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20.01.2009

Und hinter tausend Stäben keine Welt?

Und hinter tausend Stäben keine Welt?

Kampagne „Tierpark Lübeck-Israelsdorf schließen“ von Ursula Müller


Jeder Zoo und Tierpark missachtet durch Freiheitsberaubung und Ausbeutung die Rechte der Tiere. Warum also gerade eine Kampagne gegen den Tierpark Lübeck-Israelsdorf? Hintergründe.



1952 ließ sich Lotte Walter, eine „Zirkusfrau“, mit einer Gruppe Großkatzen und einigen anderen Tieren, auch Bären und Affen, in Lübeck nieder. Ca. 40 Tiere lebten damals zum größten Teil in Zirkuswagen. 1957 wurde der Förderverein Tierparkgesellschaft e.V. gegründet. Zu den Vorstandsmitgliedern zählten damals der 1. Direktor der Landesversicherungsanstalt Schleswig Holstein, Fachärzte, Ingenieure, Versicherungsmakler und deren Ehefrauen. Seit 2003 gehört ein Tierpfleger aus dem Tierpark Hagenbeck als 2. Vorsitzender dem Vorstand an. Das Tierpark-Gelände hat der Förderverein von der Stadt zu sehr günstigen Konditionen gepachtet und überließ es dem Ehepaar Lehmensiek. 1976 übernahmen der ehemalige „Zirkusdirektor“ Günther Lehmensiek und seine Ehefrau Waltraud als BetreiberInnen den Tierpark Lübeck. Das Ehepaar hatte zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre für die damalige Besitzerin gearbeitet. Der Tierbestand wurde im Laufe der Jahre auf einem 2,3 ha großen Gelände auf 340 Tiere erweitert. 340 Tiere in Käfigen, ohne Außengehege, in Verschlägen, sogar Seehunde ohne Wasser.


Von Anfang an war die Tierhaltung mit negativen Schlagzeilen verbunden. Die Betreiber nahmen alle Tiere auf, die sie kriegen konnten. Es gab unzählige, sich über Jahrzehnte hinziehende Versuche, grundsätzlich an der Tierhaltung im Tierpark Lübeck etwas zu verändern, bzw. den Tierpark gänzlich zu schließen. Der Förderverein wollte die Lehmensieks auch mehr als einmal als Tierparkleitung absetzen.

Über viele Jahre gehörte es zur Ausbildung von TierpflegerInnen, den Tierpark Lübeck zu besuchen, um zu verdeutlichen, wie nach Meinung der Veterinäre Tiere nicht gehalten werden sollen.


Massive Proteste zwischen 1989 und 1993 führten zu einem Zukaufs- und Vermehrungsverbot für Wildtiere. Als für die schwer verhaltensgestörten Schimpansen ein Aufnahmeangebot des Queens Park Zoo in Südafrika vorlag, wurde dieses von dem Betreiber und der Hansestadt abgelehnt. Die Transportkosten hätte der Internationale Tierschutzfond übernommen. Stattdessen erhielt Lehmensiek die Auflage, eineN wissenschaftlicheN MitarbeiterIn für die Schimpansen einzustellen. So lebt der männliche Schimpanse Bimbo seit über 35 Jahren in Einzelhaltung, getrennt von Pinki und Kanda, welche ebenfalls auch schon seit über 25 Jahren in völliger Isolation von ihren Artgenossen leben. Ein Außengehege gibt es erst seit 2004! Der Betreuungsvertrag der Biologin Johanna Prinz für die Schimpansen wurde Ende 2005 gekündigt, da kein Geld für ihre Gehaltszahlung aufgebracht wurde. Frau Prinz arbeitet noch auf Honorarbasis im Tierpark. In den Sommerferien werden Führungen für SchülerInnen unter dem paradoxen Namen „Verhaltensbeobachtungen von Wildtieren im Tierpark Lübeck“ durchgeführt. Im Winter 05/06 lebten die Schimpansen 4 Monate lang nur im kleinen „Affenhaus“ mit zugeklebten Fenstern, ohne Zugang zum Außengehege. Ein Schimpanse ist mittlerweile verstorben. Bei einer unserer letzten Begehungen konnte beobachtet und gefilmt werden, wie ein Schimpanse seinen eigenen Kot isst. Ende der 1990er sollte Lehmensiek auch der Braunbär Bruno abgekauft werden, was jedoch vom Betreiber abgelehnt wurde. Bruno ist seit mehr als 30 Jahren im Tierpark Lübeck in einem kleinen Gehege eingesperrt.


In einer Studie des Stern Magazins aus dem Jahr 2000 belegte der Tierpark Lübeck im Vergleich mit anderen Zoos und Tierparks in Deutschland den letzten Platz und wurde mit der Note „miserabel“ bewertet. Auch wenn einige Tierhaltungen aufgelöst und der Tierbestand verringert wurde, hat sich für viele Tiere im Tierpark Lübeck nichts verbessert: 2006 wurden bei allen Meerschweinchen entzündete Füße festgestellt. Lehmensiek lehnte die angebotene Hilfe, die Meerschweinchen einem Tierarzt vorzustellen, Behandlungs- und Futterkosten zu übernehmen, ab. Über Nacht verschwanden alle Meerschweinchen, auch die inzwischen geborenen Jungtiere.


Wie bei allen Missständen im Tierpark Lübeck verfolgt die Tieraufsichtsbehörde weiter ihre Verharmlosungsstrategie. Die personelle und finanzielle Situation im Tierpark Lübeck ist desaströs, doch trotzdem wird jährlich eifrig „vermehrt“, denn Tierbabys sollen die Kassen klingeln lassen. Doch die BesucherInnenzahlen gehen zurück und mittlerweile werden von Lehmensiek und einer Hilfskraft noch ca. 110 Tiere gefangen gehalten.


Anfang 2005 wurde die Kampagne „Tierpark Lübeck–Israelsdorf schließen“ ins Leben gerufen: Über 10 Monate fanden an mindestens 3 Wochenenden im Monat Mahnwachen und Demonstrationen vor dem Tierpark statt. Bis zu 6 Stunden wurde in Tierkostümen, mit Transparenten und Flyern auf die eingesperrten und zur Schau gestellten Tiere aufmerksam gemacht. Bei jedem Kinder- und Sommerfest und bei jeder Tiertaufe im Tierpark wurde demonstriert, sowie hunderte Unterschriften gesammelt. Im Oktober 2005 fand eine Demonstration mit ca 75. TeilnehmerInnen durch den Ortsteil Israelsdorf statt. Ab Juli 2005 folgten monatliche Infostände in der Innenstadt und ab Herbst 2005 wurde bei den monatlichen Bürgerschaftssitzungen vor dem Rathaus demonstriert. Alle Bürgerschaftsmitglieder sowie alle Schulen und Kindergärten in Lübeck wurden angeschrieben und aufgefordert, den Tierpark Lübeck nicht mehr zu besuchen. Bei monatlichen Begehungen wurden die Haltungsbedingungen im Tierpark Lübeck dokumentiert und Strafanzeigen gestellt. Es folgten wiederholte Kontaktaufnahmen zu den prominenten Paten einzelner Tiere im Tierpark Lübeck. Im Dezember 2005 wurde TV-Moderator Carlo von Tiedemann, Pate des Braunbären Bruno, bei seiner Buchvorstellung (gleichzeitig Benefizveranstaltung für den Tierpark) von 25 AktivistInnen vor dem Theater in Lübeck empfangen. Die anschließend geplante Podiumsdiskussion konnte nicht stattfinden, da kaum Gäste anwesend waren. Bei der Scheckübergabe an das Ehepaar Lehmensiek stürmten zwei AktivistInnen die Bühne.


Die BesucherInnenzahlen reduzierten sich 2005 um 50% und es wurde bekannt, dass der Zoo Anfang 2006 wieder mit Wildtieren belegt werden soll. Seit Jahren standen das Wolfs- und Löwengehege leer. Anträge der Betreiber, diese Gehege neu mit Wildtieren zu belegen, wurden immer abgelehnt. Das bestehende Verbot „keine Neubelegung mit Wildtieren“ sollte trickreich umgangen werden:

Im Dezember 2005 gelang es dem Betreiber einen sogenannten „Notfall“ ausfindig zu machen: Zwei beschlagnahmte Tiger in Südfrankreich, die offiziell der Tierschutzorganisation „Fondation Brigitte Bardot (F.B.B.)“ „gehören“, sollten nach Lübeck, um der ansonsten angeblich notwendigen Todesspritze zu entgehen. Die Kampagne setzte sich mit der F.B.B. in Verbindung und suchte nach alternativen Aufnahmemöglichkeiten. Die holländische Organisation „Pantera“ erklärte sich bereit, die Tiger dauerhaft aufzunehmen, aber die Tiger sollten dennoch nach Lübeck. Der Tierpark Lübeck brauchte eine Attraktion und der Stadtpräsident befürwortete eine Unterbringung im Tierpark Lübeck. Der Fakt, dass die Unterbringung der Tiger bei Pantera 12.000 € gekostet hätte, Lehmensiek die Tiger aber umsonst aufnahm, trug nicht unwesentlich zu dieser Entscheidung bei. Es wurde allerdings nur eine befristete Unterbringung für 12 Monate genehmigt; die F.B.B. blieb „Besitzerin“ der Tiere. Auflagen über eine individuelle Betreuung wurden nie erfüllt.

Im September 2006 wurde eine Demo vor dem Rathaus unter dem Motto „Wir schlagen die Trommeln und fürchten uns nicht“ durchgeführt. Eine Trommelgruppe und über 30 AktivistInnen forderten die Schließung des Tierparks Lübeck.

Mitte April 2007 suchte eine Aktivistin der Kampagne die F.B.B. in Paris auf. Sie erhielt die Auskunft, dass die Tiger den Tierpark Lübeck verlassen werden, was vom Ministerium in Kiel auf Anfrage ebenfalls bestätigt wurde.


Die Kampagne gegen den Tierpark Lübeck wurde in ihren Anfängen vor Ort belächelt und von außerhalb als „blinder Aktionismus“ bezeichnet. Viele AktivistInnen der Tierrechts-/Tierbefreiungsszene haben sich inzwischen der Kampagne angeschlossen und auch von der Hansestadt Lübeck und der Tierparklobby in Lübeck, dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und ländliche Räume in Kiel wird die Kampagne mittlerweile sehr ernst genommen.

„Tierpark“ ist in politischen Kreisen in Lübeck zurzeit ein Reizwort und die Lübecker Nachrichten haben seit ca. 6 Monaten ihre positive Berichterstattung für den Tierpark Lübeck unterlassen. Selbst die ARGE, bekannte Lübecker Stiftungen und Unternehmen halten den Tierpark Lübeck offiziell für „nicht unterstützungswürdig“. Dieser aufgebaute Druck muss unbedingt verstärkt werden!

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