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20.01.2009

Privilegien für Menschenaffen?

Privilegien für Menschenaffen?

von Sina Walden


Als Peter Singer und Paola Cavalieri 1993 das Great Ape Project starteten, schien die Zeit für ein solches Unternehmen reif zu sein. Die beiden Philosophen versammelten rund dreißig, meist weltberühmte Forscher und Forscherinnen zur wissenschaftlichen Unterstützung der Idee, die großen Menschenaffen – Schimpansen, Bonobos (Zwergschimpansen), Gorillas, Orang Utans – „in die Gemeinschaft der Gleichen“ aufzunehmen, das heißt, ihnen den gleichen moralischen und gesetzlich zu schützenden Status zuzusprechen, der allen Menschen zusteht, nämlich das Recht auf Leben, Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen ihrer natürlichen Anlagen. Der Buchtitel der – schon ein Jahr später erschienenen – deutschen Ausgabe lautete herausfordernd aber eingängig „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen“. In einer an den Anfang gestellten „Deklaration“ werden drei Ziele benannt und begründet. Klipp und klar heißt es im ersten Punkt „Recht auf Leben“, „Mitglieder der Gemeinschaft der Gleichen dürfen nicht getötet werden“. (Außer in streng festgelegten Situationen, wie zum Beispiel Notwehr). Der zweite Punkt „Schutz der individuellen Freiheit“ umfaßt nicht nur das Verbot der Freiheitsberaubung, sondern fördert auch die sofortige Freilassung der bereits in Gefangenschaft lebenden Menschenaffen (mit Ausnahmen wie dem Schutz des eigenen Wohls oder der Gefährdung der Allgemeinheit. In diesen Ausnahmefällen soll den Betroffenen das Recht zustehen, durch einen Rechtsbeistand ein Gericht anzurufen.) Der dritte Punkt wird ausdrücklich „Das Verbot der Folter“ benannt; als Folter gilt „wissentlich zugefügter ernsthafter Schmerz“. Es ist erkennbar, daß alle Fälle erfaßt werden, die in der Realität Menschenaffen betreffen (können): Jagd, Wildfang, Zirkus, Zoo, Tierversuch.

Gegenüber den bisherigen „Mitgliedern der Gemeinschaft der (moralisch) Gleichen“, und das sind bis jetzt nur Angehörige der Gruppe Mensch, ist all das strengstens verboten – gegenüber Tieren gilt es als moralisch legitim und grundsätzlich gesetzlich erlaubt (mit kleinen Einschränkungen und Regeln, die bei näherem Hinsehen stets dem Herrscher Mensch und nicht dem Opfer Tier gelten, etwa weil eine Zeitlang ein lebendiges, unverletztes Tier nützlicher ist als ein totes).

Sind Menschenaffen bessere Tiere?

Da alle Tiere dieser moralischen Ungleichbehandlung unterworfen sind, stellt sich die Frage, warum das Great Ape Projekt nur taxonomisch als oberste angesiedelten Primaten in die Gemeinschaft der Gleichen einzubeziehen trachtet. Singer/Cavalieri legen die Gründe dafür in der „Deklaration über die Großen Menschenaffen“ und in weiteren Texten des Projekts ausführlich dar. Kurz zusammengefaßt stützen sie die „Privilegierung“ der Großen Affen auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese Tiere, ihre mittlerweile unbestrittene nahe Verwandtschaft mit homo sapiens und die Logik des Gleichheitsprinzips: Die umfangreiche Primatenforschung des 20. Jahrhunderts hat jeden Zweifel beseitigt, daß Schimpansen, Gorillas und Organ Utans geistige Fähigkeiten und ein reiches emotionales und soziales Leben haben. Jahrzehntelange Freilandbeobachtungen wie die von Jane Goodall an den Schimpansen von Gombe oder von Dian Fossey, die ihren Einsatz für die „Gorillas im Nebel“ mit dem Leben bezahlt hat, haben diese Erkenntnisse weit über den Kreis der Fachleute hinaus populär gemacht. Neben solcher Art neuartiger Verhaltensforschung wurden auch die erfolgreichen Versuche berühmt, einzelnen Affen die Taubstummensprache oder andere Zeichensysteme beizubringen, (selbst das sinngemäße Verstehen von bis zu tausend Wörtern des Englischen), was vor allem gegen das Vorurteil ins Feld geführt werden konnte, daß Verstandes- und Verständigungsleistungen vom Gebrauch einer Lautsprache abhängig seien. (Auf diesem Vorurteil basiert im wesentlichen die Behauptung Descartes, daß Tiere nicht denken könnten.) Schließlich steuerte noch die Genforschung die zunächst verblüffende Tatsache bei, das der genetische Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch nur wenig über 1% beträgt. Diese und viele weitere Einzelheiten gehören heute schon zum Allgemeinwissen.

Kognitive Ethologie, die Denken und Bewußtsein bei Tieren erforscht, ist natürlich nicht auf Menschenaffen beschränkt, aber die Ähnlichkeit dieser nahen Verwandten mit dem Menschen ist so groß und schon so überzeugend nachgewiesen, daß den Gegnern einer speziesübergreifenden Moral die Argumente ausgehen. Wenn Schimpansen Eigenschaften und kognitive Fähigkeiten, die bisher nur bei Menschen angenommen wurden und die für die Gewährung elementarer Menschenrechte konstitutiv sind, in gleicher oder sehr ähnlicher Form besitzen, schwindet die Grundlage für die diametral unterschiedliche moralische Berücksichtigung dieser Wesen. (Besonders deutlich wird die Ungerechtigkeit daran sichtbar, daß Menschen (zum Glück!) auch dann der Schutz von Leib und Leben zusteht, wenn ihnen realiter die menschenrechtsbegründeten mentalen Fähigkeiten fehlen, etwa geistig schwer Behinderten oder Säuglingen – Tieren aber auch dann nicht, wenn sie im Vollbesitz ihrer mentalen Kräfte sind.) Dies ist die rationale Begründung für eine rationale Ethik. Ration heißt aber nicht schwierig. Im Gegenteil, es ist sehr einfach nachzuvollziehen, daß Gleiches gleich zu behandeln ist und daß moralisches Handeln nicht am äußeren Erscheinungsbild festgemacht werden kann. Offenbar sind aber andere Kräfte als die Logik im Spiel, die der Umsetzung dieses einfachen Gedankens im Wege stehen. Denn das Great Ape Projekt ist nun schon vierzehn Jahre alt, und ein nennenswerter Erfolg ist ihm bisher nicht beschieden.

Neuseeland als Pionier

Bis heute gibt es nur zwei relativ kleine Auswirkungen dieses ehrgeizigen Anlaufs, die Artengrenze auf gesetzlichem Weg an den Schnittpunkt Mensch-Menschenaffe zu durchbrechen. Den ersten Schritt unternahm im Jahr 1999 Neuseeland. Dort wurde durch Parlamentsbeschluß verboten, an Schimpansen, Gorillas und Orang Utans Experimente vorzunehmen. In einem Vortrag an der Katholischen Akademie in Mülheim/Ruhr habe ich 2003 diese gesetzgeberische Pioniertat Neuseelands geschildert und ihre Bedeutung dargelegt. Ich zitiere daraus:

„Ist das nun schon ein Recht, das dem Art. 2, Abs. 2 des Grundgesetzes entspricht, in dem es heißt: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und das in ähnlicher Form in allen Verfassungen der zivilisieren Welt und in der Deklaration der Menschenrechte der UN von 1948 enthalten ist? Ist hier die Überschreitung der Artengrenze erstmals in der menschlichen Gesetzgebung vollzogen worden? Oder handelt es sich es doch nur um einen besonderen Schutz für eine besonders gefährdete Tierart? Der flüchtige Blick auf den Gesetzestext läßt beide Interpretationen zu. Aber es spricht doch alles dafür, daß wir es hier mit der ersten Frucht des Tierrechts – und nicht mit einer späten Frucht des Tierschutzdenkens – zu tun haben. Zum ersten: Würde es sich um eine Maßnahme des Tierartenschutzes handeln, wäre die Beschränkung auf Menschenaffen willkürlich, da auch andere Arten gefährdet sind, viele noch stärker als die Großen Affen. Zweitens ist der ausdrückliche Bezug auf Tierversuche (in Forschung und Lehre) aufschlußreich. Nicht der Bestandsschutz einer Spezies ist das Ziel, sondern offensichtlich die Bewahrung der körperlichen Unversehrtheit des Individuums.


Denn innerhalb des Schutzes der physischen Integrität wird die Rechtfertigung einer Verletzung durch ein höheres menschliches Interesse nicht mehr gewährt – eine Obergrenze, die vom klassischen Tierschutz, der ja ebenfalls Grausamkeit und bewußte Zufügung von Schmerzen verurteilt, letztlich respektiert wurde und wird. Hier, in dem neuseeländischen Gesetz, manifestiert sich ein entscheidender Grundzug der Menschenrechtsidee, wonach – in der Formulierung Kants – der Mensch nicht Mittel zum Zweck sein darf. Eben dies wird nun einer Tierart zugestanden. Das wurde trotz der unauffälligen Positionierung der Vorschrift auch sofort überall erkannt und groundbreaking, als Durchbruch, gesehen. Dennoch: Ist es logisch schlüssig, die durch menschliche Interessen nicht einschränkbare Unverletzlichkeit des Körpers nur den Menschenaffen zuzugestehen? Widerspricht das nicht den Grundgedanken des Tierrechts, der da etwa lauten müßte: „Alle Tiere sind frei und gleich geboren“? Doch: Der Widerspruch ist zuzugeben. Aber er ist nur taktischer Natur. Es ging darum, einen Gebirgspaß zu finden, wo und wie man auf gesetzlichem Weg personale Rechte für Tiere einführen kann. Offensichtlich wär der Sprung, allen Tieren auf einmal mit einem Federstrich des Gesetzgebers Grundrechte zu gewähren, zu groß. Von dem gewaltigen Widerstand der Vertreter wirtschaftlicher Interessen und der Macht der Eßgewohnheiten einmal rein theoretisch abgesehen, würde eine Art Gleichberechtigung der Tiere das Selbstverständnis der heutigen Menschen entschieden überfordern. Drei Jahrzehnte eines neuen Denkens sind ein zu winziger Zeitraum, um an den Fundamenten der Pyramide zu rütteln, auf deren Spitze sich der Mensch sieht. Die Tierrechtsbewegung kümmert sich wenig um die ohnehin in absehbarer Zeit nicht realisierbare Umsetzung ihrs Programms in die rechtliche Praxis, feilt aber unentwegt an ihren Theorien und an der erhofften Bewußtseinsveränderung breiter Bevölkerungsschichten, etwa der nachwachsenden jungen Generationen. Vorstöße wie der in Neuseeland können vorerst nur unter besonders günstigen Gegebenheiten und in Teilbereichen gelingen. Einige dieser günstigen Bedingungen lagen hier vor, etwa die, daß es nur wenige Menschenaffen in diesem kleinen Land gibt, aber auch daß der Tierrechtsgedanke in der angelsächsischen Sphäre schon tiefer verankert ist und nicht mehr wie eine utopische Übertreibung wirkt. Vielleicht hat es auch etwas mit Pioniergeist zu tun? Neuseeland war das erste Land der Welt, das das Frauenstimmrecht zugelassen hat – 1893.“


Spanien als Vorreiter in Europa?

Die im letzten Satz geäußerte Vermutung müßte ich heute relativieren, denn der zweite Fall einer Normierung der Rechte von Menschenaffen fand kürzlich in einem Land statt, das traditionell nicht gerade für fortschrittliche Tendenzen stand, schon gar nicht auf dem Gebiet Tierschutz: in Spanien. In der Region Balearen, die u.a. die beliebten Inseln Mallorca und Ibiza umfaßt, hat das – insoweit autonome – Regierungsparlament einstimmig (!) den vollständigen Schutz der Menschenaffen (vor jeder Art Ausbeutung) beschlossen. Es geht damit noch über das neuseeländische Vorbild hinaus. Wie es zu dieser überraschenden Entscheidung gekommen ist, ließ sich bisher nicht eruieren. Aber es kann vermutet werden, daß die Balearen nur vorgeprescht sind und für eine noch viel bedeutsamere Maßnahme ein Zeichen gesetzt haben – für die gesetzliche Aufnahme der „Menschenrechte für Menschenaffen“ in ganz Spanien. Eine entsprechende Gesetzesinitiative wurde nämlich schon 2006 (!) von der Regierung Zapatero und seiner sozialistischen Partei dem Parlament in Madrid vorgelegt. Allerdings ruht sie dort offenbar still vor sich hin. Anfangs gab es, wie nicht anders zu erwarten, einen landesweiten Aufschrei, angeführt von Bischöfen, die das christliche Menschenbild in Gefahr sahen, verulkt von der Presse, naserümpfend kritisiert sogar von der Umweltministerin, die (originellerweise…) darauf hinwies, daß noch nicht alle Menschen(rechts)probleme in der Welt gelöst seien. Es läßt sich von hier aus nicht einschätzen, ob hinter den Kulissen ein Tauziehen stattfindet und wie das Kräfteverhältnis im modernen Spanien aussieht. Wir wissen auch nicht, mit wieviel Nachdruck die Initiative verfolgt wird. Doch schon die Gesetzesvorlage macht staunen – in der heutigen Bundesrepublik Deutschland scheint so etwas nicht einmal am Horizont auf. Sollte das Land des anachronistischen Stier“kampfs“ das erste in Europa werden, das den menschenähnlichen Affen „Menschenrechte“ auf den Grundlagen von Gleichheit und Gerechtigkeit zugesteht? Wenn das geschieht, müßte die Beschämung der ach so tierfreundlichen nördlichen Länder einen Dominoeffekt herbeiführen. (Vom Europäischen Parlament ist freilich keine Bewegung in diese Richtung zu erwarten, haben sich dort doch vor einigen Wochen (im Sommer 2007) nicht einmal genügend Parlamentarier/innen gefunden, die bereit waren, einen in Straßburg eingebrachten Antrag auf Verbot des Stier“kampfs“ in Europa zu unterzeichnen, um wenigstens eine parlamentarische Behandlung formal möglich zu machen.)

Welche Kräfte, noch einmal gefragt und auf Europa eingeschränkt, verhindern die Einführung elementarer Grundrechte für die Great Apes? Die Lobby der Tierversuchsforschung kommt ausnahmsweise kaum in Betracht, da in Europa de facto keine Experimente mehr an Menschenaffen vorgenommen werden. Ob diese erfreuliche Entwicklung der moralischen Einsicht der betreffenden Wissenschaftler zu verdanken ist oder ob die Versuche zu umständlich, zu aufwendig, zu teuer oder zu unergiebig geworden sind, mag dahingestellt bleiben. Der Einfluß von Freizeitjägern, die auf anderen Kontinenten gern mal etwas Menschenähnliches abschießen, dürfte begrenzt sein, ebenso der von Zoodirektoren und Zirkusbetreibern. Die Bevölkerung wäre vermutlich ziemlich leicht zu gewinnen, da sie Sympathien für die spannenden Verwandten hegt und durch ihren Totalschutz wenig bis nichts in ihrem persönlichen Bereich zu verlieren hätte. Der Widerstand der üblichen Verdächtigen dürfte in Nord-, Mittel- und Osteuropa auch wesentlich schwächer sein als in Spanien. Wahrscheinlich fehlt, wie auf anderen Tierrechtsgebieten, schlicht die Kampfkraft der Tierrechtsbewegung sowie das Interesse und der politische Wille der für kurze Zeiträume gewählten Legislativen, der nur durch Nachdruck und Entschlossenheit in Aktion gesetzt werden kann. Oder lauert hinter dem Nichtstun der Politik neben der Großen Gleichgültigkeit doch auch die versteckte Furcht, mit dem Zugeständnis offen deklarierter und gesetzlich verankerter Eigenrechte an die Menschenaffen eine Schleuse zu öffnen, durch die immer mehr Tierarten schlüpfen könnten?


Schimpansen als Türöffner?

Singer/Cavalieri geben offen zu, daß sie das Great Ape Projekt als Türöffner betrachten. Doch auch mit dieser Zielrichtung fanden sie nicht die ungeteilte Zustimmung der von ihnen aufgerufenen Tierrechtler/innen. Viele erklären sich als grundsätzliche Gegner der ganzen Idee, so zum Beispiel Joan Dunayer, die ein Anknüpfen von Tierrechten an die kognitiven Fähigkeiten für falsch und gefährlich erklärt. Das führe zu einer Bevorzugung „hochstehender“ Tiere zulasten derer, die nach menschlicher Bewertung einer niedrigeren Entwicklungsstufe angehören oder deren anders organisierte Intelligenz sich der begrenzten Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Gehirns noch oder für immer entzieht. Die Anknüpfung müsse stattdessen an der Empfindungsfähigkeit der Tiere erfolgen, an der allen fühlenden Lebewesen gemeinsamen Eigenschaft, Schmerz und Freude, Leiden und Wohlbefinden, Befriedigung und Frustration im Inneren erleben zu können. Dies sei und nur dies sei der zwingende Grund, allen „sentient beings“ uneingeschränkte Lebensrechte zu garantieren, soweit sie ihnen von Menschen entrissen wurden und werden.

Ähnliche Einwände stoßen sich an der Betonung des Verwandtschaftsgrads. Warum sollten die Arten, die uns stammesgeschichtlich näher stehen als andere, privilegiert werden? Ist das nicht noch immer handfester Anthropozentrismus? Führt nicht der Weg der „Rechtsverleihung“ an die Great Apes in eine Sackgasse, die die Grenze zwischen Rechtsinhabern und Rechtlosen nur ein wenig über die bisherige Artengrenze hinausschiebt und dort neu befestigt?

Es ist verständlich, daß solche mehr oder weniger differenzierten oder „gefühlten“ Widerstände gegen das Programm einer Sonderstellung der Menschenaffen seine Stoßkraft von innen her dämpfen. Die Begeisterung bleibt lau angesichts der so viel umfassenderen Zielvorstellung, alle Tiere aus dem Gewaltverhältnis zu befreien, das ihnen die siegreiche Art homo sapiens aufgezwungen hat. Andererseits ist zu bedenken, daß „der Mensch“ kein rationales Wesen ist, und schon gar kein altruistisches, und daß Geschichte nie geradlinig verläuft. Der „falsche“ Weg kann zum guten Ergebnis führen, der „richtige ins Nichts oder umgekehrt; unerwartete Einflüße von ganz anderen Seiten oder sogar einzelne Personen können Situationen und herrschende Denkweisen dramatisch verändern. Natürlich entbindet uns das alles nicht von der Suche nach richtigen Wegen, nur ist es vielleicht ratsam, hier im Plural zu sprechen und nicht den jeweils eigenen absolut zu setzen. Selbst rückblickend läßt sich kaum je entscheiden, was bei großen moralisch relevanten Veränderungen in der Geschichte den Ausschlag gegeben hat. Kann man mit Sicherheit sagen, ob nur ökonomische Interessen der Nordstaaten zu Befreiung der Sklaven in den Südstaaten der USA geführt haben oder ob eine Akkumulation menschenrechtlicher Ideen „die Zeit reif“ gemacht hatte oder vielleicht die „Stimmung“, die von einem literarisch unbedeutenden, aber zu Herzen gehenden Buch wie „Onkel Toms Hütte“ ausgegangen war?


Kleine Hoffnung auf den großen Sprung

Für die Großen Menschenaffen wäre eine – globale! – Festschreibung ihrer Lebensrechte wahrscheinlich die letzte Überlebenschance als Arten und für jedes einzelne ihrer Individuen eine ganz reale Befreiung. Dieser letztere Gesichtspunkt gilt schließlich auch da, wenn man einige wenige Hühner aus einer Batterie rettet, obwohl man Zehntausende zurücklassen muß. Der philosophisch-pragmatische Ansatz, die mentalen, sozialen und (!) emotionalen Kapazitäten der Great Apes in die Waagschale zu werfen und auf die leichtere Wiedererkennbarkeit zu spekulieren, mag streitwürdig sein, aber er könnte immerhin Erfolg bringen. Wenn, wie in diesem Fall, der demokratisch-parlamentarische Weg zu gehen ist, muss man taktisch die Mentalität der Anzusprechenden und des gesellschaftlichen Umfelds berücksichtigen, und da ist heute die Rückkoppelung mit der Wissenschaft eine Trumpfkarte.

Die hohe Anerkennung „der Wissenschaft“, wenn sie auch oft genug mit blinder Gläubigkeit verwechselt wird, läßt sich hier sinnvoll nutzen, um ein ethisches Ziel für Tiere zu erreichen. Mit Sicherheit wären noch viel mehr als die dreißig Primatenforscher/innen, Biolog/innen u.a., die sich bereits als Befürworter eines Rechtsanspruchs geäußert haben, für eine nachdrücklich geführte Kampagne zu gewinnen. Wie erfolgreich der geballte Einsatz wissenschaftlicher Erkenntnisse sein kann, zeigt aktuell das gewaltige Echo, das endlich dem Thema Klimawandel zuteil wird – nach jahrzehntelanger Arbeit vieler Einzelner, die sich stets erbitterter Gegenwehr von Interessengruppen ausgesetzt sahen.

In den Anfängen des Great Ape Projekt war (etwas geheimnistuerisch) von einer Eingabe bei den Vereinten Nationen die Rede. Da gehört es auch hin. Warum offenbar nichts daraus geworden ist, müßte sich wohl klären lassen. Jedenfalls sollte das Projekt, das mit so viel Elan begonnen hatte, von den Initiatoren oder anderen wiederbelebt und weiterbetrieben werden, und diejenigen, die im Namen der Ratten und Mäuse, der Kühe und Schweine und Hühner die Privilegierung der Menschenaffen ablehnen, sollten diesen Versuch mindestens nicht blockieren. Die Kühe und Mäuse haben nichts davon. Eine Solidarität im Negativen („Entweder alle oder keiner!“) kann es unter Leidensgenossen nur freiwillig geben. Und niemand kann voraussehen, ob das Aufbrechen der moralisch-juristischen Artengrenze an dieser Stelle in der Folge nicht auch zu einer Bresche für andere Tiere wird. Es ist sogar wahrscheinlich, daß ein geglückter Durchbruch dazu motiviert, es an anderer Stelle wieder zu versuchen. Noch ist Spanien nur eine Hoffnung, die Hoffnung, daß von dort aus den Großen Affen der große Sprung gelingt.


Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch der Autorin haben wir ihre Schreibweise in der ‚alten‘ Rechtschreibung unverändert abgedruckt.


(Der gesamte Vortrag „Menschenrechte für Menschenaffen - nur in Neuseeland?“ aus dem Jahre 2002 ist im Internet nachzulesen unter http://animal-rights.de/bibliothek/diskussion/walden_vortrag_muehlheim_teil2.shtml)

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