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20.01.2009

Schritte auf einer wackeligen Brücke

Schritte auf einer wackeligen Brücke

Kongress für eine kritische Theorie zur Befreiung der Tiere in Hamburg von Tina Möller

Hamburg, 17.-19. Februar 2006: Ein großes, blauweißes Transparent mit der Aufschrift „ANIMAL LIBERATION – Solidarität mit den Opfern speziesistischer Gewalt“ überragte die Rednertische. Im großen Seminarraum des Instituts für Politische Wissenschaft an der Hamburger Universität beschäftigten sich drei Tage lang unterschiedliche ReferentInnen mit einem Thema, das bisher immer noch weitgehend aus öffentlichen Debatten herausgehalten bzw. kleingehalten wird, das immer noch belächelt wird: Das menschliche Verhältnis zu den Tieren. Dabei ging es vor allem um die Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses im Zusammenhang mit allgemeinen gesellschaftlichen (Macht-)Verhältnissen.

Der Kongress, der von der TAN (Tierrechts Aktion Nord) konzipiert und durchgeführt wurde, trug den Namen „...dass der Mensch das steinerne Herz der Unendlichkeit erweicht“ in Anlehnung an ein Zitat von Max Horkheimer. Der Mitbegründer der Kritischen Theorie mahnte, dass die menschliche Verhärtung gegen die Natur aufzulösen sei. In diesem Sinne wurde die Tagung von den VeranstalterInnen auch konzipiert, um den Tierbefreiungsgedanken mit der Philosophie der Kritischen Theorie zu verbinden. „Wir verstehen unseren Kongress als Experiment: Denn wir wollen eine wackelige Brücke beschreiten, die die Kluft zwischen dem traditionsreichen Marxismus und einem vergleichsweise jungen herrschaftskritischen Naturverständnis verbunden mit dem noch theoriearmen Tierbefreiungsgedanken überwinden könnte“ erklärte die hauptsächliche Organisatorin des Kongresses, Susann Witt-Stahl einleitend. Dabei stellte sie heraus, dass es um eine Theorie gehe, „die nicht nur vielleicht, sondern unbedingt eine unverbrüchliche Solidargemeinschaft des Menschen mit allen quälbaren Körpern zum Ziel hat“.


Elf ReferentInnen unterschiedlicher Herkunft widmeten sich bei diesem Kongress dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Dies erfolgte dabei nicht immer aus marxistischer Perspektive. Zu den RednerInnen gehörten Michael Fischer, Agnese Pignataro, Christoph Türcke, Marcus Hawel, Ben Watson & Esther Leslie, Marco Maurizi, Gunzelin Schmid Noerr, Colin Goldner, Günther Rogausch, Melanie Bujok und Susann Witt-Stahl.

Es waren zum Teil neue Gedankenexperimente, vor allem bei ReferentInnen, die sich erstmalig dem Thema Mensch-Tier-Verhältnis öffneten. Andere RednerInnen hingegen demonstrierten ihre jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Mensch-Tier-Thematik und brachten ihre neuen weitgedachten Erkenntnisse zum Ausdruck. Die Vorträge reichten von rein informellen und alltagsverständlichen Ausführungen bis hin zu hochkomplexen philosophischen oder sozialwissenschaftlichen Überlegungen. Dabei zeigte sich eine Fülle von unterschiedlichen Ansichten und Einsichten, die auch für Diskussionsstoff sorgten.


Als ein Ergebnis des Kongresses erscheint im November 2006 ein Sammelband, in dem alle Vorträge wiedergegeben werden (siehe Kasten auf der nächsten Seite). Außerdem wird diese Sammelschrift auch einen tierrechtskritischen Beitrag von Arnd Hoffmann enthalten, dessen angekündigter Vortrag beim Kongress ausgefallen war.


Im Folgenden werden einige Beiträge kurz vorgestellt:

Der Kriminologe Michael Fischer beschrieb in seinem Referat „Tiere als Rechtssubjekte“ über historische Phänomene von Personifizierungen von Tieren, die in unserem heutigen Gesellschaftssystem als höchst irrational erscheinen: So wurden vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit in verschiedenen europäischen Ländern Tiere als Rechtssubjekte konzipiert, in dem sie bei bestimmten „Vergehen“ ihrerseits vor Gericht gestellt wurden. So berichtete er beispielsweise, dass ein Schwein per Gerichtsurteil auf einem öffentlichen Platz hingerichtet wurde, weil es ein Kind getötet und gegessen haben soll. Berichten zufolge sollen sogar Ratten vor ‚strafrechtlichen’ Vernehmungen ausgenommen worden sein, weil sie auf dem Weg zum Gericht von Katzen hätten aufgelauert werden können. So absurd es sich anhört: „Ein genauerer Blick auf die Tierprozesse sowie […] das moderne System der tierschutzrechtlich geregelten industrialisierten Tierausbeutung offenbart […], dass die moderne Gesellschaft keineswegs eine rationalere Konzeption des Status der Tiere entwickelt hat.“ (Anm. der Redaktion: Eine Rezension über die Veröffentlichung von Fischer erscheint in der nächsten Ausgabe der Tierbefreiung)


Marco Maurizi aus Rom fragte in seinem Beitrag „Die Zähmung des Menschen als introjizierter Speziesismus“: Gibt es eine implizite Verbindung zwischen Sexismus, Rassismus und Speziesismus, wie viele TierrechtsaktivistInnen argumentieren? Und von welcher Art ist solche Verbindung? Dabei konstatierte Maurizio, dass aus historischer Sicht nicht ersichtlich wäre, dass die Herrschaft über Tiere die Voraussetzung der Gewalt über Frauen und andere „Rassen“ sei. Aber auch aus theoretischer Perspektive stellte er in Frage, ob Speziesismus eine universellere, allgemeinere „Ideologie“ ist als Sexismus und Rassismus, wie z.B. der Tierrechtsphilosoph Peter Singer meint. Die „echte“ Geschichte hätte gezeigt, dass der erste Schritt der Herrschaft über die Natur durch die Zähmung der inneren Natur des Menschen entstanden ist.


Der klinische Psychologe Colin Goldner, Vorsitzender des Münchner „Forum für kritische Psychologie“ (dessen Tätigkeit u.a. darin besteht, unsaubere Machenschaften von Sekten aufzudecken und den Geschädigten Hilfestellung zu geben) informierte sehr anschaulich über die sonderbaren Lehren der religiösen Gemeinschaft „Universelles Leben“. Den oft zitierten Antisemitismusvorwurf gegen diese Glaubensgemeinschaft entkräftete er jedoch resolut, aber „alles andere reiche, um sich vehement von ihnen abzugrenzen!“ Dazu zählen abstruse Kulthandlungen, die Ausbeutung ihrer AnhängerInnen, eine rigide Reglementierung der Sexualität, undurchsichtiges Finanzgebaren sowie die haarsträubende Doktrin der „Prophetin Gabriele“, von der Goldner vermutet, dass sie an einer schizophrenen Persönlichkeitsstörung leide. Mit seinen Tierrechtsaktivitäten würde das UL seine eigene Ideologie verschleiern.


In ihrem Vortrag zu einer „Wissenschaft ohne Opfer“ appellierte Agnese Pignatoro dafür, in der Tierrechtsdebatte zukünftig auf das wissenschaftsimmanente Argument gegen Tierversuche zu verzichten, denn nicht nur die Vivisektion würde diese medizinwissenschaftliche Autorität unterstützen, sondern auch deren Einwand auf gleicher kontextueller Sprachebene. Vielmehr gelte es (und hier argumentierte sie mit Foucault), die Kontrolle des Körpers zu hinterfragen, über den diese Wissenschaft ihr Wissen produziere.


In einem Referat zu „Tierliebe, Tierschutz und Noblesse Oblige“ forderte Günther Rogausch, dem Speziesismus auf ideologiekritischer denn aus tierethischer Ebene zu entgegnen. Dieses diene sowohl der politischen Prozessbildung und wirke der Beliebigkeit und Austauschbarkeit differierender Konzepte von Tierliebe, Tierschutz und Tierrecht als bloßem Label entgegen. Dabei setzte er sich kritisch mit den ethischen Entwürfen von Bentham, Singer und Regan auseinander, die sich, wie weite Teile der Tierrechtsbewegung auch, auf Leid statt Unterdrückung und Ausbeutung beriefen, beklagte Rogausch.


Daran anknüpfend unterstrich Melanie Bujok in ihren Ausführungen über das „Widerstandsrecht“ Differenzen zwischen Herrschaft und Ausbeutung, die im Tier-Mensch-Verhältnis signifikante Bedeutung erlangen. Herrschaft liege nur dann vor, wenn der Beherrschte sich der Herrschaft nicht widersetze, sondern diese annehme bzw. sich nicht in geeigneter Form dagegen aussprechen kann. Bei Tieren handele es sich demnach um Ausbeutung und Unterdrückung. Sie diskutierte den Mangel tierlichen Drohpotentials und das Legitimitätsdefizit ihrer selbsternannten menschlichen VertreterInnen in der Tierbefreiungsbewegung, wobei sie „Solidarität“ als geeignete Herangehensweise offerierte.


Abschließend nahm sich Susann Witt-Stahl der Holocaustrhetorik und der vereinfachten Vereinnahmung der Shoah durch Teile der Tierrechtsbewegung an, welche sie exemplarisch an PETA’s Kampagne „Der Holocaust auf deinem Teller“ dokumentierte. Dabei charakterisierte sie diese als dumpfe Skandalisierung, die nicht nur das Singularitätsparadigma in Frage stelle, sondern sich bereits in der mythischen Figur der Juden als rhetorischer Figur historische und zeitgenössische Instrumentalisierung erfuhr und erfährt. Auch wenn Juden wie Tiere behandelt wurden, hieße das im Umkehrschluss nicht, dass Tiere wie Juden behandelt werden, sondern sie würden wie Tiere behandelt. Die identifikatorische Übernahme des „Juden“ und des Holocausts durch die antideutsche Bewegung etwa diene der mutwilligen und falschen Opferkreation. Gegen die antideutsche Bewegung fand sie sehr energische Worte und resümierte, dass man sich diesem Phänomen eher aus sozialpsychologischer Perspektive nähern sollte.


Interview mit den Mitveranstaltern der „Tagung zur Kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere“ Guido und Frank aus Hamburg

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