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27.01.2009

Soll-Zustand

Soll-Zustand

Vorbemerkungen


Über die Rubrik "Soll-Zustand"


Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

in der Rubrik "Soll-Zustand" wollen wir Denkanstöße und Vorschläge zur praktischen Umsetzung einer universalen Ethik liefern, die zu einer friedlichen Koexistenz der Menschen untereinander und zwischen Menschen und Tieren führen soll.

Es wäre vermessen, zu glauben, dass die "Moralen" und insbesondere der Tierumgang des Menschen sich innerhalb kurzer Zeit radikal verändern lässt. Die Sklaverei oder die Unterdrückung der Frau reichen bis in vorgeschichtliche Zeiten zurück. Bis zur Einsicht in die grundlegende Ungerechtigkeit dieser Unterdrückung und Ausbeutung und bis zu ihrer Abschaffung, die zumindest in einigen "zivilisierten Ländern" erreicht wurde, vergingen Jahrtausende.

Die Abschaffung der Versklavung und Ausbeutung der Tiere wird sich hoffentlich schneller vollziehen, aber die Verwirklichung des Tierrecht-Gedankens innerhalb von einigen Jahrzehnten zu prognostizieren, wäre reines Wunschdenken. Bis ein Paradigmenwechsel im moralischen Bewusstsein und in den spezifischen Wertsetzungen unserer Gesellschaft sich abzeichnen wird, werden Generationen vergehen. Weil also die Sichtweise des einzelnen Menschen, wie auch die der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kirche in Beziehung auf den moralischen Status der Tiere und in Beziehung einer gerechten moralischen Berücksichtigung ihrer elementaren Bedürfnisse und Interessen sich nur sehr langsam und widerstrebend verändern wird, ist es erforderlich, nicht nur das Fernziel aufzuzeigen, sondern auch den dorthin führenden Weg zu beleuchten. Deshalb werden wir uns neben dem anzustrebenden Idealzustand vor allem auf die verschiedenen Schritte und Etappen konzentrieren, die zu einem tierproduktfreien Konsum und einer ethischen Lebensweise führen.

Dabei wird von uns berücksichtigt, dass unsere "Strategie der Politik der kleinen Schritte" und der "Kurs der Reform und Abschaffung" logischerweise auch auf den einzelnen Menschen Anwendung finden sollte, was uns zur Akzeptanz und Toleranz gegenüber einer vielleicht zögerlichen oder schrittweisen moralischen Entwicklung in Beziehung auf die konsequente Umsetzung des Tierrecht-Gedankens nötigt.

Auch für das Zusammenwirken und die Vorgehensweise von Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung zur Erreichung gemeinsamer Zielsetzungen wollen wir Denkanstöße und Vorschläge unterbreiten, weil gerade die Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung durch ihr öffentliches Auftreten und ihr Verhältnis untereinander maßgeblich den zu wünschenden Paradigmenwandel in unserer Gesellschaft beeinflussen und ihn - je nach der Bündelung ihrer Kräfte und ihrem gemeinsamen Auftreten - beschleunigen oder verzögern können.

Darüber hinaus werden wir Vegetarismus und Veganismus einer eingehenden Betrachtung unterziehen und auf die jeweils kritischen Punkte und Schwachstellen aufmerksam machen, die sich aus unserer Sichtweise ergeben. Außerdem werden wir unsere Vorstellungen über eine ethische Lebensweise und den Weg zu einem tierproduktfreien Konsum erläutern.

Wir machen darauf aufmerksam, dass es uns auf Grund der Komplexität tierrechtrelevanter Maßnahmen auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene, die zu einer realen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Tiere oder zur gänzlichen Abschaffung ihrer Ausbeutung führen, nicht möglich sein wird, mit schnellen Antworten aufzuwarten. Wir bitten daher unsere Leserinnen und Leser schon heute um Geduld.


Strategie und Kurs


Die Politik der kleinen Schritte, Reform und Abschaffung
Helfen, wo Hilfe möglich ist.

Ethik beschäftigt sich zwar in der Regel nicht mit Fragen der Abwägung in Einzelfällen, sondern mit der Formulierung von allgemeinen Grundsätzen, anhand derer der einzelne Mensch für sein eigenes Tun oder Lassen eine Orientierungshilfe finden soll. Aber in Anbetracht der langen Tradition der Tyrannei des Menschen über die Tiere reichen allgemeine Grundsätze zur Verwirklichung einer gerechten Tier-Ethik nicht mehr aus. Eine Beschäftigung mit Abwägungen in Einzelfällen erscheint deshalb angebracht, denn zu vielschichtig und umfangreich sind die auftauchenden Fragen und Probleme geworden. Es gibt aber Situationen, die von vorneherein keiner Abwägung mehr bedürfen, weil elementare ethische Grundsätze zu befolgen sind.

Einer dieser Grundsätze fordert, unmittelbares Leid zu verhindern, immer dort zu helfen, wo Hilfe möglich ist.

Über einen solch elementaren Grundsatz darf es keine Diskussionen geben, denn diesen moralischen Imperativ erst einer Abwägung im Einzelfall unterziehen zu wollen, käme einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Aus diesem Grundsatz ergeben sich Strategie und Kurs für eine rationale und ethisch gerechtfertigte Vorgehensweise für die Tierrechtsbewegung.

Der Tierrechtler/in sollte darauf bedacht sein, nicht nur die reine Ideologie des Tierrechtsgedankens durch einen konsequenten Verzicht von Tierprodukten, durch die schonungslose Aufklärung der Gesellschaft über die Tierausbeutung oder durch die Förderung von Alternativen und dergleichen mehr verwirklichen zu wollen, sondern er sollte darüber hinaus auch den karitativen Tierschutz im Auge behalten, da gleichzeitig die Notwendigkeit und moralische Pflicht besteht, den Auswirkungen der Tyrannei im Kleinen entgegenzuwirken und somit zu einer Verminderung des unmittelbaren Leidens der Tiere beizutragen.

Denn es ist leider festzustellen, dass einerseits qualitativ und quantitativ unvorstellbares Tierleid durch den Menschen tagtäglich verursacht wird, andererseits es dem Großteil unserer Gesellschaft heute noch an Einsicht und Bereitschaft mangelt, diese Situation konsequent durch die Abschaffung der unterschiedlichen Ausbeutungsformen zu beenden.

Ein grundlegender Paradigmenwechsel in Beziehung auf den Tierumgang wird sich aller Voraussicht nach - wenn überhaupt - nur sehr langsam vollziehen. Wir werden das Unrecht, das den Tieren von den Menschen angetan wird, nicht mit einem einzigen Kraftakt beenden können.

Es wäre also fatal zu glauben, dass die absolute Abschaffung der Tierausbeutung und des damit verbundenen Leidens der Tiere zu unseren Lebzeiten noch zu erreichen wäre. Deshalb dürfen wir uns nicht nur auf die großen Ziele konzentrieren und die Tiere im Stich lassen, die heute schreien und winseln, weil sie jetzt ausgebeutet, gequält und getötet werden, weil ihre Lebensverhältnisse in diesem Augenblick so miserabel sind, dass jede auch noch so kleine Verbesserung enorm wichtig für sie ist.

Und wenn wir den Schmerz, die Angst und die Traurigkeit der betroffenen Tiere im Augenblick ihres Gequältseins uns vor Augen führen, dann bedarf es keinerlei intellektueller, ethischer oder strategischer Abwägungen mehr, wie wir handeln sollen. Es gibt dann nur noch eine Alternative: Helfen, wo Hilfe möglich ist.

Die Gefahr, dass durch "Reformen" die Einsicht in das grundsätzliche Unrecht möglicherweise erschwert werden kann oder zu einer Zementierung der bestehenden Ausbeutungsformen führt, darf im Anblick des unmittelbaren Leidens eines Lebewesens keine Rolle spielen. Als kategorischer Imperativ gilt, dass die unmittelbare Leidensverminderung Vorrang vor allen anderen zukünftigen Aspekten hat. Diese Sichtweise ist keine Abkehr von unseren Zielen oder dem Tierrechtsgedanken oder der Radikalität unserer Forderungen, sondern ein Akt der Menschlichkeit und einer Ethik, die diesen Namen auch verdient.

In der Geschichte der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung hat es genügend Beispiele gegeben, dass gerade die "kleinen Aktionen" zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der betroffenen Tiere beigetragen und in der Bilanz zu einem spürbaren Interessenszuwachs für Tierschutz und Tierrecht in unserer Gesellschaft geführt haben. Um wenigsten kleine Erfolge zu erzielen und damit das Leiden der Tiere zumindest partiell zu vermindern, ist es ethisch gerechtfertigt, für die "Politik der kleinen Schritte" und den Kurs der "Reform und Abschaffung" zu plädieren.

Zur Überprüfung unserer Positionen sollten wir stets die Forderung nach Universalisierbarkeit ethischer Urteile beachten, die darin besteht, dass wir unsere Aussagen auch dann aufrechterhalten würden, wenn die Betroffenen anstatt der Tiere Menschen wären.

Denn: "Was für einen richtig ist, muss auch für jeden anderen mit ähnlichen individuellen Voraussetzungen und unter ähnlichen Umständen richtig sein." (Dietmar von der Pfordten: Ökologische Ethik. Rowohlt, 1996, S. 187)

Die Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Kurs "Reform und Abschaffung" halten durchaus einer solchen Überprüfung stand.

Wenn es um Menschen und Menschenleid ginge, stünde es außer Frage, wie unsere Entscheidung ausfallen würde. Beispielsweise behandelt ein redlicher Arzt, der sich seinem hippokratischen Eid verpflichtet fühlt, auch den zum Tode verurteilten Kranken, um ihm eine Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen. Und wir treten auch dafür ein, dass der Verurteilte vor der Urteilsvollstreckung "menschenwürdig" behandelt wird, dass ihm Schmerzen erspart bleiben, auch wenn es uns unmöglich ist, seine Hinrichtung zu verhindern.

Wer lauthals gegen Speziesismus wettert, aber den Grundsatz der Universalisierbarkeit hier leichtfertig übergeht, ist weit von einer gerechten Ethik entfernt. Er führt damit den Tierrechtsgedanken schlichtweg ad absurdum, weil er nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren macht. Wer ausschließlich auf Abschaffung pocht und grundsätzlich Reformen aus ideologischen oder strategischen Gründen ablehnt, dem ist die eigene auf Papier geschriebene Ethik und die selbstgerechte Glaubwürdigkeit wichtiger als eine Verminderung des Leidens der betroffenen Tiere. Ideologien und an ethischen Grundsätzen überquellende Papierseiten schreien nicht, wenn sie misshandelt werden; sehr wohl aber empfindungsfähige Lebewesen. Wer sich aus fadenscheinigen Gründen hier verweigert, auf den treffen die Worte von Friedrich Nietzsche zu: "Alles ist auf das Selbst gerichtet, jeder Dienst dient dem Selbst, jede Liebe ist Selbstliebe."

Für unsere Entscheidung zur Strategie der "Politik der kleinen Schritte" spielen also nicht nur die Tatsache einer auf Tierausnutzung beharrenden Gesellschaft und die daraus resultierende Unmöglichkeit einer raschen Verwirklichung unserer Ziele eine Rolle, sondern auch gewichtige ethische Aspekte. Damit machen wir uns den Grundsatz des Tierrechtsphilosophen Helmut Kaplan zu Eigen:

"Wir müssen zu allen Zeiten auf allen Ebenen alles Mögliche tun, um das Leiden zu verringern und das Unrecht zu beenden."

Um diese Position mit einem Beispiel ganz deutlich zu machen, greifen wir auf eine Diskussion zwischen Tom Regan, Ingrid Newkirk und Gary Francione ("Animals' Agenda" Jan./Febr. 1992) zurück.

Die Frage lautete: "Sollen Tierrechtler eine Kampagne zur Reform der Regelungen in Schlachthöfen unterstützen, die darauf abzielt, dass die Tiere, die auf das Schlachten bis zu drei Tage lang warten, während dieser Zeit Wasser (Nahrung wurde nicht erwähnt) erhalten? Durch diese Kampagne bestünden berechtigte Aussichten auf Erfolg."

Wir sind der Überzeugung, dass wir gemäß der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Maxime "Reform und Abschaffung", für eine Reform der Schlachthofbedingungen aktiv werden sollten, weil die Frage nicht lautet: schlachten oder nicht schlachten, sondern tränken oder nicht tränken. Der augenblickliche Durst der Tiere muss absoluten Vorrang vor allen anderen zukünftigen Aspekten haben.

Abschließend ist zu bemerken, dass strikte "Alles-Oder-Nichts-Propagandisten" in Bezug auf den realen Tierumgang unserer Gesellschaft häufig nichts außer Ablehnung erreichen. Große Worte und Maximalforderungen helfen den ausgebeuteten Tieren wenig, wenn sie so realitätsfern sind, dass sie von der Gesellschaft nicht ernst genommen werden.


Tierschutzarbeit in der TR-Bewegung


Beispiel: Unsere Mitwirkung an der Petition gegen "ausgestaltete Lege-Hennen-Käfige"

Der Streit um die richtige Strategie

Gelegentlich werden die Petitionen zur Abschaffung der Batteriehaltung von Hühnern für "schwachsinnig" und "kontraproduktiv" erklärt.

Sind diese Ansichten berechtigt?

TierrechtlerInnnen stehen einem von wirtschaftlichen Interessen gesteuerten politischen System gegenüber, welches eine Bewertung der Haltungsformen von Tieren vorrangig nicht unter tierschützerischen, sondern verbraucherschutzrechtlichen Kriterien vornimmt. Die "Gesundheit" und das "Wohlbefinden" der Tiere soll diesen nicht um ihretwegen zugestanden werden, sondern zum Schutz des Konsumenten. Dieser will "gesunde" Nahrungsmittel zu sich nehmen und, sofern er noch über ein gewisses Gespür für die Leidensfähigkeit der Mitlebewesen verfügt, sein Ernährungsverhalten nicht von einem schlechten Gewissen begleitet sehen.

Fakt ist, dass eine gesunde und wohlschmeckend-sättigende Ernährung keinerlei tierlicher Bestandteile bedarf. Dies gilt inzwischen weltweit als erwiesen, so dass hier kein Eingehen auf die tretmühlenartigen Argumente der Unbelehrbaren erforderlich ist.

Fakt ist, dass es bislang keine artgerechte "Nutztier"-Haltung gibt und auch geben kann, die den von an tierlichem Konsum interessierten Menschen definierten Höchstansprüchen genügt. Diese Selbsttäuschung offenbart sich spätestens bei der Mär vom "humanen Schlachten".

Fakt ist, dass die Einforderung von Tierrechten auf ein herrschendes Weltbild in den Köpfen der Mehrheit der die Tiere verkonsumierenden Bürger trifft, welche von ihrem historisch gewachsenen Standort aus die Forderung nach Tierrechten nicht begreifen können, ohne ihr Selbstbild in Frage stellen zu müssen. Tierrechte werden darüber hinaus fälschlicherweise als die ultimative Bedrohung mühsam erkämpfter Menschenrechte verstanden – als Konkurrenzrechte, welche deshalb mit allen Mitteln bekämpft und diffamiert werden müssen.

Folge davon ist, dass sich die Mehrheit der Bürger westlicher Hemisphäre als Tierschützer im schlechtesten Sinne dieses Wortes begreifen, damit als Bewahrer einzelner, sorgfältig ausgemachter und menschlich definierter tierlicher Interessen, die sich gefälligst den Interessen der eigenen Art unterzuordnen haben.

Fakt ist, dass die vorhandenen rechtlichen Regelungen dieser Ausgangslage entsprechen und folglich jeder Schritt in Richtung einer bloßen Verbesserung der Situation der Tiere mühsamst erkämpft werden muss.

Hardliner unter den Tierrechtler/innen vertreten nun den Standpunkt, dass andere Tierrechtler/innen in Zusammenarbeit mit Tierschützern einen die Tierrechte behindernden Kompromiss eingegangen wären, weil sie sich z.B. anhand von Petitionen für die Abschaffung der Batteriehaltung von Legehennen eingesetzt und dadurch das Leiden der Legehennen in quälerischer Bodenhaltung gefördert hätten.

Fakt ist, dass derzeit auf der politischen Agenda der Mehrheit der Bundesländer die Rückkehr zum Käfig steht – in den verschiedenen Formen eines sogenannten ausgestalteten Käfigs. Diese Käfige haben fantasievolle Namen, aber nur eine Alibifunktion.

Fakt ist, dass weder die Boden- noch Freilandhaltung im politischen Gespräch ist. Diese Haltungsformen sind rechtlich abgesichert und stehen nicht auf der derzeitigen Agenda. Es geht der Agrarmafia allein darum, die Batteriehaltung in Form ausgestalteter Käfige über das Jahr 2007 hinaus - entgegen der Verordnung von 2001 – weiter betreiben zu dürfen. Schon alleine dieser Umstand deutet darauf hin, dass die Batteriehaltung von Legehennen tatsächlich die grausamste sein dürfte. Die Hennenbarone haben nur ein Interesse: Das biologisch Machbare aus den Hennen herauszuholen, um den größtmöglichen Profit einzufahren. Dies lässt sich anhand der Batterien grundsätzlich am platzsparendsten und kostengünstigsten bewerkstelligen. Sollte es mit vereinten Kräften gelingen, diesen Dammbruch zurück zu den Stehsärgen der Legehennen aufzuhalten, wäre dies für sich allein als – tierschützerischer - Erfolg zu werten.

Dieser anzustrebende Erfolg wird nun von radikalen TierrechtlerInnen entwertet und als die Verwirklichung von Tierrechten hindernd angesehen.

Die hierzu aufgebaute Argumentation ist zwar insoweit zutreffend, als die Haltungsbedingungen in einer Bodenhaltung ebenso leiderzeugend wie in der Batteriehaltung sein können, was von der Besatzdichte abhängt. Dennoch gehe ich davon aus, dass das einzelne Individuum zumindest eine Chance auf weniger Leid als in der Batteriehaltung hat.

Können Petitionen wie obige damit gerechtfertigt werden?

Ich meine ja.

Bei der Batteriehaltung ist das Leid systemimmanent und ohne Ausnahme für jedes Individuum vorgegeben. Dies ist bei der Bodenhaltung nicht zwingend der Fall (vgl. Vorb. 11 ff zu §§ 12-15 TierSchNutztV in Hirt/Maisack/Moritz, Tierschutzgesetz, Kommentar, 2003), wie praktisch alle nicht von der Geflügellobby abhängigen Ethologen bestätigen.

Die Hühnerbarone haben hingegen – zur Propagierung der Käfige – ein gewisses Interesse daran, als Vergleichsmaßstab besonders schlecht geführte Bodenhaltungen heranzuziehen.

Gleichwohl können sich TierrechtlerInnen aus dem Verständnis der Tierrechte heraus nicht mit "minimalen Verbesserungen" in der Tierhaltung zufrieden geben. Die Ziele der Tierrechtler/innen haben sich deshalb nicht geändert.

Jetzt gilt es aber, die Entscheidung zu treffen, ob man gegen die ausgestalteten Käfige seine Stimme erhebt oder nicht. Es gibt nur die Wahl zwischen dem Leben der Legehennen im Stehsarg - der Batterie - und dem Sarg zu treffen, um es einmal hart auszudrücken! Die Verweigerungshaltung der "Hardliner" ist zwar hinsichtlich der gemeinsamen Endziele – der Abschaffung der Tierausbeutung - ethisch hervorragend motiviert, beinhaltet aber faktisch die Gefahr, der "Gegenreform" der Agrar-Mafia und ihren politischen Handlangern zuzuarbeiten. Hingegen birgt das Engagement derjenigen Tierrechtler/innen, welche auch bereit sind, mit reformwilligen Tierschützern zu kooperieren, die Gefahr in sich, das Endziel der Abschaffung zu verwässern und somit zu erschweren.

Für eine Kombination von tierschutz- mit tierrechtlichen Positionen sprechen dennoch mehrere gute Gründe, die nachfolgend dargestellt werden:

Ultimative Forderungen von TierrechtlerInnen lassen sich - auf dem Boden der anstehenden politischen Entscheidungen - zwar stellen, aber nicht durchsetzen. Sie würden aus vorgenannten Gründen noch nicht einmal Gehör finden.

Erschwert die Verhinderung von Verschlechterungen die Aufklärungsarbeit von Tierrechtlern?

"Hardliner" argumentieren damit, dass sich bei der Bodenhaltung der Legehennen der dümmliche Eierfresser darauf herausreden könne, kein Ei aus Haltung Nr.3 = Quälerei mehr zu konsumieren.

Fakt ist, dass er das zuvor auch konnte. Der Konsument, der dazu neigt, sich Ausreden für seinen Konsum zurechtzulegen, wird dies auch weiter tun.

Der tierschützerische Unsinn, der sich aus jeder denkbaren Haltungsform der Legehennen ergibt, kann von Tierrechtlern ohne Schwierigkeiten widerlegt werden.

Der "reformistische Tierschutz" ist selbstredend "idiotisch", wenn man ihn von der Zielsetzung der Tierrechte aus betrachtet. Man sollte ihn aber auch vom Standpunkt der Konsumenten aus betrachten, deren Kopf noch mit dem Müll der Altvorderen vollgestopft ist, was sie daher ethisch blind macht. Die meisten Menschen brauchen eine gewisse Zeit, um sich – wenn überhaupt - aus diesen Fesseln der Indoktrination lösen zu können. Und: Wer ändert denn schon von heute auf morgen grundlegend seine liebgewordenen Gewohnheiten – trotz aller eventuell schon bestehenden Erkenntnisse? Das sind die Wenigsten! Der Mensch hält sich zwar für das vernünftige Wesen, wird aber - auch wenn er das nicht gerne hört – wie alle anderen Tiere auch zuvorderst von seinen Trieben bestimmt und danach, ob sie ihm Lust oder Schmerz bereiten. Die Vernunft der Wesen ist eine Frage der Erfahrung und des geistigen Horizontes. Die Willensstärke, die an die Empfindungsfähigkeit gekoppelt ist, gibt aber letztendlich den Ausschlag dafür, wie lange Individuen zur Umsetzung von Erkenntnissen zeitlich benötigen. Wie viele Menschen mag es geben, die von heute auf morgen vom Allesfressen zum Veganismus fanden? Mal ging es schnell, mal weniger schnell voran, je nachdem wie lernfähig und empathiegesegnet diese Individuen waren und sind.

Oftmals verweigern sich Menschen spontan dem Gedanken der Tierrechte, weil sie sich nicht "missionieren" lassen möchten. Dummheit und Eitelkeit sind mit die größten Widersacher bei der Verwirklichung von Tierrechten. Der Vegetarismus ist eine bloße "Reform", die man allerdings schnellstmöglich hinter sich bringen sollte, will man sich als Inhaber menschlicher Vernunft wähnen.

Dennoch hat der reformistische Tierschutz seine Berechtigung innerhalb des Gedankengebäudes derjenigen Mitmenschen, die sich mit einer Anerkennung von Tierrechten (noch) überfordert fühlen. Diese Realität sollten Tierrechtler/innen nicht aus den Augen verlieren. Das ultimative Unrecht der menschlichen Tiere an den nichtmenschlichen Tieren, das im von ihnen ohne existenzielle Not verursachten elenden und vorzeitigen Tod der sogenannten Nutztiere gipfelt, wird nicht dadurch gemindert, dass man danach trachtet, (auch) das Leiden der Tiere während ihres schrecklichen Lebens zu vermindern.

Tierschützer sind nicht grundsätzlich bösartig oder böswillig. Mit welcher Berechtigung wollte man Menschen von einem "guten Werk" abhalten, nur weil sie (noch) nicht verstehen, worum es bei der Verwirklichung von Tierrechten eigentlich gehen muss.

Tierrechtler/innen, die sich Reformen und damit der Leidensverringerung aus ideologischen Gründen prinzipiell verschließen, übergehen die Rechte der jetzt lebenden und leidenden Tiere. Sie kämpfen ausschließlich für die Hoffnung "Abschaffung der Tierausbeutung", deren Verwirklichung auch ausbleiben kann, und nehmen dafür das Leiden der jetzt lebenden Tiere als notwendiges Übel in Kauf. Da nicht zu erwarten ist, dass die Menschheit einen Quantensprung zur Menschwerdung vollzieht, wird ein solcher Standpunkt das Leiden der Tiere letztendlich potenzieren. Von daher gilt es, Reformen begleitend zu unterstützen und nicht zu behindern.

Auch perfekte Tierrechtler/innen müssen noch erfunden werden. Wer verzichtet schon auf eine ärztliche Behandlung im Falle von Schmerzen (ganz unabhängig davon, was man von der Pharma-Medizin-Mafia so hält)? Die Möglichkeit, Tierrechtsarbeit zu leisten, besteht auch dann, wenn man z.B. auf die berühmte Spritze, deren Inhaltsstoffe im Tierversuch getestet wurden, verzichtet und bereit ist, Schmerzen zu ertragen. Wer dies für unzumutbar hält und meint, diese Fälle könnten nicht mit dem Konsumverzicht auf tierliche und einer Konsumverlagerung auf rein pflanzliche Nahrungsmittel und Bekleidungsstoffe u. a. verglichen werden, verkennt, dass Menschen sehr verschiedenartige Bedürfnisse in unterschiedlicher Intensität haben. Was einem Menschen auch aufgrund seiner charakterlichen Struktur leicht fällt, kann seinem Mitmenschen schwer fallen und umgekehrt.

Deshalb meine ich, dass wir Tierrechtler nicht so unerbittlich in der Beurteilung tierschützerischer Menschen und ihrer Werke sein und uns diesen im vornherein verschließen dürfen. Gerade durch eine Zusammenarbeit zwecks Leidensverminderung ergibt sich für uns die Möglichkeit, auf die Tierschützer einzuwirken und sie mit unseren Gedanken und Zielen vertraut zu machen. Damit verlieren radikale Forderungen weder ihre Berechtigung noch ihre Glaubwürdigkeit.


Burgfriede


Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen!

Kooperation der Tierrecht-Bewegung mit dem traditionellen Tierschutz



Unvorstellbares von uns Menschen verursachtes Tierleid spielt sich Tag für Tag in jeder einzelnen Sekunde ab. Nie zuvor war der Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten so hoch wie in diesem Jahrhundert. Nie zuvor hat die Befriedigung trivialer menschlicher Interessen zu so viel Leid und dem Tod so vieler Tiere geführt.

Ganz offensichtlich mangelt es heute noch an Einsicht und Bereitschaft in unserer Gesellschaft, die Unterdrückung, Ausbeutung und die damit verbundenen Leiden der Tiere zu beenden. Ein grundlegender Paradigmenwandel in Beziehung auf den Tierumgang wird sich aller Voraussicht nach - wenn überhaupt - nur sehr langsam vollziehen, und es wäre Selbstbetrug, wenn wir annehmen würden, dass sich traditionelle Wertsetzungen innerhalb kurzer Zeit und dazu noch radikal verändern ließen.

Das Unrecht der Sklaverei oder der Unterdrückung der Frau bestand seit vorgeschichtlichen Zeiten. Bis zur Einsicht in die grundlegende Ungerechtigkeit dieser Unterdrückung und Ausbeutung und bis zu ihrer Abschaffung vergingen Jahrtausende. Wir werden das Unrecht, das den Tieren von uns Menschen angetan wird, auch nicht mit einem einzigen Kraftakt beenden können. Auch wenn sich die Abschaffung der Versklavung und Ausbeutung der Tiere schneller vollziehen wird als die Abschaffung der Sklavenhaltung von Menschen, dürfen wir nicht hoffen, unsere Ziele innerhalb von einigen Jahrzehnten zu erreichen. Ein Paradigmenwandel in den Wertsetzungen einer Gesellschaft vollzieht sich in der Regel sehr langsam, weil gerade ein Fortschritt in der moralischen Entwicklung kein linearer Prozess ist, sondern ein stetiges Auf und Ab mit Phasen von Erfolgen, Rückschritten und Stagnation.

Trotz dieser negativen Prognose ist unsere heutige Tierrecht-Arbeit enorm wichtig, denn wir bestellen hier und jetzt das Feld, auf dem zukünftige Generationen von Tierrechtlern/innen die Früchte unserer Anstrengungen einmal ernten werden. Tierrecht-Arbeit ist Zukunftsarbeit, und wer sich für Tierrechte engagieren will, braucht unbedingt einen "langen Atem". Leider besitzen nur wenige Menschen diese psychische Kondition.

Daher ergibt sich ein psychologischer Gesichtpunkt, der im Zusammenhang mit der Frage der Kooperation der Tierrecht-Bewegung mit der traditionellen Tierschutz-Bewegung bisher viel zu wenig beachtet wurde:

Wenn sich Menschen für bestimmte Ziele einsetzen, aber auf Dauer die Erfolgserlebnisse ausbleiben, führt dies unweigerlich zu Frustration und Resignation. Wenn Erfolgserlebnisse fehlen, geht jede Motivation irgendwann einmal verloren. Dies ist vielleicht einer der Gründe für die hohe Fluktuationsrate in der Tierrecht-Szene.

Wer kennt nicht die enthusiastischen und hoch motivierten Tierrechtler/innen, die nach relativ kurzer Zeit resigniert haben, sich nur noch sporadisch an TR-Aktionen oder an sonstigen Vereinsarbeiten beteiligen, und sich klammheimlich dann ganz aus der Tierrecht-Bewegung zurückzuziehen?

Aber nur eine starke Tierrecht-Bewegung mit einer großen Zahl von Aktiven kann den Tierrecht-Gedanken in unserer Gesellschaft weiterbringen. Es besteht also aus psychologischen Aspekten die Notwendigkeit, sich selbst bzw. der Tierrecht-Bewegung kontinuierlich Erfolge zu verschaffen, wenn man das Gros der Tierrechtler/innen "bei der Stange halten will". Man sollte dies keinesfalls als Abwertung der Tierrechtler/innen betrachten. Es ist aber einfach so, dass Menschen durch Erfolge motiviert werden.

Gerade der karitative Tierschutz, Teilerfolge bezüglich der Haltungsbedingungen der "Nutztiere" und kleinere Aktionen, die sich an den realpolitischen Gegebenheiten orientieren und zum Erfolg führen, wirken als Motivationsschub und sind deshalb so wichtig. In diesem Bereich hat der traditionelle Tierschutz - allein schon wegen der größeren Mitgliederzahl, seinen politischen Einflussmöglichkeiten und seinen karitativen Tierschutz-Einrichtungen die Nase vorn.

Die Kooperation der Tierrecht-Bewegung mit dem traditionellen Tierschutz hat also ganz pragmatischen Charakter.

Der maßgebliche Gedanke aber, der für eine konsequente Kooperation von Tierschutz- und Tierrechtsbewegung spricht, und dies bringt uns wieder zurück zur Ethik, liegt darin, dass wir einschreiten müssen, wenn es uns möglich ist, Leiden zu vermindern. (Siehe: "Die Politik der kleinen Schritte", der Kurs "Reform und Abschaffung" - Helfen, wo Hilfe möglich ist.)

Es hat in der Geschichte der Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung genügend Beispiele gegeben, dass gerade die "kleinen Aktionen" zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der betroffenen Tiere beigetragen, und in der Bilanz zu einem spürbaren Interessenszuwachs für Tierschutz und Tierrecht in unserer Gesellschaft geführt haben. Aus diesen Gründen halten wir es für richtig, nach der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" vorzugehen und den Kurs der "Reform und Abschaffung" einzuschlagen.

Uns ist die Gefahr bewusst, dass durch "Reformen" die Einsicht in das grundsätzliche Unrecht möglicherweise erschwert werden, aber als kategorischer Imperativ gilt für uns, dass die unmittelbare Leidensverminderung Vorrang hat. Zur Überprüfung dieser Positionen beachten wir die Forderung der Universalisierbarkeit ethischer Urteile, die darin besteht, dass wir unsere Aussagen auch dann aufrechterhalten würden, wenn die Betroffenen anstatt der Tiere Menschen wären. Die Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Kurs "Reform und Abschaffung" halten durchaus einer solchen Überprüfung stand. Denn wenn es um Menschen und Menschenleid ginge, stünde es außer Frage, wie unsere Entscheidung ausfallen würde.

Beispielsweise behandelt ein redlicher Arzt, der sich seinem hippokratischen Eid verpflichtet fühlt auch den zum Tode verurteilten Kranken, um ihm eine Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen. Und wir treten auch dafür ein, dass der Verurteilte vor der Urteilsvollstreckung "menschenwürdig" behandelt wird, dass ihm Schmerzen erspart bleiben, auch wenn es uns unmöglich ist, seine Hinrichtung zu verhindern.

Aus diesen Gedankengängen ergibt sich eine klare Linie bezüglich der empfohlenen Vorgehensweise und Einstellung gegenüber der Kooperation mit Tierschutz- und Tierrecht-Organisationen oder mit im Tierschutz und Tierrecht aktiven Einzelpersonen:

Wir vertreten die Position, dass zur Erreichung eines spezifischen Einzelzieles oder eines strategischen Teilschrittes im Rahmen des Gesamtkonzeptes des Tierrecht-Gedankens eine Zusammenarbeit oder ein Bündnis mit Organisationen oder Einzelpersonen zu befürworten ist, auch wenn deren Zielsetzungen und ethische Grundaussagen von den unseren abweichen, wenn aber durch ein solches Bündnis oder durch eine solche Zusammenarbeit die berechtigte Aussicht besteht, das Leiden zu vermindern oder eine vorübergehende Verbesserung der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere zu bewirken.

Eine Befürwortung der Zusammenarbeit mit Organisationen, die vor allem auf punktuelle Verbesserungen der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere hinarbeiten oder nur auf eine "Humanisierung" der Haltungs- oder Tötungsmethoden Wert legen, jedoch die Tierausbeutung im Ganzen nicht als abzulehnendes Unrecht anerkennen, bedeutet unserer Meinung nach keinen Verrat an dem Tierrecht-Gedanken. Im Gegenteil, wir sind der Auffassung, dass diejenigen, die aus angeblich ethischen Gründen eine Zusammenarbeit oder ein Bündnis mit solchen Organisationen oder Einzelpersonen strikt ablehnen, eine Ethik verfechten, die auf tönernen Füßen steht.

Um einen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner zu gewinnen, zieht man auch mit jenen Alliierten in eine Schlacht, die im eigenen Lande selbst noch die Tyrannen sind. Dass dies im Endeffekt zu einem Erfolg führt, hat uns die Geschichte gelehrt.

Wenn sich uns die Möglichkeit bietet, das Leiden der Tiere zu vermindern, und sei es dadurch, dass wir mit Fehlgeleiteten oder Andersdenkenden zusammenarbeiten, dann sehen wir es als unsere moralische Verpflichtung an, diese Chance zu nutzen.

Unser erklärtes ethisches Fernziel, die Etablierung einer Gesellschaft, die auf jeglichen Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten verzichtet, verlieren wir deshalb doch nicht aus den Augen. Auf das fundamentale Unrecht der Tierausbeutung können wir unabhängig von dem spezifischen Ziel eines gemeinsamen Vorgehens hinweisen, so dass sich ein doppelter Gewinn ergeben würde: eine unmittelbare Verminderung des realen Leidens der betroffenen Tiere im Erfolgsfall und die Verbreitung unserer Argumente für eine gerechte Ethik in Bezug auf das Mensch-Tier-Verhältnis.

Die Gefahr, dass wir durch eine Kooperation mit Fehlgeleiteten und Andersdenkenden die Tierrecht-Bewegung unterminieren, ist zum heutigen Zeitpunkt übertrieben und irrational, da der Anteil derjenigen Menschen in unserer Gesellschaft, die sich für den Tierrecht-Gedanken aktiv einsetzen, prozentual kaum wahrnehmbar ist.

Die Weigerung einer Zusammenarbeit mit Andersdenkenden aus Protest- und Glaubwürdigkeitsgründen entspringt vielmehr nur dem selbstgefälligen Elitedenken einer realitätsfernen und verschwindend kleinen Gruppe von Fundamentalisten. Das Motiv ihrer Verweigerung ist im Grunde genommen nur die Eitelkeit und der Starrsinn, einmal aufgestellte Prinzipien zugunsten pragmatischer Kompromisse öffentlich nicht revidieren zu wollen. Dabei ist das Augenmerk unverständlicherweise hauptsächlich auf die Tierrecht-Szene gerichtet, obwohl die Tierrechte missachtende Gesellschaft eine Korrektur kaum zur Kenntnis nehmen würde.

Erfolgreiche Zweckbündnisse in der Vergangenheit haben bewiesen, dass rational denkende Tierrechtler/innen, sich zu der Position einer prinzipiellen Kooperationsbereitschaft ohne Glaubwürdigkeitsverlust bekennen können.

Aber selbst wenn es wider Erwarten zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit in den "eigenen Reihen" kommen sollte, wäre dies eine unbedeutende Nebensächlichkeit, wenn auf der anderen Seite das Leiden unserer Mitlebewesen vermindert werden könnte. Denn Tierrechtsarbeit dient der Leidensverminderung, nicht dem Selbstzweck, nicht der Eitelkeit und nicht der Profilierungssucht.

Und schließlich und endlich: Wir wollen nicht die "Heiligen" bekehren, sondern die "Heiden". Ein Verlust an Glaubwürdigkeit innerhalb der Tierrecht-Bewegung wird kaum Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg unserer Überzeugungsarbeit in einer Gesellschaft haben, die sich kaum mit Tierrechten oder der Tierrecht-Bewegung befasst.

In Wahrheit verliert derjenige aber seine Glaubwürdigkeit, der um der Glaubwürdigkeit willen nicht bereit ist, auch nur den kleinsten Strohhalm zu ergreifen, der zu einer - wenn auch nur punktuellen - Verbesserung der Lebensbedingungen der Tiere führen könnte.

Fazit: Gute Gründe sprechen also für Kooperation und Harmonie zwischen der Tierrecht-Bewegung und dem traditionellen Tierschutz, Gründe, die man nicht ohne eingehende Überlegung von der Hand weisen sollte.
In der heutigen Situation ist ein Burgfriede unter dem Motto "Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen!" eine pragmatische und Erfolg versprechende Lösung und würde nur den Not leidenden Tieren dienen. Deshalb sollte man sich endlich die Hand reichen und das "Kriegsbeil" begraben.



Toleranzkurs


Der A.K.T.E.-Kaplan-Konsens zur Vegetarismus/Veganismus-Debatte


Der Aufsatz "Müssen Tierrechtler Veganer sein?" des Tierrecht-Philosophen Helmut Kaplan führte im Spätsommer des Jahres 2002 zu einer erneuten Eskalation der seit längerer Zeit schwelenden Vegetarismus-Veganismus-Debatte. Die im Internet kursierenden News und E-Mails diesbezüglich waren alles andere als geeignet, die Tierrecht-Bewegung im deutschsprachigen Raum, aber auch über die Grenzen hinaus als eine geschlossene Front, als Gegenpol zu der übermächtigen Tierausbeutungsgesellschaft erscheinen zu lassen und zu einer spürbaren und nachhaltigen Verbesserung der realen Lebensverhältnisse der ausgebeuteten Tiere beizutragen.

Da wir mit Helmut Kaplan auch damals schon in regem Gedankenaustausch standen, fokussierten wir unsere Gespräche auf dieses hoch brisante Thema, um zusammen mit ihm über die Problematik von Grund auf erneut zu diskutieren. Unser gemeinsamer Wunsch bestand darin, eine akzeptable Lösung zu finden, die einerseits zu einer Entschärfung der destruktiven und kontraproduktiven Spannungen und Auseinandersetzungen innerhalb der Tierrecht- und Tierschutz-Szene beitragen sollte und die andererseits alle ethischen Aspekte, aber auch die politisch-gesellschaftlichen Fakten angemessen berücksichtigt.

Wir wollen nicht verschweigen, dass hierbei pragmatische und ethische Gesichtspunkte sich gegenüberstanden und uns eine befriedigende Lösung zeitweise fast unmöglich erschien. Dank eines sehr offenen und intensiven Gedankenaustausches, der über das übliche Maß einer Kooperation in philosophischen Grundsatzfragen hinausging, erreichten wir zum Jahresende Annährungspunkte, die zu einem tragfähigen Konsens während seines Besuches von Dr. Helmut Kaplan in Saarbrücken sich verdichteten. Dieser Konsens soll als Basis für eine fortzuführende und vertiefende Beschäftigung mit diesem Thema dienen, und eine gedankliche Richtschnur für die momentane Beurteilung und Vorgehensweise darstellen, die von allen rational denkenden Vegetariern und Veganern, von Tierrechtlern und Tierschützern gleichermaßen akzeptiert werden sollte.

Folgende Gedankengänge bildeten die Prämissen für den erzielten Konsens:

Leben vollzieht sich stets auf Kosten anderen Lebens. Die Welt wird daher immer eine Werkstatt des Leidens bleiben, eine um ihre Achse rotierende Folterkammer, ein Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen.
(A. Schweitzer, A. Portmann, U. Horstmann, A. Schopenhauer)

Der Mensch ist auf Grund seines speziesistischen Denkens und Handelns maßgeblich an dieser Situation mitschuldig. Ob tatsächlich eine realistische Chance besteht, die Menschen nachhaltig zu bessern, sie zu moralischen Wesen zu machen, ist äußerst fraglich. Es spricht einfach nichts dafür, dass der Mensch noch einmal zur Vernunft, geschweige denn zur Moral käme. (H. F. Kaplan aus "Wozu Ethik?")

Der Mensch wird vielleicht für immer ein moralisches Mangelwesen bleiben, weil seine angeborenen Egoismen einer moralischen Grundhaltung entgegenwirken. Mit heroischer Resignation akzeptieren wir, dass die Kluft zwischen "Sein und Sollen" in der heutigen Entwicklungsphase der Menschheit unüberbrückbar ist. Die Distanz zwischen der Realität und der Utopie einer moralischen Welt nötigt uns zur Bescheidenheit. Dadurch relativieren sich aber auch unsere Ansprüche auf eine konsequente Verwirklichung einer Menschen und Tiere berücksichtigenden, gerechten Ethik zu dem bescheidenen Wunsch nach einer erträglicheren Welt, nach einer Welt mit weniger Tier- und Menschenleid. Jedes Denken, das heute darüber hinausgeht, ist Illusion oder Selbsttäuschung.

Deshalb glauben wir, dass wir die Welt zwar nicht gut, aber weniger schlecht machen können, zwar nicht dauernd, aber vorübergehend. (Magnus Schwantje)

Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hier und heute sind nicht geeignet, um alle Aspekte einzufordern, die sich aus einer Tiere und Menschen gleichermaßen berücksichtigenden Ethik ergeben. In der heutigen Situation können ethisch berechtigte Maximalforderungen den angestrebten Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auch verzögern.

Die Grausamkeiten, die Tiere durch den Menschen erdulden müssen, sind qualitativ und quantitativ so massiv, dass jede Mithilfe, jede Art von Unterstützung und alle Teilerfolge immens wichtig sind, die zu einer Reduzierung oder zur Beendigung des Leidens der betroffenen Tiere führen. Es kommt deshalb auf jede "gute Tat" an. Damit sollte auch das Engagement jener Tierschützer/innen und Tierfreunde/innen in einem neuen Licht gesehen werden, die zwar selbst noch von einem ethischen Idealzustand in ihrem eigenen Tierumgang oder ihrer Ernährungsweise entfernt sind, deren Aktivitäten jedoch das Leben von Millionen von Tieren in Tierheimen oder Auffangstationen rund um den Globus erträglicher werden lässt, oder die im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv gegen Tierversuche, Tiertransporte oder Jagd ankämpfen. Die Forderung einiger Tierrechtler/Innen zur moralischen Abgrenzung bzw. Ausgrenzung dieser Tierschützer und Tierfreunde und ihre permanente Diskreditierung sind verantwortungslos. Denn angesichts der Übermacht der Ausbeutungsgesellschaft kann es uns nur durch eine "Politik der kleinen Schritte" und der gleichzeitigen Bündelung aller Kräfte aus der Tierrecht-Bewegung, der Tierschutz-Bewegung und des Naturschutzes gelingen, das unbeschreibliche Leiden der Tiere zu reduzieren oder zu beenden.

Diese Bündelung der Kräfte hat von einer vegetarischen Lebensweise aller Beteiligten als von der an jeden mündigen Menschen zu stellenden ethischen Minimalforderung auszugehen. Dies muss bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlicher Verlautbarungen für die Rechte der Tiere zur Sprache gebracht werden. Wer sich in welcher Weise auch immer für Tiere einsetzt und zugleich Tierleichenteile konsumiert, befindet sich in einem INTOLERABLEN Widerspruch, mit dem es ihn oder sie immer und immer wieder zu konfrontieren gilt. Mit dem, der sich diesem Widerspruch nicht stellt, sondern sich der einfachsten Konsequenz einer moralischen Haltung - nämlich konsequent auf jegliches Fleisch zu verzichten - permanent verweigert, ist eine "Verbrüderung" bzw. eine integrierende oder partnerschaftliche Kooperation, wie wir sie uns vorstellen, der falsche Weg.

Der erzielte Konsens:

Wenn ein Mensch aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichtet und zu einer ovo-lakto-vegetarischen Ernährung übergeht, dann zeigt dies, dass ein grundsätzliches Einsehen in die Ungerechtigkeit der Tierausbeutung sich abzeichnet. Dies kann der erste, entscheidende Schritt zu einem ethischen Tierumgang bedeuten. Denn hat ein Mensch erst einmal begonnen, seine Grundeinstellung zu den Tieren zu hinterfragen und erkannt, dass sein Fleischkonsum moralisch nicht zurechtfertigen ist, so wird er sich den logischen Schlussfolgerungen bezüglich der Leidensverursachung durch eine ovo-lakto-vegetarische Ernährungsweise auf Dauer auch nicht entziehen können.

Wir berücksichtigen auch die Tatsache, dass nachweislich die meisten Menschen, die eine tierproduktfreie Ernährungs- und Lebensweise übernommen haben, sich zuvor für eine mehr oder weniger lange Zeitspanne ovo-lakto-vegetarisch ernährten. Der Ovo-Lakto-Vegetarismus ist in der Regel das Sprungbrett zu einem tierproduktfreien Konsumverhalten.

Deshalb schlagen wir vor, unisono den "Vegetarismus/Veganismus" zu propagieren, aber gleichzeitig und ausdrücklich aufmerksam zu machen, dass auch der Ovo-Lakto-Vegetarier durch seinen Konsum noch zu massivem Tierleid beiträgt. Der Ovo-Lakto-Vegetarismus kann aus diesem Grunde nicht als das endgültige ethische Ziel betrachtet werden.

Es ist deshalb notwendig, den Ovo-Lakto-Vegetarier davon zu überzeugen, dass seine momentane Ernährungsweise lediglich als eine Übergangsphase zu einem anzustrebenden tierproduktfreien Konsum begriffen werden sollte. Diese Überzeugungsarbeit vollzieht sich dergestalt, dass wir immer und immer wieder auf die ungerechten und grausamen Lebensbedingungen der betroffenen Tiere hinweisen, die zur Produktion von Milch, Eier, Honig, Wolle, Pelz, Leder und dergleichen mehr missbraucht werden. Wir wollen behutsam die Menschen ermutigen, Schritt für Schritt ihre Ernährungs- und Lebensweise so zu gestalten, bis eine gerechte moralische Berücksichtigung der elementaren Lebensinteressen der Tiere erreicht ist.

Die Vielfalt gleichberechtigter, nebeneinander bestehender Gruppierungen mit unterschiedlichen Graden in der Radikalität bzw. in der konsequenten Forderung nach einem tierproduktfreien Konsumverhalten ist für die Tierrecht-Szene wichtig. Sie ist ein Spiegelbild der verschiedenen Meinungen, Ideen und Werte und ermöglicht dem Einzelnen, sich in derjenigen Gruppierung zu engagieren, die seinem momentanen ethischen Entwicklungsstand in Sachen Tierrechte entspricht. Dieser Pluralismus wirkt sich förderlich aus, solange die "historischen Ziele" der Tierrecht-Bewegung - nämlich die Befreiung der Tiere aus der Versklavung durch den Menschen - verfolgt werden. Selbstverständlich bleibt es den einzelnen Gruppierungen der Tierrecht-Szene überlassen, eigene Schwerpunkte zu setzen und je nach ihrer Sichtweise einen mehr oder weniger radikalen bzw. konsequenten Weg zu einem ethischen Tierumgang zu favorisieren und zu propagieren.

Die Glaubwürdigkeit unserer Ziele und unserer Ethik hängt aber von der eigenen Umsetzung unserer Forderungen und Ziele ab, von der eigenen moralischen Berücksichtigung der Lebensinteressen der Tiere. Vor allem die Tierrechtler/Innen, die leitende Positionen in Tierrecht-Organisationen oder Vereinen innehaben, oder die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, sollten sich stets ihrer Verantwortung als Vorbild bewusst sein und sich eine rational vertretbare tierproduktfreie Ernährungs- und Lebensweise zu Eigen machen.

Wir sollten den Begriff "Tierrechtler/in" nicht zu einem Synonym für eine elitäre Minderheit machen. Die Inanspruchnahme dieses Begriffes sollte nicht an überstrenge Vorbedingungen geknüpft sein, die von vielen im Tierschutz und Tierrecht engagierten Menschen auf Anhieb nicht zu erfüllen sind. Die Tierrecht-Bewegung ist noch so verschwindend klein, dass sie auch als "geistige Heimat" all jenen Menschen offen stehen sollte, die sich zwar grundsätzlich zu dem Tierrecht-Gedanken bekennen, ihn aber im eigenen Leben noch nicht bis zur letzten Konsequenz umgesetzt haben.

Die Vegetarismus-Veganismus-Debatte mit spektakulären Auseinandersetzungen und Streitereien wird die Tierrecht-Bewegung im Ganzen nicht weiterbringen. Angesichts des massenhaften Tierleides sollten wir sie jetzt beenden und uns wieder unseres tatsächlichen Feindes besinnen, zwar getrennt marschieren, aber gemeinsam schlagen.

Wir sind der festen Überzeugung, dass in der heutigen Situation der Tierrecht-Bewegung dieser Kompromiss, der nur eine momentane und vorläufige Lösung in der Vegetarismus-Veganismus-Debatte darstellt, dazu beitragen kann, Menschen auf den Weg zu einem ethischen Tierumgang zu führen und eine Bündelung aller Kräfte aus Naturschutz, Tierschutz und Tierrecht-Bewegung möglich machen kann, was letztendlich der Reduzierung oder der Beendigung der Ausbeutung der Tiere dient.

In Übereinstimmung und Absprache mit Helmut Kaplan.



Produkte aus "artgerechter" Tierhaltung


Falsche Strategie oder ethische Verpflichtung?


Im Zusammenhang mit der Strategie "Reform UND Abschaffung" bzw. der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" ist es notwendig, auch die kontroverse Frage: " Sind Produkte aus der so genannten artgerechten Tierhaltung die Lösung?" einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Ich werde auf einen sehr wichtigen Punkt aufmerksam machen, der stärker herausgearbeitet werden sollte, weil er von den Befürwortern eines strikten Abolitionismus nicht oder nur unzureichend beachtet wird.

Die Ausgangsfrage: Ist es aus ethischer Sicht vertretbar, den Konsum von Produkten aus der so genannten "artgerechten Tierhaltung" zu propagieren?

Um die Problematik bei dieser Fragestellung deutlich zu machen, die auch im A.K.T.E.-Forum zur Diksussion stand, hatte ich zuerst mit NEIN geantwortet, weil auch die meisten Tierrechtler/innen zu dieser Frage rein intuitiv mit einem strikten NEIN antworten. Ich hatte dabei betont, dass die moralische Verwerflichkeit des Konsums von Fleisch und ähnlichen Tierqualprodukten aus der industriellen Massentierhaltung natürlich ebenso außer Frage steht wie der Konsum von Tierqualprodukten vom "Bio-Bauer". Daraufhin hatte ich Ausgangsfrage erweitert, indem ich die Frage gestellt hatte, ob es nach dem Scheitern aller Überzeugungsversuche für eine vegane oder vegetarische Ernährungsweise richtig ist, als letzte Möglichkeit zur partiellen Verminderung von Tierleid den Kosmum von Tierprodukten vom "Bio-Bauer" zu empfehlen, um dadurch zumindest eine Verbesserung der Lebensbedingungen der betroffenen "Nutz-Tiere" zu erreichen.

Ich gab zu bedenken,dass durch die Beschreibung der tierquälerischen Haltungsbedingungen in der Massentierhaltung und durch Hinweise auf gesundheitliche Aspekte beim Verzehr von "Billig-Fleisch" und ähnlichen Tierqualprodukten die Möglichkeit besteht, dass ein Hinterfragen der Ernährungsweise einsetzen könnte, das für weitere Gespräche eine bessere Ausgangsposition darstellen könnte.

Meine Antwort zu dieser Fragestellung lautete JA, weil neben strategischen Gründen vor allem starke ethische Gründe existieren, die zu einem JA verpflichten. Die Propagierung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" ist einerseits eine Notlösung in einer ganz bestimmten Situation - nämlich nach dem Scheitern aller Überzeugungsversuche für eine vegane oder vegetarische Ernährungsweise - aber andererseits auch eine ethische Verpflichtung, obwohl damit die Abschaffung der Tierausbeutung keineswegs beseitigt würde. Die Entscheidung zur Empfehlung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" - und das will ich mit meinen Ausführungen ganz deutlich machen - basiert eben nicht nur auf strategischen oder pragmatischen Überlegungen, die zwar auch in einer Gesamtstrategie zu berücksichtigen sind, aber aus ethischer Perspektive nur marginal bewertet werden sollten, sondern auf handfesten ethischen Gründen.

Wie kommt es nun, dass ich mich einmal für NEIN und einmal für JA entscheiden kann? Wenn ich den Konsum von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" als ethisch verwerflich bewerte, bleibt er dann nicht in jeder Situation verwerflich, und trage ich nicht zu einer Vergrößerung des Tierleides bei, wenn ich z.B. "Bio-Fleisch" und ähnliche Tierqualprodukte als Notlösung in bestimmten Situationen empfehle? Wie kann diese Empfehlung ethisch zu vertreten sein, wo sie doch nachweislich zu Leiden und Tod von empfindungsfähigen Lebewesen führt?

Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage komme, möchte ich einen Exkurs bezüglich Speziesismus und einigen philosophie-theoretischen Überlegungen und Regeln unternehmen, die uns bei der Beantwortung dieser Frage hilfreich sein werden.

Exkurs:
Von Speziesismus kann man dann sprechen, wenn der Herrschaftsanspruch über die Tiere und die übrige Natur durch das Gefühl der Sonderstellung und der Überlegenheit der menschlichen Spezies begründet und zum entscheidenden Kriterium wird, die Bedürfnisse und elementaren Interessen anderer Lebewesen (Tiere und Pflanzen) zu missachten, um eigene Bedürfnisse und Interessen zu befriedigen. Der Speziesist ist in seiner Abwägung und Beurteilung niemals unparteiisch, sondern befangen. Speziesismus liegt auch dann vor, wenn wir in konstruierten Fallbeispielen, die das Leben und Wohlsein von Menschen betreffen und in Fallbeispielen mit gleichem oder ähnlichem Sachverhalt, die aber Tiere betreffen, zu gravierenden Unterschieden in unserer Entscheidung gelangen.

Zur Verwirklichung des Tierrecht-Gedankens ist es absolut notwendig, speziesistische Tendenzen in unserem Denken, in unserer Kultur und Tradition zu unterdrücken. Niemand wird bezweifeln können, dass solange in uns noch ein speziesistischer Grundtenor vorhanden ist - und sei dieser auch nur latent vorhanden - sich eine moralische Berücksichtigung der elementaren Interessen und Bedürfnisse der Tiere umfassend und nachhaltig verwirklicht lässt. Leider ist festzustellen, dass auch viele Tierrechtler/innen durch bewusste oder unbewusste speziesistische Tendenzen zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen. Die konsequente Anwendung des Gleichheitsgrundsatzes ist meistens nur in extremen Affekt-Situationen zu beobachten. Um diese speziesistische Tendenzen zu vermeiden, sollten wir unsere Abwägungen bzw. Urteile mit den nachfolgenden Regeln überprüfen:

a. Das Gleichheitsprinzip stellt den entscheidenden Grundpfeiler einer gerechten und universalen Ethik dar, indem es fordert, dass Gleiches, respektive Ähnliches gleich, respektive ähnlich behandelt wird, und Ungleiches dementsprechend unterschiedlich behandelt wird. Wir wollen also die gleichen oder ähnlichen Bedürfnisse, Interessen und zuerkannten Werte all derer, die von unseren Handlungen betroffen sind, gleich oder ähnlich moralisch gewichten.
b. Wir sollten den Standpunkt eines imaginären "unparteiischen Beobachters" einnehmen, wie dies von den Philosophen Hutcheson, Hume und Adam Smith bereits im 18. Jahrhundert gefordert wurde.
c. Wir sollten nach dem Prinzip der "Nichtfestlegung des Adressaten ethischer Urteile" von John Rawls vorgehen, das besagt, dass wir es zuerst offenlassen, wer die Betroffnen unserer Entscheidungen sein werden, so dass es möglich wäre, dass wir selbst betroffen sind.
d. Unsere Urteile und Argumente sollten universalisierbar sein, was bedeutet, dass sie bei gleichem Sachverhalt unabhängig von den Betroffenen auch gleiche Geltung haben.

Orientierungshilfen:
Physisches und psychisches Leiden sind negative Erfahrungen. Weniger Leiden wird besser als mehr Leiden empfunden. Deshalb streben alle empfindungsfähigen Lebewesen danach, frei von physischem und psychischem Leiden zu sein oder diese zu verringern. Eine Verminderung bzw. ein Beendigung des Leidens für die Gesamtheit aller Lebewesen ist daher anzustreben. Ethisch richtig sind alle Entscheidungen und Handlungen, die das Leiden der betroffenen Lebewesen jetzt vermindern, so lange durch unsere Entscheidung das Leiden aller betroffenen Lebewesen nicht nachweislich vergrößert wird, und keine realistische Möglichkeit besteht, es insgesamt und im Augenblick unserer Entscheidung zu beenden.

In Beziehung auf die Ausgangsfrage möchte ich zunächst folgende Überlegung anstellen:

Wir leben in dem fiktiven Staat, in dem permanent "Menschenrechte" missachtet werden, und per Gesetz Todesstrafe, Folter und Zwangsarbeit erlaubt sind. Eine große Zahl von Menschen ist auf Grund ihrer Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder auf Grund unterdurchschnittlicher Intelligenz oder sonstiger "Delikte" zum Tode verurteilt. Bis zu ihrer Hinrichtung müssen die Todeskandidaten jahrelang unter unmenschlichen Verhältnissen leben, werden gefoltert und zur Zwangsarbeit herangezogen. Sie haben keinen Hofgang, die Zellen sind total überbelegt und ungenügend ausgestattet, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, und das Essen besteht aus monotoner Gefängniskost. Viele Inhaftierte leiden auf Grund der Haftbedingungen unter starken psychischen und physischen Störungen, und die Sterberate noch vor dem Tag der Hinrichtung ist hoch. Der größte Teil der Regierung und der Bevölkerung befürwortet diese Praktiken, weil sie auf einer langen Tradition beruhen, und viele Menschen davon profitieren. Diese Menschen sind davon überzeugt, dass Folter und Ausbeutung ethisch legitim sind. In diesem Staat sind aber auch kleinere revolutionäre Gruppierungen anzutreffen, die sich gegen die Todesstrafe, Folter und Zwangsarbeit aussprechen. Aus verschiedenen Gründen ist es ihnen nicht möglich, die Regierung zur Änderung der Gesetze zu bewegen oder die Regierung zu stürzen. Sie verfügen nicht über Ausrüstung, Training und Waffen, fürchten sich vor Repressalien oder lehnen aus moralischen Gründen eine Gewaltanwendung strikt ab. Ihr gewaltfreier Widerstand wird aller Voraussicht nach die augenblickliche Situation erst in Jahrzehnten – wenn überhaupt – verändern.

Es besteht jedoch eine große Chance, zwar nicht die Todesstrafe abzuschaffen, aber zumindest die Haftbedingungen erheblich zu verbessern und die Folter abzuschaffen. Durch gezielte Propaganda könnte es gelingen, Regierung und Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Folter und unmenschliche Haftbedingungen vor der Exekution abzuschaffen sind.

Frage:

Sollten diese Gruppierungen nun beschließen, das unmittelbare Leiden der Todeskandidaten zumindest durch die Forderung nach Haftverbesserungen und Abschaffung der Folter zu vermindern, wenn sie sich gleichzeitig vornehmen, auch weiterhin gegen das prinzipielle Unrecht der Todesstrafe und Zwangsarbeit anzukämpfen, um eines Tages die Verwirklichung ihrer Ziele in Gänze zu erreichen?

Rational und ethisch denkende Menschen werden alles versuchen, um für die Gefolterten und Ausgebeuteten eine Verminderung ihrer Qualen herbeizuführen. Ich nehme an, dass diese Entscheidung außer Frage steht, und dass rational und ethisch denkende Menschen nicht auf die Forderung nach Haftverbesserungen und Abschaffung der Folter verzichten, nur weil aus strategischen und ideologischen Gründen eine Verbesserung der Haftbedingungen und eine Abschaffung der Folter das prinzipielle Unrecht und schließlich die Hinrichtung nicht beseitigen, ja vielleicht sogar die Gefahr besteht, dass durch die Abschaffung der Folterpraktiken und unmenschlichen Haftbedingungen das Unrechtssystem sich gesellschaftlich verfestigen könnte, sondern dass sie der moralischen Verpflichtung gerecht werden, jetzt zu helfen und sich für das geringere Leiden der betroffenen Gefangenen entscheiden.

Diese Entscheidung beruht auf den ethischen Maximen:

1. Helfen, wo Hilfe möglich ist.
2. Geringeres Leid ist einem größeren Leid vorzuziehen.

Zurück zur Frage bzgl. der Emphelung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung":

Es handelt sich bei der Frage, ob es vertretbar ist, sich für Produkte aus "artgerechter Tierhaltung" einzusetzen sicherlich um eine zweischneidige Sache, die nicht so einfach zu beantworten ist. Ich universalisiere daher das oben genannte Fallbeispiel und ersetze die menschlichen Todeskandidaten durch "Nutztiere".

In unserem Staat werden permanent "Tierrechte" missachtet, und per Gesetz sind Tiermord, Folter und Ausbeutung erlaubt. Eine große Zahl von Tieren ist auf Grund dessen, dass sie weniger Intelligenz als Menschen besitzen, nicht sprechen und schreiben können, ihnen nur ein rudimentäres "Selbstbewusstsein" zugesprochen wird und dergleichen mehr zur Ausbeutung freigegeben und zum Tode verurteilt, weil ihre Leichen als Nahrungsmittel begehrt sind. Ihr einziges "Vergehen" besteht darin, dass sie Tiere sind. Bis zu ihrer Hinrichtung müssen sie oft jahrelang unter grausamen Verhältnissen leben, sie werden gefoltert und ausgebeutet. Ihr natürlicher Bewegungsdrang wird ihnen verwehrt, ihre Käfige sind zu klein und ungenügend ausgestattet, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, und ihre Nahrung besteht häufig aus industriellem Einheitsfutter. Die meisten "Nutztiere" leiden auf Grund ihrer Haltungsbedingungen unter starken psychischen und physischen Störungen, und die Sterberate noch vor dem Tag ihrer Schlachtung ist je nach der "Nutz-Tierart" relativ hoch. Regierung und Bevölkerung befürworten die Haltungsbedingungen und den Tiermord, weil sie davon profitieren. Sie sind davon überzeugt, dass die Nutzung von Tieren durch den Menschen ethisch legitim ist.

Eine kleinere Zahl von Tierrechtlern und Tierschützern fordern die Abschaffung der Tierausbeutung und der folterähnlichen Haltungsbedingungen. Aus verschiedenen Gründen ist es auch ihnen nicht möglich, die Regierung zur Änderung der Gesetze zu bewegen oder die Regierung zu stürzen. Sie lehnen vor allem aus moralischen Gründen eine Gewaltanwendung strikt ab, viele fürchten sich vor Repressalien, und selbst die militanten Gruppierungen sind nur zur Gewaltanwendung gegen Sachen bereit. Dieser relativ gewaltfreie Widerstand wird aller Voraussicht nach die augenblickliche Situation erst in Jahrzehnten – wenn überhaupt – verändern. Es besteht aber auch hier die Chance, zwar nicht die legalisierte Tötung von "Nutz-Tieren" abzuschaffen, aber zumindest ihre Haltungsbedingungen erheblich zu verbessern, die gröbsten Tierquälereien zu beenden. Durch gezielte Propaganda könnte es gelingen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass zumindest die grausamen Haltungsbedingungen abzuschaffen sind. Ferner besteht die Hoffnung, dass durch permanente Aufklärungskampagnen eine Reduzierung des Fleischkonsums und ähnlicher Tierqualprodukte erreicht werden kann.

Auch hier die Frage:

Sollten nun Tierrechtler und Tierschützer beschließen, das unmittelbare Leiden der "Nutz-Tiere" zumindest durch die Forderung nach Verbesserungen in der "Nutz-Tierhaltung" zu lindern versuchen, wenn sie sich gleichzeitig vornehmen, auch weiterhin gegen das prinzipielle Unrecht der Tötung und Ausbeutung anzukämpfen, um eines Tages ihre Beendigung in Gänze zu erreichen?

Ich nehme auch hier an, dass rational und ethisch denkende Tierrechtler und Tierschützer mit einem klaren JA antworten werden. Ich nehme nicht an, dass sie tatsächlich auf die Forderungen nach Verbesserungen in der "Nutz-Tierhaltung" verzichten, nur weil aus strategischen und ideologischen Gründen solche Verbesserungen das prinzipielle Unrecht nicht beseitigen, oder die Gefahr besteht, dass durch diese Reformen in der "Nutz-Tierhaltung" das Unrechtssystem sich gesellschaftlich zementieren wird.

Wenn wir im ersten Beispiel (menschliche Todeskandidaten) mit JA votieren, so müssen wir dementsprechend auch hier zu dem gleichen Urteil gelangen. Wenn wir jedoch aus irgendwelchen Gründen zu einem anderen Ergebnis gelangen, kann dies nur bedeuten, dass wir den Gleichheitsgrundsatz, aber vor allem den Universalisierungsgrundsatz nicht genügend berücksichtigt haben.

Auch hier muss die Entscheidung unbedingt lauten:

1. Helfen, wo Hilfe möglich ist.
2. Geringeres Leid ist dem größeren Leid vorzuziehen.

Wir dürfen nicht den gefolterten und ausgebeuteten Tieren eine Verminderung ihrer Qualen jetzt verweigern, weil sich vielleicht strategische Überlegungen ins Feld führen lassen, die uns in unserer Entscheidung unsicher werden lassen. Dann hätten wir ähnliche Überlegungen auch im ersten Beispiel anführen und dementsprechend zu einer anderen Schlussfindung kommen müssen. Die Empfehlung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" als Notlösung in einer Gesamtstrategie ist keine Aufforderung zum Tiermord, sondern lediglich die notgedrungene Empfehlung eines Konsumverhaltens, das zur Verringerung von Tierleid beiträgt, wobei die moralische Verwerflichkeit des Konsums von solchen Produkten auch weiterhin außer Frage steht. Es geht einzig und allein um die Entscheidung, das Leiden der betroffenen Tiere jetzt zu verringern oder dieses aus strategischen und ideologischen Gründen geschehen zu lassen.


Deshalb ist die Behauptung auch irrelevant, dass in "traditionell" und "biologisch/ökologisch" geführten Bauernhöfen Qualität und Quantität des Tierleides nur unbeträchtlich geringer seien als in der industriellen Massentierhaltung. Weniger Leid ist einem größeren Leid vorzuziehen. Die Behauptung ist ohnehin absurd, da hinreichend bekannt ist, wie es in der Agrarindustrie tatsächlich zugeht und wie in landwirtschaftlichen Kleinbetrieben gearbeitet wird. Es mag zwar Ausnahmen geben, aber in der Regel bestehen Unterschiede, die das Leben der betroffenen Tiere entweder zur permanenten Hölle machen, oder aber zumindest für einen gewissen Zeitraum eine Lebensqualität bieten, bei der man das Wohlsein der betroffenen Tiere vermuten kann. Für die "Nutz-Tiere" ist es zweifellos anzustreben, "biologisch/ökologisch/traditionell" anstatt "normal" und "massenhaft" gehalten und "produziert" zu werden, einfach deshalb, weil die Qualität und Quantität des zugefügten Leides - und ist sie auch nur hinter dem Komma zu messen - nachweislich geringer ist.


Es geht um die reale Verbesserung der individuellen Lebensdingungen. Es geht um die Möglichkeit, als "Nutz-Tier" auch einmal das Blau des Himmels zu sehen, die Sonne auf der Haut zu spüren, auf einer Wiese zu laufen, im Boden zu wühlen, frische Luft zu atmen und vieles, vieles mehr. Jeder Augenblick dieser Natürlichkeit, jeder Augenblick der empfundenen Freiheit, jeder Augenblick der Schmerzfreiheit und des Wohlseins zählen nämlich für das betroffene Individuum immens, weil diese positiven Erfahrungen in diesem Augenblick alles bedeuten, was auf der Welt zählt. Sie sind so unendlich wertvoll für denjenigen, der zuvor gelitten hat. Alle strategischen oder ideologischen Einwände verblassen deshalb, wenn gleichzeitig unermessliches Leiden stattfindet.

Ein weiterer Gedankengang, der sich ebenfalls aus dem Gleichheitsgrundsatz und dem Universalisierungsgrundsatz ergibt:

Die Ungerechtigkeit in Bezug auf die Unterdrückung und Diskriminierung der Frauen ergibt sich aus einer Summe vieler einzelner Tatbestände, die - jeder für sich betrachtet - eine "Einzel-Ungerechtigkeit" darstellt. Die Unterdrückung der Frauen (Sexismus) manifestiert(e) sich durch unterschiedliche Erscheinungsformen: Frauen hatten kein Wahlrecht, der Besuch an Hochschulen wurde ihnen verwehrt, sie durften bestimmte Berufe nicht ausüben, ihre sexuelle Freiheit wurde durch patriarchalische Wertsetzungen beschnitten, bei Ehescheidungen waren sie schlechter gestellt als ihre männlichen Ehepartner, sie erhielten (erhalten) für gleiche Arbeit schlechtere Löhne als Männer und dergleichen mehr. Die Abschaffung dieser Ungerechtigkeit geschah nicht durch einen einzigen Akt oder durch die Proklamation der Gleichberechtigung der Frau, sondern wurde durch die Durchsetzung unterschiedlicher Einzelforderungen erreicht, durch das konsequente Abringen von einzelnen Zugeständnissen, Rechten und Verbesserungen im Alltagsleben. Dabei war jede Einzelforderung ethisch legitim, auch wenn das grundsätzliche Unrecht der Unterdrückung und Abwertung der Frau im Ganzen nicht abgeschafft werden konnte. Niemand behauptet heute, dass zum Beispiel die Einzelforderung bezüglich der Zulassung von Frauen an Universitäten deshalb ethisch nicht legitim gewesen sei, weil dadurch die Gleichberechtigung der Frauen in Gänze nicht erreicht worden ist. Einzelforderungen in Beziehung auf die Verwirklichung der Tierbefreiung sollten dementsprechend auch gleich oder ähnlich bewertet werden.

In Tierrechtskreisen wird leider immer wieder argumentiert, dass nur durch den Kurs eines strikten Abolitionismus die Beendigung der menschlichen Sklaverei erreicht worden sei und nicht durch eine kontinuierliche Reformierung dieser Ungerechtigkeit. Dies entspricht nicht den historischen Gegebenheiten und nicht der Wahrheit! Die Sklaverei endete nicht mit der Proklamation ihrer Abschaffung oder einem entsprechenden Gesetzestext. Die Abschaffung der Sklaverei vollzog sich auf Grund eines langen Prozesses, in dem die Wertsetzungen bezüglich der menschlichen Person sich nach und nach veränderten. Selbst durch die Proklamation der Abschaffung der Sklaverei wurde diese nicht beendet; die Unterdrückung und Ausbeutung der einstigen Sklaven ging unvermindert - nur mit anderen Mitteln - weiter, und dieser Prozess der Überwindung der Sklaverei ist bis heute nicht abgeschlossen. Auf dem langen Weg der gesellschaftlichen Integration und der Gleichberechtigung der einstigen Sklaven wurden auch Forderungen gestellt, die zwar zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen beitrugen, aber nicht die Situation im Ganzen oder die Ungerechtigkeit gegenüber diesen Menschen veränderte. Aber durch diese kleinen Schritte und Verbesserungen erreichte man schließlich, dass sich die öffentliche Meinung dahingehend veränderte, dass die offizielle Abschaffung der Skalverei proklamiert werden konnte.

Diese Beispiele zeigen, dass sich Ausbeutung und Unterdrückung aus verschiedenen Tatbeständen zusammensetzt, und dass sich die totale Abschaffung von Unrechtssystemen immer durch eine schrittweise Abschaffung einzelner Tatbestände vollzogen hatte.

Diesen Gedankengang bezogen auf die Situation der Tierausbeutung:

Die Ungerechtigkeit in Bezug auf die Ausbeutung und Unterdrückung der Tiere ergibt sich auch aus einer Summe vieler einzelner Tatbestände, die - jeder für sich betrachtet - eine Einzel-Ungerechtigkeit darstellt. Die Verhinderung, den natürlichen Bewegungsdrang auszuleben, ist eine Ungerechtigkeit. Niemals in freier Natur zu sein, ist eine Ungerechtigkeit. Die Schmerzufügung durch Gitterroste und Spaltböden in Käfigen und Stallungen ist eine Ungerechtigkeit. Nur Einheitsfutter vorgesetzt zu bekommen, ist eine Ungerechtigkeit. Die Zwangsbefruchtung ist eine Ungerechtigkeit. In Lastwagen über viele Stunden oder Tage transportiert zu werden, ist für Tiere eine Ungerechtigkeit genauso wie die Tötung selbst eine Ungerechtigkeit darstellt. Die Bekämpfung dieser einzelnen Ungerechtigkeiten ist und bleibt aber ethisch legitim, auch wenn das grundsätzliche Unrecht in seiner Gesamtheit durch die Abschaffung oder Reform einzelner Tatbestände nicht beseitigt wird. Wer behauptet, dass zum Beispiel die Forderung nach Freilandhaltung von Legehennen oder einem Käfigverbot in der Kaninchenhaltung deshalb ethisch nicht legitim sei, weil dadurch die Ungerechtigkeit in Gänze nicht abgeschafft würde, macht einfach gravierende Unterschiede in der Bewertung gleicher oder ähnlicher Sachverhalte zwischen Menschen und Tieren.

Deshalb sollte auch dieser Gedankengang bei der Entscheidung zur Empfehlung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" als Notlösung in bestimmten Situation und in einer ausgewogenen Gesamtstrategie berücksichtigt werden, weil zwar das Unrecht im Ganzen mit Reformen nicht abgeschafft wird, jedoch zumindest eine Verminderung des Unrechts und eine partielle Verbesserung der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere erreicht werden kann.

Diese und ähnliche Gedankengänge habe ich in allen Diskussionen vermisst, vor allem in der Debatte über Abolitionismus vs. Reformismus, in der gesamten Vegetarismus/Veganismus-Debatte und bei der Frage in Bezug auf Produkte aus der "artgerechter Tierhaltung".

Wenn wir heute alle Menschen nicht "veganisieren" können, dann ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, das kleinere Übel zu wählen, und das ist der Vegetarismus, weil auch hier das verursachte Leiden - entgegen aller Unkenrufe mancher Hardline-Veganer - geringer ist. Und wenn wir einen Menschen nicht vom Vegetarismus überzeugen können, dann ist es ebenso unsere Pflicht und Schuldigkeit, ihm solche "Bio-Produkte" zu empfehlen, weil wir damit zumindest das Leiden der Tiere in der Massentierhaltung mit der uns zur Verfügung stehenden Alternative "Bio" partiell vermindern können. Jede willkürliche Grenzziehung bei der Verminderung des Leidens der Tiere durch Menschenhand ist sowohl irrational als auch ethisch nicht vertretbar. Wenn ich den Vegetarismus, der ebenfalls zu Leiden und Tod von empfindungsfähigen Lebewesen führt, als Zwischenschritt akzeptiere, weil ich davon ausgehe, dass sich das Gesamtleiden reduziert, dann bin ich aus rationalen und ethischen Gründen auch gezwungen, mich für jede andere Verminderung des Leidens auszusprechen, selbst wenn diese die grundsätzliche Ungerechtigkeit nicht beseitigt.

Die Strategie der "Politik der kleinen Schritte" bzw. die Maxime "Reform UND Abschaffung" schließt die Empfehlung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" ein, denn sie ist im eigentlichen Sinne keine Strategie, sondern beruht auf den ethisch anerkannten Grundsätzen: "Helfen, wo Hilfe möglich ist." und "Geringeres Leid ist dem größeren Leid vorzuziehen." und besitzt damit normativen Charakter.


Produkte aus "artgerechter Tierhaltung" - Strategie und ethische Verpflichtung auf politischer Ebene

Mit heroischer Resignation müssen wir die Kluft zwischen "Sein und Sollen" in der heutigen Entwicklungsphase der Menschheit akzeptieren. Die Distanz zwischen der Realität und der Utopie einer moralischen Welt nötigt uns zur Bescheidenheit. Dadurch relativieren sich aber auch unsere Ansprüche auf eine konsequente Verwirklichung einer Menschen und Tiere berücksichtigenden, gerechten Ethik zu dem bescheidenen Wunsch nach einer erträglicheren Welt, nach einer Welt mit weniger Tier- und Menschenleid. Jedes Denken, das heute darüber hinausgeht, ist Illusion oder Selbsttäuschung.

Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hier und heute sind nicht geeignet, um alle Aspekte einzufordern, die sich aus einer Tiere und Menschen gleichermaßen berücksichtigenden Ethik ergeben. In der heutigen Situation werden ethisch berechtigte Maximalforderungen den angestrebten Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft leider nur verzögern. Da die Grausamkeiten, die Tiere durch den Menschen erdulden müssen, qualitativ und quantitativ so massiv sind, sind auch Teilerfolge, die nur zu einer Reduzierung des Leidens der betroffenen Tiere führen, anzustreben. Es ist deshalb wichtig, dass gerade unsere Forderungen auf der politischen Ebene sich an der Realität und der Realisierbarkeit orientieren.

Wir werden Politiker heute nicht überzeugen können, ein Gesetz zur totalen Abschaffung der "Nutz-Tierhaltung" zu erlassen oder den Vegetarismus - geschweige den Veganismus - von ihren Wählern einzufordern. Was aber heute schon im Bereich der Realität und Realisierbarkeit liegt, ist neben der Forderung einer staatlichen Aufklärungspolitk in Sachen Tierrechte und Tierschutz für die Verbraucher, die Forderung einer konsequenten "biologisch/ökologischen Agrarwirtschaft", in der überprüfbare Mindestanforderungen bezüglich der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere vorgeschrieben sind, und die weit über die existierenden Tierschutzgesetze hinausreichen. Diese Gesetze und diese vom Staat ausgehende Initiative würde zwar am grundsätzlichen Unrecht gegenüber den Tieren nicht viel verändern, führte jedoch zu einer spürbaren Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Nur durch eine Strategie, die sich an der Realität, der Realisierbarkeit und an den Adressaten ausrichtet, kommen wir weiter. Nichts kann uns davon abhalten, uns auf anderen Ebenen gleichzeitig für den Veganismus oder den Vegetarismus einzusetzen.

Abschließend:

Ein strikter Abolitionismus ist ebenso wie ein strikter Reformismus rational und ethisch inakzeptabel. Wie so oft dürfte der Mittelweg die Lösung zur Befreiung der Tiere darstellen. Dieser Mittelweg ergibt sich aus der Anwendung des Gleichheitsgrundsatzes und des Universalisierungsgrundsatzes. Um den Speziesismus zu überwinden, sollte ich "universalisieren", denn andernfalls gerate ich unweigerlich in eine Sackgasse. Die Empfehlung von Produkten aus "artgerechter Tierhaltung" darf in einer Gesamtstrategie einfach nicht fehlen, denn jede Verbesserung der Lebensbedingungen der "Nutz-Tiere" ist angesichts ihres Leidens in der Massentierhaltung wünschenswert. Wer ideologische Argumente bei seinen Abwägungen, in denen es um eine direkte Leidensverminderung geht, vorrangig bewertet, hat seinen Speziesismus noch lange nicht überwunden, denn er macht immer noch große Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Wenn er aber bereit wäre, sich gleich oder ähnlich zu entscheiden, wenn Menschen die Betroffenen seiner Abwägungen und Urteile wären, und er das Leiden dieser Menschen in Kauf nähme, weil ihm die eigene Ideologie wichtiger ist, der möge es auch sagen. Wie das moralisch zu bewerten ist, möge sich jeder selbst beantworten.


Tierproduktfreier Konsum


Was kann ich tun? oder In sieben Schritten vom Raubtier zum Mensch


Ein satirischer Text für Anfänger und Fortgeschrittene auf dem Weg zur Menschwerdung und zu einem ethischen Tierumgang

Das wildeste und gefährlichste Tier auf dem Planeten Erde ist der Raubaffe "Tyrannohomo erectus", ein nahezu unbehaartes, aufrecht gehendes Säugetier. Es gehört biologisch gesehen zur Klasse der Mammalia und zur Ordnung der Primaten. Innerhalb dieser Ordnung wird es auf Grund vieler morphologischer und genetischer Übereinstimmungen mit seinen inzwischen ausgestorbenen Vorfahren sowie mit einigen heute noch lebenden Affenarten, seinen engsten Verwandten, zur Familie der Hominiden gerechnet. Selbst Tyrannosaurus rex, der im Jura seinen Zeitgenossen das Leben ziemlich schwer und noch öfter kurz gemacht hatte, war im Vergleich zu ihm ein relativ harmloses Produkt aus der Experimentierküche der Evolution gewesen. Die Raubaffen haben im Lauf der Evolution kraft ihrer zunehmenden Kognitionsfähigkeit die Spitzenposition in der Nahrungskette als dominierende Carnivora eingenommen. Obwohl sie im Gegensatz zu anderen Raubtieren nicht auf Fleisch zum Überleben angewiesen waren, weil es ihnen recht bald gelungen war, sich mit wohlschmeckenden und gesunden pflanzlichen Nahrungsmitteln ausreichend zu versorgen, blieb der größte Teil dieser Spezies seiner archaischen Ernährungsweise verhaftet. So durchstreiften sie in ihrem Drang nach blutiger Beute und nach oralem Lustgewinn seit rund 1.5 Millionen Jahren diesen Planeten. Um ihr unstillbares Verlangen nach blutiger Kost effizienter zu befriedigen, begannen sie ihre Beutetiere zu züchten. Durch ihren nicht minder ausgeprägten Trieb zur Reproduktion nahmen sie auch das letzte Fleckchen Erde in Besitz und bevölkerten es mit ihrer Art, fraßen die dort ansässigen Nahrungskonkurrenten entweder auf oder rotteten die unliebsamen Mitbewohner systematisch aus, um Platz für ihre domestizierten Beutetiere zu schaffen. Um ihre Reviere auszudehnen und damit Vorteile für das eigene Rudel sich zu verschaffen, schreckten sie auch nicht davor zurück, Mitgliedern der eigenen Spezies den Gar auszumachen. Daran hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert. Ich spreche vom "Raubaffen Mensch".

Nie zuvor war der Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten so hoch wie in diesem Jahrhundert. Nie zuvor hat die Befriedigung der Interessen des "menschlichen" Raubtieres zu so viel Leid und dem Tod so vieler anderer Tiere geführt. Nie zuvor war das empfindliche Ökosystem Erde durch einen seiner Bewohner so in Gefahr wie heute. Der "Raubaffe Mensch" - ein Irrläufer der Evolution? Vieles spricht dafür, denn er sägt an dem Ast, auf dem er sitzt. Obwohl 99 Prozent aller Tierarten, die Mutter Natur hervorgebracht hatte, wieder vom Antlitz der Erde verschwunden sind, bleibt trotzdem festzustellen, dass im Großen und Ganzen in ihrer Hexenküche recht ordentlich und sauber gearbeitet wurde, denn das Verschwinden jener Tierarten hatte extraterrestrische Ursachen oder lag an globalen Veränderungen der damals noch jungen und ungestümen Erde.

Aber beim "Raubaffen Mensch" drängt sich leider der Gedanke auf, dass gravierende Konstruktionsfehler begangen wurden. Bei der Entwicklung der Schaltkreise der cerebralen Areale kam es - bei allem Respekt vor der Leistung der Evolution - zu einer verhängnisvollen Schlamperei. Eine Spezies wurde erschaffen, deren primärer Trieb darin besteht, ohne zwingende Notwendigkeit sich selbst und anderen Tieren ans Leder zu gehen. Pathologisch äußerst verdächtig! Rund 6 Milliarden defekte Schaltkreise tummeln sich nun in einer äußerst empfindlichen Biosphäre und ein Rückruf zur Defektbehebung oder eine Zwangseinweisung in ein forensisches Institut sind unmöglich. Ist die Katastrophe unvermeidbar?

Nicht ganz!

Wir müssen nur selbst Hand anlegen, unsere Raubtiernatur ein wenig manipulieren und durch die Installation eines Hilfsprogramms unsere defekten Schaltkreise überbrücken, um aus dem Raubtier einen Mensch zu machen. Nun werden vielleicht einige Leser/innen aufschreien: "Nur der Natur nicht ins Handwerk pfuschen!" und vergessen dabei ganz, dass ihr Appendix sie eines Tages zwicken und zwacken könnte, und sie dann auch in einen natürlichen Prozess eingreifen werden. Falls Sie nicht gewillt sind, der Natur ins Handwerk zu pfuschen, ist Ende der Vorstellung angesagt, nämlich dann, wenn der entzündete Binddarm sich zur handfesten Peritonitis auswächst.

Also zaudern Sie nicht länger, und machen Sie mit mir Ihre ersten Schritte zur "geistigen (R)Evolution". Ich habe sie recht und schlecht hinter mich gebracht, und Sie können das auch! Ich werde Ihnen mit einigen Ratschlägen bei der Überbrückung Ihrer Schaltkreise und bei Ihrer Umprogrammierung zur Seite stehen und Sie damit ein kurzes Stück auf Ihrem Weg vom Raubtier zum Mensch begleiten.


Auf geht’s!

Der erste Schritt:


Der Satz "Am Anfang war das Wort." gilt auch für Ihren persönlichen Weg zu einem ethischen Tierumgang und zu Ihrer Menschwerdung. Mit anderen Worten: Ohne INPUT kein OUTPUT. Machen Sie sich deshalb zuerst mit den Ethik-Konzepten der Tierrechtsbewegung näher vertraut. Je mehr Sie über die Verwerflichkeit und Unhaltbarkeit des Herrschaftsanspruches über unsere Welt durch den "Raubaffen Mensch" erfahren, je mehr Ihnen die Absurdität der herkömmlichen anthropozentrischen Ethik bewusst wird, je mehr Sie sich über das Elend der Tiere und ihre Ausbeutung informieren, desto entschlossener und mutiger werden Sie Ihren weiteren Weg beschreiten. Empfehlenswert sind Bücher von Peter Singer, Tom Regan, Helmut Kaplan, Jean-Claude Wolf und einigen anderen Autoren. Auch die Internet-Seiten einiger Tierrechtsorganisationen befassen sich mit dem Thema Tierethik und können durchaus hilfreich sein.

Mein Tipp: Eine wiederholte Beschäftigung mit dieser lehrreichen Lektüre wirkt geradezu prophylaktisch bei auftretenden Verdrängungssymptomen und Rückschlägen bei der Umstellung Ihrer Ernährungsweise, die wir im dritten Schritt besprechen werden.

Der zweite Schritt:

Was Sie bei Ihrer Lektüre über Tierethik und Tierrechte erfahren haben, war sicherlich weder erbauend noch sehr schmeichelhaft für Ihr bisheriges Selbstverständnis und Weltbild. Aber Sie wissen nun Bescheid. Sie haben sich entschieden, von der Ausbeutung der Tiere, von diesem unbeschreiblichen Unrecht Abstand zu nehmen und sollten nun die Früchte Ihrer gewonnenen Erkenntnisse im alltäglichen Leben auch umsetzen. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn es Ihnen von heute auf morgen gelänge, vollständig auf Tierprodukte zu verzichten. Aber dies gelingt nur ganz selten; zu stark ist die Gegenwehr Ihres raubtierhaften Egos. Mit anderen Worten: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Oder noch anders ausgedrückt: Das Fleisch ist zu billig und der Geist wird schwach.

Deshalb rate ich Ihnen bei Ihrer Ernährungsumstellung langsam vorzugehen. Verringern Sie in der Anfangsphase Ihren Fleischkonsum kontinuierlich, aber konsequent. Anstatt Billigfleisch kommt selbstverständlich nur noch teueres Bio-Fleisch auf den Tisch; das wird Ihnen zusätzlich den Appetit auf die blutige Kost verderben. Durch Ihre fleischlosen Tage werden Sie sehr schnell herausfinden, wie wohlschmeckend eine pflanzliche Ernährungsweise in Wahrheit ist, und dass Sie auch gut ohne Rindersteak, Lachsfilet oder Hähnchenkeule auskommen können. Setzen Sie sich ein festes Datum, ab dem überhaupt kein Fleisch mehr auf Ihren Teller kommt. Damit hätten Sie die erste Hürde auf Ihrem Weg zu einem ethischen Tierumgang und zu Ihrer Menschwerdung genommen. Selbstverständlich ist Ihnen mittlerweile auch eine Bekleidung aus Pelz, Leder oder Seide ein Dorn im Auge.

Mein Tipp: Falls Sie noch mit keinem vierbeinigen oder flatternden "Hausfreund" Ihre vier Wände teilen, sollten Sie sich im nächsten Tierheim schleunigst umsehen. Sie werden Ihren neuen Mitbewohner recht bald ins Herz geschlossen haben. Und wenn dann ganz zufällig ein Stück Fleisch auf Ihrem Teller liegen sollte, stellen Sie sich bildhaft vor, dass es von Ihrem geliebten "Hausfreund" stammt. Würden Ihnen flambierte Katzenzungen oder Dackelleber mit Röstzwiebeln wirklich munden? Wenn Sie bei diesem Gedanken keinerlei Aversionen gegen das Stück "Beutetier" auf Ihrem Teller verspüren, ist der Defekt in Ihrem limbischen System - das ist derjenige Teil unter Ihrer Schädeldecke, der unter anderem für emotionale Reize zuständig ist - überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Zu Risiken und Nebenwirkungen wenden Sie sich sicherheitshalber an Ihren Hausarzt oder Psychiater.

Der dritte Schritt:

Selbst kein Tierleid verschulden, ist Ihnen nicht mehr genug. Sie wissen, dass gleichzeitig millionenfaches Leid geschieht. Ihre "geistige (R)Evolution" und Ihr "Rudelinstinkt" drängen Sie zur organisierten Bewegung zum Schutz und für die Rechte der Tiere, zum gemeinsamen Aktivwerden mit Gleichgesinnten. Ihre Solidarität bleibt nicht auf das "Mit-leiden" beschränkt, weil "Mit-leiden" allein zu keiner Veränderung führt. Ihre Solidarität nötigt Sie zum persönlichen Engagement für diejenigen, die sich selbst nicht wehren können. Sie wollen aktiv werden, endlich dem erklärten Gegner Ihre "Raubtierzähne" zeigen und suchen nach einem geeigneten "Rudel". Ihr Beschützerinstinkt ist erwacht. Ihrem Drang zum Aktivwerden sind kaum Grenzen gesetzt: Leserbriefe, Petitionen, Demos, Mahnwachen, Tierrettung, karitativer Tierschutz und vieles mehr. In Verbänden, Vereinen, Arbeitskreisen oder autonomen Gruppen können Sie mitarbeiten und erhalten wichtige Ratschläge, die Ihnen das Alltagsleben in dieser schwierigen Umstellungsphase Ihrer Menschwerdung leichter machen. Sie tauschen Erfahrungen aus, finden neue Freunde und erkennen, dass Sie nicht der Einzige sind, der aus seinem "Mit-leiden" mit den Tieren persönliche Konsequenzen gezogen hat.


Mein Tipp: Hüten Sie sich vor jenen dubiosen "Raubaffen-Banden", die zwar die Menschwerdung und den ethischen Tierumgang auf Ihre Fahnen schreiben, aber trotz aller Beteuerungen und angeblichen Tierliebe auf die Lustobjekte ihrer Geschmacksknospen nicht verzichten wollen. Das richtige "Rudel" zu finden, ist entscheidend für einen weiteren Erfolg. Bleiben Sie Ihren Vorsätzen treu - um der Tiere und Ihrer Selbstachtung willen. Bei Ihrer Suche nach dem geeigneten Rudel fragen Sie beiläufig, welche kulinarischen Köstlichkeiten bei der letzten Vereinsfeier aufgetischt wurden. Sie akzeptieren weder das Schreien der Lämmer noch das Schweigen der Schlemmer, denn Sie wollen sicherlich nicht mit Ihren Mitgliedsbeiträgen einen geschmorten Lammrücken subventionieren.

Der vierte Schritt:

Sie haben es also geschafft! Sie sind Vegetarier geworden, genauer gesagt Ovo-Lakto-Vegetarier. Ihre "geistige (R)Evolution" zeigt eindeutige Erfolge - auf Ihrem Teller und in Ihrem Engagement für die Tiere. Gratuliere! Falls Sie auf Eier und Milchprodukte noch nicht verzichten wollen - von "können" kann absolut nicht die Rede sein bei Ihrer Willensstärke - dann achten Sie darauf, dass Sie Ihren Verzicht auf fleischliche Nahrungsmittel nicht mit Eiern oder Käse kompensieren. Legehennen und Milchkühe sind schließlich auch empfindungsfähige Lebewesen, die ein erbärmliches Leben führen müssen und letztendlich im Schlachthaus landen, weil bei Ihnen noch Frühstücksei und Käsebrötchen hoch im Kurs stehen. Außerdem werden Sie durch fetthaltige Milchprodukte dick und potthässlich und Ihre Blutgefäße kleben durch Cholesterin langsam aber sicher zu. Arteriosklerose, Herzinfarkt, Hirninfarkt und ab in die Kiste. Mahlzeit! Wenn Sie sich noch nicht unter Kontrolle haben, dann rate ich zu Bio-Käse ohne Kälberlab mit ganz geringem Fettgehalt. Das ist gesünder, und den Tieren geht es auf dem "Bio-Bauernhof" ein ganz klein wenig besser.


Aber Sie beginnen, auch Ihren Konsum von Milchprodukten und Eiern verstärkt zu hinterfragen. Ich bin sicher, dass Sie sich mit dieser Problematik nach einiger Zeit auch auseinandersetzen werden. Dazu kommt es zwangsläufig, weil es logisch ist. Und Sie sind doch ein logisch denkendes Wesen! Vielleicht dauert es nur Monate, vielleicht dauert es ein paar Jahre, aber eines Tages wird sich Ihr "Gewissen" bzw. Ihre Vernunft melden und Sie mit dem Leiden und Sterben der Turbokühe, der Kälber und der Hybridhühner konfrontieren. Und dann müssen Sie Farbe bekennen. Da Sie auf Ihrem Weg zur Menschwerdung und zu einem ethischen Tierumgang schon so weit gekommen sind, bin ich guten Mutes, dass Sie auch dieses Etappenziel erreichen werden. Verringern Sie also Ihren Konsum an Eiern und Milchprodukten Woche für Woche, indem Sie diese Tierqualprodukte kontinuierlich durch wohlschmeckende und kalorienarme Soja- und Tofu-Produkte ersetzen. Essen Sie vermehrt Reis, Nudeln, Brot und Hülsenfrüchte mit ballaststoffreichem Gemüse und zwischendurch viel Obst. Sparen Sie nicht an intensiven Gewürzen; auch Ihre Zunge hat ein Recht auf kleinere Erlebnisse! Und schauen Sie ruhig öfter auf Ihre Figur und auf Ihre Waage. Die Auswirkungen der "Fraßkultur" schrumpfen proportional mit Ihren Erfolgen auf dem Weg zu einem ethischen Tierumgang. Treiben Sie ein wenig Sport; das kann vor allem Ihr Nervenkostüm gut gebrauchen, denn das Tierleid, mit dem Sie bisher konfrontiert wurden, hat vielleicht Spuren hinterlassen. Sport beruhigt, und außerdem verbrennt Ihr Metabolismus auch noch schneller die überflüssigen Pfunde. Setzen Sie sich für Ihr dieses Etappenziel auch ein festes Datum, ab dem Sie die tierquälerischen Milch- und Eierprodukte ganz weglassen wollen. Übrigens: Honig sollten Sie auch aus Ihrem Speiseplan streichen. Auf dieses klebrige Zeug können Sie doch leicht verzichten!

Mein Tipp: Falls Ihnen der Verzicht auf Milch, Käse und Eier Schwierigkeiten bereitet, schauen Sie sich Fotografien aus Legehennen-Batterien und aus der Kälbermast an. Empathische Autosuggestion kann Wunder bewirken. An die Mär der glücklichen Hühner oder der permanent Milch gebenden Kühe glauben Sie ohnehin nicht mehr. Oder haben Sie tatsächlich nicht gewusst, dass eine Kuh nur dann Milch geben kann, wenn sie zuvor ein Kälbchen geboren hatte? Sie bzw. Ihre Frau hat die Milchbar ja auch nur nach einer Schwangerschaft geöffnet. Oder etwa nicht?

Der fünfte Schritt:

Sie ernähren sich mittlerweile so gut wie tierproduktfrei - vegan also. Unter diesem Begriff können sich noch nicht alle Raubaffen etwas vorstellen, wurde ich doch tatsächlich kürzlich gefragt, woher ich komme, als ich in einem Restaurant erklärte, ich sei Veganer. Also bleiben wir bei dem Wort "tierproduktfrei". Sie sind auf Ihrem persönlichen Weg zu einem ethischen Tierumgang und zu Ihrer Menschwerdung einen gewaltigen Schritt vorangekommen. Zwischenzeitlich wurde Ihr Engagement für den Schutz und die Rechte der Tiere zu einem festen Bestandteil Ihrer Freizeit. Ich beglückwünsche Sie! Ab jetzt können Sie getrost den Titel "Mensch" für sich in Anspruch nehmen.

Wir können uns also den Feinheiten widmen. Auch das werden Sie schaffen, da bin ich ganz sicher. Sie haben bewiesen, dass Sie eine willensstarke Persönlichkeit sind. Ihre Zunge diktiert nicht mehr Ihr Leben, sondern einzig und allein Ihr Intellekt. Fantastisch!

Achten Sie nun verstärkt darauf, dass Sie auch von Produkten Abstand nehmen, die eindeutig und leicht ersichtlich Eier, Milch oder sonstige Tierbestandteile als Inhaltstoffe ausweisen. Eier-Nudeln, Rahm-Spinat, Sahne-Dressings, Milchschokolade, Mayonnaise aber auch "vegetarische Produkte" mit Eiklar oder Laktose streichen Sie nach und nach von Ihrem Einkaufszettel. Selbstverständlich achten Sie nun auch beim Kauf Ihrer Bekleidung mehr und mehr auf tierproduktfreie Materialen. Aber tragen Sie ruhig Ihre alten Kleidungstücke auf - wenn nicht gerade ein Pelzmantel oder die Wildlederjacke darunter ist - denn wie bei fast allen Konsumgütern ist auch die Herstellung und der Vertrieb von tierproduktfreien Textilien indirekt mit Tierleid verbunden. Ebenso sorgfältig und kritisch sind Sie bei Ihren Kosmetika, da Sie nicht länger die Creme auf Ihre Haut auftragen wollen, die im Testlabor unzähligen Kaninchen mittels Magensonde gewaltsam verabreicht wurde.

Es wird eine Weile dauern, bis Sie sich an Ihr neues Konsumverhalten gewöhnt haben. Sie müssen erst lernen, in welchen Produkten Inhaltsstoffe von Tieren vorhanden sind und in welchen nicht. Vergeuden Sie aber nicht Ihre Zeit damit, stundenlang die Beipackzettel zu studieren. Das Wissen, welche Produkte Sie verwenden können, kommt nach und nach, und schon bald reicht ein einziger, kurzer Blick auf die Liste der Inhaltstoffe, um zu wissen, ob dieses Produkt für Sie in Frage kommt oder nicht. Nutzen Sie auch die Bestellmöglichkeiten für tierproduktfreie Lebensmittel und tierversuchsfreie Kosmetika im Internet. Sie werden hin und wieder Fehler machen, aber machen Sie sich keine unnötigen Selbstvorwürfe. Alles braucht seine Zeit!


Mein Tipp: Broschüren oder Bücher über tierproduktfreie Kochrezepte und Nahrungsmittel besorgen. Unbedingt Nachkochen! Laden Sie auch einmal jene Freunde und Bekannten ein, von denen Sie als "Körnerfresser" bezeichnet werden. Zeigen Sie ihnen, dass "Veganissimo" mit "Allfredissimo" jederzeit konkurrieren kann - im Geschmack und in der Vielfalt.

Und über die moralischen Aspekte ist doch jeder Zweifel erhaben: "Bio" leckt ... noch immer Milch und Blut - und Sie eben nicht mehr.

Der sechste Schritt:

Aus dem wilden und gefährlichen Raubaffen "Tyrannohomo erectus" ist ein Mensch geworden, der in friedlicher Koexistenz mit den Tieren zu leben gelernt hat - so weit dies eben in unserer "Raubtiergesellschaft" überhaupt möglich ist. Kraft Ihrer Kognitionsfähigkeit und Ihrer Willensstärke haben Sie sich vom Alles- und Aasfresser zum Pflanzenesser entwickelt. Sie haben die Evolution überlistet und Ihre defekten cerebralen Schaltkreise erfolgreich überbrückt. Ihre Weltsicht und Ihr Selbstverständnis haben sich verändert. Der Mensch steht nicht mehr egoman im Mittelpunkt der Welt, sondern hat seinen Platz als "primus inter pari" (Erster unter Gleichen) eingenommen. Die Zeit ist nun reif, dass Sie sich auch mit jenen anthropogenen Einflüssen beschäftigen, die zwar nicht direkt, jedoch indirekt zu milliardenfachem Tod und unvorstellbarem Leiden Ihrer Mitlebewesen führen.


Die Erde ist die Heimstatt aller Lebewesen, und es gilt sie zu beschützen und zu bewahren. Sie wollen nicht, dass ein Bulldozer Ihr Haus platt walzt oder dass Ihr Garten abgefackelt wird. Sie wollen nicht in einer Ekel erregenden Kloake baden oder ein "Pilzragout à la Tschernobyl" verspeisen. Sie wollen auch nicht auf einer stinkigen Müllkippe leben, sondern in einer lebenswerten Natur, die diesen Namen auch verdient. Tiere haben den gleichen Wunsch und das gleiche Recht auf eine saubere Umwelt. Nur mit Ihrer Mitgliedschaft bei Greenpeace, bei den Grünen und anderen Gleichgesinnten hapert es noch ein wenig. Deshalb sind Sie wieder gefordert. Erheben Sie Ihre Stimme für diejenigen, die keine Stimme haben und vermeiden Sie selbst alles, was zur Schädigung unseres gemeinsamen Hauses beiträgt. Tierschutz bedeutet auch Umweltschutz. Ein schlauer Kopf hat einmal gesagt: "Triff mit dem, was du kaufst, tust oder siehst, eine moralische Wahl. In einer Konsum orientierten Gesellschaft können unsere individuellen Entscheidungen, sofern wir sie gemeinschaftlich zum Wohl der Tiere und der Natur einsetzen, die Welt schneller verändern, als Gesetze es können." Wenn nur alle Umweltschützer auch Tierschützer wären. Nicht auszudenken!

Mein Tipp: Wenn Sie der Meinung sind, der sechste Schritt sei nicht so notwendig, dann veranstalten Sie Ihr nächstes Grillfest mit Veggie-Burger, Vegan-Rostwurst und Falaffel auf der städtischen Müllhalde. Atmen Sie einmal richtig tief durch, und vertreten Sie sich nach dem Essen ein wenig die Beine – aber bitte barfuss.

Der siebte Schritt:

Ich hätte Ihnen gerne den siebten Schritt erspart - ganz nach dem Motto, das ich irgendwo einmal gelesen habe: "Am siebten Tage sollst Du ruhen." Aber der Kreis muss sich schließen. Nicht nur, weil es sich gut in so einem Text macht. Es fehlt zum Abschluss noch eine Kleinigkeit. Sie haben Ihren Weg bei sich selbst begonnen, beim "Raubaffen Mensch", und nun kehren Sie zum "Raubaffen Mensch" wieder zurück. Sie haben zwischenzeitlich gelernt, wie Sie in friedlicher Koexistenz mit Ihren "Mittieren" leben können. Sie haben erkannt, dass ein rücksichtsvoller und verantwortungsbewusster Umgang mit "Mutter Erde" sehr wichtig ist. Jetzt sollten Sie auch über Ihren Umgang mit dem "Raubaffen Mensch" nachdenken.

Bei all dem Elend der Tiere kann man schnell zum Misanthrop werden. Geraten Sie nicht in diese Sackgasse! Auch wenn die Ignoranz das erträgliche Maß übersteigt, auch wenn das Leiden der Tiere Sie bis in Ihre Träume verfolgt, auch wenn die "Anderen" Ihr Engagement und Ihre Lebensweise verspotten, verlieren Sie nicht wieder Ihre gerade gewonnene "Menschlichkeit". Der Spott kann Sie nicht treffen, denn Sie wissen, dass Sie sich in vorzüglicher Gesellschaft befinden: Ovid, Pythagoras, Buddha, Da Vinci, Gandhi, Rousseau, Kafka, Tolstoi, Shaw, Schweitzer, Suttner und viele andere große Menschen sind den gleichen Weg gegangen - Nobelpreisträger, Literaten, Künstler und Philosophen ersten Ranges.


Die treibende Kraft, die Ihren evolutionären Quantensprung bewirkte, ist neben Ihrem Gefühl des "Mit-leidens" vor allem Ihre Liebe zu den Tieren. "Tyrannohomo erectus" mit seinen defekten Schaltkreisen ist aus evolutionärer und biologischer Perspektive betrachtet das "menschliche" Tier - religiös, fehlgeleitet aber moralfähig, sofern man Kant Glauben schenken will. Wenn Ihre Tierliebe nun das " menschliche" Tier ausschließen würde, wären Sie nicht viel besser als "Tyrannohomo erectus". Ihr "Mit-leiden" würde sich nämlich nur auf die Subjekte Ihrer persönlichen Sympathie und Affinität beschränken. Das wäre sehr egoistisch! Ihre Ethik wird von zukünftigen Generationen nicht nur an Ihrem Umgang mit den Tieren gemessen werden, sondern auch daran, wie Sie den "Raubaffen Mensch" behandelt haben.

Mein Tipp: Bei ersten Anzeichen von Abneigung, Überheblichkeit oder unkontrollierbarer Aggressivität in Erinnerung rufen, dass Sie selbst noch vor kurzer Zeit ein "Raubaffe" waren und Ihre Reißzähne in das Fleisch Ihrer "Beutetiere" gegraben haben.


Die Frage "Was kann ich tun?" dürfte mit diesem "Weg der Sieben Schritte" einigermaßen geklärt sein. Nehmen Sie sich Zeit, aber kommen Sie ja nicht auf die Idee, der Weg sei das Ziel. Dieser Weg will Sie auch nicht zu einem "vergeistigten Moralisten" oder zu einem "Heiligen" machen, denn die Kämpfernaturen sind für die Erreichung unserer Ziele wichtig. Schlägt man Ihnen auf die rechte Wange, dann halten Sie nicht die linke hin - auch wenn Sie anderswo das Gegenteil gehört haben. Die schlagenden Argumente, die sich für den Schutz und die Rechte der Tiere ins Feld führen lassen, spielen Sie souverän aus und geben dem Raubtier in Ihnen einmal Freigang.


Vegane Ernährung


Die gesündeste Ernährung

Eine ärztliche Analyse und Bewertung


Wir kennen alle die Empfehlungen aus der Presse, mehr Obst und Gemüse und weniger Fleisch zu essen. Die gesundheitlichen Schäden durch Fleisch und tierliche Fette wurden durch viele wissenschaftliche Studien nachgewiesen. Ebenso sind die negativen gesundheitlichen Folgen von Milch, Käse (gesättigte tierische Fette) und Eiern (Cholesterin) bekannt. Wenn Naturkatastrophen oder Terroranschläge Hunderte oder Tausende von Toten fordern, ist das Entsetzen groß. Wenn aber eine gesellschaftsimmanente Fehlernährung Millionen von Toten durch Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere ernährungsbedingte Erkrankungen verursacht, wird dies mit einem erstaunlichen Gleichmut hingenommen. Die Märchen der Fleisch- und Nutztierindustrie, wonach Fleisch, Milch und Eier gesunde und wertvolle Nahrungsmittel sind, werden widerspruchslos von meist ahnungslosen Verbrauchern und von offenbar uninteressierten Politikern hingenommen. Dieses Verhalten der Politiker ist völlig inakzeptabel, weil sie offensichtlich die wirtschaftlichen Interessen der Fleisch- und Nutztierindustrie höher bewerten als das gesundheitliche Wohlergehen der Bürger, denen sie eigentlich in erster Linie verpflichtet wären.

Die vegetarische Kost war früher den gleichen unberechtigten Verunglimpfungen ausgesetzt wie heute die vegane Ernährung. Gesunde Ernährungsarten werden aus Dummheit, Unwissen und aus wirtschaftlichen Interessen in der Presse niedergemacht. Ein Beispiel: Im Jahr 2004 starb ein Kleinkind, das durch seine Eltern angeblich vegan ernährt wurde. Tatsächlich nahm das Kind aber überhaupt keine Nahrung, also auch keine vegane Kost zu sich. Das Kind wurde auch keiner ärztlichen Hilfe zugeführt, um die der Appetitlosigkeit zugrundeliegende schwere Lungenentzündung behandeln zu lassen. Das Erstaunliche an dieser Sache ist aber nicht nur, dass das Kind überhaupt keine gesunde vegane Ernährung aufnahm, sondern dass die Eltern Anhänger einer von einem abstrusen selbsternannten "Ernährungsberater" empfohlenen sogenannten "Urkost" waren. Diese "Urkost" hat aber nichts mit einer gesunden, ernährungsphysiologisch wertvollen veganen Ernährung zu tun. Die Presse hielt es wie so oft nicht für nötig, den Fall sauber zu recherchieren oder sich mit den Grundlagen der veganen Ernährung zu beschäftigen. Nein, die Presse verurteilte die vegane Ernährung mit den bekannten Vorurteilen bis hin zu einem Skandalartikel in der WELT, wo der Feuilletonist Eckehard Fuhr einen polemischen Schutzartikel veröffentlichen durfte, in dem Veganer als "übergeschnappt" bezeichnet wurden. Dem gegenüber stehen Millionen von Menschen, die wegen massiver Fehlernährung insbesondere durch Fleisch und tierliche Fette an Übergewicht mit allen seinen Folgen, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Angina pectoris, Schlaganfällen, Arteriosklerose, Krebs, Diabetes und weiteren chronischen Erkrankungen leiden und sterben. Diese Millionen Kranken und Toten durch tierliche Produkte werden ohne Aufschrei in der Presse offensichtlich als "normal" hingenommen. Wenn aber in einem Einzelfall bei einer angeblichen veganen Ernährung (die nicht einmal vegan war) etwas schief gelaufen ist, dann ist nicht nur der Aufschrei groß, sondern es entlädt sich eine regelrechte Empörung der Ahnungslosen und der Interessenvertreter der Fleischindustrie.

Diese Ausgüsse der Laienpresse und Lobbyisten der "Nutztierindustrie" stehen im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Ernährungsforschung und den Aussagen renommiertester Ernährungswissenschaftler. So nehmen zum Beispiel in einem aktuellen gemeinsamen Positionspapier von 2003 die ADA (Amerikanische Gesellschaft für Ernährung) und die DC (Verband der kanadischen Ernährungswissenschaftler) zu den gesundheitlichen Vorteilen der vegetarischen und veganen Ernährung Stellung. In diesen Verbänden sind die renommiertesten Ernährungswissenschaftler der USA und Kanadas zu finden. Allein die ADA hat etwa 70.000 Mitglieder. In diesem Positionspapier heißt es u. a.:

"Gut geplante vegane und andere Formen der vegetarischen Ernährung sind für alle Phasen des Lebenszyklus geeignet, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, frühe und spätere Kindheit und Adoleszenz. Vegetarische Ernährungsformen bieten eine Reihe von Vorteilen."

Und weiter heißt es dort:

"Es ist die Position der Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung (ADA) und des Verbandes kanadischer Ernährungswissenschaftler (DC), dass eine vernünftig geplante vegetarische Kostform gesundheitsförderlich und dem Nährstoffbedarf angemessen ist, sowie einen gesundheitlichen Nutzen für die Prävention (Vorbeugung) und Behandlung bestimmter Erkrankungen hat."
"Es liegt in der Verantwortung von Ernährungswissenschaftlern, Interessierte bei der Aufnahme einer vegetarischen Ernährung zu unterstützen und zu ermutigen."

Auch die Aussagen eines der anerkanntesten und renommiertesten deutschen Ernährungswissenschaftler, Prof. Dr. Claus Leitzmann von der Universität Gießen, sind eindeutig:

"Studien mit vegan lebenden Menschen, die weltweit, aber auch von uns durchgeführt wurden, zeigen, dass Veganerlnnen im Durchschnitt deutlich gesünder sind als die allgemeine Bevölkerung. Körpergewicht, Blutdruck, Blutfett- und Cholesterinwerte, Nierenfunktion sowie Gesundheitsstatus allgemein liegen häufiger im Normalbereich. Neben diesen positiven Aspekten bewirkt die vegane Ernährungsweise gleichzeitig, dass die Umwelt weniger zerstört wird (Gülle und Methan durch Tierhaltung), dass die sog. Entwicklungsländer eigenständiger werden (kein Import von Futtermitteln) und dass Tiere artgerecht behandelt werden. Dadurch werden Tierzucht, Tierhaltung, Tiertransporte und Tierversuche vermindert oder könnten teilweise ganz entfallen."

Trotzdem verbreiten große Teile der Presse, der Ärzte und vermeintlicher "Ernährungsexperten" lieber Vorurteile, Unwahrheiten der profitierenden Industrie und veraltete falsche Lehrmeinungen vergangener Zeiten. Ist es Bequemlichkeit und einfach nur Faulheit, sich nicht mit einem Thema zu beschäftigen und statt dessen lieber Vorurteile und falsche Tatsachen zu kolportieren? Ist es die eigene Angst, durch einen neuen Erkenntnisgewinn sich der eigenen Fehler in der Ernährung bewusst zu werden und dann vor der Entscheidung zu stehen, die von einem selbst in der Vergangenheit abgelehnte vegetarische oder vegane Ernährung zu wählen?

Schon das Genie des 20. Jahrhunderts, Albert Einstein, sagte:

"Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher."

Ich bin mir jedenfalls ganz sicher, dass Albert Einstein mit seinen Aussagen Recht behalten wird. Einstein sagte auch:

"Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung."

Die Situation ist so dramatisch, ja pervers, dass die Menschen durch den Verzehr von tierlichen Produkten nicht nur ihre eigene Gesundheit schädigen, sondern gleichzeitig auch die tierlichen Mitgeschöpfe durch eine maßlose Ausbeutung grausam leiden und sterben lassen, die Umwelt durch Gülle, Methan, Wasserverbrauch und Abholzungen wegen der Viehzucht massiv schädigen und durch Futtermittelimporte (aus den Entwicklungsländern für die Massentierhaltung der Industrienationen) den Hungertod von Erwachsenen und Kindern in der "Dritten Welt" mitverursachen. Um 1 kg Fleisch zu "produzieren" werden durchschnittlich etwa 16 kg pflanzliche Futtermittel benötigt. Die Tiere der Reichen fressen das Brot der Armen. Insgesamt ist dies alles eine bis ins Kleinste perfektionierte moralische Kapitulation.

Ich halte die gesamte Situation auch für einen gesundheitspolitischen Skandal ersten Ranges. Die Prävention, also die Verhütung von Krankheiten sollte, ja müsste mindestens einen so wichtigen Rang in der Medizin einnehmen wie die Behandlung von Krankheiten. Aber im milliardenschweren Gesundheitssystem mit Ärzten, Krankenhäusern, Pharmaindustrie usw. wird das große Geld mit den Behandlungen von Krankheiten verdient. Massive präventive Gesundheitspolitik würde dieser Gesundheitsindustrie einen Grossteil ihrer Geschäftsgrundlagen entziehen. Kein Wunder, dass bei dieser unglückseligen Gemengelage von Gesundheits-, Fleisch- und Nutztierindustrie die Prävention von Erkrankungen durch eine gesunde Ernährung weitestgehend auf der Strecke bleibt. Durch eine gesundheitsschädliche Ernährung verdienen große Teile der Nahrungsmittelindustrie viel Geld und die Bürger werden krank. Mit der Therapie der Krankheiten dieser Bürger verdient dann die Gesundheitsindustrie viel Geld. So schließt sich der Kreis, bei dem Menschen, Tiere und Umwelt auf der Strecke bleiben. Somit bleibt nur das Eigeninteresse desjenigen Bürgers, der mit einem Mindestmaß an Vernunft und Intellekt ausgestattet ist, im Interesse seiner Gesundheit auf seine Ernährung selbst zu achten. Diese kurze Zusammenfassung der wichtigsten medizinischen Erkenntnisse der Ernährungslehre und meiner langjährigen eigenen Erfahrungen sollen dabei helfen.

Leider spielt die Ernährungslehre im Studium der Humanmedizin so gut wie keine Rolle. Daher ist der katastrophale Wissensstand und die Vorurteile vieler Ärzte hinsichtlich gesunder Ernährung nicht verwunderlich. Nur ein Arzt, der sich aus eigenem Interesse und Verantwortung seinen Patienten gegenüber mit der Weiterbildung in ernährungswissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigt, besitzt ein ausreichendes Wissen zum Wohle seiner Patienten.

Um das Ergebnis meiner Analyse und Bewertung vorwegzunehmen: Eine richtig durchgeführte, abwechslungsreiche vegane Ernährung ist die gesündeste Kostform für den Menschen. Bei Betrachtung der ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse kann es daran keinen vernünftigen Zweifel geben. Selbst wenn man mit geringen ernährungsphysiologischen Kenntnissen nur 1 und 1 zusammenzählt, wird dies schnell klar, da Fleisch, Milch, Käse, Eier und teilweise Fisch mit erheblichen gesundheitlichen Risiken behaftet sind, die vielfach dokumentiert werden konnten. Allerdings wird aus einer Ernährung, aus der man lediglich Fleisch, Milch, Käse, Eier und Fisch weglässt, nicht automatisch eine gesunde Nahrung. Denn eine falsch zusammengestellte, nicht abwechslungsreiche vegane Ernährung ist auch ungesund! Dies gilt trotz der Tatsache, dass die Mehrzahl der sich vegetarisch und vegan ernährenden Menschen einen besseren Gesundheitsstatus aufweisen als Fleischesser. Deshalb gebe ich nachfolgend einen kurzen Überblick über die wichtigsten Tatsachen einer gesunden veganen Ernährung, so dass sehr schnell deutlich wird, warum die vegane Ernährung die gesündeste Kostform ist. Eine Erfahrung habe ich im Laufe der Jahre immer wieder gemacht: Wer gegen vegane Ernährung ist, weiß zu wenig darüber oder er verdient an tierlichen Produkten.

Definitionen

Vegane Ernährung verzichtet auf alle Nahrungsbestandteile, die von Tieren stammen wie Fleisch, Milch, Milchprodukte, Käse, Fisch, Honig.

Vegetarier essen kein Fleisch.

Ovo-Lacto-Vegetarier essen kein Fleisch, verzehren aber Milch und Eier.

Ovo-Vegetarier lassen Fleisch, Milch und Milchprodukte weg, verzehren aber Eier.

Lacto-Vegetarier verzichten auf Fleisch und Eier, nehmen aber Milch und Milchprodukte zu sich.

Die wichtigsten Grundbestandteile einer gesunden Ernährung

Protein

Obwohl der Laie bei fleischloser Kost in erster Linie eine mangelnde Eiweißversorgung befürchtet (so erfolgreich waren die Marketingmaßnahmen der Fleischindustrie), brauchen sich sowohl Veganer als auch Vegetarier bei der Proteinaufnahme im Rahmen einer vielseitigen, abwechslungsreichen Kost keine Sorgen zu machen. Denn wie wir heute wissen, ist nicht ein Zuwenig an Eiweiß das Problem der heutigen "normalen" Ernährung, sondern ein Zuviel an tierlichem Protein verursacht gesundheitliche Probleme. Das zuviel aufgenommene tierliche Eiweiß zusammen mit den tierlichen gesättigten Fetten können nach den Erkenntnissen aus einer Reihe wissenschaftlicher Studien für viele schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich gemacht werden.

Das mit der Nahrung aufgenommene Protein wird im Darm in seine einzelnen Bestandteile, die Aminosäuren, gespalten. Die Aminosäuren werden dann aus dem Darm resorbiert und im Organismus zum Aufbau der speziellen, genetisch festgelegten körpereigenen Eiweiße verwendet.

Empfohlene Aufnahme: ca. 0,8g Protein pro KG Körpergewicht und Tag

Energiezufuhr

Auch hier gilt, dass die Energiezufuhr bei vegetarischer und insbesondere bei veganer Ernährung optimal ist. Allerdings sollte bei abgestillten Babys unbedingt auf eine hohe Energiezufuhr geachtet werden und deshalb energiereiche Nahrungsmittel wie Getreide, Hülsenfrüchte und Nüsse nicht zu sehr verdünnt werden, damit eine hohe Energiedichte gewährleistet ist.

Merke: Ein gut geplanter veganer Speiseplan sorgt für eine gute Gesundheit und eine normale Entwicklung von Säuglingen, Kleinkindern Jugendlichen und Erwachsenen.

Kohlenhydrate

Kohlenhydrate unterteilen sich in:

Zucker (einfache Kohlenhydrate wie Glucose, Lactose, Saccharose, Fructose)

Stärke (komplexe Kohlenhydrate, die aus langen Ketten von Glucosemolekülen bestehen)

Unverdauliche Ballaststoffe (vor allem Nichtstärke-Polysaccharide)

Kohlenhydrate sollten 55 – 75 % der aufgenommenen Energie entsprechen. Zu bevorzugen sind komplexe Kohlenhydrate aus Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst. Zucker in Form von z.B. Süßigkeiten ist zu reduzieren oder am besten ganz zu meiden, weil durch diese Zucker die Risiken für Karies, Diabetes, Übergewicht und andere Erkrankungen steigen. Die einfachen Kohlenhydrate in Vollwertkost, Obst und Gemüse besitzen dieses Risiko nicht, weil die Zucker hier mit Ballaststoffen und Wasser kombiniert und verdünnt sind.

Die ernährungswissenschaftlich empfohlenen Kohlenhydratmengen und deren Zusammensetzung wird in der Regel nur durch Vegetarier und Veganer erreicht.

Fette

Fette bestehen hauptsächlich aus Fettsäuren. 3 Fettsäuremoleküle bilden zusammen mit einem Glycerinmolekül ein Triglycerid. Cholesterin kommt in nennenswerten Mengen nur in tierlichen Nahrungsmitteln vor.

Fettsäuren werden unterteilt in:

gesättigte Fettsäuren

einfach ungesättigte Fettsäuren

mehrfach ungesättigte Fettsäuren


Alle gesättigten und alle einfach ungesättigten Fettsäuren kann der Körper selbst bilden. Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren insbesondere Linolsäure und alpha-Linolensäure sind essentiell, das heißt, der Körper kann sie selbst nicht synthetisieren und muss sie daher mit der Nahrung aufnehmen. Deshalb werden diese Fettsäuren populärwissenschaftlich auch Vitamin F genannt. Aus den beiden wichtigsten ungesättigten essentiellen Fettsäuren Linolsäure und alpha-Linolensäure kann der Körper alle anderen ungesättigten Fettsäuren bilden. Linolsäure ist eine omega-6-Fettsäure, alpha-Linolensäure eine omega-3-Fettsäure.

Linolsäure wird im Körper in gamma-Linolensäure und weiter in Arachidonsäure und Gewebshormone wie die Prostaglandine E1 + E2, die Thromboxane A1 + A2 und Leukotrien B4 umgewandelt. Diese Gewebshormone sind an entzündlichen, immunologischen und allergischen Reaktionen beteiligt und wirken gefäßverengend. Alpha-Linolensäure wird im Körper in Eicosapentaensäure (EPA), Docosahexaensäure (DHA) und weiter in die Gewebshormone Prostaglandin E3, Thromboxan A3 und Leukotrien B5 umgebaut. Diese Gewebshormone sind weit weniger entzündungsfördernd und gefäßverengend und wirken zu den Gewebshormonen, die aus der omega-6-Fettsäure Linolsäure entstehen, teilweise sogar direkt antagonistisch. Deshalb kommt es hier auf eine ausgewogene Balance dieser Gewebshormone an. Diese ist aber nur dann zu erreichen, wenn man auf ein ausgewogenes Verhältnis von omega-6-Fettsäuren (Linolsäure) zu omega-3-Fettsäuren (alpha-Linolensäure) in der Nahrung achtet. Das optimale Verhältnis von omega-6- zu omega-3-Fettsäuren liegt bei 2:1 bis 5:1. Die Umbauten von Linolsäure und alpha-Linolensäure zu den jeweiligen Gewebshormonen konkurrieren um dieselben Enzymsysteme. Wird also relativ zuviel Linolsäure aufgenommen, so werden zu wenig Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) aus alpha-Linolensäure gebildet, aus denen dann wiederum zu wenige von der einen Sorte der Gewebshormone gebildet werden. Linolsäure senkt zwar den LDL-Spiegel, hat aber außerdem die negative Eigenschaft, im Blut ebenfalls den HDL-Spiegel zu senken, der als "Gegenspieler" zum negativen Cholesterin-Indikator LDL gilt. Alpha-Linolensäure senkt nur den LDL-Spiegel, nicht aber den HDL-Spiegel.

Aus diesem Grund wird heute allgemein eine höhere Aufnahme von omega-3-Fettsäuren empfohlen. Auch die Ernährung vieler vegan lebender Menschen enthält wegen des Mangels an entsprechendem Wissens einen zu hohen Anteil an Linolsäure und eine zu geringe Menge alpha-Linolensäure. Wir können aber ein ausgewogenes Gleichgewicht erreichen, wenn wir in der Ernährung Öle mit einem hohen Anteil alpha-Linolensäure bevorzugen (Leinöl enthält 54% Linolensäure) und Öle mit einem ausgewogenen Fettsäureverhältnis wählen (Rapsöl enthält etwa 10% Linolensäure und 20 % Linolsäure, also ein perfektes Verhältnis). Rapsöl kann zudem zum Braten verwendet werden, wenn keine zu hohen Temperaturen verwendet werden. Leinöl darf nicht erhitzt werden.

Eine andere Möglichkeit der Zufuhr von omega-3-Fettsäuren ist die Zufuhr von Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Diese sind in Fischölen bzw. fetten Meeresfischen enthalten. Der Verzehr dieser Meeresfische hat, wie eine Schweizer Untersuchung zeigte, den Nachteil, dass aufgrund der Verschmutzung der Weltmeere zu viele Fische mit gesundheitsgefährlichen Umweltgiften belastet sind und viele Fischarten durch Überfischung in ihrer Existenz bedroht sind. Fische selbst bilden keine omega-3-Fettsäuren, sondern nehmen diese Fettsäuren durch Meeresalgen oder durch das Fressen von anderen Fischen auf, denen diese Algen als Nahrung dienen. Deshalb ist es ein logischer Schritt, direkt an die Quelle (also die Algen) zu gehen, wenn man sicherstellen will, genügend omega-3-Fettsäuren aufzunehmen und Algenpräparate als Nahrungsergänzung zu benutzen. Das in Deutschland verfügbare DHA-Präparat AMEU-ALGE von der Firma Lichtwer besteht nach meinen Informationen leider aus einer Gelatine-Kapsel und ist deshalb für Vegetarier und Veganer nicht geeignet. Das einzige mir bekannte DHA-Präparat ohne Gelatine (mit Cellulose-Kapsel) kommt aus Spanien (die enthaltene DHA wird in Deutschland hergestellt) und heißt "OMECIC-3" von der Firma Ciclum Farma in Madrid.

Der Fettverbrauch ist allgemein in der Bevölkerung viel zu hoch. Es gilt die Weisheit: Viel Fett macht fett. Dies ist kein Wunder, da Fett 9 Kcal pro Gramm, Eiweiß und Kohlenhydrate dagegen nur 4 Kcal pro Gramm enthalten. Es wird empfohlen, dass maximal 30 % der Gesamtkalorienzufuhr aus Fett bestehen sollte. Nach einschlägigen Untersuchungen erreichen in der Regel nur Veganer diese Vorgabe. Wünschenswert ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Fettaufnahme, die 15% der Gesamtenergieaufnahme entspricht. Schon bei mehr als 20% Anteil Fett an der Gesamtkalorienaufnahme beginnt die Übergewichtsproblematik. Vorteilhaft an der veganen Ernährung ist außerdem, dass sie nur geringe Mengen an gesundheitlich eher bedenklichen gesättigten Fettsäuren liefert. Gesättigte Fettsäuren stammen weit überwiegend aus tierlichen Produkten, fetthaltigen Süßwaren und Frittierfett. Gesättigte tierliche Fette sind die wichtigste Ursache für einen Anstieg des Cholesterins im Blut. Sogenannte trans-Fettsäuren sind gesundheitlich genau so negativ zu beurteilen wie gesättigte Fettsäuren, da sie die gleichen gesundheitlich negativen Auswirkungen wie gesättigte Fette haben. Sie kommen in der Kuhmilch und den Depotfetten von Wiederkäuern und als hydrierte Öle in manchen Margarinen vor.

Einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren kommen vorwiegend in pflanzlichen Fetten bzw. Ölen vor und gelten als gesundheitsförderlich, wenn sie nicht in zu hohen Mengen und in den richtigen Mengenverhältnissen zueinander aufgenommen werden.

Studien konnten den Zusammenhang zwischen einer fettreichen Ernährung, insbesondere einer hohen Zufuhr gesättigter Fettsäuren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachweisen. Ebenso konnten Studien zeigen, dass der Konsum von Fleisch, tierlichem Eiweiß und tierlichem Fett mit einer höheren Rate an Brustkrebs, Gebärmutterkrebs, Prostatakrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Darmkrebs in Verbindung steht.

Die Empfehlung für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, ihre Kalorien- und Fettaufnahme zu verringern gilt aber keinesfalls für Säuglinge. Säuglinge brauchen für eine gesunde Entwicklung eine besonders hohe Energiedichte in ihrer Nahrung, um gut zu gedeihen. Über 50% der Kalorien in der Muttermilch werden von Fetten gestellt. Muttermilch ist die ideale Ernährung für Neugeborene. Säuglinge sollten deshalb wenn immer möglich gestillt werden. Nach dem Abstillen ist auf jeden Fall eine energiereiche, nicht zu stark verdünnte Ernährung sicherzustellen.

Vitamin A und Beta-Carotin

Obwohl Vitamin A nur in tierlichen Nahrungsmitteln enthalten ist, stellt eine abwechslungsreiche, ausgewogene vegane Ernährung eine Versorgung des Organismus mit Vitamin A sicher, weil Möhren, grünes Blattgemüse und Früchte wie Aprikosen, Mango und Kürbis große Mengen an Beta-Carotin enthalten. Beta-Carotin ist die pflanzliche Vorstufe von Vitamin A, welches im Körper aus Beta-Carotin gebildet wird.

Beta-Carotin bzw. Vitamin A ist für ein normales Wachstum, die Augen, die Haut und die Schleimhäute wichtig. Freie Radikale werden unschädlich gemacht. Zu hohe Vitamin-A-Dosierungen sind giftig. Übermäßiger Vitamin-A-Konsum bei einer Schwangerschaft kann die Leibesfrucht schädigen. Dies gilt nach heutigem Wissen nicht für Beta-Carotin.

Vitamin B1 (Thiamin)

Vegane Ernährung liefert große Mengen an Thiamin, sofern z.B. ausreichend Vollkornprodukte, Weizenkeime, Hülsenfrüchte, Erdnüsse und Kartoffel genossen werden. Vitamin B1 wird zur Energiefreisetzung benötigt. Ein Mangel kann dann entstehen, wenn sehr große Mengen raffinierter Zucker (Süßigkeiten) verzehrt werden.

Vitamin B2 (Riboflavin)

Vegane Ernährung liefert ausreichende Mengen an Vitamin B2, sofern Riboflavin-Lieferanten wie Bohnen, Brokkoli, Erbsen, Linsen, Weizenkeime, Vollkorngetreide, Vollkornbrot, Nüsse, Hülsenfrüchte, Hefeextrakte, Pilze, Spargel, Bananen, Feigen, Kohl, Sesammus, Kartoffel, Tofu, Tempeh und Avocados genossen werden. Vitamin B2 wird zur Energiefreisetzung benötigt.

Niacin (Nikotinsäure und Nikotinamid)

Vegane Kost liefert reichlich Niacin. Es ist z.B. in Vollkorngetreide, Erdnüssen, Weizenkleie, Vollkornbrot, Erbsen und Hefeextrakt enthalten.

Vitamin B5 (Pantothensäure)

Pantothensäure ist in Vollkorngetreide und Hülsenfrüchten enthalten und wird für die Energiegewinnung im Organismus benötigt. Ein Mangel ist bei ausgewogener veganer Ernährung unwahrscheinlich und wurde auch bisher noch nicht beobachtet.

Vitamin B6 (Pyridoxal, Pyridoxin, Pyridoxamin)

Der Vitamin B6 Bedarf hängt von der Proteinaufnahme ab. Da vegane Ernährung keine überhöhten und gesundheitlich bedenklichen Eiweißmengen liefert, ist ein Mangel nicht zu erwarten. Es ist u. a. in Kartoffeln, Weizenkeimen, Pilzen, Vollkorngetreide, Erdnüssen, Nüssen und Avocados enthalten.

Folsäure (Folacin)

Folsäure ist für den Aminosäurestoffwechsel und zusammen mit Vitamin B12 für die Blutbildung im Knochenmark wichtig. Es ist u. a. in grünem Blattgemüse, Bohnen, Spargel, Rosenkohl, Sojamehl, Weizenkeimen, Nüssen und Hefeextrakten enthalten. Folsäure ist in veganer Kost reichlich enthalten. Schwangeren mit jedweder Ernährungsform wird zum Schutz des ungeborenen Kindes eine zusätzliche Gabe Folsäure empfohlen, obwohl bei einer abwechslungsreichen, richtig zusammengestellten veganen Kost keine Mängel an Folsäure zu befürchten sind.

Vitamin H (Biotin)

Biotin findet man in Vollkorngetreide, Sojamehl, Gemüse und Obst. Außerdem wird es im Darm von Bakterien gebildet, von wo aus wahrscheinlich auch ein Teil resorbiert werden dürfte. Eine abwechslungsreiche vegane Ernährung liefert genügend Biotin. Ein Mangel ist unwahrscheinlich.

Vitamin B12 (Cobalamine: Cyanocobalamin, Hydroxocobalamin, Methylcobalamin, Adenosylcobalamin)

Vitamin B12 wird nur von Mikroorganismen (Bakterien) gebildet. Es findet sich vor allem in tierlichen Produkten wie Fleisch, insbesondere Innereien, Milch und Eiern. Bei einem Mangel an Vitamin B12 kann es zur Blutarmut (megaloblastäre Anämie) und zu neurologischen Störungen kommen. Hauptursachen für einen Vitamin B12 Mangel sind Störungen im Magen-Darm-Bereich, wodurch kaum oder kein Cobalamin resorbiert werden kann. Eine Ovo-lacto-vegetarische Ernährung versorgt den Organismus mit genügend Vitamin B12. Allerdings besteht bei der veganen Ernährung die Möglichkeit, dass zu wenig Vitamin B12 aufgenommen wird. Früher dachte man, dass Meeresalgen und Tempeh gute Quellen für Vitamin B12 darstellen würden. Dies ist aber nicht so. In diesen Produkten sind sogenannte Vitamin-B12-Analoga (Doppelgänger) vorhanden, die in manchen Analyseverfahren das Vorhandensein von echtem, wirksamen Vitamin B12 vortäuschen. Nicht genug damit, sie können sogar die Resorption von echtem Vitamin B12 behindern. Auch wenn der Vitamin-B12-Vorrat im Körper für ungefähr 5 bis 10 Jahre ausreicht, ohne dass es zu Mangelerscheinungen kommt und manche Menschen eventuell das in ihrem Darm durch Bakterien gebildete Vitamin B12 resorbieren können und nicht gereinigtes Gemüse (mit B12 bildenden Bakterien) eine kleine Quelle darstellen könnte, so ist aus ärztlicher Sicht auf jeden Fall bei einer veganen Ernährung eine zusätzliche Versorgung mit diesem Vitamin durch angereicherte Lebensmittel (Säfte, Frühstücksceralien, Sojamilch usw.) und / oder ein Vitamin-B12-Nahrungsergänzungspräparat aus Sicherheitsgründen notwenig. Alternativ dazu kommt nur eine regelmäßige Überprüfung der Vitamin-B12-Konzentration im Blut in Frage.

Auch Allesesser sollten im höheren Alter (ab ca. 50 - 65 Jahren) auf eine zusätzliche Vitamin-B12-Zufuhr achten, weil mit zunehmendem Alter mit einer hohen Wahrscheinlichkeit aufgrund von Störungen im Magen-Darm-Bereich die Fähigkeit zur Vitamin-B12-Resorption abnimmt.

Die Empfehlungen für die tägliche Aufnahme von Vitamin B12 schwanken je nach Land und Expertengremium stark und liegt zwischen 1 und 3 µg. Noch stärker schwanken die Empfehlungen für einen normalen Blutwert von Cobalamin. Sie liegen zwischen 100 und 900 pg / ml. Allgemein ist anerkannt, dass Werte unter 200 pg / ml als zu niedrig anzusehen sind, obwohl viele Menschen mit Werten zwischen 100 und 200 pg / ml keine Mangelerscheinungen aufweisen. Eine Überprüfung der Vitamin-B12-Konzentration im Blut ist auf jeden Fall anzuraten und bei Werten von unter 200 pg / ml durch B12-Gaben zu therapieren.

Bei einer Schwangerschaft muss Vitamin B12 aus Sicherheitsgründen zwingend zusätzlich gegeben werden, weil das Kind sowohl im Mutterleib als auch beim Stillen auf dieses Vitamin für eine gesunde Entwicklung angewiesen ist. Die Vitamin-B12-Reserven der Mutter nutzen dem Kind wahrscheinlich nichts, denn eine Versorgung des Kindes über die Muttermilch ist nur durch die tägliche Aufnahme des Vitamins durch die Mutter sicherzustellen.

Die Möglichkeit einer Unterversorgung mit Vitamin B12 wird ständig als das große Argument gegen eine vegane Ernährung von vermeintlichen "Experten" angeführt. Wie fast alles im Leben hat auch die gesündeste Ernährung einen potenziellen Schwachpunkt, aber auch nur dann, wenn man nicht auf eine angemessene Vitamin-B12-Zufuhr achtet. Vergleicht man aber diesen kleinen, eventuellen Schwachpunkt mit den erwiesenen gesundheitlichen Gefahren durch den Verzehr von Fleisch, Milch, Eier und Fisch, so erkennt man sofort, wie unsinnig es wäre, wegen Vitamin B12 diese tierlichen Produkte zu essen. Es wäre nicht nur mit Kanonen auf Spatzen geschossen, es wäre ein Irrsinn, einen eventuellen Mangel an dem Vitamin B12, der noch nicht einmal sicher ist und leicht durch angereicherte Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel behoben werden kann, durch eine massive gesundheitliche Gefährdung durch Fleisch, Milch usw. ausgleichen zu wollen. Der Zusammenhang zwischen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen schwerwiegenden gesundheitlichen Störungen ist durch viele wissenschaftliche Studien nachgewiesen. Die Belastung der Weltmeere durch Umweltschadstoffe und damit der Fische ebenfalls. Deshalb ist es aus gesundheitlichen Gründen nicht nur ratsam, sondern sogar geboten, diese tierlichen Produkte nicht zu verzehren. Das in diesem Fall eventuell fehlende Vitamin B12 ist ganz einfach mit angereicherten Nahrungsmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln zuzuführen.

Vitamin C (Ascorbinsäure)

In Obst und Gemüse finden sich große Mengen dieses Vitamins. Da vegane Kost reichlich Obst und Gemüse enthält, ist mit einer Unterversorgung nicht zu rechnen. Ganz im Gegenteil nehmen Veganer sehr große Mengen an Vitamin C zu sich. Dadurch wird auch die Eisenresorption aus dem Darm verbessert bzw. sichergestellt.

Ascorbinsäure ist als antioxidatives Vitamin zusammen mit Vitamin E (welches es wieder regenerieren kann) zum Schutz des Körpers vor freien Radikalen notwendig. Durch lange Lagerung, Zubereitung und Erhitzen wird es leicht zerstört.

Vitamin D (Ergocalciferol = D2, Cholecalciferol = D3)

Vitamin D wird in der Haut durch Sonnenbestrahlung gebildet. Deshalb sind die tierlichen Nahrungsquellen für dieses Vitamin relativ unwichtig. Mit Vitamin D angereicherte Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel sind nur für Menschen oberhalb des 52. nördlichen Breitengrades während des Winters, insbesondere wenn sie eine dunkle Hautfarbe besitzen, für stillende Mütter und bei der Entwöhnung ihrer Säuglinge zu empfehlen. Ansonsten reicht eine UV-Bestrahlung von Gesicht, Händen und Unterarmen von täglich 5 bis 15 Minuten zur Bildung von Vitamin D aus.

Vitamin D ist für den Knochenaufbau und für die Resorption von Calcium aus dem Darm notwendig. Ein Mangel in der Kindheit führt zur Rachitis, im Erwachsenenalter zu Osteomalazie (Knochenerweichung).

Hinweis: Für Veganer und Vegetarier ist bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln darauf zu achten, dass Vitamin D3 (Cholecalciferol) tierlicher Herkunft ist, während Vitamin D2 (Ergocalciferol) nicht tierlicher Herkunft ist.

Vitamin E (Tocopherole)

Vitamin E ist in vielen Pflanzenölen reichlich zu finden. Als Antioxidans schützt es die Zellmembranen vor schädlichen freien Radikalen. Bei einer veganen, vollwertigen Ernährung ist eine reichhaltige Versorgung mit Vitamin E sichergestellt.

Vitamin K (Phyllochinon = K1, Menachinone = K2)

Vitamin K1 ist in pflanzlichen Nahrungsmitteln reichlich verbreitet. Vitamin K2 wird von Bakterien im Darm gebildet. Ein Mangel ist unter normalen Umständen nicht zu befürchten.

Sekundäre Pflanzenstoffe ("Phytonutrients", "Accessory Health Factors")

Ein Vielzahl von Pflanzeninhaltsstoffen haben eine positive Wirkung auf die Gesundheit. Gerade in den letzten Jahren sind solche Pflanzenstoffe besonders interessant geworden, weil man festgestellt hat, dass der reichliche Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen deutlich senkt. Zuerst hielt man die in den Pflanzen enthaltenen Vitamine (z.B. C, E und Beta-Carotin) für diese positiven Effekte verantwortlich. Da aber Studien mit diesen Vitaminen allein nicht die positiven Auswirkungen erklären konnten, schloss man daraus, dass noch andere gesundheitsförderliche Substanzen in Pflanzen existieren müssen, ohne diese alle identifizieren zu können. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, reichlich pflanzliche Nahrungsmittel zu essen, auch wenn man zusätzlich Vitamine als Nahrungsergänzung zuführt.

Merke: Eine Nahrungsergänzung ersetzt keine gesunde (vegane) Ernährung, sondern ergänzt sie sinnvoll, so dass ein optimaler Effekt für unsere Gesundheit resultiert!

Als Beispiel für einen sekundären Pflanzenstoff sei hier Lycopin genannt, welches hauptsächlich in Tomaten und daraus hergestellten Folgeprodukten enthalten ist. Studien konnten z. B. seine schützende Wirkung gegenüber Prostatakrebs nachweisen.

Merke: Vegane Ernährung sichert durch die Zufuhr reichlicher Mengen pflanzlicher Nahrung das Optimum auch bei der Aufnahme von gesundheitlich wertvollen sekundären Pflanzenstoffen. Gesundheitsgefährdende tierliche Produkte werden dagegen ganz vermieden.

Calcium

Calcium ist wichtig für einen stabilen Knochenbau und diverse Stoffwechselprozesse in unserem Körper. Calciummangel verursacht im Kindesalter Rachitis, im Erwachsenenalter Osteoporose (Knochenschwund) und Osteomalazie (Knochenerweichung). Calciummangel kann sowohl durch einen Vitamin-D-Mangel als auch durch eine negative Calciumbilanz verursacht werden.

Die Calciumbilanz unseres Körpers ist abhängig von der Zufuhr und der Ausscheidung dieses Minerals. Gewöhnlich wird bei Ernährungsratschlägen immer die Empfehlung ausgesprochen, viel "gesundes Calcium" aufzunehmen, ohne gleichzeitig die Empfehlung auszusprechen, wie man möglichst wenig Calcium ausscheidet.

Tatsache ist, dass eine hohe Proteinaufnahme aus tierlichen Nahrungsmitteln eine vermehrte Ausscheidung von Calcium über die Nieren zur Folge hat. Eiweiße, die reich an schwefelhaltigen Aminosäuren sind, können einen Abbau von Calcium aus dem Knochen verursachen. Einen relativ hohen Anteil an schwefelhaltigen Aminosäuren haben vor allem Eier, Fleisch, Fisch, Geflügel, aber auch Nüsse und einige Getreidesorten. Auch eine übergroße Natriumaufnahme kann den Calciumverlust fördern. Eine wissenschaftliche Studie konnte 1988 nachweisen, dass pflanzliches Protein aus Sojamilch und Tofu keinen Calciumverlust verursacht. Sogar bei niedriger Calciumzufuhr und hoher pflanzlicher Eiweißaufnahme blieb die Calciumbilanz ausgeglichen!

So ist es auch verständlich, dass in industrialisierten Ländern mit einem hohen Konsum an Fleisch und tierlichem Protein die Empfehlungen zur Calciumaufnahme nach oben geschraubt werden. Die durch tierliches Protein verursachten Verluste sollen dadurch ausgeglichen werden. Die Situation ist absurd, wie folgender Vergleich deutlich macht: Man versucht immer mehr Wasser in einen Eimer einfließen zu lassen, um ihn gefüllt zu halten, anstatt das Loch im Eimer zu schließen. Die Folge: In westlichen Industrienationen mit hoher Calciumzufuhr und hohem Milchkonsum ist die Osteoporose am weitesten verbreitet! Der gigantische Verzehr an tierlichen Proteinen in Form von Fleisch, Fisch, Geflügel hinterlässt auch hier seine Spuren. In anderen Gesellschaften mit geringer Aufnahme von tierlichem Eiweiß kommt die Osteoporose relativ selten vor, obwohl die Calciumzufuhr deutlich geringer ist.

Aufgrund der gemäßigten und gesunden pflanzlichen Proteinaufnahme geht bei veganer Ernährung wenig Calcium verloren. Außerdem verfügen gerade grüne Kohlsorten mit niedrigem Oxalatgehalt wie Brokkoli, Chinakohl, Kohl, Kohlrabi über Calcium mit einer hohen Bioverfügbarkeit von 49 – 61%. Kuhmilch verfügt dagegen nur über Calcium mit einer deutlich geringeren Bioverfügbarkeit von 21 – 24%.

Obwohl es keine Berichte über Calciummangel bei erwachsenen Veganern gibt, sollte es immer das Bestreben bei einer gesunden, abwechslungsreichen veganen Ernährung sein, möglichst viel Calcium aufzunehmen. Insbesondere bei Kindern sollte auf eine calciumreiche Ernährung geachtet werden. Gute Quellen sind mit Calcium angereichertes Tofu, Bohnen, grünes Blattgemüse wie Grünkohl und andere Kohlsorten, Dörrobst, mit Calcium angereicherte Sojamilch, Aufstriche aus Nüssen, Samen, Mandeln, Sesamsamen und Melasse.

Magnesium

Magnesium ist ein wichtiger Mineralstoff, der für eine Vielzahl von Stoffwechselaktivitäten im Körper benötigt wird. Eine abwechslungsreiche vegane Ernährung stellt eine hervorragende Quelle für reichlich Magnesium dar.

Phosphor

Nach Calcium ist Phosphor der zweithäufigste Mineralstoff im Körper. Phosphor ist in pflanzlicher Kost reichlich enthalten. Phosphormangel ist unbekannt.

Natrium und Chlorid

Tendenziell wurden die Empfehlungen für die Aufnahme von Kochsalz (NaCl = Natriumchlorid) eher gesenkt, weil durch eine zu hohe Aufnahme gesundheitliche Nachteile befürchtet werden. Allgemein sorgt vegane Kost zwar für eine geringere Kochsalzaufnahme als omnivore Nahrung, aber sie ist trotzdem oft noch zu hoch.

Kalium

Empfehlungen der letzten Jahre haben die Tendenz, sich für höhere Kaliumzufuhren auszusprechen. Eine hohe Kaliumzufuhr scheint gesundheitliche Vorteile zu bieten. Eine gut zusammengestellte vegane Ernährung mit Kartoffeln, Gemüse, Obst und Fruchtsäften stellt eine hohe Kaliumversorgung sicher.

Eisen

Eisen ist ein gutes Beispiel dafür, wie fehlerhafte Ratschläge von unwissenden "Experten" oder von eigennützigen Interessengruppen in die Welt gesetzt werden. Fleisch oder andere tierliche Produkte sind definitiv nicht notwendig, um eine gute Eisenversorgung des menschlichen Organismus sicherzustellen.

Pflanzliche Produkte, insbesondere Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte, enthalten besonders reichliche Mengen an Eisen. Zwar kann aus pflanzlicher Nahrung weniger Eisen aus dem Darm resorbiert werden, aber mit einer gut zusammengestellten veganen Ernährung wird in der Regel viel mehr Eisen mit der Nahrung aufgenommen, so dass eine niedrigere Resorptionsquote kompensiert werden kann. Außerdem können durch bestimmte Substanzen in der Nahrung die Resorption gefördert werden. Dazu zählen Vitamin C und andere organische Säuren, die reichlich in dem von Veganern verzehrten Obst und Gemüse enthalten sind. Dies alles schließt aber nicht aus, dass Vegetarier und Veganer durch eine einseitige Ernährung und durch die falschen Nahrungsmittel einen Eisenmangel mit Eisenmangelanämie verursachen können.

Und wie sehen die weiteren Fakten aus?

Veganer und Vegetarier sind nicht häufiger von einem Eisenmangel betroffen als die übrige Bevölkerung! Es ist sogar bekannt, dass ein Zuviel an Eisen schädlich sein kann und dadurch verschiedene Erkrankungen begünstigt oder verursacht werden. Fleischesser haben oft zu viel Eisen im Blut. Zu große Mengen an Eisen fördern die Entstehung von freien Radikalen im Organismus, die aggressiv Körperzellen und Gewebe zerstören, ja sogar Krebs auslösen können. Bakterielle Infektionen werden ebenfalls durch überhöhte Eisenkonzentrationen begünstigt, weil Bakterien zu ihrer Vermehrung dieses Spurenelement benötigen. Bekanntlich schützt sich der Körper normalerweise vor dieser Gefahr, in dem er bei einer beginnenden Infektion den Eisenspiegel senkt.

Die vegane Ernährung ist deshalb auch hinsichtlich des Spurenelements Eisen ideal. Eine Eisenüberladung ist bei einem gesunden Menschen mit pflanzlicher Nahrung nicht möglich. Zudem enthält Pflanzenkost so viele Antioxidantien, dass freie Radikale schnell unschädlich gemacht werden können.

Trinken Sie zu jeder veganen Mahlzeit ein Glas Vitamin-C-haltigen Fruchtsaft und vermeiden Sie die Eisenresorption hemmende Stoffe wie Gerbstoffe im schwarzen Tee. Und falls Sie trotzdem Sorge um Ihre Eisenvorräte haben sollten z. B. nach stärkeren Blutverlusten oder starken Monatsblutungen, so lassen Sie den Ferritinspiegel (Eisen-Proteinkomplex im Blut) bestimmen.

Zink

Eine ausgewogene vegane Ernährung enthält genügend Zink. Allerdings können Nahrungsmittel mit viel Phytat eine hemmende Wirkung auf die Zinkresorption haben. Gute Quellen für Zink sind u. a. Vollkornprodukte, Erbsen, Hülsenfrüchte, Tofu und Nüsse. Ein Zinkmangel ist bei einer abwechslungsreichen, gut geplanten veganen Ernährung nicht zu erwarten.

Selen

Selen ist ein sehr wichtiges Spurenelement, da es zusammen mit Vitamin E antioxidativ wirkt und Schäden durch freie Radikale verhindern kann.

Die Selenaufnahme hängt vorwiegend davon ab, auf welchem Boden die Nahrungspflanzen gewachsen sind. Nord- und Mitteleuropa gelten als Selenmangelgebiete, so dass sich unabhängig von der Kostform eine zusätzlich Gabe in Form einer Nahrungsergänzung oder von Selenweizen (z.B. aus den USA) empfiehlt. Laut einer schwedischen Studie scheiden Veganer sehr wenig Selen aus, so dass vermutlich aufgrund ihrer Ernährung eine geringere Zufuhr nötig erscheint. Die bisher in Untersuchungen gemessenen Selenkonzentrationen im Blut von Veganern lagen im Normbereich.

Jod

Jod ist wichtiger Bestandteil der Schilddrüsenhormone. Ein Mangel führt zum Kropf. Aus diesem Grund empfiehlt sich unabhängig von der Form der Ernährung die Verwendung von jodiertem Speisesalz als Kropfprophylaxe. Weitere vegane Jodquellen sind Meeresalgen, Meersalz und spezielle Hefeextrakte.

Kupfer

Eine abwechslungsreiche, gut zusammengestellte vegane Ernährung mit Brot, Getreide, Weizenkeimen, Nüssen und Samen sichert eine ausreichende Zufuhr von Kupfer. Mangelerscheinungen wurden bei Veganern bisher nicht beobachtet, traten aber bei ausschließlich mit Kuhmilch mangelernährten Säuglingen auf!

Chrom

Chrom ist wichtig für den Glucose- und Nekleinsäurestoffwechsel. Bohnen, Vollkornprodukte, Nüsse und Bierhefe sind gute Lieferanten für Chrom, so dass ein Chrommangel bei Veganern nicht zu erwarten ist.

Mangan

Tee, Vollkornprodukte, Nüsse und Gewürze enthalten viel Mangan, so dass vegane Ernährung eine ausreichende Versorgung darstellt.

Kobalt

Kobalt wird dem Körper in Form von Vitamin B12 zugeführt.

Molybdän

Dieses Spurenelement ist Bestandteil wichtiger Enzyme. In veganer Ernährung mit Hülsenfrüchten, Getreide und Kartoffeln ist es in ausreichenden Mengen vorhanden.


Ernährung und Krankheiten – ein kurzer Überblick

Nachfolgend ein abschließender kurzer Überblick über die wesentlichen Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zu den gesundheitlich positiven Auswirkungen von veganer und vegetarischer Ernährung im Vergleich zu nichtvegetarischer Kost.

Fettleibigkeit / Übergewicht

Fettleibigkeit / Übergewicht ist bekanntlich ein bedeutender Risikofaktor für eine Reihe schwerwiegender Erkrankungen.

Eine englische Studie an 4000 Männern und Frauen zeigte, dass die Fettleibigkeit (ausgedrückt im durchschnittlichen Body-Mass-Index) bei Fleischessern am höchsten und bei Veganern am geringsten ist.

Die Oxforder Vegetarierstudie kam zu dem gleichen Ergebnis beim Vergleich von Vegetariern mit Nichtvegetariern.

Herzerkrankungen

5 Prospektivstudien mit mehr als 76.000 Teilnehmern konnten aufzeigen, dass die Todesfallrate bei ischämischen Herzerkrankungen (wie z.B. Herzinfarkt, mangelnde Herzmuskeldurchblutung usw.) bei Vegetariern deutlich geringer ist als bei Fleisch- und Fischessern. Die Todesfallraten für Vegetarier waren auch dann geringer, wenn man sie mit gemäßigten Fleischessern verglich, die weniger als einmal die Woche Fleisch aßen oder nur Fisch verzehrten.

Eine Studie belegte, dass das Risiko zur Entwicklung von Herzerkrankungen bei Veganern noch niedriger als bei Ovo-Lacto-Vegetariern ist.

Bluthochdruck

Viele Studien haben bewiesen, dass Vegetarier einen niedrigeren systolischen als auch diastolischen Blutdruck haben.

Eine schwedische Studie zeigte, dass die vegane Ernährung bei Patienten mit krankhaft chronisch hohem Blutdruck sogar Heilungen bewirken konnte. Nach einem Jahr streng veganer Ernährung waren von 26 Patienten 22 völlig beschwerdefrei, vier hatten weniger Beschwerden und 20 Patienten hatten sämtliche Medikamente absetzen können.

Diabetes

Einige Studien belegen, dass durch eine fleischlose Kost das Risiko für den Typ II Diabetes (Erwachsenendiabetes) gesenkt wird.

Auch gemäßigte Fleischesser haben ein höheres Risiko als Vegetarier.


Krebs

Eindeutige Ergebnisse vieler Studien: Die Gesamtkrebsrate liegt bei Vegetariern niedriger.

Nichtvegetarier haben besonders bei Dickdarmkrebs, Mastdarmkrebs und Prostatakrebs ein ganz erheblich höheres Risiko.

Sowohl rotes Fleisch (Rind, Schwein, Kalb, Schaf usw.) als auch weißes Fleisch (Geflügel) sind unabhängig voneinander mit einem deutlich erhöhten Darmkrebsrisiko verbunden. Das Hämeisen aus dem Fleisch, welches als leicht resorbierbares Eisen geschätzt wird, bildet im Darm hoch gefährliche Zellgifte, die das Darmkrebsrisiko erhöhen.

Demenz (Schwachsinn, Intelligenzdefekt)

Amerikanische Studien ergaben, dass Personen, die Fleisch, Geflügel und Fisch verzehren, ein mehr als doppelt so hohes Risiko haben, eine Demenzerkrankung zu entwickeln. Langjährige Fleischesser haben sogar ein mehr als dreimal so hohes Risiko für eine Demenz.

Eine niederländische und eine amerikanische Studie konnten eine höhere Intelligenz vegan ernährter Kinder nachweisen.


Milch und Gesundheit – ein kurzer Überblick

Auch Milch und Milchprodukte werden von der Werbung und vermeintlichen Ernährungsexperten als besonders gesundes Getränk dargestellt. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass Milchfett zu etwa 65% gesättigte Fettsäuren enthält, durch das Pasteurisieren (Erhitzen) der Milch Proteine denaturiert werden, die negative gesundheitliche Wirkungen entfalten können und der Milchzucker (Lactose) für viele Menschen unverträglich ist, so können die vielen negativen Auswirkungen des Milchkonsums nicht verwundern, die in einer Reihe von Studien nachgewiesen worden sind.

Einige Studien konnten einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Prostatakrebs aufzeigen.

Frühzeitige Gabe von Kuhmilch an Säuglinge verursacht oft einen Eisenmangel und eine Eisenmangelanämie. Eisenmangelanämien beinhalten die große Gefahr von geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen.

Die Gabe von Kuhmilch im Säuglingsalter trägt das Risiko von versteckten Magen-Darm-Blutungen, wodurch Eisenverluste verursacht werden.

Die Häufigkeit von juvenilen Diabetes (Typ I) steigt mit einem vermehrtem Konsum von Kuhmilch.

Eine amerikanische Studie an Kindern fand heraus, dass der Blutcholesterinspiegel von der Höhe des Milchkonsums abhängt.

Viele Studien konnten einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und dem Entstehen von Herzkrankheiten aufzeigen. In Ländern mit gesunkenem Milchkonsum wurde auch eine sinkende Zahl von Sterbefällen an Herzkrankheiten beobachtet.

In einer Studie wurde die Präsenz des Bakteriums Helibacter pylori untersucht, das für Magenschleimhautentzündungen, Zwölffingerdarmgeschwüren und Magenkrebs verantwortlich gemacht wird. Bei Milchtrinkern wurden die meisten Bakterien und bei Veganern die wenigsten Bakterien festgestellt.

Die gesundheitlichen Gefahren durch Milch lassen sich am besten zusammenfassen durch das Statement von Professor Dr. Frank Oski, renommierter Kinderarzt und ehemaliger Präsident der amerikanischen Gesellschaft zur Erforschung von Kinderkrankheiten (US Society for Pediatric Research):

"Wenn die Öffentlichkeit erst einmal über die der Milch innewohnenden Risiken informiert ist, werden vielleicht endlich nur noch die Kälber die ihnen zustehende Nahrung trinken. Denn nur Kälber sollten Kuhmilch trinken."


Fazit

Sie haben jetzt die ersten notwendigen Informationen, um sich eigenverantwortlich für zwei Alternativen zu entscheiden:

1. durch eine gesunde vegane Ernährung die eigene Gesundheit als wertvollstes Gut zu hegen und zu pflegen

oder

2. weiterhin Leuten zu vertrauen, die entweder keine umfassenden Kenntnisse über gesunde Ernährung haben oder die wirtschaftlichen Interessen der "Nutztierindustrie" vertreten, und so sich selbst und den tierlichen Mitgeschöpfen zu schaden.

Sie haben nur dieses eine Leben und diese eine Gesundheit.



Literatur

Vegane Ernährung von Langley, 1995 erschienen im EchoVerlag, Göttingen

Positionspapier der ADA (Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung: American Dietetic Association) und der DC (Dietitians of Canada: Verband der kanadischen Ernährungswissenschaftler) zu den gesundheitlichen Vorteilen der vegetarischen und veganen Ernährung von 2003; im Internet unter: http://www.eatright.org/Member/Files/veg.pdf

Vitamin-Lexikon für Ärzte, Apotheker und Ernährungswissenschaftler von Bässler, Golly, Loew, Pietrzik, erschienen 2002 bei Urban und Fischer

Vegetarische Ernährung von Leitzmann, Hahn, erschienen 1998 im Trias Verlag


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Vegetarisches Futter ist gesund

Das eine Tier für das andere töten zu lassen, bedeutet willkürliche Einteilung der Wertigkeit eines Tierlebens


Wir hegen und pflegen die uns anvertrauten Tiere und versuchen ein optimales Zuhause für sie zu schaffen. Selbstverständlich sollte dies auch bei Ziegen, Schafen, Schweinen, Rindern, Hühnern und natürlich auch bei Kaninchen der Fall sein, obwohl es sich dabei gleichzeitig um potentielle "Schlachttiere" handelt, die leider in der Regel im Kochtopf landen. Jeder ethisch motivierter Tierhalter wird denjenigen vom Hofe jagen, der einen solchen Wunsch äußern würde. Diese "Nutz-Tiere" zu hegen und zu pflegen, aber gleichzeitig die gleichen Tiere eingedost an andere Tiere zu verfüttern, ist doch recht fragwürdig. Verfüttert man fleischhaltiges Futter, müsste man konsequenterweise die eigenen so genannten "Nutztiere", allein schon aus Kostengründen sofort auch der Schlachtung zuführen und an Hund und Katze verfüttern; also auch z.B. das Kaninchen der Kinder. Würde zum Beispiel ein Tierheim oder ein Gnadenhof dies tun, wäre der Skandal perfekt. Die gleichen "Nutz-Tiere" anonymisiert in Dosen zu verfüttern, erscheint hingegen für viele Tierschützer und Tierrechtler legitim. Wir können aber nicht einige Kaninchen oder Schweine, nur weil sie zufällig bei uns gelandet sind, lieben und pflegen, aber gleichzeitig die Tötung anderer Kaninchen oder Schweine für unsere Hunde oder Katzen in Auftrag geben.


Umfassender Tierschutz


Haben Sie sich schon einmal überlegt, was Tierschutz exakt bedeutet, wenn man ihn ernsthaft betreibt? Bedeutet Tierschutz den Schutz willkürlich ausgewählter Kuscheltiere wie Hund und Katze oder den Schutz von allen leidensfähigen Tieren ohne willkürliche Auswahl? Echter, umfassender Tierschutz schützt meiner Meinung nach alle Tiere. Daraus folgt aber auch logischerweise, dass wir keine Tiere schlachten oder dies in Auftrag geben, um sie an andere Tiere zu verfüttern. Denn würden wir einige Tiere schlachten oder schlachten lassen, um sie zu verfüttern, dann wären wir sicher nicht unserer Aufgabe gerecht geworden, alle Tiere vor Leid und Tod zu schützen. Tiere gleichzeitig schützen und töten zu wollen, ist ein Widerspruch in sich. Denn töten wir ein Tier, dann nehmen wir ihm das wichtigste und wertvollste, was es hat: sein Leben. Deshalb sollten wir auch unsere "Haustiere" nicht mit handelsüblichem fleischhaltigem Fertigfutter füttern, welches das Fleisch von geschlachteten Tieren enthält. Wir würden damit den Tierschutz für diese getöteten Tiere außer Kraft setzen.

Deshalb sollten wir unsere Tiere vegetarisch füttern und uns auch für eine vegetarische Ernährung beim Menschen einsetzen!

Praktische Erfahrungen – Vegetarische Ernährung für Hunde

Seit Herbst 2001 wurden die Hunde im Tierheim Siegen, in dem ich tätig war, zu 100 Prozent vegetarisch ernährt. Wir mussten uns zuerst einen Überblick über das vegetarische Futterangebot verschaffen und wunderten uns, wie viele Sorten von renommierten Herstellern bereits angeboten wurden. Mittlerweile ist eine Vielzahl von vegetarischen Trockenfuttersorten für Hunde bekannt, aber auch Nassfutter und "Leckerchen" in jeder erdenklichen Form sind erhältlich. Äußerlich und bezüglich der Fütterungsweise unterscheidet sich das vegetarische Futter nicht vom fleischhaltigen Futter. Geschmacklich ist es ebenso: Den Hunden schmeckt es hervorragend! Die Vielfalt an leckerem Hundefutter ohne Fleisch lässt jedem vierbeinigen Feinschmecker das Wasser im Mund zusammenlaufen. Eine Zusammenstellung der verschiedenen Fertigfuttersorten finden Sie auf den Web-Seiten von www.IG-Tierschutz-Siegen.de.

Was füttern wir?

Der überwiegende Teil des Hundefutters besteht meist aus Trockenfutter. Um es abwechslungsreich zu gestalten, sollte man nicht unbedingt immer nur die gleiche Sorte verfüttern. Da aber Trockenfutter allein für manchen Hund zu langweilig ist, reichern wir das Trockenfutter oftmals mit so genannten "Hundenudeln" und Gemüsebrühe an. Die "Hundenudeln" sind für den Hund abgestimmte und vorgekochte Nudeln, die man einfach in warmen Wasser einweicht. Aber auch verschiedene Flocken, Reismixer oder vegetarisches Feuchtfutter werden ab und zu dem Trockenfutter beigegeben. Manche Hunde mögen auch grundsätzlich kein Trockenfutter (ganz gleich ob vegetarisch oder nicht), so dass diese "Feinschmecker" ihr Trockenfutter in Kombination mit den genannten Ergänzungsfuttermitteln mit warmen Wasser bzw. Gemüsebrühe übergossen bekommen.

Die Umstellung

Anfangs war ich der Meinung, man müsste die Hunde langsam an die neue Kost gewöhnen. Aber schnell zeigte sich, dass es für die Hunde keinen Unterschied macht, ob nun 4 Prozent Rind und einiges an Fischmehl oder anderen Schlachtabfällen im Fertigfutter enthalten sind oder nicht. Die Hunde essen vegetarisches Futter gerne; es kommt zu keinerlei Problemen. Jeder Hund, der während meiner Tätigkeit von 2001 bis 2003 im Tierheim Siegen aufgenommen wurde (etwa 1.500 Hunde), bekam vom ersten Tag an die vegetarische Kost, und es gab keinerlei Probleme.

Das sagt die Wissenschaft

Wissenschaftlich erwiesen ist, dass der Verdauungstrakt des Hundes und auch der Katze sehr wohl in der Lage ist, auch ohne Fleisch alle lebensnotwendigen Stoffe aufzunehmen. Lassen Sie sich nicht von denjenigen beirren, die fälschlicherweise das Gegenteil behaupten. Auch einige Tierärzte unterliegen immer noch dem Trugschluss, der Darm von Hund und Katze wäre zu kurz. Das stimmt aber nicht, und das Gegenteil ist bewiesen. Diese Veterinär-Mediziner der alten Schule haben oft noch die Vorstellung, eine vegetarische Fütterung bestünde aus rohem Gemüse und rohem Getreide; dies würde nämlich tatsächlich keine ausreichende Fütterung darstellen. Vielmehr ist es aber so, dass aus dem gekochten und / oder gebackenem Futter, wie beispielsweise dem vegetarischen Fertigfutter, sehr wohl alle notwendigen Nährstoffkomponenten herausgelöst werden können. Auch die Zuführung sämtlicher wichtiger Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente wird durch die vegetarische Kost garantiert. An der UNI München wurde 1999 eine Doktorarbeit zu diesem Thema verfasst, welche genau diesen Sachverhalt herausstellt. James A. Peden belegt in seinem Buch "Vegetarische Hunde- und Katzenernährung" ebenfalls eindrucksvoll die Vorteile der vegetarischen Hunde- und Katzenernährung. Die Tierschutzorganisation PeTA führte auch eine Studie zum Zustand vegetarisch ernährter Hunde durch und kommt zu dem Schluss: Je länger ein Hund vegetarisch ernährt wird, desto geringer ist sein Risiko, an Infektionen oder Krebs zu erkranken. Auch im Tierheim Siegen gab es "Langzeitinsassen", die seit 2001 vegetarisch ernährt wurden und sich nicht nur bester Gesundheit erfreuten, sondern sogar einen bessern Gesamteindruck machten als gleichaltrige Nichtvegetarier. Viele Beispiele von Tierhaltern, welche ihren Hund oder ihre Katze mitunter von Welpenalter an vegetarisch füttern und deren Tiere auch im hohen Alter kerngesund und topfit sind, untermauern eindrucksvoll die vorliegenden wissenschaftlichen Studien. Der älteste Hund Großbritanniens wurde übrigens 27 Jahre alt und war ebenfalls Vegetarier.

Die vegetarischen Katzen

Bei Katzen ist eine Futterumstellung ungleich schwieriger als bei Hunden. Dies liegt hauptsächlich an der starken Prägung der Katzen auf bestimmte Futtersorten. Viele Katzen essen im Gegensatz zum Hund nicht einfach von heute auf morgen eine andere Futtersorte. Eine langsame Umgewöhnung durch Untermischen vegetarischer Kost unters herkömmliche Futter führt hier aber mitunter auch zum Erfolg. Andere Katzen hingegen stützen sich vom ersten Tag an auf die vegetarische Kost. Dies sind meist diejenigen Tiere, die im Welpenalter nicht auf bestimmte Futtersorten geprägt wurden, meist Tiere aus ländlicher Herkunft.

Vegetarisches Futter für Katzen

Im Gegensatz zu den vielen vegetarischen Hundefuttersorten sind nur sehr wenige vegetarische Fertigfuttersorten für Katzen erhältlich. Einige Futtermittelhersteller haben aber bereits ihren Willen erklärt, weitere vegetarische Katzenfuttersorten herstellen zu wollen. Damit könnte eine Vielfalt erreicht werden, mit welcher man einen größeren Teil der "Katzengeschmäcker" abdecken könnte. Ein Selbstkochen des Katzenfutters ist für eine berufstätige Person im Alltag kaum möglich, aber wenn zeitliche Ressourcen vorhanden durchaus eine Alternative. In dem oben angesprochenem Buch von James A. Peden sind Rezepte zur vegetarischen Ernährung von Hund und Katze angegeben. Als Grundlage zum Selbstkochen des Katzenfutters muss aber unbedingt ein Nahrungsergänzungspulver verwendet werden, welches von James A. Peden entwickelt wurde. In diesem ist unter anderem die essentielle Aminosäure Taurin enthalten. Auch der Bedarf an Arachidonsäure und vielen Vitaminen und Spurenelementen wird durch diese Nahrungsergänzung abgedeckt. Ohne eine geeignete Nahrungsergänzung oder ohne Anleitung ist von einem Selbstkochen für Katzen allerdings abzuraten. Bevor Sie Ihre Katze regelmäßig mit selbstgekochtem Futter ernähren, von dem Sie nicht wissen, ob alles Notwendige für die Katze enthalten ist, sollten Sie sich z.B. an die Ernährungsberatungsstelle der Uni München wenden, (Fakultät für Tiermedizin) die Rezepte überprüfen und die Rationen genau berechnen lassen.

Es ist an der Zeit für Veränderungen

Über viele Jahre verfütterte auch ich gedankenlos herkömmliches fleischhaltiges Futter an die Tiere und war guten Glaubens alles für die Tiere zu tun und unserem Ziel in vollem Umfang gerecht zu werden. Erst ein Gedankenanstoß von außen brachte mich dazu, über dieses Thema nachzudenken. Mea culpa! Ich möchte hiermit versuchen, auch andere Tierhalter dazu zu bewegen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Denn ohne den ersten Anstoß von außen, wäre auch ich wahrscheinlich nicht zu einer Futterumstellung meiner eigenen "Haustiere" und der mir anvertrauten Tiere im Tierheim gekommen.

Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass der Weg des Tierschutzes zur fleischlosen Ernährungsweise unausweichlich ist. Ein Tier schützen zu wollen, und gleichzeitig die Tötung und Zerstückelung anderer Tiere in Auftrag zu geben, ist unvereinbar.


Weitere Informationen gibt es auf der Homepage: http://www.die-tierfreunde.de

Dort finden Sie Futtersorten und deren Bezugsquellen, Antworten auf häufig gestellte Fragen und Erfahrungsberichte von Hundehaltern, die ihre Hunde mitunter bereits 10 Jahre oder länger fleischlos ernähren.

Für die A.K.T.E. - Redaktion / Jürgen Foß / 01.02.04

Igel in Not - Informative Hinweise von der Igel-Expertin bei A.K.T.E.


Alljährlich im Herbst ...

Es ist nicht zu übersehen, das Laub verfärbt sich, die Früchte der Eichen und Buchen, der Kastanien und Maronen fallen von den Bäumen und dann erinnern sich viele Leute daran: "Jetzt ist es ja Zeit, Igel zu rette!"

Obwohl sich durch die Aufklärungsarbeiten sowohl von Igelschutzvereinen als auch vielen engagierten Igelhelfern vieles zum Guten verändert hat, gilt es noch dicke Bretter zu bohren, um dieser erdgeschichtlich seit dem Tertiär nahezu unveränderten Tierart das Überleben zu ermöglichen.

Mancherorts werden sie von wohlmeinenden Helfern wie eben die genannten Herbstfrüchte eingesammelt und weil vermeintlich untergewichtig in kleinen Kästchen mit Laub im Keller verstaut. Man stellt ihnen evtl. noch Wasser und Katzenfutter hin und meint damit der große Tierschützer zu sein. So werden viele Igel in guter Absicht - ohne jegliche Sachkenntnis - zu Tode gepflegt, und es gibt eine erhebliche Dunkelziffer.

Andererseits werden im Sommer verletzte oder kranke Igel nicht beachtet bzw. einfach hilflos liegen gelassen und müssen geradezu erbärmlich verrecken. (Sorry, ich betreibe seit 25 Jahren eine Igelstation und Aufklärungsarbeit, und noch heute sträuben sich mir die Stacheln, wenn ich manche Leute reden höre.)

Viele meinen sogar, besonders nach der Lektüre vieler unrichtiger, verkürzter, veralteter oder falsch wiedergegebener Infos aus den Medien große "Igelschützer" zu sein.

Hier ein paar Hinweise, die unbedingt beachtet werden sollten:

Ein gesunder Igel ist ein gesetzlich geschütztes Wildtier, das nicht in Menschenhand gehört.

Ein paar allgemeine Worte über gesunde Igel:

1. Der Igel ist dämmerungs- und nachtaktiv.
2. Seine Form ist rundlich, tropfenförmig.
3. Er hat halbkugelförmige, schwarze Knopfaugen.
4. Seine Nase ist feucht.
5. Er rollt sich bei Annäherung zusammen, und erst wenn die vermeintliche Gefahr vorbei ist, wieder aus.
6. Seine Stacheln stellt er kreuz und quer auf.
7. Wenn er meint, dass die Zeit reicht, spaziert er schnell in Sicherheit.
8. Der Kot gesunder Igel ist ein dunkles, geformtes Würstchen.

Welcher Igel ist krank bzw. hilfsbedürftig?

1. Kranke Igel sind tagaktiv, oft ohne jegliche Deckung liegend.
2. Die Form kranker Igel ist walzenförmig.
3. Sie haben oft eine auffällige Nackenfalte.
4. Die Augen liegen tief in den Höhlen und sind oft schlitzförmig.
5. Die Nase ist oft trocken.
6. Die Tiere sind häufig unterkühlt.
7. Der Gang kranker Igel ist meist wackelig, oder sie liegen nur und stehen nicht auf.
8. Kranke Igel rollen sich kaum ein, sie wirken zahm.
9. Die Stacheln werden kaum aufgestellt.
10. Der Kot kranker Igel ist weich, manchmal grünlich schleimig, auch blutig.

Achtung: Verletzte, hilflose und kranke Igel brauchen grundsätzlich Hilfe!

1. Wer ein krankes Tier anfasst, muss sorgfältig auf die Hygiene achten, denn manche Krankheiten, etwa Pilzinfektionen oder Salmonellen sind vom Igel auf Menschen übertragbar!
2. Hilfsbedürftig sind fast immer auch Igel, die nach Frosteinbruch noch draußen gefunden werden. (Dies kann krankheitsbedingt sein.
3. Einem kranken Igel kann man nicht allein mit Futterangebot und Unterkunft helfen!
4. Eine tierärztliche Behandlung oder die Versorgung in einer Igelstation ist immer erforderlich, wenn die Pflege gelingen soll

Besondere Kenntnisse sind erforderlich, wenn verwaiste Igelbabys gefunden werden.

Erste Hilfe für einen Igelpflegling:

1. Unterkühlte Tiere auf eine handwarme Wärmflasche legen.
2. Lauwarmen Fencheltee mit der Pipette vorsichtig tropfenweise eingeben.
3. Sachkundigen Rat einholen. Nicht jeder Igel braucht Hilfe, aber jede Hilfe muss richtig sein!

Umfassende Informationen und Merkblätter findet man im Internet unter: www.pro-igel.de

Noch ein Wort zum Schluss, weil es gerade jetzt wieder besonders wichtig erscheint:

Viele Igelfinder fragen: Wo kann ich den Igel abgeben? Manche treten sogar fordernd auf. Igelstationen sind Privatinitiativen engagierter Tierfreunde! Das heißt, wir sind Privatleute wie die Finder. Manche Igelfinder scheuen den Gang zum Tierarzt, weil er sich seine Arbeit bezahlen lässt. In der Regel machen Igelstationen ihre Arbeit unentgeltlich, und tragen die Kosten selbst. Gerade im Herbst werden wir ständig gefordert, Tag und Nacht ans Telefon gerufen. Die Igel brauchen Futter und oft auch Medikamente vom Tierarzt, der Abfall muss entsorgt werden, wir kaufen Info-Material für die Finder, das wir meist kostenlos weitergeben, die Telefonkosten steigen oft in astronomische Höhen. Ich könnte noch sehr viel nennen, vom Zeitaufwand für die Igelpflege ganz zu schweigen!

WER EIN TIER FINDET, UND SICH SEINER ERBARMT, ÜBERNIMMT VERANTWORTUNG!

Richtig, wir bieten unsere Hilfe an. Helfen bedeutet aber nicht, die Probleme aller Igelfinder zu lösen und alle Tiere aufzunehmen. Wir haben alle nur eine begrenzte Raumkapazität zur Verfügung, und ein begrenztes Budget. Wenn wir nicht auch einmal "N E I N, so nicht!", sagen, können wir keine effektive Igelhilfe leisten!

Immer wieder erlebe ich, dass es Leuten völlig egal ist, was weiter aus dem Igel wird, nur abgegeben soll er werden, manchmal mit den tollsten Ausreden. Hinter fast allen von uns stehen keine großen Finanziers. Wir arbeiten ehrenamtlich und haben auch noch ein Privatleben! Wir müssen nicht Tag und Nacht erreichbar sein! Wir beraten und helfen gerne, aber wir können nicht alle Igel aufnehmen oder retten. Wir brauchen die Hilfe der Finder und ihre Bereitschaft, ihre Findlinge wieder zu übernehmen, wenn der Igel gesund ist und nur noch gefüttert und seine Unterkunft gesäubert werden muss. Nur dann können wir neue Kapazitäten für die schlimmen Fälle schaffen. Was wir in den Stationen machen, ist "Reparaturarbeit" - wir helfen dem einzelnen leidenden Tier.

Damit retten wir die Art natürlich nicht!

Tier- und Artenschutz beginnt bei jedem Einzelnen von uns:


1. Indem wir verantwortungsbewusst im Straßenverkehr sind,
2. Auf Gifteinsatz im Garten verzichten.
3. Gefahrenquellen in unserem Lebensraum, den der Igel zwangsläufig als Kulturfolger mit uns teilt, beseitigen, z. B. Teiche mit Ausstiegshilfen versehen, auf Gartenfeuer verzichten, Gruben und Schächte abdecken, auf Netze bis zum Boden verzichten, in denen sich die Tiere verheddern können.
4. Vorsichtig beim Einsatz von Gartengeräten umgehen, z.B. Rasentrimmern und Laubsaugern.
5. Keine Lebensmittel einfach draußen wegwerfen, sie könnten zu einer Infektionsquelle werden.
6. Indem wir Wildpflanzen in den Gärten zulassen; sie bieten der heimischen Insektenwelt Lebensraum und Kinderstube. (Igel als Insektenfresser finden dann ausreichend Nahrungstiere.)
7. Indem wir Unterschlüpfe bieten, und Laub und Strauchschnitt als Nistmaterial im Garten belassen.

Die "Stachelritter" möchten leben, und wir möchten sie doch noch lange als heimliche nächtliche Kobolde in unserer Nähe beobachten können? Sie verdienen unseren besonderen Schutz und Beachtung!


Igelstation


Der Begriff Igelstation ist für die meisten Menschen mit dem Gedanken verbunden: Wenn ich einen Igel gefunden habe, dann bring ich ihn dahin!

Leider geht die Überlegung selten weiter, denn man vermutet mit Selbstverständlichkeit eine Institution dahinter, auf deren Leistung man einen Anspruch hat und einen Finanzier, z. B. einen Verein oder Verband dahinter.

Leider sieht die Wirklichkeit so anders aus. In der Regel sind Igelstationen in privater Initiative entstanden und je nach Engagement, Hintergrund und Belastbarkeit, sowie Raumangebot werden sie privat betrieben. Der Begriff ist nicht rechtlich geschützt und sagt nichts über die Qualifikation der Betreiber und die Qualität der Igelhilfe aus.

Igel sind Wildtiere ...sie gehören nicht dem Finder und nicht der Station. Prämisse der Hilfsarbeit ist, das gesund gepflegte Wildtier Igel wieder möglichst am Fundort auszuwildern, wenn Nahrungs- und Deckungsgrundlage wieder gewährleistet sind. Das kann Wochen und Monate dauern, je nach Jahreszeit und Gesundheitszustand des Tieres beim Fund.

Wird ein Fundigel - meist telefonisch - gemeldet, wird eine Zeit vereinbart, mit ihm in die Station zu kommen. (Meist und möglichst sofort, da Igel oft voller Parasiten sind, oder ihr Zustand kein Zuwarten zulässt). Der Igel wird zunächst einmal grob in Augenschein genommen. Er wird von der Fahrt her verstört sein und wenn er nicht schon sterbend ist, auch eingerollt kommen und es eine Weile bleiben. Der Igel wird gewogen, evtl. von seinen Parasiten befreit (eingesprüht). Manchmal muss eine Notversorgung vorgenommen werden, z. B. durch Elektrolytgabe.

Es wird eine Dokumentation angelegt, die enthält:

1. Eingangsnummer und -datum
2. Findername, Adresse, Telefon
3. Fundort, Zeit und Umstände des Fundes
4. Ist der Igel schon beim Tierarzt gewesen? (Maßnahmen, welcher Tierarzt, Telefonnummer des Tierarztes).
5. Hat er Futter bekommen, wenn ja: welches und hat er gegessen? Gewicht, Aussehen, Maßnahmen etc.

Alles wie beim Arzt ... oder im Krankenhaus für Menschen auch, damit der nachbehandelnde Tierarzt sich ein Bild verschaffen und darauf aufbauen kann. Diese Laufkarte bleibt ständig mit dem Tier zusammen und wird weitergeführt: Verhalten, Futteraufnahme, Gewicht, Medikation etc. werden täglich eingetragen.

Danach sollte das Tier zur Ruhe kommen, es bekommt ein Einzelgehege, mit Zeitungen ausgelegt, ein Schlafhaus, in das es sich zurückziehen kann, es bekommt Wasser und Futter angeboten. Der Igel wird beobachtet. Wie sieht er aus?

Mager, lang oder tropfenförmig?
Hat er Verletzungen?

Wie sehen seine Augen aus - halbkugelförmige Knöpfchen oder schlitzförmig?
Evtl. ganz geschlossen beim sehr kranken Tier?
Wie sieht die Nase, sehen die Ohren aus?
Feuchte Nase, reine Ohren oder trockene Nase, verletzte, evtl. eitrige oder von Parasiten befallene Ohren?
Wie verhält sich das Tier?
Rollt es schnell wieder aus, bleibt liegen, oder kriecht mühsam und langsam in Deckung oder bleibt es gar offen liegen?
Verschmäht es Futter und Wasser?
Oder wartet es ab, bis die Luft rein ist, rollt aus und verschwindet schnell in der Deckung, nimmt evtl. sofort Futter u. Wasser an?

Dann ist wichtig: Wie sieht die Hinterlassenschaft aus? Kot wird 3 Tage gesammelt und die Probe zur Untersuchung gebracht.

Oft kann mit der Behandlung keine 3 - 5 Tage zugewartet werden, weil der Igel bis dahin gestorben ist. Je nach Zustand des Tieres muss die Behandlung durch den Tierarzt schnellstens erfolgen oder Kontakt mit ihm aufgenommen und nach seiner Anweisung behandelt werden (erfahrene Igelpfleger, die das Vertrauen eines oder mehrerer Tierärzte haben, können Einiges selbst machen, um dem Tier einen weiteren Transport zu ersparen).

In der Regel leiden die Tiere an starker Verwurmung und davon ausgehend an Infektionen, oder sie haben Verletzungen, die behandelt werden müssen durch Bäder, Antibiotika, lokale Wundbehandlung etc. Da Igel erdnah leben, sind diese Verletzungen häufig infiziert - eitrig und evtl. auch von Maden besiedelt. So können die gebrachten Tiere sehr unterschiedlich pflegeintensiv sein.

Viel Arbeit ...

Isst der Igel nicht selbst, muss er zwangsernährt werden. Besonders wenn Igelbabys kommen, die noch sehr klein sind, ist am Tag und in der Nacht alle 2 Stunden Ernähren und Toiletting und Reinigung angesagt. (Igelpfleger müssen wissen, welche Nahrung wie häufig in welcher Menge verabreicht und vom Tier vertragen wird.) Das ist wirklich Sache für Spezialisten. Nur so haben die Winzlinge eine Chance, in den Kreislauf der Natur als ganz normale Igel eingegliedert werden zu können. Die Arbeit in einer Igelstation ist also arbeitsintensiv, kostenintensiv und wird in der Regel vom Betreiber ehrenamtlich geleistet und aus seiner Börse bezahlt, wenn nicht einsichtige Igelfinder einen freiwilligen Beitrag leisten.

Jede Igelstation hat nur eine beschränkte Aufnahmekapazität. Es rücken gerade in der Herbstzeit täglich mehrere kranke oder verletzte Tiere nach. So ist die wie ein Krankenhaus funktionierende Igelstation darauf angewiesen, dass die Igelfinder die gesund gepflegten Tiere nach Anweisung und Beratung selbst durch den Winter bringen. Natürlich wird das nicht immer möglich sein, dafür hat man auch Verständnis. So arbeiten die Igelstationen auch mit Pflegestellen. Leider stehen auch die nicht unbeschränkt zur Verfügung. Wer ein Tier aufnimmt, übernimmt Verantwortung. Die kann man nicht immer mit Selbstverständlichkeit Anderen aufs Auge drücken. Leider baut sich auch viel Frust auf, wenn Tierfinder nur fordernd und uneinsichtig sind. Man ist Einiges von Menschen gewohnt, wenn man länger mit Tierschutz zu tun hat, nur irgendwann wird die Belastung für den Helfer und seine Angehörigen nicht mehr verkraftbar. So schließen Igelstationen wegen des permanenten Präsenzanspruches und ständiger Überforderung besonders in den Herbst- und Wintermonaten oft nach kurzer Zeit wieder.

Wünsche ...

Wenn wir noch sorgfältiger als bisher mit Gartengeräten, wie Rasentrimmern, umgehen lernen und besonders unter überhängenden Büschen und Zweigen nachsehen, ob dort nicht ein Igel einen Ruheplatz gefunden hat, wäre schon viel erreicht. Wenn jeder von uns sorgfältiger im Verkehr wäre, zurückhaltender mit der Giftspritze, wenn wir durchlässigere Gärten mit heimischen Pflanzen und damit eine große Bandbreite an heimischen Insekten hätten, wären nicht so viele Igel notleidend und krank und müssten in eine Station kommen. Wenn Finder sich besser informieren würden und ein wenig Bereitschaft mitbringen würden, das Engagement von Sachkundigen durch eigenes Engagement zu unterstützen, statt die wenigen engagierten Menschen kontinuierlich mit Selbstverständlichkeit so überzustrapazieren - wie gut ginge es uns und den Tieren.

Lesenswert: Pro Igel e.V.

Kompendium


Eine Sammlung von Texten zum Thema Tierrechte

Der slowenische Staatspräsident Dr. Janez Drnovšek über Vegetarismus und Tierrechte

Der Vegetarismus würde die Chancen des langfristigen Überlebens der Menschheit vergrößern


In der Menschengeschichte gab es nur eine Handvoll wichtiger Staatsmänner, die Vegetarier waren und die außerdem eine entschiedene Haltung für die Rechte aller Tiere vertraten. Auch heutzutage sind sie noch rar. Diesbezüglich ist Slowenien derzeit eines der seltenen Lichter auf der politischen Weltkarte. Staatspräsident Dr. Janez Drnovšek hat nämlich in einem Interview erstmals der Öffentlichkeit eine starke Nachricht vermittelt, um sie zum Nachdenken über die unsägliche Brutalität des Menschen den Tieren gegenüber anzuregen.

Damjan Likar, verantwortlicher Redaktor der slowenischen Zeitschrift "Die Tierbefreiung", führte mit Dr. Drnovšek am 15. Dezember 2005 in Brdo bei Kranj / Slowenien ein Interview, das nachfolgend in vollem Wortlaut wiedergegeben wird:

Frage: Warum wurden Sie zum Vegetarier, und welche Veränderungen haben Sie durch diese Ernährung erfahren?

Antwort: Weil ich fühle, dass solche Nahrung besser ist, hochwertiger. Fleisch essen wir doch letztlich mehr auf Grund von anerzogenen Gewohnheiten und Verhaltensmustern. Einige Jahre lang war ich Vegetarier, in letzter Zeit bin ich dann zum Veganer geworden, also konsumiere ich auch keine Milch, Milchprodukte und Eier mehr. Es bleibt dabei trotzdem noch eine genügend große Auswahl von verschiedenen pflanzlichen Nahrungsmitteln, die allen Anforderungen genügen. Zu diesem Schritt habe ich mich einem inneren Gefühl folgend entschlossen. Einige Zeitgenossen sind der Ansicht, vegane Ernährung sei sehr eintönig, das ist aber nicht wahr. Sie kann sehr abwechslungsreich sein.

Frage: War der Hauptgrund für die Umstellung Ihrer Ernährungsgewohnheiten Ihre schwere Erkrankung vor einigen Jahren?

Antwort: Damals begann ich schrittweise mit dem Übergang. Zunächst durch das Meiden von rotem Fleisch, dann auch von weißem, dann von Fisch und so weiter.

Frage: Fühlen Sie sich jetzt – nach dem Übergang zu einer fleischlosen Ernährung – besser als vorher?

Antwort: Auf jeden Fall fühle ich mich sehr gut, man sagt, dass ich sogar zu viel Energie habe.

Frage: Am Welttierschutztag, dem 4. Oktober, luden Sie Mitglieder des Vereins für die Befreiung der Tiere und ihre Rechte zu einem Gespräch ein. Worüber wurde gesprochen?

Antwort: Ich habe die Mitglieder dieses Vereins vor allem deshalb empfangen, um mit ihnen gemeinsam einer breiteren Öffentlichkeit am Welttierschutztag eine Botschaft zu vermitteln. Wir Menschen sind uns oft zu wenig des Umganges mit den Tieren bewusst und auf welche Art wir sie behandeln. Auch sie sind lebende Wesen. Wie ich vorhin schon erwähnte, übernehmen wir Menschen bestimmte Verhaltensmuster beim Umgang mit Tieren und hinterfragen zu selten, was wir damit auslösen. Wenn wir uns vor Augen halten, wie der Mensch mit der Tierwelt umgeht und auf diese einwirkt, müssten wir eigentlich behaupten, dass dies keine Menschen sind. Denken wir nur an die Massenschlachthöfe, die Rinderzucht oder Geflügelhaltung, wo unmögliche Bedingungen für das Leben der Tiere vorherrschen. Danach sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, auf welche Art und Weise Tiere in Lastwagen transportiert werden, häufig ohne Wasser und Verpflegung. Das ist ein äußerst grausames Verhalten den Tieren gegenüber. Aber die Leute, die so etwas tun, sind deshalb nicht unbedingt schlecht – sie denken nur nicht darüber nach. Wenn das Endprodukt auf den Tisch kommt, machen sie sich einfach keine Gedanken darüber, woraus es besteht und was sich davor in den verschiedenen Phasen abspielte.

Frage: Also waren bei der Entscheidung für den Vegetarismus auch ethische Gründe vorhanden?

Antwort: Natürlich war auch der ethische Beweggrund vorhanden, zum anderen die Tatsache, dass der Mensch tatsächlich kein Tierfleisch benötigt. Das sind lediglich die uns anerzogenen Gewohnheiten und Gefühlsbindungen. Vielleicht ist es wirklich schwierig, mit alledem über Nacht aufzuhören – aber es geht, schrittweise. So habe ich es auch selbst getan.

Frage: In den Medien haben Sie sich gegen die Subventionierung der Massentierhaltung ausgesprochen. Weshalb haben Sie sich zu diesem Schritt entschlossen?

Antwort: Es erscheint mir wirklich unsinnig, dass das Hauptanliegen der Europäischen Union die hundertprozentige Subventionierung landwirtschaftlicher und vor allem tierischer Erzeugnisse ist. Die Tatsache, dass die Europäische Union die Massenhaltung von Rindern oder Geflügel subventioniert, ist vom ethischen Standpunkt aus die am meisten bedenkliche. Aber nicht nur vom ethischen, auch vom Standpunkt der Ernährung aus. Daran erinnert uns die Natur bereits selbst: durch BSE, in letzter Zeit mit der Schweinepest oder dem Vogelgrippe-Virus. Es ist einfach offensichtlich, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass sich etwas entgegen den Zyklen der Natur abspielt, und dies ist eine Warnung an den Menschen.

Frage: Vegetarische Erzeugnisse sind in den Geschäften teurer als Fleischprodukte. Damit werden die Menschen nicht gerade angeregt, gesündere Nahrung zu kaufen. Sind Sie der Meinung, dass mehr Menschen aufhören würden Fleisch zu essen, wenn vegetarische Nahrung günstiger wäre?

Antwort: Wahrscheinlich ist auch dies ein Grund, obwohl ich denke, dass vor allem die Aufklärung einen Einfluss auf die Menschen ausübt. Es ist vor allem eine Frage des Bewusstseins der Menschen – dass wir uns also dessen überhaupt bewusst werden, was gerade geschieht und an was wir beteiligt sind. Ich denke, dies ist die Schlüsselfrage. Natürlich ändert sich infolgedessen dann auch die Politik: z.B. die Agrarpolitik, die Subventionspolitik und die Zielsetzungen. Weshalb sollten wir nicht besser all diese Geldsummen statt in die Fleischindustrie lieber z.B. in die ökologische Erzeugung verschiedener pflanzlicher Nahrungsmittel wie Getreide, Hülsenfrüchte, Obst und darauf basierende Produkte fließen lassen? Dies wäre sehr viel schonender gegenüber der Natur, denn ökologischer Anbau bedeutet, dass keine chemischen Düngemittel und diversen Zusätze verwendet werden. Auf diese Weise verunreinigen wir die Umwelt nicht, und gleichzeitig sind diese chemischen Zusätze dann nicht in der Nahrung enthalten. Derzeit nehmen wir zusammen mit der Nahrung all diese Chemie auf, die schädlich und ungesund ist. Doch dahinter stehen die Interessen der Hersteller, großer Lobbyisten mit horrenden Profiten, die hinter diesem derzeit vorherrschenden Konglomerat der Nahrungsmittelindustrie stehen. Allerdings bin ich der Ansicht, dass die Bewusstwerdung der Menschen bereits fortschreitet, bei uns und auch anderswo in der Europäischen Union. Die Menschen suchen verstärkt nach gesunden Produkten und ich denke, dass sie auch immer mehr zur Natur zurückkehren und ebenfalls sensibler werden, was Tiere und tierische Nahrungsmittel anbelangt.

Frage: Würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen Menschen empfehlen, sich vegetarisch zu ernähren?

Antwort: Wenn ich mir dies selbst empfehle, dann sehe ich keinen Grund, dies nicht auch anderen Menschen zu empfehlen. Ich kann mich nicht beschweren, wie ich schon sagte: Ich habe mehr als genug Energie. Und außerdem kann ich doch ein lebendes Beispiel sein, dass das Überleben auch ohne Fleisch und Fleischprodukte möglich ist.

Frage: Wie stehen Sie dazu, dass wir alle gleich viel für die Gesundheitsfürsorge aufbringen müssen? Es ist bekannt, dass Vegetarier gesünder sind und deshalb weniger medizinische Leistungen in Anspruch nehmen.

Antwort: Dies ist ein weitreichendes Problem, das ganze Konzept könnte anders aussehen. Meiner Meinung nach ist dies nicht die Kernfrage, denn ein gewisses Maß an Solidarität muss in einem Gesundheitssystem schon sein, damit die Gesunden jenen helfen, die weniger gesund sind. Es ist aber wahr, dass jeder Mensch selbst für seine Gesundheit verantwortlich sein sollte. Wenn wir weniger schädliche und ungesunde Nahrung zu uns nehmen würden, wären die Krankenkassen dadurch wesentlich entlastet, da sie unter zunehmendem Druck stehen. Natürlich liegt es nicht im Interesse aller, dass dies geschieht. Was würde dann mit der pharmazeutischen Industrie, den großen multinationalen Konzernen, die an kranken Menschen verdienen und mit dieser Zielgruppe milliardenschwere Gewinne erzielen?

Frage: Wie stehen Sie zur Jagd?

Antwort: Jagd im Sinne des Tötens von Tieren und als Sport ist sicher keine ethische Angelegenheit. Wenn Sie aber an den Teil der jagdlichen Tätigkeit denken, der die Erhaltung der Natur, der Umwelt und die Hilfe für die Tiere umfasst – zum Beispiel im Winter, damit sie sich leichter ernähren können –, ist dieser Teil durchaus nützlich. Die Jagd, die nur Selbstzweck im Sinne einer Art von Körperbetätigung und der Lust am Töten ist, erscheint mir völlig unethisch.

Frage: Wie ist Ihr Verhältnis zu Tierversuchen?

Antwort: Dies ist ein bekanntes Dilemma, welches gerade in letzter Zeit aktuell war, auch in Europa, in Grossbritannien. Natürlich müssen wir uns fragen, ob es uns gefallen würde, selbst Gegenstand von solchen Versuchen zu sein. Mein Vater war während des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Dachau inhaftiert, und an ihm und an Tausenden anderen führten die Deutschen verschiedene medizinische Experimente durch. Das gefiel ihm aber überhaupt nicht. Obwohl man heutzutage zu sagen pflegt, dass wir mit Tierversuchen die Entwicklung der Wissenschaft beschleunigen, bin ich davon überzeugt, dass wir uns in den meisten Fällen alternativer Methoden bedienen könnten, die ohne Tierversuche auskommen.

Frage: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Wurzeln des brutalen Verhältnisses zu den Tieren?

Antwort: Im niedrigen Grad des Bewusstseins der Menschen.

Frage: Und geschichtlich gesehen?

Antwort: Geschichtlich kann ich das schwer genau zuordnen. Grundsätzlich geht es auch in diesem Fall um das Respektieren von Leben als Leben. Tiere sind lebende Wesen mit Gefühlen. Jeder, der daheim ein Tier hat, weiß, dass Tiere nicht ohne Gefühle sind. Religionen reden oft vom Respekt dem Leben gegenüber, doch beziehen sie sich dabei nur auf den Menschen, und sogar das nicht immer. Wenn wir zurückdenken, wie im Mittelalter die katholische Kirche lange Zeit verkündete, dass Indianer, welche damals von Spaniern und Portugiesen versklavt wurden, keine Seele hätten … Dies bedeutete, dass man sie nicht als lebende Wesen mit Gefühlen zu behandeln brauchte. Ab einem gewissen Zeitpunkt änderte sie ihre Meinung und sagte, dass Schwarze keine Seele hätten. Es folgten einige Jahrhunderte der Versklavung von Schwarzen. All das mit dem Segen der Kirche. Heute akzeptiert das niemand mehr, weder das eine noch das andere. Wir sehen daran, wie sich das Bewusstsein der Menschen durch die Geschichte doch verändert, ungeachtet dessen, dass in einer bestimmten Zeitepoche Normen oder Institutionen anderes behaupten.

Frage: Ist Ihnen bewusst, dass Vegetarier, also auch Sie, von Seiten der Kirche verflucht sind und die Kirche die ewige Verdammnis für Sie vorgesehen hat?

Antwort: Es ist wohl gut, dass jene, die so sprechen, nicht darüber entscheiden, wer tatsächlich in die Hölle geht.

Frage: Alle Politiker dieser Welt betonen in ihren Reden immer wieder ihren Einsatz für den Weltfrieden. Sind Sie der Ansicht, dass Frieden auch mit unserem Verhältnis zu den Tieren und einer unblutigen, friedfertigen Ernährung verbunden ist? Oder wie es Tolstoi ausdrückte: "Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben."

Antwort: Wenn das Bewusstsein des Menschen hoch genug entwickelt ist, dann wird er Tiere nicht mehr töten oder grausam behandeln. Von einem solchen Menschen ist also noch weniger zu erwarten, dass er in den Krieg ziehen und Menschen töten wird, um einen Vorteil zu erlangen. Bei Menschen, die Tiere nicht töten und essen, bestehen viel mehr Möglichkeiten, dass sie einen Weg finden, in Frieden und Harmonie zu leben. Das alles ist miteinander verbunden, verbunden über das Niveau des Bewusstseins. Dann, wenn das Niveau hoch genug ist, kommt eines zum anderen. Deshalb ist die Schlüsselfrage die Aufklärung der Menschen.

Frage: Wie stehen internationale Politiker zu dieser Frage?

Antwort: Internationale Politiker sind nicht mehr und nicht weniger aufgeklärt als andere Menschen. Ich beobachte auch, dass der Grad des Bewusstseins bei Durchschnittsbürgern sogar höher ist als bei den Politikern. Betrachten wir beispielsweise viele Nichtregierungs-Organisationen in Europa – sie befassen sich mit Dingen, die für Politiker noch keine Priorität haben, sei dies z.B. das Verhältnis zu den Tieren, der Umweltschutz oder der Kampf gegen die Klimaveränderungen. Dieser ganze Druck zur Veränderung kommt aus der Zivilgesellschaft. Dann, wenn eine kritische Masse von Menschen eine bestimmte Idee aufgreift, wenn viele Menschen Veränderungen erwarten und fordern, erst dann reagiert für gewöhnlich die Politik. Politiker sind leider oft nicht die, die andere sensibilisieren, sondern sie trotten eher dem allgemeinen Bewusstseinsstand der Menschen hinterher. Wenn sie feststellen, dass sie bei den nächsten Wahlen nicht gewählt werden, dann passen sie sich an und verändern ihre Prioritäten in jene Richtung, die für die Bürger wichtig ist.

Frage: Tolstoi ist nur einer der vielen "großen Geister" der Menschheit, die sich öffentlich für den Vegetarismus ausgesprochen haben. Lassen Sie mich noch einige weitere aufzählen: Pythagoras, Leonardo da Vinci, Nikola Tesla, Albert Einstein, Mahatma Gandhi … Die Menschheit anerkennt die großen Werke dieser Menschen, ihre Errungenschaften, zitiert sie und unterstreicht ihre Genialität. Weshalb, denken Sie, ist die Menschheit taub für die Gedankengänge der erwähnten Persönlichkeiten, die sich auf die Tiere und den Vegetarismus beziehen? Ein Beispiel dafür ist die zukunftsweisende Aussage von Albert Einstein: "Nichts anderes wird die Chance auf ein Überleben der Menschheit auf der Erde so erhöhen wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung." Wie kommentieren Sie diesen Gedanken des genialen Physikers?

Antwort: Die Chancen für ein langfristiges Überleben der Menschheit würden sich auf jeden Fall vergrößern. Alles ist miteinander verbunden. Eine höherwertige Nahrung ist auf gewisse Art verbunden mit einem höheren Bewusstseinszustand. Dieser Prozess vollzieht sich sozusagen parallel: Wenn uns das eine gelingt, werden wir auch das andere tun können. Es ist aber nur schwerlich zu erwarten, dass Menschen mit niedrigem Bewusstsein, die sich grausam zu Tieren verhalten, aufhören werden Kriege zu führen, das Ausbeuten anderer unterlassen oder etwas gegen die Armut in der Welt tun usw. Kurz gesagt: Solange das Bewusstseinsniveau niedrig ist, wird alles Negative, das in der Menschheit vorhanden ist, weiter bestehen und könnte sich außerdem noch bis zu so einem Maß ausbreiten, dass die Menschheit vernichtet wird.

Frage: Sind die Menschen, die sagen, dass sie die Tiere lieben, aber dennoch Fleisch konsumieren, tatsächlich Tierfreunde?

Antwort: Wissen Sie, ich denke, dass diese Menschen Tiere gerne haben, ihre geliebten Haustiere, aber irgendwie automatisch das Fleisch anderer Tiere essen. Wenn wir ihnen ein Rind in die Küche führen und ihnen erzählen würden, dass diese Kuh getötet wird, damit wir ihnen ein Schnitzel braten können, würden sie wahrscheinlich etwas mehr nachdenken. Fleisch wird durch die Nahrungsmittelindustrie derart formlos verarbeitet, dass die Leute denken, das Schnitzel sei eben ein Schnitzel und nicht ein Teil eines ehemalig lebenden Wesens.

Frage: Einige Damen tragen im Winter das Fell von Tieren. Wie ist Ihr Standpunkt zu diesem Teil der Modeindustrie?

Antwort: Diese Frage betrifft wiederum die Bewusstwerdung der Menschen. Menschen übernehmen wie so oft automatisch bestimmte Verhaltensmuster und Gewohnheiten ohne jegliches Nachdenken. Erst wenn sie beginnen darüber zu grübeln, können sie ihre Einstellung verändern. Dann werden sie achtsamer und kaufen bewusster ein.

Frage: Woher nehmen sich Menschen überhaupt das Recht, Tiere zu töten, ihnen die Freiheit zu rauben und sie zu quälen – für sich selber aber gleichzeitig Frieden und alle Rechte zu fordern? Ist dies womöglich laut einem Verfassungsparagraphen erlaubt?

Frage: Ausdrücklich ist es nicht erlaubt, aber natürlich werden ihnen Rechtsanwälte und Verfassungsrechtler sagen, dass es auch nicht verboten ist bzw. davon ausgegangen wird, dass es erlaubt sei.

Frage: Aus inoffiziellen Quellen habe ich erfahren, dass auch Ihr Hund Brodi Vegetarier ist. Stimmt das?

Antwort: Sie sind ja gut informiert. Diese Frage stellen Sie ihm am besten selbst. Er hat mir keine Vollmacht gegeben, in seinem Namen zu sprechen. (Lachen)

Das Interview erscheint auf Deutsch im Vegi-Info 2006/1 Ende März.

http://www.vegetarismus.ch/heft/2006-1/slowenische_praesident.htm

Quelle: Aus der Zeitschrift Die Tierbefreiung, Januar 2006 Herausgeber: Verein für die Befreiung der Tiere und ihre Rechte, Slowenien
Link: Europäische Vegetarier Union, Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus
Newsquelle: EVANA

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