken geopfert.

Seine Ethik geriet nicht in Konflikt mit der menschlichen "Vorrangigkeit". Es gibt in seiner Ethik in Wahrheit keine sich überschneidenden Interessenkonflikte, keine Kollision zwischen Menschheit und Tierheit, weil sie eben dem Menschen ganz im Sinne der christlichen Religion stets Vorrang gewährt. Für all diejenigen Menschen, denen die Heiligkeit des Lebens auf Grund ihrer tiefen religiösen Überzeugung (Hinduisten, Jains, Bichnois, Buddhisten, etc.) aber etwas Elementares bedeutet, muss die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben geradezu zynisch vorkommen, da die "Heiligkeit des Lebens" zu einer Frage der Zweckmäßigkeit – allzu oft zu einer monetären Zweckmäßigkeit – degradiert wurde.

Es soll an dieser Stelle nicht darüber spekuliert oder diskutiert werden, wann eine absolute Notwendigkeit vorliegt, die das Schädigen oder Töten eines Lebewesens ethisch rechtfertigt, oder ob die Schädigung oder Tötung eines Lebewesens überhaupt ethisch zu rechtfertigen ist. Aber sicher ist, dass es sich Schweitzer in dieser existenziellen Frage zu leicht gemacht hatte. Denn im Sinne des modernen Tierrechtsgedankens sind die Ausführungen in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben in Bezug auf die Vernichtung oder Schädigung unserer tierlichen Mitlebewesen aus Gründen einer Zweckmäßigkeit oder trivialen "Notwendigkeit" wohl strikt abzulehnen.

Sie überlassen dem Einzelnen ohne jegliche Orientierungshilfe die Abwägung, ob eine absolute Notwendigkeit, die angenommen werden darf, (das Recht, das eigene Leben zu schützen, dem angeborenen Trieb des Selbsterhaltes nachzukommen) vorliegt oder nicht. Für den heutigen Tierrechtler ist das Argument der Zweckmäßigkeit, so wie es Schweitzer verstand, ohnehin indiskutabel. Die von Schweitzer propagierte Abwägungsfreiheit eröffnet einen zu großen subjektiven Spielraum und birgt damit die Gefahr der absichtlichen Missdeutung.

Weil Schweitzer besonders darauf aufmerksam machte, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben keine relativistische Ethik sei, ist hier die Frage erlaubt, warum er sie dann der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit untergeordnet hatte, und sogar die Entscheidung über Leben und Tod dem persönlichen, subjektiven Urteil des Einzelnen anheimzustellte. Es fehlen Orientierungshilfen und Richtlinien. Es fehlt die kategorische Forderung nach einer veganen oder zumindest vegetarischen Ernährungsweise als Übergang und die Forderung einer Einschränkung oder des gänzlichen Verzichts von Gebrauchsgütern aus tierlichen Stoffen, (Leder, Pelze, etc.) da selbstverständlich auch in der damaligen Zeit eine derartige Ernährungs- und Lebensweise oder eine Konsumeinschränkung teilweise schon möglich gewesen wäre.

In diesem Punkt hat die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben unzweideutig und total versagt.

Es wäre für Schweitzer möglich gewesen, durch den Versuch einer naturwissenschaftlichen Untermauerung und Begründung der essentiellen Gleichartigkeit von allem Lebendigen und einer tieferen Ausarbeitung dieses Gedankens – auch in Bezug auf die Teleologie des Lebens und seiner inhärenten Gesetzmäßigkeiten, also dem überhaupt denkbaren Sinn des Daseins – durchaus Fakten aufzutun und weitreichendere Schlüsse auszuformulieren, die zu einer stärkeren Motivation zum Verzicht auf das Schädigen und Töten von Tieren geführt hätte. Eine "ganzheitliche" ethische Perspektive, die einen geringeren Spielraum für Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit gewährt, hätte sich unproblematisch in sein Ethik-Konzept einfügen lassen und wäre in Theorie und Praxis auch durchaus umzusetzen gewesen.

(Teleologie: Lehre von der Zielgerichttheit u. Zielstrebigkeit jeder Entwicklung im Universum oder in seinen Teilbereichen)


5.6 Daseinskampf oder symbiotische Koexistenz und Kooperation in der Natur

Albert Schweitzer konnte die Kluft zwischen Naturphilosophie und Ethik und dem aus seiner Sicht bestehenden Zwiespalt in der Natur nicht überwinden, da der Ausgangspunkt seiner gedanklichen Auseinandersetzung schon mit Fehlern behaftet war. Für ihn bestand das grundlegende Wesensmerkmal der Natur in dem Gesetz des Dschungels, in einem pausenlosen, unerbittlichen Fressen und Gefressenwerden. Für ihn war die Natur in einem Zwiespalt mit sich selbst.

"Was für ein Buch könnte ein Priester des Teufels über die schwerfällige, verschwenderische, ungeschickte, niedrige und schrecklich grausame Natur schreiben!" resümierte Charles Darwin.

In dem Schriftwerk Albert Schweitzers findet man immer wieder in unzähligen Textpassagen den gleichen Gedankengang; er hatte ihn von Charles Darwin übernommen. In dieser einseitigen Anschauung lag ein grundlegender Fehler. Aus heutiger Sicht wird die Natur und das Naturgeschehen nicht mehr pauschal als grausamer und erbitterter Daseins- und Überlebenskampf zwischen den verschiedenartigen Lebewesen interpretiert, denn die neue, moderne Biologie liefert genügend Beweise, dass sowohl Daseinskampf als auch harmonische Koexistenz und symbiotische Kooperation der einzelnen Lebewesen und Arten als Naturbeschreibung der Realität viel näher kommt als das einseitige darwinistische Naturbild.

(Symbiose: Zusammenleben von Lebewesen unterschiedlichster Art zum gegenseitigen Nutzen)

Sie relativiert damit die Theorie von Darwin, die von dem "Überleben des Stärkeren" und von einem permanenten Überlebenskampf der Individuen untereinander ausging. Die naturwissenschaftlichen Theorien, die die Natur prinzipiell als grausam, blind und verschwenderisch interpretierten, sind revisionsbedürftig und so auch die geisteswissenschaftlichen Schlussfolgerungen, denn die Forschungsergebnisse der letzten fünfzig Jahre, die unzähligen Beobachtungen und Feldexperimente haben exakt dokumentiert, dass die Natur vielmehr ein selbstorganisierendes, vielschichtiges System ist, und dass das Paradigma des gnadenlosen, blinden Konkurrenz- und Überlebenskampfes als ausschließlicher Naturaspekt heute nicht mehr haltbar ist. Die "neue Biologie" hat uns erkennen lassen, dass die Natur neben Daseinskampf auch ganz andere, positive Attribute besitzt: ökonomie, symbiotische Kooperation, Zielgerichtetheit, Einfachheit, Schönheit, Ausgewogenheit und tiefe Harmonie. (Vertreter dieser Denkrichtung sind z.B. Prof. Robert Augros und Prof. George Stanciu "The New Biology")

Das philosophische Denken sollte sich dieser neuen Natursicht nicht entziehen. Zu oft hatte die Geisteswissenschaft der Naturwissenschaft in der Vergangenheit den Rücken gekehrt, und es kam zu verhängnisvollen Fehlern, die den geistigen Fortschritt der Menschheit Jahrhunderte stagnieren ließ. Nur weil das Schreckgespenst Sozialdarwinismus sein Unwesen in den "heiligen Hallen der Philosophie" treibt, darf eine angemessene Sichtweise der Zusammenhänge über die schier grenzenlose Komplexität der harmonischen, interagierenden Naturprozesse, die zwischen den verschiedenen Lebensformen ablaufen, nicht unterbleiben.

Und ebenso darf das Schreckgespenst des "naturalistischen Fehlschlusses" auf Grund unseres Wissens bezüglich natürlicher Fakten und philosophischer Bewertungen und Schlüsse nicht zum Hemmschuh für eine transzendente Sichtweise von Natur und Ethik werden.

Obwohl Albert Schweitzer, der sowohl Natur- als auch Geisteswissenschaftler war, aus dem grandiosen Zusammenspiel des Lebendigen in der tropischen, lebensüberquellenden Natur Afrikas hätte eigene Schlüsse ziehen können, blieben in der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben die positiven Aspekte des Naturgeschehens gänzlich unberührt. Schweitzer blieb der darwinistischen Sichtweise verhaftet, was zu unübersehbaren Auswirkungen auf sein ethisches Konzept führte.

Geht man von einem grausamen und unerbittlichen Daseinskampf in der Natur als Gesetzmäßigkeit, als natürliche Ordnung aus, so lässt sich zwangsläufig die Forderung einer prinzipiell gleichen ethischen Berücksichtigung aller Lebewesen, insbesondere das Gebot der Nichtverletzung und Nichtschädigung von Leben, deduktiv aus dem Naturgeschehen nur noch mittels philosophischer Spagatakte begründen.

(deduktiv: vom Allgemeinen auf das Einzelne ableiten)

Denn der angenommene unerbittliche Daseinskampf in der Natur leistet doch der Vorstellung Vorschub, dass das Gebot der Schonung alles Lebendigen etwas Naturwidriges, also Unnatürliches darstelle. Wenn "Mord und Totschlag", das "Fressen und Gefressenwerden" als "natürliche Ordnung" angesehen wird, warum sollte dann das Naturwesen Mensch, das sich als Teil dieser Natur begreifen kann, Rücksichtnahme und Schonung gegenüber der Natur und den Tieren walten lassen? Aus der Sichtweise, dass die Natur milliardenfaches Leben erzeugt, und es zum größten Teil wieder sehr schnell vernichtet, indem sie es anderem Leben als Beute preisgibt, indem sie mit dem Leben verfährt, als sei es das Wertloseste auf der Welt, ergibt sich genau das Gegenteil dessen, was in der Ethik allgemein gefordert wird.

Aus dieser herkömmlichen Perspektive ist man zur Begründung einer Ethik, die sich einerseits an der Natur orientieren will, andererseits aber das Wohlsein aller Lebewesen zum Ziele erklärt, gezwungen, die Beweise hierfür in der abstrakten, idealistischen Begriffswelt zu suchen, so zum Beispiel in der Nächstenliebe, Schuld, Würde, inhärente Werte oder Naturrechte. Eine solche Ethik kann dann leicht einen elitär-religiösen oder sophistischen Beigeschmack erhalten, weil die Definitionen dieser Begriffe oft rational nicht mehr nachvollziehbar sind. Dann verkommt die Philosophie zur puren Esoterik.

(sophistisch: haarspalterig, spitzfindig, Scheinwissen beinhaltend)

Betrachtet man jedoch die Natur auch unter dem Aspekt der symbiotischen Koexistenz und als ein kooperierendes, harmonisches Ganzes, dann lassen sich sehr wohl aus dem Naturgeschehen zumindest überdenkenswerte Ansätze für das "Sollen" finden, und dann wird ethisches Verhalten gegenüber dem Leben zu einer natürlichen Norm, die aus der Natur abgeleitet werden kann.

Unter dieser Perspektive entspricht die Respektierung der vitalen und elementaren Interessen aller Lebewesen einer natürlichen Tendenz, und das Gegenteil wird als abnorm erkannt, als eine pathologische Entzweiung mit dem Dasein. Sie wird pathologisch im wahrsten Sinne des Wortes.

(pathologisch: krankhaft verändert)

Die Kritik an Schweitzers antiquierter Naturanschauung wird aber dadurch gemildert, dass zu seinen Lebzeiten die "neue Biologie", die Gaia-Theorie, das ganzheitliche Denken und vieles mehr noch relativ unbekannt waren. Trotzdem bleibt auch hier wieder zu bemängeln, dass Albert Schweitzer die Naturwissenschaften als zusätzliche Stütze seines Konzeptes einfach nicht genügend berücksichtigt hatte.


5.7 Die Problematik von Schuld und Schuldigwerden

Im Grunde genommen ging Schweitzer bis kurz vor seinem Tode mit seinen Aussagen nicht über die Forderungen des traditionellen Tierschutzes hinaus. Er kritisierte zwar die Grausamkeiten des Menschen gegenüber den Tieren, tolerierte jedoch die Schädigung und Vernichtung von tierlichem und pflanzlichem Leben unter dem Vorbehalt der zwingenden Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit. Andererseits sprach er aber von einem Schuldigwerden, wenn nichtmenschliches Leben durch Menschenhand geschädigt oder vernichtet wurde. Dieser Widerspruch ist einer eingehenderen Betrachtung wert.

Wie im zweiten Kapitel schon angedeutet wurde, sollte die Schweitzer’sche Philosophie im Kontext mit den pessimistischen Aspekten seiner persönlichen Lebensanschauung betrachtet werden, die seinen Zwiespalt von Glauben und Gewissen, Leid, Schuldempfinden und vor allem Sühne beinhalten.

Für ihn bedeutete jeder Verstoß gegen den Willen zum Leben, jede Schädigung oder Vernichtung, gleich aus welchem Grunde, ein Schuldigwerden. Dieses Schuldigwerden hatte jedoch für ihn eine ganz andere Dimension, denn es entstand gleichzeitig eine innere Nötigung, die begangene Schuld auch abzutragen. Albert Schweitzer hatte versucht, diesem Gefühl der inneren Nötigung Rechnung zu tragen und die empfundene Schuld durch ein Leben im Dienste der Humanität zu tilgen.

Die Problematik seines Gedankenganges besteht jedoch darin, dass für die wenigsten Menschen aus dem Gefühl, schuldig zu sein, auch eine inneren Nötigung und Verpflichtung zur Sühne entsteht. Für einen Menschen ohne ein tiefes ethisches Empfinden oder ohne ein besonderes Maß an Spiritualität oder Frömmigkeit wird das Schuldigwerden gegenüber einem Tier nicht unbedingt den Wunsch zur Sühne und zum Ausgleich erwecken. In den meisten Fällen wird es gar nicht als moralische Verfehlung begriffen oder einfach hingenommen oder verdrängt. Der Gedanke einer Schuld gegenüber einem nicht-menschlichen Lebewesen ist deshalb auch so problematisch, weil er überhaupt nicht oder nur unzureichend in Religion, Philosophie und in der Rechtsprechung hervorgehoben wird. Wo kein Kläger, da kein Richter. Wer soll letztendlich zum Ankläger und Richter werden?

Das "Gewissen", das Schweitzer für dieses Richteramt auswählte, ist mit Sicherheit nur bedingt tauglich. Denn es ist nur ein Wunschdenken, an die reale Existenz eines angeborenen "Gewissens" zu glauben, das zwischen Gut und Böse aus sich heraus unterscheiden könne. Die Annahme einer angeborenen, universellen "Moral-Instanz" ist aus naturwissenschaftlicher Sicht unhaltbar. Alle Erkenntnisse der Neuropsychologie und vieler anderer Fachgebiete sprechen gegen die Existenz eines angeborenen "Gewissens". Auch aus anthropologischer Sicht sind Zweifel berechtigt, denkt man an die Ströme von Blut, die die Menschheit schon vergossen hatte und an das Leid, das sie verursachte und wahrscheinlich noch verursachen wird: für Mensch und Tier.

(systemisch: den ganzen Organismus - das Gefüge - betreffend)

Außerdem ist das Wertgefühl und Wertbewusstsein keineswegs statisch, sondern dynamisch. Die Entwicklung des Wertebewusstseins kann als systemischer, sich stetig wandelnder Prozess betrachtet werden und spricht auch dadurch gegen die allgemeine Vorstellung einer angeborenen, inneren "Moral-Instanz".

Ein Beweis für diesen dynamischen Prozess ist die Beeinflussbarkeit des "Gewissens", der Wechsel in unseren Wertsetzungen, der sich von Kindesbeinen an bis zum Augenblick des Todes vollzieht. Der abstrakte Begriff "Gewissen" stellt meines Erachtens nichts anderes dar, als das teils bewusste, teils unbewusste Konglomerat gesellschaftlicher Sitten, Gesetze und Traditionen, Prägungen durch Familie, Freunde, Gesellschaft und Kultur – also ein erlerntes Verhaltensmuster – und einiger anderer Faktoren, wie zum Beispiel Kindheitserlebnisse und individuelle psychische Veranlagungen, um als Sozialwesen den Anforderungen der Gruppe zu entsprechen.

(Konglomerat: innige Mischung, Zusammenballung, Anhäufung)

In der Regel ist unser "Gewissen" hauptsächlich also das Abbild der momentan vorherrschenden Gesetze, Sittenlehre und Tradition. Darüber hinaus ist es auch Teil eines sehr komplexen und komplizierten Überlebensmechanismus, mit dem wir von der Natur ausgestattet wurden, um uns als Individuum durchsetzen und psychisch entwickeln zu können. Und schließlich ist es noch Psychotherapeut, Kläger und Richter zugleich, auch wenn die Therapie und die Urteile stets nur auf der zuvor verarbeiteten Information – also dem Erlernten – aufbauen können.

Es ist mittlerweile erwiesen, dass auch höher entwickelte Säugetiere ähnliche Verhaltensmuster zeigen, die dem menschlichen "Gewissen" zugeschrieben werden. (Scham, Reue, Trauer, etc.) Für das "Gewissen", das bis in unsere Tage und trotz besseren Wissens von vielen Menschen noch als besonderes menschliches Wesensmerkmal und als höchste innere Instanz mit angeborenen, universellen moralischen Grundwerten betrachtet wird, wäre der Begriff "cerebrales Konfliktabwägungsinstrumentarium" viel zutreffender. Er entspräche weit mehr der Realität.

In Gesellschaften bzw. Kulturen, die die Vernichtung oder Verletzung von menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen nicht als Werteverfall oder als Amoralität betrachten, wird das persönliche ethische Empfinden in der Regel schon aus dem unbewussten egoistischen Motiv der Anpassung die vorherrschenden Gesellschaftsnormen unkritisch übernehmen.

Ein Mensch, der in einer Gesellschaft aufwächst, in der Kannibalismus zum festen Bestandteil des Kulturgutes zählt, wird schwerlich ein schlechtes Gewissen beim Verzehr seiner Stammesfeinde empfinden. Im Gegenteil, würde ihm sein "schlechtes Gewissen" den Verzehr von Menschenfleisch unmöglich machen, würde er zum Außenseiter der Gruppe und hätte gegebenenfalls mit Repressalien, eventuell mit dem eigenen Tod als Strafe für die Verweigerung zu rechnen. Allein deshalb wird sich sein "Gewissen" nicht melden.
Würde er aber aus seinem Kulturkreis entfernt und wüchse unter Nichtkannibalen zum Erwachsenen heran, so würde er den Kannibalismus sicherlich mit Abscheu verurteilen, weil er sich in seinem moralischen Denken dem neuen Kulturkreis angepasst hätte.

Aus diesem Beispiel wird klar ersichtlich, dass das "emotionale Gewissen", das das Gefühl des Schuldigwerdens hervorrufen soll, zumindest so unzuverlässig und daher ungeeignet ist, um eine ethische Abwägung zu treffen. Hier lag schlicht und ergreifend eine Fehlinterpretation, eine aus dem Wunschdenken geborene Überbewertung des menschlichen "Gewissens" durch Schweitzer vor.

Die wenigen und unzureichenden Gesetze in Bezug auf das Tier und die gesellschaftliche Rüge im Ausnahmefall reichen nicht aus, um das "Gewissen" dahingehend zu "trainieren", dass bei einer Schädigung oder Tötung eines nicht-menschlichen Lebewesens ein spontanes Schuldgefühl entsteht. Die Akzeptanz des Schuldigwerdens als natürlicher Prozess des Lebens, so könnte man Schweitzer leicht interpretieren, macht das Schuldigwerden zur Normalität. Aber ein Gefühl der Normalität führt zwangsläufig zur Abstumpfung, bestenfalls zur Resignation. Über die mehr als fragliche Qualifikation des "Gewissens" als richtende Instanz war sich Schweitzer auch bewusst.

Der öfter gebrauchte Hinweis, dass das "gute Gewissen eine Erfindung des Teufels ist" ist daher so zu interpretieren, dass das leichtfertige "gute Gewissen" sehr schnell das Böse hervorrufen kann. Das schlechte "Gewissen" vor Gott, die Zwiesprache mit Gott im Konfliktfall, so ist zu vermuten, galt für Albert Schweitzer als letzte Instanz. Aber dadurch wurde eine rationale Selbstkritik unter der Prämisse des Vermeidens des Vermeidbaren auf eine emotionale, religiöse Ebene platziert.

In Bezug auf den Tierrechtsgedanken beinhaltet dies jedoch die Gefahr, dass bei einer wortwörtlichen Auslegung der Bibel oder der Übernahme der Kirchenlehre genau das Gegenteil eines Gefühls des Schuldigwerdens gegenüber dem Tier erreicht wird, da sowohl die Bibel als auch die Kirchenlehre in dem entscheidenden tierrechtsrelevanten Punkt – der Gleichwertigkeit allen Lebens – der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben widersprechen.

Und an wem oder was orientiert sich der Nichtchrist oder Atheist?

Wie kann ihm die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben logisch erscheinen, wenn er seine Wertsetzungen beispielsweise an der naturalistischen Sicht des "Rechts des Stärkeren" ausrichtet? Wenn selbst Kant, das philosophische Genie, an der Frage der moralischen Einbeziehung der Tiere kläglich gescheitert war, wie konnte Schweitzer davon ausgehen, dass "kleinere Geister" vermittels eines fragwürdigen "Gewissens" zu einem Gefühl des Schuldigwerdens gelangen könnten?

Eine strikt normative Ethik mit festen Richtlinien, einer Axiologie zur Wertrangfolge und eine konsequente Ablehnung jeglicher Form der Ausbeutung, Schädigung oder Vernichtung von wollenden, empfindungsfähigen und selbst/bewussten Lebewesen auf der Grundlage kategorialer Wertkonstituierungskriterien oder der utilitaristischen Interessensabwägung und die stringente Einforderung respektive Anwendung des Gleichheitsgrundsatzes zur Durchsetzung tierlicher Rechtsansprüche mittels Verankerung im Gesetzeskodex, hätten größere Wirkung erzielt, als die christlich-mystisch geprägten Aussagen. Dies hätte Albert Schweitzer vorausschauend erkennen müssen.

Schweitzers Ethik ist in diesen Punkten nicht weltanschauungsneutral geblieben und schon fast irrational zu bezeichnen.

(normativ: als Norm bindend, festschreibend, verbindlich. Kategoriales Wertkonstituierungskriterium: in Kategorien eingeteiltes, auf Werte begründetes Kriterium)

Ein weiterer Gedankengang, der in diesem Zusammenhang auftaucht, ist die Frage der Schuldfähigkeit.

Macht sich der Löwe schuldig, wenn er das Lamm schlägt? Ihm fehlt das sogenannte "Gewissen" und das nötige Reflexionsvermögen. Es ist vielleicht rudimentär vorhanden, jedoch nicht zu einer ethischen Abwägung imstande.

Wird das bedachtlose Kind, das sich seiner Handlung und deren Auswirkungen nicht voll bewusst ist, schuldig, wenn es den Wurm in kindlichem Spieltrieb zerstückelt? Bei ihm ist das "cerebrale Konfliktabwägungsinstrumentarium" noch nicht genügend entwickelt, seine Reflexionsfähigkeiten sind noch sehr begrenzt, da die zur Verfügung stehende neuronale Datenmenge zur ethischen Beurteilung seiner Handlungen noch nicht ausreichen.

Werden erwachsene Menschen, die durch ihre Erziehung, Prägung und Kultur sich keiner Schuld bewusst sind, wenn sie tierliches oder pflanzliches Leben schädigen oder vernichten, tatsächlich schuldig?

Auf alle drei Fragen muss meines Erachtens mit einem klaren Nein geantwortet werden, denn eine Schuldfähigkeit bedarf erst der Erkenntnis des Schuldigwerdens. In allen drei Fällen hat die Schädigung bzw. Vernichtung von Leben einen negativen ethischen Aspekt, nämlich den des Leidens und der Leidverursachung. Gleichzeitig sollte aber erkannt werden, dass keine bzw. nur eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt, und dadurch die Handlung in Bezug auf den Handelnden aus ethischer Sicht nicht ohne weiteres als Schuld definiert werden kann.

Das "cerebralen Konfliktabwägungsinstrumentarium" kann durch die soziogeographische Prägung in der Sozialisationsphase, also durch Erziehung, kulturelle Einflüsse, Vorbilder, Freundeskreis und viele andere Faktoren dahingehend "programmiert" sein, dass die Vernichtung oder Schädigung von menschlichem und tierlichem Leben zu einer negativen Assoziation führt. Es wurden neuronale "Hemmschwellen" entwickelt. War diese "Programmierung" unzureichend oder fehlerhaft, und sind keine oder nur geringe "Hemmschwellen" vorhanden, dann ist auch keine oder nur eine eingeschränkte Schuldfähigkeit zu attestieren. Die wichtigste Voraussetzung für Schuldfähigkeit und Schuldbewusstsein, die neuronale Disposition, fehlt dazu einfach.

Der kritischen Vernunft erscheint dieser Gedankengang einleuchtend. Auch die moderne Jurisprudenz orientiert sich an der Frage der Schuldfähigkeit und den verschiedenen Einflussfaktoren, die zu dem Schuldigwerden führen. Es ist an der Zeit, dass diese Erkenntnisse auch in der Philosophie berücksichtigt werden.

(Rechtswissenschaft)

Schweitzer sprach oft in seinen Schriften und Predigten vom wissend gewordenen Menschen.

Bedeutet das nicht, dass das Wissendwerden die Voraussetzung ethischen Urteilens ist? Und muss man daraus nicht folgern, dass der Unwissende im Kreislauf des Leidens und der Leidverursachung schuldlos bleibt? Und angenommen, es besteht also keine Schuld, was soll dann die Forderung nach Sühne bezwecken? Besteht nicht die Möglichkeit, dass eine "Bestrafung" trotz Schuldlosigkeit die resignierende und frustrierende Abwendung von jeglicher Bemühung zu "schuldfreiem Leben" bewirkt? Müssen Schweitzers Aussagen in Bezug auf Schuld und Schuldigwerden nicht durch die oben angeführten Überlegungen relativiert und neu überdacht werden, wenn in Bezug auf die Eindeutigkeit der Schuldfähigkeit Bedenken bestehen?

Es kann zwar keinen Zweifel daran geben, dass erwachsene Menschen sich ihrer Verantwortung damit entledigen können, indem sie sich hinter ethischer Ignoranz verstecken und auf ihre Schuldunfähigkeit pochen. Aber eine pauschale, undifferenzierte Verurteilung ist aus ethischer Sicht auch abzulehnen. Insgesamt erscheinen seine Gedankengänge diesbezüglich zu undifferenziert und zu oberflächlich.


5.8 Schweitzers Umsetzung seiner Ethik – Ein negatives Vorbild

Man hätte erwarten können, dass in der Umsetzung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben Albert Schweitzer ein strahlendes Vorbild gewesen wäre.

Aus der Sicht des Tierrechtsgedankens entschied sich Schweitzer unter dem Vorwand der Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit aber eher leichtfertig zur Schädigung oder zur Vernichtung fremden Lebens. Es verwundert auch nicht, wenn er trotz seiner Ablehnung einer Wertrangfolge in der Regel die Abwägung auf der Basis der evolutionären Hierarchie vollzog. Eine Erklärung, warum für ihn der Mensch die oberste Stufe dieser Hierarchie darstellt, blieb jedoch aus.

Damit verstärkt sich der Verdacht, dass insgeheim für Schweitzer doch eine Wertrangfolge bestanden haben muss, die zumindest zwischen Mensch und Tier gravierende Unterschiede zulässt. Die Heiligkeit alles Lebendigen und die Ehrfurcht vor dem Leben wurden damit relativierbar – wie üblich auf den Menschen ausgerichtet.

Die Erschießung eines Nilpferdes auf Schweitzers Anweisung, das bereits einen Mann getötet und eine Frau schwer verletzt hatte, könnte man aus ethischer Sicht eventuell noch gelten lassen, da das Motiv der Selbsterhaltung nicht von der Hand zu weisen ist, obwohl sicherlich keine unmittelbare Bedrohung im Augenblick der Erschießung vorgelegen hatte. Viel bedenklicher ist es aber, dass Schweitzer von der "Bosheit" des Nilpferdes sprach.

Das Naturgeschehen ist weder gut noch böse an sich. Die Natur handelt nicht nach ethischen Regeln, denn es fehlen die Werte. Die Natur weiß hiervon nichts. Ist in der Wahl des anthropomorphen Begriffes "Bosheit" nicht der Versuch der Rechtfertigung des Tötens versteckt?

Ist es für einen Ethiker nicht äußerst bedenklich, dem unschuldigen Tier, das sich seiner Handlung nicht bewusst sein kann, menschliche Charaktereigenschaften anzudichten, um die eigene Handlungsweise zu rechtfertigen? Sollte nicht jegliche Projektion menschlicher Eigenschaften in die Natur zum Zwecke einer Rechtfertigung der eigenen Handlung unterbleiben, weil sich damit nur all zu leicht Missbrauch treiben lässt?

Genauso bedenklich ist es, dass Schweitzer zum Gewehr griff, um die Raubvögel zu töten, die die Nester der Webervögel in den Palmen vor seinem Hause plünderten. Dies war ein Akt reiner Willkür, ein Eingriff in das Naturgeschehen ohne jegliche Notwendigkeit. Ehrfurcht vor dem Leben muss auch Ehrfurcht vor dem Naturgeschehen beinhalten. Schweitzer verfiel damit in das herkömmliche Machtdenken des Menschen, sich als Herr über die Natur anzusehen.

Lag in Lambarene tatsächlich eine zwingende Notwendigkeit vor, neugeborene Kätzchen zu töten, nur weil es im Bereich des Möglichen lag, dass sie zu zahlreich wurden und nicht mehr durchgefüttert werden konnten? Hätte man sie nicht doch durchfüttern und durch Kastration bzw. Sterilisation einer übergroßen Population vorbeugen können, zumal dies für Schweitzer als Arzt ein Leichtes gewesen wäre?

War allein die vage Möglichkeit des Nahrungsmangels oder einer Überpopulation Grund genug, um präventiv zu handeln? Zeigt diese präventive Euthanasie nicht sogar eine Differenzierung in der Wertigkeit von entwickelbarem und voll entwickeltem Leben? Wie lässt sich die Tötung der Katzenkinder mit der Aussage Schweitzers vereinbaren, dass es gut sei, entwickelbares Leben zu fördern und böse, Leben zu hemmen und zu vernichten? Darf in diesem Fall von dem schuldlos Schuldigwerden tatsächlich noch gesprochen werden?

Wo lag die zwingende Notwendigkeit im Falle der Tötung von "Josephine", dem handzahmen, 8 Monate alten Wildschwein? Hätte es nicht völlig ausgereicht, entweder die Umzäunung des Hühnerstalles zu verstärken oder "Josephine" ein eigenes Gehege zu bauen und damit ihr Leben zu erhalten? Hätte der Aufwand durch den Bau eines Geheges oder der Verstärkung des Hühnerstalles dem Ehrfurchtsgedanken nicht eher entsprochen? Oder war das wahre Motiv dieses leichtfertigen Todesurteils nur die Bestrafung des Schweines oder gar die Aussicht auf den geräucherten Speck? Standen hier nicht etwa triviale menschliche Interessen im Vordergrund?

Auch im Fall der Wanderameisen, die Schweitzer mit der giftigen Lysol-Lösung zu Tausenden töten ließ, ging es vorrangig darum, die eierlegenden Hühner für den Menschen zu retten. Es hätten auch andere Möglichkeiten zur Verfügung gestanden, um die Wanderameisen daran zu hindern, in den Hühnerstall einzudringen, zum Beispiel durch einen Graben, gefüllt mit dem nahen Flusswasser. Die Entscheidung zur Lysol-Lösung kann doch nur so interpretiert werden, dass damit das Problem ganz im Sinne einer "Schädlingsbekämpfung" schnell und radikal gelöst werden sollte. Was dies die sogenannte Zweckmäßigkeit, die Schweitzer leitete? Diese Vermutung steht auch im Kontext mit seiner Vorstellung, dass Tiere, die uns "sonstwie schädigen" abgeschossen werden sollen.

Schweitzer ging selbst zur Nahrungsbeschaffung auf Jagd. Er benutzte aber auch sein Gewehr, um sich der Schlangen in Lambarene zu entledigen, anstatt sie einfangen und an einem ausreichend entfernten Ort wieder aussetzen zu lassen. Bestand die Zweckmäßigkeit vielleicht darin, eine Tierart in seinem "Territorium" radikal auszumerzen, weil sie ohnehin zu jenen "Ekeltieren" zählten, die man ohne ethisches Abwägen einfach totschlägt, wo immer man sie antrifft?

Anstatt seinen Freund Morel davon abzuhalten, einen Leoparden zu töten, der sich an einigen Hühnern zu schaffen gemacht hatte, ließ er es sogar zu, das Tier mit Strychnin zu vergiften, was einen äußert qualvollen Tod nach sich zog. Wo blieb der konsequente Widerspruch, wo die Ehrfurcht vor dem Leben und vor allem – wo blieb die vielzitierte Humanität? Wird die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht zu einer zynischen Farce, wenn Pragmatismus zum Kriterium des Handelns wird?

Albert Schweitzer wählte in den oben genannten Beispielen den pragmatischsten Weg, um den "Konflikt" zu lösen.

Der Aufwand der Mittel zur Verhütung von Leid stand niemals in einem angemessenen Verhältnis zur dem Gedanken der Ehrfurcht vor dem Leben.

Wahre Ehrfurcht vor dem Leben nötigt zu wirklicher Opferbereitschaft. Kein Aufwand darf im Falle, wo es um Leben geht, zuviel werden! Es ist nicht genug, nur die Würmer aus dem Pfahlloch und die Käfer aus der Pfütze zu retten. Vor dem Hintergrund der obigen Handlungsweise sind dies Gesten einer sentimentalen Tierliebe; es sind die "kleinen Opfer" auf dem Altar des "schlechten Gewissens".

Und letztendlich ist vor allem daran Kritik zu üben, dass gerade der Ethiker Albert Schweitzer sich nicht im Augenblick der Erkenntnis der Ungerechtigkeit, die der Mensch durch seine Lebensund Ernährungsweise gegenüber dem Tier begeht, für einen strikten Vegetarismus konsequent ausgesprochen und diesen vorgelebt hatte. (Die Verballhornung des Wortes Vegetarismus hatte zu Lebzeiten Schweitzers noch nicht stattgefunden, und damit ist die ethisch einzig vertretbare Alternative zur omnivoren Ernährungsweise gemeint, nämlich der Veganismus.) Auch wenn er gegen Ende seines Lebens behutsam darauf hingewiesen hatte, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben eigentlich auch zu einem Verzicht von Fleisch nötigen müsste, ist dies keine ausreichende Entschuldigung dafür, dass er nicht schon früher seine charismatische Persönlichkeit in den Dienst dieses Gedankens gestellt hatte.

Auch hier hatte Schweitzer den leichteren Weg gewählt.

Mögen der Vorbildcharakter und die Opferbereitschaft von Albert Schweitzer in Bezug auf den Menschen groß gewesen sein und Respekt verdienen, sein Vorbild und seine Opferbereitschaft in Bezug auf das Tier lassen aus der Sicht des Tierrechtsgedankens sehr viele Wünsche offen.

Es ist vielleicht ein sehr hartes Urteil, Schweitzer als "negatives Vorbild" zu bezeichnen, aber es kommt sicherlich der Wahrheit näher als die übliche Glorifizierung vieler traditioneller Tierschützer.



5.9 Zusammenfassung

Diese kritische Betrachtung verdeutlicht, warum Schweitzers Ethik von vielen Philosophen kaum zur Kenntnis genommen wird und nicht selten auf Ablehnung stößt oder als Sentimental- Philosophie belächelt wird. Albert Schweitzer scheiterte nicht nur deshalb, weil er den Zwiespalt zwischen Ethik und Natur, zwischen "Sein und Sollen" durch ein rationalistisches Konzept mit Letztbegründungsansprüchen überbrücken wollte und dabei von falschen Grundannahmen ausgegangen war, sondern auch, weil er naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu wenig berücksichtigt hatte und auch andere zeitgenössische Philosophien nicht angemessen in sein Konzept einfließen ließ, und sich ganz auf seine religiös geprägte Lebensanschauung verlassen hatte. Sein Naturverständnis, von Charles Darwin geprägt, musste seine Perspektive zwangsläufig einengen und verstärkt durch den "protestantischen Schuldkomplex" zu dem fälschlichen Bild des permanenten Schuldigwerdens führen, das für ihn ein Teilaspekt des "grausamen Daseinskampfes" bedeutete.

Viele der von ihm verwendeten Begriffe sind individuell interpretierbar und verraten unverkennbar ihre religiöse Herkunft. Seine Gedankengänge über Schuld, Schuldigwerden, Sühne und Heiligkeit des Lebens passen eher in eine Kirchenpredigt als in ein modernes, zukunftsorientiertes Tierschutz- bzw. Tierrechtskonzept.

Das Schweitzer’sche Mensch-Tier-Verständnis blieb deshalb auch anthropozentrisch ausgerichtet, weil er den Herrschaftsanspruch des Menschen über die Tiere niemals konsequent genug in Frage gestellt hatte. Der Mangel an Einsicht in Bezug auf "die Rechte" unserer tierlichen Mitlebewesen wurde durch sein ausgeprägtes Vertrauen in das christliche Dogma verstärkt, das die Nutzung und Tötung der Tiere über Jahrtausende hinweg – als rechtens und von Gott verfügt – verkündigt hatte, und das die Forderung der Achtung und Schonung alles Lebendigen noch bis heute als irrational beurteilt.

Die Geistesgeschichte lehrt, dass die Vernunft ihre höchsten Tugenden – Logik, Klarheit und Nüchternheit – riskiert, wenn sie in den Bereich des Nebulösen-Religiösen eindringt. Aus der Perspektive des heutigen Tierrechtsgedankens war es ein Rückschritt, dass Schweitzer auf die Freiheit der Vernunft verzichtet hatte, die im Prozess der europäischen Aufklärung mühsam der Religion in harten und oft blutigen Kämpfen abgerungen wurde, und sein ethisches Haus auf einem "renovierten religiösen Fundament" errichtet hatte. In einer Gesellschaft mit säkularem Bewusstsein sind säkulare Konzepte erforderlich; die Möglichkeit der Übernahme eines ethischen Konzeptes durch die Gesellschaft hängt in unserer Zeit von seiner rationalen Begründung und Beweisbarkeit ab.

Abgesehen von der Kritik durch die akademische Philosophie in Bezug auf die rein philosophietheoretischen Fehlschlüsse, sind viele seiner Ausführungen, vor allem die zur Frage der "Heiligkeit des Lebens" und zur Frage der "zwingenden Notwendigkeit" zu undifferenziert und wurden nicht konsequent genug zu Ende gedacht. Sein Appell an das Gewissen des Einzelnen als Entscheidungsinstanz ist deshalb zu kritisieren, weil eindeutige Orientierungshilfen von ihm fehlen.

Seine Aussagen sind in großen Teilen inkonsequent in Bezug auf den Gleichheitsgrundsatz und auf die Forderung der Universalisierbarkeit ethischer Urteile. Die Überprüfung, ob eine ethische Handlung in der Gegenwart nicht zu unethischen, leidverursachenden Folgen in der Zukunft führen könnten, wurde von ihm anscheinend nicht bedacht, was aus seiner Empfehlung zur Erzeugung menschlichen Lebens zu schließen ist. Sein fortwährender Appell an das Gewissen lässt vielleicht den Kardinalfehler erkennen, dem er unterlag: sein ungebrochener Glaube an die Kraft des menschlichen Geistes, an die Freiheit des Willens und an das Streben des Menschen zum Tugendhaften.

Was Schweitzer einfach nicht erkannt hatte oder nicht erkennen wollte, war die Tatsache, dass der Mensch weder mit Moral geboren, noch leicht zur Moral zu erziehen ist, und dass seine Moralfähigkeit äußerst begrenzt ist. Allein schon die Tatsache, dass es der Gesetze bedarf, um die Inhalte von "Moralen" durchzusetzen und bei Zuwiderhandlung mit gesellschaftlicher Kritik oder mit Sanktionen gedroht wird, zeigt doch, wie es um die Moral, aber auch um die Fähigkeit des Gewissens zu einer moralischen Abwägung tatsächlich bestellt ist.

Max Born, einer der ganz Großen der modernen Physik, aber auch ein "philosophierender Mensch" hatte einmal gesagt:

"Es scheint mir, dass der Versuch der Natur, auf dieser Erde ein denkendes Wesen hervorzubringen, gescheitert ist."

Ein Zweifel an der menschlichen Vernunft in Bezug auf die Fähigkeit zu moralischen Urteilen sucht man bei Schweitzer vergeblich, obwohl gerade er, als Verehrer der Kantischen Ratio dies hätte besser wissen müssen. Sagte nicht Kant, dass "der Mensch ein mit Vernunftfähigkeit begabtes Thier" sei, das "aus sich selbst ein vernünftiges Thier machen kann"? Und liegt hier nicht die Betonung auf dem "kann"?

Und wie steht es mit der sogenannten Freiheit des Willens? Haben sich darüber nicht schon Schopenhauer und rund 200 Jahre zuvor Baruch Spinoza ausgelassen und die Freiheit des Willens mit einem so großen Fragezeichen bedacht, dass auch Albert Schweitzer diese berechtigten Zweifel in seine Überlegungen hätte einfließen lassen müssen?

In der Schweitzer’schen Ethik fehlt einfach der deutliche Gedankengang, dass der Mensch ein Sinnen- und Triebwesen darstellt, das seiner Selbsterhaltung und der Befriedigung seiner Bedürfnisse und Wünsche niemals eine rein bewusste Entscheidung zu Grunde legt.

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" (Goethe) bleibt Imperativ in einer "Menschenwelt", die uns genau das Gegenteil uns vor Augen führt. Der Mensch war niemals der friedliche Pflanzenfresser gewesen. Der Mensch war stets der gefährliche "Raubaffe Mensch" – ist es bis heute geblieben – in Bezug auf seinen Tierumgang und in Bezug auf seinen Menschenumgang. Unsere Gene und Meme machen es uns nicht so einfach nach ethischen Regeln zu leben und erst recht nicht, um mit unseren tierlichen Mitlebewesen friedlich auszukommen.

(Meme: Prägungen, Ideen, Vorstellungen, Wertsetzungen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.)

Die Frage, warum Schweitzer dies nicht erkennen wollte oder konnte, führt wieder zu seinem christlichen Fundament zurück, zu seinem ungebrochenen Glauben an das Gute im Menschen, zu der guten Schöpfung Gottes, deren Teil wir angeblich sind.

In seiner persönlichen Umsetzung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben musste es zu den unübersehbaren Paradoxien kommen, weil die Grundpfeiler der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben von Anfang an auf unsicherem Boden der Religion standen. Obwohl Albert Schweitzer es weitgehend vermied, einen direkten Zusammenhang zwischen christlicher Religion und seiner Ethik herzustellen oder einzelne Aussagen aus dem religiösen Kontext abzuleiten, ist die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben tief durchdrungen von dem protestantischen Humanitätsideal, steht der Unterbau felsenfest auf seiner christlich geprägten Weltanschauung. Es verwundert daher auch nicht, dass Schweitzer von der "effektiven Gütigkeit" des europäischen Tierschutzes überzeugt war, obwohl gleichzeitig Folter und Massenmord an unschuldigen und wehrlosen Tieren millionenfach und Tag für Tag vor seinen Augen begangen wurden.



Abschließende Gedanken

Der Begriff des Universalgenies drängt sich unweigerlich auf, wenn man sich mit dem Leben und Werk Albert Schweitzers beschäftigt hatte. Er war nicht nur der Urwalddoktor mit imposantem Schnauzbart und Tropenhelm, der über Lambarene patriarchalisch herrschte, sondern er war auch ein herausragender Theologe mit Habilitation, der durch seine Forschung über das Leben Christi und des Apostel Paulus Großes geleistet hatte. Er war als Pfarrer ein charismatischer Prediger auf der Kanzel, der seine Gemeinde in seinen Bann zu schlagen vermochte. Er war ein virtuoser Bach-Interpret und eine Kapazität als Reformator des bachgemäßen Orgelbaus, der auf seinen Konzertreisen Tausende Menschen mit seinem Orgelspiel begeisterte. Weniger bekannt ist sein Einsatz auf der politischen Bühne als Gegner von Atomtests und Atomrüstung, wofür er 1952 den Friedensnobelpreis erhielt. Und schließlich war er der promovierte Philosoph, der für eine Erneuerung der Humanitätsethik, die über die Artgrenzen hinaus wirken sollte, mit ganzer Kraft arbeitete und ein äußerst umfangreiches Schriftwerk hinterließ.

Seine auf den Menschen bezogene Ethik ist angesichts der humanitären Krisen, deren Zeitzeugen und Mitverursacher wir sind, eine Ethik der Zukunft, denn in ihrem Kerngehalt hat sie nichts von ihrer Aktualität verloren. Das größte Verdienst Albert Schweitzers ist seine Aufforderung zu einer ins Grenzenlose erweiterten Liebe, die im Laufe der Geschichte in unterschiedlichen Intervallen immer wieder von den Grossen der Menschheit ausgesprochen und eingefordert wurde. Er wollte die Distanz von Mensch zu Mensch verringern, aber auch die Mauer, die den Menschen von seinen tierlichen Mitlebewesen trennt, zum Einsturz bringen.

Deshalb ist es bedauerlich, dass der Name Albert Schweitzer kaum noch mit Philosophie in Verbindung gebracht wird, sondern nur als Synonym des mildtätigen, opferbereiten Urwaldarztes steht.

Dass er in der Theologie nur sehr wenig Beachtung fand und findet, ist kennzeichnend für die geistige Stagnation der Institution Kirche, die sich zwar mittlerweile häufiger an Albert Schweitzer erinnert, weil sich ein Paradigmenwandel im ethischen Bewusstsein der Gesellschaft abzuzeichnen beginnt, und sich nun die Kirche als modern und "tiergerecht" geben will. Aber ein konstruktiver Diskurs zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben zwischen Kirche und Tierrechtlern ist nur in zaghaften Ansätzen zu erkennen. Anscheinend scheut sie das Risiko eines tieferen Hinterfragens der christlichen Dogmatik in Bezug auf den Umgang des Menschen mit den Tieren, weil dabei unausweichlich auch an den Grundpfeilern der christlichen Lehre gerüttelt würde.

Dass die protestantische Kirche heute, je nach Bedarf, sich mit dem Namen Albert Schweitzer schmückt, dabei aber die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nur ganz selten von der Kanzel herunter den Gläubigen angedeihen lässt, ist mehr als Alibi-Funktion als ein tatsächliches Umschwenken zu einer "tierfreundlichen Kirche" zu betrachten.

Die Forderung einer gerechten moralischen Berücksichtigung unserer tierlichen Mitlebewesen auf dem Boden des mosaisch-christlichen Glaubens wird solange zum Scheitern verurteilt bleiben, bis der biblische Herrschaftsauftrag und der daraus resultierende Herrschaftsanspruch der Menschen über die Natur grundsätzlich seitens der Kirche selbst hinterfragt wird. Eine "tierfreundliche" Exegese der Bibel wäre möglich, hätte jedoch zur Folge, dass große Teile, darunter auch die tragenden Eckpfeiler des morschen Gerüstes ganz neu interpretiert werden müssten. Dass dies nicht im Sinne der Institutionen der Kirche ist und abgelehnt wird, sowohl im Protestantismus als auch im Katholizismus, ergibt sich von selbst.

So verbleiben Enzykliken, Katechismus, Kirchenbriefe und viele andere Texte in den offziellen Verlautbarungen der Kirche unzweideutig in ihrem "tierfeindlichen" und anthropozentrischen Grundtenor. Alles, was die "Gottesebenbildlichkeit" und den Herrschaftsanspruch des Menschen über die Natur in Frage gestellt hatte, wurde im Laufe der Kirchengeschichte gnadenlos ausgemerzt oder totgeschwiegen.

(Enzykliken: (griechisch kýklos: Kreis), kirchliche Rundschreiben, die seit dem 18. Jahrhundert die Lehrschreiben des Papstes an die gesamte Kirche sowie allgemein die Rundschreiben anglikanischer Bischöfe am Ende ihrer zehnjährigen Lambethkonferenzen bezeichnen.)

Unbequeme Texte ("Spalte ein Stück Holz, und ich bin da; hebe einen Stein auf, und Du wirst mich finden." vermutlich hl.Thomas) aus den Apokryphen gelten noch heute in der Katholischen Kirche als Ketzerei.

Bruder Tier ist nicht willkommen in der jüdischen und christlichen Religion; ihr praktischer Tierumgang und ihre Dogmen geben zu berechtigter Skepsis Anlass. Wer das Augenmerk auf das Jenseits richtet, hat keinen Blick für das Diesseits.

Schon Baruch Spinoza erkannte: "Homo liber nulla de re minus quam de morte cogitat; et eius sapientia non mortis sed vitae meditatio est." (" Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach als über den Tod; seine Weisheit liegt darin, dass er nicht über den Tod, sondern über das Leben nachsinnt.")

Die Kirchen tragen eben Sorge dafür, dass ihnen keine Tiere und keine Störenfriede in ihrem Glauben herumlaufen.

Albert Schweitzer war gewiss kein "Heiliger" und wandelte nicht immer auf den "Pfaden der Tugend", wenn sein persönliches Interesse mit demjenigen seiner tierlichen Mitlebewesen kollidierte. Die Kritik betrifft deshalb sowohl sein Konzept, als auch seinen persönlichen Tierumgang in der praktischen Anwendung der eigenen Maxime.

Denn um es ganz deutlich zu sagen: Was wir hinterlassen, ist nicht so wichtig, wie wir gelebt haben.

Und Albert Schweitzers Tierumgang war in keiner Weise "tiergerecht" oder ethisch zu bezeichnen.

Wenn Schweitzer einerseits über die Heiligkeit und Gleichrangigkeit allen Lebens sprach, aber andererseits selbst auf Raubvögel schoss und sie tötete, um das Leben von kleinen Singvögeln zu schützen, die ihm lieb und teuer waren, wenn er dem Tierversuch zwar kritisch gegenüberstand, aber ihn prinzipiell befürwortete, wenn er den Ertrag des Landwirtes als Entscheidungskriterium heranzog, um über Leben und Sterben eines sogenannten Nutztieres zu entscheiden, wenn er zwar die grausamen Methoden bei der Schlachtung und den Tiertransporten rügte, jedoch generell die Nutzung des Tieres als Nahrungs- und Rohstofflieferant akzeptierte, wenn sich aus seinen Aussagen summa summarum eine Hierarchie ableiten lässt, an deren Spitze der Mensch unangefochten steht, dann muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben nicht geeignet ist, um den Tierrechtsgedanken heute voranzubringen.

Die Paradoxien zwischen Wort und Tat bei Schweitzer sind kaum bekannt, weil sie seitens der "Schweitzer-Gemeinde" bis heute gern verschwiegen werden. So wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Tür zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, so wachen die traditionellen, anthropozentrischen Tierschützer und "Tierrechtler" sorgsam darüber, dass niemand in ihrer heilen Schweitzer’schen Ethik-Welt herumlaufe.

Eine offene Diskussion mit "Schweitzer-treuen Tierrechtlern" über ihn und seine Ethik ist fast unmöglich; wer die Idolfigur offen kritisiert, wird zur "persona non grata"erklärt. Die Frage, warum Schweitzers Tierethik noch immer in der Gunst so vieler Tierschützer und "Tierrechtler" steht, ist leicht zu beantworten: Sie macht es so einfach, Verfehlungen zu rechtfertigen. Seine Pastorensprache rührt das Herz, stimuliert die Tränendrüsen, und das "schlechte Gewissen" findet schließlich auf ihr ein gutes Ruhepolster.

(persona non grata: (lat.) nicht geschätzte Person)

Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben sollte aus den in der Kritik angeführten Gründen für den progressiven Tierrechtler nicht mehr als Richtschnur oder als ethische Argumentationsbasis dienen; dafür steht sie nicht nur auf einem zu schwachen philosophischen Fundament und weist zu viele Widersprüchlichkeiten in sich auf, sondern sie kann auch von den Befürwortern der traditionellen, anthropozentrischen Tierschutz-Ethik, die die Verbrechen an den Tieren leider begünstigen, leicht dazu benutzt werden, um unsere eigenen Vorstellungen und Forderungen in Bezug auf eine prädistributiv gleiche moralische Berücksichtigung der vitalen und elementaren Interessen und Bedürfnisse unserer tierlichen Mitlebewesen, anzugreifen. Sie weist in zu vielen Aspekten von unseren Vorstellungen ab, die weit über die Forderungen Albert Schweitzers hinausgehen.

Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben eröffnet zwar eine Sichtweise, die in einigen Punkten in die richtige Richtung führt, aber sie ist primär Ethik für den Menschen, nicht Ethik für "Mensch und Tier" und schon gar nicht eine Ethik für die Tiere und muss daher zwangsläufig anthropozentrische Züge tragen.

Es sollte aber auch berücksichtigt werden, dass dieses Konzept vor mehr als einem Dreiviertel Jahrhundert entstanden ist. Vieles war damals nicht bekannt, was uns heute eine umfassendere Perspektive ermöglicht. Vieles wurde mit anderen Augen gesehen; die Frömmigkeit war eine andere und auch das Selbstverständnis des Menschen.

Mögen die genannten Kritikpunkte auch alle zutreffen, so bleiben doch das Werk und Wirken von Albert Schweitzer eine herausragende Leistung eines Menschen, der sich in tief empfundenem Mitgefühl gegen die Rohheit, Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit seiner Zeit auflehnte und sie anprangerte, um das Leiden auf dieser Welt etwas kleiner zu machen.

Die Ethik von Albert Schweitzer in Gänze zu verwerfen, wäre falsch, da sie trotz aller vorgebrachter Kritikpunkte in vielen Teilbereichen richtungsweisend ist: in Bezug auf die Aussage, dass jede Schädigung und Vernichtung von Leben, so klein und wertlos es uns auch erscheinen mag, ein Verstoß gegen den Willen zum Leben darstellt und deshalb aus ethischer Sicht abzulehnen ist, richtungsweisend in Bezug auf die Erkenntnis, dass das Weltganze unvollkommen ist, und dass Leben letztendlich Leiden bedeutet, richtungsweisend, dass wir naturbedingt Leid verursachen, ohne es bewusst wahrzunehmen oder gänzlich vermeiden könnten, dass wir durch unsere Achtsamkeit und unser vom Mitgefühl geleiteten Tätigwerden zwar die Welt nicht gut, jedoch etwas erträglicher gestalten können, um das Leiden von Mensch und Tier zu mindern.

Dort, wo Schweitzer auf Grund seiner Zeit und seines Glaubens die Grenzen nicht überschreiten konnte, gilt es für uns den Faden aufzunehmen und gedanklich fortzuschreiten. Albert Schweitzers Ethik ist nur ein Punkt auf einer gedachten, aufsteigenden Linie aus den verschiedenen Ethik-Konzepten der Menschheitsgeschichte, deren ferner Endpunkt zu einem ethischen Quantensprung führen muss, will die Menschheit überleben. Dieser heute noch utopisch erscheinende Quantensprung kann letztendlich nur auf unserer Fähigkeit zu Güte, Mitleid und Mitfreude beruhen und auf unserer Einsicht in die essentielle Gleichartigkeit aller Lebewesen.

Er wird größere Auswirkungen auf das Leben auf diesem Planeten und auf unsere Zivilisation nach sich ziehen, als die kopernikanische Wende, die Evolutionslehre Darwins, die Thesen Sigmund Freuds und die Erkenntnisse über Thermodynamik, der Bindekräfte des Atoms und der Relativitätstheorie zusammengenommen. Denn dieser Paradigmenwandel, dessen Anfänge wir gerade miterleben, kann die drohende Katastrophe eines vorzeitigen Endes der Menschheit und unzähliger Tierarten verhüten, er kann zur Achtung und Schonung aller Lebewesen auf dieser Erde führen und zu einer harmonischen symbiotischen Koexistenz mit allem Lebendigen als dem einzig sinnvoll erkennbaren Grund unseres Hierseins.

Trotz aller negativer Vorzeichen gilt das Prinzip Hoffnung, dass nämlich eines Tages die menschliche Ignoranz doch noch besiegt werden kann und unser Morden, Vergewaltigen und Quälen ein Ende haben wird. Wäre diese Hoffnung aber tatsächlich nur das Verdrängen unserer Unfähigkeit zu einer friedfertigen Koexistenz mit unseren Mitwesen und des daraus resultierenden Endes der Welt, so wie wir sie heute kennen – und einiges spricht leider dafür – dann wäre diese Abhandlung umsonst geschrieben worden.

Da aber ein Aspekt des Menschseins die Hoffnung ist, dass sich doch noch alles zum Guten wendet, wollen, ja müssen wir hoffen – um der Menschen und um der Tiere willen!


"Kommt meine Freunde, noch ist es nicht zu spät, eine neue Welt zu suchen.
Denn ich will weitersegeln, über den Sonnenuntergang hinaus.
Und obwohl wir nicht mehr die Kraft besitzen, wie in alten Tagen,
Himmel und Erde zu bewegen, so sind wir dennoch was wir sind.
Noch immer sind wir Helden, deren Herzen im Gleichklang schlagen.
Zwar schwächt das Schicksal uns von Zeit zu Zeit.
Doch stark ist unser Wille zu streben, zu suchen und nicht zu verzagen."

(Alfred Tennyson)



Anhang
Exkurs: Theodizee

Bereits Epikur befasste sich mit verschiedenen Interpretationen der Theodizee, wobei er die Frage stellte, ob Gott das Böse nicht aufheben könne oder wolle. Für Augustinus, neben Thomas von Aquin, dem einflussreichsten christlichen Scholastiker, ist das Böse ein Mangel an Gutem. Gott ist das Gute schlechthin und alles, was von ihm geschaffen wurde, ist im Wesentlichen gut, also existiert kein vollkommen Böses, bzw. ist das vorhandene Böse nur ein Teilaspekt des Guten. Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass die moderne theologische Diskussion über die Theodizee selbst heute noch auf Augustinus und seine Gedanken zurückgreift! Für Leibnitz umfasste die von Gott bestimmte Harmonie auch das Übel, Krankheit und den Tod als Teilaspekte dieser Harmonie, die jedoch vom Menschen nicht begriffen werden kann.Und so blieb für Leibnitz die Welt – trotz ihrer scheinbar grausamen Realität – die "beste aller möglichen Welten."



Literaturverzeichnis


[1] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 31 aus: A. Schweitzer, "Aus meiner Kindheit und Jugendzeit", Gesammelte Werke in fünf Bänden (o.J.) Verlag C.H. Beck, München, Seite 192
[2] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H. W. Bähr, Beck’sche Reihe, Band 255, Verlag C.H. Beck, München 1996, Seite 13
[3] Albert Schweitzer, Gesammelte Werke in fünf Bänden (o.J.) 1. Band, C.H. Beck Verlag, München, Seite 277 f.
[4] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 34
[5] Albert Schweitzer: "Wie wir überleben können", Verlag Herder/Spectrum, Band 4264, Freiburg 1994, Seite 10
[6] Albert Schweitzer: "Wie wir überleben können", Verlag Herder/Spectrum, Band 4264, Freiburg 1994, Seite 11
[7] Albert Schweitzer: "GesammelteWerke in fünf Bänden" (o.J.) C.H.Beck Verlag, München
[8] Albert Schweitzer: "Die Weltanschauung der indischen Denker", Beck’sche Reihe, 332, C.H. Beck, Verlag, München 1965, Vorwort V
[9] Albert Schweitzer: "Die Weltanschauung der indischen Denker", Beck’sche Reihe, 332, C.H. Beck, Verlag, München 1965, Seite 8 f.
[10] Albert Schweitzer: "Kulturphilosophie II: Kultur u. Ethik", Beck Verlag, München 1926, Seite 165
[11] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 173
[12] Albert Schweitzer: "Die Weltanschauung der indischen Denker", Beck’sche Reihe, 332, C.H. Beck, Verlag, München 1965, Seite 8 f.
[13] Albert Schweitzer, Kulturphilosophie II: Kultur und Ethik XVII, C. H. Beck Verlag, München, 1926;Emil Lind, "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 242
[14] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 235
[15] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 235
[16] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 237 f.
[17] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 173 f.
[18] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 240
[19] Albert Schweitzer: "Wie wir überleben können", Verlag Herder/Spectrum, Band 4264, Freiburg 1994, S. 13
[20] Albert Schweitzer: "Geschichte der paulinischen Forschung", Verlag Mohr, Tübingen 1933, Seite 384
[21] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 264 f. Oswald Kraus, "Albert Schweitzer. Sein Werk und seine Weltanschauung", Pan-Verlag, Berlin 1926
[22] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 173 f.
[23] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 173 f.
[24] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 173 f.
[25] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 89
[26] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München
[27] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 90
[28] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 131
[29] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 173, 174 f.
[30] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 239
[31] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 97
[32] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 169, 170 f.
[33] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 41
[34] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 54
[35] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 277
[36] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 130
[37] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 154; Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 77
[38] Albert Schweitzer, Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Verlag Mohr, Tübingen 1906, Seite 631 f.; Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 154 f.
[39] Albert Schweitzer, Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Verlag Mohr, Tübingen 1906, Seite 631 f.; Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 154 f.
[40] Albert Schweitzer, Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Verlag Mohr, Tübingen 1906, Seite 631 f.; Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 154 f.
[41] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 61 f.
[42] Albert Schweitzer: "Wie wir überleben können", Verlag Herder/Spectrum, Band 4264, Freiburg 1994, Seite 140
[43] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 100
[44] Quelle: Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Seite 100
[45] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.) C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 377
[46] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 92
[47] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 211
[48] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H. W. Bähr, Beck’sche Reihe, Band 255, Verlag C.H. Beck, München 1996, Seite 21 f.
[49] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 5.Band, Seite 165 [50] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 378
[51] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 289
[52] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 307 f., Adventsbrief Schweitzers an die Zeitung Atlantis, 1931
[53] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München
[54] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 378
[55] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 290
[56] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 307 f.; Adventsbrief Schweitzers an die Zeitung Atlantis, 1931
[57] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H. W. Bähr, Beck’sche Reihe, Band 255, Verlag C.H. Beck, München 1996, Seite 157
[58] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H. W. Bähr, Beck’sche Reihe, Band 255, Verlag C.H. Beck, München 1996, Seite 42
[59] Albert Schweitzer: "Wie wir überleben können", Verlag Herder/Spectrum, Band 4264, Freiburg 1994, Seite 14 f.
[60] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H. Beck Verlag, München 1986, Seite 242
[61] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 241
[62] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München
[63] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 209 f.
[64] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 193
[65] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 1. Band, Seite 171 f.
[66] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 240
[67] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 210
[68] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 212 – 214
[69] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 35
[70] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 216
[71] Albert Schweitzer: "Kulturphilosophie II: Kultur und Ethik", C. H. Beck Verlag, München 1926, Seite 243
[72] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 52 f.
[73] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 5. Band, Seite 133
[74] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 289
[75] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 56
[76] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 111
[77] Albert Schweitzer: "Die Weltanschauung der indischen Denker", Beck’sche Reihe 332, C.H. Beck Verlag, München 1965, Seite 208
[78] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 98
[79] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 97
[80] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", , C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 238 f.
[81] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 157; Albert Schweitzer, Gesammelte Werke in fünf Bänden (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 1. Band, Seite 242
[82] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 389 f.
[83] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 242 f.
[84] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 287
[85] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 109
[86] Harald Steffahn: "Du aber folge mir nach – Albert Schweitzers Werk und Wirkung", Verlag Paul Haupt, Bern u. Stuttgart 1974, Seite 94
[87] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 152 f.
[88] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 177
[89] Albert Schweitzer, Adventsbrief an die Zeitschrift "Atlantis", 1931
[90] Albert Schweitzer: "Was sollen wir tun? 12 Predigten über ethische Probleme, Lambert Schneider Verlag, Heidelberg 1974, Seite 45 f.
[91] Albert Schweitzer: "Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 159
[92] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 299
[93] Harald Steffahn: "Albert-Schweitzer-Lesebuch", C.H.Beck Verlag, München 1986
[94] Emil Lind: "A. Schweitzer", Die Weissen Hefte 5, Necessitas-Verlag, Wiesbaden 1955, Seite 304
[95] Albert Schweitzer: "Selbstzeugnisse", C.H.Beck Verlag, München 1986, Seite 124 f.
[96] Albert Schweitzer:"Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 158
[97] Albert Schweitzer:"Die Ehrfurcht vor dem Leben – Grundtexte aus fünf Jahrzehnten", Hrsg. H.W. Bähr, Beck’sche Reihe 255, H.C. Beck Verlag, München 1997, Seite 108
[98] Gotthard M. Teutsch: "Mensch und Tier – Lexikon der Tierschutzethik", Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, Seite 47 (aus dem Albert-Schweitzer-Archiv, Günsbach)
[99] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 502 f.
[100] Albert Schweitzer: "Gesammelte Werke in fünf Bänden" (o.J.), C.H. Beck Verlag, München, 2. Band, Seite 378
[101] ("Magnus Schwantje – Leben und Werk" von Wilhelm Brockhaus, aus "Der Vegetarier", Heft 1/1977)
[102] Robert Augros, George Stanciu: "Die Neue Biologie", Scherz-Verlag Bem, München, Wien, 1987
[103] Udo Bredow, Annemarie C. Mayer: "Der Mensch – das Mass aller Dinge?", Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2001
[104] Paola Cavalieri, Peter Singer: "Menschenrechte für die Großen Menschenaffen", Wilhelm Goldmann Verlag München, 1994
[105] John C. Eccles: "Gehirn und Seele – Erkenntnisse der Neurophysiologie", Piper-Verlag München, Zürich Erstausgabe 1987
[106] "Die Heilige Schrift", International Bible Students Association Brooklyn, New York, U.S.A., 1971
[107] Karl Jaspers: "Die großen Philosophen", Piper-Verlag München, Zürich, Neuausgabe 1988
[108] Stephan Lackner: "Die friedfertige Natur, Symbiose statt Kampf", Kösel-Verlag München, 1982
[109] Dennis Lingwood: "Das Buddhawort", Magnus-Verlag Essen, 1985
[110] Konrad Lorenz: "Die Rückseite des Spiegels", Piper-Verlag München, 1973
[111] "Platon – Sämtliche Werke", Phaidon-Verlag GmbH, Essen
[112] Louis Renou: "Der Hinduismus", Fackelverlag Stuttgart, 1985
[113] Arthur Schopenhauer: "Die Welt als Wille und Vorstellung", Haffmansausgabe, Haffmans Verlag, Zürich, 1988
[114] Peter Singer: "Animal Liberation – Die Befreiung der Tiere", Rowohlt Taschenbuch Verlag Hamburg, 1996
[115] Peter Singer: "Praktische Ethik", 2. revidierte u. erweiterte Ausgabe 1994, Philipp Reclamjun. GmbH & Co., Stuttgart, 1994
[116] Der Spiegel – Das Universum im Kopf, Das falsche Rot der Rose – Ein Gespräch mit Prof. Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Himforschung, Ausgabe 1.2001
[117] Manfred Spitzer: "Geist im Netz", Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, Oxford, 1996
[118] Gotthard M. Teutsch: "Mensch und Tier", Lexikon der Tierschutzethik, Vandenhoeck u. Rupprecht Verlag Göttingen, 1987
[119] Encarta 98 – Enzykklopädie, Microsoft
[120] Neues Universal-Lexikon, Lingen Verlag Köln

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