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20.01.2009

Theorie, Praxis und Vernetzung in Hannover

Theorie, Praxis und Vernetzung in Hannover
Rückblick auf den Antispe Kongress 2008

Hannover, 7. bis 10. August: Durchschnittlich gut 130 Personen tummeln sich in der Kneipe und Volksküche des unabhängigen Jugendzentrums (UJZ) Korn. Am Eingang werden Programmhefte und Stadtpläne verteilt sowie Schlafplätze vermittelt. Auf den Kneipentischen verteilt liegen – anders als sonst – Tierrechtsflyer. Die Gesprächsthemen Antispeziesismus, Tierrechte und Veganismus spielen eine weitaus größere Rolle als üblich.


Über vier Tage fand in den Räumen des UJZ der „Antispe Kongress 2008 – Treffen der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung in Hannover“ statt. Die OrganisatorInnen (Herrschaftskritische AntispeziesistInnen Hannover, Alerta AK Sojamilchkuh, Janun e.V., AK Antispe und Einzelpersonen) hatten sich vorgenommen, ein Forum für Vorträge, Workshops und Diskussionen zu schaffen. Insgesamt wurden über 25 Workshops aus den Bereichen Theorie, Praxis und Bewegung & Diskurs angeboten: von Erster Hilfe für Tiere und Schablonendruck, über Rechtshilfe und Diskussionen zur Repression, bis hin zu philosophischen und soziologischen Ansätzen.

Das Rahmenprogramm wurde durch die drei täglichen Mahlzeiten, drei Workshop-Phasen pro Tag, sowie Freiräume für die Vernetzung strukturiert und durch Stände, eine Kunstausstellung von Lin May, Abendprogramm und ein Soli-Konzert abgerundet. Die Punkbands Rasta Knast und Alarmsignal spielten in der Korn und verhalfen dem Kongress zu einem größeren finanziellen Spielraum. Der Orga-AK vermutet, dass nach der Endabrechnung noch genug Geld zur Verfügung stehen wird, um es an von Repression betroffene AktivistInnen zu spenden.

Bereits am Mittwochabend reiste die Hälfte der Gäste an. Damit wurden die Mindesterwartungen der OrganisatorInnen erfüllt, aber nicht übertroffen. Die BesucherInnen verteilten sich auf bis zu vier parallel laufende Workshops und fanden sich zum Essen und am Abend zusammen im UJZ Korn ein. Obwohl das Workshop-Angebot bunt gemischt war, bestand das Publikum mehrheitlich aus jüngeren Personen aus linken Zusammenhängen. Dennoch war die Stimmung nicht verkrampft, sondern locker und offen: Kinder spielten im Innenhof, Babys schliefen auf den Sofas, zwischen drin Stände und AktivistInnen. Obwohl das Publikum eher bunt als einseitig war, hätte es, was Alter und Zusammenhänge angeht, noch gemischter sein können. Es ist schade, dass das Angebot nicht von mehr Menschen aus anderen Generationen und politischen sowie ideologischen Spektren genutzt wurde.

Die über 80 Schichten, die auf dem Kongress besetzt werden mussten, wurden von vielen SympathisantInnen aus Hannover übernommen, aber auch von Gästen. Sie unterstützten das Orga- und HelferInnen-Team bei den nötigen Arbeiten wie Gemüseschneiden und Aufräumen. Das Vokü-Kollektiv eines hannoverschen Wagenplatzes war so freundlich, den Kongress über die gesamte Zeit mit Essen zu versorgen. Unterstützt wurde der Orga-AK auch durch Spenden von Natumi, Taifun und Wheaty: Würstchen, Räuchertofu und Sojagetränke in großen Mengen.

Im Vorfeld des Kongresses gab es diverse Kritiken an der Veranstaltung, am Antispeziesismus und an der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung allgemein. Der AK Gibraltar aus Hannover veröffentlichte eine sogenannte „Analyse“ des herrschaftsförmigen Charakters des Antispeziesismus: rassistisch, Euthanasie befürwortend, neoliberal etc. Das Orga-Team des Antispe Kongresses antwortete auf diese Hetzschrift mit einer langen Gegendarstellung und verhalf der Diskussion um Antispeziesismus in Hannover damit auf ein höheres Niveau. Obwohl viele Personen aus Hannover, die dem Antispeziesismus tendenziell ablehnend gegenüberstehen, das Schreiben des AK Gibraltar als undifferenziert und platt abgetan haben, stieß es etwa bei der Grünen Julia Seeliger (im Parteirat) auf positive Resonanz. Aber auch aus der antideutschen Ecke hagelte es Kritik und Hetze: Etwa durch den Journalisten (u.a. Jungle World) Marcus Hammerschmidt und durch das sogenannte „Bündnis“ „Antisp(e)e versenken!“. Bei Letzterem handelt es sich um einen Webblog, vermutlich nur von ein bis zwei Personen betrieben, die wahrscheinlich bewusst Satire produzierten: So fingierten sie unter anderem angebliche Antwortschreiben des Kongress-Orga-AK und veröffentlichten diese im Internet, riefen zum Protestgrillen vor der Korn auf und kamen nicht, behaupteten jedoch nach dem Wochenende, sie wären mit einem Zelt und Grill dort gewesen. Insgesamt war das Angebot an Webblogs, in welchen sich über den Kongress ausgelassen wurde, recht groß. Größtenteils kamen diese „Angriffe“ jedoch aus dem Lager der Antideutschen und teilweise der anti-imperialistischen Kommunisten.

Workshops

Das Angebot an Vorträgen, Workshops etc. auf dem Kongress war groß. Wir konnten nicht alle besuchen, möchten aber die zusammenfassen, an denen wir teilgenommen haben.

Der Vortrag „Unity Of Oppression und Intersektionalität“ von Andre Gamerschlag erklärte die drei Konzepte Triple Oppression Unity Of Oppression und Intersektionalität. Der Triple Oppression-Begriff entstand durch Diskussionen des Black Feminism in den USA. Dieser machte darauf aufmerksam, dass der Mainstreamfeminismus die Lebenslagen „farbiger“ Frauen ausklammert. Feminismus darf sich nicht nur an die Frauen der weißen Mittelschicht richten, daher müssen auch Klasse und „Rasse“/Ethnie als strukturierende Merkmale beachtet werden. In der radikalen Linken in Deutschland wurde mit Triple Oppression die Forderung verbunden, dass Kapitalismus nicht länger als Hauptwiderspruch aufgefasst wird und Sexismus und Rassismus nur als Nebenwidersprüche, die aufgehoben werden, wenn der Klassengegensatz fällt. Sexismus, Rassismus und Kapitalismus sollen nicht in ihrer Wichtigkeit hierarchisiert werden. In der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung wurde dann unter dem Begriff Unity Of Oppression diskutiert, dass nach dem Triple Oppression-Diskurs die Trennung von Hauptwiderspruch und Nebenwidersprüchen nicht überwunden, sondern wiederum lediglich verschoben wurde. Das UOO-Konzept fordert nunmehr die gleichwertige Anerkennung von Speziesismus, Heterosexismus/Homophobie, Ableism (Diskriminierung aufgrund von Behinderung) etc. Unter Intersektionalität wird seit den 80er Jahren verhandelt, wie sich verschiedene Benachteiligung bei einer Person überlappen, aber auch, wie Formen der Diskriminierung und Benachteiligung miteinander verbunden sind. Als Beispiel für eine antispeziesistische, intersektionelle Perspektive wird z.B. Birgit Mütherich genannt, welche auf der symbolisch-kulturellen Ebene die Verbindung von Speziesismus, Rassismus und Sexismus aufzeigt.

Der Workshop „Diskursive Produktion von Tierbildern – eine kritische Analyse von Publikationen der Tierausbeutungsindustrie“ startete mit einer kurzen Einführung in den Zusammenhang von Speziesismus und Sprache, sowie in die Theorie der Diskursanalyse nach Foucault. Zudem wurde die Rolle gesellschaftlicher Diskurse bei der Grenzziehung zwischen Mensch und Tier und beim Zuschreiben von Eigenschaften an Tiere beleuchtet. Am praktischen Beispiel eines Textes der CMA (Centrale Marketingagentur der Agrarindustrie) zur Käfighaltung von Hühnern konnten die TeilnehmerInnen über enthaltene Tierbilder diskutieren. Es wurde auf ein bald erscheinendes Buch zu dem Thema hingewiesen.

Martin Seeliger und Andre Gamerschlag referierten über „Tierbefreiung und Feminismus“. In diesem Vortrag wurden drei feministische Ansätze vorgestellt: Zunächst erklärte Martin Seeliger den Natur-Kultur-Dualismus als Ordnungsprinzip der abendländischen Kultur und stellte die feministische Kritik daran vor. Die erste Kernthese lautet, dass es schwer zu erkennen ist, wo die Grenze zwischen Natur und Kultur verläuft und dass wir mit unserer kulturellen Brille nicht die Natur an sich sehen können, sondern nur die Natur durch eine Brille der Kultur. Die zweite Kernthese war, dass die Annahme vom einem „Natürlichen“ dazu führt, dass Herrschaft legitimiert wird (etwa wenn Frauen von Natur aus die häusliche Arbeit machen sollen oder Tiere von Natur aus verzehrt werden). Im zweiten Teil des Vortrags wurde Carol J. Adams vegetarisch-feministische Theorie und die Geschlechterpolitik von Fleisch dargestellt: Fleischkonsum ist historisch und kulturell männlich besetzt, das Essen von Gemüse hingegen weiblich. Diese Verbindung zeigt sich besonders in Zeiten, in denen nicht genug Fleisch für alle Menschen zur Verfügung steht. Adams sieht Vegetarismus als ein Mittel zur Abwehr männlicher Vorherrschaft an. Zuletzt wurde Judith Butlers dekonstruktivistischer Ansatz angesprochen. Sie kritisiert ebenfalls, dass Aussagen über die Natur nicht objektiv sein können, da die Wahrnehmung der Natur durch Kultur beeinflusst wird. In eine andere Richtung geht ihr sprachtheoretischer Ansatz. Sie macht darauf aufmerksam, dass sich Minderheiten beschimpfende Ausdrücke aneignen und zur Selbstbezeichnung machen können (z.B. war „queer“ ein Schimpfwort und wurde dann zur Eigenbenennung und zum Namen einer sozialen Bewegung). Auch Speziesismus wird durch die wirklichkeitsstrukturierende Sprache begünstigt, dennoch sehen die Referenten keinen Vorteil darin, den sprachtheoretischen Ansatz Butlers auf die Mensch-Tier-Beziehungen zu übertragen.

Melanie Bujok hatte gleich drei Workshops angeboten. In „Aporie sozialer Praxis – Konzepte, Strategien, Aktionen ...“ wurden bisherige Strategien zur Förderung eines Bewusstseinswandels reflektiert und neue Ideen (zum Beispiel im Bereich der bildenden und darstellenden Kunst) gesammelt. Empfohlen sei diesbezüglich von Marc Amann das Buch „go. stop. act!: Die Kunst des kreativen Straßenprotestes“. Die gestellte Aufgabe ist ein echtes Problem: Als „Aporie der sozialen Praxis“ bezeichnet Bujok „die schiere Ausweglosigkeit, eine Lösung zu finden“ zur Überwindung des gesellschaftlich produzierten Mensch-Tier-Verhältnisses. Denn dies erfordert die Aufhebung der bisherigen Ausbeutungspraxis. Welche aber nur durch Gewahrwerdung des Gewaltverhältnisses und durch einen Bewusstseinswandel zustande kommen kann. Da Kinder in einem weitgehend vorkritischen Stadium in ihrem Wertebewusstsein geprägt werden, wäre vor allem hier anzusetzen und der Verinnerlichung eines „natürlichen“ Herrschaftsverhältnisses gegenüber Tieren entgegenzuwirken. Zu den Gründen der Handlungsunfähigkeit der Bewegung zählt Bujok nicht nur staatliche Repressionen, sondern auch Selbstbeschränkungen. Mangels eigenen Konzepts würden manche Aktivisten vorauseilend gehorsam und unterwürfig bereits vorliegende Konzepte unhinterfragt annehmen. So werden eigene Potentiale nicht genutzt, Experten nicht gehört. In diesem Sinne ruft sie zum Aufbau eines „Instituts Gesellschaft & Tiere“ auf. Eine hohe Fluktuation in der Bewegung führt zu ständiger Umstrukturierung, bei der Erfahrung und Wissen verloren gehen. Den selbstetikettierenden „Schwarzen Block“ mit seiner geringen Heterogenität (Herkunft, Denken) bezeichnet Bujok auch als „Schwarzes Loch“ und bemängelt damit das frühe Verschwinden vieler Aktivisten, für die der Veganismus nicht viel mehr als eine temporäre Konsumware ist.

In „Der Green Scare erreicht Kontinentaleuropa“ analysiert Bujok die Repressionswelle gegen die Umweltschutz- und Tierrechtsbewegung zum Schutze der Wirtschaft. Der Begriff „Green Scare“ ist angelehnt an den „Red Scare“. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in den USA eine Welle von Verfolgungen und Massenverhaftungen, die Kommunisten und deren Sympathisanten als politisch missliebige Menschen trafen und die USA in einen Überwachungsstaat wandelten. Wir sind in Europa nun ebenfalls auf dem Weg zu einer Sicherheits- und Überwachungsgesellschaft. Soziale Kontrolle und Totalität drohen. Mit der sozialen Differenzierung und Desintegration entsteht eine neue Ordnung, die zur Entsolidarisierung führen soll. Mittels Falsch- und Desinformation wird der/die UmweltschützerIn und TierbefreierIn zur konstruierten Fremden und Ausgegrenzten. Der Datenschutz wird als Täterschutz bezeichnet. Freiheitsrechte werden umgedeutet – die Gesellschaft habe ein Grundrecht auf „Sicherheit“. Nunmehr Ausgeschlossene werden zum unbestimmbaren Risiko für die Gesellschaft. Wodurch wiederum Kontrolle nötig wird. Grundrechte und Freiheiten werden aufgeweicht und aufgehoben. Anstelle des bisherigen Lobbyismus durch die Wirtschaft tritt die ökonomische Herrschaft. Durch das Kooperationsbündnis von Tierausbeutungsindustrien und staatlichen Behörden wird das Soziale ökonomisiert. Der Terrorismus-Begriff wird ausgeweitet, damit die Straftatbestände und ebenso auch die Machtverfügungen. 2006 wurde in den USA der „Animal Enterprise Terrorism Act“ erlassen, in Großbritannien 2000 der „Terrorism Act 2000“, mit denen die politische Verfolgung von Tierrechtlern verrechtlicht und immunisiert wird. Bürgerrechte gelten nur für gute Bürger. Gewaltfreier, ziviler Ungehorsam gilt nun als Terrorismus. Die Strafen sind drastisch. So kann das Anketten an eine Eingangstür ohne Gewalt in den USA zu einer Strafe von bis zu 10.000 Dollar oder 5 Jahren Haft führen. Nicht mehr die Aktionsform fällt bei der Bestrafung ins Gewicht, sondern der verschuldete wirtschaftliche Schaden.

Bujoks dritter Vortrag „Herrschaft über Tiere“ ist ein wissenschaftlicher, den sie unter dem Titel „Ontologisierung des Tieres zum ‚Nutztier‘“ bereits wenige Tage zuvor unter Zeitdruck auch in Dresden auf dem Welt-Vegetarier-Kongress hielt. Die Ausgangsthese ist, dass die Alltagswirklichkeit sozial konstruiert, jedoch der kritischen Vernunft und Veränderung zugänglich ist. Das praktizierte Mensch-Tier-Machtverhältnis ist kein biologisches, sondern ein gesellschaftliches. Es ist nicht natürlich oder naturgegeben. Zur Analyse der gesellschaftlich hervorgebrachten Schemata stützt sie sich auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu und die Körpersoziologie. Unser Alltagshandeln ist vorreflexiv, ein automatisierter Handlungsvollzug. Als Aufnahme oder Zugehörigkeitsritus gehört das Fleisch (mit)essen und Insekten töten dazu, dies macht uns zu „Menschen“, stabilisiert uns innerhalb unserer zweiten, sozial konstruierten Natur. Das Soziale schreibt sich dem Körper ein und wird damit zum Habitus. Die Sozialisierung von Menschen, das heißt die Übernahme gesellschaftlicher Schemata und kultureller Praktiken, sowie die Verinnerlichung durch Einübung dieser Praktiken führt zur Entwicklung von Desensibilisierungstechniken wie Versachlichung, Rationalisierung, Naturalisierung, Marginalisierung, Ästhetisierung, Anonymisierung (der Opfer und der Täter) und Adiaphorisierung (gemeint ist die moralische Neutralisierung von Unrecht durch unsere Kultur). Deanimalisierungs- und Distinktionstechniken sollen uns vom „Tierischen“ trennen, um „Menschen“ sein zu können. Die Tierausbeutung wird durch Gewalt begründet: Käfige und Leinen machen immobil, legen sozialen Raum fest, führen zu räumlicher Kontrolle und zur totalen Verwaltung. Die Eingeschlossenen werden zu Ausgeschlossenen. Die Tiere erscheinen uns passiv, determiniert und als Automaten.

In „Radikale Speziesismuskritik und Abolitionismus – Philosophische Begründungen von Tierrechten“ legt Christian Müller anhand der Ansätze von Gary Francione, Joan Dunayer und Tom Regan den Rechte-Ansatz dar und verteidigt diesen. Die zugrunde liegende These lautet, dass nur Rechte Interessen schützen würden. Die gemeinsame Forderung von Francione und Dunayer sind Veganismus und Abolitionismus (was bedeutet: die totale Abschaffung der Ausbeutung bzw. Haltung). Tierschutz- und Reform-Ansätze werden von ihnen radikal abgelehnt. Während Francione als Grundrecht schlechthin ansieht, nicht das Eigentum eines Anderen zu sein, meint Dunayer, dass dies nicht ausreichen würde. Denn Wildtiere wären kein Eigentum und demnach legitim zu töten. Den beiden gemein ist die Empfindungsfähigkeit als Basis für Tierrechte, wobei Dunayer wesentlich radikaler als Francione (und mit einem sehr scharfen Speziesismus-Begriff) in maximaler Ausprägung die moralische und rechtliche Gleichheit aller erfahrungsfähigen Wesen fordert. Regan propagiert das Respekt-Prinzip. Tiere seien als Zweck-an-sich anzusehen, wenn sie Subjekte einer Lebensführung sind (so der frühe Regan in „The Case for Animal Rights“). Ein Lebewesen, das Zweck an sich ist, hat inhärenten Wert und somit Würde. Es hätte „prima facie“ (also grundsätzlich, bis auf weiteres) das Grundrecht, in seiner Eigenheit mit Respekt behandelt zu werden – was im Kantischen Sinne die Ausbeutung ausschließt. Müller sieht die Befreiung von Tieren nur durch die „Politik der mittellangen Schritte“ als umsetzbar an – nämlich mit Rechten.

Renate Brucker stellte in ihrem Vortrag den Tierrechtsphilosophen Magnus Schwantje vor, der mit seinem Konzept, das er selbst als „Radikale Ethik“ bezeichnete, eine Absage an Gewalt und Unterdrückung auf zwischenstaatlicher und gesellschaftlicher Ebene, sowie im Mensch-Tier-Verhältnis forderte. Die Referentin informierte die Zuhörenden unter anderem darüber, dass der heute wenig bekannte Schwantje bereits vor Albert Schweitzer den Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“ verwendete, sowie über allgemeine Schwierigkeiten einer angemessenen historisch-politischen Einordnung der Tierrechtsbewegung aufgrund absichtlich oder fahrlässig verfälschender Darstellungen. Dabei wies Brucker auch auf ein Online-Archiv hin (http://www.magnus-schwantje-archiv.de), in dem sich neben den Werken Schwantjes auch weitere historische Schriften zum Tierrechtsgedanken finden.

In „Effektive Tierrechtsgruppenarbeit“ stellt Emil Franzinelli die Frage nach geeigneten sozialen Strukturen für die Tierrechts- und die Tierbefreiungsbewegung in den Mittelpunkt. Die Potenz der Bewegung(en) bemisst er an der starken Vernetzung vieler, auch kleinerer Gruppen und deren innerer Stabilität, nicht zuletzt durch effektive Strukturen. Sein Konzept für soziale Gruppenstrukturen bezeichnet er mit „konsensorientierte, diskursethische Basisdemokratie“ (siehe „Bildet Banden... aber richtig! Abhandlung über Vereinsstrukturen“ in der TIERBEFREIUNG Nr. 58). Die Anwendung des Konzeptes innerhalb von Gruppen soll Identifikation, Motivation, Inklusion fördern und Instrumentalisierung, Gleichschaltung, Frustration und Hierarchie verhindern. Die Gruppe kann und soll von allen Mitgliedern jeweils als „eigenes“ Projekt verstanden werden, das gemeinsam gestaltet wird. Flexible Gemeinschaftswerte, die gemeinsam entwickelt werden, stärken die Gruppenbindung. Wenn jedes Mitglied die besten Chancen hat, seine eigenen Vorstellungen in der Gruppe zu verwirklichen, sollte auch eine wiederholte Ablehnung zu wohlwollender Gelassenheit und Identifikation mit einem Gegenvorschlag führen, da die optimalen Bedingungen (sozialen Strukturen) eingehalten wurden. Niemand sollte von sich glauben, aufgrund vermeintlich besserer Fähigkeiten oder gewisser Verdienste dazu berechtigt zu sein, einen offenen Diskurs zu umgehen und einen Konsens zu ermogeln. Diskussionen und die Partizipation aller Mitglieder zahlen sich mehrfach aus. Dass die Herrschaftsfreiheit innerhalb der Tierbefreiungsbewegung gegeben sei, wurde mit Hinblick auf bestehende Diskurse in Frage gestellt (siehe u.a.: Einige der BerTA: „Zum Umgang mit den Angriffen der Fleischlinken“, August 2008). Die Befreiung von Herrschaftsstrukturen – auch im eigenen Denken – sei als permanenter Reflexionsprozess anzusehen. Machtstrukturen sind allgegenwärtig, jedoch kontrollierbar.

Bei der Infoveranstaltung zur Escada-Campaign gab es allgemeine Fakten zum Konzept der Kampagnenarbeit als effektives Mittel der Tierbefreiungsbewegung und zu den bisherigen Erfolgen der globalen Anti-Pelz-Kampagne. Die ReferentInnen informierten über die aktuellen Entwicklungen beim Luxusmodekonzern Escada und über Beteiligungsmöglichkeiten an der Kampagnenarbeit. Zum Abschluss wurde zur Antispe-Großdemo unter dem Motto „Animal Liberation – Escada aus dem Pelzhandel kicken!“ am 15. November in Berlin aufgerufen.

Im Workshop „Tierrechte und politische Parteien – Möglichkeit oder Hindernis“ wurde die Möglichkeit, über politische Parteien und parlamentarische Politik Tierrechte in der Gesellschaft zu verankern, allgemein wie im Speziellen die Rolle der Tierschutzpartei kontrovers diskutiert.

Der größte Teil der Veranstaltungen wurde aufgezeichnet und wird als mp3-Datei auf der Kongress-Website (http://kongress.antispe.org) bereitgestellt. Außerdem überlegen die OrganisatorInnen einen Sammelband zu veröffentlichen, in dem einige Vorträge als Aufsatz erscheinen.

Wir empfanden den Kongress als gelungenes Zusammenspiel von Theorie, Praxis und Vernetzung. Ein ähnliches Bild zeichnete auch das insgesamt sehr positive Feedback der BesucherInnen, das die OrganisatorInnen erhielten. (thr)

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