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20.01.2009

Sodomie – Tierschutzethische und rechtsphilosophische Aspekte

Sodomie –
Tierschutzethische und rechtsphilosophische Aspekte

Jörg Luy


Einführung
In der Philosophie gibt es einen Zweig zur Erkundung des moralisch-korrekten Umgangs mit Tieren. Dieser Zweig der philosophischen Ethik wird als Tierschutzethik, oder kurz Tierethik, bezeichnet. Deren Frage nach moralischen Geboten und Verboten im Umgang mit Tieren ist in den letzten drei Jahrzehnten ein wachsendes Interesse entgegen gebracht worden. Infolge der durch sie stimulierten Reflexion und Diskussion des menschlichen Verhaltens gegenüber Tieren wurde auch der Gesetzgeber zunehmend aktiver. Die tierschutzrechtliche Umsetzung moralischer Normen weist in Europa seit den 1970er Jahren ein langsam, aber stetig steigendes Niveau auf. Dabei gehen den juristischen grundsätzlich ethische Normen voraus. Kurz vor dem Einsetzen dieser positiven Entwicklung wurde 1969 die Sodomie ersatzlos aus dem deutschen Strafrecht gestrichen. Die Sodomie, oder Zoophilie (wörtlich: Zuneigung zu Tieren) wie die Betroffenen selbst ihren sexuellen Kontakt zu Tieren euphemistisch nennen, stellt bis heute eine Art Tabuthema dar und ist in Deutschland nicht untersagt, solange den Tieren dabei „erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden“ sowie der Tod erspart bleiben (§17 und §18 Tierschutzgesetz). Die in der tierärztlichen Praxis bekannteren, mit absichtlicher Schmerzzufügung beim Tier verbundenen (sadistischen) Sodomieformen hingegen, sind durch das Tierschutzgesetz verboten. Aus ethischer und rechtsphilosophischer Sicht stellt sich allerdings die Frage, ob Sodomie/Zoophilie nicht doch ein generelles moralisches Problem darstellt, und ob im Falle unmoralischen Verhaltens rechtliche Sanktionen drohen sollten oder nicht.


Leidensfähigkeit
Seit Aristoteles wurde den Tieren, anders als den Pflanzen, pauschal Empfindungsfähigkeit zuerkannt, wenn auch lange Zeit ohne nennenswerte moralische Konsequenzen. Erst zwei Jahrtausende später bezweifelte René Descartes nach seinem Studium einfacher Tiere (Insekten, Würmer, Muscheln) die Richtigkeit dieser Einschätzung und formulierte daraufhin, ebenfalls unzulässig pauschalisierend, seine das gesamte Tierreich betreffende Automatenhypothese. Diese Vermutung provozierte ihrerseits Widerspruch vor allem für die höher entwickelten Tiere, denen bewusste Empfindungsfähigkeit (Beseeltheit, Leidensfähigkeit) allgemein zugestanden wurde. Infolge weiterer Pauschalisierungen ist der Streit um die Frage, welche Tiere mehr sind als bloße Automaten, ähnlich einem Jojo noch mehrere Male hin und her gegangen, und völlig geklärt ist der Grenzverlauf zwischen den automatisch agierenden und den bewusst fühlenden Lebewesen bis heute nicht. Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts und ihrem Bestreben, die kirchliche Ethik durch eine für jedermann nachvollziehbare rationale Ethik zu ersetzen, hat sich auch die Einsicht verbreitet, dass moralische Pflichten nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern grundsätzlich auch gegenüber den bewusst fühlenden und damit leidensfähigen Tieren bestehen – selbst wenn über die Leidensfähigkeit mancher Tiergruppen noch kein wissenschaftlicher Konsens erzielt wurde. Diese Rücksichtspflicht gegenüber den leidensfähigen Tieren stellt heute eine Gemeinsamkeit fast aller tierschutzethischen Konzepte dar. In dem Bemühen auf der Seite gesicherter Erkenntnisse zu bleiben, betrachtet das heutige Tierschutzgesetz zumindest sämtliche Wirbeltiere (Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische) als mit Sicherheit schmerzempfindungs- und leidensfähig.


Anthropozentrischer Tierschutz
Die Frage der tierischen Empfindungsfähigkeit war im 18. Jahrhundert noch vergleichsweise offen. Als Immanuel Kant den Tierschutz in seine Ethik aufnehmen wollte, sah er sich mit dem von Descartes aufgeworfenen Problem, bei welchen Tieren es sich bloß um Automaten handelt, konfrontiert. Für den Nachweis fremder Subjektivität gab und gibt es jedoch kein wissenschaftliches Verfahren. Kant entschied sich daher für einen Umweg: Tierquälerei sei schon deswegen unmoralisch, weil sie zu charakterlicher Abstumpfung und Verrohung beitrage, was nicht im Interesse der menschlichen Gemeinschaft liege. Über einen ähnlichen Umweg wurde dann ein knappes Jahrhundert später der Tierschutzgedanke auch in das Strafrecht des deutschen Kaiserreichs aufgenommen: Öffentliche und/oder Ärgernis erregende Tierquälerei wurde strafbar. Ethische Argumentationen zum Umgang mit Tieren aufgrund menschlicher Interessen werden als anthropozentrischer Tierschutz bezeichnet (gr. anthropos = Mensch); sie sind beispielsweise dann besonders hilfreich, wenn über das subjektive Empfinden der Tiere Unklarheit herrscht.


Pathozentrischer Tierschutz
Sobald jedoch weitgehende Einigkeit über die Leiden besteht, die bestimmte Umgangsformen den Tieren verursachen, erscheint die indirekte Argumentation unbefriedigend. Konsens über die Empfindungsfähigkeit vorausgesetzt entspricht direkte Rücksichtnahme weit besser unseren moralischen Empfindungen bzw. unserem Ungerechtigkeitsgefühl. Etwa zeitgleich mit Immanuel Kant formulierte am Ende des 18. Jahrhunderts Jeremy Bentham einen säkularen Ethikentwurf, dessen Zielsetzung darin besteht, immer das unter den gegebenen Bedingungen „größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl“ herbeizuführen (Utilitarismus). Auch Bentham weicht einer eindeutigen Antwort auf die von Descartes aufgeworfene Frage aus, welche Tiere lust- und leidensfähig sind; er betont jedoch, dass gegenüber allen denjenigen Tieren, an deren Leidensfähigkeit wir nicht zweifeln, direkte moralische Pflichten bestehen. Diese Argumentationsform wird als pathozentrisch bezeichnet (gr. pathos = Leiden) und liegt z.B. dem Anfang der 1930er Jahre verabschiedeten ersten deutschen Tierschutzgesetz zugrunde. Dessen amtlicher Begründung ist zu entnehmen, dass fortan im Tierschutzrecht keine indirekten, anthropozentrischen Argumente mehr verwendet werden sollten.


Ethischer Tierschutz
Dieses rein pathozentrisch argumentierende, erste deutsche Tierschutzgesetz blieb bis 1972 in Geltung, d.h. bis drei Jahre nach der Abschaffung des Sodomie-Paragraphen im Strafrecht; dann wurde es durch die Urform des derzeitigen Tierschutzgesetzes abgelöst, welches sich seitdem am sog. ethischen Tierschutz ausrichtet. Der ethische Tierschutz ist mittlerweile zum grundgesetzlichen Staatsziel der Bundesrepublik Deutschland erhoben worden. Dieser Begriff umfasst sowohl die pathozentrischen als auch wieder (bzw. zusätzlich) die anthropozentrischen Argumente. Auffälligste Neuerung dieses Gesetzes ist die Aufnahme des Tiertötungsverbotes (§ 1 und § 17 TierSchG), welches auch absolut angst- und schmerzlose Tiertötungsformen einschließt und infolgedessen zum anthropozentrischen Tierschutz zählt. (Praktisch wird das Lebensrecht allerdings größtenteils durch die Ausnahmeregelung zur „Tiertötung aus vernünftigem Grund“ außer Kraft gesetzt; Leidensminimierung, z.B. die Pflicht zur finalen Betäubung, ist selbstverständlich und bereits im Vorgängergesetz vorgeschrieben gewesen.) Ein zweites anthropozentrisches Tierschutzargument kam später mit dem – durch § 11b TierSchG ausgesprochenen – Verbot der Züchtung auf Aggressionssteigerung (primär bei sog. Kampfhundrassen) hinzu.


Notwendigkeit der Neubewertung
Beachtenswert ist, dass die Aufhebung des Sodomie-Paragraphen im Strafrecht zu einer Zeit erfolgte, als im menschlichen Umgang mit Tieren lediglich pathozentrische Argumente verwendet wurden. Folgerichtig wird die Sodomie seitdem nur dann verfolgt, wenn dem Tier nachweislich „erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zugefügt werden. Mittlerweile hat sich jedoch das tierschutzethische Leitbild entscheidend verändert bzw. erweitert, und zusätzlich zu den pathozentrischen sind nun auch anthropozentrische Argumente im Tierschutzrecht nicht nur zulässig, sondern von grundlegender Bedeutung.

Für die Sodomie folgt daraus die Notwendigkeit einer Neubewertung; denn die heutige Situation ermöglicht es, zum Schutze schwer fassbarer, aber berechtigter Interessen anthropozentrische, d.h. indirekte Tierschutznormen zu formulieren. Ein generelles Sodomieverbot ließe sich heute, anders als 1969, widerspruchsfrei in das Tierschutzrecht integrieren.

Auf den ersten Blick erscheint die derzeitige, pathozentrische Schutzregelung bei sodomitischen Handlungen völlig ausreichend; denn es scheinen ja sämtliche Fälle, in denen ein Tier der Gefahr körperlicher oder seelischer Schäden ausgesetzt wird, in das Tierschutzrecht einbezogen zu sein. Dass die derzeitige Regelung in mehrfacher Hinsicht Schwachstellen aufweist, zeigt sich erst bei näherer Betrachtung.

Zum einen muss aufgrund der Kommunikationsbarriere zwischen Tier und Mensch naturgemäß unklar bleiben, wie ein sodomitischer Missbrauch vom Tier empfunden wird, solange aus tierärztlicher Sicht keine Indizien für „erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden“ auszumachen sind. In Analogie zum Menschen muss davon ausgegangen werden, dass die erhebliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens („Leiden“) sich nur unvollständig aus im nachhinein erhobenen, ärztlichen Befunden rekonstruieren lässt. Zum anderen können Tiere ihren Missbrauch nicht selbst strafrechtlich geltend machen, sondern sind dazu auf menschliche Hilfe angewiesen. Ihnen gegenüber besteht deshalb eine sehr weitreichende paternalistische Schutzpflicht (lat. pater = Vater), wie gegenüber Kindern oder anderen besonders schutzbedürftigen Menschen.

Der paternalistischen Fürsorgepflicht gegenüber Tieren widerspricht ganz offensichtlich die gegenwärtige rechtliche Erlaubnis zu sexuellem Missbrauch von Tieren. Dabei hat der Gesetzgeber diese Fürsorgepflicht in der Zwischenzeit wiederholt anerkannt. Beispielsweise heißt es seit 1986 in § 1 des Tierschutzgesetzes: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen.“ Mit dem Gesetz zur Verbesserung der Rechtsstellung des Tieres im bürgerlichen Recht wurde dann 1990 vom Gesetzgeber rechtsverbindlich festgestellt: „Tiere sind keine Sachen.“ Und durch die Änderung des Artikels 20 a des Grundgesetzes im Jahre 2002 ist der Schutz der Tiere sogar zum Staatsziel erhoben worden: „Der Staat schützt [...] die Tiere [...] durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“

Zur Umsetzung dieser Fürsorgepflicht müsste das Tierschutzrecht so gestaltet werden, dass die Gefahr körperlicher oder seelischer Schäden für die Tiere von vornherein minimiert ist. Dem kommt das deutsche Recht, welches derzeit nur Sodomiefälle verbietet, die nachweislich mit „erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden“ verbunden sind, also vor allem aus zwei Gründen nicht nach:

Die derzeitige Trennung in zulässige und unzulässige (mit „erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden“ verbundene) Sodomieformen lässt den Umstand der nur in seltenen Fällen möglichen Nachweisbarkeit von Leiden außer acht. – Die Fürsorgepflicht gebietet daher, den juristischen Grenzverlauf in praktikabler Weise neu zu fassen, z.B. durch ein generelles Sodomieverbot im Tierschutzrecht.
Die derzeitige Trennung in zulässige und unzulässige Sodomieformen berücksichtigt außerdem nicht, dass es sich bei den betroffenen Tieren a) um unmündige Wesen handelt, deren Missbrauch b) in erheblichem Umfang im Verborgenen stattfindet. – Die Fürsorgepflicht gebietet daher, Rechtsmittel einzusetzen, die „den Anfängen wehren“ und positive Ausstrahlung in die schwer kontrollierbaren Bereiche des Missbrauchs zeigen. *



Berlin, im September 2003
Dr. Jörg Luy
Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz
Erna-Graff-Stiftung@t-online.de

An dieser Stelle möchten wir uns ganz besonders bei Herrn Dr. med. vet. Jörg Luy, Geschäftsführer der Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz (Berlin), für seine offene, konstruktive und engagierte Unterstützung dieses bislang von der Tierethik noch vernachlässigten Themas bedanken.

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