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20.01.2009

„Veganismus ist die wichtigste Form von politischem Aktivismus“

„Veganismus ist die wichtigste Form von politischem Aktivismus“

Prof. Gary Francione unterrichtete als erster Akademiker die Theorie der Tierrechte an einer juristischen Fakultät in den USA und zählt zu den bekanntesten Theoretikern der Tierrechtsbewegung. Grundlage seiner Theorie ist der Veganismus. Für die TIERBEFREIUNG sprach Karin Hilpisch mit Francione über Tierschutz, Kampagnen und das abolitionistische Prinzip.


Gary, worin besteht, kurz skizziert, der Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrechten?

Gary Francione: Tierschutz hält daran fest, dass es moralisch annehmbar ist, nichtmenschliche Tiere für menschliche Zwecke zu nutzen, solange wir sie “human” behandeln und ihnen kein “unnötiges” Leiden auferlegen. Das Ziel des Tierschutzes ist die Regulierung der Tiernutzung.

Die Tierrechtsposition ist, dass wir keine moralische Rechtfertigung dafür haben, nichtmenschliche Tiere für menschliche Zwecke zu nutzen, wie „human” auch immer wir sie behandeln. Das Ziel von Tierrechten ist die Abschaffung (Abolition) der Tiernutzung.

Es gibt einige Anwälte der Tiere – in Rain Without Thunder: The Ideology of the Animal Rights Movement (1996) nenne ich sie die „Neuen Tierschützer“ („new welfarists“) –, die behaupten, die Abschaffung der Tierausbeutung als langfristiges Ziel anzustreben, aber argumentieren, dass tierschützerische Reformen kurzfristig das einzige sind, was wir praktischerweise jetzt tun können, um Tieren zu helfen. Überdies behaupten die Neuen Tierschützer, dass besserer Tierschutz letztlich zur Abolition führen wird.

Ich halte beide Sätze dieser Position für falsch.


Wenn Sie von Tierrechten sprechen, meinen Sie eigentlich ein Recht: das vorgesetzliche Grundrecht jedes empfindungsfähigen Wesens, nicht als Eigentum behandelt, nicht als eine Ressource benutzt zu werden. Ein empfindendes Wesen als Eigentum zu behandeln ist gleichbedeutend damit, es lediglich als Mittel zu seines Eigentümers Zwecken zu gebrauchen, und dies zu tun stellt eine Rechtsverletzung dar, ungeachtet dessen, ob die damit verbundene Behandlung als grausam oder gütig angesehen wird. Jede Verbesserung der Behandlung von Tieren, die ihr Genutztwerden, ihren Eigentumsstatus nicht anficht, bekräftigt diesen Status und stellt selbst noch immer eine Rechtsverletzung dar. Ist es deshalb, dass Sie Tierschutzkampagnen, die darauf abzielen, die Tierausbeutung “humaner“ zu machen, für ethisch falsch halten?

Ja. Wie ich viele Male gesagt habe, ist es im Allgemeinen “besser“, geringeren Schaden als größeren Schaden zu stiften. Wenn X darangeht, Y zu ermorden, ist es sicherlich besser, dass X nicht vorher Y foltert. Gleichermaßen gilt, wenn ein Mensch einem Nichtmenschen Schaden zufügt, dass es besser ist, er fügt ihm weniger als mehr Schaden zu. Aber genauso, wie wir nicht für Mord ohne Folter kämpfen würden, sollten wir nicht für „humane“ Tierausbeutung kämpfen.

Die Tierrechtsposition, die ich formuliert habe, besagt, dass Tiere das Recht haben, nicht als menschliche Ressourcen oder Waren genutzt zu werden, wie „human“ auch immer wir sie behandeln mögen.


Gibt es noch andere Gründe, weshalb Sie Tierschutzkampagnen ablehnen?

Ich denke nicht, dass die meisten dieser Kampagnen einen bedeutend größeren Schutz tierlicher Interessen zur Folge hatten oder haben werden.

Kampagnen, die Tierausbeutung „humaner“ zu machen versuchen, leisten im Allgemeinen nicht mehr, als Tierausbeutung effizienter zu machen. Das heißt, da als praktische politische und ökonomische Angelegenheit jede Art einer merklichen Veränderung von Tierschutzstandards die Billigung der Industrie erfordert, dass die Industrie nur solche Tierschutzmaßnahmen akzeptiert, die mit einem ökonomischen Vorteil für sie verbunden sind.

So haben wir in den USA zum Beispiel Gesetze, welche die Schlachtung in einigen Fällen regulieren, aber diese Gesetze wurden angenommen, weil sie eine geringere Beschädigung der Tierleichen und weniger Verletzungen der Schlachthausarbeiter zur Folge hatten. Tierschutzgesetze und –verordnungen schützen selten, wenn überhaupt jemals, die Interessen der Tiere, weil tierliche Interessen keinen inhärenten Wert haben.

Wie ich in Animals, Property, and the Law dargelegt habe, sind Tiere Eigentum; das heißt, sie sind nichts als Wirtschaftsgüter, Waren. In dem Maß, in dem wir tierliche Interessen respektieren, entstehen ökonomische Kosten. Dies hat zur Folge, dass Tierschutzstandards selten das Niveau überschreiten, das erforderlich ist, um Tiere für den jeweiligen Gebrauch auf wirtschaftlich effiziente Art und Weise auszubeuten. Jede Regulierung, deren Kosten nicht gerechtfertigt sind, erhöht schlicht die Opportunitätskosten der Tiernutzung, und in einer Gesellschaft, in der die Industrie maximalen Profit sucht und die meisten Konsumenten die Nutzung von Tieren als akzeptabel ansehen und nicht gewillt sind, größeren Schutz für Tiere zu kaufen, sind Regulierungen allgemein auf solche Maßnahmen beschränkt, die auf irgendeinen wirtschaftlichen Gewinn für Produzenten und Konsumenten hinauslaufen.

Überdies gibt es keine empirische Evidenz dafür, dass die angestrebte „humanere“ Behandlung von Tieren schließlich zur Abschaffung ihrer Nutzung führt. Im Gegenteil deutet alles darauf hin, dass in dem Maß, in dem die Öffentlichkeit die Behandlung von Nichtmenschen als „humaner“ betrachtet, sie sich bei deren fortgesetzter Nutzung wohler fühlt. Wir finden dieses Problem gegenwärtig in den USA und in Großbritannien veranschaulicht, wo mehr Menschen, die vordem zumindest einige tierliche Produkte nicht konsumierten, wegen vermeintlicher „Verbesserungen“ in der Behandlung der Tiere, (wieder) damit anfangen, sie zu konsumieren.


Das Streiten für „verbesserten“ Tierschutz anstatt eines unzweideutigen Eintretens für die Abschaffung der Tiernutzung steht in einem Gegensatz zur Abschaffung der Tiernutzung. Ihre Gegnerschaft zum Tierschutz bezieht sich ausdrücklich auf die Situation in den USA, wo viele Organisationen, die vorgeben, Tierrechte zu vertreten, für sogenanntes human produziertes Fleisch und ebensolche tierlichen Produkte auf verschiedene Art und Weise werben. In Deutschland ist dieses Phänomen nicht vorherrschend, das heißt, das Streiten für bessere Tierschutzstandards geht im Allgemeinen nicht mit dem Befürworten von „Bio-Fleisch“ einher. Macht dieser Umstand den deutschen Tierschutz irgendwie besser – unterstützungswürdiger – als den amerikanischen?

Ich nehme an, dass es in gewissem Sinn „besser“ ist, wenn Tierschützer nicht tatsächlich tierlichen Produkten Vorschub leisten, aber ich würde Tierschutz unter keinen Umständen unterstützen.


Der abolitionistische Ansatz verficht Veganismus als moralische Grundlage, als moralischen Imperativ. Könnten Sie umreißen, was das bedeutet? In welcher Weise ist Veganismus als moralischer Imperativ – im Unterschied zu einer Tugend oder einem Ideal – abgeleitet von dem Recht, nicht als Eigentum behandelt zu werden?

Wenn wir die abolitionistische Position, dass wir es nicht rechtfertigen können, Tiere als Ressourcen zu nutzen, und dass wir deshalb den Gebrauch von Tieren abschaffen und nicht lediglich ihre Behandlung regulieren sollten, akzeptieren, dann macht es nur Sinn, dass wir die Tiernutzung in unserem individuellen Leben abschaffen. Vegan zu leben ist das einzige, worüber wir Kontrolle haben, und es ist das, was jeder von uns jetzt sofort tun kann. Veganismus ist nicht lediglich eine Sache der Ernährung; es ist die moralische und politische Verpflichtung, Tierausbeutung abzuschaffen, das abolitionistische Prinzip angewendet auf der individuellen Ebene.

Ich kenne viele Leute, die sich als „Verfechter der Tierrechte“ betrachten, aber fortfahren, Milchprodukte zu konsumieren. Ich finde das genauso sonderbar wie jemanden, der im Jahr 1820 sich selbst als einen „Abolitionisten“ bezeichnete, aber Sklaven besaß.


Welche Rolle spielt Aufklärung über Veganismus auf dem Weg zur Abschaffung der Tiersklaverei? Ist Veganismus eine Form von politischem Aktivismus?

Wir werden die Abolition nicht in absehbarer Zeit erreichen. Wir müssen schrittweise Veränderungen herbeiführen, die in Richtung Abolition führen, und Aufklärung über Veganismus ist die wichtigste Aktivität, die wir in dieser Hinsicht unternehmen können. Wir müssen eine gewaltlose vegane Bewegung schaffen, die unmissverständlich jegliche Tiernutzung verwirft und die Speziesdiskriminierung als in nichts unterschieden von Rassismus, Sexismus, Heterosexismus oder jeder anderen Form der Diskriminierung ansieht. Dies wird nur geschehen, wenn wir unsere Ressourcen in kreative Aufklärungsarbeit stecken. Und dies ist keine Tätigkeit, die nur für wenige reserviert wäre. Wenn wir die Dinge ändern wollen, dann müssen wir alle Lehrer der veganen Philosophie werden und alle und jeden aufklären, den wir aufklären können. Lassen Sie keinen Tag verstreichen, an dem Sie nicht mit jemandem über Veganismus diskutiert haben.

Das bedeutet, dass wir alle uns die Arbeit machen müssen, die notwendig ist, um die für Veganismus sprechenden Argumente zu kennen. Wir müssen mit Tierrechtstheorie vertraut werden und wissen, wie eine auf Tierhaltung gegründete Landwirtschaft den Planeten und unser eigenes Wohlbefinden zerstört.

Sie fragen, ob Veganismus eine Form von politischem Aktivismus sei. In meinen Augen ist Veganismus die wichtigste Form von politischem Aktivismus. Veganismus ist entscheidend für eine abolitionistische Bewegung, ermutigt eine gewaltlose Haltung und ist eine ökologisch solidere Art und Weise, uns zu ernähren.

Da Tiere nach dem Gesetz Eigentum sind, gewährt das Gesetz ihnen keinen bedeutsamen Schutz und kann ihnen diesen auch nicht gewähren; dies gilt für die USA ebenso wie für andere Länder. In Deutschland werden seit vielen Jahren politische Anstrengungen unternommen, ein Klagerecht anerkannter Tierschutzverbände durchzusetzen, das Recht, zugunsten von Tieren zu klagen und sie vor Gericht zu vertreten. Würde diese gesetzliche Änderung durchgesetzt, würden Sie dies als eine Manifestation von Tierrechten betrachten?

Nein, weil all dies nur bedeutet, dass es eine andere Instanz gibt, die ermächtigt ist, bedeutungslose Gesetze – etwa gegen Tierquälerei – geltend zu machen. Wenn die Gesetze keinen zureichenden Schutz bieten, ist es, ob Sie eine Partei oder zehn Parteien haben, die solche Gesetze geltend machen, irrelevant.


Viele Anwälte der Tiere konzentrieren sich auf die Ausbeutungsindustrien und machen die Lieferanten von Ausbeutungsprodukten zur Zielscheibe des Angriffs zu. Zum Beispiel wurde in Deutschland eine von vielen Anwälten der Tiere unterstützte Kampagne gegen die Kaninchenmast initiiert, die Druck auf Supermarktketten ausübte, Kaninchenfleisch aus dem Sortiment zu nehmen, und jene Unternehmen lobte, die entsprechend reagierten. Ist dies ein Erfolg, ein Schritt in Richtung Abolition?

Ich bin generell skeptisch gegenüber dem, worauf wir uns in „Einzelthema-Kampagnen“ („single-issue” campaigns) beziehen, weil diese oft eine weniger „humane“ Form der Ausbeutung durch eine „humanere“ Form zu ersetzen suchen. Selbst wenn sie das Verbot einer Ausbeutungsform anstreben, entschuldigen sie oft, zumindest implizit, andere Ausbeutungsformen. Zum Beispiel haben wir in den USA gegenwärtig eine Anzahl von Organisationen, die ein Verbot von Foie Gras (Gänseleberpastete) zu erreichen versuchen. Aber was ist der Unterschied zwischen Foie Gras und anderen Nahrungsmitteln tierlicher Herkunft? Die Antwort ist natürlich, dass es keinen Unterschied gibt (außer dass Foie Gras mit Frankreich assoziiert wird, und viele Amerikaner mögen die Franzosen nicht!) Aber diese Kampagne stellt ausdrücklich Foie Gras, etwas, das die meisten Menschen ohnehin nicht essen, als „grausamer“ als andere tierliche Produkte dar. Dasselbe Problem tritt bei Kampagnen gegen Kalbfleisch auf.

Wenn eine „Einzelthema-Kampagnen“ das Verbot einer bedeutenden Ausbeutungstätigkeit als Teil eines ausdrücklichen Programms aller Tiernutzung im Licht des inhärenten Wertes von Nichtmenschen verfolgte, könnte dies etwas anderes sein. Wenn zum Beispiel eine Gruppe, die aktiv Veganismus und die Abschaffung aller Ausbeutung fördert, das ausnahmslose Verbot des Gebrauchs von Nichtmenschen in Zirkussen betriebe und klarstellte, dass dies nur ein Schritt in Richtung der Abschaffung aller Tiernutzung sei, dann würde ich diese Kampagne als von den meisten „Einzelthema-Kampagnen“ unterschieden ansehen. Eine solche Kampagne hätte natürlich aus ebendiesem Grund sehr geringe Erfolgsaussichten.

Angesichts dessen, dass die „Bewegung“ gegenwärtig eine Tierschutzbewegung ist, müssen wir eine abolitionistische Bewegung schaffen, und dies können wir nur durch kreative Aufklärung über Veganismus. Und das ist es, was ich denke, worauf wir uns konzentrieren sollten. Geziehlte Kampagnen mit nur einem Thema verbrauchen eine Menge monetärer Ressourcen und Arbeitskräftereserven und erreichen am Ende sehr wenig. Tatsächlich sind sie oft kontraproduktiv, weil sie den Schutz für Tiere nicht erhöhen und bewirken, dass Menschen sich bei der Ausbeutung von Tieren besser fühlen.

Kann, im Licht einer prinzipiellen Gegnerschaft zum Tierschutz gesehen, das öffentliche Kritisieren von Politikern dafür, dass sie Tierschutzfragen vernachlässigen, uns mehr in Richtung Abolition bewegen als es Forderungen nach Änderungen im Tierschutzgesetz können?

Nein, natürlich nicht. Das Problem ist der Tierschutz. Änderungen im Tierschutzgesetz zu fordern und damit befasste Politiker zu kritisieren wird uns der Abschaffung der Tierausbeutung nicht näher bringen. Wir müssen eine abolitionistische Bewegung schaffen, die in der Lage ist, Politiker zu wählen, die gewaltlose Veganer sind. Das ist die einzige Hoffnung für die Tiere. Das ist die einzige Hoffnung für den Planeten.


Welche Bedeutung hat Grasswurzelaktivismus – nicht korporativer – Aktivismus für die Tierrechtsbewegung?

Er ist wesentlich. Der einzige Weg, auf dem eine abolitionistische Bewegung sich entwickeln kann, ist der eines Grasswurzphänomens. Die großen Tierschutzverbände – zumindest in den USA und in Großbritannien – tun wenig mehr als äußerst bescheidene „Einzelthema-Kampagnen“ zu arrangieren und zu vermarkten. Diese Organisationen, von denen viele ein großes Budget haben und ihren Spitzenkräften erhebliche Gehälter zahlen, brauchen einen steten Strom von „Siegen“ als Vehikel der Geldbeschaffung. Überdies wollen sie keinen möglichen Spender verprellen, deshalb bemühen sie sich, Themen vorzubringen, die den geringsten Einspruch hervorrufen. In dem Maß, in dem sie Veganismus fördern, präsentieren sie ihn als eine Wahl des Lifestyles und nicht als einen moralischen Imperativ.

Die großen Tierschutzverbände stehen dem abolitionistischen Ansatz der Tierrechte feindlich gegenüber. Das Problem war, dass diese Gruppen die Kommunikation unter den Anwälten der Tiere wirklich kontrollierten und jede Diskussion über Abolition und Tierrechte erfolgreich unterdrückten. Aber mit der Entwicklung des Internet und den wunderbaren Möglichkeiten, die es bietet, können wir die großen Gruppen umgehen und direkt kommunizieren.


Angesichts dessen, dass Tierschutz und Tierrechte gegensätzliche, unvereinbare Paradigmen sind, kann es auf dem Weg zur Abolition keine fruchtbare Zusammenarbeit gegen. Schließt dies ein, dass Abolitionisten es ablehnen, an Tierschutzveranstaltungen aktiv teilzunehmen und tierschützerische Literatur für Öffentlichkeitsarbeit zu verwenden?

Ich denke, das Hauptproblem, dem wir uns gegenübersehen, ist die Verwirrung in der Öffentlichkeit darüber, was „Tierrechte“ bedeutet. Die Tierschützer haben sich den Begriff angeeignet und infolgedessen betrachtet die Öffentlichkeit „Tierrechte“ als Synonym für „Regulierung“. Also gilt das Fördern von „käfigfreien“ Eiern (Eiern, die nicht aus Legebatterien stammen) als eine „tierrechtlerische“ Maßnahme. Wir müssen diese Wahrnehmung ändern. Und das werden wir nicht erreichen, solange wir Tierschutzkampagnen unterstützen und Tierschutzliteratur verbreiten.

Es gab eine Zeit, als wir ebenso, wie wir nicht außerhalb der durch die großen Gruppen gezogenen Grenzen kommunizieren konnten, Material nicht ohne großen finanziellen Aufwand produzieren konnten. Aber gerade so, wie das Internet die Kommunikation vereinfacht, machen Computer es möglich, Literatur ohne große Kosten zu drucken. Es ist nicht notwendig, Tierschutzmaterial zu verbreiten.

Lassen Sie es mich klar sagen, dass ich nicht denke, dass wir Tierschützern gegenüber feindlich eingestellt sein sollten. Wirklich, dem trete ich entgegen. Ich denke, wir sollten versuchen, auch die Tierschützer aufzuklären. Bedenken Sie, dass die meisten von ihnen durch die großen Verbände, die ihre Sichtweise der Probleme formten, in die „Bewegung“ kamen. Viele denken, dass Tierschutz zur Abschaffung der Tierausbeutung führt, was natürlich Unsinn ist. Wir sollten unseren Tierschutzkollegen helfen zu verstehen, dass Tierschutz moralisch inkonsistent mit einem Tierrechtsansatz ist, und dass er ohnedies nicht funktioniert. Allerdings ist es in meinen Augen Zeitverschwendung, zu versuchen, die großen Organisationen zu ändern. Es sind Wirtschaftsunternehmen, die ein etabliertes Interesse an einem Status-Quo-Ansatz haben, was genau das ist, worum es sich beim Tierschutz handelt.


Weshalb findet das Recht, nicht als Ressource behandelt zu werden, keine Anwendung auf die Beziehungen, die nichtmenschliche Tiere miteinander in der Wildnis als „Raubtier“ / „Beutetier“ haben?

Nichtmenschen in der Wildnis domestizieren und verdinglichen andere Nichtmenschen nicht.

Wenn Sie mich fragen, warum ich eine moralische Verpflichtung habe, ein Tier nicht zu töten und zu essen, aber ein Löwe nicht, dann würde ich damit antworten, dass ich nicht weiß, ob Nichtmenschen in moralischen Begriffen denken. Ich weiß nicht, ob ein Löwe eine Wahl hat in dem, was er isst. Ich habe sie. Es gibt einige Menschen – Soziopathen –, die moralischer Entscheidungen nicht fähig sind. Was folgt daraus? Ein Serienmörder mag als empirische Tatsache einer moralischen Entscheidung nicht fähig sein. Das heißt nicht, dass es für mich akzeptabel ist, andere Menschen zu töten.

Was mich fasziniert ist, wenn wir wegen unseres Gebrauchs von Tieren angegriffen werden, dass wir behaupten, eine besondere Eigenschaft wie Rationalität oder reflexives Ich-Bewusstsein zu haben, die uns zu etwas „Besonderem“ macht. Wenn wir mit dem Argument konfrontiert werden, dass diese empirischen Charakteristika keine normative Lizenz mit sich bringen, die es uns erlaubt, Nichtmenschen auszubeuten, fallen wir auf die Vorstellung zurück, dass Menschen und Nichtmenschen allesamt Tiere sind, und dass wir berechtigt sind zu handeln, wie jedes Tier handeln würde.

Zuletzt denke ich, dass es in der Natur viel mehr Kooperation gibt, als wir glauben möchten. Wir haben ein starkes persönliches Interesse daran, Natur so darzustellen, als ob sich in ihr nur Konflikte abspielten. Das ist faktisch nicht der Fall.


Ein aktiver Anwalt der Tiere sagte einmal zu mir: „Ich brauche keine Tierrechtsphilosophie/ theorie, um zu wissen, was ich tun soll. Mein Gewissen, meine Moralität sagt mir, was zu tun und was zu lassen ist. Würden Sie dies kommentieren?

Ich bin anderer Meinung. Wir brauchen unbedingt eine Theorie, um zu wissen, welches Handeln richtig ist. Ich bin nicht sicher, dass jene Person, die Ihnen das gesagt hat, dem notwendigerweise widersprechen würde. Sie sagte, dass sie ihre „Moralität“ konsultiere. Aber was heißt das anderes, als dass sie eine moralische Theorie hat, die ihr Handeln leitet?

Jedenfalls ist die Vorstellung, dass wir keine Theorie brauchen, ein Hirngespinst, gefördert von der korporierten Tierschutzbewegung, die lange sicherzustellen gesucht hat, dass es keine Anstrengung kritischen Denkens unter Anwälten der Tiere gibt. Sie haben der Ansicht Vorschub geleistet, dass „solange, wie wir für die Tiere arbeiten“, dies alles ist, worauf es ankommt. Und das ist genau die Art von Nichtdenken,die erforderlich ist, um Anwälte der Tiere dazu zu bringen, für „käfigfreie“ Eier, „Freiland“-Fleisch („Bio-Fleisch“) oder was auch immer zu werben. Denken Sie daran, dass die großen Gruppen keine kontroversen Positionen einnehmen wollen; sie wollen durch das Einfahren – oder das scheinbare Einfahren – von tierschützerischen „Siegen“ für Geldbeschaffungszwecke Spenden maximieren.

Kritisches Denken und Theorie sind lediglich Alternativkosten, die diese Gruppen sich nicht leisten können bzw. aufbürden wollen.

Wir müssen verstehen, dass es einen sehr erheblichen Unterschied zwischen Tierrechten/Abolition und Tierschutz gibt. Wir müssen verstehen, inwiefern diese beiden unterschiedlichen Ansätze sehr verschiedene Vorgehensweisen auf Seiten von Anwälten der Tiere erfordern.


Gary, vielen Dank für dieses Interview.


Eine kurze und allgemeine Einführung in die abolitionistische Theorie der Tierrechte und der Tierrechtsbewegung findet sich, auch in Deutsch, auf der Website http://www.abolitionistapproach.com

Das Interview führte Karin Hilpisch.

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