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20.01.2009

So nah und doch so fern?

So nah und doch so fern?

Betrachtungen zum Mensch-Tier-Verhältnis von Angela Schiefer


Tagtäglich haben wir es mit Tieren zu tun, sei es direkt – der Gesang der Vögel, den wir wahrnehmen, die „lästige“ Fliege im Zimmer, die Katze, die sich auf dem Hof sonnt – oder indirekt – die skrupellos Pelz tragenden Diven in Zeitschriften und Fernsehen, die Ledermöbel, auf denen wir sitzen, das Schnitzel auf dem Mittagstisch. Doch die wenigsten machen sich Gedanken über ihr Verhältnis zu den Tieren, außer vielleicht ihren geliebten Haustieren. Selten ist das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren im öffentlichen Blickpunkt. Braunbär Bruno, der getötet wurde, weil er sich nicht so verhielt, wie Menschen es von ihm erwarteten, war eine Ausnahme. Für die meisten ist es selbstverständlich, dass wir Menschen über Tiere bestimmen und sie für alle unsere Bedürfnisse benutzen können. Natürlich würde die Mehrheit sich nicht aktiv an Tierquälerei beteiligen, doch profitiert sie davon, und nur wenige setzen sich dagegen ein - nicht ohne oft auf massiven Widerstand und herablassenden Spott zu treffen.

Der Blick, mit dem Tiere wahrgenommen werden, ist oft nur darauf gerichtet, was für einen Nutzen sie haben können. Da werden Diskussionen geführt, ob man Tiere als Organspender züchten darf, Tiere werden als Therapeuten und Tröster in der Einsamkeit eingesetzt, Prominente ziehen Hunde wie Barbiepuppen an und tragen sie als Accessoire mit sich herum, 11 Millionen Tiere wurden im Jahr 2004 allein in der EU in Tierversuchen gequält. Tiere werden in menschliche Kategorien gepresst. In Fernsehsendungen geht es darum, welches Haustier das schlaueste ist. Manche Tiere werden verniedlicht als Kuscheltiere und andere als Bestien dämonisiert.

Grundsätzlich ist es nicht unbedingt zu verurteilen, dass wir Tiere nach menschlichen Maßstäben einordnen, wir haben ja keine anderen. Dennoch müssen wir fragen, ob wir diese so absolut setzen dürfen und nicht vielmehr Ehrfurcht vor dem haben sollten, was wir an den Tieren nicht ergründen können.

Immer wieder wird versucht, die Überlegenheit des Menschen gegenüber dem Tier biologisch zu begründen. Dies ist jedoch problematisch, da der Unterschied zwischen dem Menschen und seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen, molekulargenetisch gesehen nur sehr gering ist. So unterscheiden sich Mensch und Schimpanse nur in 1,6 % ihrer Erbanlagen voneinander. Der Evolutionsbiologe Jared Diamond geht so weit zu folgern, dass die traditionelle Unterscheidung zwischen Mensch und Menschenaffe nicht der Realität entspricht. Die deutliche Abgrenzung zwischen Mensch und Tier wird schwierig. Welches ist denn nun das Kriterium, das den Unterschied von Mensch und Tier eindeutig belegt? Ein Unterschied zwischen Mensch und Tier liegt im Neocortex, der Hirnregion, in der Willensimpulse, Sprachzentren und Regionen der Begriffsbildung ihren Sitz haben. Ein weiterer Unterschied ist die menschliche Sprache, zu der der Mensch durch seinen einzigartig gebauten Kehlkopf in der Lage ist. Affen können einige hundert Wörter unserer Sprache lernen, wobei es fraglich ist, ob sie den Sinn verstehen. Wir dürfen jedoch daraus nicht ableiten, dass Affen eine minderwertige Sprachfähigkeit haben, vor allem dann nicht, wenn wir bedenken, dass wir nicht halb so viele Sprachzeichen von Schimpansen verstehen wie sie Wörter unserer Sprache erlernen können. Außerdem haben Affen ein sehr differenziertes Kommunikationssystem, in dem sie keine Sprache nach Menschenart benötigen. Deswegen sind sie nicht weniger intelligent, sie sind einfach in manchen Bereichen anders als wir. Wir sollten uns hüten, anzunehmen, dass Tiere kein Bewusstsein haben, nur weil wir es nicht messen können und uns deswegen als „Krone der Schöpfung“ betrachten. Die Einsicht, dass wir über das, was in den Tieren vorgeht, nichts sicher wissen können, aber auch die Beobachtung, dass sie uns in vielerlei Hinsicht ähnlich erscheinen (z.B. was Schmerzempfinden, Bedürfnisse, Sozialverhalten betrifft), sollte dazu führen, dass wir vor ihnen und dem Geheimnis des Lebens Respekt haben. Wir können kein verbindliches Wissen über das Innenleben der Tiere haben, sollten aber ihre Interessen, die wir durch Analogieschlüsse vermuten, respektieren und den Tieren soweit wie möglich gewaltfrei begegnen. Dabei ist es nicht wichtig, ob Tiere genau gleich empfinden wie wir, sondern dass sie überhaupt empfinden. Das Ziel ist nicht, Tiere unbedingt zu lieben oder sie mit Menschen gleichzusetzen, sondern sie zu achten, auch wenn sie zum Teil anders sind.

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