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26.01.2009

Prof. Bergmann: Nationalpark-Effekt

Prof. Bergmann: Nationalpark-Effekt

Warum Wildtiere vertraut werden

von Prof. Dr. Hans-Heiner Bergmann


Tiere, die vertraut sind, die nicht in panischer Flucht davonjagen, wenn ein Mensch sich nähert, sondern gelassen weiter das tun, was die Natur ihnen vorschreibt: Das ist für uns Menschen ein Hauch von Paradies. Wir fühlen uns in ihrer Nähe auf besondere Weise in der Natur aufgehoben, in ihr heimisch. Weil wir in den Nationalparks bei den verschiedensten Tieren, wenn sie nicht verfolgt werden, solche Vertrautheit beobachten, spricht man hier vom Nationalparkeffekt. Die Vertrautheit wildlebender Tiere speist sich allerdings aus ganz verschiedenen Quellen.

Der Mornellregenpfeifer – vertraut in menschenferner Natur

Das schönste Beispiel hat einst Bengt Berg in seinem wunderschönen Buch "Mein Freund der Regenpfeifer" geschildert. In den menschenfernen Weiten des lappländischen Fjälls brütet in einer einfachen Mulde am Boden der Mornellregenpfeifer. Der Vogel kennt die Menschen nicht als Feind. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen brachte es Bengt Berg so weit, dass der Vogel neben ihm auf den Eiern saß und schließlich, als der Autor das Gelege in die Hand nahm, sich ruhig auf seiner Hand niederließ und weiter brütete. Doch sind keineswegs alle Vögel in der Arktis so vertraut wie der Mornellregenpfeifer. Auch wenn die Regenpfeifer bei uns während des Durchzugs auftauchen, halten sie größere Fluchtdistanzen ein.

Berühmt sind auch die vertrauten Tiere auf den Galapagosinseln, wo es seit Jahrmillionen keine Feinde für sie gibt. Im Gegensatz dazu sind die meisten Tiere bei uns von Geburt an oder durch Lernen scheu.

Vertrautheit durch Lernen

Kehren wir zurück zum Nationalparkeffekt, wie wir ihm in unseren Küsten-Nationalparks begegnen können. Hallig Hooge, im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Hier finden sich im Mai bis zu 15 000 Ringelgänse ein, die sich auf den Heimzug in ihre arktischen Brutgebiete in Sibirien vorbereiten. Wildgänse sind an sich scheue, misstrauische, aufmerksame Tiere. Aber hier halten sie die auf den Wegen vorbei wandernden Spaziergänger auf 20 Meter Entfernung aus – ein paradiesisches Bild. Für diese Erscheinung gelten einige wichtige Regeln: Die Menschen dürfen den Weg nicht verlassen. Die Vögel dürfen nicht bejagt werden. Die Wege müssen häufig benutzt werden. Je häufiger die Besucher auf den Wegen vorbei kommen, ohne die Vögel zu stören, desto vertrauter werden sie. Den dieser Verhaltensänderung zugrunde liegenden Lernvorgang nennen wir Gewöhnung.

Diese Gewöhnung ist die Chance für die Koexistenz der Wildtiere mit uns Menschen in der vielfach genutzten Zivilisationslandschaft. Nur durch Gewöhnung sind die Tiere in der Lage, mit der Vielzahl der Erscheinungen und Objekte fertig zu werden, die ihnen hier begegnen: Flugzeuge, Traktoren, Pkws, Fahrradfahrer, Fußgänger, Zäune, Häuser, Windkraftanlagen und Vieles mehr. Wichtig ist, dass die Reize ihren vorhersehbaren Platz haben oder vorhersehbaren Bewegungen vollführen. Gewöhnung wird verhindert, wenn die Reize nachteilige Auswirkungen haben. An eine Versteckhütte in der Landschaft, aus der tödliche Schüsse abgegeben werden, wird sich kein Tier gewöhnen. Deswegen sind Gänse in Gebieten, in denen sie bejagt werden, niemals so zahm wie die Ringelgänse in Frühjahr auf Hooge. In Bulgarien, wo sie an den Schlafplätzen und auf den Feldern intensiv bejagt werden, halten Wildgänse Fluchtdistanzen von mehreren Kilometern zu Menschen ein.

Futterzahm - was nicht gemeint war
Insel Baltrum – eine der ostfriesischen Inseln ohne Autoverkehr, im Nationalpark Niedersächisches Wattenmeer gelegen. Wer Ruhe sucht, findet sie hier. Es gibt lange Spazierwege in den Dünen, Wäldchen und Gebüsch, abwechslungsreiche Landschaft für Mensch und Tier. Hier fühlen sich auch die Fasanen wohl. Richtig, sie sind von den Jägern ausgesetzt worden, werden auch einmal im Jahr bejagt. Aber sie pflanzen sich hier auch erfolgreich fort. An den Wanderwegen kann man sie nahe sehen. Ja, noch mehr, sie kommen auf die Spaziergänger zugelaufen, picken nach ihren Schuhen und warten offensichtlich auf Futter. Ein wenig erinnert das schon an die Bären im Zoo, die auf den Hinterbeinen sitzend Bettelbewegungen mit den Pfoten machen, ein Zerrbild ihrer selbst. Den Menschen macht es selbstverständlich Freude, die sonst unzugänglichen Vögel hautnah zu sehen. Aber das ist nicht das Ziel. Ziel in den Nationalparks ist es , Natur Natur sein zu lassen, möglichst unbeeinflusst vom Menschen, weder scheu noch aufdringlich.

Zu vertraut: Gefahr durch Bären und Bisons
In anderen Situationen kann nämlich die Vertrautheit der Wildtiere auch zum Nachteil der Menschen ausschlagen. In nordamerikanischen Nationalparks hat es schon eine Reihe von Unfällen mit Bären gegeben, die gelernt hatten, dass die Besucher leckeres Futter bereit hielten. Die Bären haben nicht eingesehen, dass sie nicht in Autos und Zelte eindringen sollten, wenn es dort nach Futter roch. Heute ist das Füttern der Bären streng verboten. Bären, die sich den Straßen und Parkplätzen nähern, werden betäubt und weggeschafft. Letzten Endes liegt die Schuld für die Unfälle bei den Menschen. Es gibt auch Besucher, die ihre Kinder auf den Rücken eines handzahm erscheinenden Bisonbullen setzen wollen. Auch das kann durch die Unvernunft der Menschen nicht gut ausgehen.

Keine Frage – Bären und Fasanen, das ist schon ein Unterschied. Aber wenn wir die unverbildete Natur sich nach den Zielen des Nationalparks entwickeln lassen möchten, dann gehören futterzahme Tiere nicht dazu. Sie dürfen durch Gewöhnung vertraut sein, aber sie sollen nicht durch Futtergabe in ihrem Verhalten verzerrt sein.

Verschaffen wir den Wildtieren also die Chance, mit uns Menschen gemeinsam in der Landschaft zu leben, indem wir sie nicht angreifen, sie aber auch nicht füttern. Eine Chance auch für uns Menschen, den Tieren nahe zu begegnen – und nicht nur im Nationalpark.

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