Free counter and web stats

26.01.2009

Prof. Carlo Consiglio: Der Widersinn der Jagd





Prof. Carlo Consiglio: Der Widersinn der Jagd

Der Widersinn der Jagd

Von Prof. Carlo Consiglio

Der Jägerschaft nahestehende oder ihrerseits selbst jagende Wissenschaftler haben wiederholt versucht, eine wissenschaftliche Rechtfertigung für die Jagd zu finden. So formulierte zum Beispiel Paul Errington, der die Lebensgewohnheiten der Virginiawachtel in den Vereinigten Staaten wissenschaftlich erfasste, 1934 die sogenannte Theorie der Kompensation. Nach dieser Theorie gibt es eine Überpopulation von Tieren, weil im Frühling und Sommer mehr Tiere geboren werden, als im folgenden Winter überleben können. Dies könne passieren, weil im Winter nur eine beschränkte Futtermenge zur Verfügung steht, weil es viele natürliche Feinde oder keinen weiteren Lebensraum für neue Reviere gibt.

Eine Variante dieser Theorie geht davon aus, dass mehr Tiere geboren werden, als Reviere für die Fortpflanzung im nächsten Frühling zur Verfügung stehen. Deshalb entstehe diese sogenannte Kompensation: Je mehr Tiere im Herbst von den Jägern getötet würden, desto weniger Tiere müssten während des Winters sterben oder würden im Frühjahr von Revieren ausgeschlossen - und so pflanze sich jeweils die selbe Anzahl von Tieren fort.

Allerdings unterscheidet sich die Wirklichkeit deutlich von dieser Theorie. Mit vielen wissenschaftlichen Studien haben Forscher die Kompensationstheorie während der letzten 70 Jahre geprüft. In einigen Fällen wurde diese Theorie bestätigt, in manchen Untersuchungen konnte auch nur eine Teilkompensation gefunden werden. Doch in anderen Studien, besonders aus der aktuellen Forschung in den letzten Jahren, hat sie sich als falsch erwiesen.
In einer weiteren Theorie, der Theorie der sogenannten Sigma-Kurve, heißt es, dass alle Tierpopulationen Mechanismen besitzen, durch die ihre Bestandsgrößen reguliert werden. Werden nun einige Exemplare durch die Jagd getötet, so nimmt die Anzahl der Geburten zu und die Sterblichkeitsrate sinkt, so dass in kurzer Zeit die ursprüngliche Größe dieser Population wieder erreicht wird. Dabei ist die Zuwachsrate des Bestandes dann am größten, wenn die Populationsgröße halbiert wurde. Sollten wir deshalb nur halb so große Populationen anstreben, damit man den Jägern erlauben kann, Tiere zu schießen?
Dies ist mit einem stabilen Naturhaushalt nicht vereinbar!
In anderen Fällen haben wir künstlich vergrößerte Tierpopulationen, weil Jäger die Tiere füttern, um mehr jagbare Beute zu haben.

Einige den Jägern nahestehende Wissenschaftler haben sogar die Behauptung verfochten, dass die Jagd nicht nur möglich und mit dem Naturerhalt vereinbar, sondern für den Erhalt der Natur sogar notwendig sei. Die Zahl der Tiere sei überhöht und die Jäger hätten die Aufgabe, die überzähligen Tiere zu töten. Das ist natürlich völlig falsch.

Man hat dazu auch noch einen Begriff geschaffen: „Hege“, welcher in anderen Sprachen nicht existiert. Hege sei die Jagd mit dem Zweck, die Populationen der wilden Tieren zu regulieren. Aber es gibt keine Notwendigkeit die Tierpopulationen zu regulieren. Tiere regulieren sich selbst!
Andere Forscher, wie zum Beispiel der 1993 verstorbene Kurt Eiberle, Jäger, Professor für Wild und Jagd an der Bundeshochschule in Zürich, und seine Schüler haben in mehreren Veröffentlichungen versucht nachzuweisen, dass Hirsche und Rehe für die Wälder schädlich seien.
Diese Schäden wurden aber mit willkürlichen Grenzwerten begründet: zum Beispiel der Verlust von 22% der jungen Pflanzen oder der Minderung von 5% des natürlichen Nachwuchses, aber auch die Reduzierung der Größenzunahme um 25% bei jungen Bäumen wurden aufgeführt.
In Wirklichkeit können die Wälder aber sehr hohen Verbiss ertragen. Die Forstwissenschaftler denken oft, dass ein Wald ohne Fraßschäden „normal“ sei und halten jeden Verbiss für einen „Schaden“. Doch das Gegenteil ist der Fall: Denn es ist so, dass die Huftiere zu den normalen Bestandteilen des Waldes zählen - und der nicht verbissene Wald ist als „nicht normal“ anzusehen.

Eine weitere sehr verbreitete, aber falsche Theorie besagt, dass Raubtiere die Huftierpopulationen (die deutschen Jäger sprechen hier von Schalenwild) regulieren. Durch die Ausrottung der Räuber (Wolf, Luchs, Raubvögel) würden deshalb die Huftierpopulationen nicht mehr reguliert und vermehrten sich deshalb übermäßig. Aus diesem Grund sei die Jagd notwendig um das Gleichgewicht wieder herzustellen.
In Wirklichkeit zeigen mehrere wissenschaftlichen Arbeiten, dass diese Regulation nur für einige Beutetiere gilt, zum Beispiel für Nagetiere, die von Fleischfressern erbeutet werden. Unter den europäischen Huftieren gilt dies aber nur für Elche, die von Wölfen in arktischen Gebieten gerissen werden. In allen anderen Fällen ist der Prozentsatz der erbeuteten Tiere zu klein, um eine Huftierpopulation regulieren zu können.

Die Jagd ist nicht nur schädlich, weil einige Wildtiere getötet werden, sondern weil sehr viele Tiere durch die Jagd gestört werden. Nehmen wir zum Beispiel einen Teich, in dem hundert Enten schwimmen: Ein Jäger schießt und tötet eine Ente. Die anderen 99 Enten fliegen weg. Dabei machen sie mehrere Rundflüge, um sich an einer anderen Stelle des Teiches wieder nieder zu lassen. Gibt ein weiterer Jäger dort einen Schuss ab und tötet eine zweite Ente, werden die verbliebenen 98 Enten wieder wegfliegen. Dabei machen sie noch mehrere Rundflüge, um sich dann wieder nieder zu lassen - und so weiter. Damit verbrauchen die überlebenden Vögel sehr viel Energie, die sie für die Wanderung oder andere Aktivitäten dringend benötigen würden.

Die Jagd verändert auch das Verhalten der Tiere: Viele Zugvögel sind durch die Jagd gezwungen, ihre Wanderwege zu ändern, um sich der Bejagung zu entziehen. Andere Vogelarten haben es vorgezogen, während der Nacht zu wandern.
In vielen Gegenden bleiben die Hirsche tagsüber im Wald, um sich der Jagd zu entziehen und gehen nur nachts auf die Wiesen, um Nahrung zu sich zu nehmen - und dies ist ebenfalls nicht natürlich. Oder die Hirsche verlassen den Wald gar nicht mehr, um sich der Bedrohung durch die Jäger nicht auszusetzen. Ihre Nahrung beschränkt sich dann allerdings nur auf die Kräuter, die im Wald wachsen. Im Wald wachsen jedoch andere und weniger nahrhafte Kräuter als die auf den Wiesen.

Das künstliche Aussetzen von jagdbaren Tieren ist die degenerierteste Form der Jagd. Werden bestimmte Arten immer seltener, wildert man Wildtiere aus, damit die Jäger sie abschießen können. Echte Wildtiere freizulassen ist aber sehr teuer, und deshalb werden meistens in Farmen gezüchtete Tiere für Jagdzwecke ausgesetzt. Diese Tiere sind aber den hierzulande gegebenen Umweltbedingungen nicht angepasst. Sie haben keine Prägung erhalten, wie sie alle wild lebenden Vögel und Säuger in der natürlichen Umwelt während ihrer juvenilen Prägephasen hauptsächlich durch ihre Eltern erhalten. Sie wissen nicht, wo und wie sie zu ihrem Futter gelangen und kennen ihre natürlichen Feinde ebenfalls nicht. Somit unterbleibt auch das natürliche Fluchtverhalten, so dass etwa 50% von der ausgewilderten Tiere in den ersten zwei Wochen nach der Freilassung umkommt. Für diese sogenannten Besatzmaßnahmen werden oft exotische Tierrassen verwandt, die nicht der ursprünglichen, lebensraumtypischen Form entsprechen. Diese exotischen Rassen können die Urrasse verdrängen und denn aussterben, weil sie für die Umwelt nicht geeignet sind. Als Beispiel dienen hier zwei lokal begrenzte Hasenarten in Italien: Durch eine solche Besatzmaßnahme mit Hasen aus Mittel- und Osteuropa sind die Rassen der iberischen Peninsula und Argentina in Italien fast verschwunden. Für Besatzmaßnahmen bei Wildschweinen hat man Rassen aus Mitteleuropa und auch mit dem Hausschwein gekreuzte Tiere verwendet. Diese haben nicht nur viel Schaden verursacht, sondern auch die beheimateten, kleinen Rassen aus Mittel- und Süditalien verdrängt. Die italienisch endemische Rasse des Rebhuhns ist infolge von Dauerbesatzmaßnahmen mit Rassen von Nord- und Osteuropa leider ausgestorben. Die neuen Rassen haben zunächst die italienische Rasse ersetzt und sind dann verschwunden, weil sie nicht an diesen Lebensraum angepasst waren.

Die Jagd wird durch zwei europäischen Richtlinien geregelt: Die Jagd auf Vögel ist durch Richtlinie 79/409/EWG, die Jagd auf Säugetiere durch Richtlinie 92/43/EWG geregelt. Man könnte nun denken, dass diese beide Richtlinien sich auf wissenschaftliche Grundlagen stützen. Diese Annahme ist aber falsch. Dazu zwei Beispiele: Anlage II/1 und II/2 der Vogelrichtlinie enthält die Vogelarten, die in den Mitgliedstaaten bejagt werden dürfen. Dabei enthält die Anlage II/1 24 Vogelarten, die überall in der europäischen Union gejagt werden können, während Anlage II/2 zusätzlich diejenigen Vogelarten enthält, die nur in einigen Mitgliedstaaten gejagt werden dürfen. Die Zahl dieser Extra-Vogelarten, die zusätzlich zu den 24 überall freigegebenen Arten gejagt werden können, ist bei jedem Mitgliedsland unterschiedlich: In Frankreich sind dies 41, in Dänemark 32, in Großbritannien 21 , in Griechenland 20, in Deutschland und in Italien 18, in Spanien 17, in Portugal 14, in Irland 13, in Belgien 12, in den Niederlanden 7 und in Luxemburg 3. Angesichts dieser Zahlen darf man vermuten, dass hier der wissenschaftliche Hintergrund völlig fehlt. Warum dürfen zum Beispiel nur drei weitere Arten in Luxemburg gejagt werden, obwohl dieser Mitgliedsstaat zwischen Frankreich und Deutschland liegt, wo 41 oder 18 weitere Arten bejagt werden dürfen? Sehr wahrscheinlich wurden diese Zahlen nicht aus wissenschaftlichen, sondern aus politischen Gründen festgelegt - wahrscheinlich auch aus dem Wunsch heraus den örtlichen Traditionen nachzukommen. Nur so ist zu erklären, warum die europäische Union es unter allen Mitgliedstaaten nur Deutschland erlaubt hat, den Höckerschwan zu bejagen.
Ein weiteres Beispiel: Viele Vogelarten, deren Bejagung die europäische Union allen oder einigen Mitgliedstaaten erlaubt, sind sehr selten und von der Ausrottung bedroht, wie zum Beispiel Knäkente, Haselhuhn, Birkhuhn, Auerhuhn, Steinhuhn, Rebhuhn, Wachtel, Uferschnepfe, Pfuhlschnepfe, Regenbrachvogel und Großer Brachvogel. Wäre die Liste der jagdbaren Vogelarten auf wissenschaftliche Grundlagen gestützt, müssten diese seltenen Arten aus der Liste sofort gestrichen werden.

Die Jagd ist auch antidemokratisch: Eine Minderheit der Bevölkerung, die Jäger, eignet sich die Natur und die darin lebenden Wildtiere an, die eigentlich der ganzen Bevölkerung gehören.
Eine Umfrage zeigte bereits 1996, dass 71% des deutschen Volks die Abschaffung der Jagd befürwortet. Die Jagd existiert aber immer noch!
Dieselbe Situation zeigt sich im Ausland: Eine Umfrage 1990 in Italien hat gezeigt, dass 70,5% der Bevölkerung für die Abschaffung der Jagd stimmt. Eine weitere Umfrage in Italien aus dem Jahr 2001 hat gezeigt, dass 87% der Bevölkerung sich gegen die Jagd von kleinen Vögeln, wie Finken oder Sperlingen ausspricht. Eine Umfrage aus Frankreich von 2001 zeigt, dass 70% der Bevölkerung befürwortet, dass die Jagd an einigen Wochentagen verboten werden sollte.

Die Jagd ist auch gefährlich für die Bevölkerung: In Italien wurden 34 Personen während der Jagdsaison 2001-2002 durch Jagdunfälle oder Jagdwaffen getötet. Der gefährlichste Jagdtyp ist dabei die Wildschweinjagd, bei der einige Leute die Tiere in Richtung der Jäger treiben, da die Jäger sofort schießen, wenn sie sehen, dass sich etwas zwischen den Blättern bewegt. Das kann dann wohl ein Wildschwein sein, oder ein anderes jagdbares Tier, vielleicht aber auch ein nicht jagdbares Tier oder ein anderer Jäger, ein Wanderer, ein Pilzsammler oder gar ein Liebespärchen, das sich in einem Busch tummelt.

Die Jagd ist eine archaische Tätigkeit. Sie hat ihre Funktion verloren. In der Vergangenheit diente sie zur Ernährung. Heute geht niemand mehr zur Jagd um sich zu ernähren.
Jagd ist auch kein Sport: Eine Tätigkeit, die empfindenden Wesen Schmerzen zufügt, kann nicht als Sport anerkannt werden.
Ich glaube, dass das Ende der Jagd nahe ist - auch wenn wir Jagdgegner nichts weiteres unternehmen würden, wird sie aussterben.
Unsere Arbeit dient aber dazu, das Ende der Jagd zu beschleunigen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen




Shop Kontakt Newsletter Linkliste Tierfreunde Nord Forum/Community -Tierheim ! Literatur-Tipps Himmlisch-gut.de Tiertafel Global 2000: Die Gebirge Europas + Das Mittelmeerbecken + Die Seen des grossen afrikanischen Grabenbruchs + Die Akaziensavanne Ostafrikas + Das Kongobecken + Die Kappellen + Die Wälder Madagaskars + Die Regenwälder der Malediven, Lakkadiven und Chagos-Inseln + Die Savannen und Grasländer des Terai-Duar + Die Wälder der Sundarbans + Die Sumpfwälder Borneos + Die Daurische Steppe + Die Sibirische Taiga + Das Bering-Meer + Die Wüste im Nordwesten Australiens + Das Great Barrier Reef + Die Wälder Neukaledoniens + Die Wälder der Haweii-Inseln + Die Osterinseln + Die Galapagos-Inseln + Die Prärien Nordamerikas + Die Chihuahua-Wüste + Die grossen Antillen: Kuba + Die Los-Llanos-Savanne in Kolumbien und Venezuela + Das Amazunasbecken + Die Patagonische Steppe + Die antarktische Halbinsel und das Wedell-Meer