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20.01.2009

Tierquälerei aus Tradition

Tierquälerei aus Tradition

Von Gänsereiterei, Finkenmanövern und Zweifeln
an der menschlichen Intelligenz


Durch jahrelange Arbeit werden viele TierrechtsaktivistInnen manchmal auf Formen des Tiermissbrauchs aufmerksam, von dem sie selbst und auch ein Großteil der Bevölkerung noch nie etwas gehört haben. Jeder Mensch kennt Legebatterien, Schlachthäuser oder Pelzfarmen und weiß, wie schrecklich die Tiere dort behandelt werden, aber bei weitem nicht jeder weiß, was das Gänsereiten oder ein Finkenmanöver ist. Wer dann jedoch einmal ein solches „traditionsreiches Brauchtum“ erlebt hat, reagiert entsetzt und empört auf den widerlichen Umgang meist pöbelnder und alkoholisierter Menschenmassen mit wehrlosen Kreaturen.

In der tiefsten Provinz des Harz’ frönen die Menschen dem Brauchtum des Finkenmanövers. Jedes Jahr im Mai findet dort in verschiedenen Orten ein Wettkampf statt, bei dem ausschließlich Männer um soziale Anerkennung kämpfen, indem sie lauschen, wie viele Piepser kleine Vögel innerhalb einer bestimmten Zeit von sich geben. Diese Verrückten, die sich selbst „Finker“ nennen, sperren „ihre“ Vögel deshalb ein halbes Jahr lang in 15 mal 16 mal 32 Zentimeter kleine Käfige und stellen diese in absolute Finsternis. Am Tag des Wettkampfs holen die „Sportler“ die Käfige aus den Verliesen und stellen sie morgens gegen halb sieben alle in einer Reihe auf ein Holzgerüst. Dabei bleiben die Käfige mit weißen Tüchern verhüllt. Die Finken beginnen zu singen, um ihr Revier gegen Rivalen, die sie nicht sehen können, zu verteidigen. Akribisch wird jeder Pieps von Schiedsrichtern gezählt. Der Finker, dessen Vogel am häufigsten piepst, ist der Gewinner. Abgerundet wird dieses Schauspiel mit einer Saufparty für das ganze Dorf. 1993 nahmen allein im kleinen Ort Altenau 125 Vogel-Quäler am Finkenmanöver teil.


Früh auf den Beinen

Aufmerksam wurde der Bundesverband der Tierbefreier auf die Finkenmanöver durch das „Komitee gegen den Vogelmord“, das 1994 eine Demo in Altenau organisierte. Obwohl die Demo bereits um viertel vor sechs am Morgen begann, folgten 100 Tierrechtlerinnen und Tierrechtler dem Aufruf von Komitee, BvdT, Tierrechts-Aktion Nord und Aktionsgemeinschaft Artenschutz. Nur ein Dorfpolizist begleitete die Demo zum Veranstaltungsplatz, der prompt umstellt wurde. „Hände weg von Tieren“ tönte es über das Gelände. Die Punktrichter konnten ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen, geschweige denn das Piepsen der Vögel. Mitgebrachte Käfige wurden zertrümmert und über den Zaun auf das Wettkampfgelände geworfen. Nach einer Stunde brachen die Tierquäler die Veranstaltung ab.

Verständlich, dass die AltenauerInnen sich im folgenden Jahr etwas einfallen ließen. Das Finkenmanöver in Altenau wurde heimlich bereits zwei Wochen früher ausgetragen als angekündigt. Die 100 TierrechtlerInnen hielten jedoch am ursprünglichen Treffpunkt und Termin fest. Der Bundesverband der Tierbefreier hatte eine Demo gegen das Manöver in Benneckenstein angemeldet. Gefahren wurde dann aber ins eine Stunde entfernte Weterhausen. Um 6:15 Uhr stiegen die AktivistInnen durch einen Zaun auf das Wettkampfgelände. Aufgrund der großen Anzahl der DemonstrantInnen blieb den OrganisatorInnen nichts übrig, als das Manöver abzusagen. In Windeseile packten die Finker ihre Käfige in den Kofferraum und brausten davon. Leider nur 13 TierbefreierInnen fuhren anschließend noch nach Benneckenstein, wo sie von 100 PolizistInnen und noch mehr militanten, mit Knüppeln und Äxten bewaffneten, DorfbewohnerInnen empfangen wurden. Da die Polizei keine Anstalten machte, die DemonstrantInnen vor Übergriffen zu schützen, und anhand von Auflagen den Protest in mehrere hundert Meter Entfernung verlegen wollte, wurde die Demo abgesagt.


Gewalt eskalierte

1996 rückte die Tierrechts-Fraktion mit 100 Personen in Benneckenstein an. Die erneut inakzeptablen Demoauflagen wurden von vornherein ignoriert und die Polizeiabsperrung über Waldwege umgangen. Vorbei an den ersten Schnapsleichen ging es um 6 Uhr auf den Turnierplatz. Voller Wut stürzte sich der Dorf-Mob auf die ProtestlerInnen und brachen u.a. einer älteren Frau den Arm. Die Polizei griff erst ein, als einige Leute sich wehrten und verhaftete prompt mehrere TierrechtlerInnen. Einen Tag vorher hatten bereits PolizistInnen in Hohegeiß ihre Brutalität unter Beweis gestellt, als sie mit Pfefferspray und bissigen Hunden gegen eine friedliche Sitzblockade auf der Zufahrt zum Manöverplatz vorgegangen waren.

Leider war die Strategie der Finker und der Staatsmacht, auf eskalierende Gewalt gegen die TierrechtlerInnen zu setzen, von Erfolg gekrönt. Immer weniger nahmen die lange Reise in den Harz auf sich. Zwar wurde im Jahr 2000 das Manöver in Benneckenstein noch einmal mithilfe einer ferngesteuerten Sirene gestört, die in einem Baum befestigt war, doch vorwiegend wurde sich nun auf politische Lobbyarbeit beschränkt. Dem damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens, Gerhard Schröder, schickte der Bundesverband mehrere tausend Protestpostkarten zu. In Sachsen-Anhalt wurde die Einzelhaltung der Finken im Dunkeln mittlerweile verboten. Lediglich zum Wettbewerb dürfen die Vögel in die verhüllten Käfige gesteckt werden.


Verhöhnung von Lebewesen


Zusehends rückte ein anderes Brauchtum in den Mittelpunkt der Tierrechts-Proteste: Das so genannte Gänsereiten im Ruhrgebiet. In Wattenscheid-Höntrop ziehen jedes Jahr an Rosenmontag hunderte blaugekittelte Machos in einem Karnevalsumzug durch den Stadtteil. Tausende „Jecken“ jubeln ihnen vom Straßenrand zu, bevor der Zug im Südpark endet. Hier erlebt das primitive Gauditum seinen Höhepunkt. Zwischen zwei Bäumen wird eine tote Gans mit den Füßen nach oben an einer Leine aufgehängt. Die Reiter reiten nacheinander darunter her und versuchen, dem Tier den Kopf abzureißen. Wem dies als erstes gelingt, darf sich auf dem Rückweg von der johlenden, alkoholtrunkenen Menge als Gänsereiter-König feiern lassen.

Gegen diese Verhöhnung von Lebewesen post mortem demonstrierte jährlich eine Gruppe TierrechtlerInnen, unter ihnen auch AktivistInnen der tierbefreier. Die Gänsereiter rechtfertigten die Leichenfledderei damit, dass die Gans nach dem Spektakel gegessen würde und verwiesen auf die jahrhundertelange Tradition. Zu deren „Verteidigung“ zog der Umzug Jahr für Jahr auch mehr Neonazis an den Streckenrand, wobei die zahlreichen Bierbuden und die ihnen freundlich gesonnenen AnwohnerInnen in Höntrop mit Sicherheit auch ihren Beitrag zur Mobilisierung des braunen Packs beitrugen. Die Anwesenheit der Nazis wiederum sorgte dafür, dass die Tierrechtsdemos Mitte bis Ende der 90er Jahre von verschiedenen Antifa-Gruppen verstärkt wurden. Die Polizei musste teils mit ganzen Hundertschaften die rivalisierenden Gruppen trennen, wobei das Anliegen der TierrechtlerInnen manchmal etwas aus dem Blickfeld geriet. Erschreckend war, dass die Nazis nach regelmäßigen Angriffen, wie z.B. Stein- oder Bratwurstwürfen, auf Linke und TierrechtlerInnen von den GänsereiterInnen geschützt wurden und im „Volksfest“ untertauchen konnten.

Ab dem Jahr 2001 wurde auch gegen GänsereiterInnen in anderen Städten und Ortsteilen demonstriert, auch gegen das Kinder-Gänsereiten. Flugblätter wurden verteilt und AnwohnerInnen aufgefordert, dem Treiben fern zu bleiben. Immerhin wurden in manchen Ortschaften die toten Gänse gegen Gummiattrappen ausgetauscht.

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